Montag den 12. Movemöer Yr° 167 1906 ift II i rjLJW'.SÄ^ wSf^M ML WM ■w MBs Ehrgeiz, Betrug, Verrat; — und am zweiten Tag nach der Entdeckung hätte jeder, der das Bild gesehen, und nmt Jack Jefferies hätte betrachten können, darauf geschworen,- er habe zu diesem Judas Porträt gesessen. Sogar die rohtz Art Schönheit, die er früher besessen, schien vor der Flamme; ver Gier, die ihn jetzt mit dämonischer Macht erfaßt hatte,- verwelkt und verbrannt zu sein; er sah um Jahre älter aus. Wie konnte er am meisten aus dem Geheimnis, das er entdeckt hatte, herausschlagen? Er wußte uoch nicht, tote, er es am besten ausnutzen sollte. Wer würde ihm aM meisten für das Verschweigen geben, wer ihn am besten für den Verrat bezahlen? Er sah unschlüssig und ängstlich aus. t „Ein einziger falscher Schritt", dachte er, „und ich könnte das Spiel, das ich mich so lange zu gewinnen bemüht habe, dummerweise am Ende noch verlieren. Dre Sache sollte mir doch ein Vermögen einbringen, und sre wird es auch, wenn ich sie nur schlau und richtig anfange."- Aber dieses Anfängen erforderte große Geschicklichkeit,- Diplomatie. Wer war der Aermste? Wer würde ihm am! meisten geben? Bei sich hatte er bereits beschlossen, daß- er nicht unter tausend Pfund jährlich und Elsie Waynes Hand annehmen wollte. „Wenn ich sie heirate, so wird ihr Vater für meine Karriere sorgen. James Jefferies, Parlaments-Mitglied, das sähe gut ans, lautete auch gut; es hat manchen im Parlamente gegeben, der lange nicht so gewitzt war, wie ich bin. Werner sähe dann, daß das Studieren auch noch lange nicht die ganze Welt zwingt. Wen, soll ich also zuerst Mitteilung machen? Er ist der Sohn der älteren Tarne — der, die sie Miß West nennen; sollte ich nicht erst probieren, was sie mir gibt, wenn ich nichts sage? Uni) wenn sie nicht ordentlich bezahlen will, werde ich Lady Wayne selbst mal auf den Zahn fühlen/' Er entschloß sich also, Miß West zu sehen und zu sprechen und zwar sobald wie möglich. „Sie wird schon demütig genug sein, wenn sie erst weiß, was ich weiß", sagte er sich mit einem Lächeln, das Judas, des Verräters selbst, wert gewesen. Und kurz entschlossen sprach er am selben Tage noch morgens, sehr zu allgemeiner Ueberraschung, am Tor von Kenninghall-House vor. Lady Wayne war sehr liebenswürdig und freundlich gegen ihn gewesen; sie hatte sich in -gewissem Grade sogar Mühe gegeben, ihn zu unterhalten, weil er Werners Bruder und sie Werner warm zugetan war; aber diese Morgen-Visite gefiel ihr nicht, ganz und gar nicht — sie betrachtete sie als eine Freiheit, die herauszu» nehmen gar fein Recht vorlag, und niemand war gegen den geringsten Versuch, sich Freiheiten herauszunehmen, empfindlicher und ahndete dergleichen empfindlicher, wie Lady Wayne. Im Manne des Geheimnisses- Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Sicher würde er das", versetzte Werner hell auflachend, sowohl über Jacks wunderbare Ausdruckstoeise, tote über die Idee, daß Elsie Wayne einen armen Teufel hetraten würde ihn ins Parlament bringen, was?" Und ihm soviel Geld geben, wie er nur wollte, nicht?' „Und seinen Segen dazu, wie die guten Vater auf der Bühne!" lachte Werner noch immer. „Aber im Ernst, würde er das tun oder mcht?" beharrte Jack. „Ohne Zweifel." Dann gerieten sie in ein so dichtes Gewühl, dag ste schweigen mußten. Nachher, als sie wieder in einer ruhigeren Straße waren, sagte Jack: Du bist ganz nett hochgekommen, Werner, aber gib Acht, was ich dir jetzt sage: ich werde noch höher kommen. Du weißt nicht, was mir noch blüht." Seine Art und Weise war so großsprecherisch und pomphaft, daß