1906 ein So gelegt." Erregt sprang Imhoff empor und hob wieder die Hände. „Aber da ist es ja allerhöchste Zeit, daß wir an die Arbeit gehen!",schrie er. . „Ist es auch, Imhoff. Nur nicht hier. Wenn, Sie hier eine Sängerin empfangen, macht sie, daß sie wieder herauskommt. Ich lasse Ihnen morgen fünftausend Mark Vorschuß anweifen; übermorgen miesen Sie sich eine neue Dem Wahren, Edlen, Schönen. Ein Großstadtroman bon Fcdor U. Zabeltitz. (Nachdruck verboten.) (Fsrtfebung.) „I natürlich", warf Imhoff ein; „ein Prinz und rasch?" „Nasch — nein. Es könnte noch schneller gehen. Lille Vorbereitungen sind beendet. Tie Paine sind fertig, die Gelder sind da. Am zweiten Mai wird der Grundstein Gras im Aufsichtsrat: das albt Glanz, Schimmer und feinen Tufr. Ich tvundere mich, daß die Zeitungen noch nichts über die Geschichte gebracht haben." „Sie haben sich bisher mit Andeutungen begnügt. Aber nun werd' ich mir Knappe kommen lassen . . . Ja, was ich noch sagen wollte: kennen Sie einen Herrn Swen Trusen?" „Sioen Truseil?" . . . Imhoff nickte lebhaft. „Selbstverständlich. Ein Mann mit dunklem Knebelbart und einem zwei Finger breiten weißeil Streifen im schwarzen Haar. Trägt immer ein Monoele mit goldenem Rand. Versteht sich. Ein schlauer Spekulant. Er hat das Kasino in Rom begründet, ein großes Tingeltangel, und das Eden in Kopeu- hageil und den Cirgne d'hiver in Brüssel — lauter Tingeltangel. Soll Millionen verdient haben. Was wollte der Kerl von Ihnen?" Haminer lehnte sich gegen das Fensterbrett. Er lächelte verächtlich, „Er kam mit einem Vorschlag. Ein neues Opernhaus wär' Uusinu, sagte er mir. Eine gute Oper könnte ohne staatliche oder fürstliche Unterstützung gar ilicht existieren. Er tischte mir auch Zahleii auf. Jin ersten Jahre würde die Neugier unser Theater füllen. Tann wär' es aus. Und so propouierte er mir denn, den neuen Bau für eine mit raffinierter Eleganz eingerichtete Singspielhalle einzurich-- ten. Halb Zirkus, halb Tingeltangel; unten ein Ball-Lokal, daneben ein elegantes Restaurant —" „Und im Souterrain eine Badeanstalt", vollendete Imhoff höhnisch. Er hob grimmig die Arme aus seinem Frisiermantel. „Baumeister, da könnte ich dreiuschlagen, mit beiden Fäusten — so wurmt mich dieses Sündigen wider den heiligen Geist der Kunst! So ivütend bin ich. . . Tas! cst ja alles Unsinn. Wir haben doch auch mit der Erbschaft der Peretti zu rechnen. Mit ihren Millionen —" „Ei natürlich —" und Hammer lachte. „Ich erzähle Ihnen das auch nur apropos. Als Scherz. Ich habe Herrn Trusen höflich stedankt und erwidert, feine Pläne deckten sich in keiner Weise mit meinen Ideen. Da sagte er, er würde wiederkommen und ging." „Wiederkommen!" rief Imhofs. „Er fliegt hinaus, wenn ►t sich bei mir zeigt. Jjch werde der Liesegang sagen, sie ,oll eine Dynamitpatrone für ihn bereit halten —" „Wer ist die Liese g ang?" „Meine Wirtfchaftsführerin. Woll'n Sie sie sehn? Aber sie sieht nicht hübsch aus." „Ich danke ergebenst. Imhoff, auch Ihre Liesegang Muß in den Hintergrund treten. Sie führt Ihre Wirtschaft tzM ^glanzvoll genug, ®te müssen einen Livreediener haben, der Ihre Besucher empfängt ... Ich ivill mich doch noch eimnal setzen" ... Er zog sich einen Stuhl au den Mitteltisch, betastete behutsam Lehne und Sitz, stäubte mit seinem parfümierten Taschentuch über letzteren unb, ließ sich bann nieder. „Imhoff, die Sache liegt so. Priestap sagt mir, daß er Ihnen unbedingtes Vertrauen schenkt., Ihr Patent als Ober-Reglfseur haben Sie in der Tasche. Priestap will aber auch, daß Sie im Verein mit Herrn von Seeben die Sache organisieren —" „Aha . . . Seeben soll dcr Direktion übernehmen. Das war mein