Worrtag den 15. HKLoöer 1906 "A m ai‘rär®M J JV ■•HU MMM WWM!" r Afy WCw 7I-EW pjri 3 s N LJ! «p : g; Im Wanne des Geheimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten., (Fortsetzung.) 15. Kapitel. Auf dem Lande. Es mar unmöglich für Werner, sich nicht glücklich und wie zu Hause zu fühlen. Lord und Lady Nomsey hätten nicht freundlicher, nicht liebevoller und gütiger gegen ihn sein können, wenn er ihr eigener Sohn gewesen wäre. Downham war prachtvoll; seit vielen Generationen war es der Hauptsitz der Nomseys gewesen; alle Familien-Denk- würdigkeitcn, die Familien-Gcmälde, der Familienschmuck, wurden hier aufbewahrt. Die RomseyZ auf Downham waren eine der ältesten Familien der Grafschaft. Allgemein sah man zu ihnen auf, achtete und liebte sie. Das Schloß selbst war ein schönes Gebäude, eine glückliche Vereinigung altertümlicher Größe und moderner Pracht. Werner hatte nie zuvor etwas Aehnliches gesehen; er war anfangs fast geblendet von dem hier auf Schritt und Tritt herrschenden Luxus. Und doch — vielleicht ein wenig zu Lady Romseys Erstaunen — schien er alsbald unter allem ganz wie zu Hause. Rach wenigen Stunden nahm er alles, als ob er sein ganzes Leben daran gewöhnt gewesen. „Du sagtest mir, er sei der Sohn eines Bahnwärters," sagte Lady Romscy zu ihrem Gatten. „Hast du ihn wieder beobachtet? Bitte, benimmt er sich nicht, als ob er für den Purpur geboren sei?" „Allerdings,, et sicht etwas Derartigem sehr ähnlich, das muß ich gestehen," erwiderte der Earl. Und beide wunderten sich — jedenfalls viel mehr, als sie es getan hätten, wäre ihnen die Wahrheit bekannt gewesen. Die ersten paar Tage verflossen angenehm genug. Lord St. Gilbert erholte sich rapide; die Lust der Heimat erwies sich wirksamer als alle ärztliche Kunst; und als die größte Besorgnis für ihn endlich vorüber, hatte Werner Zeit, an sein neues Leben zu denken und sich dessen zu freuen. Wie herrlich cs hicr doch war; wohin fein Blick nur fiel, ruhte er auf einer Schönheit, entweder der Natur oder der Kunst. Ach, wie so ganz anders war doch dies Leben gegen das, was er bisher geführt! Alles, was Reichtum nur erlaufen, Luxus nur ersinnen konnte, war hier — alles Schöne schien aus allen Weltteilen gesammelt und hier in harmonischer Vereinigung vertreten zu fein. Wie schön war es doch, die wohltuende vornehme Ruhe, der feine Duft, die Harmonie in allem und jedem, die in diesen prächtigen Gemächern zu herrschen schienen! Das Zimmer, das ihm am besten gefiel, war die großartige alte Bibliothek, ein langer, großer Raum, der auf den Park mit seinen stattlichen Bäumen ging. Von den tief» nischigcn Fenstern aus sah man in lange Alleen von Wald- bäumcn hinein. Die Wände waren mit reicher, altertümlicher Eichenschnitzerei getäfelt, ein weicher, dicker, Carmoisin« Teppich bedcekte den Boden bis in die fernsten Winkel. Für ihn jedoch war der Hauptreiz der Inhalt: die Bücher. Alle gebildeten Nationen in allen Epochen des Geisteslebens waren vertreten, alte, seltene Drucke und moderne und modernste Literatur in Hülle und Fülle. An jeden: der großen Bogenfenster war eine tiefe Nische, darin ein Tischchen und ein bequemer Stuhl, so daß man bei der Lektüre oder beim Studium den Blick zuweilen an der lieblichen Natur draußen erquicken konnte. , , - Hier ivars, wo Werner mit Entzüeken seine Zeit verbrachte. Er fand dort Bücher, von denen er gelesen, und die selbst zu lesen er sich immer gesehnt. Früh am Morgen, wo jeder andere noch schlief, war der junge Student hier tätig und fleißig, und hier in der Bibliothek von Downham wars, wo er jenes Gedicht „Der Engel Liebe" begann, das später seinen Namen weit und breit im Lande berühmt