WonLcrg den 13. August IB8B 1906 — Yr. 118 i MW s W •i- WS El WWW U^MsWWi ^WA Der Siern. Roman von Ulrich Frank. Nachdruck verboten. . (Fortsetzung.) ■Oit allen Gliedern zitterten sie ihr nach. Und dann die Freude in ihrer Umgebung. Alles atmete die Glückseligkeit, den Triumph gewaltiger, bedeutsamer Errungenschaften. Sogar der alte Kantor war ivic berauscht. Er suchte soeben seine Tochter aus, die verschiedene Besteche empfangen hatte und jetzt etwas ermüdet auf der Couchelte in ihrem Schlafzimmer lag. Es war in den ersten Nachmittagsslunden. „Störe ich, Dellchen?" „Du^ Papa! Wie kannst du so fragen?" Zärtlich reichte sie ihm bie. Hand. „Aber vor anderen Störungen möchte ich mich jetzt ein wenig bewahren. Ich will sogleich anordnen, daß' ich für niemand zi, sprechen bin." „Weißt du, das ist mir sehr lieb. Ich habe an Muttchen geschrieben und möchte, daß du einige Zeilen daran schreibst. Sie wird sich doch freuen . . . sehr freuen, wenn ihre berühmte Tochter am Tag nach ihrem vhänomenalen Erfolg ..." „O, Papa. lachte sie, „du sprichst ja in Zcitungs- phrasen ..." „Steht auch ht allen Blattern, weißt du, nur von .Großartigkeiten' und .Intensität' und .epochal' und .jubilierender Schönheit' schreiben sie über dich. Ich schicke Mama alle Zeitungen, da hat sie bis Weihnachten zu lesen." „Und was hast du selbst denn geschrieben, darf ich es sehen?" „Wenn . . . wenn du nullst, Dellchen", antwortete er ein wenig zögernd und verlegen, „Gott, es ist nicht darauf berechnet, daß eine so berühmte Künstlerin es liest." „Du kränkst mich, Bötchen, ganz-entschieden." Sie nahm eine etwas empfindliche Miene an. „Für euch bin ich weder eine berühmte Künstlerin noch eine berühmte Tochter, für euch ivar und bin und bleibe ich nur eure Della!" Sein Auge wurde feucht. „Und nun gib 'nial den Brief, den du an Mama geschrieben hast, und ... ja, und . . . und wenns eine Zeitungskritik ist, darf er nicht abgehn. Dann niußt du zur Strafe einen neuen schreiben." Er reichte den Brief. Zaghaft, als überlegte er etwas. „So! Und nun, Papa, setzest du dich dort in den Fauteuil und nickst ein bissel wie zu Hause vor dem Essen, und ich lese." Es war ein engbeschriebcncr, umfangreicher Brief. Ein Lächeln umspielte ihren Mund, und nachdem sie sich in eine bequeme Lage gebracht hatte, las sie: „Meine alte, gute Liebe! Mein treues Weib! T Mein höchster Schatz! Das sollst Du mir auch bleiben — immer und alle Zeit, wenn der liebe Herrgott im Himmel uns auch noch einen allerhöchsten Schatz beschecrt hat in seiner Gnade und Barmherzigkeit und unerschöpflichen Güte, unser Kindl Dellchen! Aber dieser Schatz gehört uns beiden zusammen, und dann habe ich noch den anderen höchsten Schatz, Dich! Und ich bin ein doppelt begnadeter Mann, und in tiefer Demut preise ich den Herrn und frage, warum er mich auserkoren, um seiner Gnadenfülle und seiner Herrlichkeit und Güte reichstes Maß auszuschütten über seinen einfachen Knecht? Wenn ich ihm auch gerne diente mein Leben lang, und wenn ich auch demütigen Herzens und in treuester Hingebung ihn liebte, ihn, den Allerbarmer und Allerlüscr, so hat er dennoch zu viel Huld mir erwiesen und seinen einfachen Diener erhoben, als daß es anders wie ein Wunder sein könnte. Ja, ein Wunder hat mein Heiland an mir getan, und ich neige mein Haupt in Ehrfurcht und Scheu und beuge mein Knie in Dankbarkeit und Seligkeit und sage: Großes hat der Herr an mir getan! Und was meine alten Augen haben schauen dürfen und meine Ohren hören, war so, als ob unser Heiland und Herr mich in seinen siebenten Himmel zu sich entboten hätte. Erst war es mir leid, daß Du, meines Lebens treue Gefährtin, nicht bei mir warft, dann aber dachte ich mir, daß Gott es gut gefügt habe, denn wer weiß, ob Du die Kraft gehabt hättest, des Glückes Fülle zu ertragen. Manchmal in diesen Tagen und an diesen Abenden schien es mir auch, als