1906 M t BW iösTy ^l’WW »«WäÄ^MLE! Mittel löse Mädchen. Roman von H. Ehrhardt. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) In dem kleinen Restaurant am See waren nur wenige Gäste. Noch lag rötliches Licht über dem das Häuschen begrenzenden Garten, vom See herüber begann eine frische Brise zu wehen. Eine Leier spielte vor der Tür den „Lunawalzer". Auf dem Grasplatz unter den großen Obstbäumen drehten sich ein paar halbwüchsige Mädchen lachend im Tanz. Weiße Kleider stattertcn und um die erhitzten Gesichter wehte gelöstes Haar. Suse stand strahlenden Auges. „Ach, Fritz, den Lunawalzer I Weißt Du noch?" Er nickte. Ihm würgte es in der Kehle. Ihre heitere Ahnungslosigkeit steigerte seine innere Qualen. Er aß nur, um ihr nicht vorzeitig den Abend zu verderben, aber jeder Bisten quoll ihm im Munde. Ihr schmeckte das ländliche Abendbrot köstlich, das kräftige dunkle Brot, die goldgelbe Butter, die frischen Eier, der rosige zarte Schinken. — Er trank ein Glas Wein nach deut anderen, vorsichtig hatte er den leichtesten Mosel gewählt. — Suse verdünnte ihn noch mit Selterwasser. Allmählich begann das Tageslicht zu sterben. Die tanzenden Mädchen saßen jetzt sittsam bei den Eltern, und die Leier draußen spielte nun klagend und langezogen „Stell' auf den Tisch die duftenden Reseden". Suse sagte leise die Worte des traurigen Liedes zu der Melodie. Als sie geendet, sah sie zu Trautendorf auf, der schweratmend der süßen leisen Stimme gelauscht hatte. Tic ganze ungestillte Sehnsucht der einfachen Worte faßte auch ihm im Gedanken an die Zukunft. Nicht länger im Stande, seine Erregung zu verbergen, nahm er Susc's Hände in die seinen und drückte sie, daß sie im Schiiierz ausschrie. Und während ihre großen fragenden Kinderaugen durch die Däm- merung ihm entgegenleuchteten, bat sie, den krampfhaften Händedruck richtig deutend: „Sag es mir jetzt, Fritz — cs quält mich — spanne mich nicht länger auf die Folter — — ich muß wissen, was mit Dir ist." Da sagte er knapp und klar, wie eine militärische Meldung klangs: „Ich bin für einen erkrankten Kameraden nach China abberufen — tu drei Tagen reise ich." Ter Streich war gefallen. Schwer sank des Mädchens Haupt auf die Schulter des Mannes. Kein Laut kam von ihren Lippen. Und doch schrie alles an ihr. Nach China! Das hatte sie nicht mehr erivartct. Mit dem feinen Instinkt des liebenden Weibes ahnte sie das übrige. Sie weißte cs: das war keine Trennung, der ein Wiedersehen folgen würde, es war das Ende. Ihre Starrheit wirkte geradezu aufrührerisch auf Trautendorf, bei bei ihrem Temperament einen leidenschaftlichen Schmerzensausbruch erwartet hatte. Fast unsanft hob er den blonden Kopf von seiner Schulter empor und bedeckte ihr tief erblaßtes, förmlich versteinertes Gesichtchen mit Küssen. „Sprich doch nur ein Wort, Suse, Herzenskmd, — sel nicht so starr — weine Dich mt§, Du machst mich ja verrückt mit dieser Ruhe —" Sie bewegte zuckend die Lippen. „Ich verlier'Dich auf immer, Fritz — nicht wahr? Ich fühle das." Er vermochte sie nicht zu täuschen. „Mein Liebling, es ist besser so — einmal mußte es )a doch sein." Und er sprach alles aus, was Ruths Mahnworte an guten vernünftigen ehrlichen Gedanken in ihm wachgerufen hatten — so wie er vor Monaten hätte zu ihr sprechen müssen, damals schon, als er eingeschen, daß ihrer Liebe kein erreichbares Ziel gegeben war. Sie hörte ihm zu, ohne sich zu rühren. In schnell emporgeschossener Bitterkeit fand sie seine vernünftigen Vorstellungen kühl und nüchtern, dachte nur das Eine, daß der Krieg ihin ein willkommener Vorwand war, um sie skrupellos verlassen zu können. In ihrem Schmerz erinnerte, sie sich nicht mehr daran, wie