MMwoch den 14. Movember Mr. 168 1906 0 I"' n Ä AHiH MM MMU M M -MM as® Mffl IBS MM D n Im Marine des Heßeimniffes. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „ytieninnb sonst hat auch nur eine Ahnung", erwiderte er. „Sehen Sie, Miß West, ich habe seit vielen Jcrl)ren versucht, dies herauszukriegcn. Mancherlei Kleinigkeiten erweckten meinen Verdacht. So zum Beispiel wollte meine Mutter mir nie sagen, wo sie gewohnt hatte, ehe sie nach Elton gekommen war. Ich dachte mir, dafür muß sie einen Grund haben. Ich bekam das auch heraus. Dann war es wir rätselhaft, wo sie ihr Einkommen herkriegtc. Nach einiger Zeit bekam ich auch das heraus. Sie wissen gut genug, daß es nutzlos wäre, etwas abzuleugnen, denn ich bin nach Abbotsville gewesen und habe dort Erkundigungen einge- zogen." „Ein berechnender, hinterlistiger Spion sind Sie gewesen, und Sie haben Erfolg mit Ihrem Spionieren gehabt", sagte sie verächtlich. „Ja, das habe ich. Und ich schäme mich dessen auch gar nicht besonders. Arbeiten habe ich nie gern getan, Miß West. Als ich fand, daß meine Mutter von dem Geheimnis lebte, beschloß ich, dasselbe zu tun. Ich kann ebenso gut ganz ehrlich sein und Ihnen sagen, daß das auch der Grund ist, daß ich nie ein Handwerk gelernt, oder ein Geschäft angefangen habe; es wäre ja Trotz gegen die Vorsehung gewesen, wenn ich nicht mein Bestes getan hätte, um dies Geheimnis, bas mir vor der Nase, lag, auszutüfteln und davon zu leben." „Sie sind wirkich sehr offenherzig", warf sie bitter hin. „Ja, das bin ich nun mal. Deshalb werden wir uns auch um so eher verstehen. Also ich weiß, daß der junge Mann, den Sie meinen Bruder nennen, in Wirklichkeit Ihr Sohn ist. Nun, was wollen Sie mir geben, wenn ich das Geheimnis hüte, wie meine Mutter es gehütet hat?" „Zunächst fragt sich, was verlangen Sie?" Und ihre blauen Lippen preßten sich gewaltsam zu- saininen, um den Schrei unaussprechlicher Scham und Qual zu unterdrücken, die sie darüber empfand, daß sie hier stand und um Ehre und guten Namen feilschte und handelte. „Sie sind reich", sagte Jack wie überlegend; „ich weiß, Sie haben ein jährliches Einkommen von viertausend Pfund; aber Ihr Stolz, kalkulier' ich, ist Ihnen doch lieber wie Ihr Geld." Er hielt inne; sie nickte nur. „Ich denke", fuhr Jack bescheiden fort, „daß ich sehr ehrlich gegen Sie verkahre. Andere Leute würden die Hälfte von dem verlangen, was Sie haben. Ich will nur eintausend Pfund pro Jahr — mehr nichr". „Sind Cie verrückt?" fragte Miß West verächtlich. „Nein, ich bin vollkommen bei Verstände. Nur ruhig, überlegen Sie sich's, ehe Sie mir's abschlagen. Unter dem tu' ichs nicht. Wenn Sie's mir nicht geben, gehe ich zu Lord Wayne. Er wird Nachforschungen anstellen, und dann wird es mit Ihnen total vorbei sein Sie können sich nie wieder sehen lassen. Ueberlegen Sie sich's also, so lange Sie wollen; drängen will ich Sie nicht. Ich werde wiederkommen und mir Ihren Bescheid holen." Er Hütte noch mehr gesagt, aber in diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und- Werner trat hastig herein. Der Diener hatte ihn nach langem Suchen endlich im Garten hinter dem Hause gefunden. Er sah verwundert nach Miß West, doch sie wandte ihr Gesicht ab, um ihn die Totenblässe darauf nicht sehen zu lassen. Mit einigen undeutlich gemurmelten Worten der Entschuldigung ging sie schnell hinaus, Werner einigermaßen verblüfft über ihr sonderbares Benehmen zurück- lassend. 