W LEW Jem Wahren- Edlen, Schönen. Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „O", rief Genoveva voller Verwunderung, als sie sah, haß der Tisch bereits in vollem Glanze prangte — und „o" rief auch das Fräulein, da sie Hammer im schwarzer: Spitzrock erblickte. Er aber schmunzelte. „Das ist der Höhes- Punkt", sagte er, „das ist sozusagen die Krönung des Werks. Nicht irn Mtagskleide, sondern im Festgewande. Beweis für die Ehrung, die Sie mir erzeigen . . ." So froh hatte sich der Baumeister seit langer Zeit nicht gefühlt. Es zuckte wohl einmal der Gedanke in ihm auf, daß er auch mit der kleinen Nina hatte soupieren wollen. Aber er verscheuchte ihn schnell; er war ihm lästig und unangenehm; es war zu dieser Stunde eine fatale Erinnerung für ihn. Sie saßen sich gegenüber am Tisch, speisten mit gutem Appetit und ließen die Gläser klingen; plauderten über Hunderterlei und spürten, daß sie sich einander kaum noch fremd waren. Sie fanden mancherlei Berührungspunkte, und mußten sie streiten, so geschah es mit Laune. Ein Odem glücklichen Wohlbehagens lag über ihnen. Gegen neun Uhr ging Agnes. Sie sagte Dank und gab Hammer die Hand. Er war feinfühlig genug, sie nicht länger zurückzuhalten; er sprach auch nicht von einer Wiederholung dieses harmlos frohen Abends. Aber er begleitete sie in die Entree und half ihr in die Jacke und jafy zu, wie sie sich vor dem Spiegel den Hut aufsetzte. Und unwillkürlich fiel ihm dabei Ninas Aage über ihre unmoderne Jacke und den wilden Federhut ein, und sein Gesicht wurde finster. „Wat nrackst Du vor eine miserabile faccia, Urbano?" fragte Genoveva, als sich die Tür hinter Agnes geschlossen hatte; „huuu, wat eine grantige Gesicht!" „Silencio, Alte", antwortete der Baumeister und war wieder in Stimmung. „Mein Gesicht ist ein Ting an sich. Uber meine Seele ist heiter. Es war eine Stunde des Nervenausruhens. Und zum Trumpf setze ich noch ein Glas Pschorrbräu darauf Du hattest recht: ein Abend zu Hause hat auch feine Vorzüge; ohne bommeln und Schampa; aber die Gesellschaft muß darnach sein." „Siehste", triumphierte die heiligp Genoveva, „wat habb' ick gesackt!?" .■( ‘, ।; ; lii 10. Frühling und Sommer vergingen, und wieder kam her Herbst und schüttelte das bunte Laub von den Bäumen, und die ersten Stürme setzten ein. Das war die Zeit, ha man das Richtfest des Prinz Ferdinand-Theaters begehen konnte. Im nächsten Oktober sollte das Haus feierlich eröffnet werden. ES Ivot gewaltig in die Hohe gestiegen. Nach den Linden zu erhob sich die snulengeschmückte Fassade fast fertrg im leichten Glanze ihrer Marmortäfelung. 9htr am großen Portikus und an den Einzelheiten der Front wurde noch gearbeitet. Noch fehlte der plastische Schmuck auf den freien Wandflächen, den zwei überlebensgroße Lorbeerkranze tragende Genien bilden sollten, noch fehlten die Büsten in den Medaillons zwischen den oberen Säulenreihen und die Plaketten darunter mit Szenen aus klassischen Opern und Schauspielen, noch fehlte auch die Inschrift: der Wunsch der verstorbenen Rosalba Peretti war noch nicht erfüllt worden. Aber dennoch: das Volk hatte recht, wenn es in-, mitten des großen Boulevards, zwischen den Lindenreihen, stehen blieb und bewundernd zu der marmornen Pracht aufschaute, die da hinter den roh gefügten Brettern des Bauzauns aufstieg. Es war das Geschenk eines Genius, das sich noch wie schüchtern verbarg, aber doch schon bereit,: die Hülle zu sprengen; es war ein Wunderwerk schöpferischen Geistes, auf das die Hauptstadt in Wahrheit stolz fein konnte. In gewaltiger Höhe überragte den Bau ein gleichsam" in der Lust schwebendes ungeheures Eisennetz, noch nackt und wie das Gewebe einer Riesenspinue sich vom Himmels- blau abhebend. Ganz oben, als Krönung der Kuppelung, hing der mächtige grüne Richtkranz. An diesem Tage ruhte die Arbeit. Am Morgen