twwB-saw»» irn V “ i~T FuTÄF3S H'175»«'I »»»MMPGGWW lDPGWWGWW„ß«VWDDIW » W >L tt r n t. K n n ie t, k- rc 2C m m ■n Ltt s- ch t- in zu er itt tte lit er tz- N- i)t :nt an. tlb et, er er xt, I&« ffe n> !M >e- err 1906 Wr. 185 Samstag den 15. Aezemöer t<4 jgm WW 'in h BfeOP »MW ÄÄ'jlk iMffi ra Im Manne des Geheimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) 76. Kapitel. Auf der Spur. Werner lüftete den Hut und sah scharf und unverwandt in das leichenblasse Gesicht vor ihm. „Und Sie sind Miß Fenton. Fch habe heute erfahren, Miß Fenton, in welchem Verhältnis Sie zu meinem armen toten Bruder gestanden haben. Ich habe mir gedacht, es sei vielleicht angebracht, wenn ich Sie einmal besuchte, denn sein Tod ist ein großes Rätsel." „Sie sagen die Wahrheit nicht" versetzte sie brüsk; „Sie sind in ganz anderer Absichr hergekommen; !vas ist's?" Er sah sie unverwandt an und las Furcht in ihren Zügen. In dem Augenblick — er konnte sich nicht erklären, warum, wodurch ihm der Gedanke kam, weshalb er ihm so blitzartig durch den Kopf schoß — als er sie ansah, als er das blasse Gesicht, die wildeir, scheuen Augen bemerkte, kam ihm die Ueberzeugung, daß sie Jack ermordet habe. „Wir sind in großer Sorge", sagte er einfach. „Haben .Cie gehört, wie gefährlich krank Jacks arme Mutter dar- niederliegt?" „Rein", erwiderte sie trotzig, „kein Wort." „Es war etwas ganz Fürchterliches", fuhr er fort, „ein entsetzlicher Schlag für uns alle. Wer hätte geglaubt, daß cm so harmloser Mensch wie Jack einen so tödlichen Feind hatte?" 1 ; „Er war kein harinloser Mensch; er war ein gemeiner Schurke!" „Still, still — nicht solche Worte! Er ist tot. Ich — ich dachte. Sie hätten ihn geliebt. Miß Fenton." „Geliebt! Geekelt hab' ich mich vor ihm!" versetzte sie wrld. „Er war falsch, verräterisch, heimtückisch!" „Er ist tot", sagte Werner leise; „schonen Sie ihn." „Es ist nicht in meiner Macht, ihn zu schonen", gab sie zurück; „wenn das aber der Fall wäre, würde ich ihn sicher nicht schonen." ernstdoch geliebt, nicht wahr?" fragte Werner „Nein; betrogen und hintergangen hat er mich!" versetzte sie. „Und ich habe Zigeunerblut in den Adern; Zigeuner verzeihen eine Beleidigung niemals; sie vergeben einem Feinde nie!" „Wollen Sie mir nicht sagen, ivie Jack sie betrogen hat?" fragte er. Sie sah ihn argwöhnisch an. „Nein! Habe ich gesagt, er hätte mich betrogen? Das geht Sie übrigens nichts an! Ich erzähle niemandem meine Geheimnisse,- sie sind bet mir am besten verwahrt." „Ich wiederhole", sagte Werner, „sein Tod ist mir und allen ein großes Rätsel. Darf ich mich einen Augenblick hier setzen, Miß Fenton, und Ihnen mitteilen, welche schreck- lichen Folgen sich daran geknüpft haben?" Sie erhob keinerlei Einwendung, und beide ließen sich auf einer Rasenbank in der Nähe nieder. „Ich habe manches von Kummer und Elend gelesen", Begann er langsam, „nie aber von solchein Kummer, von solchem Gram, wie er augenblicklich auf Kemnnqhall herrscht." „Ihr Bruder war aristokratisch geworden", sagte sie höhnisch; „er hatte sich in die feinen Damen auf Kenning- Hall verliebt. Eine üon ihnen — eine junge und mit goldenen Haaren — liebte ihn ja wohl; nicht?" „Nein, nein", erwiderte Werner ernst, „kein Mensch auf Kenninghall hat sich um ihn gekümmert; das war ein vollständiger Irrtum. Soll ich Ihnen sagen, was wirklich ans Kenninghall vorgefallen ist?" „Ja", erwiderte sie müde; „wenn es wirklich noch Wahrheit auf der Welt gibt, so möchte ich wohl etwaZ davon hören." „Auf Kenninghall lebt eine vornehme und schöne Dame. In ihrer Jugend hatte sie sehr viel Unglück und Leid> soviel, daß, wenn Sie ihre Geschichte könnten, Sie sie aufs tiefste bcinitleiden würden. Sie verheiratete sich