41. Kapitel. Erkauftes Schweigen. Schnell stieg Marian West die große, breite Treppe empor, nnt die Einsamkeit ihres eigenen Gemaches auf- zusuchen. Selbst im Traum hatte sie nicht daran gedacht, bah es so kommen könnte, hatte sie sich doch stets so sicher gefühlt in dem Bewußtsein, daß das Geheimnis geborgen. Wohl hatte sie zuweilen, im schlimmsten Falle, sich vorgestcllt, daß Kate Jefferies krank werden und vielleicht in Fieberträumen davon sprechen könne, aber daß, auf diese außergewöhnliche Art und Weise ans Licht kommen würde, war ihr nicht im entferntesten eingefallen. Sie ging in ihr eigenes Ziinmer und schloß die Tür sorgfältig, dann blieb sie stehen, wie jemand, der plötzlich im Leben Schiffbruch gelitten. Sie war verwirrt, wie vor den Kopf geschlagen, keines klaren Gedankens fähig. Sie hatte die Last ihres Geheimnisses seit so vielen Jahren allem getragen, daß das Bewußtsein, es sei trotz all' ihren Vorsichtsmaßregeln aus Licht gekommen, zuviel für sie war. , „, „Großer Gott!" rief sie, als sie nnt gerungenen Händen da stand, den irren Blick ins Leere gerichtet, „endlich istz es gekommen!" Die unbestimmte Furcht langer Jahre hatte sich ver? wirklicht; die quälende Angst, die sie zuweilen verfolgt unbi in ihren Bannkreis gezogen, war düstere, grausame $3irt« lichkeit. „Es ist gekommen. 0, Eve! wie soll ich dich retten; mein Liebling? Dn hast mir so vertraut — du glaubst,, die Vergangenheit sei tot, begraben und vergessen. Und ich habe dich betrogen — o, ich Elende, Erbärmliche, Schuld 670 tage, ich! Ich habe dir Unrecht getan, mein Liebling, wo ich dich so gern gerettet hätte. Ich hätte mein Leben dafür gegeben, um dein Geheimnis zu hüten, — und jetzt ist cs bekannt. Himmel, hilf mir! — hilf mir, oder ich sterbe!" Und Marian West, sonst so voll Selbstbeherrschung, so ruhig, so mutig, warf sich zu Boden, das Gesicht halb verborgen in den Massen ihres Haares, dessen Knoten sich gelöst. Sie weinte nicht. Wie vielleicht manche getan hätten, aber ihren blassen, zitternden Lippen entrangen sich leise, stöhnende Laute, die des Herzens Todesqual kündeten. Mieder und wieder durchlebte sie alles; sie war wieder in dem kleinen Zimmer auf dem Mühlengute, ivo Evelyn lag, blaß und sterbend, wie sie glaubten, und das kleine Kind lag daneben in seiner Wiege und schlief. „Mein Kind ist tot! Mein Kind ist tot!" hörte sie die schwache, fiebernde Stimme wieder sagen. Und sie erinnerte sich, wie ihr zuerst der Gedanke gekommen, daß es für ihre Schwester besser sein würde, sie bliebe in dem Glauben, ihr Kind sei tot. Szene aus Szene durchlebte sie alles wieder. Sie erinnerte sich des ernsten Gesichtes des Arztes, wie er das, was ihr als Bestes und Geeignetstes erschienen, mißbilligt hatte. Es schien ihr, als habe sie erst vor wenigen Minuten den Kleinen in Kates Arme gelegt, das zarte, rosige Gesichtchen zum Abschied geküßt, und doch waren es zwanzig Jahre her. „Ich tats in bester Absicht" murmelte sie, „sicherlich, Gott ivird mich nicht dafür strafen — ich hielt es so für am besten." Es war ihr eine gewisse Erleichterung, zu wissen, daß das Mittel zur Abhülfe in ihren Händen lag. „Er hat die Wahrheit nicht herausgesunden. Dank sei dem Himmel dafür. Er hält Werner für meinen Sohn, und in diesem Glauben will ich ihn auch immer lassen." Dann lag sie ganz füll und fragte sich erstaunt, ob sie Jack jährlich tausend Pfund ivürde geben miissen, !vie er verlangte. Sie haßte und verabscheute diesen Menschen — o, sie sand keine Worte für ihren Abscheu — sie ekelte sich vor ihm. Falls ihr Geheimnis infolge eines unvorhergesehenen Zwischenfalls, einer plötzlichen Enthüllung oder dergleichen zu seiner Kenntnis gekommen wäre, so hätte es sie weniger gekümmert, aber der Gedanke, daß während all dieser langen Jahre, wo sie sich so vollkommen sicher geglaubt, er sie langsam aufgespürt hatte, ließ ihr ganzes Gemüt vor zorniger Empörung erbeben. „Wenn ich ein Mann wäre", rief sie, „so würde