1806 Nr 116 Krertag brr W. August ajjjra GWW Vtz i Der Stern. )ir)ma:t von Ulrich Fran k. Nachdruck Ucrbotctt.- (Sortfefcung.) „Jedenfalls steht eines fest. Die Weiber haben in Guys Leben keine große Nolle gespielt. Solange ich mich erinnere, von irgend einem lebhaften Interesse, von Verlieben, von großer Leidenschaft habe ich nie was gehört/ sagte Karl Viktor nachdenklich. „Das lag wohl daran, daß er aus dein Neste kaum jemals rans kam. Selbst während der Dienstzeit in der benachbarten kleinen Garnison, und dann bald die Last auf den Schultern, da vergeht einem am Ende die Lust am Cour- schneiden unb an Liebesabenteuern/' „Und dann wußte er sich auf dem Gebiete durch seinen Bruder Alfons immer so gut vertreten," neckte die Fürstin. „Na, weißt du, Leuchen, du wirst doch nicht erwarten, daß alle Giersdorfs Duckmäuser sein sollen und Weiberfeinde?!" „Bewahre!"' lachte sie. „Der Niki nämlich ist mir auch lange nicht schneidig genug. Ich dachte, so ein Diplomat in der Familie würde Gott weiß was für friedliche Eroberungszüge in Berlin machen. Statt dessen . . / Der Eintritt eines Dieners hatte damals das Gespräch unterbrochen. Heute erstand cs in voller Lebendigkeit in der Erinnerung des Grafen Viktor, als er jetzt dem Palasthotel zuschritt. Fast fünf Jahre waren seitdem vergangen. In Giersdorf hatte sich wenig verändert seit jener Zeit. Er kam zwar nur selten hin, aber dann fand er Guido und seine Frau immer so wie am Tage ihrer Hochzeit. Kühl, fremd, formell. Eine Ehe ohne Licht und Wärme und, ivas das Traurigste dabei ivar, kinderlos. Man lebte nebeneinander freudlos und gleichgültig, wenn auch äußerlich die Formen gewahrt wurden, die das Standesbeivußtsein und Pflichtgefühl ihnen aufer- legtcn. Guido war von höchster Zurückhaltung in Bezug auf seine persönlichen Angelegenheiten. Viktor war ihm eigentlich nie nähergetreten, und seine Schwägerin war ein so verschlossener Charakter, daß sich zwischen ihr und den Brüdern ihres Mannes keinerlei verwandtschaftliche Intimität heraus- gcbildet hatte. Man sah sich auch zu selten. Nur bei flüchtigen Besuchen dort, zu den Jagden, dann immer int größeren Kreise, der gesellschaftliche Verpflichtungen und ein rechtes Scheinleben mit sich brachte. Oder wenn sie einmal nach Berlin kamen, ivas sehr selten und dann höchstens auf ein bis zwei Tage geschah. Niemals, ohne daß Luise einen Teil davon ihrer Migräne widmete. Wie auch heute. Ein bitteres Lächeln zog um seine Lippen. „Sehr heiter sind die Giersdorfs nicht", dachte er. „Was ist aus all der Jugendlust geworden? Aus den Jugendgenossen? Ernste Menschen! Jeder nur mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Kaum, daß man sich noch Zeit nimmt, an die Kindertage zu denken, und sie waren doch so froh, so voller Gesundheit und Fröhlichkeit. Ob's den anderen auch so geht? Bin neugierig, tute ich sie wieder- finde. Nette Idee von Guy, alle einzuladen. Wenn's nur ein bißchen gemütlich würde. Luise fällt den Leuten auf die Nerven mit ihrer Grandezza. Ein Glück, daß Alfons den Humor behalten hat, denn wie weit Hübner mit dem seinen reicht vor der seriösen Frau Gräfin, bleibt abzuwarten." Unter diesen Erinnerungen und Betrachllingen war er vor dem Hotel angelangt und ging nach dem kleinen Salon, der für das Diner reserviert worden war. Im Vorraum stieß er auf seinen Bruder, der, vor dem Spiegel stehend, sich zurechtrückte und dabei ivohlgefällig betrachtete. „Wird wohl ganze Kolonne vor berühmter Künstlerin Sturm laufen . . ." lachte er, „bin neugierig, wie sie geworden ist in ihrer Berühmtheit?!" Inzwischen hatte auch Graf Viktor seinen Paletot abgelegt, und beide Brüder betraten zugleich den Salon. Graf Guido begrüßte sie. Er erschien etwas unruhig und sagte: „Gut, daß ihr etwas früher gekommen seid. Luise ist noch nicht ganz erholt. Sie will aber trotzdem dem Diner