1906 «SN 63 MMW 4r»K3 ''lilpiEO^ N^W«! । WM »idLrÄ« tNM-tzW Mittellose Mädchen. Roman von H. Ehrhardt. ^chdruck verboten.) (Fortsetzung.) Stürmisch in ihrem Fühlen wie stets sagte sie sich, daß sie ohne ihn nicht leben konnte — wenigstens jetzt noch nicht. Und dann schüttelte sie bedenklieh über sich selbst den Kopf. Sie wußte eigentlich selbst noch nicht, was sie wollte. Bald Reichtum, bald Liebe. Jedenfalls war ihr der Oberregierungsrat momentan ein Greuel, an das sie gar nicht erinnert werden wollte. Es fand sich gottlob auch keine Gelegenheit dazu. Die Geheimrätin empfing nicht mehr, da sie zu einer Badereise nach Nauheim rüstete, ihres Herzens wegen, das ihr im Frühjahr viel zu schaffen gemacht hatte, und bei Brock- lhaus überwog die Chinasrage alle anderen Interessen — fehlte überhaupt die Lust am Heiratstiften. Aber auch von Trautendorf hörte Suse in diesen Tagen nichts. Um Ruth nicht mißtrauisch zu machen, hatte er nur sehr selten geschrieben — sie hatten meist mündlich jedes nächste Zusammentreffen verabreden können — nun war er aber kurz vor seiner Uebersiedelung nach Spandau noch nicht imstande gewesen, über seine allernächste Zeit bestimmen zu können und Suse verlebte sehnsüchtige Tage, nicht wissend, wo nnb wann sie den Geliebten wieder einmal sehen würde. Daneben tauchte als Schreckgespenst seine etwaige Einberufung nach China auf, an die sie abergläubisch als ein Zeichen für eine Trennung auf immer dachte. Keine der beiden Schwestern gestand der anderen das Leid ein, an dem sie heimlich trug. * Erst als von Brockhaus die Nachricht eintraf, daß der Major zu denen gehörte, die mit nach China mußten, und die von Suse rasch aus der Destille heraufgeholte Zeitung Trautendorfs Namen nicht aufwies, konnte Ruth sieh aus dem jäh in ausgelassenste Stimmung umschlagenden Wesen der jungen Schwester enträtseln, was (te die Tage vorher so flügellahm gemacht hatte. Die Entdeckung entlockte ihr ein wehes Lächeln. Sie hatte sich doch in dem Offizier getäuscht. Nichts war aus ihren Brief hin von seiner Seite geschehen, um Suse diesen unhaltbaren Verhältnissen zu entreißen. Sie wußte nicht einmal, ob er ihn erhalten.. Keiner verstand ihre guten Absichten, niemand ehrte ihr Empfinden. Die Bitterkeit in ihr wuchs, der Schmerz wurde qualvoller. Sie vermochte sich zu keiner freundlich vertrauensvollen Unterhaltung mit Snse zu zwingen, es lastete schwül und bange zwischen ihnen, wie die Luft in ihren hochgelegenen sonnigen Zimmern, denen selbst die Nacht keinen erfrischenden Hauch brachte. Dazu dek ewige Terpentingeruch. Das angestrengte Sehen bei der Arbeit, die Nächte, in denen der Schlaf sie floh und die graue Sorge an ihrem Bette Wache hielt. Ein wütender Kopfschmerz benahm ihr schließlieh jedes klare Denken. Sie lag auf dem schmalen, harten Sofa, die Haare gelöst, die Hände hineinverkrampft und rührte sich nicht. Die Eindrücke der Außenwelt drangen nur verschwommen zu ihr, alles war ihr gleiehgiltig. Suse ging ab und zu, sie kannte aus früheren Zeiten solche Kopsschmerzentage bei Ruth, es war wohl die Bleichsucht, die Hitze, das viele Malen — sie sorgte sich nicht weiter. In ihrer Tasche knisterte ein Brief Trautendorfs, zerlesen und vielmals geküßt, obgleich er erst frühmorgens gekommen war. Nachmittags 6 Uhr am Potsdamer Bahnhof. Es war gut, daß Ruth' sich heut um nichts kümmerte, nichts hören und sehen wollte, sonst hätte sie ihr womöglich das Fortgehen verboten. Ach, und Suse konnte es ja kaum mehr erwarten, bis sie ihrem Fritz würde sagen können, wie sehr sie ihn liebte, daß sie noch lange, lange nicht an eine Trennung von ihm denken mochte. Nie mehr will sie ihn mit der „reichen Partie" quälen — sie ist ganz Zärtlichkeit und Hingebung. Und während sie ihr rosa Battisikleid überstreifte, freute sie sieh vor dein