hatte eine anspruchslose kleine Feier auf dem Bau stattgefunden: am Spätnachmittag gab Hammer den Arbeitern ein Fest in der Friedrichstädtischen Brauerei. In dein große;: Saale der Brauerei tafelten über zweihundert Personen: die Bauführer, die Poliere, Ingenieure, Zimmermeister und Steinmetze, auch Bildhauer und Maler, Künstler und Arbeiter. Es war kein Ehrentisch für die Bevorzugten aufgeschlagen worden. Es war ein Fest der Arbeit. Infolgedessen waren auch nur an diejenigen Einladungen ergangen, die wirklich am Bau tätig oder mittätig waren; nicht an die Herren vom Aufsichtsrat, die Kapitalisten und Donatoren irnd an das Personal des neuen Theaters. Tie gemeinsame Arbeit vereinte die gesellschaftlichen Gegensätze. Professoren der Kunstakademie, die sich bildnerisch an der Ausschmückung des Hauses beteiligten, saßen zwischen einfachen Handwerkern und aßen tapfer ihren Gänsebraten mit und tranken ihr Seidel Bier und unterhielten sich gutmütig nach rechts und links. Oben" an der Kreuzung der Tafel war Hammers Platz. Von dort aus konnte er alle überschauen, die mit ihm am Werke waren, und unwillkürlich überkam ihn bei diesem Anblick ein Gefühl des Stolzes und der Macht. Das war sein Regiment, war seine Armee! Er der Feldherr, der Stratege, der Oberstkommandierende, der den Plan entworfen und das Ziel angegeben — und die Zweihundert um ihn die ausführende Kraft. Da war jedem einzelnen seine bestimmte Arbeit zugewiesen, sein genau begrenztes Feld: aber die vierhundert fleißigen Hände schufen doch auch wieder dem gleichen Endzweck entgegen. Es war ent In- ein ander greifen wie Lei den zahllos«! Teilen eurer einzigen riesigen Maschine. Und tote menschliche Intelligenz die Maschine bewegt, so war auch hier der Geist der leitende Faktor, bi«- dem Wahren, Edlen und Schönen eur hohes Haus baute. Anfänglich war es ziemlich still in der Runde. Die Arbeiter, alle in ihrer Sonntagskleidung, hielten sich schuch- teril zurück und sprachen nicht viel. Hammer hatte jeden eirizelnen bewillkommnet; er hatte zweihundert Händedrucke ausgeteilt und mit vielen ein paar freundliche Worw gewechselt. Er war streng imb unnachsichtig auf oem Bauplatz;'er konnte auch heftig werden, wenn der Aerger über eine mißlungene Einzelheit in ihm aufquoil. Aber setne Gutmütigkeit und sein Herz brachen immer wieder durch. Man vergaß es ihm nicht, daß er einmal einen verunglückten Arbeiter selbst in die Charitee gebracht und die arme Frau des Mannes häufig besucht unb reichlich unterstützt hatte. Mau hatte ihn gern, und das kam auch auf diesem ^este zum Ausdruck. Hammer begnügte sich mit einer kurzen Ansprache und trank auf das Gedeihen der Arbeit und auf das Wohl der daran Beteiligten. Nun erhob sich der älteste Polier, unk in netten Worten auf den Bauherrn zu toasten. Das klang gut; aber inan fühlte doch, der Toast war einstudiert und auf gewisse Anregungen hin ausgebracht worden. Da klopfte einer der Arbeiter an sein Glas, ein einfacher Maurer: ein starker Mann mit braunem Gesicht und einem ergrauenden Krausbart, mit gewaltigen Händen und ganz zarter Stimme, Er mußte erst schreien, um burchzudrmgeu. Dann aber wurde es aus einmal lautlo . u>>'. und alle schauten auf den plötzlich verlegen tverder.de -Mann. Doch rechts und links schnbbste man ihn und reo«e ihm zu: „Karle, nu' sprich doch" . . . „Leg' doch man los, Men- schenskind" . . . „Karle, Tu mußt uffsteh'n" . . . Und da faßte Karle Mut, richtete sich in seiner ganzen respektablen Größe auf und sagte: „Der Herr Zimmerpolier Schuurann hat auf den Herrn Baumeister Hamrner ein Hoch ausgebracht. Und alle, wo wir hier sind, haben in diesern Hoch eingestimmt und begeistert mitgeschrieen. Aber ich möchte mir erlauben, noch einmal Sie zu einem abermaligen Hoche aufzufordern, und zwar auch wieder auf eben demselbigen Herrn Baumeister