Samstag den 16. Junr 1906 mW ukpQ «!'-!! a M NM! WiiLellose Mädchen. Nowan von H. E h r Hard t. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Die Leserin hielt in ihrem- Studium inne, hob lauschend den Kopf und faltete das Briefblatt dann langsam zusammen. In ihren Hellen Augen schimmerte es feucht, da sie den Blick der Tur zmvandte. Im Korridor draußen nahten leichte, eilige Tritte, mit energischer Hand wurde'die Klinke hernieder- gedrückt — die Tür flog auf. Suse hatte noch immer die alte ungestüme Art des Eintretens, wodurch sie ein Zimmer stets mit Frische und Leben zu erfüllen schien, aber über ihrer ganzen Erscheinung lag eine gewisse mädchenhafte Weichheit, die ihr früher gefehlt hatte. Sie war noch gewachsen in den letzten Monaten und das einfache schwarze SUeib umschloß eine entzückende biegsame Gestalt von jngendlich weichen Formen. Sie hatte die Aermel emporgestreift und eine weiße Schürze vorgebunden. Ohne die Tür zu schließen, blieb sie stehen, bereit, sofort zu ihren häuslichen Pflichten in die Küche zurttckzukehren. „Der Nudelteig läßt sich nicht ordentlich kneten, Metal" brachte Suse ihr Anliegen, das sie ins Zimmer geführt, ein wenig kläglich vor, „er zerbröckelt wir unter den Fingern. Die Ida ist nach sauerer Sahne weggegangen, da weiß ich mir allein keinen Nat. Soll ich vielleicht noch ein Ei mehr nehmen?" Frau von Brockhaus sah lächelnd in das. erhitzte, ernsthafte Gesichtchen und auf die mehlüberpuderten Arme. Sie kannte von Ruth aus Suses frühere Abneigung gegen jegliche Küchenarbeit. And nun dieser Eifer! Sie war jetzt nicht mehr im Zweifel, daß auch hier die Liebe zu Trantendorf die Triebfeder zu Suses Hausfrauenbegeisterung gegeben. „Nimm nur noch eins, Sus, und menge den Teig erst in der Schüssel mit dem Kochlöffel gut durcheinander — es wird dann schon werden. Oder soll ich Dir helfen kommen?" Der blonde Kopf schüttelte sich in energischer Abwehr. „Ach nein, Meta, bitte nicht — es macht mir so viel Spaß, allein zu probieren — probieren geht über studieren." „Na, so lauf nur, aber nimm Dich zusammen, ich habe die Absicht, heute bei Tisch mal den kritischen Ehemann zu spielen — wer weiß, wie verwöhnt Dein Zukünftiger ist —" Ein schmerzlicher Zug irrte bet der harmlosen Neckerei tim Suses rote Lippen. In ihre Augen stieg es feucht rmd heiß. „Ich werde nie heiraten!" Sehr bestimmt klang es, aber die junge Gestalt durchlief ein Zittern dabei. Hastig floh das Mädchen hinaus. In der hellen, blau-weiß eingerichteten Küche mit dem blinkenden Nickel- und Kupfergeschirr an den Wänden blieb sie einen Moment stehen und preßte die Hand gegen die schwer atmende Brust, auf der ein geheimer Druck lastete. Sie und heiraten!? Heute erschien ihr das unmöglicher, als je, seit die Zeitungsnachricht von der Rüekkehr der ersten Chinakämpfer die alte Liebe und den alten Schmerz mächtig hatte aufleben lassen. Vielleicht war Trautendorf unter denen, die, jubelnd begrüßt, nun gesund wieder in der Heimat weilten — aber so nah oder so fern er ihr auch sein mochte — ihr gehörte er doch nicht mehr. Sie würde ihn tvohl wiedersehen — aber er würde ein Fremder für sie sein. Seine ehrlichen braunen Augen würden nie mehr voll zärtlicher Siebe in die ihren tauchen — sein gutes Lächeln sie nie mehr verständnisinnig grüßen — nie mehr! Der ganze Jammer dieses Wortes erfaßte sie mit vernichtender Gewalt. Der glänzende Schimmer