heimlich, ohne daß ihre Verwandten eine Ahnung davon hatten. Sic hatte manche bittere Kümmernisse infolgedessen. Jack Jefferies nun fand — wie ich leider sagen muß — vermittelst List und Trug einen Schlüssel zu diesem Geheimnis." „Geheimnis; jawohl", sagte sie müde; „er sagte mir, es lvürde ihin ein Vermögen einbringen." „Das hat es auch getan, aber er war nicht zufrieden damit. Von einer unglücklichen Dame hatte er tatsächlich tausend Pfund bekommen, unter der Bedingung, über das Geheimnis zu schweigen." „Davon hat er mir nie auch nur ein Wort gesagt", sagte sie. „Er versprach mir, wenn er das Vermögen bekäme, wollte er mich heiraten, und ich sollte Toiletten und Juwelen, Wagen und Pferde haben. Er hat mir nicht einmal gesagt, daß er das Geld bekommen hätte." „Er war nicht zufrieden", fuhr Werner ernst und leise fort. „Von der einen Schwester bekam er dies Versprechen von jährlich tausend Pfund, von der anderen verlangte er die Hand ihrer einzigen Tochter, eines jungen und schönen Mädchens, die aber schon verlobt war und deren ganzes Herz ihrem Bräutigam gehört." „Und sie machte sich nichts aus ihm? Ich glaubte, sie hätte ihn auch geliebt." „Nein, nein; sie verachtete ihn. Nun sehen Sie, wie schrecklich das Netz ist, das Tücke und Zufall um diese Dame gewoben. Jack Jefferies schrieb ihr, er kännte ihv Geheimnis, und wenn sie es bewahrt wissen wolle, müsse sie ihn um 10 Uhr abends an einer bestimmten Stelle — 738 — treffen. Sie können sich denken, tote uncutgenehm das der Dame, — Lady Wayne, toar. Sie ging aber doch hin, und als sie dort toar, drohte er ihr, wenn sie ihm nicht vey- spräche, daß er ihre Tochter bekommen solle, würde er ihr Geheimnis jedermann verraten." Betsy Fenton lachte, ein bitteres, höhnisches Lachen, das ihm das Blut in Wallung brachte. „Vornehme Damen sollten keine Geheimnisse haben", sagte sie spottend; „es ist sehr unangenehm für sie." „Hören Sie weiter. Sie weigerte sich entrüstet; und während sie noch mit ihm sprach, wurde er vor ihren Ein ©i einen Punkt. „Jawohl; aber nur, um noch mehr Verwirrung, Falsch „Lady Wayne stand in seiner Nähe — so nahe wie ich Ihnen hier bin — und das Herzblut des armen Jack spritzte aus ihr Kleid und ihre Hände, aus diese Weise ein fürchterliches Zeugnis gegen sie ablegend. Ich kann Ihnen alles, was darauf folgte, hier nicht erzählen; es mag genügen, wenn ich sage, daß Lady Wayne augenblicklich im Gefängnis und des Mordes an ihm angeklagt ist! Und eine falschere Anklage hat die Welt noch nicht gesehen!" „Er starb mitten in seiner Falschheit", sagte sie triumphierend, offenbar mit ihren Gedanken nur bei diesem Zigeuner blut. schrei entfuhr Betsy Fenton, als er jetzt sortfuhr: Wayne stand in seiner Nähe — so nahe tote ich Augen erschossen!" 77. Kapitel. heit und Unrecht gegen Unschuldige zurückzulassen. Ich wollte, ich könnte Ihnen den Kummer aus Kenninghall schildern. Lord Wayne ist ein Edelmann durch und durch, stolz, aufrichtig, auf seinem Namen hat noch nie ein Makel geruht, er weiß, daß seine Gemahlin unschuldig ist, kann es aber nicht beweisen, das stumme Zeugnis ihres blutbefleckten Kleides spricht zu stark gegen sie. Bedenken Sie nur, was Sie dulden müssen. Bedenken Sie, welch ein Schatten dadurch auf das Leben dieses schönen, jungen Mädchens fällt. Noch nie habe ich von so schrecklichen Folgen gehört, tote diese es sind, die sich an Jack Jefferies' Tod zu knüpfen scheinen. Sie sind so schrecklich, daß ich — wenn eine solche Lüge nicht eine große Sünde wäre — morgen hingehen und mich selbst als Schuldigen einkerkern lassen würde, um die eNe Dame zu retten, die nie dem armen Jack auch nur das mindeste zu Leide getan hat." Sie sah unbehaglich zu ihm aus. „Warum sagen