Vorschlag." Hammer nickte. „Eine gute Wahl, soviel ich davon verstehe. Seeben kennt das Theater ans dem ff. Er hat lange" die Oper in Stuttgart geleitet. Er war selbst Sänger —" „Jawohl: ein guter Cortez, ein vortrefflicher Ma- scmiello, ein ausgezeichneter Ädolar —" „Er repräsentiert auch, mit seinem Adel, seinen Orden, feiner Equipage, seiner langen Figur und den fünf Sardellen über der Glatze. Und er hat noch immer Beziehungen zum Hofe. Er soll, als er noch bet der Garde stand, Prin- zesfintänzer gewesen sein — „Und Prinzeß Luise hat auch tvirklich einmal irgend etwas mit ihm gehabt", bestätigte Imhofs. „So ein ganz zartes Prmzessintechtelme-chtel. Ta heiratete er die Storch und quittierte, ließ seine Stimme ausbilden unb ging selbst zur Bühne. Also gut: Seeben Direktor, ich Ober-Regifseur, Rasaöli erster Kapellmeister unb Orchesterdirigent —" Ter Baumeister neigte zustimmend den Kopf. „Rafaölt ist mir unausstehlich", sagte er „aber das spricht nicht mit. Jedenfalls müssen Sie sich nut diesen beiden in Verbindung setzen und au die Zusammenstellung des Personals gehen —" Imhoff wies auf die Papiere, Bücher intb Zeitungen, die den Tisch bedeckten. „Ich habe schon augefangen, Baumeister. Aber ich muß wissen, wann wir die erste Saison eröffnen können — der Verträge wegen. Wie lange wird der Ban dauern?" „Am erfteit Oktober übers Jahr steht das neue Haus fix und fertig da", sagte Hammer mit Bestimmtheit. Imhoff machte große Augen. „Donnerwetter ... ° 3a -ä Wohnung; überübermorgen schicke ich Ihnen die Möbel für Bureau, Empfangs- und Arbeitszimmer ins Hans. Die drei Stuben habe ich selbst entworfen; die Möbel stehen bei Pfaff. Sie werden Ihnen gefallen." Imhoff ritz vor Aufregung sein altägyptisches Kopftuch voin Haupte. ,,Nina!" brüllte er. „Nina, komm her! Zeige Dich; aber in angemessener Toilette! Ich will Dich jemandem vorstellen, vor dein Du das Knie zu beugen hast!" Die Liesegang lugte durch die Tür. Da wurde Imhoff zornig, „'raus, Licsegang!" wetterte er. „Keine alten Weiber zu dieser Stunde! Geht in Eure Hexenküche zurück und beschwört den Kaffeesatz und das Weiße voin Ei und murmelt Walpurgissprüche! Laßt die Jugend ein, Nina soll kommen!" . . . $ Sic kam schon. ES trat wirklich die Jugend in das Zimmer. Es glitt ein froh leuchtender Sonnenstrahl hinein, und es klang ein Lachen des Glücks. Nina war in Stratzentoilette; ging nicht geputzt und mit einem Storchnesthut auf dem Kopfe, auf dein eine Orangerie sich wiegt. Sie ivar sehr einfach gekleidet, und am Arm hing ihr eine Miisikmappe. Aber auf die Kleidung sah Hammer gar nicht, sondern schaute ihr in das Gesicht, das ivie eine LenzknoSpe ivar, die eben der Morgen küßt. „Dies ist Nina, meine Tochter", sagte Imhoff mit großer Bewegung der rechten Hand. „Und dies, Nina, ist der berühmte Baumeister Urban Hammer, der im Begriffe ist, seinen Zauberstab zu erheben, und übers Jahr steht ein neues Opern- und Schaiispielhaus zwischen Brandenburger Tor und Altem Fritzen. Aber die Oper allein ist's, was Dich und mich augeht. Mache Deine Reverenz und sage dem Herrn Baumeister, wie glücklich Du sein würdest, ivenn Du in seinem neuen Hause zum ersten Male vor die Oeffentlich- keit treten könntest." Nina war ein wenig rot geworden und verbeugte sich zuerst sehr würdevoll und nach den Regeln der Tanzstunde. Aber als Hammer ihr mit freundlichem Lächeln die Hand entgegenstreckte, da wurde sie sofort zutraulicher, ließ der zeremoniösen Berneiguug noch einen raschen niedlichen Knix nachfolgen und sagte, das Grübchen in ihrer rechten Wange und zwei Reihen blitzblanker Zähne zeigend: „O, Herr Baumeister, da würde ich ja selig sein! Glück