Montag W10. Aezemöer 1906 IBS® aäH9 MDM \& M I ■ Zm Banne des Geheimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verbotet (Fortsetzung.) „Ich dachte keinen Augenblick daran, wie feige und unrecht es war, mich, ein Kind, zu einem solchen wichtigen Schritte zu verleiten. Ich weiss nur, dass er mein Held und einer der größten Männer des Landes ivar, und daß er mich mehr liebte, wie selbst das Leben. Ich bat, die Heirat doch zu verschieben, bis er zurückkehre. Nein, schrie er, tausendmal nein I Wenn ich ihn ruinieren, feine ganze Laufbahn vernichten wolle, so könne ich das tun, er könne mich nicht frei lassen, und wenn ich nicht einwilligen wolle, ihn zu heiraten, müsse er die ehrenvolle Berufung ablehnen, was gleichbedeutend sei mit der Vernichtung seiner Laufbahn. Tas konnte ich nicht ertragen. Aber wie können wir uns heiraten? fragte ich, einer oder der andere wird es doch sicher erfahren. O, sag es doch Marian; laß doch Marian kommen *. „Doch je mehr ich nach dir bat, und verlangte, Marian, desto mehr schien er vor dem Gedanken zurückzuschaudern. Ach, ich will mich nicht entschuldigen, doch endlich versprach ich, ich wolle mich heimlich i>nd in aller Stille mit ihm trauen lassen, ehe er nach Indien abreiie. „Es war gerade, als ob Glück und Geschick sich verschworen hätten, ihm zu helfen. Mrs. Thornton wurde plötzlich nach Paris zu ihrer Tochter gerufen, und ich blieb allein in Brighton. Sie schrieb dir noch, Dlarian, daß sie abreise; und er erbot sich, da er den Abend wie gcivöhniich bei uns zubrachte, den Bries zu besorgen; er muß ihn aber vernichtet haben." 69. Kapitel. Lady Waynes Geheimnis. „Ich betrog die Schwester, die mir wie eine Mutter gewesen; ich betrog alle meine Freunde. Ich tat, was ein Mädchen nie — unter keinen Umständen — tun sollte; ließ mich heimlich trauen, und weh mir! weh mir! die Strafe, die mir zu Teil geworden, ist schwerer, als ich tragen kann!" „Sag uns alles; fahre fort, Evelyn", sagte die ernste, aber liebevolle Stimme ihres Mannes. „Mortiiner, du weißt nicht, wie schrecklich mir dies alles ist; ich wollte, die Erde öffnete sich und verbärge mich. O, Mortimer, wende deine Augen von mir ab — du, der du mich so geliebt, mir so vertrant hast — mein Mann, den ich betrogen und hintergangen!" „Richt doch", sagte Lord Wayne und beugte sich über sie. „Du hast mir zwar deine ganze Geschichte nicht anvertraut, Evelyn, ober du hast mich nicht betrogen, sage das nicht. Run erzähle mir, Liebste, von dieser Heirat — deinetwegen; ich muß wissen, ob sie gültig war, ober nicht." „Ich weiß, daß sie gültig war," sagte sie bitter, „Edward Aylesford sorgte dafür. Ich habe schon gesagt, daß Mrs. Thornton vor ihrer Abreise meiner Schwester mitteilte, daß ich allein in Brighton bleibe, und daß, falls es ihr nicht möglich sei, in wenigen Tagen bereits zurückzukehren, es jedenfalls das Beste wäre, wenn Marian mich zurückhoke. Den Brief nahm mein — nahm er mit zur Post, aber Marian hat ihn nie bekommen." „Rein," bestätigte ihre Schwester trübe; „ich habe ihn nie erhalten." „Er vernichtete ihn; und eines Abends, Mortimer, als die Sonne anfs Meer schien, bis alles in märchenhafter Pracht erglänzte und schimmerte, teilte er mir mit, er habe alle Vorkehrungen getroffen, damit wir am folgendenMorgen getraut werden könnten. Ich fragte ihn, wo? er erwiderte, in der kleinen Strandkapelle, nicht weit vom Badeorte selbst. „Ich weiß noch, Mortimer, daß ich beinahe die ganze Nacht am Fenster saß und das Flimmern und FunkelnIder Sterne ans den Wogen beobachtete; die Wogen stiegen und fielen, ich vernahm in ihrer stillen Musik zuweilen eine Warnung. „Ich war gewohnt, früh aufzustehen und hinunter an den Strand zu gehen, so daß es fein Aussehen erregte, als ich an diesem SJtorgen noch etwas früher fortging. „Ich entsinne mich dieses Morgens noch sehr gut; es war einer