machte. Werner bat nach kurzem den Earl, ihm irgend eine geregelte feste Tätigkeit oder Beschäftigung zu geben. „ „Ich bin an derartige beständige Tätigkeit auf der Universität gewöhnt gewesen," sagte er, „und ich würde mich soviel glücklicher fühlen, wenn ich etwas Regelmäßiges zu tun hätte." „Vornehmes Nichtstun paßt Ihnen also nicht," lächelte der Earl. „Gut, — ich kann Ihnen eine Beschäftigung an- bicten, von der ich glaube, daß sie Ihnen gefallen wird. . Ich habe seit einiger Zeit schon den Wunsch gehegt, einen Privat- sckretär zu haben. Ich werde alt und bequem und brauche jemanden, die sämtlichen, au mich persönlich einlanfenden Briefe zu beantworten, meine Rechnungen durchzusehen, Auszüge für mich zu machen, und ivas dergleichen mehr ist. Würde Ihnen eine solche Stellung in meinem Hanse zusagen?" „Mehr denn jede andere", versetzte Werner freudig. „Sie machen mich sehr glücklich, Lord Romscy." „Nun gut, Sie können gleich anfangen. Die Vergütung beträgt zweihundert Pfund pro Jahr; und von Ihrer Zeit werde ich vielleicht fünf Stunden pro Tag beanspruchen." „Er wird sich tausendmal glücklicher und zufriedener fühlen", sagte der edelsinnige Schloßherr seiner Gemahlin heimlich, „als es jetzt der Fall ist. Er ist von hochgemuter, feinfühliger Art und will uns nicht für Gmistbezeugungen verpflichtet fein, ohne etwas dafür zu leisten." 606 ®o war also Werner Jefferies von da an als Lord Romseys Privat-Sekretär bekannt, und er war vielleicht zu dieser Periode einer der glücklichsten Menschen der Welt. Ec stand früh (iiif, beeilte sich mit seiner Arbeit, öffnete nie eins seiner Bücher oder Zeitschriften, bevor er alles erledigt hatte, was der Earl verlangte, und hatte alsdann noch immer einige Stunden für sein eigenes Studium übrig. Nach fünf Uhr stand er Lady Nomsey zu Diensten. Er ging zusammen mit ihr und Balduin spazieren, dann kam das Diner und angenehme Abende im Gesellschaftszimmer. —- — Eines Abends sprachen Lord und Lady Nonisey davon, die ihnen im vergangenen Jahre seitens der übrigen Gutsnachbarn erwiesene Gastfreundschaft wieder zu vergelten. „Die nettsten Nachbarn, die wir haben", sagte die Gräfin, sich an Werner wendend, „sind die Waynes von Kenninghall. Kennen Sie vielleicht den Namen?" Nein, er hatte ihn nie gehört. „Sie sind ja ein solcher Verehrer der Schönheit in jeglicher Gestalt", fuhr sie lächelnd fort; „Sie werden von Lady Wayne entzückt sein. Sie ist, ohne Ausnahme, die lieblichste und anmutigste Frau, die ich je gesehen; nicht wahr, James?" „Unzweifelhaft", stimmte der Earl zu; „sie ist nicht nur sehr lieblich und liebenswürdig, sondern auch von unwiderstehlich mit sich fortreißendem, sonnig heiterem Temperament." „Wir müssen sie sofort bitten", sagte die Gräfin. „Lady Wayne war sehr teilnahmsvoll während deiner Krankheit, Balduin; sie schrieb mehrere male." „Wie weit ist dies Kenninghall von hier?" fragte Werner. „Ungefähr vier Stunden", erwiderte Lady Romsey. „Ich weiß nicht, James", wandte sie sich dann an ihren Gatten, „ob Miß West zurückgekehrt ist. Hast du vielleicht davon gehört?" Balduin fragte dazwischen: „Wo ist Miß West denn gewesen, Mutter?" Die Gräfin lachte. „Ich bin nicht die einzige törichte und besorgte Mutter auf der Welt. Lady Wayne entschied sich seiner Zeit nach vielem Beratschlagen und Ueberlegen dafür, ihre Tochter Elsie in ein sehr berühmtes Pariser Pensionat zu schicken; der Gedanke, Elsie allein gehen zu lassen, war ihr jedoch unerträglich. Miß West ist also so lange in Paris geblieben, daß sie über Elsie wachen konnte. Jetzt lachst du, Balduin. Erinnere dich, daß ich deinetwegen ebenso besorgt war." „Elsie war früher bei unseren Kinderspielen