ihrer Augen verdichtete sich zu großen Tränen, die langsam und heiß über ihr trauriges Gesichtchen rannen. Sie hätte laut schluchzen mögen. Aber die Köchin mußte von ihrem Gange jeden Augenblick zurück- koitimcn — wenn die ihr angebetetes Fräulein Suse in Tränen fand, war sie imstande, mitzuheulen — Meta merkte es dann und was sollte sie auf etwaige Fragen sagen? Eine Lüge? Sie hatte sich doch fest vorgenommen, nie mehr zu lügen, damals, in jener Stunde, da die leichtsinnige, flatterhafte Suse in der Vergangenheit untertauchte. Tapfer kämpfte sie ihre Bewegung nieder und bemühte sich, ihre ganze Aufmerksamkeit dem kritischen Nudelteige zuzu- wcndcn. Ihre Mühe wurde von Erfolg gekrönt, bald lag er als glatte, gelbliche Kugel vor ihr auf dem Brett. Die Freude über das Gelingen nahm ein wenig den schmerzenden Druck von ihrer Seele und als es draußen im Entree zweimal kurz und scharf klingelte, das gewöhnliche Signal, wenn die vergeßliche Ida ihren Schlüssel nicht bei sich hatte, da irrte einer der alten Schelmenblicke in die Ecke, wo sich hinter einer rotgestickten Leinendecke die Stnbenbesen borgen. „Ob ich der Zerstreuten beim Ocfsiien mit einem Besen unter die Nase fahre?" dachte Suse in einer Anwandlung vergangenen Uebermuts. Gleich darauf verwarf sie mit einem trüben Lächeln den tollen Gedanken. Im Herzen zuckte bet schmerzende Stich auf, die Erinnerung an den verlorenen Geliebten. Langsam, fast müde ging sie, um zu öffnen. Durch bic buntscheibigen Entreefenster malte das Tageslicht vielfarbige Lichtflecken in den dämmerigen schmalen Raum. Suse zwinkerte geblendet mit den Augen, als die Tür sich unter ihrer Hau!» 346 — in den Angeln drehte. Die Heino sank kraftlos von der Klinke — hatte sie eine Vision? Vor ihr stand nicht die vergeßliche Ida, sondern ein schlanker Infanterie-Offizier iin hellgrauen Mantel mit einem sonnenverbrannten glückstrahlenden Gesicht und zärtlichen dunklen Augen, aus denen die alte treue Liebe leuchtete. .Fritz!" schrie daS Mädchen da auf, mit einer Stimme, die zwischen Lachen und Schluchzen schwankte. .Suse, Herzblatt." Er umfing, rasch nähertretend, die zitternd junge Gestalt, drückte seine Lippen in das Haargelock des hingebend an seine Brust gesunkenen Köpfchens, strich mit bebenden Fingern über die rosig glühenden Wangen, keines Wortes mächtig vor übergroßer innerer Bewegung. Wozu bedurfte es auch der Sprache zwischen ihnen? Sie wußten ja doch, daß sie sich noch liebten. Und Suse dachte, in seinen Armen geborgen, nur eins: daß sie freudig jede Entbehrung tragen würde, wenn sie nur ihn besäße. Minutenlang standen sie so eng umschlungen, bis sich im Hintergründe eine Tür öffnete und Metas Stimme fragte: „Wer ist denn da?" Dann ein leiser Laut des Erstaunens. Fritz Trautendorf wandte sich rasch herum, aber er behielt den Arm um Suses Taille und führte sie so der Cousine entgegen. „Gnädige Frau, Verzeihung — es ist noch so früh für einen Besuch —• aber es drängte mich zu sehr, nicht nur zu Suse, sondern auch zu Ihnen, liebe gnädige Frau — Ihr Gatte telegraphierte mir heute Ihr Einverständnis mit allem. Wie sollen wir Ihnen danken?" „Kommt vor allen Dingen ins Zimmer, Kinder I" inahnte Meta, nur schlecht ihre tiefe Rührung verbergend, «drinnen könnt Ihr mir dann danken, so viel Ihr wollt." Suse horchte auf. Danken? Wofür denn? Und warum war Meta denn gar nicht erzürnt über die eben gemachte