15 Z8Z MW > iM sOGZE-i Der SLery. Roman von Ulrich Frank. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Mein Gott, wie sich's so fügt. Unser Vater war Bergbeamter in Oberschlesien. Die Mutter war früh gestorben, und während ich als Aelteste den Haushalt des Vaters leitete, bildete meine Schwester sich ein, ihr Lehrerinnen- examen machen zu müssen. Tas hat sie auch getan, und es ist ihr später auch zu statten kommen. Ich lernte meinen Mann iwcl) kennen, wie er als Assessor am Kriegsgericht meiner Vaterstadt arbeitete. Und inir heirateten, als er dann in Görlitz sich als Rechtsanwalt niederließ. Damals lebte nteüt Vater noch. Aber als er nachher starb, da war's doch gut, daß meine Schwester Was -Rechtes gelernt hatte, denn Sie wissen, wie es bei hohen Beamten oft vorkommt ... Gott ja, man ist etwas . . . man gilt etwas so ein Bergrat . . . aber mit dem Vermögen . . . na, ich will niich dabei nicht aufhalten." Sie liebte es, von Zeit zu Zeit ihre Ansichten über die Lebenshaltung des höheren Beamtentums zn erkennen zu geben, um mit der Objektivität, mit der sie diese Dinge beurteilte, jeder fremden Kritik über ihre Verhältnisse die Spitze abzubrechen. Man munkelte nämlich allgemein, daß die Justizrätin Handtke weit über ihre Verhältnisse lebe, und wunderte sich, woher sie es möglich mache, einen solchen Hailsstand anfrecht zu erhalten. Man wußte, daß der Justizrat Har'.dtke, als er vor sechs Jahren infolge einer Lähmung sein Amt aufgeben mußte uit6. von Görlitz nach Dresden übersiedelte, wohl einiges Vermögen besaß,° aber man rechnete auch nach, daß dieses während seines vierjährigen Krankseins bedeuten d geschmolzen sein müsse. Dennoch hatte seine Frau nach seinem vor zwei Jahren erfolgten Tode nichts geändert in ihrer Lebensart. Sogar die große Wohnung hatte sie beibehalten. Die guten Freunde aber schienen sich darüber mehr Kopfzerbrechen zu machen, als sie selbst. Und nur, daß sie gelegentlich, wie heute, so im allgemeinen sich über derartige Zustände äußerte, !var eine Art freiwilliger Rechenschaft, die sie sich und anderen ablegte. Sie fuhr daher in ihrer Erzählung mit gut gespielter Offenheit fort: „Jedenfalls hätte meine Schwester ja bet uns ein Unterkommen finden können; mein seliger Mann bot es ihr sofort an, aber sie wollte nicht. Sie habe einen Beruf, meinte sie, der ihr lieb sei und der es ihr möglich mache, unabhängig von dem Mitleid und den Wohltaten ihrer Angehörigen zu leben. Es sei sicher auch im Sinne Papas, der eine stolze, edle Natur gewesen, daß man sein selbstverdientes Brot esse. Gott, ich konnte ihr nicht unrecht geben, und so nahm sie eine Stellung als Erzieherin der kleinen Komtesse Giersdorf an auf einem Gut in der Nähe, von Bernstadt. Dort lernte sie ihren Mann kenne):, der als Lehrer der beiden ältesten Söhne des Grafen angestellt war. Wie es so kommt, Lehrer und Gouvernante verliebten sich ineinander, und als sie heiraten tvollten, verhalf der Graf ihm zn der Stelle des Kantors und Lehrers in Bernstadt. Mit der Gutsherr--, schäft sind sie stets in freundlichem Verkehr geblieben, und besonders die Grafen hängen an meinem Schwager, ihrem ehemaligen Erzieher. Die Komtesse ist an den italie-i Nischen Fürsten Testi verheiratet und lebt entweder in Florenz oder in ihrer Villa, die der Fürst in Pallanza im Lago maggiore besitzt; den Soinmer verbringen sie meist; auf dem väterlichen Gut in Schlesien, das der Graf Guido nach des Vaters Tode als Majoratsherr übernommen hat."