__ Mittwoch den 12. Dezember 1806 BK« «figü I* Im Wanne des Geheimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten., (Fortsetzung.) 71. Kapitel. Schlimmer denn Tod. Marian hatte das ihr zugesügte Unrecht vergessen. Sie umschlang die sinkende Gestalt. „Meine arme, arnie Eve," sagte sie zärtlich tröstend, „wie gut erinnere ich mich an dies alles. Meine arme Schwester, was du c-litten haben mußtl" „Ja," versetzte die trübe Stimme, „ich habe gesündigt, aber ich habe auch gelitten. Mein Mann war tot. Ich war zu jung, einfach zu kindisch, als daß ich auch nur daran gedacht hätte, meine Heirat öffentlich bekannt zu machen. Ich hatte das Gehcininis bewahrt, und ich hielt es für nutzlos, es jetzt zu enthüllen. Wer würde geglaubt haben, daß einer der größten Männer Englands ein Kind von achtzehn Jahren gchcirattt und dann allein gelassen habe? Der einzige klare Wunsch war, nur recht bald zu sterben. „Du weißt, Marian, auch sterben sollte ich nicht. Du weißt alles, was folgte — Gott weiß, daß ich glaubte, mein Kind sei tot, und daß ich cs tief bedauerte, selbst noch weiter leben zu müssen." „Ich bewahrte mein Geheimnis. Nie habe ich dir, Marian, oder irgend einem lebenden Wesen auch mir ein Wort davon gesagt. Niemand wußte, daß ich die Witwe dieses Edward Aylesford war, den ganz England wie einen Helden betrauerte. „Nachdem ich wieder genesen war, gewahrte ich eine große Veränderung an meiner Schwester. Sie war in tiefste Trauer gekleidet, und als ich sie eines Tages fragte, ob es meinetwegen sei, verneinte sie es. Ter Einzige, den sie je geliebt, habe einen schrecklichen Tod gefunden, und sein Tod habe ihr die ganze Welt verdüstert. „Da wußte ich, daß wir denselben Verlust betrauerten, und empfand auch tief und lebendig, wie groß der Trug gewesen, der mich in so falsche Stellung gebracht. Lange nach meiner Genesung las ich die Einzelheiten seines schrecklichen Todes; er hatte sich benommen wie ein Held im wahren Sinne des Wortes. Die Zeitungen berichteten, daß er allen geholfen habe zu sterben, Männern, Weibern und Kindern. Wie er sie getröstet und jenem furchtbaren Tode etwas von seinem Schrecken geraubt habe. „Nach seinem Tode erhielt ich auch einen Brief. Da, zum erstenmal war ihm der Gedanke gekommen, daß nur während seiner Abwesenheit vielleicht etwas zustoßen könne. und er schrieb mir, ich sollte, falls irgend ivelches Unglück mich befiele, mich an seine Schwester, MißAylesford, menben, die auf ihrem (Sitte, Aylesford Manor, lebte." „Ich dachte nie wieder an diesen Rat, ich brauchte c8 ja auch nicht. Marian war mir alles gewesen — alles geworden — sie hatte mir durch das dunkle Meer des Kummers und Unglücks geholfen. Mein Mann war tot; mein Kind glaubte ich ebenfalls tot. Es schien mir nun nichts weiter nötig, als zil vergessen. Warum sollte ich zu Miß Aylesford nach Aylesford Manor gehen und ihr alles erzählen?" „Mein Geheimnis war also begraben, wie ich wähnte« Ich glaubte, mein Sohn läge in seinem Grabe in Abbots- ville; ich hatte ja keine Veranlassung, etwas anderes zu denken, und jetzt erst weiß ich, wie gut und umsichtig Marian damals war". „Ich weiß nicht, was ich flckin hätte, wenn ich gewußt, daß mein Kind lebte! Mein ganzes Leben wäre anders geworden. Jedenfalls wäre ich dann wohl zu Miß Aylesford gegangen und hätte ihr erzählt, daß ihr Bruder einen Sohn hinterlassen, ich heilte nicht wieder geheiratet und meine erste Heirat hätte öffentlich bekannt gemacht werden müssen. Doch, Marian, liebste Schwester, was du getan, du hast cs in bester Absicht getan, hast cs getan, um mich zu retten, und ich kann dir jetzt dafür danken." Sie wandte sich zu ihrem Gatten. „Mortimer, wie kann, wie soll ich dich