Entdeckung dieses aussichtslosen Verhältnisses, ja, nicht einmal erstaunt? Das sah ja aus, wie eine abgekartete Sache. Ihre großen blauen Augen forschten im Hellen Licht des Zimmers ängstlich und scheu in den Zügen der Cousine, hingen hilfesuchend am Antlitz des Geliebten, der sich über Metas ihm hingestreckte Rechte geneigt hatte und sie wiederholt küßte. , , L . Da sagte die blasse Frau, auf das verständmslos dabei stehende Mädchen deutend, bewegt: „Sie können sich Ihres Glückes doppelt freuen, Trautendorf — sehen Sie Suse an, sie ahnt nichts, noch ist es das arme Mädchen, das Sie liebt." Nun war er es, der fassungslos von einer zur anderen sah. Aber ehe Suse, die wie betäubt dastand, eine Erklärung fordern konnte, hielt ihr Fritz sie schon wieder in seinen Armen und Freudentränen in den Augen ftnmmette er jauchzend: „Liebling, wärst Du denn wirklich auch gern eine arme Hauptmannsfrau geworden? Mit mir in die verhaßte Misere gegangen? Hast Du meinetwegen die glänzende Partie aus- geschlagen ? All den Reichtum, von dem Du immer geträumt? Du Süßes, Goldenes, ist's denn wirklich wahr?" Und Suse schlang die iveichen Arme von neuem um seinen Hals, sah leidenschaftlich in die feuchtschimmernden Männeraugen und flüsterte: „Ach, Fritz, ja, es ist wahr! Mir ekelt vor dem Reichtum ohne Dich! Ich will ja gern darben iind sparen es ist mir nur um Dich — daß ich's nicht ertragen könnte, wenn Du etwas entbehrtest." Er schloß die bebenden roten Lippen mit einem langen, innigen Kusse. Sie hatten Metas Anivesenheit völlig vergessen. Unbemerkt schlich diese sich hinaus. Trautendorf war ja der nächste dazu, Suse alles zu erklären. a , . (Fortsetzung folgt.) 157 Hage Korsischer MauKmötder. Erinnerungen an Korsika. Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf Tiemaun, (Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.) Schuldirektor M. litt an einem Bronchialkatarrh und wollte deshalb nicht viel sprechen, besonders wohl nicht beim Bergsteigen oder Gehen. Er hatte darum von vornherein abgeivinkt, in Gesellschaft Spaziergänge zu machen, und sprach grundsätzlich nie darüber, welche Tour er vorhatte, ivahr- cheinlich um nicht Hotelgäste dort anzutreffen, gegen welche er nicht unhöflich fein wollte. Es wußte daher kein Pensionär, auch ich nicht, daß Direktor M. an jenem Tage oben im Stadtwäldchen war, wo er menschenverlassen enden mußte. Es hatte mich gewundert, daß er einige Tage vorher, etwa am 26. Dezember, sich erbot, mich in die Stadt zu begleiten, in der ich mir eine Schere und Obst kaufen wollte. Der lernbegierige alte Herr, der mir oft seinen Kummer ausdrückte, wie schwer er sich in der Apotheke verständlich machen könnte, wollte mir wahrscheinlich absehen, wie man etwas verlangt. Dann haben wir uns einmal — wohl am 23. Dezember — zufällig auf der Salariostraße getroffen, in der Nähe der Belvedere-Billa, ich zurückkehrend von meiner Tour, er auf dem Ausmarsch, und sind zusammen nach dem Hotel zurttckgekehrt. Das smd die beiden einzigen Male gewesen, daß wir uns außerhalb des Hotels getroffen oder gesehen haben. Am 30. Dezember morgens gegen 72—Uhr war ich aus dem Hotel fortgegangen, wahrscheinlich nach dem Direktor M., hatte mich zuerst nach der Stadt gewandt, um dort Orangen und geröstete Kastanien zur Vergrößerung meines Mundvorrats zu meiner Tagestour zu kaufen, von welcher ich tagsvorher ausführlich an der Wirtstafel