beiwohnen. Hoffentlich bringt ihr etwas gute Stimmung mit. Es hat immer etwas Schwieriges ... so ganz verschiedene gesellschaftliche Elemente ..." „Ach bitte, Guy, sei unbesorgt, aus deut neutralen Boden eines feinen Diners macht sich das ganz gut. Der Sekt hat ungeheuer verbindende Eigenschaften und die ausgezeichnetste)! gesellschaftlichen Qualifikationen ..." scherzte Alfons. „Na, auf dich kann ich unbedingt rechnen . . „Unbedingt!" In diesem Augenblick wurde Dr. Hübner gemeldet. Ein schlanker Mann mit einem liebenswürdigen, offenen Gesicht. Ein blonder Vollbart gab der Erscheinung etwas Strammes, Germanisches. Die blauen Augen ivaren gütig, aber ein Ausdruck von starker Energie lag in ihnen. Die ganze Persönlichkeit machte einen vortrefflichen Eindruck. Man fühlte sich sofort einem Manne gegenüber, der mit einem natürlichen Selbstbewußtsein und mit Würde doch Bescheidenheit und Natürlichkeit vereinte. Fast gleichzeitig mit ihm waren Kantor Brandt uitb seine Tochter erschienen. Graf Giersdorf begrüßte seine Gäste sehr verbindlich und 462 entschuldigte, daß seine Fran nach einige Minuten ansbliebe. Sie sei nicht wähl gewesen und wollte daher erst kommen, wenn der kleine Kreis vcrsannnelt sei, dec ihm die angenehmsten Erinnerungen an die gemeinsame Heimat wecke. Und er sei überzeugt, daß seine Frau, wenn auch die einzige Fremde unter ihnen, sich freue, die atten, lieben Bernstadter Freunde kennen zu lernen. Er betonte diese Worte sehr auffallend und erbat dann einen kurzen Urlaub, um die Gräfin zu holen. In dieser Zeit fanden die „ehemaligen Bernstadter", Ivie Alfons sagte, sich aufs herzlichste zusammen. „Schlage vor, sofort einen Verein ehemaliger Bernstadter zu gründen. General-Intendant wirb so klug sein, Fräulein Brandt dauernd an Opernhaus zu fesseln .. . dann sind wir alle wieder hier beisammen." Er war überaus heiter und liebensivürdig. „Natürlich wir jungen! Aber ist doch enorm lieft, daß auch der Herr Kantor hier ist, und Guido . . . natürlich bei solchem Anlaß I Wer das gedacht hätte, Fräulein Della! Lasse mir natürlich Vorzug nicht nehmen, größte Sängerin des Jahrhunderts bei reizendem Vornamen zu nennen . . . Gestatten doch, meine allcrgnädigsle Landsmännin?" „Gewiß, Herr Graft" „Della I Klingt scharmant! Ganz Mnsik! Höre es ordentlich noch durch die Säle und Korridore in Giersdorf schallen . . . Della . . . Del . . . la . . . Del ..... h! Besonders Karl Viktor leistete darin Bedeutendes, und Hübner." Er verstand, bei allen diese Jugenderinnerungcn lebhaft wachzurufen und sie ins Gespräch zn ziehen. Della, Carl Viktor niid Hans hatten sich rasch an ihr besonders freundschaftliches Verhältnis erinnert. „Ja, und wissen Sie . . . mein gnädiges Fräulein . . oder darf ich . . . darf ich Della sagen?" „Ich bitte darum ... ich hoffe, zwischen uns hat sich nichts geändert, nicht wahr, Hans?" „Bei mir nicht ..." „Also dann, Viki und HanS! Es bleibt beim Alten!" „Das ist reizend! Und ... du ... du .. . erinnerst dich noch, wie wir den Berg hinunterliefen?" „Und unten fast kopfüber angekommen wären, wenn der bedächtige Hans sich nicht vor mich hingeschoben und aufgefangen hätte?" „Ja, der bedächtige Hans hat es beibehalten, den Menschen das Leben zu retten. Hast du auf deinen Kttnftler- fahrten gehört, daß er einer unserer hervorragendsten Nervenärzte ist . . Professur so gut wie gewiß." „Ach . . . Viktor . . ." wehrte er ab. „Ich habe hie und da von euch gehört, nicht allzuviel in der Unruhe meines Lebens." Ein herber Zug trat in ihr Gesicht, das während dieses Geplauders in freudiger Erregung sich belebt hatte, „aber vergessen habe ich nichts . . gar nichts." Mit einem tiefen, befreienden Atemzuge rief sie diese Worte. Hans sah ihr in das schöne Antlitz scharf und prüfend, und dann senkte sich sein Auge in das ihre. Ein seltsames Gefühl durchdrang sie. „Du ahnst vielleicht