würde ich zusammenbrcchen unter der Gewalt dieser Eindrücke. Und ich bin ein Mann, meine gute Alte, Du aber ein schwaches Weib. Aber erzählen will ich Dir, was ich hier erlebt habe. Dieser Brief kann nur ein schwacher Ausdruck sein. Mein einfältig Hirn findet nicht die rechten Worte, das mußt Du in den Zeitungen lesen, die verstehen cs besser zu sagen, was sie gedacht und empfunden haben und die anderen. Aber wenn ich hundert Jahre alt werde und Golt der Allgütige Dich an meiner Seite läßt, so werde ich nicht aufhören können, Dir davon zu erzählen. Aber ich will ganz von vorne anfangen, mein geliebtes altes Frauchen. Das Opernhaus ist sehr schön. Besonders wenn es so hell erleuchtet ist und überall die seinen geputzten Menschen sitzen. Die Damen haben so wunderbare, prächtige, merkwürdige Kleider an, als wollten sie selbst Theater spielen, und die Herren sind in Uniform wie bei der Parade oder sie tragen Fräcke wie bei uns der Herr Landrat oder der Herr Kreisschulinspektor, wenn sie eine feierliche Handlung vornehmen. Im Theater, Bertchen, findest Du das nicht 470 komisch? Aber inan gewöhnt sich daran. Den ersten Abend war ich ganz verwirrt, als ich mich ans meinen Platz niedersetzte. In einer Loge mit Hannchen und Lucie. Ich hatte auch meinen schwarzen Rock an nnd ein ganz neues Vor- hemdchen, gut gestärkt, und eine schivarze Kravatte. _ Das hat Deine Schwester so bestimmt, und cs ist gut, daß sie hier ist. Die versteht das alles. Sie hatte sich auch sehr nobel gemacht, und Sucie hatte ein weißes Kleid an, rote zur Einsegnung. Und es Ivar sehr klug von Deiner Schwester, denn nne hätte es ausgesehen, roenu alle Leute so geputzt und sein gekleidet zu Dellchcn gekommen wären und ihre nächsten Anverivandten wären ärmlich erschienen? Das Theater war ganz voll, bis oben hinauf; und Hannchen sagte, die vornehmste Gesellschaft aus Berlin sei da. Und manche kannte sie und zeigte sie mir. Lauter bc- rühnite ßente. In einer Loge saßen die Giersdorfs. Voran die Gräfin mit Karl Viktor, dahinter ■ die Grafen Guido und Alfons. Alfons sehe schneidig aus, meinte Lucie. Den Grafen Guido fand sie dagegen „deprimiert", wie sie sich ausdrückte. Dann kam zu uns in die Loge noch eine sehr schöne Dame. Auch eine große Künstlerin, eine Freundin von Lucie. Sie >var sehr sonderbar augezogen, rote zum Ball die jungen Mädchen. Den Hals ganz bloß und eine Perlenschnur herum. Lucie sagte mir heute, sie seien echt, und Fräulein Streitmann hätte die schönste Toilette angehabt. Ich verstehe das ja nicht. Aber die Leute sahen immerfort in unsere Loge; das war mir etwas peinlich, denn ich glaubte, sie wüßten, daß ich dort sitze. Ich, Dcllas Vater. Fräulein Streitmann machte mir große Komplimente über Della, die sie von Dresden her kennt. Auch Dcllas Lehrer, Herrn Wittelsbach, kennt sie. Der war natürlich auch im Theater und wurde von allen angesehen. Besonders die Damen guckten mit ihren Operngläsern immer nach ihm. Ich muß Dir im Vertrauen sagen, mir gefällt er nicht besonders, aber da unser Dellchen sagt, sie verdanke ihm sehr viel, so muß ich mich an ihn gewöhnen und habe ihn auch zu uns aufgefordert. Er hat so was ... so was Grausames, und wie er mit den | Menschen spricht, das ist, als ob die Katze mit der Maus ’ spielt. Die Künstlerin in unserer Loge sagte auch zu mir, es errege Aufsehen, daß er zur Aufführung hergckommen sei. Und dann lachte sie und sagte, man wisse, was es bedeute. Auch den Grafen Alfons kennt sic. Der sah immer zu uns herüber und lächelte und nmchte mir Zeichen. Ich denke mir, er wollte mich ermutigen, denn mir war in all dem Wirrwarr doch ein bißchen angst und bange geworden. Dieses Leben, diese Unruhe, diese lachenden plaudernden Menschen, dieser Glanz, diese Helle, das wuchs und wuchs und war schon genug Theater sür einen, der das alles zrun ersten Male sah. Und dann, Bertchen, wirds