Samstag den 10. Hlovemöer 1906 Ä®. BHä BJ®I LI ■ u. WWW EW-WiJW Zm Banne des Gel-eiumisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verbotet. (Fortsetzung.) 37, Kapitel. Wicdererkannt. Werner wünschte Jack gerade gute Nacht, nachdem er ihm versprochen, ihn am folgenden Tage zu besuchen, als der Diener die Tür der Halle öffnete und Miß West über die Schwelle trat. Werner wußte ganz und gar nicht, was seinen Bruder so plötzlich anwandelte, denn Jack fuhr sichtlich zusammen und konnte nur mit größter Mühe einen Ausruf der Ueberraschüng zurückhalten. Sein Gesicht wurde leichenblaß und seine Augen blickten wild. „Was gibt's, Jack?'' fragte sein Bruder. „Nichts, nichts." Doch Iack's Stimme war heiser und unsicher. Dann kam Miß West, die Werner sofort erkannt hatte, auf die beiden zu und reichte Werner die Hand. Jack erkannte sie sofort wieder. Ja, das war das freundliche, angenehme Gesicht, zwar nicht schön, aber so anmutig und nett durch seinen Ausdruck. Genau denselben Blick, den sie vor Jahren auf Werner gerichtet, als cr da lag und schlief, warf sie auch jetzt wieder auf ihn. Jack ivar erstaunt — allzu erstaunt, als daß er auch nur ein Wort hätte hervorbringen können. Es war kein Irrtum; diese Frau, die da stand und Werner so freundlich die Hand drückte, war genau dieselbe verschleierte Dame, deren Besuch seine Neugier wachgerufen und in ihm den ersten Gedanken an das Vorhandensein eines Geheimnisses erweckt hatte. „Miß West," sagte Werner, darf ich Ihnen meinen Bruder vorstellen? — Mein Bruder, Jack Jefferies, der von Elton hcrübergekommen ist, um mich hier zu besuchen." Jack, der seine Augen scharf auf sie gerichtet hielt, sah, wie sie plötzlich zusammenzuckte; ihre Lippen erblaßten und ihr Gesicht veränderte sich — augenscheinlich machte sie eine gewaltsame Anstrengung, eine plötzliche Erregung zu unterdrücken — dann wandte sie sich zu Jack. „Ich hoffe. Sie werden Freude von Ihrem Besuche hier haben," sagte sie. Beider Blicke trafen sich einen Augenblick, und eine plötzliche Wolke der Furcht verdunkelte und vertiefte Marians Augen. »Ich weiß etwas," sagten Iack's Augen. Und sic dcutcte deren Ausdruck richtig. Eine kalte, schleichende Furcht legte sich ihr auf's verz; es schien ihr beinahe zu stocken, als sie die gierig forschende Neugier in diesen dunklen Augen sah. Dann bemühte sich Marian, sich von dem Schrecken zu erholen; sie zog den roten Abendmantcl fester um die Schultern und schauerte zusammen. „Ist Ihnen kalt, Miß West?" fragte Werner; „es war heute doch ein fast frühlingsmäßiges Wetter." „Ich bin nicht sehr kräftig," gab sie zurück, „und friere leicht." — Es lag ein leichtes Stocken in ihrer Stimme, und Werner fand ihr Benehmen merkwürdig. Plötzlich sah sie ihn voll an. .Sagten Sie nicht, daß Ihr Bruder Sie zu besuchen gc- komnicn?" fragte sie, „um ein paar Tage in London zu verbringen, nicht wahr?" „Jawohl," antwortete Werner, „Jack hat sich auf ein paar Tage frei gemacht." „Halb Geschäft, halb Vergnügen," unterbrach Jack; und schon vor dem Ton seiner Stimme bebte sie mit Widerwillen zurück. Miß West sprach nochmals kurz mit Werner und ichwebte dann, mit leichter Verbeugung gegen Jack, davon und ver- schivaiid im Hintergrund der Halle diirch eine Tür. „'ne seine Frau," sagte Jack kritisch, „stattlich und gut gebaut; aber etwas stolz, scheints." „Das ist nur so ihre Art," sagte Werner, der sie selbst sonderbar gefunden." Und Jack dachte mit großer Genugtuung: „Ich weiß etwas, das ihren