Mittwoch den 15. August Mf -:pSö£ffv.Cl 1906 — Wr. 119 n D 7|i J ifrz/Z ■ SuW L” W Der Stern. Roman von Ulrich Frank. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Die Hand, die den Brief hielt, war herabgesnnken. Tränen rollten erst weich und leise über die bleichen Wangen. Lust und Weh erfüllten ihre Seele, dann weinte sie tief und heiß. Der Vater, der sie verstohlen beobachtet hatte, eilte erschrocken herbei. „Ums Himmels willen, Dellchen? Bist du böse? Ist dir was nicht recht? Ich kann ja noch einen anderen Brief schreiben . . . bitte, sage es mir," Sie hatte seine Hand ergriffen und an ihre Lippen gezogen. Ilnd dann sah sie ihn an so dankbar und sanft und zärtlich, daß es keines Wortes bedurfte. Er nmßte, daß sie ihni nicht zürne. Still verharrten sie noch ein Weilchen, bis sie allmählich sich beruhigt hatte und sich aufrichtete. „Ich will anschreiben, Vätchen," sagte sie, ging in das Nebenzimmer zum Schreibtisch und setzte mit großer, fester Hand nur eine Zeile aufs Papier: „Wir kommen, Muttchen. Wir kommen. Della." Vor ihrer Abreise hatte Adele noch eine Unterredung mit Wittelsbach. Er hatte während der Zeit ihres Gastspieles sich absichtlich von ihr fcrngehalten. War allerdings wohl zu flüchtigem Besuch bei ihr erschienen, aber wie ein Eleichgiltiger, Fremder, jedenfalls wie einer, der die Künst- lerin in der für sie so wichtigen und bedeutsamen Zeit nicht beanspruchen wollte, nicht anstrengen und nicht aufregcn. Sic hatte dies als sehr rücksichtsvoll dankbar empfunden, besonders im Hinblick auf den Brief, den sie am Tage nach ihrer Ankunft von ihm empfangen hatte. Wenn sie daran dachte, so war sie auf Augenblicke geneigt, sein Benehmen als eine seiner Launen anzusehen, die hastig kamen und gingen, ihn aber dann leidenschaftlich beherrschten. Trotzdem war sie nicht erstaunt, am Tage nach der Beendigung ihres Gastspieles ein Billct von ihm zu erhalten, worin er sie bat, ihm eine letzte, ungestörte Uutcr- rcdung zu gewähren, bevor er Berlin verlasse. Ihrer Ab- sichten und Pläne war nicht mit einem Worte gedacht. Sic cmiroortete sofort/ zustimmend. Nicht ohne Bangen und Zagen sah sie dieser Stunde entgegen. Sie kannte seine unbegreifliche Macht über sie, aber sie fühlte auch, daß sie aus diesen, Zustand der Abhängigkeit und Willensunfreiheit hinauskommen müsse, daß sie selbständig auftreten, selbständig in ihren Entschlüssen und Handlungen sein müsse. Es war gegen Abend, als er bei ihr eintrat. Seinen Pelz hatte er draußen abgelegt und nun stand cr vor ihr im ganz dunklen Anzug, der die Blässe seines Antlitzes noch deutlicher hervortreten ließ. Sein glattrasiertes Gesicht, scharf und bewegt, spiegelte in seiner unendlichen Ausdrucksfähigkeit jedes Gefühl wieder. Das Haar, in dessen dunkle Fülle sich schon weiße Fäden mischten, umgab in natürlichen, weichen Wellen das energische Haupt und fiel bei gewissen Bewegungen in die Stirn. Die Stirn war ^das Merkwürdigste an diesem Kopfe. Niedrig und mir an den Schläfen etwas breiter ausladend, trug sie dennoch ein so unverkennbar geistiges Gepräge, daß sie das ganze Antlitz beherrschte. Die Augenbrauen wölbten sich über dunklen Augen, die ihre ganz besondere Sprache redeten. In dem Augenblick, als cr vor Della sich verneigte, blickten sie düster mit einem Ausdruck von Trauer und Nachdenklichkeit. „Der erste Schnee, Della!" sagte cr und wies auf das Fenster. Sie folgte seiner Bewegung und bemerkte jetzt erst, daß die Flocken stark und voll niedersanken. Novembcrflocken, die die Erde rasch aufsaugt, die aber jetzt in weichem, lautlosem Schncetanz umherschwirrtcn wie weiße, zart beschwingte Voaclscharcn. Dicht, ganz dicht, aus tief herabhängenden hellgrauen Wolken. Er hatte seine Absicht erreicht. Wie mit einem Schlage trat das Bild jenes Noocmberabcnds vor sie hin, wo er ihr nachgczogen war durch