Hammer, aber nicht als wie auf unserm Bauherrn, sondern als wie auf dem guten M e n s ch e n Herrn Hammer, der ein Arbeitgeber is, als wie wir einen zweiten lange wieder suchen können, und der mit seine Arbeiter fühlt, und der Mitleid mit sie hat und auch Liebe. Und aus dieser Ursache fvrd're ich die hier in diesem Kreise anwesend seienden Arbeiter aus: nehmt Eure Gläser und ruft aus: unser guter Arbeitgeber, Herr Baumeister Hammer, er lebe hoch — hoch — hoch!" . . . Das gab uun ein dröhnendes Hoch und wollte nicht enden. Immer wieder Hub eine neue Stimme an, und die andern sielen ein, und oben am Tische umdrängte man Hammer uttb stieß mit ihm an und schüttelte ihul die Hand. Es sind kleine Freuden tut Leben, die man auch über- größere nicht vergißt. So eine wurde Hammer zuteil. Es kamen noch Ruhm und Ehren über ihn und auch ein reiches Herzensglück; aber das Erinnern an diese Stunde, da ein schlichter Mund das Menschliche in ihm feierte, blieb wach zu allen Zeiten. — Nach dem Bankett waren auch die Frauen und erwach!- senen Töchter der Leute geladen. In den Nebensälen fand ein Tanzfest statt, und Nun wich die Schüchternheit, und es wurde lustig. Der Sprecher von vorhin führte dem Bau- meister seine Gattin vor: sie war von erfreulicher Rundlichkeit, aber Hammer mußte mit ihr tanzen, denn es war gerade Tamenwähl, und Sb er ihre gewichtige Taille auch knapp umspannte, so gelang es ihm doch, einmal mit ihr durch den Saal zu walzen. Indes war dies nur der Anfang. Es kam jetzt eine nach der andern, Frauen und Mädchen, ansehnliche und solche, die minder schön waren, dicke und schlanke, und jede forderte Hammer zu einem Tanze auf; denn das hielten sie für Schick bei dieser Damenwahl, daß sie mit dem Bauherrn ihrer Männer und Väter tanzten. Hammer tat, was er konnte; doch auch seine Kraft erlahmte. Er war tote aus dem Wasser gezogen und fühlte setne Kniekehlen. Er mußte auch fort; um halb neun begann ein zweites Festmahl; diesmal bei Fridolin Meyer. So Nahm er sich denn die letzte vor, eines Zimmerers Töchterchen, raste mit ihr eine Polka-Mazurka quer durch den Saal und empfahl sich sodann schnell und heimlich. Er fuhr zunächst nach Hause, sich umzukleideu, und hörte dort zu seinem Erschrecken von Genoveva, daß Fräulein! von Sorben am Nachmittag erkrankt sei. Sie habe über Migräne und heftiges Frösteln geklagt und sich eine Droschke holen lassen, um sich daheim zu Bett zu legen. „Migräne und Frösteln", sagte Hammer, „das deutet auf die Modekrankheit. Ich hoffe, es wird so schlimm nicht sein. Jedenfalls gehst Du morgen in aller Frühe in die Wohnung des Fräuleins, erkundigst Dich nach ihrem Befinden und sagst ihr, so sehr ich sie auch entbehrte, sie soll« sich schonen und nicht eher wieder hierherkommen, ehe sie nicht völlig gesundet sei. . . Halt — nimm ihr ein paar Rosen mit! .“. . Nein — nimm keine mit! Aber bestelle schöne Grüße von mir . . ." Auch das Tiner bei Fridolin Meyer gehörte zur Weihe des Tages. Ter dicke Geheimrat ließ es sich nicht nehmen, auf seine Art das Richtfest zu feiern, und hatte nebelt den Mitgliedern des Aufsichtsrates, einigen hervorragend den Aktionären, den Direktoren des Prinz Ferdinand- Theaters und einem intimeren kleinen Freundeskreise auch noch ein paar Sterne erster Ordnung zu sich geladen, die hin und ivieder seine Geschäftsbahn kreuzten. Es ivar dies vor allein der erst vor kurzem ernannte neue Kultusminister, ferner der Polizeipräsident und ein Geheimrat von Elgersburg, der als Theaterzensor dem Polizeipräsidium beige-, gebe» war. Hammer traf gerade zur rechteu Zeit ein. Tie Equipagen! rollten noch unter das hell erleuchtete Glasdach der Billa, die Pferde wieherten, die Coupetüren fchlugen auf und zu, Im sanft erwärmten Vestibül und im Treppenhaus rauschten! die Toiletten der Damen; das elektrische Licht ergoß