Spiegel, daß sie so hübsch rind blühend aus- sah, malte sich sein Entzücken aus bei ihrem Anblick — ja, er konnte wirklich stolz auf sie sein. Sie zupfte die goldblonden Haarwellen noch ein wenig tiefer unter dem großen, weißen Hut hervor und machte ihrem reizenden Spiegelbilde einen schelmischen Abschiedsknicks. Dann schlich sie vorsichtig hinaus. Sie hatte noch Zeit. So schlenderte sie gemächlich die Potsdamer Straße entlang. Es herrschte ein reges Leben. Der scheidende Sommertag lockte die Menschen ins Freie, die von der nahenden Nacht Kühlung und Erfrischung erhofften, trotz tag- sicher Enttäuschung. Wan strebte den Vororten zu, dort freiere Luft vermutend, eilte in die Biergärten, tun unter verstaubten Bäumen bei den Klängen irgend einer fragwürdigen Musikkapelle schales Bier zu trinken und die Ereignisse in China zu besprechen, oder steuerte einem Bahnhof zu, der stündlich Züge in die wald- und wasserreiche Umgebung hinaussandte. Dazwischen rollten Equipagen die Straße entlang — Suse blickte nachdenklich in ein elegantes Gefährt, das auf Gummirädern lautlos vorüberflog, und auf die müde dreinblickende blasse Weltdame, die in den seidenen Polstern lehnte — so freudlos, so gleichgiltig. Solch eine konnte sie auch werden, sobald sie den Ober- ■*s» 338 regierungsrak heiratete! Wie wenig lockt dieser kalte Glanz sie hent. Sie tauscht ihn nicht ein gegen das Glück, das ihr im Herzen jubelt und braust, das nur der geliebte Mann ihr zu geben vermag. Und als sie ihn dann cm der großen Treppe des Potsdamer Bahnhofes stehen sieht, trotz des Zivils so vornehm und elegant — sein schmales, kluges, gebräuntes Gesicht, der innige Blick, mit dem er sie schon von Weitem grüßt, da weiß sie genau, daß sie in diesem Moment reicher ist, als die meisten der sonst von ihr so beneideten Frauen. Rosige Glut in dem reizenden Gesichtchen, das unverhüllt ihr ganzes zärtliches Fühlen wiederspiegelte, streckte sie ihm die kleine Hand entgegen. Er drückte sie sehr, sehr fest. „Grüß Gott, mein Süßes." Sie hing sich zitternd an seinen Arm. „Lieber, lieber Fritz." Seine Augen verschatteten sich, als sänke ein dichter Schleier darüber. Diese Innigkeit in ihrem Ton! Die grenzenlose Hingabe, die sie damit verriet. Waruin gerade heute? — Um noch schwerer zu machen, was ihm ohnedies schon das Herz abdrückte? Aber es mußte doch sein. Er nahm sich zusammen. „Hast Du Zeit bis abends, Liebling?" Sie nickte hastig, ein wenig scheu. Ihre Augen wichen ihm aus. Sollte sie ihm jetzt gleich das von Ruth sagen? Aber mitten auf der Straße, im Gewühl vorüber hastender Passanten? Er überhob sie der Entscheidung. „Komm, wir fahren nach Wannsee. In sieben Minuten geht ein Zug. Es ist Dir doch recht, Schatz?" fragte er rasch. „Ach, Fritz, alles ist mir recht, luenn ich nur bei Dir sein kann." Er biß die Zähne aufeinander. Stumm führte er sie die Stufen zum Bahnhofsgebäude empor. Plötzlich gab er ihren Arun frei. Ein schmerzliches Zucken glitt über sein Gesicht, „Es ist besser so, Liebling I" murmelte er, ihrem befremdenden Blick ausiveichend, „wir dürfen nicht zu uuvor- sichtig sein." Suse lucigte nicht zu widersprechen. Er sah so ernst aus, so traurig. Vielleicht hatte er Aerger im Dienst gehabt, eine kleine Unannehmlichkeit--sie traute sich zu, ihm darüber hinwegzuhelfen. Sie plauderte im Coups harmlos und heiter aus der Fülle ihres wie von süßem Wein berauschten Herzens heraus. Nur ein alter Herr, wohl ein Geschäftsmann, saß in einer Ecke, eine Zeitung vor dem Gesicht — er hörte sie nicht. Wie immer, erzählte sie ihm jede Kleinigkeit aus ihrem bescheidenen, freudearmen und arbeitsreichen Mädchenleben. Wie trotzig und mit wie viel unvernünftiger Bitterkeit hat sie sich oft dagegen aufgelehnt. Heut kann sie amüsiert lachen über die dicke, pflegmatsiche Schlächtersfrau, deren