gesprochen hatte. Man hatte mir dabei verschiedene Ratschläge erteilt. In der Annahme, unterwegs, in der Nähe der Grabkapelle Peraldi den korsischen Gymnasiasten Mannei, der mich schon zweimal begleitet hatte, wieder anzutreffen, hatte ich jene Zukäufe gemacht, damit notfalls das kalte Dejeuner für zwei ausreichte. Nach diesen Einkäufen wandte ich mich direkt, ohne nochmals in das Hotel zurückzukehren, dem Plaee Casone, dem Azaccioer Exerzierplatz, und der breiten Salariofahrstraße zu. . Die Salariofahrstraße könnte man mit dem Wege unten im Bodetal bei dem Restaurant Königsruh vergleichen, nur denke inan sich den Weg auf dem linken Ufer der Bode bleibend. Dann würde der Hirschgrund den Weg darstellen, den Direktor M. an dem Unglückstage ging. Etwa an der Laviereshöhe dürste er ermordet sein, nur war die Entfernung etwas vor der Kapelle Peraldi bis oben, wo der Raubmord stattfand, vielleicht 15—20—25 Minuten, wenn ich nicht irre. Dort oben hörte der Weg eigentlich auf. Man konnte noch auf eine zerbröckelte Mauer hinaufklettern und durch dick und dünn nach dem Gipfel des Salario gelangen. Stellte jener Unglücksweg den Hirschgrund dar, so würde die Salariofahrstraße den Weg unten im Bodetal verbildlichen, wenn diese langsam zum Aussichtspunkte „Weißer Hirsch" hinaufsteigen würde. Kurz vor deren Ende respektiv kurz vor der Fontana di Salario, also am Aussichtspunkte „Weißer Hirsch", schlug ich einen kleinen Saumpfad ein, der ansteigend mich auf den Gipfel des Berges führte. Ueber-diesen fort ging ich nach „Friedrichsbrunn", stieg dann von dort direkt zuni Meere herunter, als wenn „Stecklenberg", der Cimetisre (Kirchhof) von Ajaeeio, direkt unter Friedrichsbrunn am Fuße des Berges läge, und ging von „Stecklenberg" unten am Meere um den Berg l um nach Thale, das aber vom Bahnhof Thale "bis Bodekessel und noch ein gut Stuck weiter sich erstrecken müßte und dan nach 'Mjaccw darstellen könnte. Nur fehlen auf der breiten Fahrstraßenstrecke Kapelle Peraldi bis Fontana di Salario die Felspartien. Rechter Hand senkt sich der Berg in steilem Wsim nach Ajaccio hinab, das zwischen dem weitbauchigen Busen von Ajaccio und dem ersten Teil des Salarioberges lang hingestreckt liegt. Man konnte die „Königsruh" mit Ajaccws sehr mächtigem Platz de Diamant, der bis an das Meer reicht, vergleichen, um das Bild zu erweitern, denn der scheußliche Mord hat sich über der Stadt zugetragen. Der Zwischenraum zwischen dem Direktor M. und mir — 347 dürfte 15—20 Minuten betragen haben. Als der Mord wahrscheinlich oben ausgeführt wurde, befand ich nnch unten auf der Salariostraße, einige Meter unterhalb des Gittertores, durch das jener Promenadenzackzackweg «b- Meigt. Ich habe auch drei Schüsse gehört, maß chnen aber keinen Wert bei, da die Jagd eröffnet war. Vielleicht übte sich auch der Gymnasiast Mannei tmeder mit seinem Revolver im Schießen. In Korsika weiß jeder 7jähnge^unge mit seinem Revolver umzugehen, Schüsse sind deshalb nichts besonderes. Daß Wischen den Schüssen Seufzer und stöhnen ausqestoßen wordeil sind, hatte ich nicht gehört. Drei Knaven, die ich irach einer oder Wei Minuten sah, als ich, immer auf der Salariofahrstraße bleibend, um eine Bergnase herumbog, wollen solche vernommen haben. Einer der Knaben staiid oben mit ausgebreiteten Armen in emem Olivenbaum, die beiden anderen unten.aus der Erde lmks und rechts vom Stamme. Wahrscheinlich