1906 W öSsäirÄl ■ MWWW BBfcJgw1, MÄ ^WW MD M- Im Banne des Heßemmisses. Nonran von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) ± „ „Dergleichen im Beruf zu seiner Kenntnis gelangte llm- stände unb Tatsachen enthüllt kein Arzt; wenn das geschähe, hätte alles Vertrauen ein Ende." „Das genügt mir nicht", gab sie zurück, „ich verlange mehr als berufsmäßige Verschwiegenheit. Wie ich Ihnen bereits früher sagte, ftdmir.cn wir aus guter alter Familie, und ehe meine arme junge Schwester infolge dieses unbedachten Schrittes dem Achselzucken der Welt, dem lieblosen Urteil der Frauen, dem Bedauern der Männer und mehr oder weniger dem abfälligen Urteil aller ihrer Bekannten und Freunde begegnen — ich sage, ehe sie, jung und feinfühlig wie sie ist, Zolles dies leiden soll — eher würde ich sie fortbringen, irgend wohin, wo menschliche Blicke nie mehr auf ihr ruhen sollten! — Ich habe nun alles überdacht, ich habe mir jede Möglichkeit zu vergegenwärtigen gesucht und bin zu dem Schluß gekommen, daß, wenn Sie unser Geheimnis zu bewahren versprechen, es niemals entdeckt werden kann." Er schüttelte den Kopf. Ich wüßte nicht, daß je ein solches Geheimnis auf die Tauer beivahrt geblieben wäre, Miß West; indes, was an mir liegt, will ich tun." „Geben Sie mir Ihr feierliches Versprechen", sagte sie ungeduldig. „Ich gebe es Ihnen hiermit so feierlich, wie mir möglich. Ich verspreche Ihnen vor dem Allmächtigen, niemals ein Wort von dem, was vorgefallen, zu erwähnen — es sei denn auf Ihr oder Ihrer Schwester Ersuchen hin." Marian West stieß einen tiefen Seufzer aus. „Nun bin ich ruhig", sagte sie leise. „Und nun, Doktor, wenn Sie die Güte haben wollen, morgen wiedcrzukommen — ich glaube, Evelyn ist schon zur Ruhe gegangen — und mir zu sagen, was Sie von ihrem Zustande halten, ob sie kräftig genug ist, in die Heimat zurückzukehrcn? Unsere Wirtin, Mrs. Ford, will in kurzem abreisen; die Einrichtung und das Gut, alles soll verkauft werden, und dann will sie zu ihrem Sohne in die neue Welt. „Sie sehen", fuhr sie halb lächelnd, halb ernst fort, „daß auch dieser Umstand uns günstig ist. Es ist neben Mrs. Jefferies die einzige Person, die uns hier am Orte näher kennt, und hat sie erst England verlassen und sind auch wir abgercist, so haben wir nichts mehr zu befürchten." Dr. Rurke schüttelte kaum merklich den Kopf, erwiderte aber nichts. „Ich werde morgen vormittag also wieder- kommcn, Miß West", sagte er nur kurz, als er sich erhob. Marian begleitete ihn bis. zur Tür unten und sah ihm nach, bis seine Gestalt im Halbdunkel der lauen Sommernacht verschwunden und seine Tritte verhallt waren. Dann trat sie ins Hans zurück und ging leise wieder auf ihr Zimmer. Dort blieb sie lange wie angewurzelt am Fenster stehen und starrte sinnend, grübelnd, überlegend in das immer tiefer einbrechende Dunkel hinaus. Welche Gedanken sich in ihrem Hirn kreuzten, welchen Kampf sie kämpfte, ob sie ein warnendes heimliches Gefühl niederkämpfte, oder ob sie ein Für und Wider abwog — das wußte nur sie allein. Der entschlossene Zug um ihren Mund vertiefte sich; sie schien endlich zu einem bestimmten Entschluß gekommen zu sein, und einen Entschluß fassen und ihn ausführcn war bei Marian West eins. „Golt weiß, ich kann nicht anders handeln; es geschieht nur zu ihrem Besten!" flüsterte sie leise. — Eine Viertelstunde später verließ eine dichtvcrschlcierte, dunkle Gestalt geräuschlos den Mühlenhof, eilig durch die dämmerige Sommernacht den Weg nach der Ripleystraße einschlaaend. 