dunkel im ganzen Hause, ; Musik ertönt, jedes Geräusch verstummt, das macht sich wunderbar — aber das Schönste kommt erstl Weißt du, was cs war? Rate doch 'mal, liebes Altchen I Della! Unser Kind! Zuerst erkannte ich sie gar nicht wieder. Sie lag unter Rosen auf einem Ruhebett und ein Ritter kniete vor ihr. Sie sah wunderschön aus, viel größer als sonst, in einem weißen Gewand mit goldenem Gürtel. Und dann fing sie zu singen an . . . O, mein Gott, mein Gott! So singen nur die Engel vor Gottes Thron! Was war das für ein überirdischer Klang? Was war aus ihrer Stimme geworden? War das mein Kind? Mein Kind? Dir kann ich cs ja sagen, mein Altchen, ich mußte weinen. Weinen aus tiefstem Herzensgrund. Freudentränen waren es, aber auch Bangigkeit nnd Wehmut quollen in mir auf. Kann jemand glücklich sein, fragte ich «sich, der anders ist wie andere Sterbliche, der mehr ist?! Der auf Erden wandelt und von anderer Art ist als die übrigen Schäflein, die der allgütige Hirte weidet? Die ganze große Herde! Ja, ich mußte weinen. Aber dann brach der Jubel aus! Das kannst Du Dir nicht denken. Erst, als der letzte Ton verhallt war, saßen sie stumm, wie gebannt, und dann ein Klatschen, ein Brausen, ein Jauchzen — unaufhörlich, bis Della sich nochmals zeigte. Und dann jubelten sie immer wieder, bis sie nochmals kam. Im Saale war es inzwischen wieder hell geworden. Es war, als ob jeder Einzelne sich freue. Graf Alfons und Karl Viktor klatschten ganz laut, auch Hans Hübner, der in- zwischen in ihre Loge gekommen war. Nur die Gräfin Luise blieb gleichgiltig. Ich glaube, sie hat die Bernstadter nicht gern. Da ist die alte Gräfin ganz anders. Auch Graf Guido klatschte nicht. Er findet das vielleicht nicht vornehm, weil er uns. so gut kennt. Aber daß die Allervornehmsten auf Gottes Erdenrund auch klatschen und reichen Beifall spenden, das weiß ich jetzt — anfgepaßt, Altchen, Kopf hoch, Frau Kantorn — die große Ueberraschung kommt: Am zweiten und am dritten Abend war der Kaiser im Theater, unser, allergnädigstec Herr, und seine liebe Frau, die Frau Kaiserin! Was sagst du aber nun? Unser Kind hat ihm Vorsingen dürfen! Wie hat sie aber auch gesungen! Der Kaiser war sehr entzückt von ihr und die Kaiserin auch. Sie ist eine sehr schöne, liebe Dame nnd sieht gar nicht stolz aus, und er ist viel hübscher wie auf dem Bilde, das im Schulhause hängt. Sehr leutselig sah er aus und ganz stark hat er Beifall geklatscht. Der Kaiser hat Dellchen durch den Herrn Generalintendanten sagen lassen, daß er hoffe, sie in Berlin bald wieder zu sehen und zu hören. Und ich sage dir, liebes Bertchen, das kann ich verstehen, denn wer sie einmal gehört, vergißt es niemals. Weißt du, wie es klingt? Als ob Orgclsang und Harfenklang sich in ihrer Kehle eingefangen hätten und ausklingen in reinster Harmonie empor zu des Himmels blauen Höhen. So erschien es mir einfachem Manne, der doch auch etwas davon versteht. In inniger Liebe verbleibe ich dein bis in den Tod getreuer Hermann." (Fortsetzung folgt.) Komöurg vor den Jesteu. Eigenbericht. Homburg', im August. Unsere Taunusstadt, in der gegenwärtig das Badeleben den Höhepunkt erreicht hat und die Zahl der Fremden aus allen Garien der Welt die größte im Jahre ist, bereitet sich auf zwei festliche Tage vor. Am 14. d. M. erwarten wir den Kaiser, dessen Ankunft für den Nachmittag angesagt ist, und am nächsten Morgen, um! 9 Uhr 15 Minuten, wird Könia Edward von England, des Wisers Onkel, auf dem Bahnhose von Cronberg eintreffen, um mit seinem Neffen die Begegnung zu haben, die schon seit Monaten so lebhaft besprochen wird und von der die Politiker, wie es scheint, sich den Beginn einer neuen Periode in dem Verhältnisse des Deutschen Reiches zu England versprechen. Da König Edward es ein wenig eilig hat, seine alljährliche Kur in Marienbad zu beginnen, so wird er bereits am 16. früh über