den weiten, weißen Garten, gespenstisch, herzbedrückend. Dann der Vormittag des Weihnachtstages — und was darauf folgte. Eine lange Reihe von Ereignissen, eine Kette, die mit ehernen Banden sie fesselte. An ihn?! Ein Schauer durchrieselte sie, ein unsägliches Angstgefühl stieg in ihr empor. Stillschweigend beobachtete er die Wirkung seiner wenigen, scheinbar harmlos klingenden Worte. Noch hält er sie, wenn auch ihre Seele sich ihm zu entwinden droht und die eigene Kraft sich in ihr regt. Er hatte dies im Theater empfunden, wo sie sich ihren eigenen Eingebungen völlig überließ und hinreißende Wirkungen erzielte. In leidenschaftlicher Erregung, in Zorn und Ingrimm hatte er es gefühlt, daß sie, die er wie sein Geschöpf, sein Eigentum betrachtete, sich losringe. Aber gerade dies erweckte seine Bewunderung, seine Begehrlichkeit. Das war nicht mehr seine Schülerin, die scheu und ehrfurchtsvoll zu ihm aufblickle, das war rin Wcib, stolz und selbstbewußt. Und dennoch sein Werk! Eine grenzenlose Furcht hatte ihn überfallen, sie zu verlieren. Zaghaft war cr hcrgekommen, aber sein Mut wuchs und seine Hoffnung, als er sie so verträumt vor sich sah, ganz 474 hiugenommcn von den Erinnerungen, die dieser Flockcntanz in ihr weckte, dieser weiche, weiße, warme Schnee! Er hielt die Hand fest, die sie ihm zur Begrüßung gereicht hatte. Und ein Weilchen standen sie, wie in sich versunken, und blickten hinaus in die stille, weite Dunkelheit. Dann geleitete er sie zu einem Fauteuil, der in der Nähe des Kamins stand. Ein leichtes Holzfeuer bräunte darin, knisternd lohten die Flammen auf und warfen einen rötlichen Schimmer über den hellen Teppich. In dämmerndes Licht war der Salon gehüllt. In den Ecken hatte der Abend sich schon eingenistet, sie waren in völlige Dunkelheit getaucht. Nur das Schneelicht, das durch das breite Fenster fiel, und die zuckenden Flammen im Kamin schufen eine seltsame Beleuchtung. Müde, wie willenlos ließ sie sich leiten und sank in den Sessel nieder. Er stand vor ihr und sah auf ihr Gesicht, das in diesem Augenblick abgespannt erschien, welk und matt. Eine Blüte, die erstarrt ist unter der weichen, weiten Schneedecke, die sich über allem ausbreitet. Draußen über der Erde, über Baum und Strauch, über die hohen Dächer und die niederen Hütten, über ragende Türme und spitze Giebel, über Leben und Tod. Uni) hier innen über ihre Empfindungen, über die mutigen Regungen ihres Herzens, über ihr Wollen, ihr Handeln. Es >var ihr, als wache sie nicht, als lebe sie nur im Traume. Er machte feinen Versuch, sie aufzurütteln. Meine Macht, mein Einfluß auf sie werden größer fein, je fassungsloser, je schwächer sie ist, dachte er in rascher Erwägung. Endlich flüsterte er mit sanfter, schmeichelnder Stimme: „Della!" Dann wiederholte er ihren Namen mit stärkerem Klange. Sie fuhr empor und starrte ihn an mit weit geöffneten Augen, als müßten die nächsten Minuten ihr etwas Schreckliches bringen. „Laß uns ruhig miteinander reden und vernünftig, Kind." Er trat von ihr zurück an den Kainin, auf dessen Sims er sich leicht aufstützte. Geisterbleich sah sein Antlitz aus der Dunkelheit, die sich immer mehr im Zimmer ausbreitete, zu ihr hinüber. Ihr Blick hing an ihm wie gebannt. „Wir stehen vor einem Wendepunkt unseres Lebens. Wir müssen eine Entscheidung treffen." Durchdringend heftete er seine Auge aus sie. „Ich eigentlich nicht, aber du! Es konnte dir nicht entgangen sein, daß ich die letzten Wochen dir mit anderen Gefühlen gegenüberftand wie bisher. Aus dem Lehrer, der nur daran dachte, deine herrlichen Eigenschaften zu entwickeln, aus dem Gärtner, der die wundervollen Keime hegte und pflegte, die in dir ruhten, bis sie zu unsagbar schöner Blüte sich entfalteten, hat sich der Mann ausgelöst, der Mau», der dich liebt, anbetet, begehrt. Der Mann, der um dich wirbt, der