oft sie ihm versichert, daß er in keiner Weise an sie gebunden sei, ivie oft sie ihrerseits ihn hatte arifgeben wollen. „Geh'nur!" sagte sie, sich aus seinen Armen lösend, und ihre junge Stimme klang herb und höhnisch, »ich halte Dich nicht, da Du mich so leichten Kaufes aufgiebst." Drüben an der Straße war eine Laterne aufgeflammt und leuchtete grell zii ihnen hinüber. Ganz fassungslos starrte der junge Offizier in Suse's verzerrtes, schmerzzuckendes Gesicht. . . ( _ . War das sein kleines sonniges, leichtlebiges Mädchen, |eut herziger Tollkopf? So schwer nahm sie die Trennung? Einen Moment war er nahe daran, ihr zu Füßen zu stürzen, ihr von Ruths Einmischung zu erzählen und Schwüre ewiger Liebe und Treue daran zu knüpfen, aber er wies die Versuchung von sich. Hatte Ruth nicht recht? Suse war so jung, sie würde es verwinden. Nur kern jahrelanges aussichtsloses Verhältnis! ES war ein Unrecht gegen ihr junges Leben. Er zog die Widerstrebende auf seine Knie. „Suse, Liebling, sei nicht so bitter und ungerecht. Du weißt, wie unsäglich ich Dich liebe — ich hab' Dir hundertmal mein Leben angeboteit und Du hast es nicht gewollt. Was gäbe ich dafür — könnte ich Dich als mein Weib hier zurücklassen. 342 aber soll ich Dich warten und harren lassen auf meine Rückkehr, die auch keine Aenderung in meine Verhältnisse bringt, als höchstens den Hauptmann? Den magst Tu ja doch nicht ohne Geld, Suse, und Schätze werd' ich drüben nicht sammeln." Er streichelte tröstend das lichte im Laternenschein flimmernde Köpfchen. Um sie war es Nacht jetzt. Die Sterne blinzelten schon durch eine Lücke in den Baumkronen. Bald war es Zeit, zum Bahnhof zu gehen. „Sei tapfer, mein Süßes!" redete er Weiter, ratlos diesem starren, schweigenden Schmerze gegenüber, „sieh, daß Du mich vergessen lernst. Es muß sein. Tas Leben ist eben hart und grausam." Sie rührte sich nicht. „So gar kein Glück!" murmelte sie eintönig, „so gar kein Glück." So viel Trostlosigkeit und Resignation bebte in den Wenigen Worten. Sie hatte keine Tränen. Ein Stein lag ihr au f der Brust. Ganz kalt war ihr innerlich, trvtzdeni die Luft noch immer schwül und drückend auf der Erde lag, und ihre Stirn und ihre Hände brannten. Auch er war so heiß. Sie fühlte fernen hastigen Atem über ihre Stirn wehen. „Suse!" sagte er heiser, sich dicht über ihr Gesicht neigend, „ist unsere Liebe denn kein Glück gewesen?" Seine Arnre umschlossen sie fester, sein sehniger Körper zitterte in ungeheurer Aufregung. „Sieh mich doch einmal an, Srrse!" Ihr Kopf bog sich in den Nacken, ihr Weißes Gesicht leuchtete förmlich, die Augen starrten tot. Aber sic erfaßten doch den ernsten vorwurfsvollen Blick, der eine verzweifelte Mahnung, ein heißes Flehen barg. Er löste die Starrheit, die sie umfangen. „Fritz!" Ein einziger halberstickter Aufschrei. Gesättigt von Liebe und Weh. Dann tont] sie beide Arme um seinen Hals und brach in herzzerreißendes Weinen ans. Dritter Teil. 1. Ein Februartag. Kalt und klar. Der Himmel in blau- leuchtender Kuppel über der Riesenstadt. Die Sonne strahlte hell, ohne noch zu wärmen. Aber wenn sie mit ihrem goldenen Glanz in ein behagliches, blnmendurchduftendes Zimmer fiel, dann täuschte fie doch völlig über den frostigen Wintertag hinweg. Auf der Erkerbalustrade in Meta von Brockhaus Zimmer blühten buntfarbig die ersten Vorboten des Frühlings, Hyazinthen von zarten: Blau bis zum intensiven Rosenrot, >grellgelbe Tulpen und großtraubige, elseubeinweiße Maiglöckchen. Meta vertrug sonst starke Blumengerüche nicht, aber heute befand sie sich trotz der tiefen Trauerkleidung, die sie trug, in Feststimmung und zu einer solchen gehörten Blumen und Duft und