Stolz vielleicht ein bischen klein machen Im nächsten Augenblick war er wieder über die Schwelle des Hauses getreten, ivo das Geheimnis verborgen war, und stand unter den Sternen draußen allein. Allein, mit fiebernden Schläfen und jagenden Pulsen. Er ivar endlich auf der Spur. Er hatte sie wieder erkannt, und sie war der Mittelpunkt des Geheimnisses selbst — sie hielt alles in Händen. _ _ . Was war das? Warum war diese große Dame, deren Platz unter dem ersten Sibel des Landes war, zum Hause seiner Miittcr gelommcn, um dort über Werner zu weinen? Sie war von vornehmer Geburt und reich ; welche Gemeinschaft bestand zwischen seiner Mutter und ihr? Plötzlich fleht Jack unter den flimmernden Sternen still. Ein Gedanke ist ihm gelommcn — eine Deutung dcs Geheimnisses, die ihm für den Augenblick ordentlich m die Beine gefahren ist; tatsächlich, cr schwankt unter der Wucht des 663 Gedankens wie ein Berauschter. Hochgebaren und reich mag sie fein, stolz und makellos mochte sie auch fein vor den Menschen, aber er mußte es anders — Werner war ihr Sohn. Je mehr er darüber nachdachte, desto sicherer wurde er feiner Sache. Wie es war, die näheren Umstände, das alles ging ihn nichts an; es war ihm einerlei; aber die Tatsache schien ihm einfach und selbstverständlich genug: Werner war ihr Sohn, und sie mußte dies vor jedem geheim halten; deshalb hatte sie ihn bei seiner Mutter untergebracht und dieser Geld gegeben, wovon sie lebte und wofür sie stillschwieg. Miß West wars, die die Kiste mit den Büchern geschickt; sie ivars, die alle diese kostbaren Geschenke genmcht halte, und ohne Zweifel war es auch mir auf ihr Betreiben hin gefchehen, daß er jetjt als Sekretär bei den Romseys war. All dieser Unsinn, daß er dem jungen Erben das Leben gerettet hatte, war ja ganz nett für die Leute, die nichts von der Sache wußten; ihm, dem Wissenden, konnte es aber nicht im geringsten imponieren. Seine Gedanken unb Folgerungen schienen sämtlich lichtvoll, klar, einfach, selbstverständlich. Es war nicht an der Richtigkeit der Sache zu zweifeln. Werner Jefferies, der als sein Bruder und der Sohn seiner Mutter galt, war in Wirklichkeit der Sohu dieser Frau, die ihr Geheimnis so viele Jahre hindurch so gut zu verbergen gewußt. „Und ein sehr nettes Spielchen ist's gewesen," sagte er sich, „ein sehr ruhiges, niedliches Geschäftchen. Meine Mutter hat bequem davoit gelebt — ich muß mehr davon haben. Wenn ich's bewahren soll, muß ich einen guten Preis haben, einen weit besseren Preis, wie sie gehabt hat." Er glaubte das Schlimmste von Marian West; glaubte, daß sie, die als Frau von makellosem Rufe galt, tatsächlich keinerlei Recht daraus habe; . doch fein Gefühl des Mitleids oder Bedauerns für die Frau, die eine solche Bürde einsam zu tragen hatte, rührte sein Herz. Mit keinem Gedanken dachte er daran, was sie leiden und ausstehen mußte, wo sie fand, daß das Geheimnis, das sie so sorgfältig gehütet, jetzt ihm bekannt war. Er ignorierte sie vollständig; ihre Person kam ihm nur soweit in Betracht, als er daran dachte, was er bei dem Geschäft aus ihr herauszuschlagen hoffte. Er hatte so lange auf ein und derselben Stelle gestaiiden und halb wild, halb geistesabwesend vor sich hingestarrt, daß die Passanten aufmerksam auf ihn wurden, mehr als einmal hatte der Polizist an der Ecke ihn schon verdächtig scharf ins Auge gefaßt, nun lachte er laut auf, daß es durch die Straßen schallte, und schritt seines Weges weiter. „Ich hab's gefunden! Ich Habs