Sie mir dies alles? Was hat es mit mir zu tun?" „Das wissen Sie selbst am besten", versetzte er mit Nachdruck. „Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich vermute und argwöhne. Ich weiß, daß Lady Wayne dem armen Jack nie ein . Leid zugefügt hat; aber von Ihnen kann ich nicht dasselbe sagen. Ich weiß, die Zigeunerinnen sind schnell zur Rache, schnell zum Strafen. Ich weiß, das Blut rollt Ihnen wie Lava in den Adern, — weiß, daß sie hitzig, aber nicht falsch sind; rachsüchtig, aber nicht gemein, ihre Fehler sind wie ihre Tugenden und Vorzüge groß. Ich kann mir demnach denken, daß eine Ihres Blutes sich rächt, kann aber nicht glauben, oaß sie eine andere für die Folgen dieser ihrer Rache leiden lassen könnte." Mit einer Geberde stolzer Verachtung warf sie den Kopf zurück. „Sie haben Recht", sagte sie. „die Frauen unseres Blutes sind stolz und rachsüchtig, aber nicht gemein. Aber weshalb — ? Sagen Sie mir, weshalb Sie mir dies alles sagen?" „Habe ich dazu vielleicht keinen Grund? Jack ist nicht Von Lady WaymS Hand gestorben, und Sie sind die einzige lebende Person, der er Unrecht getan hat. Sie sind schnell zum Rächen, aber nicht gemein. Sie würden für das, was Sie getan, niemand anders leiden lassen." „Wer sagt denn, daß ich etwas getan habe?" fragte sie trotzig. „Ich sage das. Ich habe keinen Beweis, daß mein Verdacht begründet ist; er kann möglicherweise falsch fein. Ich kann mich deshalb nur an Ihren Edelmut wenden und sagen, wenn Sie diese Tat begangen haben, so lassen Sie niemand an Ihrer Stelle dafür leiden." „Wer sagt, daß ich es getan habe?" wiederholte sie. „Ich allein auf der ganzen Welt sage das und glaube das! Es ist mir so klar, wie eine Erleuchtung, wie eine Eingebung. Jack liebte Sie;' und er betrog sie, dadurch. daß er Sie verlassen wollte, als er seiner Meinung nach eüt großer Herr geworden war, und Sie — als echte Zigeunerin — rächten die Ihnen zugefügte Schmach! Ich kann mir denken, daß Sie ihm nach Kenninghall hin nachgespürt, ihn dort mit Lady Wayne sprechend gefunden, und dann blind und sinnlos vor Wut erschossen haben l War's nicht so?" Seine Augen hingen mit unbeschreiblicher verzehrender Angst und stummer Bitte an ihren Lippen. „Ich würde mein Leben dafür geben", wiederholte er beschwörend, „wenn Sie mir die Wahrheit sagen wollten.. Wein Leben könnte ich darum geben!" Sie lachte in wilder, erzwungener Lustigkeit. „Angenommen, es wäre alles wahr, was Sie da fugen, dann verliere ich mein Selten!" „Es gibt Dinge, die hochherzige und edelgesinnte Frauen höher schätzen wie das Leben. Eine Frau Ihrer Art und Abstammung schätzt ihren guten Ruf höher, zehntausend mal höher, als alles, was das Leben ihr geben kann. Ich verhandele mit einer Tochter der edelmütigen, sorglosen, stolzen und feurigen Rasse, die noch niemals den Preis einer Tat ängstlich abgewogen hat. Und darum — Betsy Fenton, int Namen des Allerhöchsten und Allwissenden, der uns sieht und hört, fordere ich Sie auf — wenn Sie diese Tat begangen haben —, so sagen Sie mir, bei dem Namen und der Ehre Ihres Geschlechts, — sind Sie schuldig oder nicht? Wenn ja — so seien Sie wahr gegen den Himmel, wahr gegen sich selbst; befreien Sie die angeklagte Dame durch Ihr Geständnis, — um des Himmels willen!" Sie stand ruhig auf und kniete neben ihm nieder. „Sie sind ein guter Mann", sagte sie leise. ,Jch wollte — ch, wie sehr, — ich hätte jemanden so wie Sie geliebt. Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, weil Sie mich darnach gefragt haben. Ich hätte ohnehin nicht viel länger mehr leben können, denn trotz und alledem — ich habe Jack geliebt. Keiner wird mir glauben; aber es ist wahr, ich habe Jack geliebt. Und ich — ich habe ihn auch getötet; niemand sonst dachte daran, ihm ein Leid zuzufügen!" Er erhob den Kops, sah sie unaussprechlich traurig an und murmelte: „Sie sind so jung, ach — Gott helfe Ihnen — so sehr jung." -„Ich war nicht zu jung, um mich zu rächen", sagte sie, „und Sie werden finden, daß ich alt genug bin, um zu leiden." „Aber ich kann Sie unmöglich auffordern, sich selbst der Gerechtigkeit auszuliefern/ sagte er wieder, „Sie sind so jung, und die Strafe ist so schrecklich." „Nicht schrecklicher, wie das Leben jetzt," stöhnte sie leise. „Ich mag nicht mehr leben! Ich habe mich gerächt, und Jack ist tot! Ich dachte nicht an alles dieses, als ichs vollführte, ich dachte nur an Rache. Ob man mich entdecken würde, war mir vollständig gleichgültig — ein solcher Gedanke kam mir nicht einmal in den Sinn. Alles, was Sie gesagt haben, ist wahr. Boni ersten Augenblick, an, wo ich wußte, daß er mich verlassen hatte, war ich entschlofsen, daß keine andere meine Stelle einnehmen sollte. Sein Gehennnts konnte ich nicht ausfindig machen.. Er kam damals wieder hierhin nach Elton zurück, sein angezogen, viel Geld in der Tasche, und die Leute neckten mich, er hätte mich vergessen, er würde jetzt ein seines und reiches Mädchen heiraten. Wir hatten Streit miteinander. Ich verlangte von ihm, er solle seine ehrlichen Absichten dadurch beweisen, daß er mich sofort heiiaiete. Er wollte das nicht, und dann schwor ich ihm Rache. Ich folgte ihm nach Kenninghall; beobachtete ihn, als er auf Lady Wayne wartete; beobachtete ihn, während er da stand und mit ihr sprach, und zielte die ganze Zeit hindurch unverwandt nach ihm. Ich hörte sie etwas von einem Mädchen sprechen, in welches et sich verliebt hatte; ich verstand nicht alles — ich glaubte, Lady Wayne fei damit einverstanden — ich muß ihre Worte wohl mißverstanden haben. Tann sagte er etwas, ivas mein heißes Blut aufs höchste empörte; ich feuerte — und er fiel I" „Als ich hörte, die Tat würde Lady Wayne zur Last gelegt, war ich froh, es tat mir nicht leid. Es schien mir, als ob ich zwei Feinde statt einen getötet hätte." „Jetzt sehe ich alles in ganz anderem Lichte. Sie soll 739 für mein Verbrechen nicht leiden. Ich will mit nach London gehen und für meine Sünde büßen." Er sah sie mit Tränen in den Augen an. »Sie werden doch Ihren Vater, oder Ihre Freunde erst zu Nate ziehen/ murmelte er. »Mein Vater erwartet etwas Aehnliches; er ist auf alles gefaßt. Ich habe ihm gestern gesagt, daß ich Jack getötet Hütte/ 78. Kapitel. »Ich bin schuldig/ Der Nachmiitags-Expreßzug nach London saust durch die sommerlichen Fluren dahin, und in einem Wagen erster Klasse sitzt Werner Jefferies und ein junges Mädchen mit blassen, verstörten Zügen. Er hat die Billetts gelöst, hat Zeitungen gekauft, hat Erfrischungen auf der ersten Zwischcnstation bringen lassen und bemüht sich nach Krästen, ihr alles so angenehm wie möglich zu machen; doch sie erwidert nichts auf alle freundlichen Worte, die er an sie richtet. Zwei, drei Stationen fuhren sie so — Werner hatte zuletzt auch stillgeschiviegen — dann strich sie sich plötzlich das schwarze Haar (ms der Stirn zurück und sah ihn mit fragendem Ausdruck an. »Wohin gehen wir? Es ist mir alles wieder aus dcni Kopf gegangen." In ihren Augen lag solche Müdigkeit und Geistesabwesenheit, daß er sah, sie sprach die reine Wahrheit. Sie hatte für den Augenblick alles vergeßen. „Nach London/ erwiderte er langsam. „Sie sind im Begriff, eine unschuldig Angeklagte zu befreien." »Ahl jetzt fällt mir alles wieder ein. Ich gehe zu Kerker und Tod!" Unendliches Mitleid lag in Werner's Gesicht. »Wie traurig es ist! Ich kann den Gedanken nicht ertragen. Ich wollte zu Gott, wir könnten ausmachen und stnden, daß