dich besitzen muß, besitzen ivird — um jeden Preis!" Seine Stimme hatte sich allmählich zu stärkerer Betonung gesteigert. Angstvoll starrte sie ihn an. Kein Wort kam über ihre Lippen, die sie fest züsammenpreßte, als wollte sie nicht durch einen Laut die Qual ihrer Seele verraten. Was sie bisher nur geahnt, worüber sie sich niemals Rechenschaft zu geben gewagt hatte, das trat in diesem Momente mit erschreckender Klarheit vor sie hin; nicht ein Zug ihres Herzens, nicht ein Gedanke ihrer Seele, nicht eine Faser, ein 9(tom verband sie ihm in dem Sinne, den er ganz schroff und deutlich zu erkennen gab. Hilfesuchend schaute sie umher. Wie er dort vor ihr stand mit der Totenblässe im Gesicht, mit den brennenden Augen und bft sieggewohnten Haltung be§ Mannes, der alles sich unterjocht, alles und alle — da erfaßte sie ein Widerwille. Sie machte unwillkürlich eine abwehrende Bewegung und versuchte sich aufzuraffen, um ihm entgegentreten zu können bei dem, was kommen würde, unweigerlich kommen würde! Sie wußte, die nächste Stunde bringt die Entscheidung, aber — anders, ivie er gemeint. Wie ein stilles. Gebet zog es durch ihre Seele. Sie versuchte des Briefes sich zu erinnern, den der Vater ihr vor einigen Stunden gegeben hatte — dieses rührenden, lieben Briefes, der so treu und groß uud wahr erschien in seiner stillen Herzenseinfalt, in seiner Weltfremdheit. — Sie gedachte der Eltern, der Heimat, der Freunde ■— alles sollte sich vereinen, um sie vor ihm zu schützen, aber der Mut sank ihr wieder, als er sagte: „Eigentümlich, ich habe nie geforscht nach der Liebesfähigkeit deiner Natur. So ganz war ich nur in deine künstlerische Seele vertieft, daß ich daran nicht dachte, bis — jetzt weiß ich, daß du ein Weib bist, ein heißes, leidenschaftliches, köstliches Weib." Er zögerte, als wolle er ihr Zeit zu einer Antwort lassen. Da diese nicht erfolgte, fuhr er fort: „Als du zuerst in die Oeffentiichkeit tratest, da sah ich in deinen Bühnenerfolgen nur das Resultat der Studien, zu denen ich dich angeleitet. Alles, was du gabst, war nur die Folge einer ausgezeichneten Ausbildung. Deine Begabung ivar so stark, daß du auch auf der Skala des Gefühls alle Register spielen zu lassen vermochtest. Eiire gewisse Kunst. Ich konnte zufrieden mit dir sein —" Er zwang sich augenscheinlich zu diesem ruhigen Tone, um ihr einerseits eine gewisse Sicherheit zu geben, andrerseits, um die Steigerung geschickt vorzubereiten. „Komödiant!" trat es plötzlich mit erschreckender Klarheit vor sie hin. Da-s gab ihr das gestörte Gleichgewicht wieder. „Aber schon bei deinem letzten Auftreten in Wien schienst du mir anders . . . etwas Neues, Unbekanntes war in dir, was dich mir entfremdete und doch um so intensiver mich anzog. Das warst du — und doch nicht du! Das war, was ich dich gelehrt, und doch ein Anderes, und dann —- du weißt es, Della! Schon während deines Aufenthaltes in Wien mußtest du e§ erkannt haben, wie es um mich stand — was du mir geworden I" Er hielt erschöpft inne. Als müsse er daS, was ihn mit dem Sturmesbrausen der Leidenschaft durchrüttelte, was ihn überwältigte und erschütterte, allmählich ausklingen lassen. (Fortsetzung folgt.) Arc Mrsurmpsuag der Mch/rrnen. Eine naturwissenschaftliche Plauderei zur Erntezeit Von Dr. K. Rudolph. Nachdruck verboten. Deutschland steht zurzeit mitten in einer Ernte, wie mau sie nach dem Verlaufe des Aprils und Mais nicht erwarten zu dürfen glaubte. Im allgemeinen hat die Regel' „Ist der Mai kühl und naß, füllt dem Bauern Scheune und Faß" eine gute Berechtigung. Diesmal aber waren der April und der Mai heiß und trocken und man glaubte fast schon an eine drohende Mißernte, als sich Ende Mat die langersehnte feuchte Witterung einstellte. Diesem gerade noch zur rechten Zeit eintretenbeit Wetterumschlag aber haben wir es zu verdanken, daß die