gefunden!" frohlockte er innerlich. „Das Geheimnis, wonach ich all diese Jahre hermngctappt habe, ist endlich mein!" Er war viel zu aufgeregt, um daran zu denken, sich auszuruhen oder zu Bett zu gehen; er wollte alles ausführlich überlegen, sich entscheiden, welchen Plan er verfolgen und wie er Marian West von seiner Entdeckmig in Kenntnis setzen solle. „Sie soll mich gut bezahlen," sagte sich Jack, „sie scheint reich genug. Sie hatte Diamanten am Halse und an den Armen, woran ich mein Leben lang genug hätte. Sie soll mir genug geben, daß ich so leben kann, und ich will ihr Geheinmis dann treu bewahren, wie es meine Mutter vor mir getan hat." Das schien Jack die einzige Schwierigkeit bei der Sache — wie viel würde wohl für ihn genügen? Wie viel sollte er fordern? „Ich werde es ganz geschickt deichseln", dachte er. „Ich werde sie beiseite nehmen und ihr sagen, daß ich alles hon der Abbotsviller Affäre weiß — daß ich alle Beweise habe, daß Werner ihr Sohn ist; daß aber alles ganz gemütlich und nett sich arrangieren läßt, wenn sie sich zu was Hübschem herbeiläßt; es ivird dann gar keine Not haben — älles ist dann in Ordnung."- So dachte et; so legte er sich seine Pläne zurecht, mit der vollständigsten Rücksichtslosigkeit gegen alles und jedes was sein eigenes Interesse nicht berührte. — Marian West hatte sich umgekleidet und war ins Gesell- schaftszrmmer gegangen^ Jeder der dort .Anwesenden wär zu gutherzig und zu wohlerzogen, um irgendwelche Bemerkungen über Jack zu machen; seine Tölpeleien und Absonderlichkeiten waren ohne Bemerkung passiert. Es war aber doch eine Erleichterung für alle, als er ging, und Marian an seine Stelle trat. Alan liebte und verehrte sie so allgemein, wie gütige, edle Frauen stets verehrt werden, und trotz des einen verhängnisvollen Irrtums in ihrem Leben war Miß West aller Hochachtung und Per- ehrung auch tatsächlich wert. „Wie angegriffen dir heute abend aussiehst, Marian!" bemerkte Lord Wayne Sie bemühte sich, die lähmende Furcht abzuschütteln, die ihr so kalt und schwer auf dem Herzen lag. „Was ist's nur?" fragte sie sich voll Schrecken, „was! ist nur über mich gekommen? Warum bin ich so nervös beim Anblick dieses jungen Mannes geworden? Kanu es etwas Natürlicheres geben, als daß er seinen Bruder besuchen kommt? Gerade der Umstand, daß er es getan, be- weist, iöie ganz und gar nichts er mußte. Und doch, was bedeutete dieser Ausdruck in seinem Gesicht? Was sagten feine Augen, als sie den einen Moment so listig und tückisch in meine blickten?" Als sie sich den Blick vergegenwärtigte, wurde cs Marian West beinahe schlecht vor Schrecken — kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Als die Besucher sich sämtlich verabschiedet, und die glücklich strahlende Elsie „Tantchen Marian" schnell zu- geflüstert: Balduin wolle sich nicht mehr zufrieden geben, sondern partout den Hochzeitstag festgesetzt wissen, — trat Lady Wayne zu ihrer Schwester. Sie schlang den Arm um Marians Nacken und beugte ihr schönes Gesicht über ihre verstörten Züge. „Marian", sagte sie, „heute abend hast du wieder das alte sorgenvolle Aussehen wie früher. Was ist's nur?" „Der alte Schmerz", war die Erwiderung; „er hat mich den ganzen Abend über gequält. — Sag, Evelyn, wer war denn der merkwürdige junge Mann, den ich sah, als ich vorhin durch die Halle kam?" Elsie lachte und hüpfte dann schnell fort, um den Verweis nicht mehr zu hören, den die Mama ihr dafür unweigerlich erteilt hätte. „Du hast doch hoffentlich