ist gar kein Ausdruck. Vater hat mir schon mannig- mal von dem neuen Theater erzählt, aber, versieht sich, immer nur unter Diskretion, denn cs sollte ja noch verschwiegen bleiben: was muß das für ein herrlicher Bau werden l" „Es wird ein Tempel der heiligen Kunst", fiel Imhoff mit erhobener Stiinme ein, „gewidmet dem Schönen, Wahren und Edlen. Es wird in seiner Art ein Gotteshaus." Diese großen Worte verwirrten Nina. Sie wurde ctivas verlegen, schaute fragend zu Hammer auf und stotterte: „Aber nicht wahr, Herr Baumeister, es werden doch auch Spielopern gegeben, nicht nur heroische — auch solche, in denen ich — ich mitwirken kann? . . . Ich will nämlich Opern-Soubrette werden." Dem leicht empfänglichen Baumeister gefiel die Kleine gar zu gut. Das mar ja ein süßes Geschöpfchen, diese Nina mit ihren leuchtenden dunklen Augen, dem Grübchen, dem frischen Teint und dem schwarzbraunen Gelock. Er neigte verbindlich den Kopf und entgegnete: „Natürlich geben wir auch Spielopern, auch Operetten, wenn es drauf ankommt. Vielleicht eröffnen wir mit einem neuen Werke, in dem Sie beschäftigt sein könnten. Imhoff, da§ wäre wirklich gut. Die Premiere im neuen Hause muß eine Uraufführung sein. Etwas Leichteres, etwas für das große Publikum; aber mit glänzender Ausstattung. Wir müssen gleich zeigen, was wir können. Schauen Sie sich um in der musikalischen Welt; es wird sich ja wohl etwas Geeignetes finden . . . Haben Sie schon Ihren Kontrakt, liebes Fräulein?" »Nein/ sagte Nina, schüttelte den Kopf und wurde abermals rot. Das fand Hammer unbegreiflich. „Aber, lieber Imhoff, dann schließen Sie schleunigst mit Ihrem Fräulein Tochter ab", meinte er. „Ein so bedeutendes Talent müssen wir festhalten." „Wollen Sie sie nicht einmal singen hören, Baumeister?" „Ja . . . Nein ... Ja — aber bei Gelegenheit . . . Ich bin gar nicht musikalisch — das heißt, ich höre sehr gern Musik und Gesang — ich verstehe bloß nichts davon . . . Ich muß mich da auf Sie verlassen. Wenn Sie sagen, Ihr Fräulein Tochter ist eine Acquisation, zu der wir uns gratulieren können, so genügt mir das." „Das kann ich mit gutem Gewissen sagen, Baumeister. Ihre Stimme ist nicht gerade umfangreich, aber süß. Ja — süß ist das rechte Wort. Sie hat eine süße Stimme. Sie hat eine Stimme, die sich gewissermaßen in Herz und Seele schmeichelt." „Das glaube ich", erwiderte Hammer und machte verliebte Augen, während Nina das Köpfchen schief hielt und auf die Erde schaute. „Sie ist die geborene Soubrette", fuhr Imhoff fort; „ist sie das nicht?" „Gewiß ist sic das", antwortete Hammer, und Nina tat immer schämiger. „Baumeister, wer schließt die Kontrakte ab? Ich oder Serben?" „Beide", sagte Hammer, „Sic müsscn sich einigen". „Bon. Und die Gagenfrage?" „Nach Ihrem Ermessen. Stellen Sie uns eine Kalkulation auf, Imhoff. Das sind Fragen, die in den ersten Konferenzen erledigt werden müsscn. Da werden wir den Etat besprechen . . Gnädiges Fräulein, es ist mir ein großes Vergnügen gewesen, Sie kennen gelernt zu haben . . ." Nina sprang mit glänzendem Gesicht an den Baumeister heran, gab ihm abermals die Hand, ivarf noch einen glücklichen Blick auf ihren Vater und ging davon. Ihre Mmik- mappe zitterte am runden Arm und die Röcke schwenkten hin und her. Es war hohe Zeit, daß sie in den Unterricht kam. Aber sie schaute doch noch einmal in die Küche hinein und rief in halbem Jauchzen: „Liesegang, geliebter Fafner, mein Traum ist ans. Der Mann mit dem Löwen hat mir Glück gebracht. Es war etwas Bedeutungsvolles, dessen Sinn unklar ist. Aber daß es etwas Gutes war, steht fest. Ich bin engagiert und trete zum ersten male in einer neuen Nolle in einer