Tochter sie unterrichtet und die das Mädchen bei ihr eingeführt hatte mit der Begründung: „Mein Mann ist zwar gegen bet Ge- klünpere, aber sie will's nu partout, bet hat se von mir. Jotte doch, wie schön und rührend ist das, wenn so ne Dceh- vogek das Lied von's „Verlorne Glück" spielt. Das muß mir de Hede balde lernen." So drollig versteht sie das Aeußere der Frau zu malen, ihre Sprechweise, ihre Art sich zu bewegen, daß Trautendorf, ganz entzückt, ein Zärtlichkeitswort flüstert und mit seinen Lippen verstohlen die rosige Wange streift. Und in das Rollen und Knattern des Zuges, der sie im Fluge weiterführt, tönt die wehe Mahnung aus Ruths Briefe cm seine Ohren: „So schwer es Ihnen auch sein mag von ihr zu lassen, wenn Sie Suse lieben, so müssen Sie Ihr Leben von dem ihren trennen." Alles in ihm bäumt sich dagegen auf. Sich nur wiederzufinden, um sich ein zweites Mal zu scheiden! Gab es etwas Grausameres? Er deckle die Hand über die Augen und seufzte tief auf, die linke suchte nach Suses warmen Fingern. Betroffen musterte sie ihn, wunderte sich über sein seltsames Gebahren. Sie wagte nicht in ihn zu bringen, denn der Herr in der Ecke hatte seine Zeitung fortgelegt und sah interessiert zu ihnen hinüber. So plauderte sie möglichst unbefangen weiter, aber eine klägliche unbestimmte Angst fraß ihr am Herzen. Ob sie ihm das von Ruth nicht besser noch verschwieg? So verstimmt, wie er schon schien! Und dann noch dieser Schlag. Ihre frohgemute kleine Seele ließ die Flügel hängen. Es lag Unheil in der Luft, auch mn Horizont ballten sich dunkle Wolken. Sie schreckten beide aus nachdenklichem Schweigen empor. Ein Pfiff — wie ein Aechzen ging's durch die lange Wagenreihe — „Wannsee!" Sie waren am Ziel. Trautendorf öffnete selbst die Coupätür und hob die zierliche Mädchengestalt über die Stufen. Der alte Herr schmunzelte. Ec war auch mal jung gewesen und verliebt. Der Menschenstrom, der dem Zuge entquollen, verteilte sich in verschiedenen Richtungen. Suse und ihr Begleiter nahmen den Weg durch die Anlagen zum See hinunter. Bald waren sie allein. Nur von fern klang das Knirschen des Sandes unter Menschentritten, ein helles Auflachen, der Ruf einer Kindersiimme. Die Natur wie gelähmt vor Hitze. Kein Blättersäuseln, keine zwitschernde Vogelstimme. Das grüne Buschwerk verstaubt und trocken. Der zerborstene Erdboden lechzte nach einem erquickenden Regen. Wie das auf den beiden Menschenkindern lastete! Selbst in den Küssen, die sie auf der ersten versteckten Bank tauschten, lag heute etwas schwüles, beklemmendes. Suse erschauerte. So leidenschaftlich und wild hatte ihr Fritz sie noch nie geküßt, wie heut. Matt, voll unklaren Bangens lehnte sie an seiner Brust, lächelnd, verträumt seinen geflüsterten Schmeichel- worten lauschend. Die Abendsonne malte tiefrote und violette Lichter auf die unbewegte Seefläche zu ihren Füßen — ein großer Vergnügungsdampfer stampfte weißglänzend mit schwarzem Menschengewimmel cm Bord dein Ufer zu — da riß der junge Offizier sich endlich los. Es flimmerte ihm vor den Augen wie im Rausch, seine Pulse klopften. Er sprang auf. „Komm!" gebot er, mit fast zerstörtem Gesicht und flackerndem Blick, „wir gehen jetzt irgend etwas genießen. Ich durste entsetzlich." Sie erhob sich ebenfalls; erschrocken über den plötzlichen Aufbruch blinzelte sie ihn an, das verwirrte Haar mechanisch untre dem Hut bergend. Dann öffneten sich ihre Augen weit zu einem angstvollen Blick. „Fritz! was ist Dir denn auf einmal?" stotterte sie, nach seinem Arm greifend, „bist Du mir böse? Habe ich etwa irgend eine Dummheit gesagt, die Dich ärgert?" Ec faßte sie beschwichtigend um die Schultern. Sein Blick tauchte jetzt ruhig und ernst in den ihren, doch um die Lippen zuckte verbissener Schinecz. „Nein doch, Liebling, Du bist herzig, ivie immer, Du bist mein größtes Glück, mein Alles" — er küßte sie von neuem wild, unersättlich — „es ist etwas anderes, ich werde es Dir sagen, aber jetzt noch nicht —" Ein Lächeln stand schon wieder in ihren Augen. Die Schreckgespenster flohen. Was sollte sie denn so Schlimmes erfahren können? Er liebte sie, das half über alles hinweg. (Fortsetzung folgt.) Die soziale» Forderungen der Fraueubewegung int Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage der Fra». Der evangel.