Werner wieder lachen mußte. „Wir werden sehen", sagte Jack, nicht aus der Fassung gebracht, „demnächst werden wir ja sehen. Du wirst dann nicht lachen, wohl aber eingestehen, daß du überrascht bist." Denn Jack hatte noch einen schlauen Gedanken gehabt — dies Geheimnis würde ihm eine große Macht über die Waynes geben. Die einzige Art Stolz, die er verstand, war der Stolz, der aus der Eitelkeit entspringt. Ein Stolz, wie der, den die Waynes von Kenninghall besaßen, der sie den Tod der Schmach und Unehre vorziehen ließ, wa-r für Jack Jefferies ein Buch mit sieben Siegeln. Selbstredend — so argumentierte er — würden sie alles opfern, um den äußern Schein zu wahren; sie würden alles tun, um zu verhüten, daß das Geheimnis öffentlich bekannt würde. Er konnte also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Er wollte von Miß West eintausend Pfund per Jahr verlangen, und wollte von Lady Wayne verlangen, ihn ihre schöne Tochter Elsie heiraten m lassen. 39. Kapitel. Ungebetener Besuch. In der dunklen Ecke eines alten römischen Palastes hängt ein Gemälde von einem der großen, alten Meister: Judas, der Verräter. Die ganze Seele des Unseligen liegt in diesem Gesicht, es ist eine einzige Flamme der Gier und Habsucht; die Augen bohren sich verschlingend auf die Stelle, wo das Geld liegt; die unsteten Lippen sind dünn, schlaff und scheinen zu beben; jegliche böse Leidenschaft, die die Seele des Menschen verwüsten kann, steht auf diesem Gesicht geschrieben — Gier, Hinterlist, Tücke, 662 Sie war kühl gegen Jack; sie gab ihm durch ihr Be- nehnien deutlich zu verstehen, daß er nicht vorsprechen müsse, wenn er nicht eingeladen sei. Jack spähte ringsum nach Miß Wayne umher, aber sie war nicht da. Schließlich wagte er zu fragen, wo sie sei. „Miß Wayne ist in Anspruch genommen", sagte Lady Wayne kühl. „Dies ist eine sehr frühe und zu Besuchen nicht sehr geeignete Zeit." „Miß West ist auch wohl nicht zu Hause, nicht wahr?" fragte Jack. „Ich bin über das Tun und Lassen meiner Schwester nicht unterrichtet", versetzte Mylady womöglich noch kälter. Jack sah auf; ein böses Feuer glomm in seinen Augen auf — das sie hätte erschrecken können, wenn sie nur die leiseste Ahnung von der Wahrheit gehabt. „Berd—tcs Weib", dachte er; „ich weiß etwas, was ihr den Stolz schon klein machen ivird. Soll ich's ihr sagen? Soll ich sie hier vor mir knien lassen, mich bitten lassen, ich, Jack Jefferies, möchte sie doch schonen? Oder soll ich sie noch etwas laufen lassen in dem Glauben, sie wäre immer noch eine der Großen in der Welt?" Lady Wayne glaubte sicher, der junge Mann habe den Verstand verloren; er saß da und beobachtete sie mit diesem sonderbaren, kniffigen, halb finsteren, halb triumphierenden Blick, iveder durch ihr Schweigen, noch durch ihre Kälte eingeschüchtert, dann und wann vor sich hinlächelnd mit einem Lächeln, das unbehaglich anzusehen war. „Ich darf mein Glück nicht verscherzen", dachte Jack, „bloß ui» einen kleinen Rachekitzel; nein, 1 nein, Macht ist süß. Bloß zu denken I Schön, hochmütig, großartig und prächtig, wie sie da ist — und wenn ich's nur wollte, so könnte ich sie hier auf die Kniee bringen; hängen lassen, tief hängen lassen würde sie dann diesen ihren stolzen Kopf. Dann sagte ich: „Ach, Mylady, Ihre Schwester, die die ganze Welt für so gut und rein hält, ist bloß ein übertünchtes Grab; ich kenne alles aus ihrer Vergangenheit." Wie köstlich wäre das; sie schlüge dann diese ihre weißen Hände zusammen und sagte: „Lieber Jack, ach, verrate uns doch nicht." Dieser Gedanke amüsierte ihn so außerordentlich, daß er plötzlich