2. Kapitel. Die Schwester n. „Und du hassest mich wirklich nicht, Marian? Du wirst mich nicht verstoßen und verlassen? Sag es mir noch einmal!" Eine schmale, schlanke, jugendliche Gestalt^ ist cs, ni einen schweren Schal gehüllt, die vor Marian West auf den ' Kuieen liegt, das holde junge Köpfchen in den Schoß der Schwester geborgen. Lang und flutend wallt eine Fülle goldbraunen Haars den weißen Nacken herunter zur Erde. - Sanft streicht Marian West über das prächtige seidcn- wciche Haar. „Dich hassen? Niemals, mein Liebling. Wir hatten eine Mutter; ihretwegen habe ich für dich gesorgt, jetzt, wo bn Fürsorge brauchtest, und werbe auch ferner für dich sorgen. Aber, Evelyn, sich, ich habe bis jetzt geschwiegen und dich nicht wieder gefragt — soll ich denn nie die Wahrheit erfahren? Sag nur alles, vertrau mir doch!" DaS goldene Haupt erhob sich langsam. Große dunkelblaue Augen, in einem Antlitz, schön wie der Traum eines Dichters, richteten sich mit unendlich kummervollem Ausdruck auf die Fragende. Es war das lieblichste, junge Gesicht, das man sich denken konnte, aber blaß, gespenstisch blaß, fast noch kindlich der Jugend und Zartheit nach, und doch lag ein Ausdruck in den holden Zügen, als wäre tiefstes unendliches Leid darüber verheerend hingezogen.. — 538 Sie antwortete nicht, sondern sah die Schwester nur unverwandt an. „Du hast ein Geheimnis und einen dunklen Punkt in deinem Leben gehabt," begann Marian wieder, „indes ich glaubte, jede Seite läge klar vor mir, wie ein offenes Buch. Lag jetzt keine Geheimnisse, keine Dunkelheiten mehr herrschen, Evel Vertraue mir, Liebling; Du wirst in mir die treueste und vertrauenswürdigste Freundin finden." Ein qualvoll gespannter Ausdruck lag in Marians Zügen, ein bittender, sehnsüchtiger Ton in ihrer Stimme, dem auch das härteste Herz nicht hätte widerstehen können. Evelyn's schöne, dunkelblaue Augen füllten sich mit Tränen. „Ich kann es nicht," schluchzte sie leise, „ich kann dir nichts anvertrauen, Mariani Du weißt es; quäle mich nicht. Mein Geheimnis ist mein eigen; es muß mit mir sterben. Ach, Schwester, wenn ich nur hätte sterben können!" „Kannst du mir denn nicht wenigstens die nähereil Umstände deiner unglücklichen Heirat mitteilen? Nicht sagen, iver dein Mann ist? Nicht, warum dies alles so geheim gehalten iverden soll?" „Ich kann es nicht." „Willst du mir denn nicht sagen, ob ich ihn oder seine Angehörigen kenne oder sprechen kann? Es muß doch ein Grund dafür vorhanden fein, daß du mir nicht vertrauen willst, mein armer Liebling." „Ich kann dir nichts von ihm sagen, Marian, kein Wort. Du kannst ihn nie seheii und sprechen. Frage mich nicht." Miß West sah verblüfft und ratlos aus. „Also ist er tot?" — Evelyn schwieg. „Ich muß fragen und muß es ivissen, Evelyn," sagte sie dann ernst. „Du bist nur ein Kind, iveißt nichts vom Leben und hast keine Erfahrung. Du mußt es mir sagen, Evelyn! Hast du, getäuscht durch miivahre Angaben, vielleicht unter deinem Stande geheiratet? Hat er dich verlassen? Vertraue mir doch, Schwesterchen?" „Ich kann es nicht," versetzte Evelyn leise schluchzend. „Marian, da sprechen die Leute vom Tode; ach, den Tod würbe ich leicht und gern ertragen im Vergleich mit dem, was ich gelitten; und vielleicht die größte Qual von allem ist, daß ich es dir jetzt abschlagen muß, mein Geheimnis anzuvertrauen, wo du so gut mit mir bist." „Es ist tausendmal mehr deinct- als meinetwegen," sagte Marian dringliche Aber es kam keine weitere Antwort von den blassen Lippen, al.s nur, daß sie es nicht könne — sie könne es nicht. Einsehend, daß alles nutzlos war, gab Miß West das Fragen auf; und Evelyn verbarg das Gesicht in den Händen. „Marian," sprach sie dann leise, „es ist nicht Verstocktheit von mir. Wenn irgend welche Reue ungeschehen machen könnte, was meine Torheit und Verblendung begangen, so empfinde ich diese Reue; wenn der bitterste Kummer Geschehenes ungeschehen machen könnte, so ist mein