neuen Oper in einem neuen Theater auf! Adjö, Liesegang!" . . . Sie schmetterte die Küchentür wieder zu. Was für Gage wollen Sie Ihrem Töchterchen bewilligen?" fragte Hammer im Salon. Imhoff drehte den Kopf hin und her. „Sie ist Anfängerin, und ich bin der Vater", meinte er diplomatisch. „Man soll nicht behaupten, daß ich den Nepotismus begünstigen ivolle. Sagen wir: zweihundert Mark den Monat." „Das ist zu wenig, Imhoff. Eine gute Opernsoubrette kann mehr fordern." „Sagen wir dreihundert." „Sagen wir vierhundert. Imhoff, in diesem Falle bestimme ich. Sie sind der Vater; Sie sind befangen. Eins Kraft wie Ihre Tochter müssen wir >ms dauernd fesseln. Wenn wir heroische Sängerinnen mit fünfzehnhundert Mark und mehr den Monat honorieren, können wir der Soubrette nicht eine Lappalie bieten. Und nun Schluß. Die erste Konferenz findet in Ihrer neuen Wohnung statt. Ich bitte mir aus, daß Sie diese Rumpelkammer schleunigst verlassen . . . Hören Sie: bei Pfaff steht noch eine hübsche Boudoireinrichtung, die ich vor zwei Jahren entworfen habe. Die schicke ich mit. Auch Ihr Fräulein Tochter hat Anrecht darauf, anständig zu logieren. Was kommts darauf an! Repräsentation muß sein. Addio, Imhoff. Ich gehe jetzt zu Priestap ..." Imhoff hatte noch tausend Fragen. Aber der Baumeistei 31 *Ä. erklärte, er habe keine Minute mehr Zeit zu verlieren, sonst entwische ihm Priestap. An der Entreetür blieb er aber doch noch einmal stehen und sagte: „Imhoff, setzen wir die Gage für Ihre Tochter auf fünfhundert Mark fest — also auf sechstausend Mark pro Jahr. Das ist wahrhaftig nicht zu viel für eine gute Soubrette . . / (Fortsetzung folgt.) ArauzöstsHe W Mdenjsmv chten. Geschichtliche Skizze zur Präsidentenwahl in Versailles am 16. Januar 1906. Von Tr. R. K r c u s ch n e r. Als nach der Katastrophe von Sedan Jules Favre in der Nacht vom 3. zum 4. September 1870 die Absetzung der kaiser- lichen Dynastie beantragte, fand die auf dem Pariser Stadthause zusammentretende provisoris ne Regierung für beit Vorsitz keine anderen als General Trochu und Jules Favre, der seine Amtstätigkeit mit beut Rundschreiben begann, daß Frankreich nicht einen Zoll breit des nationalen Gebietes, nicht einen Stein von den französischen Festungen abtreten werde. Einen Präsidenten im heutigen Sinne der Verfassung besaß Frankreich damals eigentlich nicht; denn während die Regierung das Schicksal der belagerten Hauptstadt zu teilen beschloß, richtete sie zur Verwaltung des Departements jene Delegation in Tours ein, in der Gambetta als Minister des Krieges und des Innern bald die Diktatur an sich riß. Gambetta mußte vor der allgemeinen Friedenssehnsucht des französischen Volkes weichen, dessen zu Bordeaux zusammentretende Nationalversammlung am 17. Februar einstimmig den einzigen damals die Lage in Frankreich beherrschenden Mann, den alten Thiers zu ihrem Präsidenten machte. Ten offiziellen Titel „Präsident" führte damals der berühmte Staatsmann und Geschichtsschreiber nicht. Er war zum „Chef der aussührenden Gewalt der französischen Republik" gewählt worden mit der Aufgabe, den Frieden mit Deutschland zustande zu bringen und erhielt das Recht, sich seine Minister zu wählen. Neber die endgiltig anzunehmende Regierungsform sollte erst die Zukunft entscheiden. Erst am 12. August desselben Jahres wurde vom linken Zentrum der Versammlung, von der kaum ein Drittel als wirkliche Republikaner bezeichnet werden konnten, der Antrag eingebracht, daß dem Chef der vollziehenden Gewalt, der fortan den Titel „Präsident" führen sollte, seine bisherigen Vollmachten auf drei weitere Jähre verlängert werden sollten. Die Linke, die eine