laut auflachte. Mylady wunderte sich und fuhr zusammen, unangenehm berührt durch den sonderbaren kratzenden Ton, doch machte sie keine Bemerkung. Jack ward sich denn auch plötzlich bewußt, daß er sich sehr übel aufführte. „Ich werde also Miß West heute wohl nicht sehen", sagte er. „Wollten Sie sie denn sprechen? Haben Sie irgend etwas Geschäftliches mit ihr?" scagte Lady Wayne. „Nun, sie ist eine freundliche Dame; es freut mich immer, wenn ich sie sehe. Ich weiß noch nicht, ob ich ein besonderes Geschäft mit ihr habe oder nicht. Ich werde wieder vorsprechen." Lady Wayne war dankbar, als er sich verabschiedete. „Sollte man es für möglich halten, daß diese jungen Leute Brüder sind?" sagte sie sich; „der eine ganz Anmut, Höflichkeit — der andere die Quintessenz von allem, was vulgär." Als Miß West zurückkehrte, erzählte Lady Wayne ihr von dem merkwürdigen Besuch. „Ich habe nie einen so entsetzlichen jungen Menschen gesehen, Marian; er machte mich bange; er saß da und sah mich mit der sonderbarsten Miene an — eine Art triumphierender Herausforderung, wie mir schien; dann fragte er, ob du zu Hause wärst. Daß er sich eine solche Freiheit herausnahm, gefiel mir ganz und gar nicht." Es war nur gut, daß Lady Wayne die gespenstische Veränderung in dem Gesicht ihrer Schwester nicht bemerkte. Marian stand am Fenster und sah hinaus in das wechselnde April-Wetter. „Fragte nach mir?" wiederholte sie. „Ja. Weißt du, Marian, ich sollte mich eigentlich schämen, daß ich einem andern gegenüber so etwas erwähne — aber ich glaube tatsächlich, dieser junge Mensch ist abgeschmackt genug, sich einzubilden, daß er in Elsie verliebt sei. Ich wollte, du hättest cS gesehen, wie er nach ihr im Zimmer umherblickte." Aber Marian West wiederholte bloß die Worte: „Er fragte nach mir?" . „Du scheinst überrascht? Das war ich auch, Marian; aber ich glaube, es ist schwer, diese Art Leute in ihren Grenzen zu halten, um Herrn Jefferies willen konnte ich ja aber nichts sagen. Ich wollte aber doch, wir wären mit unserer Liebenswürdigkeit nicht so freigebig gewesen." Bei diesen Worten wandte Lady Wayn sich um und bekam so das Gesicht ihrer Schwester zu sehen. „Wie, Marian?" sagte sie lächelnd, „Du brauchst Dir die Sache nicht so tief zu Herzen zu nehmen; was denn, wenn er sich wirklich etwas einbildet? Ich kann ihn mit einem halben Worte kurieren/ Marian legte ihrer Schwester die zitternde Hand auf die Schulter. „Tu's nicht, Liebe — laß uns vorsichtig sein!" Lady Wayne richtete ihre Gestalt mit einer Bewegung stolzer Geringschätzung auf. „Vorsichtig?" sagte sie und ihre Lippen kräuselten sich. „Du träumst, Marian; weshalb sollte ich vorsichtig sein? Was meinst du damit?" Sie sah so überrascht und entrüstet aus, daß Marian schwach erwiderte: „Nichts — ich meine nichts, nur daß es immer besser ist, niemanden geradezu zu beleidigen." Und dann, befürchtend, sie habe schon mehr gesagt, als klug sei, verließ Marian schnell das Zimmer. „Wie feige bin ich doch," dachte sie; „was habe ich zu fürchten? Er weiß nichts, ich ließe mich für die Verschwiegenheit seiner Mutter auf den Scheiterhaufen schleppen. Er fragte offenbar bloß nach mir, weil er nicht wußte, was er sagen sollte; jedenfalls war er eingeschüchtert von meiner Schwester. Was brauche ich denn zu zittern? Mein Himmel, halte mich fest und stark! Sicherlich, nach so vielen Jahren brauche ich nichts mehr zu fürchten." — Am folgenden Tage ging sie allein aus und traf — Jack. Gerade, als er auf sie losschritt, um mit ihr zu sprechen, kam ihr eine Bekannte entgegen, die sie ansprach, sodaß er keine Gelegenheit