sich über Helle Capuchons und farbige Abendmäntel. Bekannte begrüßten sich mit flüchtigem Wort. Auch ein paar Sporen klirrten; eine Uniform tauchte auf. Int ersten Stockwerk war die ganze Zimmerflucht geöffnet. Fridolin Meyer war nicht nur sehr reich 1111b nicht nur ein großer Gourmet: er war auch ein Mann von Geschmack. In Kleinigkeiten verleugnete sich der Emporkömm- ling nicht. Er war glücklich, ein paar vornehme Namen, ein paar Exzellenzen, eine Durchlaucht und zivei Grafen bei sich zu haben; er klopfte gern in geeigneter Umgebung einem berühmten Schriftsteller oder einem großen Künstler auf die Schulter und nannte einen von der Modeströmung getragenen Schauspieler beim Vornamen. Aber er besaß doch auch eine umfassende Bildung. Er gehörte zu jenen Beneidenswerten, die ihre Zeit zu verdoppeln verstehen. Er war ein ausgezeichneter Geschäftsmann, tätig von früh bis spät; und immer behielt er noch Muße genug, sich an Unternehmungen zu beteiligen, die seinem Berufe mehr oder minder fern lagen. Auch dabei sprach häufig ein geschäftliches Interesse mit; aber nicht durchaus; es mischte sich vielfach ein ehrliches künstlerisches Empfinden hinein. Er stand im Empfangszimmer und begrüßte die Gäste; neben ihm seine Hausdame, eine entfernte ältere Cousine, klein, schwarz, wie ausgetrocknet, mit stereotypem Lächeln aus dem zitronengelben Gesicht und der beständigen Phrase aus den Lippen: „Es ist mir eine besondere Freude" . . , Sie hatte etwas Automatisches. Mer sie repräsentierte trotzdem. Sie war Inhaberin der Roten Kreuz-Medaille, die an ihrer rechten Schulter schaukelte. (Fortset.ung folgt.) Eine Mspferdzagd auf dun Mam'r.*) Von Marinestabsarzt a. D. Dr. L. Sander. Seit Wochen lagen wir vor Zanzibar, wohin wir unseren ersten Generalkonsul, den bekannten Afrikareisenden Gerhard Rohlfs, gebracht hatten. Heiß brütete die Sonne über den Wassern, und das Land lag in flimmernder Fata! morgana, sodaß wir täglich das fernab liegende Festland, das Ziel unserer sehnlichsten Wünsche, in trügerische Nähe gerückt sahen. Plötzlich schellte die Glocke, und der Läufer des Kommondanten trat in die Stube: „Herr Doktor möchten zum Kommandanten kommens „Herr Kapitän befehlen?" *) Wir entnehmen diesen Aufsatz mit Erlaubnis des Verlages dem 4. Bande der bei Wilhelm Weicher in Leipzig erscheinenden Deutschen Marine- und Kolonialbibliothek „Auf weiter Fahrt . (BWer ^schienen 4 «ich illustrierte Bände zu je 4,50 Ms. geb.) s- W>- ! „Ich mötche morgen eind mehrtägige Jagdfahrt nach dem Wami machen; wollen Sie mitkommen, Herr Doktor?" Leutnant Jacobs wird auch mit dabei sein, unseren Führer und Leiter wird Hssrr Lindner von der Kongogesellschaft spielen." „Mit größten: Vergnügen, Herr Kapitän!" „Läufer, mein Bursche!" Boll fiebernder Freude, an dem lange ersehnten seltenen Jagdsport ans Nilpferde teilnehmen zu können, saß ich in der Messe und wartete auf meinen treuen Wolf. Wer Adolf kam nicht. Dafür aber der Läufer nach noch mehr als einer Viertelstunde mit dem stereotypen: „Herr Doktor, ich kann ihn: nicht finden!" „Zum Donnerwetter, so sehen Sie mal in den Briefkasten, vielleicht ist er dahinein gefallen!" Wie immer hatte diese Apostrophe den gewünschten .Erfolg. Adolf trat nach kurzer Zeit ein, und auch ihm glänzten wie mir die Augen in .Erwartung des bevorstehenden Jagdglückes. Aber ivas hatte der Arme noch alles zu erdulden, ehe wir soweit waren! Ebenso aufgeregt wie ich, beging er dieselben Kopflosigkeiten wie ich, und das Nächstliegende wurde vergessen, zehn Dinge auf einmal angegriffen, sodaß keines zu seinen: Recht kam und mit Not und Mühe alles zusammengebracht wurde. Fast hätten wir im Uebereifer Büchse und Patronen vergessen! Der nächste Morgen blaute, so sonnig und warm, wie nur einer zuvor. Geschäftiger Eifer herrschte an Deck, wo Jacobs die Ausrüstung