Majorisierung durch die orleanistisch gefärbte Mehrheit fürchten mußte und sich von der baldigen Restauration der Monarchie bedroht sah, bestritt der Versammlung die Legitimation, über Ver- fassungsfragcn zu eutscheideu. Auf der monarchischen Seite konnte man Thiers noch nicht entbehren und so einigte man sich schließlich mit 491 gegen 93 Stimmen, daß Thiers auf weitere drei Jahre als Präsident der Republik unter der Autorität der Nationalversammlung, bis diese das Verfassuugswerk beendet habe, seine bisherigen Funktionen fortführen solle. Tie dritte Republik hatte nun ihren ersten Präsidenten. Während mau sich mit dem Ausbau der Verfassung beschäftigte, das Land durchs schnellere Bezahlung der Milliardenkontribution von der feindlichen Besetzung zu befreien trachtete und mit Feuereifer den Revanchekrieg vorbereitete, begannen die Aussichten der unter sich gespaltenen Monarchisten zu sinken. Thiers überzeugte sich von der Aussichtslosigkeit der Monarchie und wandte sich den gemäßigten Republikanern zu. Dafür arbeiteten nunmehr Legitimisten, Orleanisten und Bonapartisten an seinem Sturz. Das gegen ihn beantragte Tadelsvotum gelangte zur Annahme. Ter greise Staatsmann dankte noch an demselben Tage ab und während man gerade daran ging, den einen der napoleonischen Marschälle, Bazaine, vor ein Kriegsgericht zu stellen, das ihn wenige Monate später zur Degradation und zum Tode verurteilte, erhob die Laune der souveränen Versammlung den andern, Mac Mahon, zur höchsten Würde, die Frankreich zu vergeben hatte. Ter „moderne Bayard" und „loyale Soldat", wie mau Mac Mahon nannte, der vor dem unglücklichen Bazaine nur den Vorzug, hatte, daß ihn eine rechtzeitige Verwundung vor der Unterzeichnung einer gleich folgenschweren Kapitulation wie die von Metz bewahrte, hatte den Willen, im Sinne der monarchisti- fchen Kammermehrheit zu regieren und bildete dementsprechend sein Ministerium. Frankreich schien am Vorabend der Restauration zu stehen, besonders seit der Enkel Louis Philipps, der Graf von Paris, als Haupt der jüngeren orleanistischen Linie dem Grafen von Chambord, als Chef der älteren bourbonischen Linie in Frohsdorf einen offiziellen Besuche gemacht hatte. Mit vereinten Kräften arbeitete man auf das Ziel los und namentlich im Auslände war man daraus gefaßt, „das von Gott geschenkte Wunderkind" den Posthumns des ermordeten Herzogs von Berry als Heinrich V. den Thron besteigen zu sehen. Indes der Prätendent stieß die ihm angetraaene Krone zurück und der Moment zur Wieberanfrichtung der Monarchie war verpaßt. Es galt «nn, die Republik zur definitiven Staatsform zu machen. Die Verfassung wurde weiter ausgebaut und bestimmt, daß der Präsident der Republik auf 7 Jahre gewählt werden und wieder wählbar sein solle. Mac Mahon hat aber seine Präsidentschaft nicht bis zu diesem gesetzlich vorgesehenen Ende fortgeführt. Zwar war es ihm 1878 noch vergönnt, die erste Weltausstellung nach dem Unglückskriege zu eröffnen. Aber schon im folgenden Jahre, als die Republikaner die Absetzung der bonapartistisch gesinnten Generale verlangten und er sich weigerte, die entsprechenden Dekrete zu unterzeichnen, legte er am 30. Januar seine Würde nieder. Tie Republik war aus den Geburtswehen heraus und deshalb verlief auch die erste Präsidentschaft seines Nachfolgers, des aus dem Abvokatenstande hervorgegangenen Jules Grsvy, verhältnismäßig ruhig. Erst als er am 28. Dezember 1885 zum zweiten Male zum Präsidenten gewählt worden war, zeigte es sich, daß er nichts weniger als populär war. Sein Sparsamkeitssinn/ seine friedlichen Absichten, vor allem aber die Tatsache, daß er in Frankreich so ziemlich der