Kummer sicher bitter genug. Habe Geduld mit mir! Seit Monaten bin ich nicht mehr ich selbst gewesen. Ich habe plaudern und lachen müssen, während jede Fiber meines Herzens in Qual zuckte. Ich habe all die Angst und Not, die mir die Seele aufzehrte, zu verbergen gewußt, und diese Anstrengung hat mich von Sinnen gebracht. Habe Geduld mit mir, Marian, habe Geduld mit mir!" Ihr schönes Haupt senkte sich tief beiden letzten Worten; und Marian, gerührt und bekümmert zu gleicher Zeit, drückte sie zärtlich und beruhigend an sich. Eine lange Pause entstand. — Sinnend blickte die ältere Schwester in's Weite; ihre Gedanken schweiften zurück in die glückliche Vergangenheit, die ihr ach! erst wie ein Gestern erschien, und doch war schon ein Jahr darüber verflossen — wo Evelyn ein lachendes, glückliches, kindliches Geschöpf gewesen. Noch jetzt klang ihr das glückliche, silberne Lachen in den Ohren; ach! — und es war schon so lanae nicht mehr erklungen. Evelyn pflegte sie aufzusuchen, die rosigen Hände um ihren Nacken zu schlingen und allerlei Neckerei und Kurzweil zu treiben. Diese selben Hände, die jetzt dort so weiß und regungslos lagen, dies selbe blasse Gesicht mit seinem vergrämten Ausdruck — sie gehörten ihr, die in ihrer Jugend- und Schönheitsblüte der Sonnenschein ihres Hauses gewesen, ihrer schönen holden Schwester, für deren Zukunft sie die stolzesten, ehr- geizigsten Pläne entworfen. — Wer hatte dies jugendliche unerfahrene Herz betört und gewonnen, wer übte noch int Tode eine solche Macht darüber aus, daß ihr, der einzigen Schwester, der einzigen Person, die Evelyn auf der Welt nahe stand, ein Geheimnis bleiben sollte? Welche Tragödie hatte sich in diesem Herzen, das sie für das eines Kindes gehalten, abgespielt? Welches Geheimnis lag in dem Leben ihres Lieblings, das sie für so rein und einfach wie das Leben einer Blume gehalten, begraben und verhüllt? — Ihr Leben war doch so still, so einfach und klar gewesen. Sie hatte von solchen unglücklichen, übereilten, romantischen Heiraten, wie diese es offenbar war, gehört, hatte gehört, wie Kummer und Rene für die Beteiligten und nicht selten unabsehbares Unheil für alte ehrenhafte Familien daraus erwachsen war. Aber daß ein solcher Schatten über ihr Heim fallen könnte, über ihre liebliche, zärtlich behütete Schwester — es schien unmöglich. Daun nahmen Marian West's Gedanken eine andere Richtung. Was half das Grübeln über Geschehenes und Vergangenes? Es galt, den Tatsachen ins Auge zu sehen und sich möglichst gut damit abzufinden. Was auch der eigentliche Kern dieses unseligen Geheimnisses sein mochte; eins schien ihr sicher: Evelyn hatte offenbar mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen. Darauf deuteten ihre Fieberphan- tasien, daß ihr Gemahl tot sei, darauf ihr heutiges Geständnis, sie, Marian, werde ihn nie mehr sehen. Von der Seite war also nichts zu befürchten; „und wegen alles übrigen", dachte sie, „bin ich sicher, habe ich meine Vorkehrungen getroffen." Es galt also lediglich, Evelyn selbst zu veranlassen, nach außen hin so aufzutreten, als ob nichts vorgefallen, die ganze Vergangenheit als endgültig abgetan zu betrachten, wieder lebenslustig, frisch und strahlend zu werben, wie früher, — dann konnte noch alles gut werben, dann würde niemand etwas ahnen, dann würden sich keine Verleumdungen, keine Klatschereien an ihre Sohlen heften, dann wnr die Ehre der Familie, ihr Ruf vor der Welt gerettet, — ja, ihrem Lieblinge konnte bei seiner Jugend und Schönheit immerhin noch das glänzende glückliche Los zufallen, das sie, Marian, für sie gehofft und geträumt. „Eve, Liebling", unterbrach sie das Schweigen, „noch einige Tage und du bist kräftig genug, nm nach Hause