alles nur ein Traum wäre/ „Ein Traum," wiederholte sie mechanisch. „Wer hat mir doch einmal gesagt, Träume wären die barmherzigen Angen- blickc unseres Lebens? — Seit Jack tot ist, habe ich nicht wieder geschlafen mtb auch nicht mehr geträumt." „Ich habe Ihnen noch nichts Ausführliches darüber erzählt," fuhr sie dann fort. „Tun Eie's nicht, Sie Arme; ich .müßte später vielleicht alles zu Ihrem Nachteil wiederholen, und ich will gewiß nicht den Spion spielen." Ihr Gesicht rötete sich. »Sie sind kein Spion. Wenn alle Menschen so wie Sie wären, so süße ich hier nicht als Mörderin. Ich will Ihnen alles erzählen. Ich werde auch denen, die ein Recht haben, es zu erfahren, nichts verheimlichen. — Ich liebte Jack!" „Davon bin ich überzeugt," sagte Werner. „Gott ist unendlich barmherzig, er kennt Ihr Verbrechen, aber er kennt ebensogut auch die Herausforderung/ „Ich wurde dazu gedrängt," sagte sic träumerisch. „Ihr ruhigen, kalten Leute, die Ihr nie ivild, feurig oder ursprünglich seid — Ihr wißt nichts von dem ererbten Teufel in uns. — Ich liebte Jack. Er suchte mich und meinen Umgang, als ich Verehrer genug hatte rind ich ihn nicht suchte. Er war hübsch, in meinen Augen wenigstens. Er liebte mich und umwarb mich, wie Frauen unserer Art gern umworben werden/ Sie hielt inne, und cs schien ihm, daß Woge auf Woge der Erinnerung über ihr Herz dahinbrause. „Ich warnte ihn oft, wenn er tändeln wolle, so möge er das mit den anderen Mädchen im Dorfe tun; mit mir zu tändeln sei gefährlich. Aber er ließ sich nicht warnen. Ich bat ihn, wenn er nicht vorhabe, mir für's ganze Leben treu zu sein, dann möge er mich lieber allein und ganz in Ruhe taffen. Er lachte nur. Er machte, daß ich ibn liebte. Und ich liebte ihn auch wirklich. Mein Vater sagte mir, Jack Jefferies halte sich für höher wie mich; ich sollte mich lieber um einen von den jungen Farmern in der Nachbarschaft wie um ihn kümmern. Ich war aber wütend über die guten Ratschläge meines Vaters. „Jack versprach mir, ich sollte eine feine Dame werden, sollte prächtige Kleider und Juwelen haben. Er sagte, wir würden so glücklich werden, ein so angenehmes Leben führen, reich werden, sorgenlos in den Tag hineinlcben. Ich glaubte ihn, und obwohl ich ihn seiner selbst willen liebte, mißfiel mir doch der Gedanke nicht, wie großartig es wäre, eine feine Dame zu werden. „Auf einmal sah ich eine große Veränderung an ihm; er fing an, feine Kleider, Ringe und goldene Ketten zu tragen und über mich und meine Arbeit zu sticheln. Er ging von Elton fort, blieb lange aus und kam kaum noch zu uns. Er schrieb nur ein einziges Mal, und dann auch nur von großen Damen und Herren, mit denen er in London bekannt geworden war, und dann, als er zurückkchrte, sah ich, daß er aufgehört hatte, sich um mich zu flimmern, daß er mich nur wie etwas ihm im Wege Stehendes betrachtete. Einer eifersüchtigen Frau läßt sich die Wahrheit nicht verbergen. Ich sah, daß er sich meiner schämte und frei fein wollte. Ich handelte, wie mein Blut es mir eingab, ich verlangte von ihm, er solle sein Versprechen halten und mich unverzüglich heiraten, er aber lachte nur darüber, und damit wußte ich, daß er mich überhaupt nie heiraten würde. „Mein Vater redete mir zu, meine Freundinnen verspotteten mich und sagten, ich könnte einen Mann wie Jack Jefferies nie an mich fesseln; das Geschwätz brachte mich fast um den Verstand und ich entschloß mich, meine Rache an ihm zu kühlen. „Ich folgte ihm, als er Elton verließ, ungesehen und unerkannt ; ich reifte mit ihm int selben Zuge und verlor ihn keinen Moment ans den Augen. Ich spürte ihm nach bis zum Park von Kenninghall und ich beobachtete, daß er dort wartete, und daß alsbald eine Dame zu