der schönsten, die ich je gesehen, Himmel und Erde schienen ihr bräutliches Gewand angelegt zu haben; auf Land und Meer lag ein eigentümliches Licht, und er sagte mir, das sei das Lächeln der Liebe. Wir erreichten die kleine Kapelle bereits, als noch der Tau aus dem Grase lag. „Ich weiß noch, Mortimer, wie der Geistliche, der uns traute, mich ansah, als ob er über meine Jugend erstaunt fei. Edward Aylesford halte ihm vorher gesagt, unsere Heirat sei eine durch wichtige Umstände gebotene eilige, und hatte alle seine Bedenken zu beschwichtigen verstanden. Seine Haushälterin und sein Kutscher waren unsere beiden Zeugen. Ich bin überzeugt, daß der Geistliche keine Ahnung von dem Range und der Stellung meines Mannes hatte. Als wir in die Sakristei gingen, sagte er zu ihm: , „Ihre Frau ist sehr jung, sie sieht noch wie cm Kmd ans, seien Sie gut mit ihr." , Dann schüttelte er mir die Hand, wunscyte nur Gluck und gleichzeitig Lebewohl. Ich las deutlich Mitleid in seinem gutmütigen, vertrauenerweckenden Gesicht. „Sollten Sie je« nials einen Freund ober Rat und Hilfe brauchen," sagte c, leise zu mir, „so kommen Sie zu mir." 726 .Lebt et noch?" unterbrach Lord Wayne. „Ich weift es nicht, ich wollte es nicht einmal wissen; später, als mir die Schuppen von den Augen gefallen, schämte ich mich bitterlich dessen, ivaS ich getan. „Wir waren getraut, und mein Mann sagte, unser Hochzeitstag sollte in einem nahegelegenen kleinen Strandorte zugebracht werden. „Zunächst brachte er mich zu einem hübschen, kleinen Hotel, daS eine schöne Aussicht auf das Meer hatte. Am Speisesaal war ein großer Balkon, dort frühstückten wir. „Ich sing an zu weinen, Marian sollte zu mir kommen. .Laß mich ihr doch schreiben, ihr alles mitteilen," bettelte ich, „sie wird nicht böse iverden — sie ist nie böse." Das einzige Mal, das ich ihn habe die Stirn runzeln und ungehalten werden sehen, ivar damals. „Evelyn," sagte er und nahm meine Hände in die seinigen, „Kind, versuche mich doch zu verstehen, versuche doch zu begreifen, was meine Verheiratung Marian antut. Vor Jahren habe ich sie geliebt und sie mich; ich weift, daß sie mich liebte und weift, daß — so lange sie lebt — sic sich nie wieder tun irgend einen anderen Main: kümmern wird. Vor Jahren hätte sie mich geheiratet, wärest du nicht gewesen. Sie ■ sagte mir, sie könnte ihr Leben für uns hm- geben, daß du aber als hilfloses Kind das stärkste Anrecht auf ihre Liebe besäßest. Sie gab mich mif, verzichtete mit voller Ueberlegung auf ihr ganzes Lebensglück, und zwar deinetwegen; und jetzt bekenne ich dir, ich bin ein zu großer Feigling, um dies edle Herz zu Tode zu verwunden dadurch, daß ich ihr sage, ich habe die junge Schwester geheiratet, um derentwillen sie das Glück ihres ganzen Lebens auf- gegeben." „Sie muß es doch einmal irgendwie wissen," rief ich, „und ivie kann ich sie wieder sehen, täglich mit ihr verkehren und ihr dies nicht sagen?" „Um meinetwillen," erwiderte er, „weil ich Dich darum gebeten habe; und alle Opfer sind leicht für die, die wir lieben. Evelin, das Allererste, ivaS ich tue, sobald ich in Indien bin, soll fein, daß ich ihr schreibe. Ich könnte sie nicht sehen und es ihr sagen, obwohl ich ihr kein Unrecht getan habe. Sei also zufrieden — sie wird dich nicht tadeln, wenn sie alles weiß." „Und du wirst sicher als allererstes schreiben," sagte ich zu ihm, „sobald dti in Indien landest, damit sie alles weift." „Gewiß, gewiß; mit der ersten Post. Vertraue mir, Evelyn; ich habe noch nie etwas UnivahreS gesagt. Nun ober laß uns diese Sorge vergessen und mir daran denken, daß nichts uns trennen kann." „Wir blieben in denr kleinen Strandorte bis nachmittags. Meine Abwesenheit siel nicht weiter auf; die Dienerschaft zu Hause dachte nur an ihr eigenes Vergnügen. „Es schien so merkwürdig, ohne ihn nach Hause zu gehen, so merkwürdig, daß ich meinen Trauring abziehen und sorgfältig verstecken mußte; daran zu denken, das? ich eine verheiratete Fran war, deren Manu sie über alles liebte. So sonderbar, und doch war es alles wahr." Ein leiser Schrei entfuhr Marian West, der Schrei einer Seele in Qual — in so bitterer Qual, daß jeder weitere Tropfen das Maß überlaufen läßt. „Evelyn, still, o still! Weißt du auch, daß jedes dieser Worte Tod für mich ist?" Das unaussprechliche Weh in dem lieben, guten Gesicht, die Qual im Tone dieser leisen Stimme ließen Lady Wayne verstummen und ihre Schwester ansehen. Zum ersten Male verloren die starken Arme ihre Kraft; zum ersten Male in ihrem ganzen Leben wandte Marian West sich ab von der Schwester, der sie mit so unermüdlicher, nie wankender, treuer Liebe geliebt. „Das war meine einzige Liebe, Evelyn," sagte sie leise, „und du hast sie mir genommen. Mein ganzes Leben lang bin ich also einer falschen Liebe, einer falschen Erinnerung treu gewesen. O, es ist hart zu ertragen." Doch Lady Wayne folgte ihr und kniete vor ihr nieder. „Du mußt mir verzeihen, Marian — du mußt mir vergeben,," schluchzte sie, „kein Tod könnte mir so bitter sein, wie deine Liebe verlieren. O, meine Schwester, meine geliebte Schwester! Ich habe gesündigt, ober meine Strafe ist schwer, Marian; und wenn du dich von mir wendest, wenn du mir deine Liebe entziehst, wie soll ich sie bann ertragen? Du, die du niemals irgend eine Bitte unerhört gelassen, wirft mir meine jetzt nicht abschlagen." 70. Kapitel. Was darauf folgte. Marian West konnte der großen Liebe ihres Lebens nicht untren werben. Sie konnte der Bitte ber Schwester, für die sie alles geopfert, was ihr lieb und teuer war, auf die Dauer nicht widerstehen. „Marian," klang es an ihr Ohr, „meine Schivcster, sage, daß du mir vergiebst; sieh nur, weil er dich so liebte, und weil ich dich so liebte, verbargen wir dir unser Geheimnis. O, Marian, die du so gut bist, so hoch über allem stehst, was irdisch ist, vergieb mir." „Marian," sagte Lord Wayne leise, „ich vereinige meine Bitte mit der meiner Gattin; schwerer Kummer steht ihr noch bevor; vergib ihr, damit sie wenigstens den Trost Deiner Liebe hat, um das Kommende bestehen zu können." Und Marian gab nach; die Schwesterliebe fiegte. Sie beugte sich nieder und küßte das blasse, flehende Antlitz. „Ich vergebe Dir, Eve. Ich würde Dir mehr wie das vergeben, nicht Liebling; es war ja nicht Deine Schuld; Du wärest jung und leicht zu beeinflussen. Ich vergebe Dir, wie auch ich Golt bitte, mir alle meine Fehler und Verirrungen meines Lebens zu vergeben, und es sind ihrer viele." Wieder fühlte Lady Wayne sich von liebenden Armen umschlungen, fühlte die sanften Lippen, die nur den einen Vorwurf geäußert, wieder auf ihrer Stirne; fühlte ihr Haupt wieder an das treue Herz gedrückt, dann sagte ihr Gemahl: „Beendige Deine Erzählung, Evelyn; ich habe noch viel zu erfahren." „Dann kam noch ein Aufschub der Trennung. Mein Mann verließ England erst fünf Tage später, Mrs. Thornton war noch immer abwesend; und das Einzige, was mich jetzt noch wundert, ist, daß die beständigen langen Besuche meines Mannes in ihrem Hanse keine Aufmerksamkeit erregten. „Dann kam die Zeit, daß er fort mußte. _ Nur Gott wußte, was erlitt; nur Gott kannte die Qual dieses leidenschaftlich liebendes Herzens. Ich ging mit ihm zur Bann. Ich habe Kummer, Schmerz, Verzweiflung gesehen, aber keinen wie seinen. „Er hielt mich im Arm, heiße Tränen fielen mir aus seinen Augen aufs Gesicht; er küßte mich wohl tausendmal, mit solchem Schluchzen, wie ich nie geglaubt hätte, daß ein Mann cs könnte. „Du nsirst Marian also kein Wort sagen? versprich mir das noch einmal; ich werde sofort schreiben. Ehe ich etwas Geschäftliches oder irgene sonst etwas beginne, werde ich an sie schreiben." „Und ich wiederholte mein Versprechen. Das war es, warum ich, als