Ireitag de» 14. Aezemöer Wr. 184 1906 a CTsRH TW M Im Manne des Heyermnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten; (Fortsetzung.) 73. Kapitel. Des vorsätzlichen Mordes angeklagt. Lord Wayne war es, der dies kummervolle Tete-a-Tete unterbrach. Herr Sinclair war erschienen und hatte darauf hingewiesen, die Zeit dränge. > „Es ist nutzlos, eine böse Stunde aufzuschieben, Mylord", sagte er. „Ich habe den Verhaftsbefehl hier, und er mutz ausgeführt werden. Es tut mir so leid, wie es nur jemandem tun kann, aber Gerechtigkeit muß sein." Doch die Bitten seines Weibes klangen Lord Wayne noch im Ohr; ihr bleiches, bittendes und beschwörendes Gesicht stieg vor ihm auf. „Ich bin ein englischer Edelmann", sagte er, „und als solcher kann ich Sie nicht zu bestechen suchen; aber sagen Sie mir, gibt es etwas, ich darf sagen, etwas auf der ganzen Welt, was ich tun kann, um meiner Gattin diese unauslöschliche Schmach zu ersparen? " Nein, etwas derartiges gab es nicht. Ehe die Sonne untcrging, mußte Lady Wayne, als des vorsätzlichen Mordes angeklagt, noch nach London ins Gefängnis gebracht werden. Tie Sache würde sich eine Zeitlang sehr still halten lassen, schließlich aber mußte doch alles bekannt werden. Lord Wayne sah sehr ruhig in das schlaue Gesicht seines Gegenübers. „Sie begehen eine» Mißgriff, Sinclair", sagte er. „Abgesehen von allem persönlichen Interesse, das ich an der Sache habe, versichere ich Ihnen aufs feierlichste, daß Sie Unrecht haben: Lady Wayne ist vollständig unschuldig." „Es wäre sehr sonderbar, Mylord, wenn Sie das nicht glaubten", erwiderte der Geheimpolizist unbeirrt. „Wenn Sie mir die Umstände, die so stark gegen sie sprechen, in zufriedenstellender Weise erklären können, so soll es mich wirklich freuen." Lord Wayne saß einige Minuten tief in Gedanken versunken. „Ich will Ihnen alles sagen", sagte er dann; „Sie grd verständig, klug und schlau, und sehen vielleicht einen eg aus dem Dilemma. Sei dem aber wie ihm wolle, ich verpfände Ihnen sogar das Heil meiner Seele darauf, daß Lady Wayne ebenso schuldlos an diesem Verbrechen ist, wie Sie oder ich. Sie sollen alles erfahren. Ich erzähle Ihnen lediglich den Sachverhalt und vertraue, daß cs Ihrer Kombination gelingt, das Geheimnis zu enthüllen." Daraus erzählte er die Geschichte von der ersten Heirat seiner Gemahlin. Der Geheimpolizist hörte mit Aufmerksamkeit zu; kein Wort entging ihm; als Lord Wayne aber geendet, schüttelte er ernst den Kopf. „Mylord", sagte er einfach, „diese Geschichte bekräftigt leider nur die Schuld der bedauernswerten Dame. Ich frage, wer hatte einen so starken Beweggrund wie sie, ihn aus der Welt zu schaffen? Er bedrohte sie, verlangte Unmögliches von ihr; wenn sie dem nicht zustimmte, ivas eine Beleidigung war, so hätte er ihrem guten Namen und Ruf ein Brandmal aufgedrückt. Was ist wahrscheinlicher, als daß sie ihn aus dem Wege wünschen sollte?" „Ich kann Sie nicht überzeugen", sagte Lord Wayne ruhig. „Sie werden, des bin ich überzeugt, finden, daß Sie auf falscher Fährte sind, und werden es bitter bereuen, einer Unschuldigen so himmelschreiendes Unrecht getan zu haben." „Sie werden finden, Mylord, daß die ganze Welt so denkt; die Geschichte, von der Sie glauben, sie entlaste Lady Wayne, beweist nur ihre Schuld." „Dann wollen wir die Sache nicht weiter erörtern", sagte Lord Wayne und erhob sich; „ich werde mit meiner Gemahlin nach London gehen, und werde die Aufgabe, ihre Unschuld zu beweisen, geschickteren Händen überlassen, wie den Ihrigen." Herr Sinclair lächelte vor sich hin, die Spitze rührte ihn nicht, es war ja nur natürlich, daß