freundlich mit ihm gesprochen?" fragte Lady Wayne schnell. „Es war Herrn Jefferies' Bruder, ein einfacher, ungebildeter Jüngling vom Lande." „Was hat ihn hierher gebracht?" fragte Miß West. „Ich habe Werner sehr gern, wie du weißt", sagte Lady Wayne, „und als er mir erzählte, sein Bruder sei in der Stadt, glaubte ich, es wäre ihm angenehm, wenn wir ihn auf einen Abend zu nus einlüden." Marian sah sichtlich erleichtert aus. „Er sah mir so merkwürdig für einen Besuch ans, daß ich es nicht verstehen konnte, tote er nur hierhergekommen." „Ich habe nie einen so großen Unterschied zwischen zwei Brüdern gesehen", sagte Lady Wayne beistimmend. „Kein junger Prinz könnte feiner gebildet, taktvoller, von angenehmeren Umgangsforinen sein, iöie Werner Jefferies. Es macht mir .Vergnügen, ih>t im stillen zu beobachten, ihn sprechen zu hören, ihn zu betrachten; aber sein Bruder, der arme Junge, ist mehr oder weniger nichts tote ein Bauer." „Brüder sind sich oft ganz bedeutend unähnlich", sagte Marian müde. „Jit diesem Fall ist die Verteilung aber nicht ganz billig gewesen", lachte Lady Wayne. „Werner hat die ganze Schönheit, die gangen Gaben, sein Bruder hat —. geradezu nichts." Sie war überrascht, daß Marian, die sonst so ruhige Marian, sie plötzlich leidenschaftlich in die Arme schloß, küßte und mit. Tränen in den Augen rief: „Auch bei uns wars so, Liebling. Wir sind Schwestern, Kinder einer Mütter; du hast alle Anmut und Schönheit, ich habe nichts." - ! Irl • • N Ni „Nichts?" wiederholte Lady Wayne, „wie, Marian, mein Liebling, ivas wäre ich wohl gewesen ohne dich?^ j v i 88. Kapitel. Das Böse beginnt seinen Lauf. ^Angenehme Nachrichten?" fragte Lady Wayne ihren Gemahl, der mit lächelnder Miene einen gerade eröffneten Brief überflog.. 663 „Ich glaube wohl, Liebling. Der Brief ist von Algernon Wayne, des Inhalts, daß er sich sehr freuen würde, uns auf KenninghM einen Besuch abzustatten, wenn wir im Mai dahin zurückkehren. Er schwärmt von den alten Linden und wie gern er dieselben einmal wiedersehen möchte. Wir haben wohl ein oder zwei Monate ein offenes Haus, nicht wahr?" „Ich denke", erwiderte seine Gattin kühl. Lord Wayne legte den Brief hin und sah sie an/ „Evelyn, du weißt, du bist Herrin in beinern eigenen Hause, Liebling. Ich werde Algernon mitteilen, daß es uns nicht paßt, wenn dir der Plan nicht gefällt." Ihr Gesicht rötete sich leicht. „Warum sollte er mir nicht gefallen, Mortimer?" „Das weiß ich allerdings nicht, aber umsonst habe ich dein Gesicht alle diese Jahre nicht studiert, Eve. Ich glaube nicht, daß deine Zuneigung für Mistreß Isabel besonders groß ist." „Die ihrige für mich ebenfalls nicht. Ich glaube, sie hat es mir nie vergeben, daß ich Lady Wayne geivorden bin; sic wollte den Platz einnehmen." „Sie hätte ihn nicht halb so gut ausgefüllt, wie du, Liebling", scherzte Lord Wayne. „Soll ich schreiben, daß sie kommen sollen?" „Ja", versetzte sie nach einer Pause etivas zögernd. Später erinnerte sie sich an dies Zögern und empfand, daß es nur eine Vorahnung kounnenden Unheils geivesen sei. Lord Wayne schrieb also und lud Algernon und Lady Wayne ein, sie auf Kenniughall gegen Mitte Mai zu besuchen. „Wir verlassen London gegen Ende April; Lady Wayne ist dies Jahr lieber zu Hause als im Bade, sodaß wir von der Stadt direkt nach Kenniughall gehen werden." Wie wenig ahnte er, wie der Besuch enden würde I — * Am Tage nqch der Entdeckung, wie Jack es nannte, begab sich Werner, wie versprochen, zu seinem Bruder, um ihm