znrück- . zukehren." „Heim? — Zu unserm Hause in London?" Mit angstvoll abwehrender Gebärde erhob sich die feine, weiße Hand bei dieser Gegenfrage, und die Schwester entdeckte den schmerzlich veränderten Ton in ihrer Stimme. "„Wir haben kein anderes Heim", versetzte sie ernst. „Sieh, Evelyn, ich will dich nicht mehr drängen, mir zu vertrauen; vielleicht, daß du mir in späteren Jahren dein Vertrauen schenkst — —" „Du bist so gut mit mir", murmelte Evelyn dankbar. i"‘ (Fortsetzung folgt.) Aus deutschen AcüschtifLeu. Im Jnkihest der „Neuen Rundschau" (Versag! S Fischer, Berlin) schildert I. I! David aus der Höhe seiner feinen abgeklärten Erzählerkunst ein eigenartig fesselndes Stück Selbsterlebens. — Am 9. September 1905 war er von Gmunden elend, abgeschlagen nach Wien zurückgekehrt. Zum dritten Male ergriff ihn ein Leiden, „das' die Aerzte wohl- nur, weit auch das fatalste Kind endlich! getauft werden muß, eine chronische Influenza. heißen". „Böse Schmerzen aller Gattung, ärger als man fie erträglich glauben möchte", waren ihm beschert, aber niemals wich von ihm die Fähigkeit der Selbstbeobachtung, sein Ich war für ihn deutlichen zwei Wesen gespalten, das eine das kranke, das. andere das gesunde, dieses dazu verflucht. sich beobachtend' mit voller Klarheit an jenes zu hängen. Und das kranke Ich lebte und dachte in einem furchtbar komischen Wirrsal verdrießlicher Irrungen. Es war so von Halluzinationen und Visionen in Anspruch genommen, daß dem Patienten die Zeit mit unbegreiflicher Schnelligkeit verflog nnd er eigentlich niemals Langeweile verspürte, obwohl er sich mit nichts ernstlich beschäftigen konnte. Aengstlich verheimlichte er den Aerzten alle Zwangsvorstellungen, die erfüllt waren von grotesker Phantastik: „Verwunderlich genug, und vielleicht nur erklärlich aus der nahezu vollkommenen Erschöpfung aller meiner Kräfte, in der ich schon in die Krankheit eingetreten, war mir selber in jeder Rückschau der vollkommene Mangel an sexualen Gesichten in einer so langen und bunten Reihe von Erscheinungen. Noch eine daraus sei verzeichnet, weil mir i!*£ Ursprung durchaus rätselhaft erscheint. Ich wußte ganz gewiß, daß der Arzt, der mich behandelte und alle seine Hingebung und Kunst an mich wendete, keinen anderen ähnlichen Fall in seiner Praxis habe. Dennoch glaub' ich au einen solchen, und es war ein Doppelgänger von mir und es bestand eine Art Vampyrismus zwischen uns. Denn je schlechter es mit mir bestellt war, desto näher rückte jener seiner Genesung : trat aber bei mir eine jener immer trügerischen Wendungen zum Besseren ein, so siechte mein Widerpart schlimmer dahin, ohne daß mir in einer nicht aufzuhellenden Weise das gleichgültig bleiben konnte. Zwischen uns beiden aber lief eilfertig und ohne Unterlaß ein Hündchen hin und wieder. Oftmals war mir, als müßt' ich darauf Leuten, damit man ihm endlich den Paß verlege; niemals aber vermocht' ich diesen Entschluß. Es war, als müßten nun einmal die Dinge und was immer in noch so wunderlicher Weise mit ihnen verwoben war, ihren unaufhaltsamen Lauf haben bis ans letzte und vor- bestimmte Ende, das niemand zu wenden stark genug war, dahin ich von geheimer Gewalt geführt ward, um es schaudernd oder eratmend zu grüßen. Und so trug jener kleine behende Bote des Unheils fürder unbeirrt seine Posten. — Es scheint mir merkwürdig, wie die Einbildungs- kraft, die wir sonst zu meistern wähnen, sich selbstherrlich aufreckt, dem gebietenden Verstand fast feindselig gegenüberstellt und uns Widerstrebende gewalttätig Pfade sührt, die zu betreten uns anders mit gutem Grunde schaudern würde." — Tie vielen Amerika na abenteuerlichster Art, die man besonders in der sauren Gurkenzeit alljährlich aufgetischt bekommt, erfüllen jeden