Frankfurt a. M- feine Fährt nach dem böhmischen Badeorte fortfetzen. Und am gleichen Tage will der Kaiser die Enthüllung des Denkmals vornehmen, das dem alten Geschlechte der ausgestorbenen Landgrafen von Hessen- Homburg in ihrer einstmaligen Residenz gesetzt wird. Der Kaiser ist selbst der Urheber dieses Denkmals, und er schenkt es uns Homburgern als Gegengabe dafür, daß wir seinen Eltern, dem Kaiser und der Kaiserin Friedrich- und seinem Großvater, dem Kaiser Wilhelm I., Standbilder in unserer Stadt gesetzt haben. Das Denkmal stellt sich dar als ein einfacher Obelisk aus schwedischem Granit, und als Platz hat man ihm im Homburger Kurparks die Nähe des Elisabeth-Brunnens gewählt, der berühmtesten und heilkräftigsten Homburger Quelle, die den Namen der ' Landgräfin Elisabeth verewigt, einer englischen Prinzessin, die als Schwester des Königs. Georg IV. indirekt eine Ahnfrau des deutschen Kaisers wär. Der Stein trägt die Bildnisse des berühmtesten aller hessischen Landgrafen, Friedrichs IL, der den Beinamen: „mit dem silbernen Bein" erhielt, als er bei der Belagerung von Kopenhagen 1658 durch eine Stückkugel! das linke Bein verlor, das dann durch ein künstliches, mit silbernen Beschlägen versehenes ersetzt werden mußte. Es ist jener Prinz Friedriche von 471 Hessen-Homburg, der den Sieg des großen brandenburgischen Kurfürsten über die Schweden bei Fehrbellin durch seinen kühnen Angriff entschied, und dem Heinrich von Kleist dichterische Unsterblichkeit verlieh. Als Gegenstück zu seinem Bilde wird das des letzten Homburger Landgrafen dienen, der Ferdinand hieß Und kein minder tapferer Soldat war. Als er am 24. März 1866, der letzte Mann seines Stammes, starb, ward ihm als einziger Schmuck auf den Sarg ein Lorbeerkranz mit dem Champagnesäbel gelegt, den er in allen Kriegen Oesterreichs gegen Frankreich zwischen 1796 und 1815 geführt hatte. Er war der jüngste von fünf nacheinander regierenden Brüdern und der letzte Regent seines Hauses. Sowie er die Augen geschlossen hatte, erklärte der Großherzog Ludwig III. von Hessen-Darmstadt sich zum Erben dieses gesegneten Rheinlandes und fügte seinem Titel den eines „souveränen Landgrafen von Hessen" bei. Eine Folge des Krieges von 1866 war es, daß Homburg schließlich in den preußischen Staatenverbano gezogen wurde. * Es sollen auf dem Obelisken auch noch die Namen aller Landgrafen eingemeißelt werden, die in Homburg regierten, und auch die aller homburgischen Prinzen, die sich in Kriegsdiensten hervortaten, mit der Angabe der Schlachten, in denen sie ihre Bravour zeigten. Und ein drittes Bild schildert den Empfang der Hugenotten durch Friedrich II., der den Flüchtlingen Aufnahme gewährte und ihnen Wohnstätten anlvies, aus denen die heute noch blühende Stadt Friedrichsdorf und das so anmutig am Fuße des Gebirges gelegene Dorf Dornholzhausen entstanden sind. Eine einfache Widmungstafel verkündet des ferneren den kaiserlichen Stifter. Bei der Enthüllung wird der Kaiser selbst die Weiherede halten, und auf seinen Wunsch wird in dieser feierlichen Stunde noch einmal die Erinnerung lebendig werden an das verschwundene, vom Strudel der Zeit verschlungene kleine Landgrafentum. Alle noch lebenden früheren landgrüflich hessisch-homburgischen Beamten, Offiziere und Soldaten sind dazu entboten worden, und Von den Soldaten werden einige in den Uniformen der alten homburgischen Jäger und Scharfschützen während des Festaktes am Denkmal als Posten Aufstellung nehmen. Schuldep-utationen, Vertreter der alten Schützengilden und die Geistlichkeit sollen gleichfalls zur Stelle sein, wenn die Hülle fällt von dem Denllnale, das ein Werk des Prv- fessors Fritz Gorth ist, der auch das Denkmal Kaiser Wik- Helms I. für unsere Stadt, und in Berlin die Statue der Kaiserin Friedrich schuf. Sowie die Einweihung vollendet rst, steigt der Kaiser in seinen Sonderzug zur