die Westminster-Abtei und den Tower zu zeigen. Er begriff nicht, was mit Jaek vorgegangen; er fand ihn aufgeregt, verstört, nervös und ganz zerstreut; als einziges Hilfsmittel schien er sich an Brandy und Wasser zu halten, wovon er beständig frische Auflagen vorfahren ließ. „Tas ist das einzige, was mich noch etivas bei Kräften hält", sagte er mit entschuldigendem Kopfnicken zu Werner. „Und was hat dich denn so von Kräften gebracht?" fragte dieser lächelnd. „Bin zu viel im Theater geivesen", >var die prompte Erwiderung. „Brandy wird dir nicht helfen, Jack; cs ist eine schlechte Angewohnheit, sich zur Arbeit oder zum Vergnügen mit Reizmitteln anzutreiben." Aber er predigte tauben Ohren. Jack vertilgte in unglaublich kurzer Zeit die eben angelangte frische Zufuhr, und dann begaben sie sich ins Freie. Jack hatte beschlossen, den Tag daiuit auszunutzen, daß er allerlei Fragen über Miß West stellen ivollte, und er verlor keine Zeit, sondern begann alsbald, Werner nach wohlerwogenem Plane auszuhorchen. „Werner", sagte er, als sie durch das Straßengewühl Londons gingen, „wer ist doch die Dame — weißt du, die gerade nach Hause kam, als ich fortging?" „Das ist Miß West, Lady Waynes Schivester. Die beiden sind sich sehr zugetan. Miß West ist, so lange ihre Schwester verheiratet ist, stets bei ihr gewesen." „Es ist ’ne feine Frau. Ist sie reich?" Werner hielt es für nichts weiter, als etwas Neugier von feiten seines Bruders bezüglich der Leute, die so freund- lich gegen ihn gewesen; er siel sofort in das Netz, das Jack, diese schlaue, junge Spinne, für ihn gewoben. „Doch, ich glaube es wenigstens. Ich meine, ich hätte Snbg Romsey einmal sagen hören, daß Miß West Eigentum habe, das ihr ein Einkommen von viertausend Pfund per Jahr bringe/^ „Ich werde ganz zufrieden mit einem Tausend sein", dachte Jaek bescheiden; „mehr will ich nicht verlangen." Laut fuhr er dann fort: „Miß West, sagst du — sie ist also nie verheiratet gewesen?" „Nein", erwiderte Werner, ^obwohl jeder Mann sich glücklich schätzen könnte, wenn er eine so prächtige Frau bekommen hätte." „Warum hat sie denn nie geheiratet? Ich dachte, wenn Mädchen Geld hätten, brauchten sie keine alten Jungfern zu werden. Weißt Du nicht, Werner, wie das gekommen ist?’’ „Ich habe mal etivas darüber gehört, Jack. Ich glaube, Miß West hatte in ihren jüngeren Jahren ein ernstes Verhältnis mit einem vornehmen Herrn: von hohem politischen Rang — es war ein ausgezeichneter Staatsmann — doch sie gab ihn auf, um ihr Leben ganz ihrer jungen Schwester zu widmen, da die Eltern plötzlich nacheinander starben." „Und sie hat ihn wirtlich aufgegeben?’’ fragte Jack ungläubig. „Jawohl, das weiß ich sicher, weil Lady Romsey sagte, alle Liebe von feiten Lady Waynes könne das Opfer von feiten ihrer Schwester nicht aufwiegen. Sie hat ihn auf- gegeben, und er ist hernach gestorben; ich weiß nicht, wie lange das schon her ist." „Seitdem hat sie keine Freier mehr gehabt, oder doch?" „Daß ich nicht wüßte — ich habe wenigstens nie davon sprechen hören. Wie, Jack, was macht dich so neugierig — du hast dich, doch sicher nicht in Miß West verliebt?" wunderte sich Werner. „Ich weiß gern alles so über die Leute. Jetzt ist sie also wohl in ihrer Art eine große und vornehme Dame; und es hat nie etwas gegen sie vorgelegen —. ich meine,- kein Geschwätz, kein Skandal?" Werners Wangen röteten sich. „Gewiß nicht! Was für eine sonderbare Frage!" „Durchaus nicht sonderbar" ,erwiderte Jack. „Hast du Elton vergessen? Frau Smith sollte eine Lantippe sein; von Frau Burnett wurde gesagt, sie schnapse; von Frau Glasson behaupteten die Leute, sie habe zwei Männer; und von Fräu Bodkin, daß der Junge, den sie ihren kleinsten Bruder nenne, in Wirklichkeit ihr Sohn sei." „Genug, genug, Jack", rief Werner lachend über dies Resümee der Dorf-Skandale; „über Miß West sind keine derartigen Gerüchte int Umlauf; im Gegenteil, ich ferme keine Dame, die mehr verehrt, geachtet und geliebt wird."