der Boote für die geplante Ausfahrt besorgte. Wer kein Boot von .Land hielt auf unser Schiff ab, das uns den ersehnten Herrn Lindner bringen sollte. Endlich, als die Sonne zu unseren Häupten stand und ihre glühendsten Pfeile herabsandte, kam eins mit dem weißen Stern im blauen Felde seiner Flagge. Aber Herr- Lindner brachte uns nur einen Italiener, Marquiesini, der an seiner Statt unsere Führung übernehmen sollte. Das war schon eine kleine Enttäuschung. Tenn Herr Lindner war sichtlich ein gewiegter Jäger, Herr Marquesini aber wachte den Eindruck, als ob er besser im Salon Jagdgeschichten erzählen, als selbst den mächtigen Behemoths nachzustellen wüßte. Immerhin fuhren wir hoffnungsfreudig in: glühendsten Sonnenbrand der frühen Nachmittagsstunden ab: voraus die Tampfpinasse, dahinter wir in der Ruderpinasfe, die Segel geschwellt vom milden Nordost, in unserem Schlepp das Tinghy, richteten wir den Kurs nach West, selbst von der Tampfpinasse geschleppt, um die 40 Seemeilen nach der Wamimündung zwischen uns und das Schiff zu bringen. Wer schon stand die Sonne bedenklich schräg, als w:r endlich vor der Küste des Festlandes ankamen. Nirgends ein Einlaß! Endlos dehnte sich der flache, mangroven- bewachseue Strand in öder Gleichförmigkeit, und wir schwalktei: umher dicht vor der anflaufenden Brandung. „Signor Marquesini, oü" est le Wann?“ „Je ne sais, Monsieur le Captaine, je ne l'ai pass6 qu’une fois, ä la nuit, dormant.“ Der Lotse Ali aus der Tampfpinasse, ein wohlbeleibter Halbblutaraber, rief etwas herüber. „Herr Kapitän, Mi sagt, die Wamimündung läge weiter südlich." „Herr Leutnant Jacobs, übernehmen Sie das Kom- mando der Tampfpinasse." „Zn Befehl!" Und nun fuhren wir nach Süden. Auf einmal begannen die Mangroven „auszuwandern :**) *) und als ich eben den Kommandanten darauf aufmerksam machte, rief auch schon Jacobs herüber: „Herr Kapitän, hier ist die Einfahrt." Es war aber auch die höchste Zeit, denn eben versank die Sonne, und in den Tropen ist die Dämmerung nur sehr kurz. Bor uns lag eine breite Flußmündung mit rollenden Brechern auf der Barre. Vorsichtig ging die Tampfpinasse hinein nach der Wegweisung des Lotsen. Ein paarmal stieß sie auf, über glücklich kam sie hinüber, und wir folgten ihr mit unserem flacher gehen Boot, ohne den Grund zu berühren. Scharf drehte der Kurs! nach kurzer **) Seemännischer Ausdruck für „sich aneinander (für den Bl:ck) zu verschieben". Fahrt südwärts, den:: der Wämi hat, wie alle die ungeschützt mündenden Flüsse dieser Küste, eine lange mangrovenbewachsene Sandbank vorgeschoben, hinter der er erst meilenweit umherirrt, ehe er den Ausgang zum Meer sindet. In diesem „creek" aber war das Wasser wie ein Spiegel, und nur das leise Murmeln der Strömung an unseren: Boot zeigte an, daß wir in einem Flusse und nicht in totem Wasser waren. Schon verlosch das Licht, und „beide Boote längsseit nebeneinander", „fall Anker" ertönt das Kommando. Ta lagen wir nun in traumhafter Stille, das erstemal im wilden Afrika, fern von unserem guten Schiff. Doch war es noch zu früh, an Nachtruhe zu denken. So fuhren wir mit dem Dinghh ans Ufer, um dort unser Nachtmahl einzunehmen, während die Mannschaft die Boote für die Nacht klar machte, d. h. aus Masten, Riemen und Segeln ein Zeltdach über ihnen errichtete. Wer so leicht wurde es uns nicht, unser Wendessen einzunehmen, denn Freund Jacobs, der als erster Offizier der Expedition fungierte, hatte im Jagdfieber vergessen, Laternen mitzunehmen, und so mußten wir uns mit losen Lichtstumpfen behelfen, die wir in ansgeleerte Flaschen einsetzten. Und als die nun brannten, wollte das Klopfen und Schlagen kein Ende nehmen; denn alle geflügelten Insekten der Nachbarschaft — und deren sind in den Tropen, z::n:al in solchem Sumpfland wie an der Wamimü::dung, nicht wenige — hielten sich für