haben diese sich in direkter Richtung oder Windrichtung unter dem Mord- platze befunden. Unerklärlich bleibt mir, daß sie nicht zur Hilfe geeilt sind. Ich kann daher nur annehmen, daß man in Ajaccio die Rache des Mörders fürchtet und ihn deshalb nicht zu verfolgen wagt. Dieses Benehmen der Knaben flößte mir den Argwohn ein, daß auch die korsischen^Be- hörden und Gendarmen aus demselben Grunde die Spur des Mörders nicht verfolgt hatten. Wunderbar bleibt es, daß die Leiche schleunigst nach Eintritt der Dunkelheit entfernt worden ist und dre Oertlichkeit nicht sofort ausgenommen wurde. Für die drei Knaben wäre es eine Kleinigkeit gewesen, mehrere Maler zur Hilfe zu rufen, die in ganz geringer Entfernung malten. Vielleicht liegt die Sache noch anders. Der Knabe oben im Baum war der berüchtigte falsche Zeuge Faggianelli. Er behauptete, er wäre von feinem Baunr heruntergestiegen und hätte die Fahrstraße etwas weiter aufwärts einen anderen Baum erklettert. Bon letzterem hätte er mich, eine englische Kappe in das Gesicht gezogen, y4 Stunden später, nachdem er die Schüsse vernommen hätte, links vom Berge aus dem Gebüsch herunterkommen gesehen. Die Person wäre groß, ja sehr groß gewesen, ich aber bin nur etwa 160 Zentimeter groß. Wunderbar ist, daß der junge Faggianelli weder sogleich darauf, noch später von dem, was er gesehen haben will, seinen beiden Kameraden etwas gesagt hat. Gegen 3/41 Uhr bin ich etwa 2—2he Kilometer die breite Salariostraße weiter aufwärts von Baron v. d. L. aus dem Rheinland und Professor Dr. R. v. Sch. und Gattin gesehen worden. Letztere bestätigte, daß sie sich gewundert hätte, wie langsam ich promeniert wäre. Meine englische Kappe, die ich aus der windigen Ueberfahrt trug, habe ich nie in Ajaccio getragen, um nicht für einen Engländer gehalten zu werden, der alles doppelt bezahlen muß. Daß ich mit einem Filzhut bedeckt war, bestätigen vorgenannte deutschen drei Zeugen. (Forts, folgt.) Aum IVÜMrigen OcömLstag von AräXler-Manfred am 17. Juni 1906. (Originalartikel der Gießener Familienblätter.) Karl Ferdinand Dräxler-Manfred, der von 1845 bis zu seinem Lebensende 1879 in unserer hessischen Residenz seinen Wohnsitz hatte, wurde am 17. Juni 1806 als Sohn eines Beamten in Lemberg, der Hauptstadt Galiziens, geboren. Obgleich seine Eltern Deutsche waren, so waren Erziehung und Unterricht polnisch, so daß er noch im Jünglingsalter de§ Deutschen kaum mächtig war. Uin so mehr müssen wir die größte Formvollendung seiner besonders lyrischen Gedichte späterhin bewundern. Wechselvoll war sein Werdegang. Als seine Eltern nach Prag versetzt wurden, stand er noch unter dcnr Einflüsse des Slavcntums, von dem er sich jedoch befreite, als er bei seinen späteren Studien in Wien und Leipzig mit Männern, wie Anastasius Grün, Nikolaus Lenau, Seidl und Ebert in näheren Verkehr trat. Schon im 20. Lebensjahre veröffentlichte er seine ersten poetischen Versuche unter dem Pseudonym „Manfred", dies teils weil seine Eltern von der „Dichterei" nichts wissen wollten, teils um sich nicht der österreichischen Zensnr unterwerfen zu nrüssen. In späteren Jahren verband er das Pseudonym mit feinem Familiennamen. Vom Stu- biimi der „Rechte" wandte er sich bald ab, um sich ganz der journalistischen Laufbahn zuzuwenden. Nachdem er vergeblich auf eine Professur in Wien gewartet hatte, begab er sich 1837 auf Reisen. Diese führten ihn