- „Dann ist das Geheimnis also sicher", dachte Jack trinm-Phierend, „es gibt keinen, der den Preis mit mir teilen kann." Er fragte weiter, bis Werner sich lachend weigerte, weitere Fragen zu beantworten; doch brachte Jack es schließ-, lich doch fertig, sich darüber zu vergewissern, wie stolz Lord Wahne war, und daß die Waynes von Kenninghalli die stolzesten und inbezug auf Ehre makellosesten aller stolzen englischen Pairs waren. „Damit muß ich ihr drohen", sagte sich Jack. „Wenn sie Miene macht, Widerstand zu leisten, oder unangenehm werden will, werde ich sagen: die Pflicht gebeut mir, Lord Wayne Mitteilung von der Sache zu machen. Es wird ja immer von Pflicht geredet, wem: man etwas Unangenehmes tun muß." Ebensoviel Neugier wie für Miß West bezeigte er auch für Elfte. Werner plauderte vor: ihrer Jugend, ihrer seltenen Schönheit, ihren Talenten, ahnungslos, daß er mit jebem' Worte [Del in die Flammen goß. Er erwähnte jedoch kein Mort über die Verlobung mit Lord St. Gilbert; da die-, selbe noch nicht offiziell bekannt gegeben Ivar, glaubte er kein Recht zu haben, darüber zu sprechen. „Lord Wayne und Mylady Wayne halten wohl Wunders was von dieser Elsie?" fragte Jack. „Sie lieben sie außerordentlich; es ist ja ihre einzige! Tochter; ich glaube, sie würden ihr keinen Wtmsch, feilt Verlangen abschlagen, das zu erfüllen in ihrer Macht stände." „Angenommen nun, sie verliebte sich in jemand, der arm wäre, und heiratete den auch; würde Lord Wayne den Mann nicht bei der Hand nehmen und «sich ein großes Tier Ms ihm machen?" " -v "V r. (Fortsetzung folgt.) - 664 - Redaktton: Ern st Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersttäts-Buch- und Sletndruckeret, R, Lange, Gietzea. Bilderrätsel. Nachdruck verboten. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des magischen Quadrats in voriger Nummer Martinstag. Don Richard Staben. , Nachdruck verboten. so, Sabina, das; Sie an den MartiuStag gedacht haben", schmunzelte Rentier Mühlbach beim Anblick des duftenden Gänsebratens, den ihm seine Wirtscyafterien auf den Tisch gesetzt hatte, „so 'ne jut jebratene Martinsjans ist eine jute Jabe S°tte,StU für einen MartinArunk habe ich gesorgt, geehrter Herr Müllbach und zum Kaffee gibt's Martinshornchen, mem lieber Herr Mühlbach", dienerte Fran Sabma cm Abgehen Der Rentier tranchierte den Braten kunstgerecht nnd liest sich ihn wohlschmecken. Aber als er sich die Keuleemverleibte, mußte er unwillkürlich an das imnierhin ausfällige Benehmen Sabma s denk^ Geehrter Herr Mühlbach", hatte sie zuerst gesagt und einen merklichen Akzent auf das „geehrter" gelegt. Und als er sich das Bruststück vorlegte, fiel ihm em, daß sw, schon zwischen Tür und Angel ihn sogar mit „mein lieber Herr Muhlbach apostrophiert und ■ das „Lein lieber" so sonderbar, betont hatte Hm, bei der ehrwürdigen Dame schien heute eine schraube locker 8U Der Schmausende nahm sich vor, sich in seinem kulinarischen Genust nicht stören zu lassen, aber je fester er diesen Vorsatz faßte, desto öfter