- Mit großer Spannung folgten die Damen diesem Berichte. So ivie heute nachmittag war die Justizrätin kaum jemals aus sich herausgegangen. Es lag wohl an der wirklich traulichen Stimmung dieses Plauderstündchens. Draußen war der frühe Winterabend bereits hereingebrochen. Ganz wie im Schnee begraben schien die Stadt, und weich, lautlos, unermüdlich fiel das weiße Gefiock herab. . Die weißen Schnccflächcn erleuchteten gespenstisch das Dunkel und warfen einen matten Schimmer durch die noch unverhülltcn Fenster des Zimmers. Wie mit Schwanengeficdcr verbrämt erschienen die Fensterrahmen, und wenn die Lichtstrahlen der jetzt auf- flammenden Lampen darauf fielen, flimmerte es in buntem, blitzenden Gefunkcl, wie Brillanten und Edelgestein. All das erhöhte den intimen Reiz dieser Damengesellschast. Frau Direktor Streitmann naschte die „wundervollen Sandtörtchen" mit einer Ausdauer, die für ihre Verdauung ein beneidenswertes Zeugnis gab. Frau Kapellmeister Hicdler liebäugelte mit ihrem Spiegelbilde und gab sich innerlich die Ehrenerklärung ab, daß Schönheit eines der notivendigsten und angenehmsten Negnisiten sei, deren eine Frau im Kampfe ums Dasein bedürfe. Hub selbst Fräulein Auguste, die Malerin, verdarb mit ihrer sauren Altjüngferlichkeit die Süßigkeiten nicht mehr, die ein Damenkaffec bietet. Nur mahnte sie die Gastgeberin an die Fortsetzung der Erzählung. „Das ist alles ganz außerordentlich interessant, verehrte Fran Rätin, und so wurde also Ihre Frau Schwester Kantorin in Bernstadt?" „Ja! Und es war ein Glück für sie, denn sie liebte ihren Mann, der ein prächtiger Mensch ist. Bescheiden, gütig und voll jenes himmlischen Friedens, der ein Abzeichen seines Standes ist. Ich wünschte, mein Vater hätte das noch erlebt; die Häuslichkeit meiner Geschivister ist von rührender Einfachkeit, aber auch von rührender Zufriedenheit. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt. Schon als ich vor vielen Jahren einmal dort war, noch mit meinem Manne, und dann besonders vor zwei Jahren, als die Mädchen schon erwachsen waren. Sie wissen, wie das ist in so kleinen — 410 Orten. Die wenigen Intelligenzen halten zusammen. So die Honoratioren. Der Arzt, der Apotheker, der Amtsrichter und der Assessor, dazu der Herr, Pastor und der Kantor. Natürlich nur, wenn er gebildet ist wie mein Schwager und fine Frau hat wie meine Scheuester. Mein Schwager hatte nämlich das Seminar besucht und wollte wohl höhere Karriere machen, nachdem er einige Jahre Erzieher der jungen Grafen war, aber da kam die Liebe und damit der Wunsch, so schnell wie möglich ein Hcms gründen zu können; so nahm er die Stelle an. Aber das Kantorhaus ivar der Mittelpiinkt der dortigen Geselligkeit." „Wie allerliebst." „Und wie kleinstädtisch gemütlich!" Lachen'Sie darüber nicht, meine Damen. e>,as unterschätzt'man wirklich. An Gastlichkeit und Gäste waren ww von unserem Vaterhaus geivöhnt, meine Schwester vcrstaiid es also, und ausserdem gab es bei Kantors was ganz Besonderes — die Musik. Mein Schwager ist überaus musikalisch, meine Schwester hat eine kleine, angenehme Stimine und- spielt vortrefflich Klavier. Sie können sich denken, wie dieser edle Zeitvertreib in dem Hause gepflegt wurde. Das kostbarste Stück der Wohnung — ein Blüthner! Ein Hochzeitsgeschenk der Gicrsdorfs für meine Geschwister!" „Wie poetisch alles ist, was Sie uns erzählen," sagte jetzt eine kleine Frau, die sich bisher ganz schweigsam verhalten hatte uiid jetzt mit schmachtenden Blicken in» sich schaute. . „Das klingt ivie eine Novelle von Paul Heyse. „Ist es beinahe, meine liebe Frau Doktorl" lachte geschmeichelt die Justizrätin. „Ach bitte, meine Damen, wir wollen die Frau Rätin nicht unterbrechen." „Ja, und in dieser Umgebung wuchs meine Nichte Adele empor. Ich hatte sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen. Seit mein Mann krank wurde, und daun, als wir nach Dresden zogen, war ich nicht wieder in Bernstadt gewesen unb Kantors kamen nie von Hause weg. Sie können sich