berechtigt, an unserer Mahlzeit teilzunehmen, und unsere Butterbrote waren bald mehr mit ihnen als mit der mitgenommenen kalten Küche belegt. So flohen wir denn bald zurück in die Boote und löschten die Lichter, um Ruhe vor den Plagegeistern zu haben. Die Tampfpinasse war sür das mitgenommene schwarze- Volk bestinunt, die Ruderpinasse für uns Weiße, Offiziere und Mannschaften. Und so suchten wir es uns denn für die Nacht so bequem als möglich zu machen. Matratzen hatten wir natürlich nickst mit, und so wählten jvir uns jeder die Planke aus, die uns am weichsten schien: der Kommandant und <Ägnor Nlarquesini aus den Achterduchten, Jacobs und ich auf der Flicht, dem achteren Einsatzboden der Pnmfse. Trotz sorgfältigster Auswahl war aber die Planke doch kein Daunenbett, und die ungewohnte Gelegenheit und die Jagdaufregung ließen uns lange nicht zum Einschlafen kommen. Tas Gurgeln des abebbenden Wassers in den Mauglebüichen, die Stimmen der Wildnis, das Brüllen der Leoparden, das Pfeifen der Krokodile und das tiefe Schnauben der Nilpferde hielten uns noch lange wach. So ging es auch den .Leuten, und mit heimlicher Freude hörte ich, als gerade einmal ein Leopard uns aus etwas größerer Nähe anbrüllte, meinen Adolf seinem Freunde zuflüstern: Korl, hürst, da sin all' die willen Beesters, Wenns man nich gar to nah to uns kamen! Um fünf Uhr schon erscholl des Bootsmannes „Reise, Reise"*), denn mit Sonnenaufgang wollte:: wir unsere Jagd beginnen. Als gefittete Menschei: vergaßen wir aber der Reinlichkeit nicht, wenn sie auch mit Schwierigkeiten verknüpft war. Tenn das Außenbordswasser war brackig, und das gibt nut Seife nur eine Schmiere, ohne wirklich zu säubern. Jrischwasser aber war nur zum Trinken ausreichend vorhanden, und außerdem verfügten wir vier nur über ein Waschbecken. So ging denn die Toilette chargenmäßig nacheinander vor sich: zuerst der Kommandant, dann Signor! Marquesini, dann Jacobs und dann ich. Zum Unterschied von der Buren patriarchalischen Gebräuchen füllten wir aber jedesmal die Waschschüssel mit neuem Wasser. Unterdes hatte uns des Kommandanten Steward zierlich auf einer Kiste den Irühstückstisch gedeckt :md den Kaffee bereitet. Ich kam natürlich als letzter in der Reinigung auch als letzter zu Tisch, gerade als der Kommandant die — einzige — natürlich Präservierte, eben geöffnete; Butterdose Jacobs hinreichte, dan:it er, der aus der Längs- ducht saß, das abgeschiedene Wasser von der Butter abgösse. Jacobs drehte vertrauensvoll die Blechbüchse um, aber o weh! mit melancholischem „Platsch" fiel auch das Butterstück in das rasch fließende Wasser, und ehe Abhilfe möglich war, schwamm es mit den Fluten des Wami dem großen Ozean zu, uns die Aussicht Ms „Butterbrote ohne Butter" hinterlassend. (Schluß folgt.) *) Das' englische „ttfe, rise" (Ausstehen); allgeineiner Weckruf bei den Seeleuten^ 96 Vermischtes. * Eilte M aiserseier im 18. Jahrhundert. Wir haben einen Nachweis darüber, daß schon im 18. Jahrhundert der Namenstag des deutschen Kaisers in Wetzlar öffentlich begangen wurde. In der 1797 zu F-ranyurt am Main erschienenen Reise eines Vaters mit seinen beiden Söhnen durch ganz Deutschland wird darüber eingehend berichtet. Das idhllische Lahnstüdtchen war damals noch der Sitz ReichÄainmergerichts, dessen Assessoren zusammen je zur SalM lutherisch iind katholisch sein urußten. D'.e Beamten dieses vbersteir Gerichtshofes des Reiches gaben in dem klemen Orte natürlich deii Ton an. Schon am Vorabend erscholl eme -stiinde lang von allen Türmen feierliches Geläut. Am Festmorgen selbst erklangen abermals k-lle Glocken. , Dann fand rm Dome, der Lutheranern und Katholiken gemeinsam gehörte, zunächst feierlicher Gottesdienst der Lutheraner Mit ^ebeum und Festpredigt statt. Dahin begaben sich die Ratsherren, die gleich den meisteil Einwohnern