nicht, welchen Schatz du dir in diesen Erinnerungen bewahrt hast, Della," sagte er ruhig, „und welche feste Stütze, welchen sicheren Anhaltspunkt uns in den Kämpfen des Daseins das giebt, was man aus Kindheit und Jugend sich hinübergerettet in das anspruchsvolle Leben, dem man dann gehört. Moderne Weltstürmer und hyperkluge Lebenstünstler spotten zwar über Tradition und Pietät, und ein unbequemer Ballast scheint es ja oft für den Flug zur Höhe . . . aber es scheint wirklich nur so. Diese Eindrücke und treu bewahrten Beziehungen, wenn sie gute und freudige sind, wie die unseren es waren, geben der Seele ein inneres Gleichgewicht, ein festes Jnsichberuhen, das wohl erschüttert werden, aber nicht völlig verloren gehen kann. Und dann erhöht die Tradition die Würde der Persönlichkeit." (Fortsetzung folgt.) Nachklänge zum Turnv.remsjuöikäum. Prolog gesprochen bei der Weihe der neuen Vereinssahne von Fräulein L. Eule r. Als Frühlingsahnen zog durchs deutsche Land Und in Alt-Gießen freies Bürgertum sich rührte Auch unser Turnverein entstand Der sich als Leitstern damals schon erkürte: Selbstlose Arbeit zu des Vaterlandes Heil! So konnte es der Tnrnerschar nicht fehlen, Und wie der Bürger Gunst i h r ward zuteil Könnt auch die Bürgerschaft stets auf s i e zählen. Mißtrauisch stand ihr deshalb nur entgegen Des allen Polizeistaats enger Geist Der es nicht sehen konnte, wenn sich wollte regen Das freie Menschentum, das Aller Glück verheißt. Es kamen trübe Zeiten für die Turnerschareu, In denen ihrer Ideale sie beraubt, Doch konnten sie im Herzen sich bewahren Den Glauben an die Zukcknft, den kein Teufel raubt. Und statt der wort- und tatenreichen ersten Zeiten Gabs stille Arbeit jetzt int Dienst der Turnerei, Ilm Deutschlands Hoffnung unsere Jugend vorbereiten, Das; sie für alle Znknnst ivohl gerüstet sei. In diesem Sinn wirkten Weisfenbach, Nübsamen, Und noch manch andren Mann man nennen kann, Und wenn auch manchmal ernste Stürme kamen, Der Turnverein bestand sie wie em Mann. So könnt er freudgen Herzens mit erleben Des Vaterlandes Einigung, den Siegeszug der Turnerei, Und stolz dar! heut er sich das Zeugnis geben, Daß er sein Banner rein stets hielt und frei. Was auch die Zukunft noch mag bringen, Die Turnerei steht fester hier als Stein und Erz, Weil stolzem, freien Bürgersinn sie könnt entspringen, Weil sie begründet ist im treuen deutschen Herz. So können heule frohen Sinnes wir begehen Den Tag, da 60 Jahre hier besteht die Turnerei, Als schönstes Festgeschenk vom Himmel mir erflehen, Daß der Vergangenheit die Zukunft würdig sei. Und zu den vielen, die sich heute eingesunden, Gesellen Gießens Frauen, Gießens Mädchen gerne sich Um frohen Herzens laut hier zu bekunden, Daß ihnen nie die Lieb zur Turnerei verblich. Nicht neu ist diese Liebe, sie spendeten vor Jahren Schon unsrem Turnverein die liebe alte Fahn, Die mit ihm manches Glück und manches Leid erfahren, Ihm allezeit voranweht auf ber Ehrenbahn. Den; Banner, das die Turner ost geleitet Zum Wettkampf um den hehren Siegespreis, ©ei. heute selbst ein Ehrenschmuck bereitet, Dem Turnereichenkranz geselle sich das Lorberreis! Ehrwürdge Zeugin aus vergangnen Tagen, Dn bleibst ja stets des Turnvereines höchste Zier, Doch unsre Jugend wills mit Neuem, wagen, Ihr stiller Wunsch war längst ein neu Panier! So nehmet jetzt der Frauen Festesspende, Doch eine Bitte ausgesprochen sei: Daß stets das neue Banner bei Euch fände, Den alten T u r n e r g e i st, die Lieb zur T u r n e r e i k E, H. * Festrede gehalten von Herrn Dr. Ebel. Hochgeehrte Festversammlung! Nicht zur Befriedigung eines flachen Vergnüauugsbcdürsnisses feiern wir Heute abermals — wie der Herr Festpräsident mit Recht hervorgehoben hat, — ein Fest, größeren Stils, vielmehr gilt, wie jene erste Feier, auch die heutige der Pflege hvher Güter. Denn nicht die