Lord Wayne seine Gattin verteidigte. „Ich will ihr mitteilen, was sie erwartet, und mit ihr gehen", sagte Lord Wayne an der Tür. Auf dem Wege zu den Gemächern seiner Gemahlin traf er Elsie. „Papa", flüsterte sie ängstlich, „ist irgend etwas nicht, wie es sein sollte? Alles ist so merkwürdig." „Nichts, nichts, mein Liebling", erwiderte er scheinbar fröhlich, „ich möchte aber, du bestelltest den Wagen und führest zu Lady Romsey hinüber und brächtest eine Mitteilung von mir hin." Sie errötete, lächelte und sagte, sie würde bald fertig sein. Er schrieb an die Gräfin hastig folgende Zeilen: „Liebe Lady Romsey, ich habe keine Zeit, Ihnen ausführlich mitzuteilen, was hier nicht stimmt. Bitte, halten Sie Elsie ein paar Tage dort bei sich, und sorgen dafür, daß sie keine Klatschereien hört. Sie sollen in wenigen Tagen mehr erfahren." Er sah, wie Elsie lächelnd und seelenvergnügt abfuhr. Daun betrat er das Gemach, wo seine Gemahlin und ihr Sohn weilten. Niemand hätte aus seinen Zügen entnehmen können, wie tief die innere Wunde war. „Evelyn", sagte er sanft, „ich gehe mit dir nach London." Ihr schönes Gesicht wurde noch um eine Schattierung blässer. „Ich wollte, es wäre zu meinem Grabe", stöhnte sie leise. „O, Mortimer, läßt sich nichts tun, um mich zu retten?" „Werner", sagte Lord Wayne, „es freut mich, daß deine Mutter dich zur Hülfe hat; niemand weiß besser wie du, wie unbegründet, wie abgeschmackt diese Anklage gegen sie ist, die wir alle hochachten und verehren. Ich gehe mit — 734 kann, würde ; »ich Gott wahr, „Versteh' mich recht, Bald/ sagte der Vater ernst sage nicht, daß die Anklage auf Wahrheit beruht — verhüte I — Ich will lediglich sagen, es ist wirklich daß eine derartige Anklage ergaben ist." Lord St. Gilbert bebte vor Entrüstung. „Wer überhaupt eine solche Geschichte glauben Leide tun! Seine Eltern baten ihn, seinen Zorn und seine Entrüstung zu mäßigen, damit wenigstens Elsie nichts zu Ohren komme; aber die Sache sollte sich nicht mehr lange verheimlichen lassen. Am folgenden Tage nachmittags bat Elite ihren Bräutigam, ihr doch mitzuteilen, was eigentlich vor sich gehe. „Es ist etwas von Mama," sagte sie kläglich, „die Leiite sehen mich so merkwürdig an, wenn ich ihren Namen nur erwähne. Was ists? Wenn alle mich täuschen, so ivirlt wenigstens du mir doch die Wahrheit sagen." Er wußte, srüher oder spater mußte sie ja doch davon hören oder lesen, — und deshalb teilte er es ihr schonend mit. Er sagte ihr, einige Esel von Geheimpolizisten hätten sich erdreistet, Lady Wayne zu verdächtigen, weil sie sie mit dem Toten früher hätten sprechen sehen. Er erzählte es ihr so vorsichtig, behutsam und zärtlich, mit soviel Entrüstung über die Tölpelei der Polizei, wie er muß blödsinnig sein!" rief er aus, „Laüy Wayne keinem W'urm, geschweige denn einem Menschen, etwas zu thr, ich überlasse dir ihre Verteidigung; wenn du irgend einen Plan ausfindig machen kannst, ihr zu helfen, so tue es; es muß doch eine Lösung des Geheimnisses geben, nur, daß sie uns bis jetzt noch unbekannt ist." „Ich werde nach Elton gehen", sagte Werner entschlossen, „der arine Jack hat fast sein ganzes kurzes Leben dort zugebracht; dort werde ich vielleicht auch den Schlüssel §u diesem Geheimnis finden." Nicht lange nachher, und die Linden Kenninghalls sahen ein Schauspiel, das sie noch nie zuvor gesehen; ein geschlossener Wagen fuhr vor dem großen Portal vor, darein stieg die goldhaarige Herrin des Schlosses, neben ihr zwei schwarze, stumme, aufmerksame Gestalten, ihr Antlitz blaß wie der Tod. Dann stieg auch Lord Wayne ein; er sah blaß und ernst aus; er hätte alle