ich M bme Tracht Prügel geben, an die er zeitlebens denken sollte! Wie soll ich mich, selbst um meines Lieblings Willen, dazu bringen, ihm jährlich soviel Geld zu geben? Ich muß ihn in Neppigkeit und Luxus halten, wo ich ihn eher erschlagen möchte!" Und doch, sie wußte, es mußte sein. Was waren schließlich tausend Pfund jährlich im Vergleich zu Eves gutem Namen, Eves Glück und Ehre? „Es ist auch nicht das Geld, das mich ärgert", grübelte Marian weiter, „ich gäbe für Eve den letzten Pfennig auf der Welt hin; aber daß er's haben soll, das ärgert mich. Ich hasse den Gedanken, daß seine Gier und Habsucht, seine Hinterlist nnd Spioniererei so reich belohnt werden sollen. Ich darf also immer nur daran denken, daß es ihretwegen geschieht — ihretwegen." Dann, als der Sturm des Kummers ausgetobt und sre erschöpft und schwach wie ein Kind zurückgelassen, stand Marian West vom Boden auf, um dem Leben, mit seiner neuen Bürde, tapfer ins Auge zu sehen. Sie fuhr zurück, als sie ihre eigenen Züge im Spiegel gewahrte; sie waren so verändert, so langgezogen, so hohl! Es war, als seien zwanzig Jahre voll tiefsten Krimmers über ihr Haupt da- hingezogen und hätten tiefe Linien ruu Mniid und Augen gegraben. Es war schon vorher schwer genug zu tragen gewesen, schwer genug, dies gräßliche Geheimnis zu bewahren; aber jetzt, da die Bürde verdoppelt — jetzt, wo sie in der Gewalt dieses jungen Menschen war, der so roh, so ge- Nieiil und vulgär, war es schlimmer wie vorher. Selbst wenn sie ihm die enotme Summe, die er verlangte, zusicherte, so war damit ihre Unruhe nur zur Hälfte gehoben, das war ihr ganz klar. Er würde ihr stets neue Schwierigkeiten bereiten, sie auf hunderterlei verschiedene Art lind Weise belästigen. Das Geld war schließlich nur der kleinste Teil des Uebels. „Alle Ruhe nnd Behaglichkeit meines Lebens ist dahin,4 dachte sie. „Ich werde von jetzt an mit einem Schwerte über meinem Haupte leben, immer voll Angst, daß es jeden Augenblick herabfallen kann." Sie fuhr zusammen, es hatte geklopft und ehe sie nur einen klaren Gedanken zu fassen vermochte, hörte sie Elsie schon rufen: „Tantchen — Tante Marian, was machst du hier, so ganz allein in dieser ungesellschaftlichen Art und Weise eingeschlossen? Oesfiie und sieh, was ich dir zu zeigen Habel" Marian öffnete; Elfte kam in's Zimmer, ein strahlendes Lächeln auf dem schönen jungen Gesicht. Sie war offenbar viel zu viel mit sich selbst beschäftigt, als daß sie groß onf Marian geachtet hätte, und diese war nur zu dankbar dafür. „O Tantchen," sagte sie, „lach mich nicht aus, aber ich bin wirklich das glücklichste Mädchen auf der ganzen weiten Welt. Sieh' nur, was Bald mir wieder geschickt hat." Sie öffnete ein zierliches Maroquinkästchen und zeigte Miß West ein Halsband von wunderbaren Perlen, so einzig, so zierlich und schön, daß eine Feenkönigin selbst sie hätte tragen können. „Er ist so gut gegen mich," fuhr sie fort. „Weißt du, Tantchen, es sind nicht die Perlen; ich schätze sie nicht, weil sie kostbar sind, sondern weil er sie geschickt hat, weil er an mich gedacht hat und ich ihn so liebe." Sie barg ihr errötendes Gesicht an Marian's Schulter. „Tantchen, es gibt doch nichts Schöneres auf der ganzen Welt, als lieben und geliebt werden." Marian küßte die süßen, warmen jungen Lippen. Einstens, ach! lieber Himmel! — einstens hatte anch sie dasselbe gedacht, und sie hatte ihren süßen, glänzenden Traum um Eve's willen aufgegeben. „Also du liebst Bald so sehr, mein Liebling?" „O ja, sehr, sehr," sagte das Mädchen. „Ich frage mich oft, ob fönst jemand früher wohl schon gewußt hat, was Liebe heißt." „Und wenn dich nun irgend etwas von ihm trennen sollte, Elsie?" „Hoffentlich- stürbe