mußte er an Frau Sabina denken Was sie nur mit ihrer merkwürdigen Rederei eigentlich bezwecken woll.e. -"Ceor Wirtschaftsgeld? Sollte sie haben. Höheren Lohn? Sollte sie auch haben. Oder waren das etwa die Vorläufer eines Attentats auf seine Unabhängigkeit? Alle Wetter, diese Geluste woilte er der Dame schon gründlich austreiben, er wurde ihr das Köpfchen gründlich zurechtrücken. _ Mit einer sehr energischen Geberde schwenkte er, die Serviette, wischte sich den Mund, brannte sich.eme Zigarre an und zog sich in's Nebenzimmer zurück, um im Lehnstuhl dem Geschäft der Verdauung obzuliegen. Im Laufe dieser anstrengenden Tätigkeit vergast er seine Zigarre in Brand zu erhalten, die Augeiilider wurden ihm schwer und schließlich . . . Da schien es ihm, als ob er Stimmen tm Speisezimmer hörte, dazwischen TellergeNapper und Gläsergeklirr: Sabma schien den Tisch abzuränmen. Doch halt, jetzt vernahm er ihre Stimme ganz deutlich: „Das geht denn doch nicht so, Musiöh Fritz, dazu hab' ich meinen alten Herrn doch zu lieb." . „Aus den alten Krauter brauchen Sie keine Rücksicht zu nehmen", — das klang ihm bekannt und nach einigem Nachdenken wurde ihm' klar, daß das der Fritz io ar, der Diener vom Major, der die erste Etage bewohnte. „Aber gestatten Sie mal, „alter Krauter", — das ist doch keine passende Bezeichnung für Herrn Rentier Muhlbach. „Rentier hin, Rentier her, ein Geizhammel der ärgsten Sorte ist er, ein ganz unverschämter Kerl, ein Barbar, der, meiner Liebe im Wege steht. Mit einem solchen Kasfer mache ich nicht viel Federlesens, — Messer her, dem schneide ich die Kehle durch wie einen Martinsgänserich." . „Zurück, Sie Mörder, nur über meine Leiche geht der Weg. Ein Getöse, ein klirrender Fall ertönte ans dem Speisezimmer, i— sie waren handgemein geworden. Schreckensbleich ivar Herr Mühlbach ans dem Lehnstuhl em- porgembren Schweißtropfen perlten ans seiner ©tim, seine Haare sträubten sich, mit schlotternden Knien schlich er zum Speiiezimmer und öffnete die Tür. „ , .... Sabina war dabei, das Tafeltuch zusammen zu, legen. „Ach entschuldigen Sie nur, Herr Mühlbach, dast ich Sie im Mittagsschläfchen gestört habe. Es ist mir eins der schweren Messer herunter gefallen und das hat solchen Spektakel gemacht. Ich werde sofort den Kaffee servieren — —" Herr Mühlbach rieb sich die Augen: int Mittagsschläfchen war er gestört worden, — aber er hatte doch alles so deutlich gehört! „ „War denn Fritz nicht eben hier?" fragte er, als er sich einigermaßen wieder erholt hatte. „Fritz? Was für'n Fritz?" fragte Sabina erstaunt, zurück. „Na, der Diener von Majors", klarte sie der Rentier auf. „Hahaha", lachte Sabina, „der käme mir gerade recht, dem wollte ich schon den Weg weisen. Also soll ich den Kaffee bringen und die Martinshörnchen dazu?" , Also Fritz war nicht da gewesen, der Rentier hatte somit die Mordsgeschichte geträumt. „Ja, ja, den Kaffee", stotterte er noch ganz erregt, „und w!as ich sagen wollte, geehrte Frau Sabina. . . was ich sagen wollte, meine liebe Frau Sabina", — er betonte „geehrte" und „liebe" ganz besonders, — „wenn Sie vielleicht in meiner Gesellschaft ein Täßchen mittrinken und ein Martinshörnchen mitverspeisen wollten. . ." Und wenige Minuten später saßen die beiden in sehr ange- tegtem Gespräch am Kaffeetisch. Weihnachts-Literatur. — Im Suevia-Verlag in Jugenheim a. d. B. erschien: Wer aber nicht hat. Von Helene Christ aller. Brosch. 