Du gegen mich wie ein Engel der Barmherzigkeit wärest, Deine Güte und Liebe nur mit verstocktem Schweigen erwiedern konnte, das als das Höchste von Undank erscheinen mußte. — Dann beginnt eine große Leere in meiner Erinnerung. Ich kann mich nur entsinnen, daß ich unter einem schwülen Himmel stand, seine leidenschaftlichen Küsse brannten mir auf den Lippen — aber er war fort! Mein Geheimnis hatte mich nicht so sehr gequält und gedrückt, so lange wie er da war und es mit mir teilte, aber jetzt fiel die ganze Last und Bürde wie mit einem Male auf mich, um mich zu Boden zu drücken, zu erdrücken. „Kein Augenblick bei Tag oder Nacht verging, wo ich nicht dachte, es würde entdeckt werden. Wenn es etwas lauter wie gewöhnlich an der Tür schellte, fuhr ich empor r»n »»111*111» — 727 — und glaubte, es komme jemand nnd erzähle alles von mir. Mrs. Thornton kehrte gerade am Tage, nachdem mein Mann abgereist war, zurück, machte aber keinerlei Bemerkung über das Vorgefallene, nicht einmal über die Abreise meines Mannes, obwohl er regelmäßig in ihrem Hause verkehrt hatte. Ich glaube, ihre eigenen Angelegenheiten nahmen sie damals gerade sehr stark in Anspruch. Die einzige Bemerkung, die sie fallen ließ, bezog sich darauf, daß Marian nicht nach Brighton gekommen war, sie sagte, es habe sich wohl nicht arrangieren lassen, herüberzukommen, worauf ich erwiederte: „Nein." Hoffentlich habe ich mich nicht gelangweilt, was ich ebenfalls verneinte. Ich blieb noch zwei Wochen bei ihr und kehrte dann nach Hause zurück. „O, Marian, es dauerte lange, bis ich mein schreckliches Geheimnis in seiner ganzen Schwere erfaßte. Dieme Qual und Angst läßt sich in Worten nicht wiedergeben. Ich hatte keine Hilfe, keine Hoffnung, keinen Trost. Wenn ich so darauf zurückblicke, nimmt es mich nur Wunder, daß ich nicht darunter erlag. Dann ging ich auf Besuch zu einigen Bekannten in Nord-England. Ich wagte kaum zu hoffen, daß ich mein Geheimnis vor ihnen würde verbergen können. Ich wußte nicht, was ich tun, wohin ich mich wenden, wen ich um Hilfe bitten sollte. Ich war fast wahnsinnig vor Elend. „Nimmt cs Dich Wunder, daß ich so wenig Liebe für den Mann empfinde, dessen selbstsüchtige Leidenschaft all dies unsägliche Weh über mich gebracht? „Ich war damals gerade achtzehn. Ich war in einem Wirbel der Leidenschaft fortgerissen, halb im Traume getraut worden, wußte kaum, was heiraten hieß. Mein Mann hatte mir ein Versprechen äußersten Geheimhaltens abgezwungen, war tausende von Meilen weit fortgegangen und hatte mich allein in meinem Elend zurückgelassen. „Ich schrieb ihm, Marian, daß er zurückkommen müsse — einerlei, was eS gäbe — einerlei, ob Königin oder Land gut oder schlecht von ihm dächten, einerlei, ob seine Zukunft dadurch vernichtet werde oder nicht — er müsse zurückkommen! „Und dann — o, Marian, ich muß stark sein, daß die Erinnerung mich nicht überwältigt — eines Tages saß ich allein im Gesellschaftszimmer, und Miß Greenaway, die Dame, bei der ich zu Besuch war, kam herein. Sie hielt eine Zeitung in der Hand, die sie gerade gelesen hatte. „Was für ein schreckliches Unglück ist das doch," sagte sie. Ich sah sie erstaunt au und wunderte mich, was neben meinem eigenen Kummer und Unglück wohl noch fürchterlich sein könne. Ich fragte sie, was? „Ein englischer Dampfer verbrannt," gab sie zur Antwort, „mitten im Indischen Ozean, und von all den Hunderten an Bord sind nur vier Mann gerettet." „Ich weiß noch, ich hatte ein Gefühl, als ob eine kalte eiserne Hand mir nach dem Herzen griffe und es zusammen- presse. Ich weiß auch noch, daß ich mich selbst über den Klang meiner eigenen Stimme wunderte, als ich fragte: „Wie hieß der Dampfer?" „Die Meerkömgin," erwiederte sie. „Lesen Sie den Bericht hier; er ist sehr interessant." Ich nahm ihr die Zeitung aus der Hand und las, wie der Dampfer, worauf mein Mann