ich dann, Tante. Ich weiß, das Leben enthält noch mehr, als bloß Liebe; es gibt Pflichten und andere ernste Sachen, aber ich liebe den Sonnenschein, das Glück; ich liebe meine Liebe; und ich möchte dann nicht mehr leben. Warum sagst du nur so was? Nichts kann uns trennen." Doch Marian wußte oder glaubte zu wissen, daß, wenn je dies verhängnisvolle Geheimnis ans Licht käme, Balduin und Elsie vollständig getrennt werden würden. Sie küßte Elsie und gelobte sich, Jack alles zu geben, was er verlangte, wenn er nur schweigen wollte. Alles und jedes wollte sie tun, um zu verhindern, daß dies strahlende, liebende junge Geschöpf seine einzige Lebenshoffnung verlor. Und so, während Elsie von Lord St. Gilbert plauderte, saß Marian und erwog ihre Antwort an Jack Jefferies. ■— Eine Woche verstoß, bevor Jack wieder vorsprach; er hatte gesagt, sie würde Zeit genug zur Entscheidung haben, und er hatte sein Wort gehalten. Jack kam diesmal kühn und selbstbewußt an und fragte nach Miß West. Marian ging ins Vorzimmer, wo er auf sie wartete. „Miß West", sagte Jack, „ich bin gekommen, mir meine Antivort zu holen. „Ich habe sie fertig", erwiderte sie ruhig. „Ich will Ihnen geben, was Sie verlangen, jährlich tausend Pfund, wenn Sie Ihrerseits mir schwören wollen, mein Geheimnis nicht über Ihre Lippen kommen zu lassen." »Ich schwäre es", sagte Jack und erhob die Hand. „Ich würde nur ja nur selbst die Kehle abschneiden, wissen Sie, um einen gewöhnlichen Ausdruck zu gebrauchen. Sie halten Ihren Teil des Pakts ehrlich, Miß West, und ich halte den meinigen." * „Das Geld wird Ihnen vierteljährlich ausbezahlt werden, 671 — ober wenn Ihnen jemals ein einziges Wort, oder auch nur die leiseste Andeutung übet das Geheimnis entschlüpft, so erhalten Sie keinen Pfennig weiter mehr von mir." „Ganz recht, und das erste Mal, wo Sie das Geld nicht schicken, gehe ich zu Lord Wayne." „Sie brauchen mir nicht zu drohen", sagte Miß West mit Würde. „Ich werde das Geld derartig auswerfen, daß Sie stets die vereinbarte Summe regelmäßig erhalten. Ich möchte schließlich noch dem tiefen Abscheu Ausdruck geben, den ich über die Ungeheuerlichkeit Ihres Benehmens und Vorgehens empfinde. Sie sind gemein, ehrlos, und nicht wert, mit ehrenhaften Leuten zu verkehren. Sie stehen zu tief, als daß ich mich über Sie erzürnen oder Sie verachten könnte." „Ich will wegen harter Worte nicht mit Ihnen streiten", sagte Jack lächelnd; „tausend Pfund jährlich werden alles in Ordnung bringen; ein Mann kann sich schon etwas gefallen lassen darum." „Sie sind nicht einmal wert, ein Mann genannt zu werden", erwiderte West, „die meisten Männer haben wenigstens einen Begriff von Ehre, Sie haben überhaupt keinen." . Doch das Lächeln erstarb nicht auf Jacks Gesicht. Alles war leicht zu ertragen, jetzt, ivo sein Glück gemacht war. Es schien ihm, als er Kenninghall-House verließ, als -ob er schwebe. „Das ist der erste Teil meines Handels", sagte er sehr vergnügt; „wegen des zweiten werde ich zu Lady Wayne gehen und sie, wie die Feinen sagen, um die Hand ihrer Tochter bitten." 42, Kapitel. Betsy Fenton wird eifersüchtig. Betsy Fenton lehnte an dem Zaune, der ihres Vaters Kleewiesen einfriedigte. Sie hatte eifrig ihre Lieblings-Kuh gemolken, und neben ihr stand ein Eimer voll Milch, so duftig, frisch und schäumend, daß jedem Meiereibesitzer das Herz im Leibe gelacht hätte. Aber Betsy hatte den Milcheimer vergessen; ihr hübsches Gesicht mit den schwarzen Zigeuner-Augen war gesenkt; ein mürrischer, verdrießlicher Zug spielte um die Lippen, glaubte sie doch, ihr Freier habe fie, vernachlässigt, und sie war keine von denen, die sich ungestraft vernachlässigen lassen. Jetzt rupfte sie