lutherisch waren, die katholischen Beamten des Kammergerichtes und Bürger. Unter Kanonendonner und im Geleite der Bürgertvehr begab sich der Zug später nach dem Rathausc zurück. Nun luden die Glocken zum kaholischen Gvtttes- dienste, zu dem die katholischen Mitglieder des Kammergerichts in dem größten Staate erschienen. Diesmal hatten kaiserliche Truppen vor dem Dome Aufstellung genommen. Der katholische Gottesdienst wurde iiicht minder feierlich mit Musik und unter Kanonendonner abgehalten. Präsidenten und Assessoren fanden sich darnach bei dem Kammcrgericht als dem Vertreter des Kaisers zur Gratulationsconr ein, Worauf ihnen dieser ein kostbares Festmahl gab. Aber auch die Bürger versammelten sich mit ihren Frauen und machten sich recht lustig. Heuer werden es gerade hundert Jahre, seit Kaiser Franz II., dem zu Ehren die geschilderte Namenstagsfeier stattsand, die Kaiserkrone nicder- legte, .nachdem sein Haus sie weit iiber 400 Jahre getragen hatte. Aber seit Jahren war er nur mehr ein Schattenkaiser gewesen. Trotzdem feierten die Wetzlarer Bürger und Beamten das Fest des Kaisers nach Ivie vor, und von konfessionellem Zwiespalt wird außer beim Gottesdienste nichts vermeldet. Unsere Von allerlei Hader zerrissene Zeit könnte sich daran ein Beispiel nehmen. * Der Papst als Raucher. Vor einiger Zeit machte in der Presse eine kleine Erzählung die Runde, in der behauptet wurde, Pius X., das gegenwärtige Oberhaupt der katholischen Kirche, sei der erste und bisher einzige Papst, der dem Rauchen zugetan sei, und sich hin und wieder gern den Genuß einer einfachen und kräftigen Zigarre erlaube. Es wurde dabei erwähnt, daß die Vorgänger des heiligen Vaters wohl zum Teil sehr starke Schnupfer gewesen seien, keiner von ihnen aber den Tabak in Zigarrenform genossen habe. Das ist, wie uns geschrieben wird, nicht ganz richtig. Pius IX., der dreißig Jahre lang auf dem Stuhle Petri saß, war ebensowenig wie Pius X. ein Verächter eines guten und aromatischen KrauteS. Er legte, wenn er Besuche empfing, die ihm besonders nahe standen, die Zigarre selbst nicht bei der Erteilung von Audienzen weg, bat dann aber wohl mit der ihm eigenen weltmännischen Liebenswürdigkeit dafür um Entschuldigung. Sehr bezeichnend in dieser Hinsicht ist eine Anekdote, die fälschlicherweise später auf andere zngeschuittcn worden ist. Papst Pius IX. nahm einst dm Besuch eines ihm befreundeten italienischen Grafen entgegen, und bat ihn nicht nur mit ein paar höflichen Worten um die Erlaubnis, weiter zu rauchen, sondern fragte ihn auch, ob er ihm wohl selbst eine Zigarre anbieteu dürfe. Der Graf gab die gutgemeinte, aber in der Form ziemlich verunglückte Antwort: „Heiligkeit, Rauchen ist das einzige Lasier, das ich Nicht besitze." — Worauf der Papst ihm sehr schlagfertig und ein wenig gereizt erwiderte: „Wenn Rauchen ein Laster wäre, würdm Sie es längst haben." LitsVKkrschss. — Zur Erinnerung an den 2. Februar, den Ver m a h l - ungstag des Großherzogs Ernst Ludwig mit der Prin- zessin Eleonore zu Solms, Hohensolms-Lich dürfte eine soeben im Verlage des Polytechnischen Instituts in Friedberg erschienene Votivtafel von Interesse sein. Das großherzogliche Paar, von Darstellungen der Nächstenliebe und der Gerechtigkeit flankiert, wird mtf diesem 60.80 Zentimeter großen Lichtdruckblatt mit Parträtähnlichkeit Wiedergegeben, während das gesamte Volk, herunter zahlreiche Andeu.tu.ngen an die engere, hessische Heimat, seinem Herrscherpaare huldigt. Die Zeichnung ist eine an Ideen reiche Arbeit des Architekten Robert Schmid in Friedberg; sie ist geschaffen um an der Wand jedes' bürgerlichen Hauses eine einfache und geschmackvolle Zierde zu bilden und kann daher für Festgeschenke und dergleichen nur empfohlen werden. Die Balten und ihre Verfolger. Von E r u st v. W i l d e n b r u ch. Ernst