Fahrt nach Wilhelmshöhe. In der Weltgeschichte hat die kleine Landgrafschaft Hessen-Homburg keine Rolle gespielt, und das europäische Gleichgewicht geriet nicht ins Schwanken, als sie von der Weltkarte gestrichen wurde. Dagegen hat die Dynastie Hessen- Homburg eine ganz erstaunlich große Anzahl von Männern hervorgebracht, denen es vergönnt war, so ziemlich in allen Teilen Europas kriegerischen Ruhin zu erwerben, in Preußen zumal, in Oesterresch und in Rußland. Der Ursprung der Grafschjaft ist an sich, wie der so vieler ehemaliger Duodezfürstentümer, ein ziemlich prosaischer. Ter Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt trat Stadt und Amt Homburg vor der Höhe ini Jähre 1622 seinem Bruder, dem ersten Landgrafen Friedrich 1., nur zu dem Zwecke ab,. um sich die Zahlung einer Apanage zu ersparen, und behielt sich außerdem die landesherrliche Oberhoheit Dor. ^eses Abkommen hatte im übrigen zur Folge, daß sich Homburg und Darmstadt fast 150 Jähre lang in den Haaren lagen, bis 1768 unter Bestätigung durch den Kaiser ein Vergleich zwischen ihnen zustande kam. Selbständigkeit erlangte Homburg in Wirklichkeit erst durch den Wiener Kongreß, wo es tn die Reihe der Mitglieder des deutschen Bundes aufgenommen würde, sodaß es sich seiner Souve- Langer als ein halbes Jährhundert erfreuen durfte. Die Verhältnisse m Homburg waren vorher nicht besser als m arideren deutschen Kleinstaaten. Sie wären von rem Gegensätze beeinflußt, der sich aus dem Wunsche, glanzvoll zu reprasentiereri mtb aus materieller llnzuläna- lich hierzu ergab. Die Zahl der Hofchargen wär unverhältnismäßig groß, und die homburgische Armee setzte sich dem Zeugnisse eines Zeitgenosscrr aus ungefähr siebzig Invaliden zusammen, von denen der jüngste hoch über lünfzig wär, die dafür aber hohe Bärenmützen und Uniformen nach altem preußischen Schnitte trugen. Goethe hat ein ziemlich vernichtendes Urteil über den Homburger Hof gefällt, den er auf feiner Schweizerreise mit dem' Herzoge von Weimar 1730 sah. Er schrieb am 3. Januar an Frau von Stein: „Hier jammern einem die Leute. Sie fühlen, wie es bei ihnen aussieht, und ein Fremder macht ihnen bang. Sie find schlecht eingerichtet und haben meist Schöpse und Lumpen um sich. Ins Feld kann man nicht und unterm Dach ist wenig Luft." Damit wurde es besser, als 1820 der Landgraf Friedrich VI. Joseph, ein Held des Befreiungskrieges, den Homburger Thron bestieg. Er hätte 1818 die Hand der 48jährigen Prinzessin Elisabeth von England erhalten, die ihm eine große Mitgift und einen ansehnlichen Jahreszuschuß in die Ehe brachte. Der Landgräfin Elisabeth verdanken Schloß und Garten ihre Entstehung; sie selbst entwarf die Pläne und Zeichnungen dazu, und wenn die Parkanlagen so bedeutende Summen kosteten, daß es zeitweilig nicht ohne Schulden ging, so dürfen wir uns doch jetzt der Verschwendung von damals freuen. Auf Friedrich VI. folgten — der Fall dürfte in der Geschichte einzig dastehen — vier Brüder in der Herrschaft, als letzter der Landgraf Ferdinand, von dem oben schon gesprochen worden ist. Der vorletzte allein, Landgraf Gustav, der von 1846 bis 1848 regierte, hatte von seiner Gemahlin Luise von Anhalt- Dessau neben zwei Töchtern einen Sohn Friedrich. Doch der starb 1848 auf der Universität zu Bonn im Jünglingsalter. Er ist in Homburg beigesetzt und mit ihm schwand die letzte Hoffnung auf die Fortsetzung seines Stammes, Dieser erlosch dann gänzlich mit des jungen Prinzen älterer Schwester, der Fürslln Karoline Reuß, — jener Regentin der reussischen Lande älterer Linie, mit der der „Kladderadatsch" so manchen lustigen Strauß durchzufechten hatte. So steigen jetzt, da wir uns rüsten, den längst in. der Homburger Fürstengruft zu letztem Schlummer gebetteten homburgischen serenissimen Herrschern ein Denkmal erstehen zu sehen, allerhand Erinnerungen auf, die manchem von einer gewissen