seine weiten Besitzungen, sein ganzes großes Vermögen hingegeben, um sie zu retten, und — er konnte es nicht. Isabel Wayne beobachtete alles mit gespannten, neugierigen Augen. Lord Wayne hatte sie fragen lassen, ob sie die Sorge stir das Hauswesen eine kurze Zeit lang übernehmen wolle, während Lady Wahne und er abwesend seien — aber warum das nur, warum? Es war vorher nichts von einer solchen Reise erwähnt worden. Sie hatte Lord Wayne flüchtig zu Gesicht bekommen, und seine Miene hatte sie erschreckt, ein blasser, stiller, unverwischbarer Kummer war darin ausgeprägt. Wie das Gerücht zuerst entstanden, wußte kein Mensch, aber es verbreitete sich langsam, unmerklich: „Es ist mit Lady Wayne nicht alles in Ordnung." Was war es — das wußte niemand. Die Leute trafen sich, sahen sehr teilnahmsvoll und geheimnisvoll aus, daun fragten sie sich: „Haben Sie diese merkwürdige Geschichte von Lady Wayne schon gehört?" Dann, wenn sie dazu kamen, die Geschichte zu erzählen, war jede Lesart anders, und keiner wußte so recht und bestimmt, was eigentlich nicht in Ordnung war. „Etwas, was mit diesem schrecklichen Mord in Verbindung steht", sagte der eine. Ein anderer behauptete: „Nein, es ist eine sonderbare Geschichte über eine frühere Heirat ans Licht gekommen." Niemals war Mrs. Isabel Wayne so unausgesetzt in Anspruch genommen gewesen, wie jetzt. Die Herzogin von Chisledon kam angefahren, neugierig, erregt, glücklich. „Mar es wahr? War wirklich mit Lady Wayne etwas nicht in Ordnung?" Zur allgemeinen Enttäuschung hatte Mrs. Isabel Mahne nichts zu erzählen. Tie Mordtat war wirklich sehr unangenehm gewesen. Lord und Lady Wayne wären tu London, sie wüßte nichts darüber, wann sie zurückerwartet würden. Am Tage nach Lady Wahnes eiliger Abreise wurde Jack zu Grabe getragen. Noch lange nachher erzählte man von dem wilden Schmerze der Mutter — sie und Werner waren die einzigen Leidtragenden — wie sie allen Trost zurückgewiesen habe, und wie man, als der Sarg ins Grab gelassen worden, sie nur mit Mühe daran verhindern konnte, nachzuspringen. Lord Wayne hatte die Anordnungen für das Begräbnis getroffen, es war nicht gespart worden, und während die Leute umherstanden und seine Freigebigkeit lobten, sahen sie sich gleichzeitig etwas sonderbar an und fragten: „Was ist dies eigentlich für eine Geschichte mit seiner Frau?" 74. Kapitel. Die Welt und ihre Meinung. Die Wahrheit wurde bald bekannt. Die sonderbaren Gerüchte, die Klatschgeschichten, die dunklen Andeutungen wurden eirdlich klar. Die Leute auf und bei Kennmghall sahen einander entsetzt an und flüsterten sich gegenseitig zu, daß Laüy Wayne des vorsätzlichen Mordes angeklagt sei. Nie war eine solche Erregung, ein solches Aussehen bagewesen. „Wer war denn der Ermordete?" fragte man, und die Antwort warf auch kein Licht auf das Geheimnis — „Ter Bruder von Lord Romscys Sekretär." Was hatte er denn mit Lady Wayne zu schaffen? Weshalb hätte sie ihn ermorden sollen? Eine kurze Zeit lang wunderte man sich, plauderte, klatschte, kombinierte und erfand; dann kam so etwas wie ein Schimmer der Wahrheit. Eine Geschichte über Lady Waynes Leben vor ihrer Verheiratung war ans Licht gekommen, und der Ermordete stand damit int Zusammenhänge. Die Herzogin von Chisledou triumphierte. Wieder fand sie sich als „Königin der Grafschaft" fester denn je aus dem Throne. Marian West lag sehr krank auf Kenninghall, zu krank, als daß sie ihrer Schwester nach London hätte folgen können, tote sie so gern getan hätte. Der Schlag war zu viel für sie gewesen. Ihr ganzes Leben war sie einem Trugbilde treu gewesen, — und sie konnte das