ihm kam, die ihn ober zu verabscheuen schien. Ich konnte nicht alles hören, was sic sagten; schließlich verstand ich, daß er sie wegen einer Heirat drängte. Ich muß Ihnen noch erzählen, daß ich vor meiner Abfahrt von Elton einen Revolver kaufte. „Es kann keinerlei Schwierigkeit haben, meine Schuld zu beweisen," fuhr sie fort. „Ich kaufte den Revolver bei Baileys in der Querstraße in Elton; ich weiß noch, sie lachten darüber, daß ich die Waffe kaufte. Als er seinem Zweck gedient, warf ich ihn in einen Teich nahe bei Kenninghall — ich glaube, Creek's Teich nennen ihn die Leute —; er wird sich dort finden lassen und kamt nötigenfalls Zeugnis gegen mich ablegen. „Ich bemühte mich also, alles zu erlauschen, was er zu der Dame sagte. Ich wogte mich so nahe aus dem Dickicht heran, als es möglich war, ohne daß ich im Hellen Mondlicht gesehen wurde; dennoch konnte ich nicht verstehen, was sie sagten, bis schließlich die Unterhaltung lauter wurde, die Dame anfing zu klagen und endlich Jack Jefferies sagte, er wüßte noch -nicht, ob er jetzt in feiner ganz anders gewordenen Lage und Stelliing mich noch zu seiner Magd gut genug finden würde. „Diese Worte brachten mich von Sinnen, ich feuerte und sah ihn reguugs- und lautlos zu Lady Waynes Füßen hinstürzen. Wenn sie daran gedacht hätte, nach der Richtung zu sehen, ivohcr der Schuß gefallen, so hätte sie mich finden müssen, wenn sic daran gedacht hatte, Lärm zu schlagen, häjle ich entdeckt werden müssen — aber von meinem Versteck im Dickicht aiis sah ich im fahlen Mondlichte, daß sie vor Grausen und Entsetzen ganz außer sich war und an gar nichts wciler dachte. Außer einer hastigen und unwillkürlichen Bewegung, wobei die Zweige raschelten, rührte ich mich denn aiich nicht. Ich sah, wie sie neben dem Toten nicderkniete, seinen Kopf emporhob und ihn wieder sinken ließ, dann floh sie davon. Es war mir einerlei, ob man mich fand oder nicht. Als sie fort war, kroch ich aus meinem Versteck hervor und ging dahin, wo mein toter Liebster lag. „Ich warf Uiich neben ihn auf die Erde, lag dort einige Stunden lang und sagte Leben und Lieben und Glück Lebe« — 740 wohl auf immer. In den kurzen Stunden dort habe ich Jahre durchlebt. »Niemand kam; niemand schien auch nur das Mindeste gehört zu haben. Die Nacht schwand dahin; die Sterne verglommen ; es dämmerte am Himmel, und noch- hatte niemand etwas von dein Toten entdeckt. »Die Vögel fingen an zu singen, die Blumen öffneten sich, noch immer kam niemand. Ich erhob mich, küsste sein kaltes Gesicht, dann stahl ich inich tut kühlen Morgengrauen durch den Wald davon. „Nicht der mindeste Verdacht siel auf mich, ich wurde nicht bemerkt; doch den Plag konnte ich nicht verlassen. Ich wußte, daß man ihn zu dein Hause des Försters getragen hatte, und ich trieb mich in dessen Nähe umher. Ich sah auch seine Mutter und die Polizisten. „Dann erfuhr ich, daß alles Lady Wayne zur Last gelegt ivürde, und der Gedanke, daß sie dafür büßen solle, gefiel mir. Jetzt, ivo ich alles in anderem Lichte sehe, gefällt er mir nicht mehr. Ich mag nicht mehr leben! Das Leben ohne Jack hat keinen Reiz, keinen Inhalt mehr für mich. Ich habe meinem Vater gesagt, daß ich Jack Jefferies erschossen habe, imb er weiß auch, daß ich jetzt nach London gehe, um Leben mit Leben zu bezahlen.' (Schluß folgt.) Neue Lyrik. Besprochen voll O. R. Daß die Lyrik einen großen Teil der Neuerscheinungen ekn- nimmt, ist nicht verwunderlich. Matr ist es längst gewöhnt, in unserer lyrikschwangeren Zeit, wo jeder Primaner, reder Engel im Flügelkleide sich berufen fühlt, den Pegasus zu reiten, jedes neue Gedicht-Bändchen recht skeptisch in die Hand zu nehmen und die meisten wieder still beiseite zu legen, ehe