Romantik verklärt erscheinen mögen. Der Romantik deutscher Kleinstaaterei, — der wir aber doch die Gegenwart des geeinten deutschen Reiches vorziehcn möchten, wie sie uns gleichzeitig die Anwesenheit des deutschen Kaisers verkörpern wird .... Pi. F. Das Leben in einem Bagno. In einer interessanten Studie der „Revue" erzählt Pozzi-' Escot von der französischen Strafkolonie auf der Insel Neu-Cale- donien und dem Leben der Sträflinge: „Das Leben beS Sträflings ist von einer automatischen Regelmäßigkeit: Alle Tage durch viele lange Jahre hindurch bis zum Tode oder bis zu seiner Befreiung erhebt er sich, arbeitet, ißt und schläft zur selben Stunde. Nur am Sonntag nach der Messe, der er bei- wohnen muß, ist es ihn gestattet, wenn er ein gutes Führungszeugnis hat, sich einige Stunden dem Nichtstun und dem Umherschlendern hinzugeben. In den Depots und Lagern des Innern schließt man ihn im Schlafzimmer oder in den Höfen ein; auf der Insel Nou kanu er am Strande frei herumgehen, vor der Strafanstalt, wenn er Tabak hat, rauchen, sogar angeln, wenn er sich dazu das Nötige zu verschaffen weiß, oder im Grase, von den hohen Bäumen beschattet, sich ausruhen. Wenn man sich dieser. Insel des Schreckens mit dem Schiffe nähert, so sieht man schon von fern Hunderte von Gestalten, die am Ufer umherirren oder ausgestreckt liegen, von einigen Wächtern beaufsichtigt, die unter ihnen zerstreut sind und sich mehr mü der Lektüre ihrer Zeitungen zu befassen scheinen, als mit dem Benehmen und den Handlungen ihrer Gefangenen. Nur wenige Kabellängen trennen die Insel Nou von dem festen Lande, aber so kurz auch der Zwischenraum sein mag, er ist doch säst unüberschreitbar: Nicht einer unter, den Hundertell von Verzweifelten, die während vierzig Jahren die kleine Strecke zu durchschwimmen suchten, ist lebendig am anderen Ufer angekommen. Unter dem unbeweglichen Wasserspiegel lauern die gefräßigen Haifische zu Tausenden auf Beute. , . . Die Türen der Schlafräume öffnen sich beim ersten Morgengrauen zum Appell. Die Verurteilten, die ganz angekleidet geschlafen haben, unterziehen sich einer sehr oberflächlichen Wäsche, indem sie mit den Händen etwas Wasser über Hals und Gesicht gießen, und dann marschieren sie sogleich, ohne gefrühstückt zu haben, ihre Werkzeuge über der Schulter, nach den verschiedenen Arbeitsplätzen, die rund um die einzelnen Strafanstalten herumliegen. Sie werden bewacht und beaufsichtigt von Soldaten, die, den Revolver im Gürtel, ihnen folgen, bereit, demjenigen eine Kugel ins Hirn zu jagen, der den geringsten Versuch der Flucht oder des Aufruhrs wagen würde. In diesem Augenblick des ersten Erwachens, hat wohl das Bagno sein bezeichnendstes Aussehen. Man empfindet die ganze furchtbare Macht dieser irdischen Hölle, — 864'— in her alle Hoffnung ersticken muß und nur der Verzweiflung Raum bleibt; das Furchtbare dieses namenlosen Jammers osfen- bart sich plötzlich in einer unvergeßlichen Vision. . . . Eme ungewisse, noch dämmernde Helligkeit ist über die Erde gebreitet, während die tiefen Täler noch ganz in Nacht liegen. In der Reede von Numea, wo die Nebel noch unheimlich brauen und das Wasser im ersten Morgenstrahl schimmert, werden dre langen Mge der Sträflinge ausgeladen und die langen Reihen gebückter Männer, die der Stadt zuströmen, erscheinen wie gespensterhafte Massen der Verfluchten. Die Straßen der noch schlafenden otabt werden von ein ein dunklen und düsteren Lärm erfüllt, von dem dumpfen Tritt der schweren Schuhe, von den heileren Kommandorusen, von Flüchen und Schreien, von dumpfem Gemurmels Und überall, in all den Strafkolonien der Insel, ist zur selben stunde das gleiche Schauspiel, der gleiche unheimliche Gespensterzug, der in Elend und Qualen hinauswankt, während sich die erwachende Natur mit Glanz und Pracht schmückt. Von ihrem elenden Strohlager aus schreien die kleinen Kanaken