in stetem Wechsel nach Frankreich, England, Belgien, unstät schweifte er umher und schlug sein Domizil bald in Mannheim, Meiningen, Köln, Frankfurt a. M. auf. Während dieser acht Jahre erweiterte er seinen Gesichtskreis und sein poetisches Talent erhielt eine festere Richtung. Da wurde er im Jahre 1845 in die Redaktion der offiziellen Darmstädter Zeitung nach der hessischen Residenz berufen. Trotz der wirksamen Tätigkeit, die er in dieser Stellung entfaltete, mußte er sieben Jahre später den Einflüssen des reaktionären Ministeriums v. Dalimgk weichen. Er wurde aus der Redaktion entfernt und geriet in Existenzverlegenheit. Doch bald wurde er aus seiner mißlichen pekuniären Lage befreit und zivar durch den für sein Hoftheater begeisterten Großherzog Ludivig I., der ihm 1854 die Stelle eines Dramaturgen übertrug. Viele Jahre hat er diese Stellung bekleidet und sich um die Gestaltung des Dramas an der Hofbühne große Verdienste erworben. Roch höher aber steht er in seinen dichterischen Leistungen. In Anerkennung dieser verlieh ihm der Großherzog von Meiningen den Titel Hofrat, erhielt er den luxemburger Orden Eisen- kroire, die württembergische goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft und andere ähnliche Auszeichnungen. Eine stärkte Produktivität hat Dräxler-Manfred auf dem Gebiete der Novellistik entwickelt. Seine Erzählungen und Romane sind mit lebendigerDarstellung und Frische geschrieben, doch ist er von Anderen längst überholt worden, und seine belletristischen Werke, wie z. B. „Die Löffelritter", „Das Kloster von St. Bernhard" u. a. m., sind längst der Ver- gessenheit zum Opfer gefallen. Fleißiges hat er in der Aeber- setzung von Victor Hugos Dramen, sowie des lange der Bühne angehörigen französischen Gemäldes „Marianne, ein Weib aus dein Volke", geleistet. Viel höher steht er als deutscher Lyriker. Heine und Rückert waren seine Vorbilder. Singt er doch von letzterem: „Begeistert benf ich sein aus Jünglingstagen, Zu dem begeistert ich als Mann mich kehre, Sie iverden noch in späleu Zeiten sagen, Noi> seiner Krall und deutscher Dichterehre; Vielleicht von Einem auch, der ihm sich neigte Und vor der Welt die Liebe ihm bezeigte.' Seine Gedichte sind in mehreren Sammlungen erschienen, von denen eine 1861 bereits die 4. Auflage erlebte.. Die bekunden neben großer Formvollendung ein tiefes Gefühl, einen hohen Adel der Gefinnimg, eine lebendige Begeisterung für seine Stoffe, die er der Natur, der Liebe und der Kunst entnimmt. Wie glücklich verpersönlicht er den Frühling in seinem „Lenzbrief", der also beginnt: „Dieses schrieb im Abendgolde Lenz ins blaue Firmament An die liebereiche, holde Mutter, die sich Erde nennt: „Sei gegrüßt zu tausendmalen! Meinen vollen Liebesgras Send ich dir in tausend 'strahlen Und in Diisten meinen K>iß." Seine Liebesgedichte sind von tief empfundener Wahrheit Die Liebe ist es, die des Menschen Herz für alles Hohe und Schöne empfänglich macht, dies sagt der Dichter in einem seiner schönsten Gedichte, „Erivachen" genannt: Da kam die Liebe mit den Himmelskläugen, Worin ein Meer voll stiller Wonne fließt, Und hat mit paradiesischen Gesängen Mich aus den tiefen Träumen cmfgekutzt, Sie hat den Schlaf vom Auge mir gesungen, Sie hat den Schmerz vom Auge mir gekost, Sie hat mit Seligkeiten mich durchdruugem Mit Hoffnung und mit wunderbarem ^.rost. Diese Proben mögen genügen; sie geben