gewöhnlich meine kleine Fran", sagte Lord St. Gilbert nachdenklich. „Es war ein liebes kleines Mädchen. Wenn sie so geblieben, möchte ich sie wohl im Ernst zu meiner Frau machen." „Das können wir uns immer noch genug überlegen", lächelte die Gräfin. „Wir wollen es also als abgemacht betrachten, daß die Waynes nächste Woche bei uns speisen, falls sie nicht anderweitig engagiert sind." Werner, der eine große Vorliebe für alles hatte was er anregende Worte nannte, wiederholte sich mehr als einmal: „Kenninghall, Kenninghall!" Das Wort gefiel ihm; es hatte etwas Musikalisches, etwas Poetisches für ihn, und einmal sagte er auch leise vor sich hin: „Lady Wayne, von Kenninghall. Ich bin gespannt, wie sie wohl aussieht, da alle ihre Schönheit so sehr loben." Er sollte bald selber sehen und urteilen. Die Einladung zum Diner wurde abgeschickt und fand Annahme. In späteren Jahren erinnerte er sich des Tages so sehr gut. Es war nahezu Ende Juli, und die das Schloß umgebenden Gärten waren wie eine bunte, üppige, blühende Farbenpracht. Es waren außerdem einige sonstige Gäste.gebeten worden, und vor Sonnenuntergang fuhr Wagen auf Wagen vor der Schloßrampe auf. „Die lieblichste Frau in England", wiederholte Werner träumerisch, als er dies Schauspiel von einem Bibliothekfenster aus beobachtete. „Ich bin gespannt, wie sie wohl ist!" Er war bisher überhaupt noch nicht sehr schönen Frauen begegnet, ausgenommen in Büchern, und war infolgedessen natürlicherweise einigermaßen gespannt darauf, nunmehr eine in Wirklichkeit zu sehen. (Forts, folgt.) Im Wuchfinkettlsnd.^) Von Alfred Bock. Nachdruck verboten.. In der Stille des Abends brach ich von Marburg auf und wanderte lahnaufwärts. Hinter den Bergen stieg der zunehmende Mond empor und erhellte die Landschaft mit mildem Licht. An derselben Stelle hatte er gestanden, da vor mehr denn sechshundert Jahren Elisabeth von Thüringen in Marburg ihren traurigen Einzug hielt. Und er schaute herab, da der Hohen- staufe Friedrich II., von Scharen frommer Pilger umdrängt, die Gebeine der Heiligen zur letzten Ruhestätte trug. Und er schwebte vorüber, da ein jahrzehntelanger fürchterlicher Krieg Blut und Mord, Brand und Schande über die Stadt brachte, da die Hungersnot unter den Bürgern wütete imbjrie schreckliche Pest. Und er sah hernieder, da die Männer das Schwert in die Scheide steckten, und die Glocken den Frieden verkündigten. Von all dem war er Zeuge. Kein fühlloser Zeuge. Wer weiß denn etwas vom innersten Wesen des bleichen Trabanten? Etwa die Sternforscher, die ihn mit ihren Instrumenten zerlegen und messen? Mit Nichten. Wohl aber die Nachtwandler, die von einer dunklen, geheimnisvollen Macht getrieben, seinem Lichtschein folgen. Von ihnen stammt die Kunde: Einst am ersten Schöpfungstage war das Antlitz des Molches glatt und klar. Wie nun die Menschen die Erde bevölkerten, und die bösen an Zahl die guten überragten, grub sich Runzel um Runzel in das Gesicht des Mondes, und Myriaden Geschlechter ließen ihre Spur darauf zurück. Jahr für Jahr mehren sich die Furchen und Risse. Zuweilen, wenn sich die Erdgeborenen gar zu toll gebärden, hört man nächstens bei klarstem Himmel ein seltsames dumpfes Getöse. Und ahnt niemand, von wannen es kommt. Das ist der grollende Mond. Wer weiß, was all noch geschehen mag! Glock elf erreichte ich K a l d e r n, wo, wie die Sage meldet, Sigurd den Fafnir erschlug. Vor der altehrwürdigen, vom Mondlicht umflossenen Kirche traf ich den Nachtwächter, der mir eine Herberge wies. Der Wirt, ein betagter Mann mit schlohweißem Haar, war ob der nächtlichen Störung zuerst ein bißchen brummig, dann besann er sich eines besseren und holte einen Trunk