Gleichf- gewicht ihrer Seele noch nicht wieder gewinnen. Lord Romsey war einer der ersten, die die Wahrheit erfuhren. Nicht von beteiligter Seite; kein Brief war ihm von London aus geworden. Lord Wayne verbrachte feine ganze Zeit damit, daß er von einem berühmten Advokaten zum andern ging; es ließ sich jedoch wenig Trost aus all diesen Besuchen und Besprechungen schöpfen. Es hatte ihm zuerst geschienen, daß es gar niemand glauben könne. Auf den ersten Blick erschien es ja auch nn- glaublich, unfaßbar — eine sanfte, hochgeborene Dame an- getlagt, einen Manu mit kaltem Blute uiedergeschossen zu haben; aber zu seinem Kun mer und feinet Entrüstung machten die, die zunächst die Anklage gehört und sie für abgeschmackt erklärt hatten, alsbald ein ernstes Gesicht, nachdem sie alles gehört, was vorhergegangen. Lady Waynes Geschichte schien ein grelles Licht auf die Mordtat zu werfen; sie lieferte den Schlüssel, das eine, woran es bisher immer gefehlt. Lord Wayne fand alsbald, daß er für seine Gemahlin den geschicktesten Anwalt im ganzen Lande beschaffen, daß er überhaupt an juristischer Hülfe haben konnte, soviel er nur wollte; aber er konnte wenige finden, die feinen Beteuerungen von ihrer Unschuld auch nur die geringste Aufmerksamkeit schenkten. Er war so gänzlich außer sich, daß er fein Versprechen, nach Downham zu schreiben, vollständig vergaß. Mittler» weile taten der Earl und die Gräfin dort ihr Bestes, diese unangenehmen Tatsachen vor Elsie zu verheimlichen, sie konnten sie jedoch Lord St. Gilbert nicht verheimlichen. Dieser kam eines Tages nach Hause, mit rotem Kops und bebend vor Eutrüstling, und platzte z» ihrem Schrecken alsbald mit der Mitteilung heraus, er habe t>en jungen Baronet Clifford mit der Reitpeitsche traktiert, weil dieser öffentlich erzählt habe, Lady Wayne fei des vorsätzlichen Mordes angeklagt. Der Earl nahm den Aufgeregten bei Seite und erzählte ihm, daß er allen Grund habe zu der Annahme, daß es sich tatsächlich auch so verhalte, aber der junge Lord kehrte sich empört von feinem Vater ab. 735 es nannte, daß seine Mitteilung die Hälfte ihres Schreckens verlor. Und doch wurde Elsie's liebliches Gesichtchen sehr blaß, als sie alles hörte. „Arme Mama!" schluchzte sie. „O, Bald, wie freut es mich, daß Raymond und Harry im Auslande sind und nichts davon geivahr werden. Was meinst du, wird es Papa das Her; brechen?" „Lord Wayne wird ganz zweifellos schon bald beweisen können, daß es ein wahnsinniger Mißgriff dieser Detektivs ist. Diese Kerle werden ihren Bock alsdann schwer büßen müssen." „Bald, weiß denn nun jedermann, daß meine schöne, unschuldige Mutter dieses gräßlichen Verbrechens angeklagt ist?" Statt aller Antwort schloß er sie in die Arme, küßte sie und flüsterte ihr zärtlich zu, das sei gan znebensächlich; die, die ihre Mutter am besten kannten, wüßten auch, wie unschuldig sie sei, und würden sie wegen dieses ihr so ungerechterweise bereiteten Kummers nur noch lieber haben. „Es wird uns doch nicht trennen, Bald," flüsterte sie angstvoll und schmiegte sich enger an ihn. „Du wirst dich meiner doch nicht schämen, weil diese Wolke über uns gestanden hat?" „Selbst der Tod sollte uns nicht trennen, Elsie," erwiderte er zärtlich, und doch empfand er insgeheim eine fchreckliche Angst, daß seine Eltern vielleicht doch die Schmach als zu groß ansehen und der Verbindung ihre Zustimmung versagen würden. „Einerlei, komme, was da wolle," sagte er sich; „ich werde Elsie treu sein, und wenn ich deswegen enterbt werden sollte." Kein Wort sagte er ihr von den Gerüchten über die erste Heirat ihrer Mutter, — das überließ er Lord