Wärme — sie lächelte leise und träumerisch vor sich hin. Wer ihr das vor ein paar Jahren gesagt hätte, daß sie einmal um anderer Menschen Glück solch zitternde tiefgehende Freude empfinden würde, sie, die kühle, verschlossene Natur, die egoistisch sich gegen frenrdes Glück und Leid verwahrt hatte! Suse! Was war sie ihr früher gewefen? Eine gleichgiltige Verwandte, die sie in einer großmütigen Laune in ihr Haus lud! Und jetzt! Wie warn: und zärtlich es aus den Tiefen ihrer Brust emporguoll, wenn sie des liebreizenden Mädchens dachte! Und daß sie es sein durfte, die über das blonde Haupt das Füllhorn des Glücks ausschütten würde. Sie griff unwillkürlich nach dem Briefe, den sie seit Tagen mit sich herumtrug, und der, zerknittert und nicht mehr sehr sauber, an einzelnen Stellen verwischte Buchstaben, aufwies, als seien Tränen darauf gefallen. Die blasse Frau fuhr glättend mit der schmalen Weißen Hand über das dünne überseeische Papier und begann zum so und so vielten Male zu lesen: „Mein liebes Weib! Nach den traurigen Nachrichten der letzten Zeit, die für Dich so schwer war, und in der ich Dir nicht helfend und stützend zur Seite stehen konnte, hat Dein letzter Brief, der mich erst nach einigen Irrfahrten erreichte, mir viel Freude bereitet, mir gleichsam eine schwere Last von der Seele genommen. Es war mir zu schrecklich, daß ich in Deiner Trauer um die gute Mutter in der großen Wohnung Dich so allein wußte. Welch glückliche Idee von Dir, Suse Meridies als eine Art Gesellschafterin Ku Dir zu nehmen. Wenn Tu auch schreibst, daß sie viel ernster rind vernünftiger geworden ist, so steckt in der kleinen Person doch sicher noch Lebensfreude genug, um Dich damit aufzuheitern und zu zerstreuen. Ich freue mich so besonders, daß Du immer mehr Gefallen an Suse findest, weil ich Dir heute in bezug auf sie einen Vorschlag machen oder Dich eigentlich, da ich durch ein Versprechen bereits gebunden bin, vor eine vollendete Tatsache stellen möchte. Ich schrieb Dir schon öfter davon, daß ich hier Fritz Trautendorf, mit dem ich dienstlich stets vereint geblieben, freundschaftlich nahe getreten bin, ihn in dieser Zeit aufrichtig schätzen gelernt habe. Trotzdem war es mir zuerst unmöglich, zu erfahren, warum er damals so verzweifelt förmlich mich um meine Fürsprache für sein Fortkommen nach China au- flehte und welches der Grund für sein jäh verändertes tief niedergedrücktes Wesen war. Als ich ihm aber neulich aus' Deinem Briefe erzählte, wurde er bei der Nennung von Suses Namen sehr blaß und verlor schließlich völlig die Fassung, als ich ihm unter Diskretion anvertraute, daß der unvernünftige Kindskopf die glänzende Partie, den reichen Oberregierungsrat, rundweg ausgeschlagen hatte. Er zitterte am ganzen Körper. Da steuerte ich geradewegs auf mein Ziel zu und srug ihn, ob etwa Suse der Grund zu. seiner unglücklichen Stimmung wäre? Da kams endlich heraus: sie lieben sich seit Jahren und können sich nicht heiraten, wollen sie die Welt nicht um eine neue Misere bereichern. Dazu sind doch die beiden prächtigen Menschenkinder zu schade, nicht wahr, mein Herz? Um es kurz zu machen, ich beschloß, Deines Einverständnisses sicher, Suse zu adoptieren, und habe bereits von hier aus alle nötigen Schritte getan, die Du an Ort und Stelle auf Verlangen unterstützen wirst. So sehr fühle ich mich jetzt eins mit Dir, mein liebes Weib, daß ich keinen Moment im Zweifel darüber bin, ob mein Entschluß Deine Zustimmung finden wird oder nicht. Ich weiß genau, Du wirst Suse freudig als Tochter an Dein Herz nehmen und sie zugleich Trautendorf, der in wenigen Tagen die Heimreise antritt, und sich bei seiner Rückkehr sofort bei