Ausbildung der Muskeln des Einzelnen erkennt eine Turngemeinde als Selbstzweck, nicht als Selbstzweck das Erringen eines Preises im Wettkampf, vielmehr ist die Förderung . der VoWgesundheit, die Stärkung der physischen und moralischen Wehrhaftigkeit des Volksganzen für den fried- ltchen und, wenn nötig, auch für den blutigen Kampf der Völker ihr edles Ziel. Weit über diesen ersten Zweck hinaus hat aber die deutsche Turnerschaft von Anfang an idealere Ausgaben erfüllt, die ihr einen hervorragenden Einfluß auf die nationale Entwickelung unseres Volkes gesichert haben. «n- .verehrte Festgenossen! Heute, da unser Turnverein die Wiederkehr des Tages begeht, an dem er vor 60 Jahren zn 463 freudigem Wirken zusammentrat, ist es wohl gestattet, rückschauend einen Blick zu werfen auf die Verhältnisse, unter denen seine Gründung erfolgte und unter denen er seinen Zielen zustrebte. Der Wiener Kongreß hatte am Anfang des Jahrhunderts Europa eine neue Gestalt gegeben. Er hatte auch den deutschen Bund geschaffen, aber das Verlangen nach wirklicher unlösbarer Einigung der deutschen Stämme, das unter dem Druck der napoleonischen Zeit in Millionen patriotischer Herzen neu geboren worden war, hatte er nicht erfüllen können. Wohl fehlte es nicht an ernsten Versuchen, namentlich Preußens, diese erwachenden Kräfte machtvoll zusammenzusassen, aber das große Beginnen scheiterte an den Interessen fremd er Nationen, und an dem Widerspruch Oesterreichs. Was in dem deutschen Bund zustande kam, tvar so ziemlich das Gegenteil dessen, was die Patrioten erstrebt hatten. Ebenso unerfüllt blieb die zweite der ausgestellten Forderungen: Freiheit und Teilnahme des Volkes an dem öffentlichen Wesen. Denn die versprochenen Verfassungen wurden von den meisten Fürsten garnicht, von anderen nur nach langem Zögern gewährt. Deutschland sank sür ein halbes Jahrhundert in einen trostlosen politischen Zustand hinab. In einem Briefe vom 31. März 1824 schrieb Prinz Wilhelm von Preußen, unser nachmaliger Kaiser: „hätte die Nation 1813 gewußt, daß nach elf Jahren von einer damals zu erreichenden und wirklich erreichten Stufe des Glanzes, Ruhmes und Ansehens nichts als die Erinnerung und keine Realität übrig bleiben würde, wer hätte damals wohl Alles geopfert, solchen Resultates halber?" Das bezog sich zwar nur auf die Lage Preußens, hatte aber sür ganz Deutschland Geltung. Doch der deutsche Einheits- und Freiheitstraum war nicht ausgeträumt. Je geringer die Hoffnung, umso heißer wurde die Sehnsucht nach seiner Erfüllung. Und die diese Sehnsucht nährten, waren deutsche Turner! . Der alte Jahn Hatte schon vor Ausbruch des Krieges von 1813 ine Jugend zu tnrnerischeni Tun vereint, nm sie zu stählen für den bevorstehenden Kampf. Während des Feldzugs hatte er immer neue Freunde seiner Sache gewonnen. Namentlich die akademische Jugend war es, die er mit seinen Idealen ersüllte. So geschah es, daß nach b_em Friedensschluß der nationale Gedanke zunächst auf den deutschen Universitäten neue. Wurzel schlug und in der Gründung der Burschenschaft seinen Ausdruck fand. Wo man — wie hier in Gießen bei den Schwarzen — glaubte, nia)t m i t den Fürsten zur Einheit gelangen zu können, da wollte man das Ziel ohne sie erreichen und schwärmte sür die deutsche Republ i k. Für die Turnsache selbst war das ein schwerer Nachteil, denn von nun an galt das Turnen für Hochverrat. Ueberall, auch hier in Gießen, tvo schon 1818 das erste größere Turnfest gefeiert worden war, wurden Ende März 1819 die Turnplätze durch die Behörden geschlossen. Es begann die Demagogenhetzc, dann die Zeit, in der von den Erwachsenen heimlich unter beständiger Gefahr ,b es Entdecktwerdens die edle Kiinst gepflegt wurde. Eine Heimstätte aber Hatte sie in den Schulen und dadurch Gelegenheit, turnerischen und vaterländischen Geist in die Herzen der Jugend zu pflanzen. Diese