dem Zuge Schimpfworte und Beleidigungen nach und freuen sich mit der Grausamkeit des naiven Mcnschenherzens an der machtlosen Wut und dem unterdrückten Grimm der Sträflinge. Am Arbeitsplatz angekommen, nimmt jeder die Arbeit da wieder auf, wo er sie am Abend des vorigen Tages unterbrach. Nach wenigen Sekunden sind alle am Werke. Das lautloseste Stillschweigen ist ihnen zur strengsten Pflicht gemacht. Im Falle der unver- ineidlichen Verständigung, wenn cs sich z. B. darum handelt, Befehle weiter zu geben, ist den Verurteilten streng anbefohlen, nur mit leiser Stimme zu sprechen. Um die Arbeitsstelle herum patrouillieren die bewaffneten Wächter und beaufsichtigen und leiten die Arbeit. Bei dem geringsten Widerspruch, bei dem leisesten Ermatten in der Arbeit verhängen sie über die Armen schwere Strafen, deren gelindeste eintägige Zellenhaft bei trocken Brot ist und d-ie bis zu einer Einsperrung von 60 Tagen int dunkeln Kerker gesteigert werden kann. Unwillkürlich denkt man bei dem furchtbaren Anblick dieser halbnackten Unglücklichen, die von Schweiß triefen und zu ununterbrochener schwerer Arbeit unter dem Feuerregen einer glühenden Sonne gezwungen sind, au ihre Genossen, die gleiche oder ähnliche Verbrechen verübt haben und nun in den Zuchthäusern Frankreichs untergebracht sind. Wahrlich, ein gewaltiger Unterschied der Bestrafung bei gleicher Schuld! Und dabei wagen sich die Zuchthäusler noch zu beklagen, daß sie, geschützt vor der Hitze des Sommers und den Unbilden des Winters, in hygienisch auf das Beste eingerichteten Räumen ihre Tage verbringen müssen, mit geringer Arbeit beschäftigt! Wenn sie nur wüßten, wie gut sie es haben! Sie würden nicht mehr die beneiben, die „in der freien Luft arbeiten und die Sonne sehen", wenn sie geblendet von dem Flimmern des Meeres, ausgedörrt von der Tropenglut, von einem Heer von Insekten zerstocheil und benagt unter schweren Lasten zusammcnbrechen würden, wenn sie den ganzen Tag hindurch bei einer Temperatur von wenigstens 40 Grad in den Steinbrüchen arbeiten müßten." — Wir leben in einer Zeit, deren Merkmal es ist, daß sie mit ganz besonderer Jntensivität nach einer vertierteren Kultur und deren Verallgemeinerung strebt. Und der offenen Fragen dabei sind viele. Wir haben Aufsätze- und ganze Zeitschriften, die sich mit der Kultur der Persönlichkeit wie der Wohnung, der Kleidung des Körpers, der Schule, des Theaters usw., befassen. Kein Gebiet, über das dieser Zug unserer Zeit nicht ein Licht und eine Anregung würfe. Gleichen Zwecken dient eine unlängst neu ins Leben getretene Monatsschrift, die den Namen „Kultur der Familie" trägt. Herausgeber ist der als Publizist kultureller, sozialer und ästhetischer Artikel bekannte Schriftsteller Dr. Heinrich Pudor in Steglitz bei Berlin, und Ziel und Zweck des neuen Unternehmens ist, laut Untertitel, die Pflege der wirtschaftlichen, sozialen, geistigen und künstlerischen Interessen der Familie. Es berührt unendlich sympathisch, einmal einem Unternehmen zu begegnen, das sich die Familie zum Mittelpunkt wählt. Man bekommt so vieles heutzutage in die Hand, Gutes und Wohlgemeintes und Förderndes, wo diese Institution vollständig jenen Hemmungen zugerechnet wird, die überwunden werden müssen. Und warum? Damit das Jndivi- duuni sich freier und reicher entfalten könne. Es liegt unstreitig eine Wahrheit in dieser Behauptung, es ist nur schade, daß dieselbe mit so fanatischer Einseitigkeit immer und immer wieder betont und damit ins Ungeheuerliche vergrößert und vergröbert wird. Indirekt sollten alle Persönlichkeitsbestrebungen der Familie dienen, denn sie ist es, aus der sich immer wieder das zukünftige Leben erneuert. — Der ®un(lmart. Rundschau über Dichtung, Theater, Musik und bildende Künste. Herausgeber Ferdinand Ävenarius. Verlag von Georg D. W. Callwey in München. (Vierteljährlich 3.50 Mark, das einzelne