Dir melden wird, in die Arme legen. Wir werden in dem glücklichen jungen Paare einen tröstlichen Ersatz finden für die Kinder, die uns versagt geblieben sind. Doppelt betrauere ich jetzt das frühe Hinscheiden unserer guten Mutter, die sicher an unserem Vorhaben ihre hellste Freude gehabt hätte. Wäre sie nicht so plötzlich ahnungslos ihres nahen Endes gestorben, sie hätte gewiß vorher ein Testament gemacht und die Zukunft der Geschwister, die sie so herzlich liebte, sicher gestellt. Ruth gegenüber ist es ja unendlich schwer, ohne eine letzt- willrge Verfügung der Verstorbenen eine Form zu siuden, in die man das Geschenk einer größeren Geldsumme kleiden könnte, ohne sie zu verletzen. Du schriebst, sie gefiele Dir jetzt gar nicht, natürlich itn guten Sinne, sähe schlecht aus und habe ihre Malstunden aufgegeben, trotzdem man ihr erstes Werk wohlwollend kritisierte und sich bald ein Käufer faud. Es hat mich amüsiert, daß Du da auch eine Herzeus- geschichte witterst — wäre ja ein Jammer um das schöne stolze Geschöpf. Sollte etwa der Maler — ?" (Fortsetzung folgt.) 157 Hage korsischer Raubmörder. Erinnerungen an Korsika. Nach eigenen Erlebnissen anfgezeichnet von Adolf T i e m a n n.*) (Nachdruck erwünscht.) Man hat mich gefragt, warum ich Korsika besucht Hube- Nachdem ich die Riviera di Ponente von Genua aus bis Nizza bereist hatte, wollte ich nicht wieder von Nizza nach Genua zurückkehren, sondern von Nizza über Ajaccio, Bastia, *) Die Geschichte des Magdeburgers Adoli Tiemanu, der im Jahre 1904 in Korsika des Raubmordes an einem Deutschen angeklagt war, eine lange Untersuchungshaft in Ajaccio und dann in Bastia verbüßte und dann vom Schwurgericht in Bastia srei- gesprochen wurde, dürite ihren großen Umrissen nach manchem Leser in Erinnerung sein. Der so hart Geprüfte hat die Geschichte seines Abenteuers ausgeschrieben; er übergab sie uns zur Einsicht und wir entschlossen uns, sie zu veröffentlichen, weil sie interessante psychologische Züge enthält und ein Beitrag zur Physiognomie der Insel und ihrer Bewohner ist. Die Verantwortung für die Treue der Darstellung, an der wir zu zweifeln keinen Grund haben, muß dem Verfasser liberlassen bleiben; aus naheliegenden Gründen sahen wir auch von redaktionellen Aenderungen und Eingriffen in die Form des Werkes ab. D. Red- 343 Livorno, Neapel nach Sizilien meinen Weg nehmen. Da der Winter auch in den ofenlosen Quartieren Noms und Neapels kalt und ungemütlich ist, riet man mir, den Januar in dem wärmeren Sizilien — Palermo, Taormina, Catania, Syrakus, Messina — zu verbringen. Für Neapel, Capri, Sorrent, Pompeji hatte ich die Zeit von Mitte Februar bis Mitte März vorgesehen, für Rom Mitte März bis Mitte April, für die Riviera di Levante die Hälfte April, für Pisa, Florenz, Venedig, Mailand und die italienischen Seen den Mai. Einst hatte ich auf dem Schlachtfelde von Waterloo Kornblumen gepflückt und von Bouillon auS einen Ausflug nach Sedan und Bazeilles unternommen. Wie auf der Hinreise Ajaccio, die Geburtsstadt Napoleons I., so wollte ich auf der Wende Elba besuchen. Bestehen doch so viele Erinnerungen aus der Napoleonischen Zeit in unserer Familie. Einem Urgroßvater, Pastor Heike, war von den Franzosen seine Kirche in der Neustadt in die Luft gesprengt worden. Der andere, Pastor Wilda, hatte zur Erinnerung an jene Zeit von seinem Patron ein Damasttafeltuch mit der Hochzeit von Kana erhalten, als die gräfliche Tafelwäsche den Kirchenwänden endlich wieder entnommen werde» konnte. Ein naher Bekannter, der Oberforstmeister R., hatte in Weimar gelegentlich einer zu Ehren Napoleons veranstalteten Hofjagd alles Wild forttreiben lassen, so daß schließlich