Wayne. Angenoinmen, sie wäre wirklich früher verheiratet gewesen und hätte ihre Heirat verheimlichen wollen — ging das denn irgend jemanden außer ihr selbst etwas an? So blieb Elsie der fchlimmste Schlag erspart. Balduin widmete sich ihr in ausgedehntestem Maße, er verbrachte seine ganze Zeit in ihrer Gesellschaft, und die, die nur irgendivie Neigung zeigten, den: jungen Mädchen durch unangenehme Teilnahme lästig zil fallen, sahen sich bald mit derartiger Entschiedenheit in ihre Schranken zurückgcwiesen, daß sie den Versuch nicht zu wiederholen wagten. Jack Jefferies lag nunmehr schon mehrere Tage unter dem grünen Rasen und seine Mutier war noch immer im Försterhause. Am Tage nach dem Begräbnisse hatte sie sich zu Beit gelegt und hatte es nicht mehr verlassen ivollen. Dec Kummer hatte die Fran schrecklich vorändert; finster und schweigsam brütete sie vor sich hin und sprach oft tagelang kein Wort, kaum, daß sie die notdürftigste Nahrung zu sich nahm. Die Nerzte, die auf Lord Wayne's Veranlassung sie behandelten, blickten ernst drein und sprachen von beginnender Gemütskrankheit. 75. Kapitel. Nochmals in Elton. Werner war damit beschäftigt, die ihm anvertraute Aufgabe zu lösen. Nachdem er mit Sergeant Ellwt überlegt und sich überzeugt hatte, daß am Tatorte selbst und in der Umgebung nichts weiter auszuspüren war, war er nach Elton gereist, in der festen Ueberzeugung, daß dort der Schlüssel zu diesem dunklen Geheimnisse zu finden sein werde. Das Herz krampfte sich ihm zusammen, als er das verlassene Häuschen wiedersah. Da war das hübsche, altmodische Gärtchen mit der Laube und der grüngestrichenen Bank, .wo er sein erstes Gedicht geschrieben; da die Obstbäume, die Jack und er so oft geplündert, die Wiesen, in denen sie ziisammen gespielt — alles wie früher, und doch so ganz, ganz anders! Nicht lange, und die Nachbarn kamen, einer nach dem andern, und versammelten sich um ihn, hatten sie ihn doch stets am besten von den beiden Brüdern leiden mögen. Und sie hatten so viel zu fragen. Gerüchte von der Tragödie waren auch nach Elton schon gedrungen, nicht aber di? Einzelheiten, und nun stand Werner da und erzählte, wie der arme Jack an einem stillen, schönen Somiuerabend meuchlings erschossen worden sei, und wie der Schlag seine Mutter fast um den Verstand gebracht habe. Laut, lebhaft und teilnahmsvoll waren die Erörterungen der guten Nachbarn. Jack war keineswegs beliebt bei ihnen gewesen, aber es war doch schrecklich, zu hören, wie er niedergeschossen worden war wie ein Hund. „Jetzt weiß ich auch, warum Belsy Fenton so schlecht und elend aussieht," sagte eine Frau zu ihrer Nachbarin. „Ich konnte mir auch gar nicht denken, was sie eigentlich hatte." Werner hörte die Bemerkung und wandte sich zu der Sprecherin. „Wer ist Betsy Fenton?" fragte er. „Was hatte sie mit meinem Bruder zu tun?" So viele dienstfertige Stimmen schrieen durcheinander, daß er nur mit Mühe etwas verstand. „Betsy war Farmer Fentons Tochter und wohl das schönste Mädchen in Elton und war mit dem Verstorbenen so gut wie verlobt gewesen." Mit greifbarer Deutlichkeit erinnerte Werner sich plötzlich, wie er eines Tages bei Jacks Anwesenheit in London noch darüber gelacht hatte, was ihm sein Bruder von einem netten Bauernmädchen erzählt hatte, das er hatte heiraten wollen. Leichte, törichte, prahlerische Worte waren's gewesen, und er hatte sie damals kaum beachtet, kaum gehört; jetzt kehrten sie ihm mit merkwürdiger Deutlichkeit in das Gedächtnis zurück. Lady Wayne hatte ihm nichts verheimlicht. Sie hatte ihm erzählt, daß Jack als Preis seines Schweigens die Hand ihrer