Heft 70 Pf.) — Wenn sich jemals die Bedeutung einer Zeitschrift mit ihrem Namen, ihr Walten und Erreichen mit ihrem Programm gedeckt hat, so ist dies in geradezu idealer Weise beim „Kunstwart" der Fall. Diese „Halbrnonat- schau übet Dichtung, Theater, Musik, bildende und angewandte Künste" ist nachgerade zum getreuen Eckart des artistischen Geisteslebens ihrer deutschen Nation geworden. Im besten Sinne modern, nämlich nicht Moden huldigend oder solche schaffend, sondern Leben und Kunst verbindend und durcheinander befruchtend, so streut das Blatt, ein Säemann der Kultur, reichste Anregungen in Fülle aus auf allen Gebieten, die sich ästhetisch adeln, vertiefen, durchsetzen lassen. In bedeutenden Aufsätzen verkündet die Zeitschrift ihr Credo und illustriert es durch Proben ans den Werken bester Dichter, Tonsetzer und bildender Künstler, die ebenso erquickend wie bildend, erzieherisch wie propagatorisch wirken. — Inhalt des ersten Augustheftes: Die Grundsätze der modernen Denkmalpflege. Von Konrad Lange. — Heinrich Steinhaufen. Vom Herausgeber. — Franz Liszt. Von Georg Göhler. — Die Dresdner Kunstgewerbeausstellung. Von Fritz Schumacher. — Lose Blätter: Aus Heinrich Steinhanseus Schriften. — Rundschau: Der Arbeiter Fischer ist gestorben. Max von Eyth. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Literatur. Vom Dilettanten. Was sagt uns das Liszt-Museum? Münchner Musik. Schumanns Geisteskrankheit. Die deutsche Kunstausstellung zu Köln. Symmetrie und Gleichgewicht. Was wird aus Zous? Der Stadtwald. Nachschlagebücher. Der Türmer. — Bllder- beilagen: Ernst Liebermann, Jungbrunnen; Wilhelm Trübner, Alte Frau; Durchblick in einen Friedhof; Wilhelm Leibi, Männliches Bildnis. — Notenbeilagen: Franz Liszt, Andante mt§ der Bergsymphonie; Freudvoll und leidvoll. — Rudolf Pinner: Was ihm das Leben gab. Roman. Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Hermann Ehbock in Berlin IV. 50. Geh. Wik. 3.—. — Viel von dem, was dem „Helden" dieser Dichtimg, dem Hans Erik Wendlandt, das Leben gab, hat sicherlich der Autor aus der Heimat Gerhart Hauptmanns wirklich erlebt, vieles mag er an anderen Menschen erschaut und in sich ausgenommen haben; manches mag erträumt sein. Sollte inan Namen suchen von solchen, zu denen er hinneigt, so waren keine Geringeren zu nennen als Jens Peter Jacobsen und Herrn. Hesse. -Aus Robert Schumarltts „Musikalischen Haus- und Lebeusregeln" bringt der „Türmer" (Stuttgart, Greiner & Pfeiffer) eine kleine Sammlung zum Abdruck; einige der besten seien hier roiebergegeben : Die Bildung des Gehörs ist das Wichtigste. Bemühe dich frühzeitig, Tonart und Toil 51t erkennen. Die Glocke, die Fensterscheibe, der Kuckuck — forsche nach, welche Töne sie angeben. Spiele im Taktei Das Spiel mancher Virtuosen ist luie der Gang eines Betrunkenen. Solche nimm dir nicht zum Muster. * Klimpere nieI Spiele immer frisch zu, und nie ein Stück halb. * Bemühe dich, leichte Stücke gut und schön zu spielen; es ist besser, als schivere mittelmäßig vorzukragen. * Du mußt es so weit bringen, daß du eine Musik auf dem Papier verstehst. * Spiele immer, als hörte dir ein Meister zu. * Du sollst schlechte Kompositionen weder spielen, noch, wenn du nicht dazu gezwungen bist, sie anhören. Arithmogriph. Nachdruck verboten. 1 2 5 6 9 ehemalige Steuer. 2 3 ein Nahrungsmittel. 1 8 2 6 2 weiblicher Vornamen. 4 10 11 12 2 6 1 Stadt in den Rheinlanden. 5 2 3 7 2 8 Naturforscher. 2 5 2 ein Bündnis. 6 3 2 7 Nebenfluß der Saar. Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter sollen von oben nach nuten, dagegen die Endbuchstabe» von unten nach oben gelesen, ein ans der Bibel entlehntes geflügeltes Wort ergeben. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer: A A V c p e her A c h i Ileus Apel d 0 0 r n Ver 1 obung e 0 u u r n s n g Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Dießen.