-soz. Kongreß in Jena, über dessen Verlauf wir im wesentlichen im Hauptblatte berichtet haben, beschäftigte sich zum Schluß mit ben sozialen Forderungen der Frauenbewegung im- Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage der Frau. Ganz besonders zahlreich war die Damenwelt vertreten. Die Berichterstatterin, F.gutem Dr. Gertrud Bäumer-Berlin legte ihrem Vortrage folgende Leitsätze 311 Grunde. „1. Die modernen Wirtschaftlichen Verhältnisse habe» die in der Hauswirtschaft begründete Einheitlichkeit des Frauenlebens zerstört. Der Kreis, den die deutsche Frauenarbeit ausfüllt, liegt heilte nur noch etwa zu zwei Dritteln im Hause, zu einem Drittel in der volkswirtschaftlichen Güterproduktion. 2. Die Tatsache, daß viele Frauen hie Doppellast einer vollen Berufsarbeit und der hauswirt- schaftlicheu und der Familienpflichten zu tragen haben, daß andere durch die Ehe aus einer nur kurze Zeit aus- geübteu Bern fsurb eit in die Hauswirtschaft übergehen, und! 839 schließlich als Wilden doch vielfach wieder erwerLsbedurf- A werden - diese Tatsache umschließt eine Reihe sozialer Probleme, für die bis heute eine befriedigende Losung noch nickt gefunden ist. 3. Die Einheitlichkeit des Lebenskreises der Frau durch Einschränkung auf die Hauswirtschaft Meder berMstellen, ist unmöglich. Andererseits find aber auch in: Interesse der Frauen selbst und des Volks ganzen die Theorien abzulehnen, nach denen die Familie aufgelöst werden soll, um die außerhäusliche Berufsarbeit der H-rau -m ermöglichen. 4. Es ist vielmehr daran feftzuhalteu, daß einerseits die Familie eine Meche vmi Aufgaben für die Frau umschließt, auf deren Erfüllung unter keinen Umständen verzichtet werden darf, daß andererseits die Beteiligung der Fran am Erwerbsleben aber nicht nur volkswirtschaftlich notwendig,.sondern auch im Sinne einer verfeinerten sozialen Arbeitsteilung kulturell wertvoll ist. 5. Es ist die Aufgabe der Frauenbewegung, den spezifischen Anteil der Frau au der G-esamtkultur durch die wissenschaftliche Krisis hindurch zu erhalten und zu steigern. Von diesem Gesichtspunkte aus erwachst ihr ote Pflicht, die Frau dem häuslichen Leben zu erhalten, soweit sie dort noch wertvolle Aufgaben findet, zugleich aber die Bedingungen für eine freie und gesunde^ Entwicklung der weiblichen Erwerbstätigkeit zu schaffen. 5. Die praktischen sozialen Forderungen, die sich aus dieser Stellung zur wirtschaftlichen Frauenfrage ergeben, sind, soweit sie sich aus die Erhaltung des häuslichen Wirkungskreises der Frcm beziehen, folgende: a) er lv ei ter ter,A r b e iterrnn en- schutz: b) verstärkter Wöchnerinnen schütz durch die Arbeiterversichcrung; c) Einführung ,Hauswirtschaft icher Belehrung in Volks- und Fortbildungsschulen; d) staatliche Anerkennung der hauswirtschaftlichen Arbeiten der Frau als einer wirtschaftlich wertvollen Leistung. 7. Um die Entwicklung der weiblichen Berufsarbeit zu förderii und gegen die aus der Doppelseitigkeit des Frauenlebens her- vorqehenden Hemmungen zu schützen, sind solgende Forderungen zu stellen: a) u n b e s ch r ä n k t e Z u l a s s u n g d e r Frauen zu allen Berufen, in denen fte ihren .Kräften angemessene und für die Gesamtheit wertvolle Leistungen erfüllen können; b) vermehrte Fürsorge für vollwertige Ausbildungsanstalteu; c) die Einführung der obligatorischen beruflichen Fortbildungsschule für Mädchen; d) die Förderung beruflicher Organisationen unter den Frauen; e) die Teilnahme der beruft- tätiqen Fraueii an allen mit der Berufszugehörigkeit verbundenen Rechten (Wahlrecht für Gewerbegerichte, K a u f in a n n s g e r i ch t e nsw.). 