einzige war, der an den von seinem Schwiegersohn Wilson betriebenen Ordeusschacher nicht glauben wollte, führte seinen Sturz herbei. Wieder kam cs in der Te- putiertenkammer zu dramatischen Szenen, als Clsmenceau von ihm die Niederlegung seiner Würde verlangte. Sein MiitisteriuM nahm die Entlassung, um ihn dadurch zur Abdankung zu zwingen, und schon hatte er der Kammer eine diesbezügliche Botschaft in Aussicht gestellt, als das Zureden einiger Radikalen, die cm Ministerium des Toukinesen Ferry befürchteten, ihn verleitete, sich weiter an seine unhaltbar gewordene Stellung auzuklammern. Tie Kammern bestauben jedoch auf seinem Rücktritt und ver- tagteu sich nur, um seine Botschaft zn erwarten, und so blieb ihm nichts übrig, als zu entsagen . Mit Grevys Nachfolger Sadi-Carnot, einem Enkel des Organisators der levee en mässe, kam ein Ingenieur auf den Präsidenteustuhl. Die am 3. Dezember 1887 in Versailles vor- genommene Wahl vollzog sich unter den Drohungen mit einem Votksäufstnnde, den die Boulangisteu nnb Chauvinisten in -Szene zu setzen drohten, falls Ferry aus beit Wahlen als Präsident hervorgeheu sollte. Von allen Parteien mit vollem Vertrauen betrachtet, bestrebt, die Politik in frieblichen Bahnen zu führen, hoch erhaben über dem Schmutz bes Paiiamasiänbals, in den man ihn vergeblich hiiiemzuziehen suchte, fiel Carnot am Wend des 24. Juni 1894, als er in Lyon zum Besuch der Kvlomab- ausstellung weilte, dem Dolche des italienischen Anarchisten Ca- serio zum Opfer und am 27. Juni versammelte sich der Kongreß wiederum, nm Casimier Perter, den bisherigen Kämmerpräsi- benten, auf den Präsideitteustuhl zu erheben. Niemals hat die Wahlmaschinc in Frankreich so glatt tote damals funktioniert, als Perier gleich im ersten Wahlgange die Majorität der Stimmen auf sich vereinigte nnb dennoch wurde schon 6 Monate später eine neue Präsidentenwahl uottoeudm. Ms das Ministerium Tupuy über eine finanzpolitische, die Zinsgorantie für Eisenbahnen betreffende Gesetzesvorlage frei, legte auch der Präsident das undankbare Amt nieder, das aM 17. Januar 1895 auf Felix Faure überging. Faure, der seine kaufmännische Laufbahn als Lehrling in einer Gerberei und Lederhaublung begönnen und sich später zum reichen Schiffsveeder emporgearbeitet hatte, verdaufte die höchste Würde des Staates dem Uinstande, daß nach dem ersten ergebnislosen Wahlgange Waldeck-Rousseau zu seilten Guitsten zurück- getreteit tont, wodurch die Opportunisten gegenüber dem Brisson das Uebergewicht erlangten. Er brach mit der von Grsvy und Carnot beobachteten Zurückhaltung, hielt dem Sturme stand, der sich gegen ihn erhob, als er die deutsche Einladung an die französische Flotte zur Eröffnung des Kaiser Wilhelm-Kanals au- uahm, lenkte das Staatsschiff in den Wirren des Dreyfusprozesses und vcrschafitc endlich sogar der französischen Nationaleitelkeit die Genugtuung, daß das russische Kaiserpaar sich in Parts zum Besuch einfand und daß bei -der Erwiderung des Bcsucy.es vom Zaren das Wort von den „alliierten Nationen" gesprochen ivutbe. Als er am 16. Februar 1899 plötzlich einem Schlaganfalle erlag, ging aus den Wahlen des 18. Februar als 7. Präsident Emil Sou Bet, der bisherige Präsident des Senats, hervor, der von Anfang an mit der Feindseligkeit der Nationalisten zu kämpfen hatte. Zweifelsohne würde Loubet mit großer Mehrheit wieder gewählt werdcii, wenn dies in seinen Wünschen läge. VermisÄite». ** Was soll unser Junge werden? Die toicEfri tige Frage, welchen Beruf wir unsere Kinder ergreifen! lassen sollen, tritt an alle Eltern heran, die nächste Ostern! einen Sohn oder eine Tochter der Schule entwachsen! sehen. Fast alle