hatte, auch nur ein Wort zu sagen, doch der Ausdruck seines Gesichtes erschreckte sie. „Ich weiß etwas," schienen die spottenden Augen zu sagen, „weiß ein Geheimnis von Ihnen." Die nächsten Tage hätte Marian West sich wie von einem Gespenst verfolgt glauben können. Ging sie zu einem Spaziergana aus, so war sie sicher, Jack Jefferies zu begegnen. Fuhr sie im Wagen aus, so stand ec sicher in der Nähe des Gefährts, sah sie einsteigen und beobachtete ihr Gesicht, bis sie krank und halb ohnmächtig vor Furcht war. Schließlich sprach er eines Tages wieder vor, da er gehört hatte, daß sein Bruder dort war, und wurde in die Bibliothek geführt. „Herr Werner Jefferies; jawohl, der Herr ist hier," sagte bei- Diener, der ihn einließ. „Ich werde ihn aufsuchen." „Diesmal werde ich nicht ins Gesellschaftszimmer gebeten," murmelte Jack mit seinem bösartigsten Lächeln. „Na, schadet nichts; wenn ich erst ein Tausend jährlich und Miß Wayne zur Frau habe, werden sie mir alle schon zu Füßen liegen." Marian West, auf der Suche nach einem Buch, trat plötzlich herein, ahnungslos, wer dort saß. Jack sprang empor, als er sie sah. „Guten Morgen, Miß West," grin'fte er; „ich habe Sie schon seit einiger Zeit zu sprechen gewünscht. Sagen Sie —" Sie machte eine verzweifelte Anstrengung, ihn einzuschüchtern, von oben herab anzusehen, aber er beharrte. „Sagen Sie, ich weiß alles von den Geschichten in Abbotsville. Nett still ist's davon gewesen, all diese Jahre her, nicht wahr?" 667 40. Kapitel. Marian's Verzweiflung. In seinem ganzen Leben vergaß Jack Jefferies die entsetzliche Verzweiflung nicht, die bei diesen Worten das gutmütige freundliche Gesicht Marian West's so gänzlich veränderte, daß es kaum wiederzuerkennen war. „Was wissen Sie?" rief sie, und ihre Stimme klang so schwach, heiser und schmerzbewegt, daß selbst er, verhärtet und kaltherzig wie er war, zurückprallte. „Was meinen Sie?" rief sie wieder. „So sprechen Sie doch, um's Himmels willen, sprechen Sie doch! Sehen Sie nicht, daß Sie mich töten? Was meinen Sie?" „Genau das, was ich sage. Sie brauchen die Sache gar nicht so verzweifelt zu nehmen; ich sage nicht, daß ich das, was ich weiß, in die Öffentlichkeit bringe; viellcich tue ich's, und vielleicht nicht; das wird von Ihnen abhängen." Er sah, sie zitterte so heftig, daß sie kaum stehen konnte. Ihren blassen Lippen entrang sich ein Stöhnen, lang, leise, kläglich. „Ist es gekommen, mein Gott," flüsterte sie leise; „ist cs endlich gekommen? Gib mir Mut und Kraft, alles zu ertragen!" „Beten ist in seiner Art was sehr Gilles," sagte Jack; „augenblicklich aber muß es Geschäft sein. Miß West." „Geben Sie — geben Sie mir zwei Minuten," stöhnte sie; „ich fühle mich unwohl, krank, sterbenskrank." Und sie, die Starke, Tapfere, die seit Jahren alles allein ausgefochten und ertragen, schlug die .Hände zusammen und stieß einen leisen Schrei aus, so jammerund verzweiflungsvoll, wie das Gestöhn eines jählings zu Tode Getroffenen. „Still, still!" rief Jack; „dies alles ist gar nicht nötig! Sie brauchen nicht so erschrocken zu sein, Miß West; aus mein Ehrenwort, wirklich nicht! Ich schweige wie das Grab, wenn Sie mich bezahlen. Hören Sie nur, was ich zu sagen habe. Es hat gar keinen Zweck, sich in dieser Weise aufzuregen, wirklich, nicht den allergeringsten Zweck." Doch der Todesschreck wich nicht aus ihrem Gesicht. Sie trat einen Schritt näher und flüsterte heiser: „Mas wissen Sie? Wenn Sie mich nicht auf der Stelle sterben sehen wollen, so sagen Sie mir, was es ist." Jack lächelte, lächelte tatsächlich; kein Funke des Mitleids rührte sein