um Verzeihung bitten?" murmelte sie. „Tas Unrecht, was ich dir angetan habe, ist derart, daß es nie wieder ungeschehen gemacht werden kann. Toch glaube nicht, daß cs mir leicht gewesen ist. Es hat keinen Augenblick bei Tag oder Nacht gegeben, wo mein Geheimnis mich nicht zu Boden gedrückt hätte." „Ich bin bewundert und gefeiert worden, die Leute haben mich beneidet, vielleicht wegen meiner Schönheit, meiner Stellung, meines scheinbaren Glückes, — ach! nur Gott wußte, wie Tag und Nacht mein Herz vor Schrecken zitterte." „Mortimer, als ich als deine Gattin hier nach Kenning- hall kam und die Sage von den Regentropfen hörte, dachte ich schon, die Stunde der Entdeckung sei gekommen. ES schien mir, als ob ich den Schatten der Unehre und Schmach in dein unbeflecktes Haus brächte; und so habe ich mit der Last und Singst auf mir gelebt. Ich hatte einmal einen Traum, daß mein Geheimnis bekannt war, es stand auf jedem Blatt des Waldes geschrieben, jeder Vogel zwitscherte und sang es aus den Zweigen. Jetzt — jetzt scheint es mir, daß jener Traum wahr geworden ist!" Ihre Stimme erstarb bei den letzten Worten, und — 730 ßotb Wayne stand und sah sie mit unaussprechlichem Mitleid an. Der Schlag war fürchterlich für ihn. Sie war ihm der Inbegriff des weiblichen Ideals gewesen, — vollkommen, untadelig an Ruf, an Schönheit, an Herz, Gemüt und Seele. Er hatte geglaubt, die Seele seiner Gattin sei wie ein klarer See, der sein eigenes Bild ihm wiedcrspiegele. Er hatte geglaubt, daß sie ihn liebe, wie wenige Frauen lieben — stark, treu und wahr! Kein schrecklicherer Schlag hätte ihn treffen können, als dies Bewußtsein, daß sie einen anderen vor ihm geliebt hatte, daß sie verheiratet gewesen, bevor sie ihn geheiratet, und ihm dies alles verheimlicht hatte. Seine Herzensgute und seine ritterliche Natur ließen ihn jedoch fühlen, daß dies weder die Zeit noch der Ort seien, sich merken zu lassen, wie tief die Wunde war. Er nahm ihre Hände in die seinen. Ein paar helle Tränen fielen ihm die Wangen herunter. „Evelyn, ich vergebe dir. Das einzige Unrecht, das *bit mir angetan, besteht darin, daß bit mir das Geheimnis verborgen hast, wo du es hättest mir mitteilen können — wo du mir hättest vertrauen sollen. Deshalb mache ich dir aber keinen Vorwurf — ich vergebe es dir vollständig, aus freien Stücken, ganz und gar. Wenn je eine Frau die Liebe und Hilfe ihres Mannes nötig hatte, so hast du die meinige jetzt nötig. Du hast mir deine Geschichte erzählt, hast erklärt, was geheimnisvoll schien; nun sag' mir, meine Gattin, was hattest du mit diesem jungen Manne zu schaffen — was wollte er von dir?" „Er war im Irrtum," sagte Lady Wayne schnell, „er hatte etwas von der Sache herausbekonimen, aber nicht alles. Er glaubte, Marian sei Werner's Mutter, und sie hatte ihn in diesem Irrtum? gelassen — sic hatte edelmütig die ganze Last und Bürde auf sich genommen." Lord Wayne wandte sich zu Miß West, und das Licht, das über seine Züge kam, blieb Marian stets unvergeßlich. „Das weiß ich," sagte er. „Selbst mir gegenüber wollte Marian sich nicht auf deine Kosten davon reinigen. Evelyn, sie ist eine Heldin, es gibt wenige Schwestern wie sie." „Es scheint mir," sagte Lady Wayne, „daß dieser unglückliche junge Mensch mit Marian bereits seinen Handel gemacht hatte. Ich wage dir wirklich kaum mitzuteilen, Mortimer, was er von mir verlangte." In Lord Wayne's Gesicht stieg eine leichte Röte. „Habe keine Furcht," erwiderte er trübe. „Nichts wird mich jetzt überraschen." „Er schrieb mir", fuhr sie fort; „er sandte mir eine kurze Mitteilung des Inhalts, daß er ein Geheimnis von meiner Schwester in Händen habe, und daß ich seinem Ersuchen Folge leisten müffe, wenn