vernünftigen Leser gewiß mit Verdruß. Ms wäre da drüben wirklich nur ein Land der ewigen Wunder und Ungeheuerlichkeiten auf jedem Gebiete! Um so angenehmer berührt inzwischen dieses Wustes von Aufschneiderei und Sensationshascherei ein vernünftiger und belehrender Artikel, der wertvolle Aufklärungen bringt. Tr. Thomas Stet tu er behandelt im letzten Heft von „dlord u.nd Süd" (Verlag S. Schottländer- Breslau) „Die Sage von der weißen Frau" und versucht es, zu ergründen, auf welchem Wege die Gräfin Kunigunde von Orlamünde mit der „weißen Frau" des Hohenzollern- schen Hauses in Verbindung gebracht wurde. „Zum ersten Male wird nach dem Tode des Markgrafen Mbrecht Achilles berichtet, daß in den dunklen Gängen und Gewölben der Plassenburg eine gespenstige Erscheinung im weißen Gewand sich zeigte. Sie stiftete soviel Unruhe und Unheil an, daß Albrecht der Krieger ihr weicht und die Hofhaltung nach Bayreuth verlegt; aber auch dort erscheint sie, ebenso in Berlin und bald überall, wo Hohenzollern sitzen. In Minutolis Geschichte der weißen Frau sind alle bekannten Fälle ihres Erscheinens ausgezeichnet —" sie sind zahlreich genug. Man vermag wohl zu erkennen, wie die Gestalt Kunigundens von Orlamünde — der ehemaligen Besitzerin der Plassenburg — mit der weißen Frau der Hohenzollern rdentifiziert wurde. „Die schöne Herrin, die lange dort gewohnt hatte, war in blühenden: Alter ins Kloster gegangen, kurz nachdem Burggraf Mbrecht eine andere gefreit. In der orlamündischen Gruft zu Himmelskron nahe der Plassenburg fand man unverwest geblieben die Leichen zweier Kinder, deren Namen keine Inschrift und kein Bild meldete." (Nm Albrecht freien zu können, soll die schöne Gräfin ihre beiden Kinder erster Ehe im Schlafe nut einer goldenen Nadel getötet haben.) „Als nun die Kunde sich verbreitete, daß in jenem Schlosse ein Geist in weißem Gewände sich zeige, da mochte vor das innere Auge eines Besuchers! jener, vrlamündischen Kiude^rnst die Gestalt der Gräfin 539 - von Orlamünde treten, wie er sie in Gründlach auf ihrem' Grabstein gesehen. Da dieser ursprünglich farbig war, mochte der Eindruck der hohen Gestalt in: weißen Kleide wohl ein bleibender sein! Sie hatte ja nach ihres Mannes Tode heiß einen anderen geliebt, war ins Kloster gegangen, wohl nm begangener Schuld willen; aber der Himmel hatte die Sühne nicht angenommen, und in dem Gewand, in dem sie auf dem Grabstein steht, wär sie verurteilt, ruhelos uniher zu wandern. Durch den Zusammenhang mit Albrecht war erklärt, warum sie ein Gast der Hohenzollernschlösser sei, nnd so war Kunigunde von Orlamünde zur weißen Frau geworden." Lange galt sie als ein Geist der Rache, der den Hohenzollern nur erscheine, um ihnen Unheil und Nahen des Todes zu künden. Später aber hat sich die Sage gewandelt, die weiße Frau ist zu einer milden Mahnerin geworden, indem sie das, was sic ans sündiger Liebe verbrochen haben soll, durch Täten nie ermüdender Liebe sühnen will. So wurde sie schließlich zu einem Schntz- geist des Hohenzollernhanses im Volksaberglauben umge- stallet. — In dem neuesten Heft der „Deutschen Kultur" (Deutscher Kulturverlag, G. m. b. H., Leipzig) befindet sich u. a. ein lesenswerter Artikel von Max Hertel iiber „Tie „Psychologie des Kleides". Zuerst zwang natürlich die äußere Notwendigkeit den Menschen dazu, sich zu kleiden. Dann erst entwickelte sich das Schamgefühl, das ihm gebot, seine Blöße sorgfältig zu bedecken. Eine gewaltige Rolle inbezug auf die Entwicklung der Bekleidung zum Luxus, zur denkbar größten Schönheit, spielt das Liebesleben: „Wäre ein Geschlecht allein da, so würde die Kleidung ohne Zweifel ärmer sein, sie entbehrte eines bedeutenden Impulses, und insofern ist das Liebesleben ein Teil