Herz. Es war wirklich köstlich, diese Frau erniedrigt und gedemütigt zu sehen. Er war von vorn- herein überzeugt gewesen, daß sie ihm alle zu Füßen liegen würden." „Sie wissen wohl, was ich zu sagen habe — über die kleine Affäre da unten in Abbotsville. Ich weiß, wer Werner Jefferies, wie Sie ihn nennen, in Wirnichkeit ist." „Wer?" keuchte sie hervor und umklammerte krampfhaft die Stuhllehne, nm nicht zu fallen. „Es ist Ihr Sohn", betonte Jack. „Natürlich will ich in Ihre Geheimnisse nicht eindringen. Sie mögen meinetwegen dreimal verheiratet gewesen sein, oder überhaupt nicht, das geht mich nichts an; aber Sie müssen einen guten Grund dafür gehabt haben, Ihren Sohn zu verleugnen und zu verstecken und ihn als das Kind meiner Mutter gelten zu lassen. Zahlen Sw mir den Preis, den ich verlange, und ich werde Ihr Geheimnis bewahrens' Stätt aller Antwort schlug Marian West die Hände vors Gesicht und blieb bewegungslos und stumm stehen. Lautlose Stille herrschte in der Bibliothek, man hätte eine Nadel können fallen hören. War es eine Erleichterung für sie, daß ihrer Schwester Schuld ihr zur Last gelegt werden sollte? Hatte sie doch bereits diesem Idol ihres Lebens alles hingegeben; sie hatte die Liebe ihres Mädchenalters, dann das stille, häusliche Glück, das ihr einst so schön erschienen, geopfert: sollte sie nun auf diesen Altar schwesterlicher Liebe auch noch ihre Ehre und ihren guten Namen, alles,-was sie am meisten liebte und schätzte, zum- Opfer bringen? Ihr Sohn! Sollte sie es auf sich nehmen? Evelyn war dann frei — Evelyn, die schöne, stolze Schwester, vergöttert von ihrem Gemahl, geliebt und gesegnet von ihren Kindern — Evelyn, die vornehme und hochstehende Dame, der alles wegen ihres Ranges und ihrer Schönheit huldigte. „Was kanns verschlagen, was mir passiert?" dachte sie, als diese Gedanken mit Blitzesschnelle ihr Gehirn durchkreuzten. „Es würde niemandem mit treffen. Hab' ich denn all diese Jahre für dich gelebt, Eve, um dich schließlich noch zu verraten?" Und die Liebe zur Schwester siegte; sie sah Jack fest an, nahm die ganze Schuld auf ihre Seele und widersprach ihm nicht. „Wie haben Sie es erfahren?" fragte sie, immer noch mit der schwachen Hoffnung, er möchte sie schließlich bloß aus die Probe haben stellen wollen. „Ich habe es seit Jahren vermutet", erividerte er. „Tadeln Sie meine Mutter nicht — sie hat mir nie, das kann ich Ihnen schwören, auch nur ein Wort gesagt, und ich habe doch mein möglichstes probiert, die Sache von ihr herauszubekommen." „Wie haben Sie es denn erfahren?" wiederholte Miß West. „Erinnern Sie sich nicht, daß Sie mal vor vielen Jahren zu uuserm Hause nach Elton gekommen sind? Nun, Sie und meine Mutter glaubten, ich hätte geschlafen, aber ich hatte meine fünf Sinne zusammen; ich war hellwach.. Sie kamen in die Stube, wo Werner bei mir schlief; Sie küßten ihn, und ein paar Tränen fielen Ihnen aus den Augen." „Haben Sie mich gesehen?" fragte sie. „Jawohl", erwiderte er, „und ich kann, wie es in den Zeitungen heißt, Ihre Identität beeidigen, wenn es auch schon so viele Jahre her ist." „Angenommen, ich sage Ihnen, daß Sie vollständig im Irrtum sind?" Jack lachte laut. „In denc Falle würde ich sofort zu Lord Wahne gehen und ihm die ganze Geschichte erzählen. Er würde die Wahrheit schon herauskriegen." „Er würde Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach eine derartige Lektion angedeihen lassen, daß Sie Ihre Verleumdungen nie zu wiederholen wagen würden", rief sie empört. „Verleumdungen? Ich habe zu viele Beweise in der Hand", lachte Jack überlegen. „Können Sie leugnen, Miß