ihr guter Ruf mir lieb und wert sei. Was er mir zu sagen habe, bedinge äußerste Geheimhaltung, und er ersuchte mich, an dem Abend um zehn Uhr an dein kleinen Tore zu sein, das zum Forste führt. Er war denn auch am Türchen, und der Zweck der Unterredung war der, daß er mich bedrohte, Marian und ihr Geheimnis bloßzu- stellcn, wenn ich nicht verspräche, ihn meine Tochter, unsere schöne, liebliche Elsie, heiraten zu lassen." „Was? Hat er sich rvirklich erfrecht, seine Unverschämtheit so weit zu treiben?" rief Lord Wayne. „Dann möchte ich beinahe sagen, er verdiente den Tod, der ihn ereilt tyoi." 72. Kapitel. -,Hils mir, mein Sohn!" Als Miß West die Worte ihrer Schwester vernahm, rötete sich auch ihr Gesicht vor Entrüstung. „Evelyn, das unterstand er sich?" rief sie. „Ich möchte wohl mit Mortimer sagen, daß er sein Schicksal verdiente. Er versprach mir — nein, er schwur mir, daß kein Wort über seine Lippen kommen solle; er zwang mir das Versprechen ab, ihm tausend Pfund jährlich zu geben, was ich auch getan habe, uyter der einen Bedingung, daß er nie auch nur ein Wort verlauten lasse, was nur im allerentfertt- lepen Bezug darauf haben könnte." „Er drohte mir, wenn ich meinen Mann und meine Tochter nicht dazu überrede, dieserHeirät zuzustimwen, werde er uns verraten." „Und was hast du ihm darauf gesagt?" fragte Lord! Wayne. „Ich kann mich kaum noch erinnern. Ich war betäubt, niedergeschmettert, erdrückt. Am meisten von allem war ich überrascht und fassungslos über Marians Opfer und über die Tatsache, daß mein Sohn lebte. Dessen erinnere ich, mich lebhafter als alles anderen." „Aber du hast doch natürlich seine Unverschämtheit gebührend zurückgewiesen?" ^ragie Lord Wayne mit Ungeduld. „Sich zu erfrechen, seine Augen zu meiner Tochter zu erheben, zu meiner strahlenden, schönen Elsie!" „Aber ich habe ihn nicht erschlagen", sagte sie sanft, „ich habe ihn nicht einmal angerührt. Ich war ganz verwirrt, bestürzt, fassungslos." „Evelyn", sagte Marian, „kläre uns das Geheimnis auf — sag' uns, wie er zu Tode gekommen ist." „Ich weiß es nicht", rief sie verzweifelt. „Wenn ich selbst nur die leiseste Ahnung über dies Wie hätte, sv würde ich es Euch sagen. Ich stand und sprach mit ihm, und ich hörte keinen Laut. Urplötzlich, und ohne daß auch nur das Geringste vorher zu hören oder zu sehen gewesen wäre, fiel ein Schuß, so unmittelbar in meiner Nähe, daß ich glaubte, es sei auf mich selbst gezielt worden. Dann fiel er gegen mich. Ich fühlte, wie das warme Blut auf mich tröpfelte. Als meine wirbelnden Sinne sich wieder etwas beruhigt, bückte ich mich und hob ihm den Kopf in die Höhe; da sah ich, daß er tot war." „Und niemand kam vorbei oder ließ sich überhaupt auf der Stelle blicken?" „Nein. Ich könnte Euch überhaupt jetzt nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, aus welcher Richtung der Schuß abgefeuert wurde — das Gräßliche war zu viel für mich. Ich schrie in meinem Entsetzen laut auf und eilte nach Hause zurück." „O, Evelyn, wiederum und wiederum, — wenn du mir doch nur vertrant hättest — wenil du nur geradewegs zu mir gekommen wärest — ich hätte dich retten können. Was haft du dann getan?" „Ich sah, daß mein Kleid und meine Hände ganz feucht von Blut waren und--" „Hat dich irgend jemand gesehen?" unterbrach ihr Gemahl schnell. „Ich weiß nicht — ich erinnere mich nicht. Ja, doch — das Mädchen, das mir das Wasser brachte, muß mich gesehen haben. Ich klingelte nach heißem Wasser, und sie kam ins Zimmer." Ein Ausruf des Entsetzens von beiden Zuhörern zeigte Lady Wayne, was sie fürchteten. „An mehr kann ich mich nicht wehr erinnern", sagte sie müde. „Ich legte mein Kleid ab; aber ich muß wohl vergessen haben, welch