man noch über das erste Dutzend der Seiten hinausgekoinmen. Und wieviel Lyrik schlummert in den Papierkörben unserer Redaktionen! Drei Bändchen, liegen mir vor. Karl Neurath, der Herausgeber des Hessischen Musenalmanachs, tritt mit einer Gedichtsammlung „E i n s a m e S t e r n e" (Verlag A. Frees, Gießen) an die Oefsent- lichkeit. Seiner Braut widntet er dies Bündchen, dem ein Geleitwort vorangeht. Diese Einleitung ist das Beste am ganzen Buche, sie allein spricht beredt für Neurath. Freilich, er wird zugebeu müssen, daß er in ihr gar zu selbstbewußt auftritt. Der große Dichter ist er denn doch noch nicht! Alle Lyriker bringen uns ja zuerst Lenz und Liebe, Jugendlust und Jugendsehnsucht und gerade in der Behandlung dieses immer wiederkehrenden Stoffes zeigt sich schon ihre Bedeutung. Neurath hat ihm, obwohl er die Seiten seiner Harfe auf einen eigenen Ton stimmt, keine neue Seite abzugewinnen verstanden. Ebensosehr wie unsere alten Meister ihm in den Ohren klingen, hat ihn auch die Moderne umstrickt. In der Form mttß er sich von manchen Schlacken freimachen. Die Sprache ist schlicht und einfach ohne viel Gesuchtes und Geschranbtes, und neben wahrem Empfinden flackert überall die ungestüme Jugend durch, mit der die Form nicht immer Schritt zu halten vermag. Es' ist ein eigen Ding um dieses Buch: man muß es schon für sich selber reden lassen, wie die Phrase lautet, unb weiteren, reiferen Arbeiten des Dichters entgegensehen, eha man ihn recht beurteilen kann. Noch einfacher, aber weit selbständiger ist Karl Bieueu- steiu in seinem Zyklus „Aus Traum und Sehnsucht" (Verlag für Literatur, Kuirst imb Musik, Leipzig). Er ist fast zu einfach geworden. Manches wirkt völlig nichtssagend, und rch ivüßte nicht, was uns besonders an dem Werke zu fesseln vermöchte. Man gewinnt den Eindruck, als wäre manches nur entstanden, weil der Verfasser dichten „mußte". Dabei enthält der Band zu oft Wiederkehrendes, ist überhaupt übersättigt. Mäßigung täte not. Einige Perlen freilich sind vorhanden. Derselbe Verlag bietet uns von Helene Waldaestel „Neue Gedichte". Hier zeigen sich dichterisches Schassen, Kraft und Gestaltungsgabe. Wuchtig trifft sie unser Innerstes. Sie vermag es, uns Feierabende der Seele zu bereiten, wie es Neurath so gern möchte und wie es ihm nicht gelingt. Ein recht wohltuendes Buch, diese „Neuen Gedichte". Noch ein Gast meldet sich auf dem Weihnachtsbüchertische. Ich meine die „Gedicht e" von Schulrat A. Kleinschmidt- Gießen (Leipzig, Friedrich Brandstetter), ein Werk, das auf keinem Weihnachtstische an einen falschen Platz gerät. Man hört den Schulmann heraus, nicht etwa den Pedanten, sondern den freien Lehrer. Jedes Gedicht ist formell vollendet. Dann aber ist auch der Ausdruck, die Empfindung, das ganze Wesen der Kleinschmidtschen Poesie voll ausgereift. Hier brodelt und zischt und kocht es nicht über, und doch kommt auch die Leiden-- schast zu ihrem Recht. Weit über seine Lyrik stelle ich noch die Balladen. Hiev, wo er andere Völker, andere Sitten uuA in prächtigen Farben malen kann, hier ist Kleinschmidt Meister. Herrlich gelungen sind besonder!» seine „Zonenbilder", mit Recht „Bilder" genannt, denn beim Lesen dieser Gedichte steigen die prachtvollen Szenerien vor unserm Auge auf und nehmen uns gefangen. Kleinschmidts Lyrik besitz! auch eine imponierende Kraft. Das Buch kann bei all dem Dilettantismus der heutigen Literatur nicht warm genug empfohlen werden. Der einzige Fehler, den es hat, ist, daß es zu reichhaltig ist. Aber andererseits bringt es so jedem etwas, vor allem der reiferen Jugend sollte es unter den Christbaum gelegt iverben. Weihnachtsliteralur. — Schillers Werke. Herausgegeben von Albert Köster und Max Hecker (Großhergog Wilhelm Ernst-Ausgabe Deutscher Klassiker. Leipzig, Insel-Verlag). 