8. Die Anpassung an ihre veränderte wirtschaftliche Lage muß der Frau aber auch durch eine Umgestaltung ihrer allg. Rechtssteklung erleichtert werden. Die Unzulänglichkeit und Hilflosigkeit der Frau als Berufsarbeiterin beruht zum großen Teil in der fundamentalen Verschiedenheit der Anforderungen, die an die ausfchließlich auf die Familie eingeschränkte Hausfrau einerseits, an die dem öffentlichen Leben unmittelbar angehöreude Berussarbeiterm andererseits gestellt werden. Die beiden Sphären, in denen heute die Lebensaufgaben der Fran liegen, müssen einander dadurch genähert werden, daß alle Frauen in steigendem Maße zu sozialen Pflichten heraugezogen und mit bürgerlichen Rechten ausgestattet werden." Die Rednerin gab zunächst eine statistische Uebersicht über die Frauenarbeit. Der Staat steUe als Telephonistinnen nur unverheiratete Frauen oder kinderlose Witwen an. Von einer Telephonistin sei folgender Referain geschrieben worden : „Das ist des Schicksals Hohn, wer keinen Mann bekommen kann, muß zum Telephon. (Große Heiterkeit.) Dringend notwendig sei es, für alle Mädchen Zwangs-Fortbild ungs- fchulen zu errichten. Das heutige Thema habe eine um so größere Bedeutung, da dadurch der Beweis erbracht sei, daß der evangelisch-soziale Kongreß mit der modernen Frauenbewegung im engsten Sinne verivandt sei. (Stürmischer langanhaltender Beifall.) Pfarrer a. D. Friedrich Naumann mit stürmischem Beifall empfangen: Die Frauenarbeit habe in allen Berufen eine so große Ausdehnung gewonnen, daß die gesamte Oeffentlichkeit, ja, alle politischen Parteien genötigt seien, sich mit bet' Frauenarbeit zu beschäftigen. In der Landwirtschaft haben sich die Frauen bereits den Platz erobert, denn ohne die Frau fei eine Viehzucht kaum denkbar. In demselben Maße müsse dies in allen anderen Berufen geschehen. In Amerika betrachten es alleinstehende Frauen als Ideal, sich einen, wenn auch kleinen, bescheidenen Raum als Heimstätte zu sichern. Dies müsse auch das Ideal alleinstehender Frauen in Deutschland sein, denn es würde schließlich auch das Ideal vieler Männer werden. (Heiterkeit.) Der Redner empfahl, die Frauen gewerkschaftlich zu organisieren und schloß: Nicht die alten, sondern die netten Universitäten, die technischen Hochschulen verstehen die Stellung zu bezeichnen, wo die geistige und technische Ausbildung der Frauen ein- znsctzcn hat. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Fräulein Anna P appri tz- Berlin betonte die Notwendigkeit, den Wöchnerinnenschutz zu erweitern. Wenn man bei einer Ausstellung auf die Erfolge der Männerarbeit hm- tveise, dann sei entgegenzuhalten, daß einen Anteil on diesen Erfolgen auch die Frauen haben. Es sei selbstverständlich das Ideal aller Frauen, einen eigenen Familienherd zu begründen. In dieser Beziehung dürfte sich das Ideal der Frauen mit dem der Männer begegnen. (Beifall.) Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Adolf Wagner-Berlin: Noch vor zehn Jahren haben unhöfliche Pedelle Frauen von den Türen der Universitäten zurückgewiefen. Das sei nun glücklicheriveise anders geworden. An der Berliner Universität gebe es eilte ganze Anzahl Hörerinnen. Er sehe nicht ein, weshalb Frauen nicht immatrikuliert werden sollen. (Lebhafter Beifall.) Ganz besonders bewundere er die große Geduld der Frauen. Er hätte die jahrelange Zurücksetzung der Frauen nicht ertragen. Die Frauen haben doch etwas erreicht und werden ziveifellos noch bedeutend mehr erreichen, (Stürmischer Beifall.) Fräulein Lydia Stöcker-Berlm und H-cau