Ernte sich schließlich doch noch recht günstig gestaltet, wenngleich auch in vielen Gegenden ein Zuviel au Regen und Hagelschläge lokale Verwüstungen angerichtet haben. Nicht immer fügt es die Wettergnust so, daß drohendes Unheil noch im letzten Augenblicke abgewendet wird. Eine allseitig und vollkommen befriedigende Ernte allerersten Ranges gehört überhaupt auf einer Fläche vom Umfange Deutschlands zu den Unmöglichkeiten. Es ist schon aus rein meteorologischen Gründen rein undenkbar, daß überall im erwünschten Augenblick die für die besondere Boden- beschaffenheit nötige Menge von Niederschlägen sich cinstellt und zur rechten Zeit der erforderlichen Wärme und Trockenheit Platz macht. Wenn die Felder int niederschlagsreicheren deutschen Westen schon unter ungewöhnlicher Dürre leiden, liegt. eine große Wahrscheinlichkeit vor, daß der im allgemeinen erheblich regenärmere Osten und Südosten nvcli 475 mehr hinsichtlich des Regens zu kurz kommt, uud wenn Schlesien und Posen von Regen triefen, wird es meistens zutresfen, daß im Westen und Nordwesten die Feldfrüchte unter einem Uebermaß bon Nässe zugrunde gehen. Bei der Verschiedenheit der auf einem räumlich beschränkteren Bezirke augebauten Kulturen, von denen die eine gerade daun sonniges Wetter braucht, während für die andere Regen erwünscht wäre, wird es Sankt Petrus niemals so einrichten können, wie es vom Standpunkte des Landwirts aus ideal wäre. Abgesehen von diesen alljährlich wiederkehrenden Uebel- ständen, mit denen jeder Landwirt von vornherein zu rechnen gewohnt ist, droht aber von Zeit zu Zeit immer die Gefahr allgemeiner schwerer Mißernten. Sie nehmen zwar nur selten den Umfang solcher Katastrophen an, wie sie in Vorderindien, im inneren China und im binnenländischen Nordamerika,^ besonders aber in Australien und in Rußland häufig sind, wo gerade jetzt wieder Beträge von vielen Millionen flüssig gemacht werden müssen, um die laudwirt- schastliche Bevölkerung vieler östlichen und südöstlichen Gouvernements vor dem Zusammenbruch zu retten. Einen Schaden von Hunderten Millionen fügen sie gelegentlich aber auch unserer Landwirtschaft zu, von deren Senioren sich noch mancher der Hungersnöte erinnert, die vor jetzt fünfzig Jahren über Deutschland yereinbrnchen und die Brotpreise zu einer seitdem nie wiedergekehrten Höhe steigerten. Wenn die Ernte nicht so ausfällt, wie der Landwirt es stch erhofft hat, so kann dies, abgesehen von den obenerwähnten meteorologischen Ursachen und der Dürftigkeit des Bodens, der für den Anbau bestimmter Pflanzenarten nun einmal unter keinen Umständen geeignet ist, entweder au falscher und unzureichender Düngung oder aü dem Auftreten epidemischer Pflanzenkrankheiten liegen. Zur dnrch- schntttlichen Erhöhung des Ernteertrages führt zunächst also eine Düngung, die sich genau der chemischen Zusammensetzung der Ackerkrume anpaßt imb die Einführung rentablerer P f l a n z en ar t e n, die dem Boden angemessen sind, wobei im Durchschnitt einer Reihe abwechselnd guter, mittlerer und schlechter Jahre unbedingt ein höheres Ertragnis herauskommen muß. Auf diesen Pfaden bewegte sich vor einem Jahrhundert die bahnbrechende Tätigkeit Albrecht Thaers und später die geniale Forscherarbeit unseres Justus v. Liebig, dessen Standard Work „Tie Agrikulturchemie in Anwendung auf Agrikultur und Physiologie" einen unschützbaren Fortschritt bedeutete. Praktische Erfahrung, und luetm sic noch so vielseitig und gründlich ist, genügt heute für sich allein nicht mehr, um den Ruhm eines tüchtigen Landwirts zu begründen. Er muß sich vielmehr eine große Menge botanischer, chemischer und maschinentechnischer Kenntnisse aneignen, wenn er im Kon- turrenzkampse nicht unterliegen soll; denn das landwirtschaftliche Studium im wissenschaftlichen Sinne des Wortes bildet erst im Verein mit der selbstverständlich