nur eine lahme Hirschkuh angehinkt kam. R. mußte natürlich fliehen. Außerdem lockte .mich dazu das Beispiel meines Freundes Dr. Willi Wolterstorff, der April 1899 in Korsika gewesen war und seinen Aufenthalt in seinen „Streifzügen durch Korsika" in glühenden Farben schildert. Für die Reise hatte ich 5000 Mark ausgeworfen, meine traurige korsische Sache allein hat mir 8000 Mark gekostet, nicht gerechnet den furchtbaren Schmutz, durch den ich waten mußte, alle die enisetzlichen seelischen Aufregungen, in denen ich fast meinen Glauben au Gott verlor, und die unendliche Schmach und Schande, unter der mir beinahe das Herz gebrochen ist. Bisher ist mir nicht die geringste Entschädigung zuteil geworden, auch nicht aus Billigkeitsgründen. Man kennt Korsika, das Land der Vendetta oder Blutrache, seine Einwohner und ihre Sitten aus vielen Beschreibungen. Am 30. Dezember 1903, vormittags gegen 10V4 Uhr, war in dem Stadtwäldchen nahe bei der Hauptstadt Ajaccio der herzensgute Realschuldirektor M. ermordet und um vielleicht 150 Frcs., eine alte goldene Uhr und Uhrkette beraubt worden. Nach den amtlichen Feststellungen hatte er erst einen Schuß hinten ins Genick, der nicht tätlich gewesen war, dann einen Schuß in die Schläfe und schließlich den Erlösungsschuß ins Ohr erhalten. Ein Kampf zwischen dem Opfer und dem oder den Mördern soll vorhergegangen sein. Viele Fußspuren von verschiedenen Längen von dem Kampfe scheinen nicht nachgemessen und sollen später verwischt worden sein. Ich habe leiser die derzeitige» Zeitungsberichte nicht mehr bekommen können und kann deshalb nicht feststellen, ob die Fußspuren von den Mörder» oder von den Gendarmen, als die Leiche gegen 4 Uhr in der Dunkelheit heruntergeschafft wurde, um alle Weiterungen zu vermeiden, oder von dem heftigen Platzregen, der in der Nacht vom 30. auf 31. Dezember herniederging, verwischt worden sind. Bemerken will ich, daß des Boden auf Korsika ziemlich hart ist. Wen» also Fußspuren vorhanden gewesen sind, muß der Kampf zwischen Opfer und Mörder sehr heftig gewesen sein. Der Gerichts- arzt hat int Gefängnis eingehend an meinen Händen die Nägel, die Höhlen zwischen ben Finger», dan» die Achselhöhlen und die Wäsche untersucht. Wen» ich der Mörder geivesc» tunre, hätte er irgend etwas finde» müsse». Ich bin der Ansicht, schon diese genaue Untersuchung hätte mir zur Freiheit wieder verhelfen müssen, wenn man mich nicht wegen höherer Intentionen festhalten und u.nschädlich machen wollte. Jedenfalls mutete es mich eigentümlich an, daß gelegentlich der Schwurgerichtssitzung in Bastia von meinem Verteidiger festgelegt wurde, daß der Tatbestand am Orte erst einige Tage später aus dem Gedächtnis ausgenommen wordc» wäre. Wenn ich nicht irre, verbesserte resp. erweiterte in Bastia der Gerichtsarzt sei» erstes im Januar abgegebenes Gutachten dahin, daß der Ermordete vor seiner Beraubung auf dem Gesicht gelegen nnd dann herumgedreht worben wäre. Diese Aussage ist sehr wesentlich, den» Direktor M. war eine sehr große Gestalt, die ich kamn hätte herumwälzen könne», wenigstens nicht ohne mich, »ach deut blutüberströmte» Leibe, de» ich am 30. Dezember abends im Hospice Eugenie sah, zu urteilen, furchtbar mit Blut zu besudel». Diese Blutflecke wären sicher von zwei Knabe», die mich in der Nähe der Higlandvilla um Streichhölzer für ihre Zigaretten angingen und denen ich, nachdem ich meine sämtlichen netten Nock- und Hosentasche» »ach der Streichholzschachtel durchsucht, nicht nur ein, sondern sogar ein zweites Streichholz ganz geutächlich gegeben hatte, bemerkt worden. Ein Raubmörder, der von seiner Bluttat kam, mürbe kaum bie Junge» so gefällig bebient