Dr. Ruth - Broe-Hermsdorf traten für erweiterten Mutter- fchutz ein. _______________ Fräulein Bertha Krupp. Die Nachricht von der Verlobung der ältesten Tochter des verstorbenen Geheiwrats F. A. Krupp mit dem Legationsrat von Bohlen und Halbach hat die Persönlichkeit dic-sir renyilen Erbm deutsch-bürgerlicher Abkunst tit den Vordergrund de- allgemeinen Interesses gerückt. Wer sich des liebenswürdigen Besitzers der wclt- verühmten Gußstahlwerke in Essen erinnert, und Kenutnw von de sen hervorragenden Charaktereigenschaiten besitzt,, Re er nach den ver schiedensten Seiten hin im «inne einer optim stächen Auslassung nCteä. menschlichen Tun und Treibens betätigte, der wird sich auch M R» künstige Schicksal der Tochter interessieren und zu wissen wünschen, welche Eigenschasten diese — ganz abgesehen von ihrem■ mögen — dem erwählten Galten mit m bi Ege bringen wird. FhremVater, den unvergeßlichen, stets human denkenden und handelnden Geheimen Kommerzienrat Krupv weiß jcöev, der ihm naher g - treten ist, nur Treffliches und Edles nachzuruhinen. Von ihm galt das Goeihesche Wort in vollstem Alatze: „Edel ui der Mensch, y streich und mit". Er war nicht bloß ein Tröster der Armut, cm väterlicher Ches seiner großen Arbeiterschar, sondern auch ein estriger Förderer der Wissen,chnit. In letzterer Hinsicht begründete er neue Forschungsinstitute, rüstete schon bestehende nut denbe txti M Mitteln nnS* und wirkte auch noch msoiern auf die qersthiede»ften Gebiete wissenschaftlicher Bestrebungen fordernd em, alo er ihren Vertretern vielfach die materiellen Mittel zur Ausiuhrung von tost- spieiigen Unterfuchungen gewährte, wenn er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß es sich dabei um gemeinnützige Unternehmungen ^Ein Maim von diesem Schlage besaß natürlich auch seine eigenen Mächten über die Erziehung der Heranwachsenden Jugend, uno er ließ seine beiden Töchter Bertha und Barbara m emer Weise erziehen, die vielen anderen reiche., Leuten als ein Muster stir d e Heranbildung moderner iveiblicher Wesen dienen konnte. Bor allem war Herr F. A. Krupp fest davon überzeugt, da» ">b'e,^>tige Zeit hineingeborene junge Menschen, "ächten sie weiblichm oder männlichen Geschlechts sein, mit den Errungenschaften der aktuellen Naturwissenschaft bekannt gemacht werden inußlenund demgemäß ließ er feine beiden Töchter von deren 9. Lebeiwtahre an Schritt für^ Schritt mit den Elementen der Physik rmd Chenue bekannt machen, so daß sie mit den Hauptergebnis e» dieser Wissrnschasten vollständig vertraut waren, als sie das gesellschaftliche .llter erreicht hatten. In einem Gartenpavillon auf Villa Hügel war für den Unterricht ein wohl ausgestattetes Laboratorium eingerichtet, worin ein geeigneter Fachmann den beiden Fräulein Krupp allwöchentlich ie zwei Physik- iind z.vei Cheniiestunden gab, m denen beiden Schülerimien die belehrendsten Experimente vorgeiuhrt .wurde». Ter übrige Unterricht wurde den jungen Tarnen von. enie,. Erzieherin Namens Frl. Brandt, einer geborenen Elsässerin, erteitt die sich nicht bloß durch eine bemerkenswerte prächtige Gewandhelt, — 340 sondern auch durch eine heitere, optimistische Denkweise auszeichnete. Durch den Besitz gerade dieses letzteren Vorzugs war sie dem verstorbenen Herrn Krupp besonders sympathisch geworden, wie er dies dem Schreiber dieser Zeilen mehrfach seinerzeit ausgesprochen hat. Er begründete seine Vorliebe sür eine Erziehung zum Optimismus damit, daß er sagte, das Leben bringe an und sür sich schon viel Häßliches und Trauriges mit sich, daß es geboten sei, jeden jungen Menschen und namentlich Mädchen vorwiegend mit den Lichtseiten des irdischen Daseins und nicht mit dessen Mängeln bekannt zu machen. Diese letzteren drängten sich tut praktischen Leben von selbst aus und brauchten nicht erst ausdrücklich