unentbehrlichen praktischen Erfahrung das Rüstzeug, mit dem der junge Oekonom spätere Erfolge erringen kann. Heute ist die Landwirtschaft über diese Ziele längst herausgeschritten uud sucht neue Mittel, die es ermöglichen, die Mißernten noch viel ivirksamer zu bekämpfen, indem man den ep idemischen P flauz en kran k- heiten energisch zu Leibe geht. Es liegt eigentlich so unendlich nahe, die Pflanze als das, was sie ist, nämlich als lebendes, allerhand Krankheiten unterworfenes Wesen zu betrachten, dem man am besten zu Hilfe kommt, indem man seine pflanzlichen und tierischen Feinde bekämpft. Und docy, wie spät erst ist mau zur Einsicht gekommen, daß bei schwerem Mißwachs die Milliarden Nutzpflanzen, die auf unseren Feldern wachsen, Patienten sind, unter denen fnrcht- Bcire Epidemien wüten, daß genau so wie bei Mensch und Twr unzählige, meist winzig kleine, tierische und pflanzliche Schmarotzer als ungeladene Gäste an demjenigen mitzehren, hcranzücht^^viiich sich mühsam für sein Nahrungsbedürfnis . We gewaltig die hierher gehörigen Schäden sind, zeigt eine , amtliche Erhebung des Ackerbauministeriums in Washington, aus der hervorgeht, daß die Landwirtschaft und, der Gartenbau der Vereinigten Staaten allein durch schädliche In selten einen durchschnittlichen jährlichen Schaden von 700 Millionen Dollar erleidet, und ebenso unerbaulich klingt es, wenn mau in einer amtlichen preußischen Statistik liest, daß im Jahre 1891 die preußische Getreideernte einen Ausfall von 418 Millionen Mark erlitt, weil die Rostpilze (Uredinen), Schmarotzer, deren Mu- eelrum, d. h. Fädengewebe, im Innern der Pflanze lebt und die von ihm befallenen Teile abtötet, in ungewöhnlichem Umfange ausgetreten waren. . Wie zahlreich die epidemischen PflanzeiikranWeiten sind, zeigt folgende auf Vollständigkeit selbstverständlich keinen Anspruch machende Uebersicht. Der Stich verschiedener Insekten ruft die Wachstumsstörung der Galläpfel und Hexenbesen hervor. Andere Insekten zerstören als Engerlinge die Wurzeln. Borkenkäfer unterminieren Bast und Rinde; wieder andere haben es zeitweise ans das Laub, die Blüten und die Früchte abge- ,ehen oder schlagen dauernd ihre Wohnung in der Pflanze auf, , in der sie zwar nicht die lebenswichtigen Organe zerstören, aber durch Säfteraub eine Verkümmerung der Pflanze herbeiführen. Kleine achtbeinige Blattmilben (Tetranychus) überziehen mit ihren Gespinsten die Blätter und verursachen das Absterben des Laubes. Bekannt ist ferner die unheilvolle Tätigkeit der Reblaus, die Zerstörung der Kleefelder durch Stockälchen, die Nematodenkrankheit der Rüben, die Vernichtung der Erbsen- und Bohuenfelder durch Blattläuse, der Rapsfelder durch den Rapskäfer, der Kohlfelder durch die Raupen der Kohlweißlinge, die Krankheiten der Obstbäume durch die Raupen des Frostspcmners und Schwammspiuner, durch die Kirschenfliege, die Blutläuse, den Apfelblütenstecher, die in Weingärten^ durch die Raupen des Traubenwickler, den Heuwurm und Sauerwurm unb die Verheerungen, die in unseren Walbern burch bas massenhafte Auftreten ber Nonne und des K i e f e r n sp i u u er s hervorgerufen werben. Weit zahlreicher ist bie Reihe ber pflanzlichen Parasiten. Seltsamerweise spielen hier aber bie Bakterien nicht eilte so bebeutenbe Rolle wie bei Mensch und Tier. Es sinb vielmehr überwiegenb etwas höher organisierte Pilze, von benen immer neue Arten als gefährliche Pflanzenschäblinge erkannt werben. Zu ben Braub- pilzen uub ben schon oben erwähnten Rostpilzen gesellen sich hier bie erst vor wenigen Jahren eutbecften Pilze, bie ben Roggenhalmbruch und Weizenhalmtod herbeiführen. Eine lange Reihe von Pilzen und Bakterien sind die Ursachen ber alljährlich in ber einen ober aitberen Gegend ouftretenben Kar t o f fe l s ä u l e. Pilze führen auch ben Rübeubraub, ben Bohnen-, Erbsen- imb