habe». Doch zurück von dieser Abschweifung! Der Ermorbete roar gegen 2 Uhr nachmittags von zwei französischen Pensionäre» unseres Hotel Suisse, einem Herrn Geiger und seiner Tochter, aufgefunben worden. Diese hatten darauf einen Gärtner, ben sie Blume» pflückend antrafen, abgeschickt, die Gendarmerie zu benachrichtigen, bie bei ber Abfahrt bes um 3 Uhr nach Borna in See gehenben Dampfers beschäftigt mar. Es herrschte bamals in Marseille unb Ajaccio ber mildeste Hafenarbeiterstreik. Er mar so ausgeartet, baß bie Gendarmerie um bie Schiffe Korbon bilden mußten, damit diese nicht erstürmt und ausgeplündert wurden. (Q-ortießung folgt.) Heinrich Hart f. In Tecklenburg bei Münster ist der bekannte, Dichter und Kritiker Heinrich Hart nach nionatelangem, schwerem Krebsleiden int Alter von 50 Jahren sanft entschlummert. Einer der Rufer des sog. „jüngsten Deutschland,, ist in dem Entschlafenen dahingegangen, einer der begabtesten Verkünder der neuen Literatur-Epoche und ein Führer aus den Irrungen und Wirrungen jener gährenben Tage, da — es tu ar in ben achtziger Jahren bes vorigen Jahrhunderts —- ein junges Geschlecht lärmend, fast allzu lärmend, auf den Plan trat, das deutsche Schrifttum in modernem Geiste zu erneuern. Mit seinem jüngeren Bruder Julius stand Heinrich Hart damals in beit vorderste» Reihe» der Kämpfer, aber er war bereit einer, dessen Worte und Gedanke» aus den brauenden Nebel» einer sehnsuchtsvolle» Zeit gleich einem hellen Licht hervorleuchteten und ben Suchenden einen sichere» Weg iviescn. Den» als ein Bereifterer schon griff er in die Bewegung ein, als ein Mann, der zwar noch erfüllt mar von ben kühnsten Träume» der Jugend, dem aber historische und philosophische Studien, dem das Lebe» auch ben Blick geschärft und das Gemüt befruchtet hatten, und der schon ein Künstler mar, da die anderen noch im Sturm und Drang dahinirrten. So ist er damals vielen ein Lehrer und Berater gewesen. An das gemeinschaftliche Literatenleben der beiden Brüder Hart, das Ernst von Wolzogen in seiner köstlichen, vicl- zuseltcit gegebenen Komödie „Lumpengesindel", wenn auch stark übertrieben, doch lebendig und humorvoll, mit seinem ganze» Bohämecharakter geschildert hat, schlossen sich im Sommer 1883 auch noch eine Reihe junger Berliner Studenten an, bereit Name halb einen starken Klang in ber, Literatur befani, so Karl Henckell, Herman» Conradi, Arno Holz, Otto Erich Hartleben, Paul Ernst n. a., und auch Gerhart Hauptmann ging in der Hauptsache von diesem Kreise und seinen Anregungen ans. Ganz besonders aber wuchs der Einfluß Heinrich Harts und seines Bruders, als sic 1887 als Theater- und Literaturkritiker an die „Tägliche Rundschau" kamen. Das eigene poetische Schaffen Harts hat mit den Forderungen, die er als Kritiker stellte, srcilich nicht Schritt gehalten;' es gehört zum größten Teil vielmehr der älteren, als der wirklich modernen, von neuem Geiste erfüllten Richtung an. Dies zeigt sich schon in der ersten Sammlung seiner Dichtungen, die 1878 unter dem Titel „Weltpfmgsten, — 344 — Gedichte eines Idealisten", erschienen. Später ersann er das .Lied der Menschheit", einen dichterischen Vorwurf von gigantischer Großartigkeit, ein Werk, das in vierundzwanzig Epen die gesamte Entwickelung der Menschheit umfassen sollte. Von diesen Epen sind bisher drei erschienen: .Tut und Nahila", „Nimrod" und „Mose" — reiche Schätze niöaen noch im Nachlaß vorhanden sein, denn Heinrich Hart hat" unablässig an seiner Schöpfung gearbeitet, der seine Studien, seine Beobachtungen, sein ganzes Leben gehörten. Tas Sinnen des Dichters ist darin aber seinem Wollen nicht gleichgekonnnen. In den praktischen Dingen des Lebens ivar