Bernfsarten sind überfüllt, und schwer fällt es den Eltern, etwas geeignetes zu wählen. Oft sind auch den Eltern gewisse Berufsarten unbekannt, und fitz sind daher nicht in der Lage, ihren Kindern einen Erwerbs-, zweig vorzuschlagen. Ganz unrichtig ist es, wenn Eltern! ihre Kinder in einen Beruf hineindrängen,für ben1 - diese weder Neigung noch Beanlagung besitzen. Daher wird 32 esg »Ke Eltern interessieren, zu erfahren, daß die „Zentrale! für Berufswahl und Erziehungsfragen" in Frankfurt a. M., Auskünfte über bestimmte Verussarten gibt, Berufszwerge für Knaben und Mädchen vorschlägt und auch geeignete Lehrstellen nachweist. Ten Anfragen ist eine Beschreibung des bisherigen Bildungsganges, Lebenslauf des Zöglmgs, um welchen es sich handelt, sowie eine Handschrrftprobe beizufügen. Für Prinzipale aus dein Kaufmanns- und Handwerkerberufe bietet die Stelle gleichzeitig Gelegenheit, einen geeigneten Lehrling zu bekommen. " Die Tat eines Eifersüchtigen. Der in Paris lebende Inspektor einer belgischen Velsicherimgsanstalt van ©...., ein Herr von über 50 Jahren, hatte eine Dame geehelicht, die neben anderen Vorzügen arich den besaß, um dreißig Jahre jünger zu sein als ihr Gatte. Die Funktionen eines Inspektors zwangen van S. . . zu öfteren Reisen. Ein Zufall wollte es, daß seine Frau die Einsamkeit nicht vertrug. Insbesondere graute es ihr vor einsamen Nächten. Sie verfiel auf die Idee, ihre intime Freundin Frau E. . . einzuladen, ihr des Nachts Gesellschaft zu leisieri. Hierbei beging sie die Unvorsichtigkeit, ihren Gatten von den nächt- lichen Besuchen nichts wissen zu lassen. Ein anonymer Brief- schreiber tat, was sie unterlassen, doch in so wenig wohlwollender Weise, daß die Eifersucht von S. . . . rege wurde. Er simulierte eine Abreise und versteckte sich des abends, einen Revolver in der Hand, in den Büschen seines Gärtchens. Gegen Mitternacht öffnete sich das Pförtchen geräuschlos, und ein eleganter, junger Mann schritt auf das Haus zu. Nun zögerte von S. nicht länger, er drückte los, und mit einem Schmerzensschrei sank der Unbekannte zu Boden. Als die Dienerschaft den Verwundeten ins Haus brachte, erkannte van S. — Frau C. Um des nachts unbehindert die einsamen Straßen passieren zu können, pflegte die Dame Männerkleider ' anz ulegen. Sie wurde nach ihrer Wohnung transportiert, während von S. sich den Gerichten stellte. * ©in Projekt für die Erstellung eines Groß- schiffahrtsweges voin Bodensee bis Rotterdam wird in der „Züricher Post" verfochten: Dasselbe sicht für die genannte Strecke die Erstellung eines großen Schiff- fahrtskanals mit einer Minimaltiefe von 8 Meter vor. Durch diesen Kanal soll ein großer Teil der Wassermassen des Rheins abgeführt werden, wodurch vom Bodensee bis unter Mainz gegen iy2 Millionen Pferdestärken Wasserkraft gewonnen würden. Für die Südseite der Alpen, vom Coiuersee bis ins Adriatische Meer, wird ein Kanal von 6,5 Meter Tiefe in Vorschlag gebracht. Durch diesen Südkanal sollen die sämtlichen Gewässer des Comersees geführt und dadurch bis zur Einmündung in den Po ebenfalls 220000 Pferdekräfte gewonnen werden. * Zwei Milliarden in Diamanten. Seit einigen Jahren importiert man in Nordamerika jährlich für 60 Millionen Mark Edelsteine, und ein Newyorker Sachverständiger hat soeben den Wert der Diamanten — nur der Diamanten, nicht der anderen Edelsteine —, die gegenwärtig die Schönheit der Amerikanerinnen erhöhen, auf zwer Milliarden Mark geschätzt. Es herrscht jenseits des großen Ententeiches eine wahre Tiamantensucht. Früher begnügten sich die Frauen der Milliardäre damit, ihre Finger, ihre Arme, ihre Ohrläppchen und ihren Hals mit