Kleerost herbei; ein jebes Gemüse hat seine besonderen Schmarotzerpilze. Pilze vernichten ferner oft in weiten Gegenden bie gesamte Obsternte, bebrohen bie Weinberge und zerstören bie beerentragenbeu Sträucher. Kurzum, überall machen sich Krankheiten breit, bei benen schließlich ber Mensch bie Kosten tragen muß. Die Erkenntnis ber krankheiterregenben Ursachen ist zwar ber erste Schritt zur Besserung. Bis zur wirksamen Abstellung ber Schaben ist aber noch ein weiter Weg zurückzulegen, uub leider must man eingestehen, baß wir bis heute erst ein kurzes Stück davon zurückgelegt haben. Die P fla n z en pa t h o lo g i e und Therapie ist eben noch eine sehr junge Wissenschaft, und bezeichnenderweise ist es nicht das auf seine wissenschaftlichen Anstalten so stolze Europa, fonderu Nordamerika und Australien, die hier die Führung übernommen haben. Besonders bemerkenswert ist der von G. Compere in Westaustralien eiugeschlagene Weg, die geborenen Feinde tierischer Pflanzenschädlinge zu studieren und sie auf ber letzteren Fährte zu setzen. Am wirksamsten aber ist bas eiugeheube Studium ber Pflauzenepibemieu in öffentlichen Laboratorien uub Anstalten. Häufig vermag zwar schon eine oberflächliche Betrachtung ein wirksames Mittel zur Abhilfe zu sinben, wie es sich z. B. vielfach barin bietet, baß man unser Hausgeflügel zur Säuberung ber Felber von beit ihnen als Nahrung zusagenben schäblichen Insekten benutzt ober baß man bie infizierten Pflanzenreste int Herbst verbrennt, ober über Nacht Fanglaternen aufstellt, in benen bie bem Licht znstrebendeu geflügelten Insekten verbrennen, nachdem bie tierischen Schüblinge ans diese ihnen besonbers zusagenben Pflanzen ausgewanbert sinb. In ber Mehrzahl ber Fälle, wo chemische Desinfektionsmittel notwendig werden, wird es sich aber doch um verwickelte Untersuche uitgen handeln, bie nur ein mit allen wissenschaftlichen Hilfsmitteln ausgestattetes öffentliches Institut ausführeu kann. Derartige Versuchsstationen unb Laboratorien bestehen heute auch in Deutschlaub in großer Zahl unb haben ihren Schlußstein in der in Dahlem bei Berlin errichteten „Bw- loaischen Abteilung für Land- und Forstwissenschaft am Kaiserlichen Reichsgesundheitsamt zu Berlin" gefunden, dessen kostenfrei gegebene Auskünfte leider noch immer mcht im wünschenswerten Umfange benutzt werden. Unter den zahlreichen anderen Wegen, die zur Erhöhung der Ernteerträge führen sollen, ist seit neuester Zeit die sogen. „Elektrokultur" häufig genannt worden. Die Elektrizität ist ja heute sozusagen das vielgepriesene „Mädchen für alles" und ist in der Tat geeignet, das Pflanzenwachstum zu befördern. Gleichwohl darf man sich von ihr eine Umwälzung in der Landwirtschaft Nicht versprechen. In besonderen Fällen, wo es sich um die Erzielung sehr hoch bezahlter Früchte außerhalb der Saison handelt, kann sie sich rentieren. Ihre Anwendung auf großen Flächen aber hat eine unheimlich lächerliche Aehn- lichkeit mit dem Vorschlag eines auf einem Landgut unterrichtenden weltfremden Lehramtskandidaten ttt einem Wiuterfeldschen Romane, der dem Gutsherrn zur Erhöhung der Eriiteerträge den Vorschlag macht, den Millionen Kleepflänzchen seiner Felder je ein viertes Blatt zu inokulieren. Frankfurt in französischer Beleuchtung. Ter französische Autor Jules Huret, der zurzeit in Deutschland reist, gibt im „Figaro" eine Schilderung von Frankfurt am Main, die neben einigen" Naivitäten manche? Bemerkenswerte und Charakteristische enthält. Er erzählt von dein berühmten Hanptbahnhof, auf bem 500 Züge täglich verkehren, von dem äußerst regen Straßenbahnverkehr, von den sehr schönen belebten Straßen und hübschen Promenaden anstelle des allen Wallgrabens. „Wenn man in Frankreich Verschanzungen niederlegt, so sucht man sogleich Geld ans dem Grund und Boden zu schlagen — wir lieben ja die Natur so