mein Erstaunen - denken, als ich das Mädchen so jugendschön aufgeblüht wiederfand. Und daun diese Stimme, nein, diese Stimme! Die Eltern und Freunde schienen gar nicht zu wissen, was da neben ihnen gedieh. Daß Detlchen hübsch singe, ja . . . ua, das wußten sie alle! Und besonders oben im Schloß hörte man es gern, wenn sie der alten Gräfin, die nach dem Tode ihres Mannes sich sehr vereinsamt fühlte, etwas vorsang. Aber was da für eine künstlerische Kraft sich regte, was für einen köstlichen Schatz diese Kehle barg, daran dächte doch niemand! Na, ich hab' es ihnen klar gemacht." „Sie waren wohl alle sehr glücklich?" „Das kann ich nicht behaupten! Im Gegenteil, als sie hörten, daß ich von Ausbildung sprach, von der Notwendigkeit, daß Della studieren, in eine große Stadt müsse, und so weiter, waren alle drei sehr bestürzt. Die Eltern und die Tochter. Die führten ein so friedliches, liebes Stilleben miteinander, daß ihnen der Gedanke an Trennung gar nicht kam. Und als ich cs ihnen auseinandersetzte, war es ihnen fürchterlich. Auch Ehrgeiz hatten sie nicht. Die weiten Horizonte verliert man ja doch in einer kleinen Stadt." „Wie schon Goethe sagt: Im engen Kreis verengert sich der Sinn." „Es wurde mir also nicht leicht, sie davon zu überzeugen. Und als ich von Karriere machen sprach, von Künstlerin, von Auftreten, waren sie alle ganz eingeschüchtert. Die armen Provinzleutchen. Zwei Jahre hats gedauert, bis ich sie so weit hatte, und wenn die alte Gräfin Giersdorf mich nicht unterstützt hätte, wer weiß, ob sie jetzt hier wäre." „Also eine Gräfin! Gott, wie romantisch," flüsterte die schöne Kapellmeisterin. „Ja, Künjtlerlaufbahnen müssen so beginnen." Inzwischen hatte Frau Direktor Sireitmann sich erhoben. „Nun wirds aber wirklich Zeit, daß wir aufbrechen. Wir kommen sonst durch den Schnee überhaupt nicht mehr nach Hause." „Ich glaube gar nicht, daß die Pferdebahnen fahren können bei diesem Schneetreiben." „Theresa!" Die beiden Mädchen traten ein. Mit hochgeröteten Gesichtern. „Es war wirklich reizend!" „Bitte, bitte, liebe Frau Doktor! Und ans baldiges Wiedersehen." „Adieu, beste Frau Justizrätin, adieu, Luciechen." „Adieu!" „lind das Rezept zu den Sandtörtchen bekomme ich doch?" „Gewiß! Grüßen Sie den Herrn Direktor!" „Danke I" „Und den Herrn Kapellmeister!" „Besten Dank!" „Ich finde doch Ihre neue Landschaft im Weihnachtsbazar, Fräulein Auguste?" „Natürlich, Fran Justizrat l" „Leben Sie wohl, meine Damen! Bielen Dank für ihren Besuch." „Adieu!" „Adieu!" (Forts, folgt.) 157 Hage korsischer Hlaukmörder. Erinnerungen an Korsika. Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e m a n n. (Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.) Gleich nm Anfänge der Verhandlung wurde den Geschworenen und meinen Rechtsanwälten ein Situationsplan über die Mordstelle vorgelegt. Letztere legten fest, daß die Aufnahme einige Tage nach dem Morde aus dein Gedächtnis erfolgt wäre, und verlangten zur Prüfung des Planes die erforderliche Zeit, da er ihnen früher hätte vorgelegt werden müssen . Auf Grund dieser Bemerkung entspann sich zwischen dem Oberstaatsanwalt und Rechts- amvnlt Decori der heftigste Wortstreit. „Sie müssen immer Schwierigkeiten machen." „Ich habe die Pflicht, die Rechte des Angeklagten zu vertreten." „Sie suchen nirr Ttfse- renzen." „Das ist meine Sache. Ich sorge für Recht und Ordnung." „Ja, Sie müssen immer das letzte Wort haben." „Gewiß, wenn Sie das letzte Wort haben ivollen, so werde ich das allerletzte Wort haben." Und so ging es immer fort, immer wilder, immer aufgeregter, und der arme Präsident des Gerichtshofes, der zuerst versucht hatte, mit seiner Klingel die Streitenden zu übertönen, fuhr mir immer so auf dem Tisch herum und ich auf