eine Handvoll Klee ans und begann die einzelnen Pflänzchen in Stücke zu zerreißen. „So würde ich's auch mit ihm machen", sagte sie giftig, „wenn er, mich betröge. Ich hätte was Besseres haben können, hätte höher als nach Jack Jefferies sehen können, aber jetzt, wo ich mich zu ihm herabgelassen habe, soll er mich nicht betrügen," Die Dorfschönheit wurde allgeuiach zornig, denn sie hatte mehrere Briefe an Jack geschrieben, aber kein Wort zur Ant- wort erhalten. Er, der so eifrig gewesen, ihr zu schreiben, der sie mit solcher Ausdauer umworben, der keine Ruhe, keinen Frieden gelassen, bis sie versprochen hatte, sein Weib zu werden — dieser Mensch ließ jetzt sechs Wochen verstreichen, ohne ihr eine Zeile zu senden. Allerdings, einen Brief hatte sie aus London erhalten, aber von einem Liebesbrief hatte er verzweifelt wenig an sich; er war voll von seiner eigenen Größe; er war ini Be- ßtiff, mit einem Lord zn speisen, und sprach des langen und breiten von der Schönheit der fashionabeln Damen, die er in London gesehen. „Vielleicht ist ihm schon etwas von dem großen Vermögen, von dem er immer sprach, in den Schoß gefallen," grübelte sie; „und nun geht er unter allerlei großes Volk und vergißt mich — aber er soll mich nicht vergessen. Wenn ich ihn nicht heirate, weil ich ihn auf der Welt am besten leiden mag, so will ich ihn heiraten, blos um zu verhindern, baß er mit einer anderen glücklich wird; er soll mich nicht verlassen!" Das hübsche Gesicht rötete sich, und die dunkeln Augen sprühten Blitze. Gerade jetzt kam ihr Vater durch die Wiese und sah seine hübsche Tochter am Zaune lehnen. Er kam lächelnd auf sie zu, als er aber den Eimer sah, bewölkte sich fein Gesicht. „Die Milch hier verdirbt, Mädel," sagte er, „und gute Milch ist zu rar, um sie verkommen zu lassen." „Laß mich in Ruh, Vater," versetzte sie erbost. „Ich weiß schon, was Dir im Kopfe herumgeht, Betsy, Ich hätt nicht gedacht, meine nette Tochter genarrt zu sehen; aber wenn das wahr ist, was sie im Dorf erzählen, so bist Du genarrt, Betsy." „Was erzählen sie?" rief sie mit funkelnden Augen. „Daß Jack Jefferies seit mehr als drei Tagen wiedei da ist und sich noch nicht ein einziges Mal hier hat sehen lassen." Sie erblaßte; ihre gebräunten Hände bebten. „Das glaube ich nichtl" rief sie. „Und wenn sie alle in Elton es beschwören ivolltcn, ich glaubte es doch nichtl" „Nur sachte," versetzte der Farmer. „Ich weiß nur, daß Will Cockney mir eben zwischen den Wall Hecken begegnete und mir sagte, er hätte mit ihm gesprochen, und er wäre der größte Stutzer aus ein paar Stunden weit in der Nachbarschaft, Will glaubte, er müßte was geerbt haben, so fein hätte er ausgesehen." „Will Cockney ist ein alter Schivätzer," erwiderte sie gereizt. „Die Wahrheit wird wohl sein, daß Jack gerade eben erst wiedergekomuien ist. Ich weiß, er würde mich nicht vernachlässigen." „Hm, Deine eigenen Sachen mußt Du natürlich selbst am besten wissen; sollte es aber doch wahr sein, Betsy, so zeig ihm, daß Du auch etwas Kopf hast. Laß ihn nur nicht glauben, Du könntest jetzt o()ne ihn nicht fertig werden." „Ich weiß selbst, was ich zn tun habe," gab das Mädchen zurück. „Ich lasse mich von keinem narren, Vater, Du brauchst mir keinen Rat darin zu geben." Es lag etwas in ihrem Tone und in ihren Zügen bet diesen Worten, was dein Farmer nicht gefiel und ihn an ihre Mutter, die ivilde, unbändige Zigeunerin, denken ließ. Schwer legte er seine Hand auf ihren Arm. „Betsy, sei mir nicht töricht. Deine Mutter war auch gleich so gefährlich, wenn ihr etivas nicht nach dem Kopfe ging." »Und so bin ich auch," erwiderte sie, „Jack Jefferies muß sichs zweimal überlegen, ehe er mich zum Narren hält." * Es