Tochter Elsie gefordert hatte. „Verlobt gewesen?" wiederholte er darum ungläubig erstaunt. „Davon weiß ich nichts. Sollte das wohl nicht bloß Gerede gewesen sein? Oder ist die Verlobung nicht doch bald wieder aufgehoben worden?" fragte er. Das wußte niemand. Sie glaubten auch nicht, daß Betsy Fenton sich das hätte gefallen lassen; das sei kein Mädchen, das sich zum Narren halten lasse. Jack sei ja wohl eine Zeitlang ganz sonderbar in seinem Benehmen gewesen — habe vornehm getan und auch viel Geld gehabt, aber daß die Verlobung aufgehoben sei, davon hatte kein Mensch etwas gehört. Das war so ziemlich alles, was Werner erfuhr. Nachdem die Neugierde der Nachbarn befriedigt, zog einer nach dem andern wieder ab und er blieb allein in dem Gärtchen, in tiefes Sinnen über das Gehörte verloren. Der eine Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Wenn Jack wirklich mit dieser ländlichen Schönheit verlobt war, wie konnte er dann Elsie Wayne heiraten wollen? Lag hier vielleicht die Lösung des Geheimnisses? Er verbrachte den Rest des Vormittags damit, weitere Erkundigungen über das Verhältnis Jacks zu diesem Mädchen einzuziehen, und was er erfuhr, bestärkte seinen schon gleich gefaßten Entschluß, zu dem Gut zu gehen und oas Mädchen selbst zu sprechen. Warm und glänzend lag der Sonnenschein über den Wiesen; sanft wogte das Korn im Winde; die Wallhecken waren eine einzige duftende schimmernde Blütenpracht und die Vögel sangen, als ob Svmmer und Sonnenschein nie enden sollten, als Werner den Weg zu Farmer Fentons Haufe dahinschritt. Er schritt rüstig aus; nach und nach verschwanden die Wallhecken zu beiden Seiten, der Weg stieg au, und plötzlich fielen von der Anhöhe aus seine Augen auf einen Anblick, der ihn vollständig fesselte. Ein langer, niedriger, grün berankter Zaun, der eine Wiese von einem etwas höher gelegenen Kornfelde trennte, hohe grüne Ahornbäume im Hintergründe warfen ihren breiten Schatten auf das saftige Gras, worin üppig wuchernde wilde Blumen leuchteten. An den Zaun gelehnt, stand allein und einsam ein junges Mädchen und starrte mit leeren, träumerischen Blicken in das wogende Korn, ein Gesicht, wie Werner es nie gesehen — so wild, so blaß, so leidvoll — jung, doch ohne das Licht und die Frische der Jugend, schön, doch müde, abgespannt und unheimlich anzusehen. Er stand ein paar Augenblicke wie angewurzelt und sah ie an, wie er ein Gemälde betrachtet haben würde, erkannt über die dunkle, zigeunerartige Schönheit, die großen chwarzen Augen und das üppige blauschwarze Haar. War >ies vielleicht Betsy Fenton? War cs der Kummer über Jacks Tod, was ihre Züge so unheimlich entstellt hatte? — Er ging auf sie zu, doch der leere träumerische Ausdruck wich nicht aus ihren Augen — sie sah ihn offenbar gar E Ein leiser Schrei entfuhr ihr, als er sie dann plötzlich ansprach. Sie fuhr zurück und ihr Gesicht wurde fast noch blässer und geisterhafter. „Ich kenne Sie", rief sie, beide Hände tote abwehrend vorstreckend; „Sie sind Jack Jefferies' Bruder. Was wollen Sie von mir?'' (Fortsetzung folgt.) Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. Prost Neujahr! Nun wird er wieder allenthalben im Reiche erschallen dieser derbe, oft gar rohe Ruf: „Prost Neujahr!" Selbst im Süden ist er schon eingedrungen, während er vor zwanzig Jahren den oberdeutschen Mundarten noch fremd war. Weit seltener hört man die wenigstens ctoas seiner klingende, aber noch undeutsckiere Form „Prosit Neujahr!", in der das lateinische prosit (es nütze, sei dienlich« voll erhalten ist. Nun werden wir unseren Studenten wohl nicht so leicht ihr Prost und Prosit