herbei. Während ich den trockenen Gaumen letzte, hörte ich einen landwirtschaftlichen Vortrag. In diesem Jahre ist dem Bauersmann ein reicher Ernte- fegen beschert. Kaum daß die Scheunen die Fülle bergest können. Trotzdem gibt es „Knotterer", die nicht zufrieden sind. Heutzutage nimmt die Dreschmaschine den Menschen die schwerste Arbeit ab. Früher war's anders. Da ging man zur Erntezeit um zehn Uhr zu Bett, war um zwölf wieder auf der Dreschtenne und zog um vier hinaus, das Grummet zu mähen. „Sellemal", schloß der Alte, „hieß es sich krümmen und kratzen. Und taten einem alle Rippen weh. Und was gab's? Kartoffel und Brot. Alleweil sein ich fünfundsiebzig, und mein Sinn ruht uoch net. Etz guckeu Sie sich emal uns' junge Leut'- an. Das wird mit Fleisch gestoppt und hat kein' Saft und keine Kraft. Und läßt das Man! hängen. Ich hun auch so ent Staches. Ehnder ich mich vor dem auszieh', schmeiß ich meine Sach' in die Lahn. Da hör ich wenigstens den Plumps." t Gegen Mitternacht führte mich der Wirt auf meine Stube. Ich sank in die unergründliche Tiefe eines Bauernbettes. Draußen hatte der Nachtwächter Posto gefaßt, blies zwölfmal auf seinem Horn und rief: „Zwölf ist's! Nun scheidet sich die Zett, Richt' auf den Herrn dein Sinnen, Es kommt der Herr der Herrlichkeit Und führet dich von hinnen. Tut auf das Herz, laßt ihn hineir. Der Herr will euer Führer sein!" , , Der andere Morgen fand mich mitten int hessischen Hinte r l a n d oder, wie der Volksmund sagt, im „Buchfinkenland". Das ist kein Spottname, wie man leichthin glauben könnte, vielmehr rührt die Bezeichnung daher, daß hier Tausende von Buchfinken überwintertt, die im Frühling, wenn dje Liebe ihre Brust schwellt, ihren melodischen Gesang ertönen lassen. Mein Blick schweift hinauf zu den schön geschwungenest Linien der waldbedeckten Höhen und ruht auf grünen Mattest aus. ließet der Sackpseife, dem höchsten Gipfel des Hinterlandes,- schwebt eine weiße Wolke wie eine Botin aus Himmelshöhen. An solch herrlichem Tag empfindet man die Natur wie eine wundervolle Symphonie, darin Millionen Stimmen zu einem, gewaltigen Hymnus zusammenklingen^ , Ehe ich in der freundlichen Kreisstadt Biedenkopf Mtt- tagsrast hielt, erstieg ich die wohlerhaltene Burg, auf der einst der „eiserne Heinrich" saß. Der geht jetzt noch um, und tm: Biedenkopfer Buben, die an der Bstrgmauer spielen, rufen: „Laaft, der eiserne Heinrich kimmt!" ,, , f; Vor der Burg sind zwei Männer ani Werk, emen schöst gewachsenen Lindenbaum zu fällen. Ein gut geHetbeter Herr steht dabei. Er gibt sich mir als der Kaminfegermeister von Biedenkopf zu erkenneu. Da er, wie er sich- ausdruckte, früher pyrotechnisch tätig gewesen ist, Hat man ihm dte Beleuchtung de« Burg übertragen, die bei Gelegenheit eines landwtrtschaftltchest *) Zuerst erschienen im „Berl. Tagebl." — 607 — den Kopf wend' ich Mein der» sind verdienen mich noch einmal um: Nach den Zigeunern lang noch schau'n Mußt' ich im Weiterfahren, Nach den Gesichtern dunkelbraun. Den schwarzlockigen Haaren.— Hessenlander Weiberchen Mit den schwarzen Häuberchen, Mit den kurzen Röckelchen Lanzen wie die Böckelchcn. Im Gegensatz zu den Vogelsberger Bauern, die kurz Angebunden, stolz und verschlossen sind, zeigen sich die Hi nterländerzutraulichund mitteilsam. Ein junger Bauer schließt sich mir an, der den jetzt immer seltener werdenden blauen Kittel trägt. Er hat in Laasphe Einkäufe gemacht prachtvoller Kopf mich an ein Bild des Piombo in Florenz erinnert. Er nennt sich Lagerls und verrät mir, daß er Soldat gewesen und katholisch ist. Morgens und abends betet er für die Seele seiner verstorbenen Frau. Er geleitet mich in seine Hütte, die einen gar