Ivar wirklich ivahr, daß Jack wieder in Elton war. Die Nomseys waren plötzlich nach Doivnham zurückgerufen worden, und Lord Wayne, der Miß West sehr angegriffen aussehend sand und die Erklärung dafür in bein Umstande suchte, daß ihr London und die rauschende Geselligkeit nicht znsage, traf schleunigst alle Vorkehrungen, um nach Kenning- Hall zurückzukehren. Lady Wayne hatte nichts dagegen; Elsie wünschte nur dort zu sein, ivo auch ihr Bräutigam war. Marian hatte gerade noch soviel Zeit gefunden, um bezüglich des Schweige- geldes alles ins Reine zn bringen; sie hatte eine gewiße Summe in Staatspapieren auf Jack Jefferies übertragen lassen, woraus er ein jährliches Einkommen von tausend Pfund bezog. Sie war zu einem fremden Advokaten gegangen, der die ganze Angelegenheit besorgt rind selbstverständlich keinerlei Fragen gestellt hatte. „Es ist vollbracht," hatte sich Marian gesagt, nachdem alles vorüber. „Nur der Himmel weiß, ob es recht ist oder nicht recht ist, zum Guten oder Schlimmen dient. Jetzt ists vollbracht." Was Jack angeht, den Herrn über jährlich ein Tausend, so kannte sein Hochmut keine Grenzen mehr. Er wurde stolzer als ein Millionär. Er spazierte durch die Straßen, als ob sie ihm gehörten; mit hochmütiger Geringschätzung sah er auf alle herab, die weniger besaßen, als er. An Betsy Fenton dachte er mit einer Gleichgültigkeit, die an Verachtung streifte. „Ich will mich doch nicht an ein gewöhnliches Bauernmädchen wegiverfeii. Ich bin ein Günstling des Glücks, unb werde jetzt nicht eher ruhen, bis ich Lord Waynes Schwiegersohn 672 bin. Ich verdürbe mir ja meine ganze Karriere, wenn ich jetzt Betsy Fenton heiratete/ ' ' ? (Fortsetzung folgt.) Das erste thüringische Dorfmnsenm. In Ruhla bei Eisenach ist jetzt dass erste Dorfmuseum Thüringens eröffnet worden. Die Ausführung dieses Lieblmgs- planes der kunstsinnigen thüringischen Gemeinde ist, nach der Vossischen Zeitung, glänzend geglückt, die Sammlungen, teilweise Geschenke, teilweise auf Zeit ausgestellt, sind reichhaltig und von großem Wert. Ruhla hofft, durch das Museum historische und Kunstgegenstäilde, die einzeln und im Privatbesitz unbeachtet bleiben würden, zu sammeln und so wie die großen städtischen Milseen eine Sammelstelle für den Ort zu bildeii. Das Museum. Ruhlas ist in einem dec ältesten Häuser des Ortes untergebracht; schlicht und für Thüringer Art charakteristisch ist das Museums- gebäude auch im Innern. Da die offizielle Eröffnung erst in einigen Tagen erfolgt — die Borbesichtigung war nur einigen Pädagogen und Interessenten gestattet — da weiter noch kein Katalog vorhanden, folgen wir in der Beschreibung der Sammlungen im wesentlichen den Aufzeichnungen, die ein Ruhlaer einem thü- ringischen Blatt zur Verfügung gestellt hat. Im Vorraum der Museumszimmer sind alte originelle thüringische Abzeichen aut- gehängt, so auch je eine Fahne der „Kopsschneider" (Meerschauni- pfeifenkopfschneider) und alten Holzdrechslerinnuug. Weiter fallen schmiedeeiserne „Bierzeichen" auf, mit denen maii früher im Orte die Häuser kenntlich machte, in denen das von der Gemeinde verzapfte Bier, das auch Gemeindebräu hieß, verkauft wurde. Im „Mt-Ruhlaer Zimmer" steht ein alter Kachelofen, dessen eiserner Unterbau mit deut Relief der Hochzeit von Kanaan geziert ist. Blankgeputzte Mefsingkannen, Wärmflaschen aus Zinn, Knpser- geräte in längst veralteten Formen, die den Ofen schmücken, sind teilweise Erzeugnisse aus den Produkten des Thüringer Bergbaues. Die altmodischen Oellampen und Feuerzeuge auf dem weißgescheuerten hölzernen Tisch mahnen an die Beleuchtungs- gegenstünde zu Luthers Zeiten. Die aufgeschlagene Bibel, der gepolsterte Großvaterstuhl, die altmodische „Anrichte" mit schmucken, blanken Tellern, Krügen und Kannen aus Zinn sind liebes thüringisches Hausgerät. Der Großstädter, der ei» derartiges mit Gegenständen der begrenzten, engeren Heimat angefülltes Museum betritt, darf nickst auf kostbare Wertstücke gefaßt machen, nur ein Stück deutscher Heinlatkunst, mit unendlicher Liebe zusammengetragen und voll Gemüt und Poesie wird ihm gezeigt. Da hängt ein Kandelfrauenrock, ein Schoßrock mit dem schwarz- rot-goldenen Schulzenabzeichen, alte Ruhlaer Trachten von Anno dazumal. Alte Gefäße zum Buttermacheu und Käsebereiten deuten auf die Landwirtschaft, die Werkbank des Ruhlaer Messerschmieds und das Spinnrad auf die Hausindustrie. Butzeuscheiben und Meisterwerke der Messerschmiedekunst gestalten den Raum anheimelnd und lehrreich zugleich. Im zweiten Zimmer dominiert die Ruhlaer Industrie. Da findet der Beschauer die aus Schmiede- eifett hergestellte alte Spitze der gothaischen Kirche, aus dem Jahre 1662 stammend, antike Leuchter, eine Kirmespritsche von 1821, alte Reisescheine aus der Zeit der Postkutsche, Puppen aus dem 17. Jahrhundert, „Heidlappen" (Kopftücher) und Sperrkappen, die Sonntagskopfbedeckung der Ruhlaer Dorfschöneu u. s. f. Die Tabakspfeifenindustrie Ruhlas ist durch die wertvolle Sammlung von Beult, die auf der Leipziger Messe Aufsehen erregte, vertreten. Pfeifen aus Holz, Porzellan, aus weißem und rotem Ton, bemalt und uubemalt, bilden geordnet eine Illustration dec Entstehung der Pfeifenindustrie. Gerade der Kontrast zu den großen Museen der Städte macht das Ruhlaer Dorfmuseum interessant, sehenswert und für weitere ländliche Ausstellungen vorbildlich. ______________ Für de« Weihnachtstisch. — Eine reizende Beschäftigung für Knaben bietet das 4. Heft der Sammlung „Spiel und Arbeit" von Ott? Robert,*) nämlich die Erbauung^ einer großen Burg zum Spielen mit Bleisoldaten. Jeder Knabe von 9 Jahren an kann darnach eine prächtige Burg mit Auszügen, Zugbrücken, Wachttürmen, Bastionen, Kasernen, Toren, wie sie unsere Knaben zu ihrem Spiel mit Bleisoldaten am liebsten benützen, erbauen. Vorkenntnisse sind nicht nötig. Eine treffliche Anleitung und praktische Einrichtungen machen die Beschäftigung fast mühelos, ;edeu- falls sehr anziehend und anregend. Diese Burg wird dauerhaft und solid hergestellt. Jeder Junge, der sich diese Burg anfertigt, wird stolz auf seine Arbeit sein, denn sie steht auch landschaftlich malerisch vor dem Beschauer. Das Spiel ist aus^dem Prinzip hervorgegangen: „Wackere Knaben fertigen ihr Spielzeug selbst "an" und cs wäre erfreulich und im Interesse de« Jugend, wenn unsere Kstaben solch' hübsche, anregende Handarbeiten pflegten, die eilte edle Erholung sind gegenüber den Anstrengungen des Schulunterrichts. Allen Eltern sei darum dieses Beschäftigungsmittel empfohlen. *) Die Burg. Anleitung zur Erbauung nebst 20 Modellbogen. Verlag von Otto Maier in Ravensburg. Preis 3.50 Mk. Vermischtes. * DZe Entstehung der Militär-Fängsch tiüre soll einer alten Chronik zufolge auf den Ausbruch des Aufstandes in den Niederlanden zurückzusühren sein. Im Jahre 1567 verließ ein vorzügliches Regiment Philipps II. die spanischen Fahnen und vereinte sich mit den unterdrückten Landsleuten gegen den Tyrannen. Der Herzog Alba, dessen Henker mehr Blut vergossen, als seine Soldaten, befahl hierauf, einen jeden aus diesem abtrünnigen Regiment, der in spanische Gefangenschaft geraten würde, ohne weiteres sofort aufknüpfen zu lassen. Das Regiment verspottete den Befehl und ließ dem Herzog mitteilen, daß Offiziere und Gemeine sich künftig alle mit einem Strick und einem Nagel versehen würden, um den Spaniern das Henkergeschäft zu erleichtern, falls sie einen