gefährliches Zeugnis die Blutflecken darauf gegen mich ablegten, denn ich weiß nicht einmal mehr, was ich damit getan habe. Das Einzige, was mir noch klar vorschwebt, ist ein fieberhafter, schrecklicher Traum, daß ich die roten Flecken nicht von meinen Händen bringen konnte." Wieder blickten die beiden sich an, tit dem gemeinsamen Gedanken, welch schreckliches Zeugnis der Arzt über jenes Delirium möglicherweise ablegen konnte. Lord Wayne sah vollständig hülflos und ratlos aus. „Meine arme Evelyn", sagte er, „wie sollen wir dich retten, um des Himmels willen? Weißt du, welch eine Kette von Beweisen gegen dich vorliegt?" „Nein", erwiderte sie. „Sag mir nur gleich das Schlimmste, Mortimer; es kann nicht viel mehr zu leiden fein." „Das Schlimmste, mein Liebling? Ach, die Bluthunde sind ja jetzt schon auf der Spur — es warten jetzt schon die Leute, um dich wegen des — wegen — ich kanns nicht sagen — wegen des Todes dieses Mannes festzunehmen!" „Sie glauben, ich hätte ihn ermordet?" flüsterte sie. Er nickte. „Das am Tatort gefundene Armband, das Kleid mit seinen schrecklichen Flecken, das Bruchstück des Briefes mit deinem Namen sind alles finstere, unerbittliche, verhängnisvolle Zeugen gegen dich." Sie sah ihn mit dem ruhigen Vertrauen und einfaches Glauben eines Kindes an. „Ich fürchte mich nicht", sagte sie ruhig. „Ich bin vollständig unschuldig. Einerlei, was er mir alles für 73f — Schreckliches gesagt hat, aber der leiseste Gedanke, ihm ein Leid zu tun, wäre mir nie auch nur in den S-inn gekommen. Ich bin unschuldig. Gott wird mich beschützen, nicht wahr?" „Gewiß, gewiß", schluchzte Märian West, „fürchte nichts, Evelyn." Sie blickte wieder mit ruhigen klaren Augen aus ihren Gatten. „ t „Mortimer, du sprichst nicht. Gott kennt meine Sunden, meine Torheit, meinen Leichtsinn; aber er kennt ebensogut auch meine Unschuld, und er wird mich durch diese Gefahr hindurchbringeu, nicht wahr?" „Ja, mein Liebling", erwiderte er leise und legte ihr die Hand auf das goldig fchimmernde Haar. Sie sah zu ihm auf. „Ach, Mortimer, ich verstehe. Obwohl meine Unschuld bewiesen wird, und das wird geschehen, so kann das doch nicht die Schmach und Schande von uns abwenden. Ich sehe jetzt alles." „Wir können das nicht vermeiden", sagte er, „es muß kommen." Sie war plötzlich still geworden; in ihren Zügen lag eine stumme, hoffnungslose Verzweiflung, die ihn mehr ergriff, als Worte es vermocht hätten. „Ich verstehe. Ich bin dein Weib, die Mutter deiner Kinder, und doch muß ich mich dieses schmählichen Verbrechens anklagen lassen. O, Mortimer, mein Mann, kannst du mich nicht retten?" „Was Herz und Hand eines Mannes zu tun vermögen, will ich tun", erwiderte er. „Und nun noch eins, Evelyn. Werner sollte sofort die Wahrheit erfahren. Ich vergaß dir zu sagen, daß er mit Frau Jefferies vorhin hierher gekommen ist. Sie hatte durchaus daraus bestanden, dich zu sprechen, und deshalb kam ich vorhin mit ihr hierher. Ehe auch nur irgend etwas anderes geschieht, muß dies geregelt werden. Ich will dir zeigen, wie vollständig und freiwillig meine Verzeihung ist. Meine erste Sorge sollst du selbst sein, meine ziveite soll die sein, daß deinem Sohne zu seinem Rechte verholfen wird. Seine Tante, Miß Ayles- ford, muß ihn kennen lernen und ihn anerkennen. Ayles- sord Manor muß sein Eigen werden." Sie blickte den Dank, den ihre bebenden Lippen nicht auszusprechen vermochten. „Ich will ihn zu dir schicken", fuhr er fort. „O, Mortimer", rief sie, „Mortimer, glaubst du nicht, daß mir diese schreckliche Anklage erspart bleiben kann?" „Ich will tun, was ich kann", versetzte er tröstend. Doch in der Diese seines Herzens wußte er, daß alle Bemühungen vergeblich sein würden, und daß sie, die Frau, die er über alles liebte, vor der ganzen Welt des Mordes angeklagt würde dastehen müssen.