ihrer psychologischen Grundlage." Ebenso hohes Interesse wie etwa, die Nationaltracht erregt vom psychologischen Standpunkt aus die Art, wie sich der einzelne kleidet: „Mancher hat die Gewohnheit, jahraus, jahrein dieselben Kleider, die gleichen Farben, Schnitte nnd Stoffe zu tragen. Diese Erscheinung tritt weniger bei der Jugend als beim Alter, mehr bei Männern als bei Frauen auf. Abgesehen von den Fällen, da wirtschaftliche Motive das Beibehalten bedingen, ist es oft der Ausdruck einer auf alle Lebensgebiete übertragenen konservativen Gesinnung. Dann wieder kann es Eigentümlichkeit eines Menschen sein, der durch Arbeit, vornehmlich ideelle, in Anspruch genommen ist. Zeitmangel oder die Einsicht, welch geringer Wert der Kleider- fragc zukommt gegenüber den Gütern, die er sich erworben hat und täglich neu bereitet, veranlaßt ihn zu der erwähnten Stagnation in seiner Bekleidung. Oft auch hat sie ihren Grund in einer bestimmten Verfassung des Gemüts, in einer Resignation, Depression, Verachtung oder wenigstens Gleichgültigkeit gegenüber den Gütern der materiellen Welt." __ (Nat.-Ztg.) Ikanenporst öer den MimvMem. lieber dieses Thema sprach Professor Dr. Adree- München auf dem Deutschen Anthropolo gentag in Görlitz. Zunächst betonte er, daß das Epos nnd Drama unberührt bleibe, die Frage nach einem weiblichen Homer, Goethe oder Shakespeare ist noch eine Frage der Zukunft. Bei den Naturvölkern finden wir Frauen in derselben Weise dichterisch tätig, wie die Männer; freilich ist der nur feiten vorkommende Reim und der Rhythmus von besonedrer Art, aber bei Frauen und Männern in gleicher Weise. Die poetischen Erzeugnisse sind immer improvisiert, nur bei den Kultushandlungen findet sich traditionelle Poesie vor; bei den improvisierten lyrischen Gedichten ist der Dichter nnd die Dichterin gleichzeitig auch immer Sänger und Komponist. Be: einzelnen Völkern treten lediglich Frauen und Jungfrauen dichtend auf, so bei den Guyana-Indianern und den Kamschageli; berühmt ist die „Goldblume" auf Haiti, die Bet ihren: Volk zu hohen: Ansehen gelangte; weil sie durch ihre Gesänge zum Kampf gegen die weißen Eindringlinge aufforderte, Würbe dies Heldenweib in: Jahre 1505 von den Spaniern gehängt. — Auch bei den Völkern, bei denen Männer als Dichter auftreten, sind den Frauen allein Vorbehalten zunächst die Wiegenlieder. Ebenso sind die Spiellieder allein Sache der Frauen. Hier finden wir eine ganze Reihe von Parallelen, die uns zeigen, wie manche Spiele und Lieder durch weite Länder hindurch gehen. So finden wir das bekannte europäische Spiellied: „Das ist 636 t sich d 1 A a 6 n h i E r u n i ä I a Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der B r ü h l'fchen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen I n d r k a b e n d 1 a n d E d i n b n r g h g i r Vermischtes. * 93o n der S cheuersrau zur Braut eines Lords. Die in London und New-Port so überaus gefeierte „Gibson Girl Camille Clifford ist ja auch bei uns in Deutschland ausgetreten, md daher wird ihre Verlobung mit dem Honorable Leutnant Henry Lyndhurst Bruce, dem ältesten Sohn und Erben Abberdares, juch bei uns interessieren. Der Vater des jungen Brautigams jreilich, der ein immens reicher Kohlenmagnat ist und sich des Lordtitels noch. nicht allzu langer Zeit ersreut, ist von dieser echt „weltmännischen" Tat seines Sohnes nicht sehr entzückt, den» seinem streng religiösen Eiiipsinden siiid alle Schauspieler em Greuel, schöne Schauspielerinnen aber, die seine Schwiegertochter werden wollen, besonders surchtbare Erfindungen des Satans. Mist Clifford ist anderer Ansicht; wie sie in verschiedenen Aussätzen in ainerikanischen Blättern aussührt, sicht sie gar nicht ein, warum eine Schauspielerin