vielleicht Ver- anlassnng, heute, an der Wiederkehr des 100jährigen Geburtstages eines unserer bedeutendsten deutschen Lyrikers, nach seinen Sammltmgen von Liedern, Balladen und Lwnetten, von denen als wichtigere „Freund und Leid", „Momente , „Das Blumen-Album", genannt seien, zu greifen. B. Ei« Himmelsbrief. Soviel auch gegen den Aberglauben in Wort mtb Schrift geeifert wird, er sitzt doch noch tief in nuferem Volke und wird auch noch in gewissen Formen bestehen bleiben, solange es Menschen gibt, feilt alter Aberglaube ist die Wunderwirkung der sogenannten Himmelsbriefe. In Kriegszeiten sind die Himmelsbriefe ein begehrter Besitz. Ein solcher Brief, der von einem Oberhessen in den Kriegen 1866 und 1870/71 in einem Ledertäschchen auf der Brust getragen wurde, kam durch Zufall in den Besitz des Schreibers. Er tragt an seinem Kopfe eine Engelsgestalt in langem, wallenden Kleide. Mit ausgebreiteten Flügeln, in der einen Hand eine Posaune, in der anderen einen Palmzweig haltend, schreitet der Engel über die Erde hin, die von der ausgehenden Sonne beleuchtet wird. Unter dem Bilde ist in Druck zu lesen: „Himmels-Brief, welcher mit güldenen Buchstaben geschrieben und zu sehen in der Michaeliskirche zu St. Germain, wird genannt Gredoria, allwo der Brief über der Taufe schwebt. Wer ihn angreifen will, von dem weichet er, wer ihn aber abschreiben will, zu dem neiget er sich und tut sich selbst auf. Also gebiete ich Euch, daß Ihr Sonntags nicht arbeitet an Euren Gütern, und selbst keine Arbeit tut, sondern sollt fleißig zur Kirche gehen und mit Andacht beten, Eure Haare nicht kräuseln und Hoffahrt in der Welt treiben, von Euerem Reichtum den Armen Mitteilen irnd glauben, daß ich diesen Brief von meiner Hand in Jesu Christo ausgesandt, damit Ihr nicht tut wie die unvernünftigen Tiere. Ich gebe Euch sechs Tage, Eure Arbeit fortzusetzen und am Sonntage früh in die Kirche zu gehen, die heilige Predigt und Gottes Wort zu hören; werdet Ihr das nicht tun, so will ich Euch strafen mit Pestilenz, Krieg und teurer Zeit. Schwöret nicht boshaft bei meinem Namen, begehret nicht Gold oder Silber, sehet nicht auf fleischliche Lüste und Begierden, denn sobald ich Euch erschaffen habe, sobald kann ich Euch taliich wieder vernichten. Einer soll den andern nicht töten mit der Zunge und sollt nicht falsch gegen Euren Nächsten hinter dem Rücken sein. Ehret Vater und Mutter. Wer diesem Brief nicht glaubet, der wird kein Glück und Segen haben. Diesen Brief soll einer dem andern geschrieben oder gedruckt zukommen lassen, und wenn Ihr so viel Sünden getan hättet, als Sand am Meer, Laub auf den Bäumen und Sterne am Himmel sind, sollen sie Euch vergeben werden, wenn Ihr glaubt und tut, was dieser Brief Euch lehret. Wer diesen Brief in seinem Hause hat oder bei sich trägt, dem wird kein Donnerwetter schaden, und. Ihr sollt vor Feuer und Wasser behütet sein. Welche Fran den Brief bei sich trägt und sich darnach richtet, die wird eine lieblich Frucht und fröhlichen Anblick auf die . Welt bringen. Haltet meine Gebote, wie ich sie Euch durch meinen Engel Michael gesandt habe." Vermischtes. * Gequälte Redakteure. „Eine Zeitung redigieren", sagt ein amerikanisches Blatt, „ist wirklich nichts Angenehmes. Wenn wir einen Witz veröffentlichen, so sagen die Leute, daß es in unserm Oberstübchen spukt. Wenn wir es nicht tun, so heißt es, wir sind trocken wie