hervorgehoben und geschildert zu werden. Tas waren Krupps Ansichten über die Erziehung seiner Töchter, und man kann sich denkeit, daß diese mtr gute Früchte getragen haben. Frl. Bertha Krttpp ist eine blühende, madonnenhafte Erschei- nung von frischem Aussehen tmd guter Körperbildung. Daztt kommt ein außerordentlich feines wtb liebenswürdiges Wesen, das in vielen Stücken ott die genugsam bekannte Eigenart ihres verstorbenen Vaters erinnert. "Insbesondere zu erwähnen ist die Abwesenheit jeder Spur von Blasiertheit, wie sie so häufig bei den herange- ivachscnen Töchtern vornehmer Familien auszutreten pflegt. Man muß im Gegenteil hervorheben, daß sich bei beiden Kruppschen Töchtern ein kindlich harntloses Gebaren und eine Frische des Ge- mülslebcus erhalten hat, wie sie nicht allzu ost unter den äußeren Umständen vorzusinden ist, unter denen Frl. Bertha und Frl. Barbara Krupp ausgewachsen sind. Letztere ist im Gegensatz zu ihrer Schwester von brünettem Teint und ähnelt int ganzen der Mutter, einer geborenen Freiin von Ende, die seinerzeit eine Stellung als Erzieherin am anhaltischen Ho!e bekleidete. Jedenfalls ist die jetzt als Braut zu begrüßende Frl. Bertha Krupp mit allen den Vorzügen ausgestattet, die ein ungetrübtes Eheglück zu verbürgen imstande sind, d. h. mit Gesundheit, Anmut, Liebenswürdigkeit und geistiger Frische. Und da mit diesen Spenden der Natur nun auch noch eine Fülle von Glücksgütern und hoher Bildung verbunden ist, so sind in diesem Falle alle Bedingungen gegeben, um die künftige Ehe der jüngst Verlobten segensreich zu gestalten. * Gelegentlich der Verlobung erhielt Frau Krupp sotvohl von oem Kaiser als auch von dem' Grobherzog von Baden (Herr von Bohlen und Halbach ist Badenser) überaus herzlich abgesagte Tele- gramnte. Frau Krupp hat aus Anlaß der Feier sür die alten Veteranen der Arbeit mit einem Kostenaufwand von 1 Million Mark ein Altersheim begründet. Fürstenreisen i» der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wie in der guten alten Zeit bei Fürstenreisen für einen begeisterten Empfang der hohen Reisenden durch die Landeskinder behördlich gesorgt wurde, zeigt nachstehende Mitteilung eines Lesers: — Nach vorliegenden Verfügungen des Großh. Hess. Landrats Ouvrier vom Bezirk Gießen an die Großh. Bürgermeistereien zu Groß- und Klein-Linden, die Reise Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs (Ludwigs II.) und Jh.,.r Königl. Hoheit der Großherzogin in der Provinz Oberhessen betreffend, wurden die an der Landstraße Frankfurt-Gießen gelegenen Gemeinden aufgefordert, durch nachstehende Bekanntmachung für einen würdigen Empfang des Großherzoglichen Paares bemüht zu sein. Die Verfügung vom 25. Juni 1830 lautet:' „Es wird der hiesigen Provinz das hohe Glück zuteil werden, unser hochverehrtes Fürstenpaar in ihrer Mitte zu sehen. Den 6. Juli werden die Allerhöchsten Herrschaften von Butzbach her nach Gießen kommen, und es wird nur dieser Nachricht bedürfen, um sämtliche getreuen Untertanen mit der größten Freude zu erfüllen und die Gefühle Ihrer Liebe und Verehrung bei der Ankunft des Regentenpaares auf angemessene Weise an den Tag zu legen. Man ist unterrichtet, daß den Gemeinden große Kosten verursachende Empfangsfeierlichkeiten nicht gewünscht werden, dagegen wird es angemessen sein, daß an den Chausseen in den Ortschaften Ehrenpforten von Laubwerk und Blumen errichtet werden. Die Herren Ortsgeistlichen, sonstige in den Gemeinden wohnende Staatsdiener, Großh. Bürgermeister und Ortsvorstandspersonen werden sich bei den errichteten Ehrenpforten aufstellen, sowie die Schullehrer mit der gesamten Schuljugend und alle Untertanen, welche ihr geliebtes Regent-enpaar beglückwünschen wollen, mögen in den besten Sonntagskleidern erscheinen und sich anständig benehmen. Die, ganze Bevölkerung