sich cingeschifft, durch Feuer inmitten des Indischen Ozeans vernichtet worden war, •— und der erste Name auf der Liste der Toten war der seinige, war der meines Mannes, des Vaters meines Kindes." (Fortsetzung folgt.) DSerhessische Ermuerungeu. Ein alter Oberhesse, Herr L. Kimmel, der sich seit Jahrzehnten in Nord-Amerika befindet, hat aus Washington einem hiesigen Bekannten einen Brief geschrieben, in dem sich folgende, weitere Meise interessierende Erinnerungen des Schreibers an seinen diesjährigen Besuch in der alten Heimat und an seine Jugend befinden: In jeder deutschen Brust schlummert das Verlangen zum Wandern und, als 79 jähriger Jüngling, bemächtigte sich meiner im letzten Frühmhr eine solche unwiderstehliche Sehnsucht, die Berge und Täler, die Wälder und Fluren der alten, lieben Heimat zu durchwandern. Den Ort, wo ich, obwohl in tiefster Armut, die glücklichsten Tage mit meinen Schul- und Jugend- genofscn verlebt, wünschte ich noch einmal zu sehen. Am 4. Juli betrat ich im Hafen von Baltimore den Dampfer Neckar und nach einer angenehmen Fahrt von elf Tagen langte ich in Bremen an. Hätte ich Flügel gehabt, ich wäre der alten Musenstadt Gießen zugeflogen. In Gießen angelangt, wurde ich freudig überrascht über den herrlichen Anblick der Stadt. Da, wo früher nichts wie Garten und Wiesen zu sehen waren, sind die prachtvollsten Stadtteile wie aus der Erde hervorgezaubert worden. Da sah ich wieder einmal die kräftigen Gestalten von Studenten mit bunten Kappen und großen Schmarren auf der linken Wange durch die Straßen wandeln und hie und da den rotwangigen Mädchen einen freundlichen Blick zuwerfend und wie die Letzteren verschmitzt denselben von der Seite her nachsahen. Das scheint, ist beim Alten geblieben. Ob eine Neuerung beim gegenseitigen Benehmen eingetreten ist, ist mir bei meinem vorgerückten Alter auch ganz gleichgültig. Mein erster Ausflug galt meinem Heimatsdorfe Rödgen. Mein erster Gang führte mich nach dem stillen, einsamen Friedhöfchen des Dorfes. In unmittelbarer Nähe des Kirchhoftores gewahrte ich den Grabstein meines lieben Vaters, der jetzt schon über ein halbes Jahrhundert den ewigen Schlaf angetreten hat. Stumm und mit beengter Brust stand ich da und lieh der Tränen freien Lauf. Langsam schlich ich durch die laugen Reihen von Gräben: durch. In vollem Schmerz las ich die Namen derer, mit denen ich einstens so viel gescherzt, gelacht, gesungen und getanzt habe. Dort schlummern sie und ihre freundliche Stimmen wird mein Ohr niemals wieder hören. Auch ich sehne mich bald nach Ruhe. Im allgemeinen scheinen sich die Zu st an de bei der Landbevölke rung viel, und zwar zum Besten, geändert zu haben. Sie haben bessere Schulung, bessere Kleider, besseres Benehmen und bessere Nahrung. Ein Rätsel ist es für mich, wie bei fünf Mahlzeiten den Tag die V:rda::ungsvrgane ihre Funktionen zur Befriedigung ausführen können, wo hier bei uns mit drei Mahlzeiten täglich, schon viel über Unvcrdaulich- keit geklagt wird. Die früheren Spinnstuben in den Dörfern scheinen in Oblivion geraten zu sein. Das Agitieren einiger Geistlicher damals, die Spinnstuben als gemeinfchüdlich zu erklären, wäre demnach überflüssig geworden. Gar manche frohe Erinnerung knüpft sich noch an jene Spinnstubenzeit. In den Jahren 1848 und 1849 lieferte ich anonyme Beiträge für den ,Der jüngste Tag', Mehr Dich', Milde giose' usw., ,Aus der Bauernspinnstube', was mir später Unannehmlichkeiten bereitete. Der damalige Landrichter Ploch in Gießen, ein herzensguter Mann, warnte mich später, davon abzulassen, da Schnüffler aufgespürt hätten, wer der anonyme Schreiber sei. Nun, Schwamm drüber. Es schweigen alle Flöten. Auch mich hatte der damals von Frankreich, in den Märztagen 1848, herüber- kommende Freiheitssturm angehaucht. Die akademische Jugend von Gießen war begeistert für die Sache der