ärmlichen Eindruck macht. Der einzige Raum, den sie umschließt, enthält einen kleinen Herd und zwei nicht gerade saubere Betten. Eine Lehmwand ist zusammengestürzt und wird jetzt wieder instand gesetzt. Nachts fährt der Wind über des Alten Bett, aber das stört sein Wohlbefinden nicht. Das Geldgeschenk, das ich ihm reiche, nimmt er dankend entgegen und murmelt einen Segensspruch. Gleich läuft ein Junge ins Wirtshaus und holt Schnaps? Heute hat der fromme Lagerls einen guten Tag. Abseits von den Weibern steht ein junges schlankes Mädchen mit ein paar Augen, die wie zwei Feuer brennen. Sie hat einen winzig kleinen Mund, das schwarze Haar fällt über die Stirn. Sie bettelt nicht und trägt eine stolze Zurückhaltung zur Schau. Wär ich ein Maler, müßt' ich auf die Leinwand bannen. Droben auf der Heerstraße Weg führt am Ufer der Lahn entlang. Auf den Fel- vorwiegend Frauen beschäftigt, denn die Mannsleute im Westfälischen ihr Brot. Das Auge erlabt sich an der Buntheit und Originalität der Trachten, die sich von alters Her erhalten haben: Festes veranstaltet werden soll. Der Lindenbaum ist Hm Tm Wege und muß dran glauben. Wär' ich zwei Stunden eher zur Stelle gewesen, hält' ich den Mann vielleicht überzeugen können, daß er den Burgplatz einer Zierde beraube. Jetzt war's zu spät und ich schaute zu, wie die scharfe Säge unbarmherzig den Baum zerschnitt. Wer konnte sagen, daß der sein ^d) Picht spürte, daß er die Todesqualen nicht empfand? Noch vor wenigen Monaten hatte er im Blütenschmuck gestanden, und die Bienen hatten sich daran berauscht. Nun war er dem Tod verfallen. „Achtung!" rief der Herr Kaminfegermeister und Pyrotechniker. Der Lindenbaum , sank langsam, noch im Verscheiden Ehrfurcht gebietend, wie ein Held. . _ Am Abend desselben Tages war's, daß auf der Terrasse des Hotels Tannhäuser zu Biedenkopf der Briefträger an meinen Tisch trat und sagte, er habe von meiner Anwesenheit, gehört und stelle sich als Dichter vor. Ich lud ihn ein, bei Mir Platz zu nehmen und sah mir den Kollegen au. Er ist Vierziger, sein Haar ist ergraut. Aus dem sonnverbraunten Gesicht schauen ein paar gutmütige, blaue Augen heraus. Er hat zur Schiller- Feier ein Gedicht „Schiller und die deutsche Einheit" verfaßt. Das trug er mir vor. Die letzte Strophe hat sich meinem Gedächtnis eingeprägt: „Eure Liebe nicht erkalte, Schillers Geist hin vor euch stellt« Freiheit, Einigkeit nur walte, Friede sei der ganzen Welt!" In seiner Familie hat er Schweres erlebt. Sein Bruder war ein Trunkenbold, der den Vater bedrohte und die Mutter blutrünstig schlug. Eines Morgens fand man den Wüstling in einem Garten vor der Stadt, beim Uebersteigen des Stakets hatte er das Genick gebrochen? Während die „Biedenköpper" das Grenzgangfest feierten und die Wogen der Festfreude am höchsten gingen, fuhr der Dichter auf einem Wägelchen den toten Bruder heim. Wir sprachen noch mancherlei über das rätselvolle Leben, das so viele Wunden schlägt, über die Dichtkunst, die versöhnt und befreit, und schieden voneinander als gute Freunde. Tie Sonne stand bereits hoch am Himmel, als ich tags darauf von der Höhe des Wittgensteiner Schlosses durch dunkle Wälder talab nach Saßmannshausen schritt. Das ist ein kleines Dorf, das nicht viel mehr als zweihundert Seelen zählt. Am Ufer der Lahn, die das Tal durchströmt, stehen acht oder neun Lehmhütten, von einem Holzstaket umgrenzt. Darin haust die Zigeunerkolonie, die ein Graf v. Wittgenstein vor hundert Jahren hierher verpflanzt hat. Die Männer arbeiten in den fürstlichen Forsten, die Frauen ziehen hausierend umher. Viele haben ihren Typus unverfälscht erhalten. „ Sie leben von der Gemeinde Saßmannshausen