-- Er fand Werner im Gesellschaftszimmer, schrecklich verstört und angstvoll aussehend. Lord Wayne war zu sehr Edelmann im wahren Sinne des Wortes, um irgend ein bitteres Gefühl gegen den jungen Mann zu hegen. Er ging auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm ernst ins Auge. „Werner", sagte er, „Sie haben vielleicht etwas von der Wahrheit gehört, aber jedenfalls nicht altes. Kommen Sie mit mir zu Lady Wahnes Zimmer." Ohne ein weiteres Wort schritten sie durch die langen Korridore bis vor die Tür ihres Gemaches. „Gehen Sie allein hinein", sagte Lord Wahne; „es wird am besten fein." Neber diese Szene wollen wir den Vorhang sallen lassen. In späteren Jahren war es Werner wie ein Traum, ein Traum von zwei zärtlichen, liebevollen Frauen, von denen ihm eine die Verkörperung von Starkmut und Weisheit geschienen, indes die andere ihr goldenes Haupt vor ihm geneigt und ihn gebeten, ihr zu vergeben. “ Ein Traum, daß er dann das goldene Haupt an seiner Brust gehalten, indes seine Mutter ihm ihre Lebensgeschichte nochmals erzählt hatte; dann, daß er zu ihren Füßen gekniet und mit ihr geweint hatte, dann, daß er etwas ruhiger neben ihr gesessen, unterdes Marian West von der Gefahr berichtete, die sie bedrohe. „Ich wundere mich nur", sagte Marian, als sie von einem Gesicht zum andern blickte, „daß nie jemand das Geheimnis erraten hat. Ich habe noch nie zwei Gesichter gesehen, die einander so vollständig geglichen." Lady Wayne küßte ihn auf die weiße Stirn und mur- melte: „Mein Sohn i" Und er sah sie mit unaussprechlicher Liebe und erwiderte: „Meine Mutter!" Plötzlich schlug sie die Hände zusammen, die schreckliche Gefahr, die ihr drohte, kam ihr wieder völlig zum Bewußtsein. „Werner, du mußt mir helfen! Du weißt, ich habe ihm nie ein Leid getan. Nie habe ich selbst einen Wurm mutwillig zertreten, viel weniger könnte ich vorsätzlich und mit grausam kaltblütiger Ueberlegung einem Menschen das Leben nehmen. Werner, hilf mir, du mußt mir helfen, mein Sohn; du mußt mich retten!" Und er kniete zu ihren Füßen nieder, sah in das verzweiflungsvolle Gesicht und sagte tiesbewegt: „Mutter, ich will nicht ruhen und nicht rasten, bis du frei bist. Fürchte nichts. Keine Höhe soll es geben, die ich nicht erklimmen, keine Tiefe, in die ich nicht hinab-' steigen will, um dich frei zu machen!" (Fortsetzung folgt.) Aus Wilhelm WlNgts Selk-Srsgmpßie«, „So kam der Tag von Köpenick". Wilhelm Voigt, der „Hauptmann von Köpenick", hat die Stunden seiner unfreiwilligen Muße in der Untersuchungshaft dazu benützt, um in einer eingehenden Geschichte seines Lebens bis zum denkwürdigen Tage von Köpenick seinen Anwälten Material zu seiner Verteidigung an die Hand zu geben. Die von der „Neuen Freien Presse" veröffentlichte auffallend gut geschriebene Darstellung ist vom 3. November 1906 datiert. Voigt schildert zunächst seine Jugend („Durch traurige Verhältnisse ging, als ich noch ein Junge war, der Wohlstand meiner Familie ständig zurück, rit nd der unermüdliche Fleiß meiner guten Mutter vermochte die allmähliche Verarmung nicht aufzuhalten") bis zum 20. Lebensjahr, sein erstes Vergehen, die Fälschung der Postan- weisung und dann die erste Bestrafung: „Tie Einsamkeit meiner Zelle trieb meine Gedanken zunächst zu innerer Einkehr und zum Rückblick auf mein vergangenes Leben. Ta trat vor allem das Bild meiner Mutter in den Vordergrund. Und all ihr Leiden und Dulden, Mühen und Sorgen für uns, das ihr so wenig gedankt worden, weckte eine Fülle von Liebe und Zärtlichkeit für sie in mir, die sich von Jahr zu Jahr steigerte und