Freiheit; auch die Bürger wetteiferten mit den Studenten in Demonstrationen, Exerzieren usw. Volksversammlungen wurden abgehalten und oft zeitgemäße, aber auch oft unvernünftig und unausführbare Forderungen an die Regierung gestellt. Die Bauern begnügten sich bloß mit einer Petition an die Regierung, um das Laub in ihren eigenen Waldungen zusammenrechen zu dürfen, nur es als Streu für das Vieh benützen zu dürfen. Gar manche lächerliche Szenen wurden dabei aufgeführt. Unter den meist begeisterten Verfechtern der Sache befanden fich die folgenden Studenten: Rudolph Fendt, Friedrich Otto Schenck und August Becker. Sie alle haben das Zeitliche gesegnet. Mehrere bedeutende Staatsmänner und Gelehrte in den Vereinigten Staaten habe ich getroffen, welche die Vorlesnngen auf der Universität in Gießen' gehört und die die Oertlichkeiten der Stadt so genau wieder gaben, daß es meine Bewunderung erregte. Hier einige Namen davon: Cassius M. Clay, bedeutender Staatsmann und früher Ber. St. Gesandter irr Rußland; Richard Nates, voruraliger Gouverueur und Wer. St. Senator von Illinois u. m. a. Für die v'elen Beweise vor: Freundschaft und Zuvorkommenheit von nie' t dortigen Freunden, die mir während meiner neulichen Ski . s'eeise zu teil wurde, sage ich meinen herzlichen Tank. Achturrgsvollst zeichnet Louis Kimmel. Wie sah Jesus aus? Ter Maler Ludwig Fahrenkrog sucht im „Türmer" (Verlag von Greiner & Pfeiffer, Stuttgart) nachzuweisen, daß der herkömmliche Christustyp nicht echt sei. Jesus, der runter dem Sternendome Gethsemanes seine Nächte zubrachte, der einsam an wüsten Orten oft und viel den Vater suchte, des Wahrheitsliebe glühender Gottesliebe voll, dem Kinde, dem reuigen Zöllner, der büßenden öffentlichen Dirne voll wahrhaft großer Liebe den Weg zum Himmelreich wies, dessen Worte Gewalt waren und dessen Geistesmacht Jahrhunderte; _________■' •________________________________________________________________________- —— * li-ü— — 723 —- bewegte, dessen Sebert und Seiden dem Inhalt seiner Sehre gleich war, und dieser Mensch sollte durch jenen, oft wunderlich süßen, mit langen Socken und wohlgepflegtem Spitzbart, durch jenen durch die Tradition geheiligten ChristustYP verkörpert werden können? (Ev. Matth. 11, B. 7, 8.) „ Tas erscheint dem Wesen Jefn entsprechend unmöglich. Wer nicht nur Jesu Wesen ist in den herkömmlichen Chrtstusdarstell- ungen vergewaltigt worden, sondern auch seine Süßere Einkleidung rnbezug auf Bart uiid Haar, denn: Jesus trug keinen Bart und das Haar kurzgeschnitten. „ Beweis: Wenn wir uns um bt_e ersten Christnsdarstellungen der ersten Jahrhunderte nach Ehristo bemühen, so erfahren wir die bekannte Tatsache, daß die Darstellungen Je,u bis ms vierte Jahrhundert (mindestens!) bartlos sind und nur m Betrefs der Haartracht die hellenistische von der alexandrinischen Austastung abweicht. Diese zeigt kurzes, jene etwas längeres Haupthaar. Mtt- hin wäre das Bartlose sicherer als das Kurzhaarige. Das ,Kurz- haarige wird aber durch die Aussagen der Bibel zur zwingenden Gewißheit. _ Unter den Juden trugen nur die Nasiraer langes Haupthaar. Weil Jesus ümt Nazareth benannt wurde, war er noch kein Nasiräer. Das Widersmach einmal seinem Wesen, ein andermal den Tatsachen. Da Jesus vermutlich auch Wein trank, sicher aber zu Toten einging, so konnte er nicht Nasiräer fein, denn nach 4. Mose 6, B. 3—10 durfte der Jünger Nasirs nicht Wein trinken, noch zu Toten eingehen. War Jesus aber fein Nasiräer, so trug er den Juden gleich das Haar kurz. Und wenn uns dies noch nicht genügte, so redet Paulus im ersten Kv- riutherbrief Kap. 11, B. 14 eine so unzweideutige Sprache, daß, wer sich auch nur ein ganz klein wenig auf Psychologie versteht, unmöglich zu der Annahme eines langen Haupthaares bei dem, von Paulo über alle Maßen geliebten und verehrten Herrn und Vorbild gelangen kann: denn