meinem Armen- suuderstühlchen blickte erstaunt bald Rechtsanwalt Decori an, bald' den Oberstaatsanwalt, bald den Gerichtspräsidenten, bald die Geschworenen. Sv etwas hatte ich tatsächlich noch nicht gesehen. Ich hob und senkte ganz sprachlos meine beiden Hände, die bei Beginn des wanzes auf meinen Knien geruht hatten, und freute mich des Feuerwerks, das immer neue Raketen und Schwärmer aufsteigen ließ. Endlich — endlich war es verpufft. Man wurde sich darüber einig, daß meiner Partei ein Zimmer angewiesen würde, in dem ivir in aller Ruhe den Plan prüfen sollten. Als wir uns dorthin verfügten, meinte ich zu Dr. Decori, das war ja eine richtige Komödie, worauf er mir erwiderte, das wär schon mehr, das war eine Burleske. Die Gendarmen wollten mir in das vergitterte Zimmer folgen, aber Rechtsanwalt Decori schloß vor ihrer Nase die Tür, mit dem Bemerken, ich würde schon nicht entfliehen. Jin Zimmer zündeten meine Rechtsanwälte sich gemütlich eine Zigarette an, und ich ergötzte mich lin einem großen Stück Schokolade. Die ganze suche war natürlich nur „pro forma", da Rechtsanwalt Decori zeigen wollte, daß er sich nicht auf der Nase herumtanzen ließe. Er, der bedeutendste Rechtsanwalt Korsikas, war dazu auch der rechte Mann. Auch späterhin, wenn schon die gesamte Korona versammelt war, kam er stets gemütlich cm, sein Barett auf dem Kopfe, freundlich überall hiiigrüßcn^ uno es vor dem hohen Gerichtshof nur leicht lüftend. Sch ml bei seinen ersten Besuchen, als ich ihn noch zum Verteidige genommeil hatte, hatte er mir int Gegensatz zu »en kauen, wortkargen Ajaecioer Rechtsanwalten, die mich gunsiigsreii 411 falls mangels Beweise hätten freisprechen lassen, ausnehmend gut gefallen, obgleich ich wütend ans ihn Ivar, daß er nicht gleich von vornherein von meiner Unschuld überzeugt sein wollte. Er hatte mich dann häufiger im Gefängnis besucht, obwohl ich dcu Zweck dieser Besuche nicht erkennen konnte. Wahrscheinlich wollte er in gemächlichem Wechselgespräch meinen Charakter ergründen. Vor ihm, dem Bastiauer, der keine Ursache hatte, für Ajaccio einzutreten, konnte ich auch mein Herz vertrauensvoll ausschütten. Ich legte ihm dar, wie ich mir das. Vorgehen der Ajaccioer Behörden erklärte, was ich weiter fürchtete, nachdem man bisher so furchtbar auf mich losgehackt hätte usw., sodaß er schließlich, wütend darüber, wie mir durch die stete Verlogenheit, Gemeinheit und Arglist aller Glaube, daß man in Korsika gerecht und wahrheitsliebend sein könnte, geraubt worden war, ausrief: „Ne craignez neu, on ne veut pas vous manger tont crü." Als er einige Tage später mit meinen Ajaccioer Rechtsanwälten Roux und Campiglia im Gefängnis erschien und mir kurz mitteilte: „Monsieur, vous voyez, nous fommes conformes", atmete ich erleichtert auf, denn nun wußte ich, daß sich alles zum Guten wenden würde, denn Wahrheit und Gerechtigkeit hatte ich nicht zu fürchten. Wie mir der Chef des Gefängnisses in Ajaccio geraten hatte, gab ich mich ganz natürlich und nahm kein Blatt vor den Mund, sodaß der Gerichtspräsident manche bittere Wahrheit hören mußte. Während die Anklage wie die Katze um den heißen Brei herumgehen mußte, um ihre Verdachtsmomente zu begründen, waren meine Widerlegungen so einfach, klar, natürlich und durchschlagend, daß ich immer die Lacher auf meiner. Seite hatte. So wurde z. B. bemerkt, Direktor M. hätte mit mir über feine pekuniären Verhältnisse gesprochen. Ich er- widerte darauf ruhig: „Nicht von seinen pekuniären, sondern von seinen Wnilienverhältnissen. Da ich gehört hatte, daß er keine heiratsfähige Tochter hatte, hätten mich erstere gar nicht interessiert." Dennoch ließ der Präsident nicht davon ab und versuchte die pekuniären Verhältnisse in den Hinimel zu