möge in der üblichen Tracht erscheinen, die Männer in ganz weißen, reinen Kitteln, die in Urlaub befindlichen Soldaten hüben Mtlitärkleidung anzulegen, ordnungsmäßig in Rock, Shako, Säbel, blauen! Hosen, schwarzen Gamaschen, überhaupt in größter Pro- preto zu erscheinen, die Kriegsreservisten in ihrer bürgerlichen Kleidung, da sie keinen Säbel und Shaw mehr besitzen. Wenn an den Ehrenpforten Bänder aufgehängt wdrden, dann dürfen es nur die hessischen Farben rot und weiß sein. Schießen darf schlechterdings nicht statthabeu, um die höchsten Herrschaften nicht zu erschrecken; lange Anreden mögen ebenfalls unterbleiben, das Streuen von Blumen durch Mädchen dürfte angemessen sein. Bet der Ankunft und der Durchfahrt des Regentenpaares wird mit allen Glocken geläutet, und zur Ausbringung eines herzlichen Vivathochs wird die Untertanen ihr Gefühl treiben." Vermischtes. * Eine Frau als Bräutigam. Eine eigenartige, zunächst kaum glaubliche Betrugsgeschichte beschäftigte dieser Tage die Berner Gerichte. Salome Lejenne, eine 29 jährige Französin, wurde im Jahre 1902 mit einer 19 jährigen Schweizerin, namens 'Lina Pauly, bekannt und bald deren intimste Freundin. 9(ttf diese Weise erfuhr sie auch, daß Lina gern heiraten wollte. Unter dem Namen eines überaus nicht existierenden „Dr. Krause aus Straßburg" knüpfte die Lejeune mit ihrer Freundin eine Korrespondenz an, die zur Verlobung führte, bei der als Bräutigam Salome in Männerkleidern erschien. Vier Jahre währte die Verlobung, und der „Bräutigam" wußte sich in den Besitz fast des ganzen Verntögens des betrogenen Mädchens zu setzen. Da schöpfte dessen Bruder Verdacht, er unternahm Schritte bei der Polizei, und der weibliche Bräutigam wurde zu 1 Monat Gefängnis, den Kosten und Ausweisung verurteilt. * Der Mameluk Napoleons I. Bei den Hoffestlichkeiten und an sonstigen offiziellen Gelegenheiten erregt der Neger, der bei unserer Garde stolz in Reih und Glied mitmarschiert, immer wieder Aufsehen und Freude. Auch Napoleon I. hielt sich so einen Leibmameluken, den dkubier Rustau. In Egypten hatte Bonaparte den Riesen kennen gelernt. Er fand an ihm so außergewöhnliches Gefallen, daß er ihn nach Frankreich mitnahm, unterrichten und erziehen ließ. Rustan entwickelte sich bald zum treuesten Diener seines Herrn, lag oft wie ein treuer Bernhardiner im Vorzimmer ans der Wacht und folgte dem Kaiser, wohin er auch immer gehen mochte. Sein Ruhm wuchs schließlich so sehr, daß er von Interviewern förmlich überlaufen wurde, und daß der „Moniteur", die offizielle Zeitung der Hauptstadt, sein Bild veröffentlichte, was damals noch eine ganz besondere Auszeichnung war. Als er krank wurde, brachten sämtliche Blätter offizielle Bulletins über sein Befinden. Einen sehr großen Schmerz erlitt er jedoch, als er sich sterblich in die schöne Tochter des Sergeanten Belleville verliebte. Der Papst untersagte nämlich die Ehe, weil ein Bündnis zwischen einem Heiden und einer guten Christin nun und nimmer gestattet werden dürfte. Kurz nach dem Sturze Napoleons ist dann auch Rustan an den Folgen der Schwindsucht gestorben. Er hinterließ ein großes Vermögen. Und so außergewöhnlich beliebt war er fit seiner neuen Heimat, daß man sein Vermögen, als sein einziges Vermächtnis, ebenfalls nicht ntel)ic missen wollte. Der Staat zog es ein, angeblich, weis keine Erben vorhanden waren. Freilich nach ihnen geforscht hat man nicht. Ergänzungsrätsel. Nachdruck verboten. M . . e . n . . . . r . n . t . h . e . . u D . ., w . . e . b . . o . l . tt, . e . b . r . . u .1 Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummert Pippin — Heine — Ille — I-inie — Inn — Philipp — Pille» — IIi — Nil - Ette — Niel; Philippinen. Untversiläts-Buck- und Steint)ruderet, R. Lange. Gießen. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'lcbcn