v. Wildenbruch hat zu dem gugunften der notleidenden Deutschen Rußlands herausgegebenen Buche, das unter dem Titel „Tie deutschen Balten" demnächst im Verlage von I. F. Lehmann in München erscheint, nachstehendes prächtige Gedicht als Beitrag geliefert. Ta das kleine Prachlwerk auch wertvolle Beiträge von IPros. Ad. Harnack, Geheimerat v. Bergmann, Prof. Schiemann lind anderen hervorragenden Balten enthält, künstlerisch vorzüglich ausgestattet ist und in der Volksausgabe nur 1 Mk. kostet (die Prachtausgabe kostet gebunden 4 Mk.), dürste sein Absatz ein ganz außerordentlich großer werden. Das Gedicht, das als Einführung dient, hat folgenden Wortlaut: Und es kam herauf aus dem Schoße der Zeil Eines finsteren Tages finsterste Stunde; Aus den Tieien der Menschheit kam ein Gehettl: „Richtet den Adelsmenschen zugrunde! Er ist der Sonne näher als wir, Mit dem Himmel spricht er und mit den Sternen; Von der Himmelswarte reißt ihn herab! Laßt das Gespräch ihn mit Göttern verlernen! Er sagte zu uns: „Meine Sprache ist reich, Kommt her, meine Sprache, wir wollen sie teilen l“ Er sagte zu uns: „Ihr seid arm unb wund, Kommt her, eure Wunden, ich will sie heilen!" Und er gab uns Heilung, er gab uns 83rot, Er wies uns Wege, zum Lichte zu wandern, —• Fluch ihm dafür — wir erfuhren durch ihn, Daß Menschen anders sind als die andern. Tas ivollen wir nicht, und es soll nicht sein, Denn die Menschheit ist eine einzige Masse; Den Adelsmeuscheii, der mehr sein will, Reißt ihn herab in den Kot der Gasse." Und sie griffen zur Stange, sie schliffen das Beil, Sie suchten den Deiltschen, wo sie ihn fänden, Sn brechen sein Harrs, zu erwürgen sein Gut, Seine Kinder zu töten, sein Weib zu schänden. Da wurde das Land, das des Deutschen Hand Snm Garten erschuf, eine Wüste voll Grausen, Da wurde die Stadt, wo die Sitte gewohnt, Eine Stätte, wo brüllende Rotten hausen. Sie strichen das Blut aus Bart und Haar: „Der Deutsche ist tot und kommt nicht wieder." Und als die Mörder gesprochen so, Da kam ein Lachen vom Himmel hernieder: „Ihr Toren und Narren, die ihr wähnt, Ihr könntet den Geist mit der Faust vertreiben, Wie die Sonne über der Erde bleibt, Wird der Deutsche über euch sein und bleiben. Ihr Toren und Narren, die ihr wähnt, Ein ruchloser Tag könne enden und wenden, Was ein herrliches Volk jahrhundertelang Mit dem Herzen erschuf, mit Kops und Händen. Es wird kommen der Tag, und mit dem Tag Zu feinem Land wird der Denische kommen Und wieder sich nehmen mit zürnender Hand, Was ranbende Hände ihm heute genommen. Wenn Recht der Menschheit dann wiederkehrt Und neue Frucht der zerlretenen Erde, Dann werdet ihr steh'n mit hängendem Haupt, Eine schuldbewußte, zitternde Herde. Nicht mehr des Verführers hetzender Schrei, Euer Herz wird schreien zu eueren Obren: „Wir stießen den großen Menschen hinaus, Wir haben uns selber,-uns selber verloren!" Dann werdet ihr sprechen: „Der wars und der. Nimm Rache an unserem verwirkten Leben" — Und die große Rache des Großen wird sein, Betörten Toren stumm zu vergeben. Citaterrrätsel. Nachdruck verboten. Aus jedem der folgenden Citate ist ein Wort zu nehmen, fo daß sich ein neues Citat crgiebt: 1. Was mir ein Augenblick genommen, Das bringt kein Frühling mir zurück. 2. Jeder freut sich seiner Stelle, Bietet dem Verächter Trutz. 3. Es gibt Dinge zwischen Himmel unb Erbe ♦.. * 4. Wenn bte Rose selbst sich schinückt, Schmückt sie auch den Garlen. 5. Wer früh erwirbt, lernt früh den hohen Wert Der holden Güter dieses Lebens schätzen. 6. Mancher wähnt sich frei ...... 7. Schade, daß ich ihn nicht küffen kann, Denn ich bin selbst dieser brave Mann. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Das einige Rom. Redaktion: Ernst Heß. —.Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schrn UntversitLts-Buch»und Steinbruckerei, R. Lange, GteßM, .