abgesondert und dürfen außerhalb des ihnen angewiesenen Gebietes keinen Grundbesitz erwerben. Die Alten und Hilfsbedürftigen muß der Fürst von Wittgenstein ernähren. Kaum daß ich das schmale Gäßchen der Niederlassung betrete, bin ich von Frauen und Kindern umringt, die um eine Gabe bitten. Ein alter Mann kommt herbei, dessen und wandert wieder seinem Dörfchen zu. Ein Automobil rast an uns vorbei. „Ich tat’ mich uni alles in der Welt net in so eine Stink- Hais' setzen", meint mein Begleiter. Sein Gütchen bewirtschaftet er mit seiner Frau und einer Magd. Er schlachtet dreimal im Jahre und hat über nichts zu klagen. In Laasphe hat man ihm geraten, er solle sich gegen Hagelschaden versichern. Das wird er künftig auch tun. Man kann nicht wissen, was passiert. Er gibt allerlei aus der Chronik seines Dorfes zum besten. Eine hübsche Geschichte hab' ich mir gemerkt. Des jungen Bauern Nachbar ist ein wohlhabender Manu. Er hat zwei Söhne. Der älteste ist ein verwachsener! Mensch. Der soll nach dem Willen des Vaters ledig bleiben, soll „unter die Wurst gehackt werden". Er heiratet aber doch, obendrein ein armes Mädchen. Darauf wird er enterbt, und es entspinnt sich ein Prozeß. Der jüngere Bruder kehrt abends von einem Gerichtsgang heim. Im Wald gesellt sich zu ihm ein baumlanger Kerl, der grasgrün angezogen ist und furchtbar uach Schwefel riecht. Kein Zweifel, es war der Gottseibeiuns. Uebcr den Prozeß ist er genau unterrichtet und spricht mit donnernder Stimme: „Sag deinem Vater, er soll jedem sein Teil geben." Der Bursch, am ganzen Leibe zitternd, rennt nach Haus und berichtet, was ihm begegnet ist. Der Familienrat tritt zusammen. Anderen Tages kommt zwischen den Parteien ein Vergleich zustande, und der Buckel wird zusriedeugestellt. „Wissen Sie, was mein Vater selig als gesprochen hat?" endet der Bauer. „Der Deubel bekehrt mehr Menschen als der Pürner.*) Und 's is auch so. Das kann man hier wieder sehen." Am Fuß des Slhlertsberges schwenkt der Redselige ab. Ich erklimme die Höhe. Im Tann lärmen die Spechte. Eichhörnchen spielen auf moosigem Grund. Droben genieße ich noch einmal den Blick auf das liebliche Buchfinkenland: ringswaldgeschmückte Berge, tief drunten Matten und Felder im Lunten Farbenschmelz. Fern im Westen steht eine Wolkenwand, von der Sonne rmgs umgoldet. Plötzlich öffnet sich die dunkle Schicht, und eine Welle schillernden Purpurs bricht hervor. Dahinter aber, von rosigem Blau überwölbt, erscheint ein traumhaft schönes Gcfild wie das himmlische Land der Verheißung. *) Pfarrer. _ Auf dem Schlachtfelds von Jena. Jena, im OftoBtt.. Ein lebhaftes Treiben herrscht in diesen schönen Herbste tagen auf dem Schlachtfelde bei Jena. Tag für Tag kommen aus der näheren und weiteren Umgebung Lehrer mit ihren Schülern und ihren Schülerinnen gewandert; oben, am Napoleonstein — der übrigens kein Denkstein, sondern eine alte Grenzmarke darstellt — stellt sich der Lehrer auf, seine Schüler scharen sich um ihn nnd er hält ahnen Vorträg darüber, wie sich die Schlacht in ihren einzelnen Phasen entwickelt hat. Auch Erwachsene wandern in diesem Herbst zahlreicher als sonst zn der Höhe des Landgrafen^ berg es empor, nm dort oben die Stimmung der Gegend auf sich wirke« zu lasseu. Diese Stimmung wirkt auf jedes empfängliche Gemüt so eindringlich, weil hier oben die Zeit weit langsamer fortgeschritten zu sein scheint, als drunten im Tale. Denn Jena ist ja das winzige Landstädtchen nicht mehr, das' es zn Napoleons Zeiten gewesen ist, es hat sich gedehnt und gestreckt, sein Kleid mit manchem modischen Zierrate geschmückt, und fühlt sich längst nicht mehr als weltferne Kleinstadt. Droben aber, auf der ausgedehnten