heben. Direktor M. hätte wahrscheinlich auch mir von einem Verwandten erzählt, einem Besitzer von Goldminen in Deutschland, der vom deutschen Kaiser geadelt worden wäre. Deshalb hätte ich angenommen, daß Direktor M. reich wäre. Ich erwiderte darauf u. a., cs gäbe in Deutschland feine Goldbergwerke. Dennoch blieb auch spater der Oberstaatsanwalt bei den Goldbergwerken Deutschland. In ähnlichem, echt ciceronianischeu Stile sprach mein Verteidiger Campiglia. Endlich hatten die Berge ausgekreist, und das lächerliche Mäuschen war geboren. Ter zweite Verteidiger sprach. Maitre Roux zerpflückte Phrase für Phrase des Oberstaatsanwalts und machte das Vorgehen des bombastischen Ajaccioer Polizeikom- missars höchst lächerlich. Als Dritter erbat sich Rechtsanwalt Tecori, der bemerkte, wie abgespannt die Geschworenen schon waren, mir noch eine Viertelstunde. Er sprach von den unzähligen Leumundszeugnissen. Er wollte mir den Nachsatz des einen in Zürich ausgefertigten vorlesen: ,;Vn non seulement pour la legalisation des Signatur es de Messieurs Gross, Vice-directeur du Credii Suisse ü Zurich, et Wolfensperger fontle de pouvoirs du meine Credit Suisse, mais pour certifier l’honorabilite parfaite et que foi pleine et entiere peut-etre ajoutße ä tont ce que ces Messieurs declarent en ce quipreeäde. Le Chef du Departement de la Justice et Police“. Die französische Rechtsprechung stände schon im schlechtesten Lichte im Auslande, und im vorliegenden Falle handelte cs sich nicht darum, koste es was es koste, den Ruf der Winterstation Ajaccio zu retten. Es stünden ganz aiidere Faktoren auf dein Spiele. Korsika genieße jetzt noch Selbstverwaltung. Wenn man Torheiten beginge, könnte es geschehen, daß diese Selbstverwaltung Korsika von Frankreich genommen würde nsw. (Fortsetzung folgt.) Aie französische WvoL'niiott. Von Thomas Carlyle. Neue illustrierte Ausgabe mit fast 500 Illustrationen, Porträts, Karikaturen und Autographen. Herausgegeben von Theodor Rehtwisch. In 40 Lieferungen zu je 50 Pfg. Verlag von Georg Wigand, Leipzig. Die zweite Lieferung des großartigen Carlyle-Werkes umfaßt. das Jahrzehnt unmittelbar vor dem Ausbruch der großen Revolution. Es ist ein Zeitalter voll überschwänglicher Hoffnungen, aber „es meldet die Revolution an, gerade so wie einem Erdbeben das heiterste Wetter voranszugehen pflegt". Als sozialpolitisches Heilmittel gegen den Aufruhr der verhungerten Massen, der bis nach Versailles dringt, wirb ein „40 Fuß hoher Galgen" in Anwendung gebracht! Seltsame Zeit. „Ach, Madame", so schreibt der alte Marquis Mirabeau einer Freundin, „eine Regierung, die Blindekuh spielt, wird in einem allgemeinen Umsturz enden." Ein ungeheures Defizit besteht bereits, herbeigeführt durch die jahrzehntelange Verschwendung des Hofes und durch unglückliche Kriege. Eine Fülle vorzüglicher Porträts schmückt die Lieferung. Ein seltenes Autograph des „Comite des subsistances", unterzeichnet vom Maire Bailly, sei besonders hervorgehoben. Ebenso die beiden Kunstbeilagen „Der Ball- hansschwur am 20. Fiiui 1789" nach dem Gemälde von David und — last not least — das großartige Porträt Bareres nach dem Gemälde von David, den Augenblick wiedergebend, wo der frühere Journalist, jetzt Konvents- Präsident beim Verhör Ludwigs, „dem Enkel von 60 Königen", trocken sagt: „Sie können sich setzen, Lud- w i g!" Die dritte Lieferung bringt auf der ersten Seite das seltene Porträt eines Mannes, der in der Revolution eine ebenso bedenkliche wie verhängnisvolle Rolle spielen sollte, des Herzogs von Orleans, des „großen Verräters". Orleans ist durch seinen späteren Namen Philipp Egalite, den ein ironisches Konventsmitglied ihm beilegte, und durch zwei Worte berüchtigt geworden. Das eine sprach er