anstreiben können, wiewohl schon manche „zum Wohle" oder „wohl be- komms" zu sagen wagen, und die österreichischen sich immer häufiger des alten deutschen Trinkrnss „Heil" bedienen; aber Mitten wir uns nicht befleißigen, uns statt jenes derben Zurufs am Neujahrstage eines würdigeren, dem Ernste des Jahres- vechsels angemesseneren zu bedienen? Wie wenige wissen überhaupt, was sie mit „Prost Neujahr" sagen. Die meisten antworten auf die Frage „Was heißt denn eigentlich dieses Prost?" nur: „Nun eben Prost." Beim Schlüsse der Mahlzeit („Prosit die Mäh'zeit") ist es schon verdrängt, denn „Prostemahlzeit" ist ganz urch gar ins niedrig Scherzhafte oder gar Spöttische hinabgesunken. Allerdings ist ja auch die „Gesegnete Mahlzeit" in der greulichen und in letzter Zeit mit Recht vielfach bekämpften Kürzung „Mahlzeit" schon unter das Fußvolk geraten; aber mit welchem Gruße ginge das nicht so? Bei dem häßlichen „Atjö" denkt sich Keiner mehr etwas, und selbst die doch dem Deutschen viel mehr sagenden „Guten Tag, Guten Abend, Gute Nacht" sind leider ganz verblaßt zu ,,'ntag, 'nabend, 'nacht". Aber wer herzlich sein will, der spricht auch diese schönen Grüße deutlich aus, sagt vielleicht auch gelegentlich „Auf Wiedersehen" oder „Lebewohl" oder „Fahrwohl"; und so sollte auch jeder Deutsche, der dem andern von Herzen ein gutes, glückliches, gesegnetes neues Jahr wünschen will, es mit diesen Worten tun und nicht mit dem kahlen, nüchternen „Prost". Wenn der Süddeutsche an seinem prächtigen „Guts neus Jahr" sesthült, trotz allem Einstürmen des Prost, so sollte auch jeder andere Deutsche ihm nacheifern. Geloben wir uns doch einmal alle zum neuen Fahre, auszuräumen mit dem bisher leider immer noch. vergebens bekämpften Atjö, mit dem ebenso häßlichen und nichts- agendeu Mahlzeit und mit — Prost Neujahr! Bieten wir uns in deutschen Treuen beim Gehen wie beim Kommen einen „Guten Tag", nach dem Essen — aber auch nur dann — eine „Gesegnete Mahlzeit", und beim Anfänge eines neuen Jahres: Heil Neujahr! oder: Viel Glück zum neuen Jahr! oder: Ein gutes neues Jahr! oder wie es uns sonst gerade ums Herz, ist. Auch hier könnte jeder etwas von dem zeigen, wovon doch jetzt soviel die Rede ist: Persönlichkeit! In diesem Sinne wünschen wir also ein: Gutes neues Jahr! ja ein: Gutes deutsches neues Lahr! ____________ Nerre Kalender. Unter den vielen Kalendern, die heute schou das Jahr 1907 ansagen, ist eine ganze Anzahl, die man als alte Bekannte begrüßen kann. In Gewandung und Inhalt betonen sie ihren alten Kweck. D e s?ei schönen Abreißkalender, die der Verlag W. 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Jeder Tag erschließt diesen eine neue landschaftliche Schönheit von erhabener oder schauerlicher Größe oder lieblichem Reize aus dem weiten Alpengebict und lockt unsere Hochtouristen zu immer neuen, kühne», wildromantische» Klettcrabenteuern. — Spemanns hi st orischerMedizinal-Kalender ist der tägliche oder jährliche (wie man's will) Hausfreund unseres Hausarztes. Er bringt die Kvnterfeis hervorragender Mediziner, zeigt für den ärztlicher! Berus bedeutungsvolle Stätten sowie bild- liche Darstellungen von der Ausübung der medizinischen Kunst auS dem unerschöpflichen Buche wissenschaftlicher Vergangenheit. Alle diese Kalender haben eine Reihe treuer alter Freunde und sind dazu angetan, sich alljährlich zahlreiche neue zu erwerben. — HennhKoch erzählt in Band 11 der Kränzchenbibliothek, einer hübschen Büchersammlung für unsere Backftschlein, eine gemütstiese Geschichte von Mütterchen Sylvia, der ältesten von sieben Geschwistern und einzigen Schwester von sechs Jungen. (Stuttgart, Union. 