sehr! — in Deutschland denkt man sofort daran, hier Promenaden anzulegen, Bäume zn pflanzen, und iimit baut weiter draußen." Er spricht dann von den historischen Häusern der Stadt und verbreitet sich ausführlich über Frankfurt als die Stadt der Kaufleute und der Bankiers. „Frankfurt ist reich." Es hat 831 Bürger, die ein Einkommen von 30 500 Mk. haben, die also Millionäre sind, und 247, die ein Einkommen über 100 000 Mk. haben, 10 mit 135 000 Alk. Einkommen, 11 mit 155 000, 7 mit 200 000, 1 mit 2 305 000, 1 mit 2 400 000 und 1 mit 6 280 000 Mk. Einkommen I Der letztere ist Herr von Rothschild. Als ihn die Steuerbenmten nach der höhe seines Einkommens fragten, sagte er: „Ich weiß es wirklich nicht." Jndeffen mußte er es wissen, und so machte man annähernde Schätzungen und kam für die Steuer auf die genannte Ziffer . . ." „Frankfurt wird größer," schreibt Huret weiter, „und es sieht voraus, daß es immer weiter wachsen wird, und so sind bereits Pläne für die Ausdehnung der Stadt in den nächsten fünfzig Jahren ausgearbeilet, Alan nimmt »an, daß cs sich nach einer bestimmten Richtung entwickeln wird, und schon sehen die Architekten die Gärten und Parks, die großen Straßen und die Baulinien der künftigen Stadt vor. Tie Gemeindebehörde kauft von den angrenzenden Gemeinden ungeheure Terrains und übt auf diese Gemeinden genügenden Einfluß aus, um zn„ verhüten, daß ihre Straßen rmd Neubauten nicht ihre eigenen Pläne stören, lind diese Gemeinden gehen willig darauf ein, denn sie brauchen Frankfurt täglich, und sie wissen, daß sie bei einem Widerstande beseitigt werden würden. Aber ist diese Voraussicht, diese Methode, dieser organisatorische Geist, der an die Entwicklung in fünfzig Jahren denkt, dieses Anpflanzen von Bäumen und Projektieren von Straßen und Plätzen — ist das alles nicht wirklich lehrreich? . ... Frankfurt, die freie Stadt hat sich ein Gefühl der Unabhängigkeit und Kraft bewahrt. Es verdankt nichts den Fürsten und großen Herren, und es ist stolz darauf. Es hat seine Geschäfte, sein Glück für sich, und es will es weiter so haben. So erklären sich die vielen Privatunternehmnngen, die noch Ijente zu seinem Gedeihen zusammenwirken, die öffentlichen Gebäude, diese Oper, dieses Post- gebäude, die Schulen, die Gymnasien die Ausgaben für beit öffentlichen Unterricht, die die Höhe von vier Millionen erreichen, imb dieses Gesamtbudget von 213 Millionen! So erklärt sich vor allein auch dieLiebederFrankiurterBürgerschait zu ihrerStadt, diese leidenschaftliche Hingabe für ihre Interessen, die sie jährlich mehrere Millionen Stiftungen machen läßt." Und nun zählt Huret, ausführlich diese reichen Stiftungen für Schulen und Museen, für Bibliotheken imb Krankenhäuser ans, die von reichen Frankfurtern gemacht worden sind; er erwähnt n. a. besonders den Ankauf des Rembrandt, für den die nötige Summe von über 320 000 Mk. in einigen Stunden von sechs Frankfurtern, deren Namen nicht veröffentlicht wurden, zusammengebracht wurde. Zum Schluß spricht er von den ökonomischen Beziehungen zivischen Berlin und Frankfurt und von den großen industriellen Unternehmungen, die den Reichtum Frankfurts ausmachen. Bon Frankfurt geht auch der größere Teil des inneren Handels mit Südamerika und sogar mit Nordamerika aus. „Warum dies?" fragte ich erstaunt den Industriellen, der mich aus diese Tatsache aufmerksam machte. „Frankfurt vereinigt doch nur einen kleinen Teil der deutschen Industrien, die in den Vereinigten Staaten, in Brasilien, Argentinien, Mexiko und Chile verbreitet werden." „Das ist richtig," erwiderte er mir mit zufriedenem Lächeln, „aber die Frankfurter sind die besten Kaufleute von ganz Deutschland, und die pfiffigsten. Sie haben in allen großen Zentren Südamerikas Vertreter, die sie über die Bedürfnisse dieser Länder aus dem Laufenden halten; sie haben in Deutschland