Paulus sagt hier der Gemeinde mrz und klar: „Es ist dem Manne eine Unehre, so er lange Haare zeuget, für das Weib hingegen eine Ehre." Paulus aber stand der Zeit Jesu jedenfalls nahe genug, um zu wissen, ob er nicht durch feinen Ausspruch Jesus selbst an den Pranger stellte. Hätte Jesus langes Haar getragen, so konnte Paulus das Tragen längeren Haupthaares vielleicht verbieten, weil es eine Anmaßung wäre — aber eine Unehre?! Wir fragen uns erstaunt, wie aber wurde die Wandlung möglich, wenn die Kunstgeschichte, die Bibel und die Sitten der Israeliten sich zwingend in einer Aussage decken? Das konnte nur durch ein Wunder geschehen — durch Wunderberichte! Eusebius, der Kirchenhistoriker und Bilderfeind, ward von der Konstantia (Kaiser Konstantins Schwester) um ein authentisches Bild Jesu gebeten, und Eusebius erzählt, daß er einst von einem Weibe zwei Philosophenbilder erhielt, die angeblich Paulus und Christus darstellten. (?) Wir fragen umsonst: „Wo bekam das Weib im 4. Jahrhundert die Bildnisse har?" „Tie angeblichen": und: „Warum muß der Philosoph notwendig bärtig sein?" Diese und ähnliche Legenden, insbesondere aber die Berichte von, Personen, denen Jesus erschienen sein sollte, schufen den traditionellen Christns- typ. Und diese Berichte konnten das Authentische der Christus- bitdcr in den Katakomben Roms, wenn sie etwas anderes aussagten, . verdächtigen, und konnten unter Hinweis auf Roms Göttergestalten glaubhaft machen: jene Darstellungen seien nur Symbol — nicht Bildnis. Daß Zeus bärtig war, und daß Petrus mit Vollbart, Paulus mit Spitzbart anstandslos ebendaselbst gegeben waren, wurde übersehen. Trotzdem. Es wird gesagt, daß der in das Christentum eiitge'oritngene Hellenismus im 4. Jahrhundert durch eine orientalische Flutwelle überholt wurde, welche Flut uns dann auch den bärtigen Typus nicht nur, sondern zugleich ein wirkliches Bildnis Jesu gebracht haben soll. Wir vergegenwärtigen uns: Nachdem im 4. Jahrhundert die Stätte der frommen, Ueber- lieferung von Grund aus zerstört war, versuchte Hadrian im Jahre 130 Jerusalem als heidnische Stadt aufzubauen und in die römische Kolonie Aelia Cnpitoliua zu verwandeln. Den Juden war bei Todesstrafe der Zutritt zur Stadt verboten und an Stelle des jüdischen Heiligtums ein Jupiter-Capitolinus-Tempel errichtet. 326—335 wurde Jerusalem erst offiziell unter Konstantin eine christliche Stadt. Man vergegenwärtige sich nun: die Zerstreuung der Juden, die Mission der Christen, welche beide Faktoren, wenn über das Aussehen Jesu Wichtiges urti> Richtiges zu sagen war, dieses schon im 4. Jahrhundert bewirkt haben mußten. Wenn daher die Darstellungen Jesu bis ins 4. Jahrhundert bartlos waren, so waren sie schon von Jerusalems Wissenschaft beeinflußt; nur die künstlerische Darstellungstechnik war hellenisch oder alexandrinisch, nicht aber das rein menschlich Wissenschaftliche, was jenseits des künstlerischen Stils lag. Was aber konnten denn Jerusalems Christen auch so lange verschweigen, was zu wissen gewiß der Gemeinde, sicherer aber noch den darstellenden Künstlern, wichtig fein mußte? Die osten angeführten Gründe beantworten diese Frage: Sie hatten nichts verschwiegen. Trotzdem siegte das orientalische Wunder mit seiner bärtigen, die übermenschliche Würde personifizierenden Christusgestalt über den sonnig Hellen und schönen, hellenistischen Jüngling. Der kirchlichen Auffassung entsprach eben zunächst die strenge Erhabenheit des Weltversohners, wie ihr später der Renaissance- thp des Masters Dürer: „Der Gott der Siebe" entsprach. (Eine bartlose Christusstudie von Leonardo da Vinci und Michelangelos Christus auf dem jüngsten Gericht sind seltene Ausnahmen von der Ueberlieferung.) Weihnachts-Literatur. — Bertha v. Suttners Gesammelte Schriften. Lieferung 2. Dresden, E. Piersons Verlag. Preis 0,40 Mk. Eina Charakteristik