Hochebene, auf der vor hundert Jahren die Schlacht tobte, hat fich nicht viel geändert, das Gelände ist fast genau so ge« bliebeu, wie es auf den Karten der Schlacht gezeichnet steht, nur eiu paar kleine Seen bei Vierzehnheiligen fehlen/ sie sind ausgetrocknet und als Aecker bebaut. Hier oben am Napoleonstein hielt am Abend des 13. Oktober 1806 der Kaiserder Franzosen Umschau. Ringsum erblickte er blühende Dörfer, umgeben von ausgedehnten! Feldern und zahlreichen Waldungen, die im Herbst in den herrlichsten Farben leuchten. Die Landleute aber, die sonst in dieser Jahreszeit die Felder bevölkern, wären verschwunden, sie waren mit Weib und Kind vor dem heraus-- ziehenden Gewitter geflüchtet. Statt ihrer belebten die preußischen Heerlager die Szenerie. Aber für den zauberhaften Reiz einer thüringischen Herbstlandschaft hatte Napoleon wohl schwerlich Sinn, fem Auge achtete auf andere Dinge und mit Freude bemerkte er, wie günstig dies Gelände für die Kampfesweise feiner. Truppen sein mußte. Zahlreiche Gründe, Täler und Schluchten durchziehen die Hochebene, überall boten Unebenheiten des welligen Bodens, Hecken und kleine Waldungen willkommene Deckung für die leichtbeweglichen fran- — 608 •** zösischen Schützenschwärme, während sie den geschlossenen preußischen Endres verderblich zu werden drohten. Hier oben am Windknollen hielt der Kaiser noch am späten Abend eine Truppenrevue bei Fackelschein und laut schallte das „Bive l'EmPereur!" zu den untätig zuschauenden Preußen herüber; hier oben verbrachte der Kaiser auch die Nacht inmitten seiner Garden, während Tausende seiner Soldaten Jena plündernd durchzogen. Zu seinem Lagerplatz hinauf leuchteten als mächtige Fackeln die brennenden Häuser der alten Musenstadt, und der Nachtwind trug zu ihm das Johlen der betrunkenen Krieger, das Angstgeschrei gequälter Bürger und mißhandelter Frauen empor. Der Mann, dessen Wort Kronen zerbrach und neue Fürsten schuf, rührte feilten Finger, um dem wüsten Treiben disziplinloser Scharen Einhalt zu tun." Von diesem Punkte des Schlachtfeldes aus nahm das Drama des 14. Oktober seinen Anfang. Noch viele Jahre später wurden beim Pflügen und Graben Waffen, Montierungsstücke nnd menschliche Gebeine gefunden, als traurige Erinnerungen an die mörderischen Kämpfe. Bei Rödigen, wo Sachsen und Preußen gegen Marschall Soult im Feuer standen, erinnert ein schlichtes Denkmal au den hier gefallenen Reiteroffizier von Vissing. Bald nach der Hochzeit mußte er von der Seite seiner jungen Gattin in den Krieg ziehen. Bei Rödigen wurde feilt Pferd 'erschossen; er stürzte und brach das Genick. An der Stelle, wo die Bauern aus Rödigen ihn begraben hatten, fetzte ihm seine Witwe'ein Denkmal. Aber als sie zu dessen Ein-, Weihung im Jahre 1858 selbst nach Jena reisen wollte, ereilte sie unterwegs in Riesa der Tod. Sie ruht nun an der Seite ihres Gatten auf dem Schlachtfelds bei Jena. Auf dem Denkmal sieht man zwei verschlungene Hände Md darunter die Uhlandschen Verse: „Es zeugt von einer Abschiedsstunde Wo Hand aus Hand sich schmerzlich rang. Von einem Heilgen Seelenbunde, Von einem himmlischen Empfang." Bei dem Dorfe Zwätzen hat Freiherr von Berlepsch, der letzte Kontur der Balley Zwätzen des deutschen Ritterordens 47 gefallenen Sachsen einen Denkstein gesetzt. Auch bet Kapellendorf, wo General Rüchel sich Vergebens den siegreichen Franzosen entgegenwarf, waren noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts mehrere gutgepflegte Gräber gefallener Kämpfer. An ihrer Stelle wird demnächst ein schlichtes Denkmal errichtet werden. Die Spuren der anderen Gefallenen sind verweht. Sie sind nach der Schlacht eilig verscharrt, kein Denkstein