im Prozeß des Königs, seines leiblichen Vetters: „Ich stimme für den Tod, ans Ehre und Gewissen! das andere zum Henker, als er ihm vor der Exekution die Stiefel ansziehen wollte: „Das wird hernach besser gehen, — machen wir schnell!" Auch ein anderes sehr beachtenswertes Porträt fällt uns unter der Fülle der Illustrationen auf, das des Finanz- ministers Caloune, des genialen aber leichtfertigen Mannes, der den letzten großen Karneval des bourbonischen Hofes in Szene setzte. Seine Charakteristik aus der Jeder Carlyles ist einfach glänzend! So muß der Mann wirklich gewesen sein, der für einen sehr kostspieligen Wunsch der Königin — obgleich das Gespenst des Staatsbaukerotts drohend über Frankreich hing — das geschmeidige Wort hatte: „Wenn es nur schwer ist, Madame, so ist es schon getan, — ist es aber unmöglich, so wird es getan werden!" Auch der abscheulichen H alsb and a ffär e, die der Königin den guten Ruf kostete, begegnen wir in dieser Lieferung, und im Verlauf derselben den Porträts der Spießgesellen dieser anrüchigen Geschichte, dem lüder- lichen Großalmosenier und Kirchenfürsten Kardinal Louis Prinz Rohan, dem geriebenen Charlatan Cagliostro alias Balsams und der Pseudogräfin Lamotte. Ernste Worte schreibt Carlyle über die innere Fäulnis und Verkommenheit der ganzen französischen Gesellschaft jener Tage, ernste Worte über das ausgehungerte und ausgepreßte Volk, dessen Mark von einem leichtsinnigen Hof, einem! lüderlichen Adel und scheinglünbigen Klerus verpraßt wurde. Die vierte Lieferung führt uns hinein in den Kampf des Parlamentes von Paris, des Richter-Adels mit dem Königtum. Den leichtsinnigen Kontrolleur Calomie hat der Sturm der öffentlichen Meinung und nicht minder — die Hintertreppenpolitik seines Nachfolgers, des Erzbischofs von Toulouse, Lomeuie Graf von Brieune, hinweggefegt. Es gelingt wohl dem Somenie, die von Caloune berufenen Notabeln, die sich widerspenstig zeigen, in einer grotesken Schlußsitzung mit Lobreden „hinwegzuorgeln", aber weniger glücklich ist er gegenüber dem rebellischen Parlamente von Paris. Er will neue Steuern schaffen, aber das Parlament will sie nicht bewilligen. Alle Machtmittel der Regierung werden angewendet, aber alle prallen wirkungslos ab, denn die Regierung hat feine innere Festigkeit — und — was am bedenklichsten ist — das Volk nimmt entschieden Partei für das Parlament, das Volk wird aufgeregt, als es sieht, wie die Auguren, die herrschenden Kasten, sich an die Gurgel springen! Als der König endlich in einer königlichen Sitzung — 412 die Bewilligung der Steuern durch einen Befehl erzwingen ivill, tritt der Herzog Uoit Orleans mit dem berühmten Protest hervor, der das Band zwischen ihm und dem Hof endgiltig zerriß. Diese große historische Szene, in welcher der König unterliegt, wirb von Carlyle itt meisterhafter Schilderung dargestellt. , . ' In der fünften Lieferung finden tote, tote der Kantpf der Parlamente, des „Adels der Robe", gegen das Königtum eilten immer schärferen Charakter anmmmt. Es ist dem Premierminister Lomsnie de Brienne nicht mehr möglich, irgend ein Gesetz durchzubringen, ttnd auch dte stärksten Maßregeln gegen die widerspenstigen Parlamentarier bleiben ohne Erfolg. Lomsnie hofft nur noch auf den Zufall. „Es gibt so viele Zufälle, und ich brauche nur einen einzigen, nm itns zu retten!" Tatsächlich ist int Königlichen Schatze die Not aufs Höchste gestiegen: „Kaum uoch der Klang einer Münze in den königlichen Geldkästen." Mit Gewalt muß man neue Anlehen durchsetzen, aber fein Mensch zeichnet sie! In seiner Verzweiflung läßt Lomsnie dekre- tieren und öffentlich ausrufen, daß die Zahlungen der Finanzkammer fortan itur zu drei Fünftel in bar, zu zwei Fünftel aber in Zinsbillets, denen