6 Bände. In Leder gebunden 24 Mk. — Als im Zusammenhang mit den Kunstbestrebungen: unserer Zeit die neue Buchkunst auch in Deutschland sich Bahn gebrochen hatte, wurde immer dringender und vielstimmiger der Wunsch nach einer modernen Ausgabe der Werke unserer großen Dichter und Denker laut. Diese Lücke suchte der Insel-Verlag durch die Großherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe Deutscher Klassiker auszufüllen. Das erste größere Werk, der sechsbändige Schiller, liegt nunmehr vor und gestattet ein Urteil über das Unternehmen. Schönheit und Zweckmäßigkeit bei dieser Ausgabe zu verbinden, war das Ziel des Verlages, und man darf sagen, daß er es erreicht hat. Die Bände sind in großer, klarer Antiquaschrift auf imdurchsichtiges Dünndruckpapier gedruckt und in schönes, schmiegsames, rotes Leder gebunden. Sie bilden für jeden B ü ch er fr eund eine ganz auserlesene Freude. Man könnte diese reizenden, schmucken Bändchen geradezu zärtlich lieben. Man ist verführt, sie immer wieder und wieder hervorzuholen und sie all in ihrer weichen Schmiegsamkeit zu liebkosen.,. Die Wilhelm Ernst-Ausgabe wird vielleicht die deutsche Klassiker-Ausgabe der Zukunft werden. Ihre großen Vorzüge: daß sie im Bücherschrank nur wenig Platz beansprucht, daß sie auch bei stundenlangem Lesen die Hand nicht ermüdet, daß sie überall bequem mitgeführt werden kann und an jedem Ruheort zu geistiger Erfrischung verhilft — diese nur ihr eigenen Vorzüge werden sie gewiß auch denen erwünscht machen, die bereits andere Klassiker-Ausgaben besitzen. — Psychologie der Volksdichtung. Von Otto Bö ckel. (VI u. 432 S.) 8. Preis geh. 7 Mark. — Allen Aeußer- ungen der Volksseele, die sich ja im Bolksliede am klarsten spiegelt, ist hier mit feinem Verständnis nachgespürt. Alles, was das Volk denkt und fühlt, was es liebt und haßt, seine Freuden und Leiden, kurz, sein ganzes reiches Innenleben wird hier lebendig. Dabei ergibt sich, daß das Gefühlsleben aller Völker auf derselben Kulturstufe eine überraschende Aehnlichkeit aufweist. Von dem reichen Inhalte kann hier nur eine kurze Andeutung gegeben werden. Nach einer Erörterung über den Ursprung des Volks- gesanges überhaupt schildert das Buch das Wesen und Entstehen des Volksliedes, seine Sprache und seine Sänger, insbesondere auch den Anteil der Frauen am Volksgesang, seine Wanderungen und Wandlungen, seine Stätten und Arten (Spott-, Kriegs-, Hochzeitslieder und Totenklagen), würdigt dann aber auch das Volkslied nach seinem inneren Gehalt, indem es den „Optimismus der Volksdichtung" auszeigt wie das in ihr herrschende Verhältnis des Menschen zur Natur, indem es ferner dem im Volkslied im allgemeinen wie in Spott und Humor im besonderen zum Ausdruck kommenden Gefühlsleben nachgeht, um schließlich in wehmütigen Betrachtungen über das Verschwinden des Volksliedes ansznkliirgen. Arithmogriph. Nachdruck verboten. 1 2 3 3 2 Stadt in Hannover. 2 3 4 8 Figur aus einer Waguer'schen Oper. 3 6 5 4 2 weiblicher Vorname. 4 6 3 3 8 römischer Staatsmann. 5 3 3 2 französischer Fluß. 6 5 russischer Fluß. 4 8 6 3 biblischer Name. 6 3 2 ein Naturforscher. 7 8 6 3 männlicher Vorname. 4 8 8 3 2 Fluß in Deutschland. 4 8 3 wohlschmeckender Raubfisch. 3 5 4 4 8 Stadt in Posen. 8 4 5 syrischer Küstenfluß. Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter sollen der Reihe nach, von" oben nach unten gelesen, den Namen eines Astronomen und dessen Vaterstadt bezeichnen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nninmev: Raupe, Kappe. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnioersttätS-Buch- und Sleindruckeret, R. Lange, ®teßen.