Einkäufer, die die gewünschten Waren billig zu kaufen wissen/ und so wird Frankfurt durch das Verniittlungsgeschäft reich. Nichts hindert Euch Franzosen, es ebenso zu machen. Wnrunr laßt Ihr Euch aus den lateinischen Ländern vertreiben, in denen Ihr vor uns wart? Ihr kämpft nicht darum, und wenn Ihr verdrängt seid, sagt Ihr: Das ist der Fehler der Regierung I" Spracheüe des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. Z w e i g v e r e i n Gießen. E x a m e n. Gehört Examen zu den Fremdwörtern, die kein allzu langes Leben mehr bei uns führen werden? Kaum, denn unsere Studenten werden z. B. sicher noch immer „ins Examen steigen", wenn es auch amtlich längst keins mehr geben sollte, sondern nur noch Prüfungen. Und doch hat Friedrich Kluge darauf hingewiesen, daß man in solchen verdeutlichenden Doppelbildungen wie reitende Kavallerie, treibendes Agens, Guerillakrieg, Examensprüfimg u. ä. nicht nur Halbbildung, unfreiwillige Komik und Geschmacklosigkeit erkennen solle, daß man sie vielmehr auch ernst nehmen müsse als die echte und wahre Regung, das Fremde allmählich ganz abzu» streifen. So komme seit 1700 denn auch schon neben der Examens- prüfung Prüfung allein auf, und dieses gewinne noch heute vor unseren Augen Breite und Umfang. In Oesterreich z. B. soll das Wort Prüfung allein im schriftlichen wie im mündlichen Verkehr gebräuchlich sein; an „Examen" erkennt man dort den Reichsdeutschen. Und um wieviel verständlicher ist doch auch Prüfung! Ist es doch kaum Uebertreibung, zu behaupten, daß von 100 männlichen und weiblichen Examinanden, — nein: Prüflingen, kaum 90, wissen würden, was sie zu antworten hätten, wenn ihnen die Frage vorgelegt würde: „Nun sagen Sir mir einmal, was heißt denn eigentlich Examen selbst?" So geläufig ihnen das Wort ist, so verständnisinnig sie sich seines Begriffes ganze Schwere vorzustellen wissen — „was es heißt" zu sagen, das würde ihnen schwer fallen. Im Lateinischen steht examen neben dem Zeitworte exigere (ex-agere, heraustreiben), es ist aus exagimen über exagmen entstanden; seine erste Bedeutung ist ausfliegender Schwarm, z. B. von Bienen, dann von Menschen; die zweite ist die des Züngleins an der Wage, des hin und her fliegenden; davon dann der Begriff des Abwägeus, des Untersuchens, des Prüfens. Das Zeitwort exigere hat die Bedeutungen : 1. heraustreiben, aber auch verbannen, und schleudern; 2. zu Ende bringen, vollenden; 3. einfordern, erforschen; 4. abmessen, abwägen, untersuchen, erwägen; examinare aber, ba§ von examen abgeleitete Zeitwort, das übrigens ins Deutsche als examinieren eher eingedrungen ist als Examen selbst und schon int Mittelhochdeutschen vorkommt, heißt nur abwägen, untersuchen, prüfen. Trotz langem Verweilen also sind examinieren und Examen Fremdlinge bei uns geblieben, und es steht wirklich nichts im Wege, sie durch prüfen und" Prüfung zu verdrängen. Allein. Unter diesem Titel veröffentlicht Agnes Harder in „liebet Land und Meer" (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt) das folgende schöne Gedicht: Nie, das lerne mit Schauern der Ehrfurcht erkennen, Niemals kannst einen anderen dein eigen du nennen! Schmiege dich an ein Herz in der Liebe Macht — Nur deine eigene Flamme leuchtet dir durch die Nacht. Gib in der Freundschaft dich hin an den andern — Neben ihm nur, nicht mit ihm darssl du wandern! Knie vor der Mutter heiligem Schoß — Ihre eigenen Träume zog sie in dir nur groß! Immer, das sieh in schauernder Ehrfurcht ein, Immer bleibst du — auf Erden! — allein. Rätsel. Nachdruck verboten. Müden bin ich willkommen, ich stärke zu weiterer Arbeit. Setz' statt des Fußes den Kopf: rastlos diene ich dir, Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Zetjnt — Ei — Irene — CoMcnz — Heiber — Ehe — Äiedi Zeichen der Zeit. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,