lebendig in ihre Gefangenschaft bekämen. Tatsächlich schlangen sie den Strick um den Hals und knoteten den großen Eisennagel data». Da sich diese Krieger mit der größten Tapferkeit und Todesverachtung schlugen, so wurde Strick und Nagel bald zum Ehrenzeichen, später in Wolle und Seide nachgebildet. Statt um den Hals wurde die Auszeichnung später an der Achsel getragen. Auf ihren seltsamen Ursprung deutet heute noch der Name „Fangschnüre". , * Ein Mädchendorf. Das Dorf Doppcsfield in Essex zeigt einen aufsälligen Ueberschuh ah Mädchen. Während der letzten zehn Jahre überwogen die Geburten von Mädchen in der Gemeinde so sehr, daß die Dorfschule heute 93 weibliche und nur 11 männliche Schüler hat. Die Dorfbehörde fragt sich besorgt, was aus der Landarbeit werden soll, wenn kein Nachwuchs für die Arbeiterschaft kommt. Weihttüchismusik. — K l i u g - K l a n g - G l o r i a. Deutsche Volks- und Kinderlieber ausgewählt und in Musik gesetzt von W. Labler, illustriert von H. Lefler und I. Urbau. Qnerfvlio, 66 Seiten mit 16 künstlerisch ausgeführten Vollbildern in Dreifarbendruck, jede Seite geschmückt mit Vignetten und Einrahmungen. Gedruckt auf Kunstdruckpapier. In farbigem Umschlag mit farbigem Vorsatzpapier gebunden. Preis 4 Mk. — Dieses ganz außerordentlich schöne musikalische Bilderbuch ober illustr. Liederbuch dürfte eine der Hcmptzierdetr des nächsten Weihnachtstisches für unsere Kleinen bilden. Nennt doch Paul Heyse es „ein reizendes Liederund Bilderbuch, das ich in allen Kinderstuben eingeführt wünschte, wo mufikalische Mütter ihr junges Volk die lieblichen Worte unbi Weisen lehren unb mit den drolligen Bilbern ergötzen können. Den Biebermeierhnmor bet geistreichen Zeichnungen zu würdigen wirb freilich nur den Eltern möglich sein, da dieser Teil dieses Kinderbuches weit über das hinausragt, was sonst kleinen Leuten geboten wird. Auch die Auswahl der Lieder ist mit sicherem Takt getroffen, so daß man zu diesem anmutigen Werke nur Glück wünschen kann." Weihimchts-Literiatur. — Silhouetten betitelt die Erzählerin I. B. .Semmig acht Skizzen und Novelletten, die sie bei Stephan Geibel in Altenburg (S-A.) erscheinen ließ. Der 160 Seiten starke Band vereinigt folgende acht Novelletten: Rüpel, aus dem Leben eines Kirters, Das Buch des toten Studenten, Robbys Werbung, Madeleines Studienreise, Im grünen Kleide, Die Erste, Seine Kopistin und Stiefmütterchen. — Das Telefon ist nichts Neues. Neu und überraschend ist dagegen, daß jeder Knabe, der im Basteln einigermaßen Geschicklichkeit besitzt, ein tadellos funktionierendes Telefon sich selbst ganz billig anfertigen unb anlegen tarnt, wenn er das 18. Bändchen ber bekannten Sammlung „Spiel unb Arbeit zu gtlfe nimmt (Verlag von Otto Maier in Ravensburg). An Hand von Modellbogen wird in dem Bändchen eine klare, leicht verständliche Anleitung gegeben, tote der Apparat erbaut wird und was dabei berücksichtigt werden muß, kurz jeder damit beschäftigte Kitabe wird sozusagen ein kleiner Hauselektrotechntker und kamt schon nach kurzer Zeit mit Stolz ans sein Werk blicken. Ein anregendes Geschenkbüchlein für unsere Knabenwelt, wre überhaupt für jeden Bastler, es sei daher dieses Bändchen (Preis 1.50 Mk.) empfohlen. Logogriph. Nachdruck verboten. Ein deutscher Dichter ist es, Das Unglück traf ih>t schwer. Veränderst btt ein Zeichen, ßchmeckt's als Getränk „ttach mehr . Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nunnner: Zinunetftraucli — Eisenspat — Ibarra — Tiger — Bnccarat — RegettSburg Illyrier»; Zeit bringt R a th. Redaktion: Ernst ö e6. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'Ichen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R, Lange, Gießen.