West, daß Sie Werner die Kiste mit den Büchern und anderen Sachen geschickt haben, als er damals auf die Universität ging?" Marian fuhr zusannnen. Wenn er das wußte, wußte er aller Wahrscheinlichkeit nach auch mehr rind konnte für alle Behauptungen Beweise beibringen. Ableugnen war deshalb, selbst rvenn sie sich dazu herablassen wollte, ganz und gar nritzlos. Sie wandte sich mit stolzer Verachtung wieder zu ihm. Vielleicht in ihrem ganzen Leben hatte Marian West sich nicht stolzer gefühlt, als in diesem Augenblick, wo sie das, was sie im Leben aufs höchste schätzte — ihren guten Namen — geopfert hatte. „Und angenommen, Herr Jefferies, ich gebe zu, daß Sie den Spion zu irgend einem Zweck gespielt haben, und — und daß — daß Ihre — Ihr Verdacht zutrifft, was dann?" „Das läßt sich hören", erwiderte er; „dann also könnten wir sehr wahrscheinlich zu einer Einigung kommen, und das ist, was ich will." „Dann haben Sie also seit Jahren den Spion gespielt und darnach gestrebt, alles zu erfahren, was Sie nur ausfindig machen konnten, um eines Tages Ihr Geheimnis zu verkaufen?" „Jawohl, jawohl", unterbrach er sie, „dein, der am meisten dafür bietet". „Wenn Sie wirklich so niedrig denken, so herz- und gefühllos, so gänzlich tot für alles sind, was Ehre heißt, so können keinerlei Worte auf Sie einwirken oder Sie rühren." „Nein", sagte Jack offen und nicht im geringsten beteiligt; „das glaube ich nicht. Ich laß mir kein X für ein U vormachen". „Dann will ich meine Worte sparen. Wir wollen also kurz sein. Hat sonst jemand das Geheimnis entdeckt, oder wissen Sie allein davon?" (Fortsetzung folgt.) 668 Das Chrysanthemum. Das Chrysanthemum oder die Winteraster, die Modeblume des Herbstes, die alle Veranstaltungen beherrscht, wo Blumen zur Verwendung gelangen, kann auf eine lange Vergangenheit zurückblicken. In ihrer Heimat, den Wunderländern Indien, China und Japan reicht ihre Kultur weit m das Dunkel der Vorzeit zurück Es ist bezeichnend, daß einer^ der, luchsten spanischen Orden, der Chrysanthemunwrden. ist. Die Siamesen fuhren die Blunie im Wappen ihres Landes. Nach Europa kam die Pflanze 1764. Ans Büchern kannte man sie seit 1689. Sinne beschrieb zwei Arten, Chrysanthemum indicum mit größeren weißen und Ehr. stnense mit kleinen gelben Blumen. Im Jahre 1'822 hatte man bereits 36 Sorten m braunrot, gelb iind weiß, aus Indien eingefuhrt. 1830 zog man in Südfrankreich den ersten Samen und begann von da ab selbst neue Formen zu züchten. Die eigentliche SieWaberel datiert aber erst seit 1852, ivo der Reisende Fortune aus Japan Gartenformen einführte, die durch ihre bizarren Formen alle Welt in Erstaunen versetzten. Diese waren die Vorläufer der großblütigen Rasse, die man gegenwärtig auf der Ausstellung rot Neuen Saalbau in den verschiedensten Farbentönen bewundern kann In der Tat fehlt nur noch das Blau. Man hat blaue Chrysanthemum auf altem japanischen Porzellan gemalt gefnnden und darans geschlossen, daß es in Japan solche gäbe Es war aber Täuschung, und ebensowenig es blaue Rosen gibt, hat es blaue Chrysanthemum gegeben. Neben den großblumigen Arten, die meistens mpamschen Ursprungs sind, kann man auf der gegenwärtigen Ausstellung auch die Abkömmlinge der Sorten sehen, wie sie vor 1862 m den Gärten gepflegt wurden. Ihre Blüten sind wenig großer als die eines gefüllten Gänseblümchens. Was ihnen jedoch an Große mangelt, ersetzen sie drirch Blütenmenge und Anspruchslosigkeit, denn die Erziehung solcher Riesenblumen, wie,te heute Mode sind, erfordert viel Aufmerksantkeit und fachmännisches Geschick Die großblumigen Sorten werden daher nie eine Gartenpflanze des gemeinen Mannes werden. Es ist daraus auch erklärlich, wartlm wir bei den ausgestellten Pflanzen der SMle- rinnen nur mittelgroße und kleine Blumen sehen. VsrmZschtss. * Schicksale eines Schmuckstückes. Mehrere Inhaber bedeutender Pariser Juwelenfirmen sind, wie aus Sankt Petersburg berichtet wird, dort angekommen, um im Auftrage einer ungenannt bleibenden Persönlichkeit ein Schmuckstück zu erwerben, das sich seit einer Reihe von Jahren auf dem Petersburger Seihamte befindet. Das kostbare Kleinod soll einen Wert von einer Million Rubel darstellen und ,es wäre,eine sehr bedeutende Summe erforderlich, um es auszulösen. Die Herabsetzung der Summe ist der Zweck der Mission der sachverständigen Pariser Juweliere, doch hat es vorläufig nicht den Anschein, daß sie ihn erreichen werden. In St. Petersburg erzählt man sich, der Schmuck habe einer russischen Fürstin gehört, die ihn aus Not versetzt habe, nachdem sie ihn von ihrer Großmutter, der Herzogin von Morny geerbt hatte. Der Herzog von Mornh^ — eigentlich hieß er Demorny — war ein Halbbruder des Kaisers Napoleon III., ein Sohn der Königin Hortense und des Grafen Flahanlt. Napoleon hatte ihn als Botschafter nach St. Petersburg geschickt, ivo er durch den Glanz feines Auftretens hervorstach und schließlich ein hübsches und begütertes Hoffräulein, die Prinzessin Sophie Trubetzkey, heiratete, die ihn, nachdem er 1865 als Präsident des Gesetzgebenden Körpers gestorben war, noch um 31 Jahre überlebte. Wie Morny übrigens als Gesandter in Petersburg seine diplomatische Stellung zu seiner persönlichen Bereicherung benutzte, das hat Bismarck gelegentlich, wie folgt, erzählt: „Wie der zum Gesandten in Petersburg ernannt worden war, kam er mit einer ganzen langen Reihe schöner, eleganter Wagen an und hatte alle Koffer, Kisten und Kasten voll Spitzen und Seidenzeug und Damenputz, wofür er als exterritorial keinen Zoll zu zahlen hatte. Jeder Diener hatte seinen eigenen Wagen, jeder Attachs oder Sekretär mindestens zwei, und et selber hatte wohl fünf oder sechs, und wie er ein paar Tage da war, verauktionierte er das alles, Wagen, und Spitzen und Modesachen. Er soll achtmalhunderttausend Rubel dabei verdient haben." —; Es scheint, daß Mornys finanzielle Begabung sich nicht seinen Nachkommen mitgeteilt hat. * Die 10 Psennigmarke und die Eier. Kommt da an den Schalter eines kleinen Postamts im Münsterlande ein Bauernmädchen und verlangt eine 10 Psennigmarke. Der Gehilfe gibt dem Mädchen die Marke und erwartet den Groschen. Zu seinem großen Staunen greift jedoch das Mädchen in einen Korb und präsentiert als Gegenleistung zwei dicke Eier. Der Beamte schaut verwundert auf, solche Bezahlung hat er nicht erwartet. Ein schivieriger Fall. Geld hat die Kleine nicht. Entgegenkommend, wie der Postmann nun einmal sein soll, nimmt der Beamte die Eier und will den Schalter schließen. Aber, o weht „NeeP schreit die Kleine, „de Eier kostet twälf Pfennige, ick krieg nao 2 Pfennige trüggl- Wohl oder übel — das Geschäft war nun einmal gemacht — gibt denn unser Stephansjünger auch noch zwei Pfennige heraus und freut sich, seinen Teil zur Lösung dieser sozialen Frage beigetragen zu haben. WeihnachtsliLeratur. — Im Verlage von Hermann Peters in Göttingen erschien von Kuno Ridderhoff: Seine Filia hospitalis. Drama in 4 Akten >cr us einer kleinen Universitätsstadt. Preis 1.20 Mark. — Nicht die harmlos-trauliche Filia hospitalis des Studentenliedes ist es, die uns in diesem Drama entgegentritt, sondern ein starkes, stolzes, leidenschaftliches Weib, dessen Willenskraft etwas