er Zwangskurs gibt, geleistet werden würde. Das ist der Anfang des Staats- I bankerotts! Lomsnie wird vom Sturm der öffentlichen I Meinung hinweggefegt, nachdem er vorher uoch als ein- | ziges Ausfluchtsmittel die Berufung der Reichsstände verheißen hat. In der Tat schien es kein anderes Mittel mehr zu geben, um Steuern zu erhalten und das enorme Defizit aus der Welt zu schaffen. Allerdings wird die Königin, Maria Theresias stolze Tochter, von bösen Ahnungen gequält: „Das ist der erste Schlag auf der Sturmtrommel und von böser Bedeutung für Frankreich!" K sie seufzend zu ihrer vertrauten Kamtnerfrau, Ma- e Campan. Um dem Faß den Boden auszuschlagen, ist auch noch ein Hungerjahr über Frankreich gekommen, die Erntett sind durch Hagelschlag zerstört, das Brotkorn ist unerschwinglich teuer geworden. Die ersten Volkszusammen- rottungen auf dem Pont-Neuf können durch die Stadtwache nicht mehr gedämpft werden, das Militär muß eingreifen und es kommt zu Blutvergießen, eine Menge Tote und Verwundete bleiben auf dem Platze. Um böses Blut zu vermeiden, wirft man die Leichname nachts heimlich in die Seine, und so führt dieser Fluß die ersten Opfer des großen Dramas, das sich au seinen Ufern abspielen sollte, schweigend dem Meere zu. Diese Lieferungen enthalten wieder eine große Reihe interessanter Porträts und szenischer Darstellungen, Auto- graphen und Kunstbeilagen, die sich dem Text angliedern und ihn wirkungsvoll unterstützen. Was die erste Lieferung versprach, halten die folgenden in vollem Umfange, nämlich eine würdige Neuausgabe des großartigen Carlyle-Werkes, das attch für unsere Zeit ohne Frage von großer Bedeutung ist für alle, die es richtig zu lesen verstehen ___________ Vermischtes. * Enthüllungen intimer Natur über König Ludwig II. von Bayern enthalten die Memoiren von Frau Wanda von S a ch e r - M a s o ch, die unter dem Titel: „M eine Lebensbeichte" bei Schuster tt. Löffler in Berlin W. 30 vor Kurzem erschienen sind. Wenn auch die Verfasserin die höchst seltsamen Vorgänge absichtlich verschleiert, so werden sie dennoch in ihren Grundzügen erkennbar. Nach dieser Darstellung unterhielt der Bayernköuig eine höchst innige Freundschaft mit dem verwachsenen Prinzen Alexander von Oranten, der später einsam und vergessen gestorben ist. / In ihrem Verkehr nannte sich der König „Auatol". Unter diesem Namen gingen Briefe schwärmerischsten Inhalts au bett damals gefeierten Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch, die in dem Wunsche einer nächtlichen Begegnung mit dem von „Auatol" angebeteten Schriftsteller gipfelten. Es kam nach mancherlei Umwegen zu einer solchen Zusammenkunft, die in einem Gasthof in Bruck au der Mur stattfand. Hier wartete in einem stockfinsteren Zimmer der Dichter auf den König. Die vermumte Gestalt „Anatols" beireitete dem fieberhaft erregten Dichter eine bittere Enttäuschung: denn er hatte eine Frau erwartet, weil „Anatols" Schwärmerei ihm eher den Ausdruck weiblichen Sehnens als das Zärtlichkeitsgefühl eines Mannes erschienen war. Das roman- tische Rendezvous zeitigte eine Hochflnt von Briefen sehnsüchtigster Art, die weitere Begegnungen zur Folge hatten: jetzt >var es aber nicht mehr der König, sondern der oben genannte bucklige Prinz, der mit dem Dichter und anch dessen Frau einige mehr schmerzliche als beglückende Zusammenkünfte hatte. Die Abm- teuerlichkeiten dieser geheimnisvollen Besuche sind von der Ver- fasseriu ungewöhnlich temperamentvoll geschildert; sie bilden dey Höhepunkt ihres Beicht- und Lebensbuches. * Kindermund. Itt „Kind und Künst" erzählt Frieda von Bülow: „Ms Lilli zwei Jahre alt war, sah sie einmal das Krippenbild. Ganz glücklich tippte sie mit ihrem kleinen Finger auf " es, Maria und Josef und