nicht die Gattin eines Lords werden sollte, imb der Daumen, der schüttelt bie Pflaumen usw. etwas ab- geändert, aber unverkennbar tmeder bei den Suaheli m Südost-Afrika und bei den Kurbsch m Ostindien. Ebenso finden wir das bekannte Gänsesprel auch bei den sudost-- afrilanischen Baronga und bei den Tschuktschen an der äußersten Nordspitze Asiens, an der Behring,traße. ^n. dem großen Kapitel der Liebesgedichte finden wir alle lieber, gange von den einfachsten Anfängen bis zu den zartesten Blüten der Empfindung. Wir finden Ausdrucke, die an die feinsten Empfindlingen erinnern. Selbst bei den Indianerinnen, die iubezug auf die Liebeslieder nicht be- ionders stoch stehen, sind die Ausdrücke für Liebe so mannig- faltia, daß wir kaum mit unseren europäischen Ausdrucken heranreichen. Diese Liebeslieder beginnen schon im zarten Alter, da das Mädchen bei den Indianern zwanglos und frei ist, bis sie als Frau in das Eigentum eines Mannes überlebt Auch der schwarzen Rasse fehlt nicht das poetische Talent. Unter den afrikanischen Völkern stehen die Hamiten über den Negerinnen, und speziell zeichnen sich die Somali- Frauen durch tiefe Liebesgedichte aus; sie bevorzugen die Krieger, haben also wie unsere Mädchen Interesse für zweierlei Tuch. - Ich übergehe die Rache- unü Eiferiuchts- lieder; das menschliche Mitleid hingegeii nmcht sich besonders bei vielen Frauen bemerkbar. Mungo Park erzählt, daß er einst am Niger beraubt und fast verhungert am Wege lag; eine alte Negerin fand ihn und brachte ihn m ihre Li'tte Als er wieder zu sich kam, hörte er die Alte singen, und zwei andere in der Hütte anwesende Weiber sangen den Refrain mit. Das einfache Lied lautete: „Der Wind heulte, der Regen fiel, der arme weiße Mann lag nag unter unserm Baum; er hatte keine Mutter, die Milch zu ihm brachte, kein Weib, das Korn für ihn malte. Refrain: Habt Mitleid mit dem weißen Mann!" — Von den Klageliedern, die nicht nur Toteuklagen, sondern auch durch den Glauben an Dämonen veranlaßt sind, erwähnte der Redner ebenfalls einige. Eine Negerin singt an der Leiche des Mannes: „Verlassen hast du mich, ntetn Gatte. Was soll ich nun beginnen? Du hast mich ernährt; jetzt werde ich verachtet." Eine Maori-Frau aus Neuseeland klagte: ,,^ch weine um die Kinder, die nun an mir hangen, beraubt ihres Vaters, der still jetzt und tot. Kehr wieder, kehr wieder zu deiner Behausung, der Stätte, wo mein Herz so fest dich umschlang. Dahin ist der Sänger, der den Morgen begrüßt, verlassen für immer, die heiß ihn geliebt. — Den Schluß in der Stufenfolge mögen Arbeitslieder bilden, die nach einer freilich bestrittenen Theorie bet den Frauen am meisten auftreten, weil die Frau bie am meiste» arbeitende ist, und der Rhythmus der Arbeit mit dem des Liedes zusammenfällt. Am stärksten treten Lieder hervor, die sich auf das Nahrungsmittel beziehen; em Beispiel sei das Lied der Araukanerinnen: „Wir reihen den Weizen für den Fremden, der von weit hergekommen ist; möge das Mehl recht weiß für ihn werden und aikgenehnt schmecken; denn er brachte uns Glöckchen und gab uns Perlen für unser Haar." — Wenn wir das vorhandene Material sichten, so finden wir neben, recht einfachen Sachen tiefere und feinere Empfindungen, die bei beit Naturvölkern tu vernehmen wir uns freuen. Jedenfalls aber ist eine Skala vorhanden: Am tiefften stehen die Australierinnen; bann folgen die Negerinnen und Indianerinnen; höher stehen die^ drawidischen Eingeborenen Ostindiens, und am höchsten stehend ftnben wir die Polynesierinnen. bäli sich dazu mit ihrem Schick und ihren: geistvollem Reprasen- tation§ta(ent für viel geeigneter als manche Aristokratin. Wirtlich bat sie ja auch durch ihre Karriere bewiesen, daß sie keine gewöhnliche