schließlich so groß wurde, daß ich zu ihr nicht wie ein Kind zu seiner Mutter aufblickte, sondern rote ein guter katholischer Christ zur Mutter Gottes. Diese Verehrung für meine Mutter ist mir geblieben und hat meiner Stellung auch zu anderem Frauen ein bestimmtes Gepräge gegeben. Frauen gegenüber bin ich durchaus machtlos. Sodann führte sie mich auch zur geistigen Ausbildung. Mit guter Schulbildung hatte ich meine Heimat verlassen. Hier aber standen mir die besten Werke unserer Literatur zur Benutzung frei, und ich habe sie gern und viel gebraucht. Ich habe nacheinander Schlosser und Raumer, Becker und Menzel, Daniel und Scbart, Humboldt und Harnisch, Dickens und Scott re. durch- stndiert; und da ich dabei über dieselben Gegenstände Berichte abweichenden Inhalts vorfand, auch Kritik darin geübt. Diese Beschäftigung lehrte mich alle Vorgänge um mich in ganz anderem Lichte anschauen. Ich wurde, wenn ich so sagen darf, dadurch geistig reif und innerlich selbständig. Dann kamen die schönen Jahre von 1870 und 1871. Die Kerkermanern vermochten nicht diese Fülle von Licht und Leben, die damals das ganze Land durchflutete, zurückzuhalten. Habe ich es auch tief beklagt, daß ich nicht mit meinen Jugendfreundei» hinausziehen konnte, so habe ich mich doch gefreut und es dankbar empfunden, daß die Sache zu so gutem Ende gekommen. ---— Doch die Jahre eilten weiter, und mir brachten sie das Glück im Jahre 1872 meine Mutter noch einmal im Leben zu sehen und zu sprechen. Meine Mutter machte eine Besuchstreise nach Köln am Rhein zu meiner Cousine, und auf der Rückreise blieb sie vier Wochen bei ihrer Schwester, meiner Tante, in Berlin. Beide besuchten mich in Gemeinschaft mit Berta (int Gefängnis). Da saßen wir nun, meine Tante zornsprühend über den ungeratenen Neffen, meine Mutter, die Augen voll Tränen, die Lippen zuckend, leise Worte der Liebkosung stammelnd, als wäre ich noch ihr kleines, geliebtes Kind. Kein Laut der Klage, des Vorwurfs; die letzten Worte, die ich von ihr gehört, waren Liebe uni) Güte. Schwer wurde der Abschied uns allen. Ich wurde abgeführt, und als ich vor dem Tor der Gesängnisräume mich twd) einmal nmwandte, sah ich meine Mutter vor der Tür des Sprechzimmers stehen, die Augen voll Tränen, gestützt auf Berta und Tante, mit der Hand die letzten Grüße winkend. So steht meine Mutter noch heute vor mir, und so wird sie vor mir stehen in meiner letzten Stunde. Ich habe sie und die Tante nicht mehr gesehen und meine Schwester erst nach vierunddreißig Jahren." Nach zwölf Jahren Zuchthaus kommt Voigt wieder in di» Welt. Er wandert und sieht viel: „Daß ich mich nicht an einen Ort binden konnte, liegt in den eigentümlichen Verhältnissen unseres Betriebes. Zur Saison werden neue Leute eingestellt, die nach Ablauf der Saison wieder r A 732 werft entlassen werden. Ein Arbeiter in memen Jahren hat es sehr schwer, eine dauernde Stellung zu finden, ^ch habe m Erfurt und Eisenach, in Prag und Brünn, in Wien und Pest, in Jassy und Odessa, in Lodz und Riga, außer den kleinen Städten, gearbeitet, aber überall durchklang mein Leben der gleiche .Ton. ' Wer will in die Fremde wandern. Der muß mit der Liebsten geh n; ES jubeln und lassen die andern Den Fremdling alleine steh'n. Ich war in der Heimat srenld geworden. Wie sollte ich tn der Fremde mich Mimisch fühlen! .. - „ Boigt sucht dann darzulegen, daß er bei seinen zwei werteren Bestrafungen einmal das Opfer eines begreiflichen Irrtums, das andere Mal das Opfer eines schweren , Justizirrtums geivorden sei, als er ivcgen Einbruchsdiebstahl tn die Gerrchtskasse zu -vron- gowib zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde „So wanderte ich zum zweitenmal, der ^Strafanstalt