Ringen, Armbändern, Ohrringen und Kolliers zu schmücken; die Juwelen wurden jedoch nur bei festlichen Gelegenheiten zur Schau gestellt. Heutzutage tragen sie Gürtel, Kronen, Schuhschnallen, die mit Brillanten, Rubinen und Smaragden übersät find, und der kostbare Schmuck wird bei den einfachsten Tiners, ja, selbst im engsten Familienkreise und auf der Straße ausgestellt. Kronen, um deren Besitz manche europäische Königin die millionenschweren Amerikanerinnen beneiden könnte, gehören zum Hausschatze der Damen Astor und Ogden Mills, die drei Diademe besitzt, deren Wert mit 200 000 Dollar nicht zu hoch angegeben ist. Um sich von dem Kapital, das die Frauen der amerikanischen Stahl-, Eisenbahn-, Petroleum- und Schweinefleischkönige in ihren Schmuckschränken festgelegt haben, einen Begriff zu machen, braucht man nur nachstehende Liste zu überblicken: Frau John D. Rockefeller hat für 2 Millionen Dollar Schmück; Frau William Astor für 1500 000 Dollar; Frau Jakob Astor für 1 Million; Frau Kornelius Banderbilt für 1 Million; Frau William K. Bandcrbick für 1 Million; Frau H. P. Belmont für 1 Million; Frau John W. Mackey für 1 Mill.: Frau Bradley Martin für 850 000 Doll.; Frau Perry Belmont für 800 000 Dollar; Frau Hermann Oelrichs für 800 000. Dollar; Frau Orme Wilzon für 800 000 Dollar; Frau James Burdan für 750000 Dollar" Frau William Star Miller für 750 000 Dollar; Frau Alfred Banderbilt für 750000. Dollar; Frau Friedrich Banderbilt für 750 000 Dollar; Frau Jay Gould für 500 000 Dollar: Frau Philipp Rhinelander für 500 000 Dollar. Siebzehn Damen besitzen also mehr als 65 Millionen Mark, die gänzlich unproduktiv angelegt sind. Es sind aber nicht nur die Zahl und der Geldwert der Edelsteine, die die Besitzgier der Amerikanerinnen lvach- rufen, sondern auch die Seltenheit des Schmuckes und das historische Interesse, das sich" daran knüpft. Frau Clarence H. Mackey zum Beispiel besitzt einen Saphyr, der an Reinheit und Schönheit in der ganzen Welt nicht seinesgleichen haben soll, und Frau Belmont ist Besitzerin einer Perlen- Halskette, die einst der Königin Marie Antoinette gehörte, und eines Tiamantschmuckes, der einst die Brust der Kaiserin Katharina von Rußland schmückte. * (Sine Mißgeburt wird wohl bald aus unserem postalischen Verkehr wieder v e r s cb w i n b e tt — der Kartenbrief. Wie die Blätter berichten, wird er von Jahr zu Jahr weniger vom Publikum begehrt. In den wenigen Monaten des Jahres seiner ersten Ausgabe, 1897, waren über 6 Millionen Stück abgesetzt worden. Im ersten vollen Jahre stieg deren Verbrauch auf mehr als 8 Millionen. Schon 1899 wurde aber nur die Hälfte davon, etwas über 4 Millionen, verlangt. Im Jahre 1900 siel die Zahl weiter auf 3 Millionen, 1901 auf N/z Mill. 1902 war der Verkauf um weitere 174 000 zurückgegangen. Wohl die Ankündigung seines Endes verschaffte dem Kartenbrief 1903 wieder etwas mehr Interesse. Es wurden 17 000 Stück mehr als im Jahre vorher verkauft. Das letzte Jahr, 1904, bringt aber wieder einen weiteren Rückgang um 25 000 Stück. Insgesamt wurden 2 426 035 verkauft. Die Zahl ist verschwindend klein gegen die Gesamtzahl aller übrigen Wertzeichen, die in demselben Jahre fast 3s/4 Milliarden betrug. Allein an Fünfpfennigmarken wurden über 1 Milliarde, an Zehupfennigmarken 935 Millionen abgesetzt. Alle übrigen Wertzeichen, selbst hohe Werte bis zu 5 Mark, finden von Jahr zu Jahr steigenden Absatz. Allein der Kartenbrics wird immer weniger verlangt. Es besteht zwar noch nicht die Absicht, die Kartenbriefe abzuschaffen. Das wird sich aber im Laufe der Jahre von selbst ergeben, wenn glicht wesentliche Verbesserungen an ihm vorgenommen werden,