sagte: „Baby! Mama! Doktor!". . sie das Bild vom kleinen Moses im Korbe sah, sagte sie ganz kläglich: „Baby stiert!" — Ich gehe mit den Km- beim über ben Kirchhof. Der kleine Hartwig hat, wie immer, uuenblich viel Fragen, aber Lilli ermahnt ihn: „Sch, Hartwig, du mußt still sein, sonst wachen die Toten ans!" — Lilli erzählt den Brüdern vom lieben Gott: „Und er ist ganz groß und ganz blau, und er hat Augen wie den ganzen Tag Sonntag." Musik. — Auch dieses Jahr wieder setzt zur Hochsommerzeit die Völkerwanderung nach Bayreuth ein, das' um so mehr diesmal besucht werden wird, da schon die Nürnberger Ausstellung viele Leute nach Bayern führt. In Bayreuth die Wagner- Opern hören, ist einer der höchsten Genüsse, zumal Siegfried Wagner, als ein guter Interpret der Opern seines Vaters gilt. Mit Glück versucht sich „Jungsiegftied" auch selbstäudig als Komponist. Heft 22 der „Musik-Mappe" bringt eine seiner neuesten Arbeiten, den „Tenfels-W al zer" zur Veröffeut- lichuug. Von der genannten Zeitschrift erscheint abwechselnd monatlich ein Heft mit Liedern, Tänzen oder Sawnstücken. Bekannte Komponisten, wie Huntperdinck, Hildach, Brüll, Reinecke zählen zu ihren dauerndeit Antoren. Außer den Original-Beiträgen bringt jedes Vierteljahr noch vier Gratis-Beilagen in Buchform : „Aus der Jugendzeit", „Im frohen Kreise", „Klassische Reminiszenzen", „Vergessene Lieder". Wir können unseren musifliebenden Lesern ein Abonnement auf die „Musik-Mappe", zum Preise von 50 Pfg. monatlich empfehlen. Gesundheitspflege. — Die illustrierte Zeitschrift: „Die Gesundheit in Wort und B i l d", Verlag Ad. Hanßmann, Berlin SW., Kochstraße 67, Preis pro Vierteljahr 1.20 Mk., erörtert in einer Reihe von Abschnitten die einzelnen Krankheitsgruppen in populärer, sachlicher Form und bildet für die Familie einen volkstümlichen und guten Berater. Das' Heft 5 bringt folgende Aufsätze: Einige Geheimmittel der Vergangenheit. Bon Dr. Jausen. —. Herzkrankheiten und ihre Behandlung. Von Dr. M. Hirsch. (Schluß.) — Ein Besuch in einer modernen Anstalt für Gemüts- und Nervenkranke. — Die Kunst alt ztt werden. Von Dr. Bramsen. (Schluß.) — Moderne Hotel-Hygiene. Von R. Gollmer. — Einiges über Syphilis. Von Dr. M. tztrschfeld. — Neber Säuglingspflege. Von Prof. Dr. A. Bagmski. — Viele praktische Winke bringt die Rubrik: „Kleine Mitteilungen": Klimatische Kuren. Kältwasserbehandlnug bei nervösen Magen- leiden. Hausaufgaben der Schule. Automobil und öffentliche Gesundheit usw. _ — Fräulein Dr. nteb. M a r i a v. T h i l o, Aerztin tm Sanatorium Rosenberg in Neuhausen a. Rheinfall, Schweiz. Heil- ung der Frauenkrankheiten (wie Unterleibsletden, Nervenkrankheiten, Blutarmut und Bleichsucht). Verlag Reform (P. Müller) Stuttgart. Preis 1 Mk. — Das Büchlein »oll bte Frauen über sich selbst, ihren Ban, ihre Organe unb bereit Funktionen aufklären und unterrichten, sie mit den wichtigsten Krankheiten bekannt machen, sowie anch Ratschläge erteilen, auf welche Weise hier vorgebeugt und dort eine richtige Behaudluug eingcleitet iverben kann. Ein Ratgeber soll bas Büchlein sem, Ratgeber unb Freund, von einer Frau für ihre leideiideu Schwestern geschrieben. Berfleck-Rätsel. Nachdruck verboten. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in solgeudeu Wörtern versteckt sind/ wie die Silbe „an" in „Wanderer". Maltakartoffeln — Landkarte — Gerichtsgebäude — Mehl' suppe - Lasttier — Mnsensohn — Kurzsichtigkeit — Vergißmeinnicht — Biedermann — Roggenfeld- Auflösung in nächster Nummer.' Auflösung des Gitterrätsels in voriger Nummer: RAD R e ichsta g i r g c w h Ahrweile r s i s t 1 t Daghestan g , r n , Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'fchen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gieße«,