Heinrich Hart ein wahres Kind — das trat besonders in seiner Gründung „Neue Gemeinschaft" zutage, die seine litterarisch-religions- philosophischen Bestrebungen verwirklichen sollte. Die Gemeinschaft, der die Bruder Hart den ganzen Ertrag ihrer Arbeiten geopfert haben, hat sich vor zwei Jahren aufgelöst. Heinrich Hart war am 30. Dezember 1855 zu Wesel geboren und hat das Gymnasium in Münster besucht. Nach Vollendung seiner Studien wandte er sich dem Redaktionsdienst zu; nach längerer Tätigkeit als Redakteur in Bremen, Glogau, Dresden und Kiel nahm Hart dauernden Aufenthalt in Berlin. Seit 1877 (mit einigen Unterbrechungen) in der deutschen Reichshauptstadt lebend, war er ganz mit Berlin verwachsen, dem er ein gedankenreiches Gedicht gewidmet hat, in dein es heißt: „Endlos auSbreitest du, dem grauen Ozemr gleich, Ten Riesenleib; in dunkler Ferne stoßen Die Zinnen deiner Mauern ins Gewölk, und bleich Und schattenhast verschivinunen in der großen Und letzten Weite deine steinigen Matten. Weltstadt, zu Füßen mir, dich grüßt mein Geist Zehntaiisendmal; und wie ein Sperber kreist Mein Lied wirr über dich hin, berauscht vom Nailch Und Atem deines Mundes, Sei gegrüßt du, sei gegrüßt. 's ist SommermittagSzeit, unb leuchtende Sonnenflut Strömt aus den Himmeln über dick; rings blitzen Und flammen deine Mauern, nnb in weißer Glut Erglühe,t deine Dächer und der Türme Spitzen, Und Helle Wolken Staubs, die aus den Tiefen steigen. Gleich einem glüh'nden Riesenkessel liegst du — Brand Tein Atem, Feuer dein weitfließendcs Gewand, Starr, unbewegt, gleich einem Felsenmeer, Das nackt mit weißen Rippen aus der Wüste steigt. Seine Familie — er hinterläßt eine Frau und eine Tochter — hatte den Eintritt der Katastrophe nicht so bald erwartet. Mit ihr trauert eine Gemeinde von Freunden und Verehrern um den Entschlafenen. Vermischtes. — Das größte Theater der Welt. In New- york ist Ende Mai das Hippodrom eröffnet worden. Der Zuschauerraum enthalt 5300 Sitzplätze, die Haiiptfrout hat eine Länge von 60 Metern; die Träger haben die ungeheure Länge von 35 Metern, gehen bis 7Hz Meter in den Boden unb wiegen je 100 000 englische Pfund. Außerordentlich sind die elektrischen Llnlagen des ganzen Bauwerkes. Der Zuschauerraum wird von weniger als 25 000 elektrischen Lampen beleuchtet, wovon auf den großen Kronleuchter in der Mitte der Decke allein 5000 entfallen. Die Bühne hat eine lichte Höhe von 12, eine lichte Breite von 29 Metern und ist durch einen feuersicheren Äsbestvorhang von einer Größe abgeschlossen, wie sie bisher noch nie angefertigt worden war. Hinter dem vorderen Bogen erweitert sich der Bühnenraum bis auf 60 Meter Breite und 15 Meter Tiefe. Die Kulissen werden auf vier besonderen (Meisen mit Oberleitung hin und her geschoben. Die Geleise sind in konzentrischen Halbkreisen über der Bühne angebracht. Danach ioerden also die Kulissen nicht wie sonst gehoben und versenkt, sondern in seitliche Vertiefungen hinern- geschoben, von denen jede sämtliche Kulissen für die halbe Bühne aufnehmen kann. Ferner sind zur Bewegung von Lasten vier doppelte unb zwei einfache elektrisch betriebene Krane vorhanden, deren jeder einen eigenen Elektromotor besitzt und 2—3 Tonnen zu heben vermag. Die elektrischen Laufkrane laufen auf der unteren Kante der Geleise und besorgen so die Verschiebung der Kulissen und anderer Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Br Dekorationsstücke. Außerdem ist jede der seitlichen Vertiefungen neben der Bühne mit einer elektrisch betriebenen Winde versehen, wodurch die Kulissen nach oben hinaufgezogen oder umgekehrt herabgelassen werden können. Im ganzen sind 60 verschiedene Winden