3 Mk.) Die Mutter ist gestorben und auf ihre siebzehnjährigen Schultern wird die Last des großen Haushaltes gelegt. Wie sich das tapfere Mädel seiner schwierigen Aufgabe entledigt, sich selbst allerlei Entbehrungen auferlegt, um den Ihrigen dienen zu können, das führt die Verfasserin mit großem Geschick aus. Schließlich, nachdem das Nesthäkchen einer Krankheit erlegen und die anderen alle vorläufig versorgt sind, wird das Mütterchen mit dem Erkorenen ihres Herzens belohnt. Weihttachtskoufckt für die bunten Teller. Russische Apfel Paste. Dies sehr angenehme Konfekt kann man selbst sehr gut bereiten und braucht man dazu nur flache, neue, längliche oder runde Holzschachteln mit Deckeln. Ma» kann sie in Holzwarengeschäften kaufen, die Spansachen führen. — Zwei Pfund schöne Reinetten werden gebraten und dann das Mark durch ein Haarsieb gestrichen, mit ein Pfund gesiebtem Kochzucker und dem festen Schnee von 5 bis 6 Eiweiß, das man ebenfalls mit Zucker schlägt, verrührt. Dann füllt man die Masse in die Schachteln, läßt sie zwei Stunden im Ofen trocknen, streicht eine feste, feuchte Marzipanmasse darüber, etwa stricknadeldick, gießt die übrige Apfelmasse daraus und läßt sie wieder trocknen. Dann deckt man passend geschnittenes Pergamentpapier darauf, schließt den Deckel und bewahrt die Pastille an einem trockenen, kühlen Platz bis zum Gebrauch. Hierzu stürzt man die Förmchen aus den Schachteln und schneidet die Pastellen in passende Würfel oder Streifen, die man nach Belieben in gekniffte Papierhüllen legen und so dekoriert auf die Weihnacht^- teilet legen kann. Nach Belieben kann man die Apfelmasse auch mit etwas Alkermessaft rosa färben und die Mandelfüllung fortlassen. Zuckerplättchen mit Zitronengeschmack. Em Pfund feinster durchgesiebter Zucker wird mit wenig Wasser zu einem dicken Brei gerührt, dann Schale und Saft von vier bis fünf Zitronen daran gegeben, letzteren kann man auch sratt des Wassers an den Zucker gießen. Ueber der Spiritusflamme erhitzt, wird die Masse in eine Schnabeltasse gegossen und damit tropfenweise auf eine mit Oel überwischte Weißblech- oder Schieferplatte kleine Häufchen gesetzt, die man zu kleinen Plätzchen auslaufen und im Kalten hart werden läßt. Gewürzkonfekt. Dies Konfekt eignet sich sehr für einfachere Zwecke, z. B. für die Dienstbotenteller.. Man braucht dazu längliche, steife Papier kapseln, die man leicht aus ft ei; ent Papier selbst Herstellen kann. — 3 Pfund Zucker läutert man und kocht ihn zum Fluß, nimmt ihn vom Feuer, läßt ihn halb erkalten und verrührt ihn mit 50 Gramm gestoßenem Zimmet, halb so tiiel gestoßenen Nelken, 10 Gramm Cardamomen, einer halben geriebenen Muskatnuß, der abgeriebenen Schale einer großen Zitrone, 50 Gramm ganz fein geschnittenem. Zitronat, ebensoviel Pomeranzenschale und 1Ö0 Gramm feinstistelig geschnittenen abgezogenen Haselnußkernen und streicht die Masse in die Papierkapseln. (Der Zucker muß ganz weich bleiben, daher warm stehen, während man die Masse rührt!) Nach dem Erstarren werden die geformten Zuckerstangen in Streifen geschnitten. B. O. R. Logogriph. Nachdruck verboten. Aeußerst gefräßig bin ich und häßlich; hübsch' werd ich später. Aendre mir Kopf und Herz, dien' ich als Kleidungsstück. m. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Zahlenquadrats in voriger Nummert 4 23 | 67 48 48 67 23 4 23 4 48 67 67 48 | 4 23 Redakuon: Ernst Heß. — Roianonsdruck und Vertag der Brübl'tchen Umverstläts-Buch- und Sleutdruckeret, R, Lange, Metze«. in Ml tot sei bei „S Zü wa so er kar Sii nie ent das Fei Sck bat sie er» setzl Zig ein, hat