Schweinsleder. Bringen wir Originales, so wirft man uns vor, wir brächten nicht genug Auswahl. Geben wir Auswahl, so heißt die Anklage, wir lebten von, Diebstahl und seien faul. Sagen wir jemand unsere Meinung, so sind wir parteiisch. Wenn wir den Damen "etwas Hübsches sagen, so werden die Männer eifersüchtig. Bleiben wir in unserem Rcdaktionslokal, so sind wir zu stolz, „uns mit der gewöhnlichen Heerde" abzugeben. Sieht man uns auf der Straße, so passen wir auf, unser Geschäft nicht auf. Tragen wir billige Kleidung, so geht unsere Zeitung nicht, und tragen wir gute so behauptet man einfach, wir bleiben die Rechnung schuldig. Was sollen wir nun eigentlich tun?" * fein Re genmacher auf Staatskosten. Während wir in Deutschland in diesem Jahre gewiß nicht über Mangel an Regen zu klagen haben, scheint man anderswo diesen Mangel recht bitter zu empfinden. Im kanadischen Distrikt Jukon wenigstens haben sich die Behörden jetzt offiziell einen Regenmacher bestellt, weil die bisherige Witterung mit einer ebenso furchtbaren Dürre drohe, wie sie im vorigen Jahre zum Schaden der ganzen Landwirtschaft geherrscht hat. Sie ließen sich zu diesem Zweck aus den Vereinigten Staaten einen berühmten Regenmacher, mit Namen Hatfield, kommen und fragten ihn um Rat. Der Herr versicherte mit dem Brustton der Ueberzeugung, daß er es regnen lassen könne, wie, wo und wann man es immer von ihm verlange. Sein Mittel gab er freilich nicht an, aber seine Worte und sein Auftreten müssen die Herren von der Regierung doch wohl überzeugt haben, denn sie schlossen mit ihm einen Vertrag ab, der ihm ein Jahresgehalt von 40 000 Mk. zusichert, wenn — und nun kommt das einzig Vernünftige an diesem Vertrag — er den Jukon- Distrikt wirklich mit dem erforderlichen Regen versorgt hat. — Hoffentlich haben die Herren dem „Regenmacher" auf seinen Vertrag keinen Vorschuß gezahlt. - Wohin Fän atismus führen kann, zeigt ein Vorfall beim früheren Bundes-Senator John B. Hender- sohn einem vielfachen Millionär, der in Washington ein fürstliches Valais bewohnt. Er besaß einen reichbesctzten Weinkeller und Einladungen zu einem Diner bei Henderson wurden von den übrigen Mitgliedern des „Klubs der Millionäre", wie der Bundessenat im Volksmunde heißt, stets mit Vergnügen angenommen. Vor drei Jahren aber schloß Frau Henderson sich den Rechabiten, dem strengsten Zweige der „Enthaltsamen", an, und seit der Zeit erschien auf der Hendersonscken Tafel kein Wem mehr, sondern blieb int Keller. Vor einigen Tagen nun wurde ein neuer Zweig der Rechabiten gegründet, der den Namen der Hendersons trägt. Zii Ehren dieses Ereignisses gab Frau Henderson ihren Mitgliedern ein Essen; dabei brachte sie die Rede auf den Weinkeller ihres Gatten und fragte, was damit geschehen solle. Die einstimmige Antwort war, die Flaschen müßten zerschlagen werden. Henderson wagte zwar schüchtern einzuwenden, man möge doch den Champagner und alten Burgunder den Krankenhäusern zuwenden. Aber davon wollten die Weiber nichts wissen. Sie trugen die Flaschen aus dem Keller, gossen den Inhalt in den Kuchenstein und zerschlugen die Flaschen. Senator Henderson stand dabei, wagte aber keinen Widerspruch und sah zu, wie der edle Stoff vernichtet wurde. r . 1 • H u m o r i st ische s. W e i b l i ch. „Gnädigste haben einen wirklich prachtvollen Theatermanlel!" — „Ja, uh schwärme niiii einmal so iür die dramatische Kunst." — 9(1) iiu».