zu. Erst nach langen Jahren raffte ich mich aus meiner Lethargie auf und führte den Kampf mit der Strafkammer dura),alle Instanzen. Natürlich überall vergebens. _ Gegen das kleine Wort 'rechtskräftig" war alles Mühen umsonst. Da packte,mich schließ lich eine grenzenlvsc Wut gegen meine yttch t er. und wäre ich zii jener Zeit freigekommen, ich wäre gewiß zum M o r d e r geworden. Glücklicherweise bin ich davor bewahrt geblieben. Je näher die Zeit meiner Entlassung heranruckte, desto mehr verblaßte auch die Erinnerung an das mir zugefügte lln- recht. AlS ich angekleidet im Sekretariat stand und der, Hausvater die ganzen Prozeßakten mir übergab, wog ich sre noch einmal in meiner Hand, und mit schnellem Entschluß wanderten sie in den brennenden Ofen. Als ich zurücktrat, überkam mich ein tiefes Gefühl der Befriedigung. Nun war ich innerlich srei — und fünf Minuten später auch äußerlich. Etwa sechs Monate vor meiner Freilassung begann ich mich ernstlich mit der Frage zu befassen, wie ich mein Leben fernerhin 5u geslalten hätte; und ich gelangte durch die Briete niemer Leidensgeiährttii über die Vorgänge in der „Welt, der ich ia cnt= fremdet war, zu der lleberzeiigiiug, daß cs tür >nich wohl das Beste sei, ivemi ich mich ivieder den Jndustriebezirkeu des Auslandes zu» wendete. Demgemäß bat ich die verschiedenen Behörden um Zu» stellmig eines Passes. Rawitsch verwies mich nach Tilsit, Tilsit nach Posen. Ueberall die gleiche Antivort: Keinen Paß, ohne Angabe des Grundes! Ta bat ich bei der Anstalt der Fürsorge für entlassene Gefangene um Berücksichtigung; sie wurde mir, abgeschlagen; ich mochte sehen, wie ich allein sertig werde. Schließlich nahni Herr Pastor Benner die Sache in die Hand, und durch seine Ver- mittlring fanb ich Auinahnie tn die Familie des H o i f ch u h m a ch er- Meisters Hillbrecht in Wismar; ich sage: in die Familie, denn ich bin von meinem Eintritt bis zu meinem Scheiden dort gehalten worden wie ein Kind des Hauses. Aus Wismar und Mecklenburg wurde ich ausgewiesen. Neues, unablässiges Ringen um eine gesicherte Existenz . . . Noch einmal schien mir das Glück zu lächeln, als ich nt eine Schwester Berta wiederiand. Tas Glück dieser Tage zu beschreiben, bin ich nicht imstande, und als Berta ntich auch noch mit einer Frau zusammeniührte, die bereit war, ihr Leben an das meine zu binden, und wir in aller Stille unsere Verlobung geleiert halten, da meinte ich: nun hat mein Leben doch noch einen Zweck I Wie haben wir uns gefreut, wenn sich mit jedem Samstag unser kleines Kapital vermehrte, und wie haben wir gerechnet, ob sich in unserem zu gründenden Haushalte auch Einnahmen und Ausgaben decken würden I Wie haben unsere Augen geleuchtet und liniere Herzen gejubelt, wenn dann alles so schön stimmte l Wir dünkten uns reich wie die Könige! Ta kam die zweite AuSweisung der Polizei von Berlin I Die von Wismar traf mich allein. Hier lag es anders. Ich hatte jebt für drei zu sorgen. Sechs Wochen lang habe ich mich nacy allen Seiten hin bemüht. Arbeit überall, aber Sicherheit vor der Ausweisung nirgends. Selbst mein Geburtsort hat das Recht, mich auszuweisen! t , Als ich zu dieser Erkemilnis gekommen war, da wollte ich mir holen, was man mir nicht geben wollte: die Möglichkeit, an einem Orte zu wohnen und zu leben. Und so kam der Tag von Köpenick! Weihuachtsliteratur. — Lenau und die Familie Löwenthal. Briefe und Gespräche, Gedichte und Entwürfe. Mit Bewilligung des verstorbenen Freiherrn Arthur von Löwenthal. Vollständiger Abdruck nach den Handschriften. Ausgabe, Einleitung und Anmerkungen von Professor Dr. Eduard Castle. Mit 10 Bildnissen und 5 Schriftproben. Zwei Bände. 634 S. Leipzig, Max Hesses Verlag. Preis brosch. 