Frau ist. Die in Millionärskreise» angebetete Schönheit stammt aus Schweden und ist als junges Mädchen nach Amerika in einet Steinte cjefoHinien. '£vcl)on bei bev Hebei in l)t’t wiube b(i3 auffallend hübsche fünfzehnjährige Ting zum Mittelpunkt des ganzen Schiffe» machte zahlreiche Eroberungen und bekam eine Ahnung davon, welche Erfolge ihrer in dem „Lande der unbegrenzten Möglichkeiten" Harrten. Bei der Tante hielt sie es nicht lange aus, sondern stellte sich aus eigene Fuße und wurde zunächst Dienst- mädchen bei einer reichen Dame. Die ainerikanischen Blatter geiallei: sich besonders in der Aiismalung einer Aschenbrodelszene: Die jmige Schönheit scheuert die Steinfliesen im Flur der Sommer- wohnung ihrer Herrin ab und sieht mit sehnsüchtigem Mick den in eleganten Automobilen vorbeisauseiiden Mondame» nach. In ivenigen Jahren hat sie es weiter gebracht als die ernst von ihr o bewunderten Samen! Die Bühne war natürlich auch sur sie das Sprungbrett, voii dem aus sie sich in die Sphären des Ruhmes und Reichtunis hinauischwang. Ein findiger Theaterdneltor erkannte die außerordentliche Grazie ihrer biegsamen Figur und Vie große Tournüre ihrer Haltung, und stellte sie in dem erfolgreichen Ausstattungsstück „Der Fürst von Pilsen" an bie sichtbarste stelle. Damit mar ihr Glück gemacht, und in Ncw-Pork sprachen die Mitglieder der eleganten Millionärskreise lange Zeit von mchw anderem als von der schönen „Chorus-Girl", die sich so gescymeidig verbeugen, so unnachahmlich keck und elegant sich bewegen konnte. Auch in London wußte sie die Herren der 9cnneife boree an :()« t Triumphwagen zu fesseln, und von dort drang ihr Ruhm dann .überall'über den Kontinent. Camille Clifford hat euien bestimmten Typ der amerikanische» Fraii, die stolze Beherrschen» des Leben», bie »»ter de» Aristokraten der alten Welt fiotbe austeilt und m ihrer kraftvolle» Gesundheit die Verkörpermig einer neuen Rage darstellt, vorzüglich zum Ausdruck gebracht; sie hat m ihre Gesten eine echte Charakteristik und seine Anmut zu legen gewußt und ich stets als geistreiche Beobachterin gezeigt. Warum soll sie mcht auch als Lady ihren Platz auSfülle»? * Die H e tr ats lo tter t e. ^n Italien soll wieder eine Heiratslvtterie organisiert werden, deren Plan^nach dem der berühmten Mailänder Heiratslotterie vom >iahr 1903 entworfen ist. Die Preise sind, tote am englisch , Korrespondent berichtet, dreißig junge Mädchen, bie tu einer Schönheitskonkurrenz den Sieg davongetTEN haben. Die Lose kosten zehn Lire. Die dreißig! jungen MädchenUverden mit Mitgiften in verschiedener Hohe ausgestattet, der erste Preis soll eine Million Lire betragen . . . Für einen Hauptgewinn von einer Million und einer schonen Frau, dazu sind zehn Lire gewiß ein geringer Einsatz! ^och dazu wird der glückliche Gewinner nicht gezwungen, zu dem Gelbe unter, allen Umständen auch dis Frau zu nehmen; sollten die beiden nicht aneinander Gefallen finden, so teilen sie einfach die Summe und jeder geht seiner Wege. Citatenrätscl. Nachdruck verboten. Aus jedem der folgende» Citate ist ein Wort zu nehme», so daß ein neues Citat ergiebt: 1. Das Bessere ist der Feind des Gutem 2. Dann erst genieß ich meines Lebens Recht, Wenn ich mir's jede» Tag auf's Neu erbeute. 3. Im wuiidcrschöueii Monat Aiai, Als alle Knospen spränge». 4, Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leven blüht aus de» Rumen. 5. Es ist einmal so Sitte. 6. Wir sitzen so sröhlich beisammen Und habe» ei»a»der so lieb. 7. Wer sich behaglich fühlt zu HauS, Der reimt liicht i» die Welt hinaus. . 8. Und kommt der Frühling, trink' ich ivieder Aus Freude, daß er endlich da ist. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Gitterrätsels in voriger Nummer: