1906 MZ W Ä® jjin uks |K MM ti X Mittellose Mädchen. Noman von H. E h r Hard t. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Eine förmliche Wut fraß an seinem so jäh aus süßen Träumen geweckten Herzen. „Sie sind so anders als sonst, Fräulein Ruth!" Er konnte seinerseits die Bitterkeit, die ihn verzehrte, nicht unterdrücken, „haben Sie Launen?" Sie maß ihn mit einem hochmütigen Blick, der ihm die Röte ohnmächtigen Zorns ins Antlitz trieb. „Ich bin, wie ich immer war", gab sie knapp zurück, „ich habe eingesehen, daß diese letzten Wochen ein Irrtum waren und ich kehre nur zu meinem alten vertrauten Ich zurück. Es ist das beste für mich." Er biß sich auf die Lippen. Deutlicher konnte sie ihm ja gar nicht sagen, daß sie sich beide getäuscht hatten, sie, indem sie ihn zu lieben meinte, er, da er sich ihrer Liebe sicher wähnte. Ein Helles Auflachen kam aus seiner Kehle, in dem der wehe HerzenSton verklang. Er verbeugte sich spöttisch. „Sie haben nicht nur das Zeug zu einer großen Malerin, Sie wären auch eine vorzügliche Schauspielerin geworden, Fräulein Meridies!" sagte er mit Hohn, während sein Herz qualvoll zuckte und vergebens gegen den Zauber ihrer Erscheinung rang, „man kann Ihnen zu Ihrer Vielseitigkeit nur gratulieren." Ruth drohte ihre Fassung zu verlieren. Sie kämpfte bereits gegen aufquellende Tränen. Sollte sie ihm die Wahrheit ins Gesicht schleudern, auf seinen beleidigenden Hohn ihre ganze Verachtung? Ihr verletzter Frauenstolz drängte dazu, -aber derselbe Stolz gebot ihr, zu schweigen. Mit ihrer Verachtung zugleich gab sie ja auch ihre Liebe preis und von der durfte er nie erfahren. Lieber mochte er sie der Koketterie und Treulosigkeit anklagen, als daß sie ihm diesen Triumph gönnen würde. Sie zwang sich zu einer schlagfertigen Antwort. „Ich habe eben in jeder Weise Ihnen nachgecifert, MeisterI" meinte sie, eines Lächelns fähig, das sein letztes schwaches Hoffen zerstörte. Gegen ehrlichen Zorn oder trotziges Schmollen hätte er mutig und zuversichtlich den Kampf begonnen, vor dieser lächelnden Gleichgültigkeit streckte er die Waffen. Er war nicht der Mann zu betteln, wo er genau wußte, daß er nichts zu hoffen hatte. Deshalb schien ihm auch ein Alleinsein mit Ruth zwecklos. Bei jeder anderen hätte er an eine Sinnesänderung geglaubt, hätte sich zugetraut, ihre Liebe zu erringen, dieser Natur gegenüber kam ihm das gar nicht in den Sinn. Mit dem ersten Blick, den sie ihm heute geschenkt, wurde ihm schon die Gewißheit, daß sie ih>n verloren war — es hätte bei einer Ruth nicht eines Wortes mehr bedurft, ihn davon zu überzeugen. „So leben Sie denn wohl, Fräulein Ruth l" sagte er, seine innere Bewegung meisternd, „das Bild lasse ich heute noch durch meinen Diener in die Ausstellung besorgen, wo ich alles nötige bereits geordnet habe. Ich wünsche Ihnen einen guten Erfolg dafür — und darf ich sagen „Auf Wiedersehen ?" Er sprach es aus und wußte doch ganz gut, daß es kein Wiedersehen für sie geben würde. Und er widersprach nicht, als sie abgewandt sagte: „Leider nicht, Meister. Meine Verhältnisse gestatten mir nicht, die Stunden bei Ihnen fortzusetzen. Haben Sie Dank für alles." Nun durfte er doch noch einmal die schmale, Spuren harter Arbeit tragende Hand umfassen — ehe sie es hindern konnte, hatte er seine Lippen darauf gedrückt. Kein Wort brachte er mehr hervor. Und als er an Fräulein Rieiner hcrantrat, sich von ihr zu verabschieden, klang seine Stimme fremd und heiser. Seine Haltung war nachlässiger noch als sonst, da er zur Tür schritt, Ruths Auge, groß und starr, haftete wie gebannt auf ihm. Ihre weiß gewordenen Lippen bewegten sich. Sollte sie ihn zurückrufen? Aber er liebte sie ja nicht. Noch gestern abend hatte er wohl mit der blonden Lora heiße Abschiedsküsse getauscht. Sic schloß die Augen und preßte die Lippen fest zusammen. Da klappte die Tür. Ec war gegangen. 12. In eintönigem Gleichmaß verrannen die nächsten Tage. Ein dumpfes Verwundern kam Ruth Meridies zuweilen, daß sie an jenem Mittag, da ihres Lebens Sonne für immer gesunken war, nicht den Verstand verloren hatte oder in ein schweres Nervenstebcr verfallen war, wie das doch in Romanen den Helden und Heldinnen so oft passiert und womit ihnen barmherzig eine lange Zeit bewußten Leidens erspart wird. Ihr ersparte das Schicksal nichts, keine Stunde der langsam schleichenden Tage und Nächte, da ihr fieberndes Hirn beständig arbeitete, sich auflehnend gegen die Grarisamkeit dieses Todcsstreiches und doch nicht fähig, ihrer getäuschten Liebe Herr zu werden. Sie hatte Stunden, da ihr Stolz sich bettelnd und jain- — 334 — niernb am Boden wand, bereit, alles zu dulden, wenn der geliebte Mann nur noch einmal mit leidenschaftlichem Fordern vor sie hintreten würde, willig, ihm in völliger Hingebung in die Arme zu sinken, sobald er ihr diese Arme öffnete. Sie geißelte sich mit verletzender Selbstverachtung, mit schonungslosen Verdammungsurteilen über ihre unwürdige Schwäche, ihr beschämendes Unterliegen, aber es ließ sich nicht wegleugnen und nicht bezwingen: sie liebte ihn. Sie liebte ihn mit der alles verzeihenden, als duldenden Frauenliebe, die nichts will als das Glück des Geliebten. Und sie hatte in I seinen Augen gelesen, daß er ein Glück von ihr erhofft hatte, j Ein rasender Schinerz folterte sie in dein Gedanken, daß sie ihm doch Unrecht getan haben könnte. Wie immer, streng und ehrlich sich selbst gegenüber, gestand sie sich nach ernster Ueberlegiuig ein, daß sie ihn zu rasch verurteilt hatte. Man soll erst genau prüfen, ehe man verdammt. Aber die Tatsachen tauchten vor ihr auf und sprachen gegen ihn mit erdrückenden Beivcisen. Und mit der Erinnerung an den leichtsinnig spöttischen Blick der glücklichen Rivalin kam dann der alte Ekel wieder und mit ihm der Stolz und die Ver- achtnng. Sie rieb sich auf in diesem endlosen Kampfe zwischen Stolz und Liebe. In fieberhafter Arbeit suchte sie Betäubung. Durch die Vermittelung der Geheimrätin hatte sie den ersten Privatauftrag, die Kopie eines alteii Familienporträts, I erhalten. Daran malte sie stundenlang, um durch körperliche Anstrengung den verzweifelten Gedanken zu entrinnen. Sie mußte auch Geld verdienen, das momentan nötiger bei ihnen war, als je. Karl stand vor seinem Assessor-Exanien. Er hatte geschrieben, daß er Ende August nach Berlin kommen würde und daß er hoffte, bei den Geschwistern wohnen 311 können, um dadurch etwas Geld für notwendige Anschaffungen von Garderobe zil ersparen. Ohnehin hatte er für sein Examen noch ein Extradarlehen von der Geheimrätin erbitten müssen, daß jedoch kaum hinreichte, den dringendsten Forderungen der nächsten Zukunft zu genügen. Er ahnte im Grunde nicht, wie schwer die Geschwistern sich in Berlin durch das Leben käinpften. Ruth hatte, um ihm die Flügel nicht zu lähmen, ihr durch eigenen Erwerb gesichertes Dasein stets in möglichst rosigen Farben gemalt, sodaß er keine Bedenken trug, sich für ein paar Wochen als Gast bei ihnen anzumelden. Es wäre Ruth entsetzlich gewesen, dem Bruder aus pekuniären Gründen die Gastfreundschaft zu versagen und sie setzte all ihre Kräfte daran, ihre Finanzen bis zu seinem Eintreffen möglichst günstig zu gestalten. Die Sorge für Walter hatte ebenfalls die Geheimrätin übernommen.' Er reiste in wenigen Tagen nach Ahlbeck, wo er in einer gut empfohlenen, preiswerten Knabenpension Aufnahmen gefunden. Ruth hatte in diesem Punkte die Großmut der alten Tante nicht zurückweisen können, galt es doch die Gesundheit des ihr anvertrauten Bruders. Da wurde die Annahme dieses „Almosens' zur heiligen Pflicht. So sehr sie den jüngsten Bruder liebte, im stillen sehnte sie den Tag herbei, da die großen, ernsten Knabenaugen nicht mehr in stummer, banger Frage an ihrem blassen Gesicht hängen würden, da sie nicht mehr mit anhören mußte, mit welcher Begeisterung der vierzehnjährige von dem lustigen Herrn Hammer sprach, mit dem sie damals eine so herrliche Fahrt durch Berlin gemacht hatten. Der Eindruck war dem Knaben ein unauslöschlicher gewesen. Unbewußt hatte er wohl empfunden, daß in jener Stunde das Glück an ihm und den Seinen vorüber gestreift war — ein flüchtiger Gast. Daß es für immer von ihrer Schwelle geflohen war, das sagte nur Ruth sich im Schmerz der Gewißheit. Suse hatte sich wohl ein bißchen gewundert, daß „die Bombe beim Abschied nicht geplatzt war", wie sie sich drastisch auszudrücken pflegte, aber sie kannte ja Ruths Zurückhaltung, die den Maun wohl noch ein Weilchen im Zaum halten tvürde. Im übrigen maß sie sich selbst einen Teil der Schuld bei, da Ruths ernste, gedrückte Stimmung an jenem Morgen, die gleichwohl merken ließ, daß sie nicht dem Schmerz des Abschieds entsprang, Willy Hammer wohl kaum zu einer Erklärung ermutigt haben mochte. Und diese Stimmung wurzelte Suses Meinung nach in der schmerzlichen Entrüstung über ihren, Suses, unverzeihlichen Leichtsinn. Das junge Mädchen fühlte sich denn doch durch diese leidvolle Trauer, die Ruths ganzes Wesen jetzt wie ein melancholischer Hauch umfloß, im tiefsten Herzen erregt. Die trotzige Siegessicherheit, mit der sie ihre Rechte vertreten, geriet stark ins Wanken und daneben wuchs ein leises, nagendes Scham- und Reuegefühl empor, gegen das sie sich vergebens wehrte. Sie dachte vernünftiger und intensiver nach, jetzt, da sie ihre gährenden und unreifen Ideen in einem Moment des leidenschaftlichen Impulses in laute Worte gekleidet hatte. Und je mehr sie ruhig überlegte, desto mehr drängte sich ihr die Haltlosigkeit ihrer Ansichten auf, die von der Allgemeinheit übernommen, den unaufhaltsamen Verfall von Moral und Sitte mit sich führen mußten. Auch die Stellung, die sie Trautendorf gegenüber behauptet hatte, schien ihr nun in in häßlichem Licht. Sie schämte sich all dessen, was sie ihm so oft über ihre Wünsche in betreff einer reichen Heirat gesagt, womit sie ihn grausam und bewußt so sehr gequält hatte. Und es war ihr auf einmal, als habe sie ihm die Treue gebrochen, als sei ihre Liebe herabgewürdigt mit den leichtfertigen Worten, die sie in jener Nacht dafür gehabt hatte. In ihrer kleinlauten Gemütsverfassung, dem demütigen Schuldbewußtsein ihres leichtsinnigen Herzchens erstarkte die Liebe für Trautendorf zu einer Macht, die vorläufig den reichen Freier für die nächste Zeit sieghaft aus dem Felde schlug. Alle Zukunftspläne wurden verworfen. Nur die Gegenwart, nur die Liebe ihres Fritz war schön und beglückend. Eine starke Sehnsucht nach ihm begann sie zu sassen, daran anknüpfend ein förmlich erstickendes Wonnegefühl, mit dem sie in Gedanken den festen Druck seiner Umarmung, die Glut seiner Küsse, die immer gütige, zärtliche Nachsicht für ihre Torheiten empfand. (Fortsetzung folgt.) ~ Are Bayerische Jululärrms-AusMung. .Bon. P. O st e n. Nachdruck verboten. Nürnberg, die berühmte Stätte altdeutscher Kunst und Kultur wird in diesem Sommer sicher eine ganz besonders große Zahl von Fremden auzuziehen. Bei der Beratung der großen Sommerreise kann die Bayerische Landesausstellung jetzt als besonderer Magnet der altdeutschen Stadt nicht unberücksichtigt bleiben. Das bekannte, ans allen Bahnhöfen angebrachte und viel bespöttelte Dreimänner- Plakat hat sich ja ziemlich nachhaltig dem Gedächtnis derer einqeprägt, die überall sein müssen, wo etwas los ist. In Wahrheit bietet aber Nürnberg, das in allen deutschen Gauen, ebenso wie im Auslande, als das eindrucksvollste Bild deutscher Vergangenheit bekaunt ist, eine vortreffliche Folie für eine Industrieausstellung, die den Geist der modernen Neuzeit verkörpern will. Dieser bemerkenswerte Kontrast bildet denn auch einen eigenartigen Reiz dieser Stadt und insbesondere ihrer Ausstellung. Ist die Ausstellung sehenswert? Das ist die erste Frage, die ein alter Ausstellungsbummler zu beantworteu hat. Obwohl ich nun weit davon entfernt bin, eine bayerische Landesausstellung mit einer Pariser oder einer amerikanischen Weltausstellung zu l . gleichen, so muß ich doch sagen, diese Nürnberger Ausstellung ist eine der schönsten und originellsten, die wir seit 10 Jahren zu sehen Gelegenheit hatten. „Originell" ist ein sehr mißbrauchter Ausdruck. Aber ich finde keinen, der treffender wäre. Wenn man cm alle die großen Ausstellungen bet'- letzten Jahre zuruck- denkt, namentlich an die internationalen Ausstellungen, so findet man, daß überall das System herrschte, die Besucher zu blenden und zu überrumpeln. Es wurden ge- 835 — wattige MonumentalprachtLauten geschaffen, die geeignet schienen, Jahrhunderten zu trotzen, m Wahrheit aber ans Gips und Stuck errichtet waren, unb: nicht einmal wahrend der AussteNnngsmonate den Witterungseinflussen stand zu halten vermochten. Es war altes sehr schön, aber rm Grunde auch alles Lug und Trug. Schon kamen ewige Avcyitekten Mit der Behauptung, auch ein Ausstellungsgebaude müsse seinen wahren Charakter offenbaren; ist es sur kurze Zeit geschaffen, so müsse es architektonisch diesen provisorischen Charakter zum Ausdruck bringen. Oberbaurat v. Kramer, der Schöpfer des Gesamtplanes und der Hauptgebäude der Nürnberger Ausstellung, wie Landbauamtsassessor Ludwrg Mlmauu, nach dessen preisgekrönten Entwürfen das Gebäude der Staatsausstellung zur Ausfuhruug kam, hatten den Mut, diesen Plan unbedenklich zu verwirklichen, ^hre Architektur ist ganz auf landschaftlichen Reiz berechnet, und sie fanden im Luitpoldhaiu mit den malerischen, dicht um- laubten Dutzendteich ein überaus günstiges Terrain für die Verwirklichung ihrer Ideen. Da sieht man keine Hallen mit derben Säulen, keine imposanten Portale mit meterdicken Pfeilern und Pilastern, sondern einfach schlichte Gebäude mit weißverputzten Fronten, die allein durch geschickte Gliederung der Massen wirken. Mer das schlichte Weiß ist von lebhaften Friesen und Bändern in Rot und Blau belebt, die mit dem Grün der anmutigen Landschaft angenehm harmonieren. Die Hauptgebäude gruppieren sich alle um einen weiten Schmuckplatz, dessen Mitte eine große Leuchtsontäne einnimmt. Zu diesem Hauptplatz gelaugt man durch eine Ulmenallee, die ein Hain von jungen Birken durchschneidet. Zur Linken des großen - Schmuckplatzes sehen wir das Haupt- industriegebäude, das zugleich die Ausstellung des Handwerks umschließt, und den Palast des bayerischen Staates, der in architektonischer Hinsicht am bedeutendsten ist — denn mit ganz einfachen Mitteln, namentlich auäy durch die verschiedenen Höhenlagen der einzelnen Säle, sind hier höchst interessante Raumwirkungen und Durchblicke geschaffen. Auf der rechten Seite des mit reichen! Laubwerk und Blumenrabatten geschmückten Platzes liegt die staatliche Forstausstellung, das große Hauptrestaurant mit seinen anmutigen Terrassen, die Maschinenhalle und das Ännst- gebäude. Die kurze Schmalseite dieses Platzes, den beiden Torgebäuden gegenüber, bildet das Gebäude der Stadt Nürnberg, die namentlich alle Künstschätze und Arbeiten der Stadtverwaltung ausgestellt hat. Zu beiden Seiten dieses Gebäudes zweigen zwei Straßen ab, die von allerlei hübschen Pavillons eingesäumt werden, darunter äußerst reizvolle Kauernhäuschen, die durch die Echtheit ihrer äußeren und inneren Durchbildung ganz bestechMd auf die Besucher wirken. Da ist unter anderem ein Spessarthäus, in dem Apfelwein kredenzt wird, das Jüntalerhaus mit der Sammel- ausstellung des Rosenheimer Gewerbevereins, das Werden- felserhaus mit der Sammelausstellung des Gewerbevereins Garmisch-Partenkirchen und das Allgäuerhaus mit einer Ausstellung des milchwissenschaftlichen Vereins im Mlgän. Selbstverständlich fehlt es auch nicht an Vergnügungsstätten und Restanrationsgebäuden, die ja auf 'jeder Ausstellung die Hälfte des Terrains in Anspruch "nehmen. Die Kunstausstellung ist nicht gerade hervorragend; über die angrenzende Kunstgewerbeausstellung läßt sich vorläufig noeh gar kein Urteil abgeben, da das Gebäude noch nicht einmal im Rohbau beendet ist. Ich glaube, man hätte am besten getan, von einer KunstanSstellung abzuseheny denn wenn man soeben die Werke eines Albrecht Dürer, Veit, Stoß oder Peter Vischer betrachtet hat, so wird man durch die Werke der jungen und allerjüngsten Secession, die sich ans der Nürnberger Ausstellung breit macht, nicht nur zum Spott herausgefordert, sondern mehr in Trauer versetzt. Auch eine weit bessere Ausstellung würde bei diesem unvermeidlichen Vergleich mit der alten, in Nürnberg wie auf der Ausstellung selbst vertretenen Meistern kläglich abfallen. Die Ansstellung des bayerischen Staats dagegen ist sehr bedeutend und interessant. Es werden sehr eingehend durch Modelle, Pläne, Wandmalereien re. die Hochbauten des Staatsministeriums, der Justiz, des Ministeriums für Kirchen und Schulangelegenheiten und der Finanzen, die staatliche Arbeiterwohlfahrt, das Post-, Telegraphen- und Telefonwesen, das bayerische Hanptmünzamt in München, die Salinenverwaltung, das Katasterbureau, das technische Institut der Heeresverwaltung,. die Moorkulturanstalt, die agrikulturbotanischs Anstalt, die Wasserversorgung, das Schulwesen, kurzum alle staatlichen Institute und Einrichtungen des bayerischen Staates auf das sorgfältigste veranschaulicht. Nicht minder bedeutend ist die Industrie- und Gewerbe- Ausstellung. Die meisten Aussteller waren sichtlich bemüht, die ausgetretenen Pfade der Ausstellungsdekoration zu verlassen und durch originelle Ideen zu frappieren. Ein großer Loreleibrunnen aus Seife, das durch elektrische und mechanische Vorrichtungen belebte Niesenmodell einer Nähfadenfabiik, von kleinen Puppen betriebene Nähmaschinen-Modelle, recht wirkungsvolle Manöverbilder aus Zinnsoldaten nebst Zubehör, ein bis an das hohe Hallendach reichender, höchst kostbarer Marmoraltar seien als Beispiele höchst wirkungsvoller Objekte angeführt. . . , Auch einige Gruppen der Maschinenhalle, die gewöhnlich auf den Ausstellungen das große Publikum kalt zu lassen pflegt, fesseln in hohem Maße. Namentlich sind es die großen, im Betrieb befindlichen Rotationsmaschinen, Kouvert- und Kartonagenfabrikation, wie die höchst ~ vollkommenen Sägeschleifmaschinen, die beständig eine große Schaar von Zuschauern herbeilocken. Die gewaltigen Kraftmaschinen erregen niemals das gleiche Interesse, wie die Arbeitsmaschinen, weil sie keine sichtbaren Arbeitsprodukte liefern, also so recht nur von technisch gebildeten Fachleuten gewürdigt werden können. Schon jetzt ist übrigens der Besuch der Ausstellung an schönen Tagen sehr ansehnlich; er dürfte indessen zur Reisezeit noch außerordentlich anwachsen, denn das alte Nürnberg vermag an sich eine große Anziehungskraft auszuüben. Es ist in so hohem Grade ergötzlich, durch die Straßen der Altstadt zu wandern, sich in all den alten Häusern, und ganz besonders in den verräucherten Wirtschaften, von denen einige seit 200—300 Jahren bestehen, umzusehen, es bereitet namentlich dem modernen Großstädter so außergewöhnliche Freude, die herrlichen alten Bäume zu betrachten und um die malerischen Stadtmauern herum bis zur sagenreichen Kaiser- bürg emporzuwandern, daß man bisweilen die Ausstellung und" ihren Trubel völlig vergißt. Die alte, so vortrefflich erhaltene Stadt, deren reiche Geschichte nnS unwillkürlich auf Schritt und Tritt beschäftigt, entzückt und fesselt das Auge so sehr, daß tatsächlich der Zweck dieses Ausfluges nach Nürnberg oft ein wenig in den Hintergrund gedrängt wird. Ob wir nun in der Schallus-Klanse im Posthörnlein, im Nassauer Keller, im Bratwurstglöcklein oder sonst in einem uralten trauten Winkel sitzen, überall erzählen uns die alten geschwärzten, aber von kunstreicher Hand geschmückten Wände von den alten unsterblichen Meistern Nürnbergs, die hier bei köstlichem Bier oder Wein sich Begeisternng zu ihren großen Werken getrunken haben. Ueberhaupt dieses köstliche Bier! Mau mag sagen, was man will — das ist doch der Clou der ganzen Ausstellung. Wie König Alfons den Bombenanschlag schildert, will ein Korrespondent des „Daily Telegraph" durch einen Hosbeamten erfahren haben. Die Königin verdankt nach dieser Schilderung ihr Leben, oder doch ihre gesunden Gliedmaßen, dem Umstande, daß sie sich von ihrer Seite in dem Augenblick der Explosion nach links gebeugt hatte, um die Regierungsgebäude zu sehen, auf die sie der König aufmerksam machte. Hätte sie diese Bewegung nicht gemacht, so würde sie vermutlich wenigstens ihre rechte Hand eingebüßt haben, da die rechte Wagenseite stark beschädigt wurde. Die Schilderung lautet wie folgt: Der Wagen bewegte sich sehr langsam, und der König begann seiner Gemahlin die Geschichte der Kirche der Santa Maria zu erzählen, als der Zug ganz zum Stehen kam. Königin Viktoria fragte, was die Ursache sei und der König antwortete, der Zug habe zweifellos den Palast erreicht und mache Halt, weil die Leute in dem vordersten Wagen ausstiegen. Der königliche Wagen befand sich unmittelbar vor der großen Tribüne vor der Kirche, und von dort wurde dem Herrscherpaar eine gewaltige Demonstration dargebracht. Dies veranlaßte Königin Viktoria, noch — 836 — weiter nach links zu rücken, und König Alfons steckte den Kopf aus dein linken Fenster uni) winkte, sich weit vor» lehnend, den Damen auf der Tribüne zu. Der Wagen rückte um einen Schritt vor, als man dicht vor dem rechten Vorderrade ein Geräusch hörte, das mit dem Schlage eines Schmiedehammers auf das Pflaster verglichen werden kann. Dann kam ein furchtbarer Knall, laut und scharf, wie der Knall eines grossen Geschützes. Der Wagen schwankte wie ein Schiff in den Wellen. Ein scharfer Geruch machte sich bemerkbar, und man sah einen Hellen, weißen Lichtstrahl, wie einen Blitz. Unter dem Wogen hörten die Insassen ein Geräusch, wie das Kratzen von Hunderten von Feilen, und der Wagen war so in Rauch eingehüllt, daß der König nicht die Straße sehen und die Königin kaum unterscheiden konnte. Der König, der an sich selbst nicht das geringste Gefühl von Schmerz oder von einer Verletzung spürte, war tief erschüttert durch ben. Gedanken, was der Königin zugestoßen sein könnte. Er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände, küßte sie und fragte ängstlich: „Bist Du verwundet?" Die Königin sah ihm fest ins Auge und sagte: „Nein, nein, ich bin nicht verletzt. Ich schwöre es!" „Es ist eine Bombe geworfen worden", fuhr der König fort, und Königin Viktoria antwortete, indem sie den Rauch mit der Hand wegwehte: „Ich dachte so; oberes tut nichts. Ich will Dir zeigen, daß ich mich ols Königin zu verhalten weiß." Als sich der Rauch verzog, wurde der Wagen durch die aufbäumenden Pferde mit einem Ruck um fünf oder sechs Meter vorgerissen und stand dann wieder still. König Alfons sah aus dem Fenster und bemerkte, daß Soldaten bemüht waren, die aufgeregten Pferde zu halten. Der König, der den Erfolg der Bombe für unbedeutend hielt, sagte: „Senorcs, das ist nichts. Wir wollen weiterfahren." Es wurde ihm darauf mitgeteilt, daß der Wagen nicht weiterkönne, da ein Pferd getötet sei und mehrere der anderen Pferde schwer verletzt wären. „Oeffnen Sie die Türe, beordern Sie einen anderen Wogen und teilen Sie der Königin- Mutter und der Prinzessin Heinrich mit, daß wir unverletzt sind", antwortete König Alfons. Die Königin befleckte beim Llussteigen ihre Schleppe und ihre Schuhe mit dem Blut des getöteten Pferdes. Mit einem schnellen Blick auf die Opfer der Bombe hatte der König die Bedeutung des Ereignisses erkannt: „Wie furchtbar! Wie infam! Welche Schlechtigkeit gehört dazu, so viel unschuldiges Blut zu vergießen!" ivaren seine Worte. Der König bot darauf der Königin den Arm und drehte sich so, daß ihr der Anblick der verstümmelten Leichen erspart bliebe. Dies Ivar freilich unmöglich, denn die Toten und Verwundeten lagen überall. Die Fahrt wurde in dem herbeigeholten Wagen langsam fortgesetzt, da der König immer noch glaubte, die Königin sei verwundet und wolle dies nicht erkennen lassen. „Ich bin nicht verwundet," wiederholte die Königin auf nochmaliges Befragen, „ich dachte nur an Dich." (Ob dem Korrespondenten die zwischeii dem König iind der Königin gewechselten Worte wirklich so erzählt wurden, oder ob seine eigene Phantasie dabei etwas nachgeholfen bat, mag dahingestellt bleiben). Vermischtes. * Schloß Cron b erg. Wir lesen in der „Deutschen Tagesztg.": „Ein berühmtes altes Schloß, die in den Vorbergen des Tamms malerisch gelegene Burg des Adelsgeschlechts v. Cronberg ist jetzt neu erstanden. Prinz Friedrich Karl von Hessen hak das alte Schloß (das als Ruine so überaus malerisch sich repräsentierte. D. Red. d. Gieß. Anz.) renovieren lassen. Der Rittersaal würbe im Stil des 16. Jahrhunderts wiederhergestellt und mit dem Wappen der Burgherren von Cronberg geschmückt. Auch der Turm des Schlosses wurde vollständig wiederhergestellt. Alis der Geschichte des Schlosses sei erwähnt, daß die Kronberger zu den mächtigsten Adelssamilien Mitteldeutschlands gehörten lind schon im 13. Jahrhundert als weitverbreitetes und hochangesehenes Geschlecht erscheinen. Eberwein voll Cronberg ivar 1299 Bischoi von Worms. Sie warei: so mächtig. daß sie selbst den Kamps mit der Reichsstadt Frankilirt a. M. nicht scheuten und die Truppen dieser Stadt im Geiecht bei Eschborn blutig auis Halipt schlugeil. Der Berühmteste aus diesenr Adelsgeschlecht war Hartmuth von Cronberg, der in Schriit rmd Tat für die Reformation eintrat und als Anhänger Franz von Sickingens auch dafür stritt rmd litt. Er verlor seine Güter und lebte lange lanbflüchtig. Er verlor seine Güter und lebte, wo er 1549 gestorben ist. Seine Schriften sind noch heute wertvoll lind ihres tiefreligiösen Siniles halber lesenswert." Daß der Herr „lebte, wo er gestorben ist", diese Merkwürdigkeit hält das Berliner Agrarierblatt ivohl für ein besonders wichtiges Ergebnis seiner historischen Forschungen. Litsrc»Vi?ehes. — Der Mensch und die Erde. Die Entstehung, Gewinnung und Verwertung der Schätze der Erde als Grundlagen der Kultur, herausgegeben von Hans Kraemer ist Verbindung mit ersten Fachmännern (Deutsches Verlags- Haus Bong & Co., Berlin W. 57). Das Werk stellt sich zur Aufgabe, in umfassender Weise die tausendfachen Beziehungen des Menschen zu den organischen und anorganischen Produkten der Erde, also zur Tierwelt, den Pflanzen und Mineralien, zu Feuer und Wasser, von den primitivest Anfängen bis zum heutigen stolzen Kulturstande nachzugehen. Ein Ziel, das umso höher anzuschlagen ist, als es, den Bedürfnissen unserer Zeit entsprechend, den weitesten Kreisen die Ergebnisse der modernen Forschung aus allen Gebieten der praktischen Arbeit des Menschen zugängig macht und somit eine Lücke ausfüllt, die infolge der gewaltigen Neuerungen tn dem Wissen des Einzelnen notgedrungen entstehen mußte. Was der Erdball trägt und in seinem Innern birgt, was die Wälder und Fluren, die Fluten und Lüfte bevölkert, was zu Stein oder Erz erstarrt, an den Boden gebannt, der lösenden Menschenhand harrt, wird Gegenstand der Schilderung sein, sofern des Menschen Geist sich je damit beschäftigte; ein umfassendes, möglichst lückenloses Bild der Erde und ihrer Schätze im Dienste der Menschheit soll erstehen. Daß sich in der Darstellung wissenschaftliche Gründlichkeit mit allgemein verständlicher Sprache verbindet, dafür bürgen die Namen der Mitarbeiter, die nicht nur als erste Autoritäten auf ihren Forschungsgebieten bekannt, fonbern auch als Meister volkstümlicher Sprache hochgeschätzt sind. Zu der mustergiltigen Darstellung durch das Wort tritt die außerordentlich reiche und einzigartige bildliche Ausstattung des Werkes. Wir nennen aus der vorliegenden ersten Lieferung die farbige Reproduktion eines Frieses „Triumph der Arbeit", durch den Prof. E. Doepler d. I. den Inhalt von „Mensch nnd Erde" in allegorischer Form darstellt. Welch wichtige Dienste ferner die farbige Wiedergabe auch der technischen Belehrung zu leisten vermag, dafür bietet die Klappen-Beilage von A. Dressel ein glänzendes Beispiel, die in übersichtlicher Darstellung die komplizierten Einrichtungen einer modernen Bierbrauerei zeigt und so zu dem begleitenden Text von Geh.-Rat Prof. Dr. Delbrück eine wertvolle Ergänzung bietet. Die erste Lieferung von „Der Mensch und die Erde" gewährt schon einen Maßstab für die Art und Reichhaltigkeit des Gesamtwerkes, welches nach seinem Programm weit über 4000 Illustrationen, farbige und schwarze Beilagen, Karten und Pläne und zahlreiche Extra-Beigaben in dem bewährten neuen Darstellungssystem des Verlages das Werk schmücken sollen. Der billige Preis von nur 60 Pfg. für jede Lieferung ermöglicht aud) den weniger Bemittelten die Anschaffung des Werkes. Arithmogriph. Nachdruck verboten. 13 113 6 Name mehrerer fränkischer Herrscher. 2 7 3 6 7 lyrischer Dichter. 3 4 4 7 Fluß in Frankreich. 4 3 6 3 7 geometrisches Gebilde. 3 6 6 Nebenfluß der Donau. 5 2 3 4 3 5 5 männlicher Borname. 5 3 4 4 7 6 Arzneimittel. 3 4 3 Land in Juuerasiem 6 3 4 Strom in Afrika. 7 4 4 7 früheres Maß. 6 3 7 4 französischer Feldherr. Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter sollen den Namen einer Inselgruppe ergeben. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Citatenrätsels in voriger Nummer: Ein Jeder lernt nur, was er lernen kann. Redaktion: Ernst Hetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße«.