9 Mk. Was von Lenaus Briefen an Sophie Löwenthal bisher veröffentlicht wurde, war unvollständig und abgekürzt, und diese früheren Ausgaben sind vergriffen. Eine neue hat Prof. Dr. Eduard Castle in Wien besorgt. Sophie Löwenthals jüngster, 1905 gestorbener Sohn Arthur hat ihm hierzu alle Handschriften seines Besitzes, die auf Lenau Bezug haben, überlassen, darunter nicht nur sämtliche Briefe Lenaus an Sophie Löwenthal, sondern auch zahlreiche Ge- dickte und Entwürfe. Eine umfassende, auf den Briefen und Gerichten Lenaus, den unveröffentlichten, charakteristischen Briefen und Tagebuch-Aufzeichnungen Sophie Löwenthals mit Verständnis aufgebaute Darstellung des Verhältnisses zwischen den beiden leitet das Werk ein. Die Reisebriefe Lenaus, die dann vollständig folgen, zeigen sein mannig- aches Erleben, Leiden und Lieben; die Gespräche, die «o- chiens Gatte, Max Löwenthal, ausgezeichnet hat, lassen gleichfalls interessante Einblicke in die Ansichten, Erlebnisse und Gefühle des Dichters tun, in sein Verhältnis zu den Mitlebenden und die Disharmonie mit sich selbst. Der zweite Band enthält außer einer Reihe von aphoristischen Entwürfen die Briefe an Sophie Löwenthal während zehn Jahren, von denen der Herausgeber sagen kann, daß sie „des Schönsten enthalten, was die Weltliteratur in dieser Gattung aufzuweisen hat." Die Anmerkungen und ein aus zwei Teilen bestehendes Register dienen dem praktischen Gebrauch des Werkes. Zehn Porträts und fünf nach den Handschriften wiedergegebene Schriftproben sind zur Veranschaulichung dem Werke beigegeben, das außerordentlich reiches Material für alle die beibringt, die am Leben des Dichters Anteil nehmen. Eines der wichtigsten Kapitel der Lenauforschung ist mit diesem Buche erschöpfend und end- giltig abgeschlossen. Nene Kalender. — Auer geboten. ____badj’§ Deutscher Kinder-Kalender auf das Jahr 1907. Eine Festgabe für Knaben und Mädchen reden Alters. 25. Jahrgang 1907. Herausgegeben von Georg Bötticher. 168 Seiten stark mit ca. 130, teils bunten Illustrationen, buntem Titelbild und Spielbeilage. Geb. 1 Wart (Leipzig, L. Fern au.) Unter den Mitarbeitern dieses Kalenders finden wir Troian, Biewr Blüthgen, Frida Schanz u. a. Künstler wie Friß Koch. Mcix Brösel, G. Suhr usw. usw. Eine Fülle textlicher und illustrativer Beitrüge, eine Spielbeilage, die den jugendlichen Lesern Ftgtiren aller 25 Kalenderjahrgänge vorführt — dies alles wird für 1 Mart Rovemberuacht. Und draußen geht ein Jahr zu Grab. — Nicht läutei's hoch vom Gtockenturm, Aber es läutet der laute Sturm: Der wirkt sich tn das graue Schweigen, Das diesen Novembertagen eigen, Wo die Himmel wie verschlossen stehn Und die Wolken nicht wissen, wohin sie gehn. Es ist das sonnensetige Jahr: Das geht heut draußen int Sturm zu Grab, Und was ich von Strahlen gesammelt hab', Tas leg' ich mit aus die Toteubahr. Als hält' er immer das Wort gehabt, So heult der Sturm: „Begrabt! Begrabt, Was noch nicht schläft, was noch nicht tot, Begrabt das Morgen- und Abendrot, Und wartet einzig der langen Nacht, Der schwarzen Winters- und Todesnacht. Karl Ernst Knodt. Magisches Zahlenquadrat. Nachdruck verboten. ......— In die Felder nebenstehenden Quadrats sollen die Ziffern 4 23 48 67 ---viermal derart eingetragen werden, daß die Summe der Zahlen in jeber der senkrechtes ----magerechten und Diagonalreihen stets 142 _____________ beträgt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummerr Keiner geht zum Himmel ein. Der nicht war aus Erden; Weise will ein Jeder sein, Niemand will es werden. Feuchtersteben. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der SB r üb Pichen Universitäts-Buck- und Steindruckerei. R. Lange. Gieße«,