der berühmten Schriftstellerin aus der Feder Leopold Kaischers leitet das Werk ein. Die Ausgabe beginnt mit dem Gesellschaftsroman „High Life“. Ten Vielen, die in B. v. Suttner nur die Friedensvorka'mpferin verehrten, wird hier ein Ucberblick geboten über ihre schöpierische Tätigkeit. — Einen neuen Jahrgang von Kinderlust, ein Jahrbuch für Knaben und Mädchen von 8 bis 12 Jahren von F r t e d a S ch anz (Preis 5,50 Markt hat der Verlag Belhagen & Klasing, Bielefeld und Leipzig, hcrausgegebe». Kinderlust ist eines der vor- nehnisten und beliebtesten Kinderbücher. Ter vorliegende zivöllte Jahrgang bringt eine solche Fülle von kleinen Erzählungen, Märchen, Gedichten, allerlei Beschäftigungsspielen und Rätselauf- gaben, daß er Hellen Jubel bei feinen kleinen Freunden erwecken wirb. Zahlreiche bunte Vollbilder, Holzschnitte und kleinere Ab- bilbimgen, alle von feinem unb zarlcm Geschmack, erläutern ben Text. — OllY Dolly Dikh, diesen Titel trägt daS illustrierte Kinderbuch, das die Wiener Dichterin K o r y T o w s k a und der Kunstmaler Paul Haase zusammen für den Weihnachtstisch geliefert haben. Kory Towskas Verse sind erfüllt von sprudelndem Humor, Paul Haases farbenreiche Bilder werden durch ihre drollige Komik die Herzen von Jung unb Alt erfreuen. Das Dreigestirn Olly Dolly Diky, zwei drollige Jungen und ifc kleines Schwesterchen, zeigt sich in allen möglichen drolligen Situationen mit all ihren ulkigen Unarten, ihrem Zerstörungstrieb, ihrem Unternehmungsgeist und ihrer Zusammengehörigkeit. Das Buch wird, wo es hinkommt, Freude bereiten. Preis geb. 2.50 Mk. Neue Bücher. (Besprechung erfolgt nach Auswahl. Eine Verpflichtung zur Besprechung unb zur Aufbewahrung unverlangt etngefanbter Bücher wird nicht übernommen.) Wie liest mau e i n e n K u r s z e 11 e l? Von HandelsschuU direktor Dr. Caleb. Stuttgart, Muth. 29 S. Mk. 1. Kaiser Wilhelm II. unb die Byzantiner. Von Graf E. Reventlow. München, Lehmann. 197 S. Mk. 3. D a m e u f o 1 e n b e r f. gute u. f ch l i m m e D a m e n. Haste, Marhold. 208 S. g. Das Nibelungenlied v. Max Burckhard. (Die Literatur, herausgegeben von Georg Brandes. Band 26.) Mit elf Vollbildern und drei Faksimiles. Verlag von Bard, Marquardt u. Co. in Berlin W. 50. In Originaleinband Mk. 1.50. Friedrich Kl u'g e, Unser De usch. Einführung in die Muttersprache. („Wissenschaft und Bildung." Einzelbarstellungen aus allen Gebieten des Wissens. Herausgegeben von Privatbozent Tr. Paul Herre in Leipzig. 1. Bändchen.) Verlag von Quelle unb Meyer in Leipzig (geb. Mk. 1.25). O11ocar Webe r. Von Luther z u B i s m a r ck. Zwölf Charakterbilber aus beutseher Geschichte. 2 Bänbchen. („Aus Statur unb Geisteswelt." Sainmlung wiffensthastlich-gemeinverstänbltcher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. 123. unb 124. Bändchen.) Verlag von B. G. Teubner in Leipzig (gebunbei; Mk. 1.25) Ernst Otto Nobn agel, „Käthe E l s i n g e r". Berlin „Harmonie". Böls ch e, Wilh., „I m S t e i n k o h l e n w a l d." In farbigen Umschlag, reich illustriert. 96 S. Mk. 1.—. Verlag des Kosmos, Gesellschaft der Naiursremide (Geschäftsstelle: Franckhsche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart). Illustrierte Romane von Balduin Moll Haus en. Reisen und Abenteuer. Inhalt der 1. Lieferung: Ter Fährmann am Kaitadiait. Verlag von Paul List, Leipzig. Preis jeder Leferung 30 Pfg. Der Kronprinz und „die lustige Witwe". Von Eduard G o l d b e ck, Verlag von Friedrich Rothbarth, Leipzig. Ergänzungsrätsel. Nachdruck verböte: K.. n . r g .. t z.. H .. m . l .. n, D .. n.. h. . a . . u. . r.. n; W..s. w..I .i. I.. e. s.. n, N.. m. n. w .. l e. w . r.. n! Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nunnnerr Pfeife (zum Tabakraucheit), Pfeffer. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'fchen Universttäts-Buch- und Steindruckeret. R. Lange, Oltßat,