vorhanden, die je 800 Pfund zu heben vermögen. Einen Fachmann würde vop allem die Beschreibung des ungeheuren elektrischen Schaltbretts fesseln, das in acht Felder geteilt ist und aus Schiefer mit Marmor überdeckt besteht. Das Brett hat eine Flächenausdehuung von etwa 12 Quadratmetern. Nach fachmännischem Urteil ist noch bet keinem Schauspielhaus eine elektrische Ausrüstung von ähnlicher Vollkommenheit zurs Verwendung gekommen. — Der W i t w e n e x v o r t. Das Ausfuhrgeschäft in Witwen scheint, wenn man dem in Peking erscheinenden chinesischen Blatte „Tschunghuahao" glauben dach in Japan in Blüte zu stehen. Das genannte Blatt läßt sich wenigstens von einem Berichterstatter in Fengticn melden, ein Japaner babe dort 3000 japanische Witwen eingeinhrt, die er als Hausdienslboleir oder als Hilisfraueu zum Verkauf anbiete. Kauflustigen würden zuerst Photographien gezeigt, worauf sie dann ihre Wahl treffen könnten. Die fremden Weiber würden nach dem Gewicht verkauft, zu 60 Cents das chinesische Piund. Man möchte, wie die „Köln. Ztg." hinzufügt, hoffen und glauben, daß der Berichterstatter des „Tschunghuahao" entweder selbst schlechte Witze macht oder einem den japanischen Nachbarn unfreundlichen Spaßvogel zum Opfer gefallen ist. Literarisches. — „Die Schaubiihne", herausgegeüeu von Siegst, Jäcobsohu, enthält in der 23. Nummer ihres zweiten Jahrgangs vom 7. Juni: Ein Brief von Ibsen. — Ibsen und Berlin. Von S. I. — Tragödie des Schauspielers. Von Jul. Bab. — Frage. Von Paul Verlaine. — Br ahm in Wien. Von Willi Handl. — Dramaturgie. Von Karl Rößler. — Rundschau. (Zur Re- form derProvitizbühne. VerwitweteTheater- direktionen. Prüfungsvorstellungen bei Reinhardt. Aufruf. Das Fest der Handwerker.)--„Die Schaubühne" i . (Verlag: Oesterheld u. Co., Berlin W. 15, Lietzenburger- straße 60), Wochenschrift für alle künstlerischen Bestrebungen des Dramas, des Theaters und der Oper, erscheint jeden Donnerstag im Umfang von 24—32 Seiten und kostet: die Einzelnummer 20 Pfg., vierteljährlich 2,50 Mk. Probenummern gratis und franko durch den Verlag. Für die Küche. — Mf das Preisausschreiben der „Mlg. Fleischer-Ztg.", das 1000 Mark für die besten Beantwortungen der Frage: „Wie wird Fleisch am vorteilhaftesten für den bürgerlichen Tisch zubereitet?" aussetzte, sind 523 Bewerbungsschriften eingereicht worden. Das Preisrichterkollegium, dem der Präsident des Verbandes deutscher Köche, Brunfaut, die 'Altmeister Burg und Disch- latis, die Hofschlächtermeister Eimbeck und Hübner, Frau Hofschlächtermeister Wehlisch und Sarre angehörten, nahm zum Maßstab der Beurteilung der vorgeschlagenen Zubereitungsarten, daß das Fleisch die volle Nährkraft behalte, ferner schmackhaft, weich und leicht verdaulich ser, unb verlieh au Fräulein Helene Lotz in Kassel den ersten, an Frau Gertrud Goldschmidt in Karlsruhe den zweiten Preis, in der Ueberzeugung, daß die Arbeiten dieser Betverbe- rinnen die hygienisch, kulinarisch unb volkswirtschaftlich wichtige Frage der Zubereitung von Riub-, Hammel-, Kalb- unb Schweinefleisch zu ben verschiedenen Zwecken unter allen angeführten Gesichtspunkteil in ber befriedigendsten unb vollkommensten Weise lösen. Die ,,'Allg. Fleischer-Ztg. , Berlin SW. 19, hat die beiden Arbeiten in Form einer Broschüre veröffentlicht, die zum Preise von 30 Pfg. abgegeben wird. Homonym. Nachdruck verboten. Ein lockrer Vogel ist es, sein Nist als schlecht bekannt. Doch giebt es noch zwei Flüsse, die ebenso werden benannt, »n Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer: Mit einem Herren steht es gut, Der, was er besohlen, selber tut. Woeuje. hl'jchen Unwersitäts-Buch- und ©tetnbniderct, R. Lange, Gaben.