Dämonisches hat. Ihr ganzes Lebensglück hat diese Filia hospitalis auf eine Karte gesetzt. Den vornehmen, ritterlichen Studenten in ihrer Mutter Haus, dem ihr Herz mit glühender, aber klug verborgener Siebe sich für immer zu eigen gegeben hat, von der geliebten Braut loszureißen und an sich zu ketten, danach ring sie mit aller Kraft ihrer starken Natur, mit jedem Mittel, das sich ihr darbietet. Im Kampf um den Geliebten, in dem sie schließlich allein gegen alle anderen Personen des Dramas, ja im Grunde gegen die eigene Miitter steht, geht sie zu Grunde. Mag der Weg, auf dem die Leidenschaftliche, Skrupellose zu ihrem Ziele zu schreiten sucht, verwerflich fein, unserer Teilnahme ist 'diese starke, tapfere Natur sicher. —Bei B. G. Teubner in Leipzig erschien „Klein-Elsbeth und die Welt", Geschichten aus einem Kinderleben für solche, die Kuder liebhaben, von Betty Hertel. Mit Buchschmuck von Franz Hein. gr. 8. Geb. 2 Mark. — Wie's wohl in einem so kleinen Kindskopf aussieht!? Ach, es ist so lange her, daß wir Erwachsenen kindlich dachten und fühlten — wir können uns nicht mehr darauf besinnen. Und zwischen unserer Kiuderzeit und den reiferen Jahren liegt ein Zeitraum, in dem wir uns förmlich schämten, daß wir auch einmal klein und dumm waren; da ist denn vieles untergegangen, was uns jetzt ergötzlich und erstaunlich anmuten würde, wüßten wir's nur noch! —i Und doch sollten wir uoch'mit den Kindern schauen und grübeln, zagen und hoffen, jammern und, jauchzen können, wollen wir ihrer Eigenart gerecht werden. Aber nur wenigen ist's vergönnt, aus sich selbst heraus den Rückweg zu finden in das Paradies! kindlicher Gedankengefilde; zu denen müssen Eltern und Erzieher in die Schule gehen, damit sie wieder lernen, worüber ein Kind jubelt und wovor es zittert, was ihm gleichgültig ist und was sein Denken erregt. Daun nur kann man die rechten Mittel und Wege entdecken, um das Kind ohne Hast und Zwang aus feiner Welt in die Welt der Erwachsenen zu geleiten. Da kommen die Ausführungen der Betty Hertel so recht gelegen. , Eine gottbegnadete Kennerin des Kindergemütes und eine Künstlerin in der Darstellung der Töne, die aus zart besaiteten Kinderh-rzenl guellen, spricht zu uns in dem vorliegenden Werke; die Verfasserin hat cs verstanden, die Kindesseele in ihrem geheimsten Regen zu belauschen: Wie Klein-Elsbeth die seele sticht, nach dem Leben forscht, die Auferstehung glauben lernt, ihren. Stolz behauptet, sich zum Zölibat entschließt usw. usw. Es ist em köstliches Buch! Wie wenige, erscheint die Verfasserin drews Büchleins berufen, zu zeigen, wie und was man in einer Klnder- seele lesen kann. Jeder Vater und jede Mutter, überhaupt ieber, der Kinder lieb hat, sollten zu dem Büchlein greifen, sie werden es dankbaren Herzens aus der Hand legen. Silbenrätsel. Nachdruck verboten. at, an, bac, bar, bu, eh, ca, ei, en, gens, ger. I, il, niet, ly, ra, rat, re, rg, ri, sen, str, sp, ti, ziin. Aus vorstehend eil Silben und Buchstaben sollen acht Wörter gebildet und derart unter einander gesetzt werden, daß die Anfangs- buchstabe» von oben nach unten, und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, ein Sprichwort ergeben. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter Folgendes: 1. Eine Gewürzpflanze. 2. Wichtiges Erz. 8, Südamerikanische Stadt. 4. Reißendes Raubtier. 5. Ein Kartenspiel. 6. Stadt in Bayern. 7. Küstenlandschaft am Adriatischen Meere. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilder-Nätsels in voriger Nummerr Vereinsvergnügen. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, M Lange, Gieße».