2 40 Mk. = Helene Christallers neuestes Werk bewegt sich in Mission», und Pfarrerskreisen. Es ist em ernstes Thema, das sie diesmal Gehandelt, eine Illustration zu dem Worte Jesu: .Wer aber nicht hat, dem soll auch das genommen werden, was er hat." Helene Christaller hält sich frei von irgend welcher, selbst verhüllter Tendenz. Es sind nur die Menschen, die sie mter- essieren, und wo sie das „Warum" ihres Schrchals nicht deuten kann, läßt sie ehrlich ein Fragezeichen stehen, das den Leser lockt, selber weiter nachzndenken. Im vorliegenden Buch sind eine ganze Reihe religiöser Menschen gezeichnet: Veralte Missionar mit seinem engen Gesichtskreis itnb der religiösen .me.se ; sein jüngerer Kollege, der streitbare Mann der Tat;, der kluge, menschenfreundliche liberale Dekan: der zerfahrene, innge Theologe mit seinem Sinn für Hohes und semer Kraftlosigkeit es zu erreichen; das kindliche, schwärmeriscg-fronime Mädchen, fte alle zeugen von der feinen Menschenkenntnis der BerfasserlN auf diesem Gebiet. Eine fast leidenschaftliche Liebe zur Natur bricht überall hindurch, versöhnt und verklärt Menschenleid und Men- 'chenschicksal und gibt der Handlung festen Heimatboden unter die Füße. Das Buch ist interessant für alle nachdenklichen Leute, einerlei welcher Richtung sie angehören. — Kortüm, Die Jobsiade, Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen. Neue Ausgabe, mit den Holzschnitten der Originalausgabeii, Zierstücken von Walter Tiemaiin und einer Einleitung in Versen von Otto Julius B i e r b a u m. Leipzig, Insel-Verlag, in Pappband Mk. 6. — Es hieße offene Tnren em- rennen, wollte man zum Lobe der Jobsiade nocy etwas sagen. Seit hundert Jahren führt sie ein unverwüstlicges Leben; sie ist für hoch und niedrig zum Volksbuch im eigentlichsten Sinne des Wortes geworden und hat mit ihrem burlesken Humor das Zwerchfell ungezählter Tausender erschüttert. — Es war em. glücklicher Gedanke des Insel-Verlages, dem nnsterblicyen Gedichte vom Kandidaten und Nachtwächter Jobs wieder em,angemessenes Gewand zu geben. Er hat cs in dem Format der Originalausgabe mit schönen Frakturlettern auf graneS Fließpapier neu drucken lassen und die alten Holzschnitte in ihrer ursprünglichen Große getreu wiedergegeben. Bierbaiim aber, der wohl der berufenste zazu war, hat der neuen Ausgabe eine gereimte Einleitung mit auf den Weg gegeben, die wie ihr Gegenstand von köstlichem. Humor durchtränkt ist. Das Buch 'wird ohne Zweifel titele Freunde finden. • „ — Bei Schmarl und von seefeld Nachf. tit Hannover erschienen Die Oden des Q. Horatius Flaccus in freier Nachdichtung von Alfred Hesse. Preis: brosch. 3.75 Mk — Diem Nendichtung ist vortrefflich. Wir freuen uns, m der Ueberiulle der Hesseschen Gedanken die allvertraute Lebensanschauung des römischen Dichters wiederzusinden, wir freuen uns der Form, in die Altes und Neues gegossen ist, eine markige Form tu schöner Sprache mit herrlichen Bildern und glühender Farbenpracht. Wer die herrlichsten Blüten der Gefühlsdichtung der Alten genießen will, ohne sich mit Gelehrsamkeit zu beschweren, der greife zu Hesses Nachdichtung. Daß alle Schulbibliotheken sie an,chatten, halten wir für ebenso selbstverständlich, wie daß die Vertreter des Fachs sie ihrer Handbibliothek emverleiben. Und die große Mas,: der Gebildeten, deren Latein ja doch vielfach für den ursprünglichen Horaz nicht ausreicht, und die sich dennoch erquicken wollen an dem unerschöpflichen Born antiker Lebensweisheit,, fie mögen nur getrost zu Hesses Uebersetzung greifen. A L M A L E, A N M A B 8 A N 8 E