kündet ihren letzten Ruheplatz, hin und wieder wird bei Erd- 'arbeiten, eins dieser Gräber aufgedeckt. Zum Herbst 1808 erschien Napoleon, der nun auf der Höhe seines Ruhmes stand, zum zweiten Male auf dem Schlachtfelde von Jena, an der Seite des russischen Kaisers, umgeben von den deutschen Fürsten, die er zu einer Hasenjagd hierher eingeladen hatte. Der blutige Hohn dieser Veranstaltung hinderte Fürsten und Völker nicht, dem Eroberer mit erniedrigender "Schmeichelei zu nahen. Beim Napoleonstein war ein Tempel erbaut, den folgende, von einem Jenaer Professor verfaßte Inschrift zierte „Prae- septes divos nunc prisca Thuringia junxit, eit uovus attenitos iunget amor populos." (Mächtige Herrscher hat jetzt das alte Thüringen vereint, neue Liebe wird nun einen die staunende Welt). Da war Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung, da seine geistigen Führer Tyrannen, als Friedensengel begrüßten. G M'. Drredschelob. Was mer heit alles kaase muß .Des Flaasch, GemieS, die Eier Die Klaader un die Schuh tut Schtrimb Js alles schrecklich feier. Aach die Kartofsle schlage uff Un Wirschiug, Rettch tut Zwiebel Uit wenn mer erseht au Ebbel denkt, Wahrhast'g, es wird aam iewel. Un zu em neie Winterkeeb Schickt scho neit mehr die Kasse Un zu ner Fahrt nach Frankfort not Wenn mer ritscht vierte Klasse. Ror Ebbes zu em billige Preis Js ebe noch zu kriege Des fein die Quedsche, die wie Schtas Im Schosseegrawe liege. So'n Quedschesege Hot mer nett Erlebt seit eich tim denke Die Bäum, die breche hunnertweis Weil se zu voll tun henke. Uit Honig werd der jetzt gekocht Es schicke nix die Dippe Wer sich kaa Quedsche kaase will Ter tut se ebe schwippe. Wenn mer den ganze Honig wollt In seiner Miass' vergleiche Mer kennt alle Häuser in der Schtadt Bis obenuff aanschtreiche. Un noch e wahrer Hochgenuß In unserem Oberhesse Js, daß mer kann sich rtmberum Satt Quedschekuche esse. Uit daß mei Schorsch in letzter Zeit Nett brumme tut tut fluche — Eich glaab, daß ihn waich hat geschtimmt Mei guter Quedschekuche. Fraa Hannewackel. Bilderrätsel. Nachdruck verboten. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummert Proben giebt es zwei, darinnen Sich der Mann bewähren muß: Bei der Arbeit recht Beginnen, Beim Genießen rechter Schluß. Geibel. Auflösung des Preisrätsels in Nr. 142 der Familienblätter: Sieb, Uhr, Dürft, Elba, Kojen, Magen, Alm, Neid, Nabel, Jammer, Onkel, Mund, Auge, Nebel, Nest, Eber, Sache; Suber m a n it, „I ohanne s". Es gingen 3 71 richtige Lösungen ein. Preise erhielten: 1. Einen großen Prachtglobns: Frau Feldwebel P r e§ ber, neue Kaserne. 2. und 3. Unser Tierarzt, ein großes illustriertes Prachtwerk : Gemeinde-Einnehmer Bender in Langsdorf und Philipp Frey in Lang-Göns. 4. Ter Ratgeber für das praktische Leben. Ludw« Magnus IV. in Großen-Linden. 5. Ki n b e r p a r a d i e s, ein großes Bilderbuch für Deutschlands Kinderwelt: P. Jughardt, Gießen. 6. Die Welt der Kleinen von Eduard Pascal: Lehrer H. Weisel in Garbenteich. 7. Lenau und die Familie L ö w e n t h a l: stud. jur. Klein, hier. 8. Drei Bände „A u s Natur und G e ist es w elt": Lehrer Georg Kling, hier. 9. Aussätze und Vorträge von Max R e i s ch l e: Pfarrer i. P. L. Hofmann, hier. 10. Zwei tuufikwiss. Bücher: Fran H. Schön hier. 11. Zwei Bände „Aus Natur und G eist es w elEi Rentner Theodor Haubach, hier. 12. Rosen und Reben, Gedichte von Georg Brinkmann: Fräulein Sofie S ch l ö r b, hier. Dje Preise können in ber Geschäftsstelle b es „Gießener Anzeigers" in Empfang genommen werden. Aebaktion: Ernst Heß. — Rotationsbruck und Berlaa ber Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steinbruckerei. R. Lange, ©ieBat,