Gelegenheit hat sie treulich genützt. Als int Anfang oer vierziger Jahre sich in Gießen eine neue Turngemeinde bildete, ivar,es wie anderwärts das bürgerliche Eletnent, aus dem sie hervorging. Durch Deutschland ging wieder ein Hauch freieren Geistes. Die liberalen Gedanken, die in den dreißiger Jahren in der Behäbigkeit des Bürgertums sacht eingelullt waren, wagten sich wieder hervor. Lebhafter flutete das politische Leben und abermals waren es die Turner, in deren Kreise von Recht und von Freiheit und Einheit des Vaterlandes geschwärmt wurde. Begeistert sangen sie das gerade damals von Hoffmann von Fallersleben gedichtete Lied der Deutschen: Deutschland, Deutschland über alles, dessen letzte Strophe lautet: Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland, Danach laßt uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand! Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand — Blüh' im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland! Im alten Mißtrauen gegen die Fürsten, die man als Hindcr- ntsse auf „ dem Wege zur Einheit ansah, waren diese Ideen revolutionär und fanden neue Nahrung von Außen her. Es bereitete sich die große Bewegung vor, die am Ende des Jahrzehnts Europa und mit ihm Deutschland erschüttern sollte. Kurz vor dem Ausbruch der Revolution wurde der Gießener Turnverein im Oktober 1846 endgiltig gegründet. Von der Behörde als politisch verdächtig unterdrückt, lebte-er im Ber- borgenen weiter und feierte im Frühlingssturm des Jahres 1848 feine. Auferstehung, um sofort an den Ereignissen hervorragenden Anteil zu nehmen. Nun kam eine Zeit, später von den Einen belächelt, ja ver- spottet, geschmäht von den Andern; eine Zeit, nicht frei von krankhaftem Ueberschwang und politischer Unreife, aber doch voll Schwung, erfüllt von Idealismus, und warmherziger Begeisterung urtb vor allem voll vaterländischen Hochgefühls. . llnter. den Opferwilligsten sind die Turner. In den vor- dersten Reihen kämpfen sie sür die Volksrechte. Ihre Freiwilligenscharen strömen nach Norden, den in ihrer Freiheit bedrohten Schleswig-Holsteinern Hilfe zu bringen. Und so ost in der Folge, die Fahne der ineerumschlungenen Herzogtümer entrollt wird, sind deutsche Turner bereit, Blut und Leben für sie daranzusetzen. Noch 1862 nimmt der Turner statt des Stabes das Gewehr zur Hand und auf den deutschen Turnplätzen, auch dem unsrigen in Gießen, sehen wir statt turnerischer Uebungen kriegerisches Exerzieren. Das Jahr Achtundvierzig hat die deutsche Einheit nicht gebracht. Die ihm folgende Reaktion arbeitete der Erweiterung der Volksrechte entgegen. Aber das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Deutschen sand Ausdruck in den Sänger-, Schützen- und Turnvereinen und in den Verbrüderungsfesten, die sie allerorten feierten. Namentlich in den Turnvereinen sammelte sich die feurige Jugend und es begann ein hoher Aufschwung turnerischen Lebens. Nach kurzem Rückgang im Anfang der fünfziger Jahre nahm auch unser Turnverein teil an diesem Emporstreben, ja, er stand bald in der ersten Reihe! Im Jahre 1849 war L. Ehr. Rübsamen sein Lehrer geworden, ein Mann von nicht geioöhnlicher Tatkraft, dem unsere Stadt neben der Einführung des Schulturnens auch die Begründung der Jugendfeste, die ja eigentlich turnerische Jugendwettspiele sind, und die Errichtung einer Schwimmlehranstalt verdankt. Dieser Mann hat den Verein, nachdem der Tiefpunkt glücklich überwunden war, von 1858 an von Erfolg zu Erfolg geführt. Auf den drei ersten mittelrheinischen Turnfesten waren es Gießener Turner, die jedesmal den ersten Preis errangen. 1860: Gg. Lotz, 1861: Karl Nehmeier und 1862: Hermann Haustein. Der Letztere, der beste Turner Gießens, vielleicht Europas, ging noch im selben Monat als Vertreter seines Vereins nach London, wo er sich bei dem Stiftungsfest des dortigen deutschen Turnvereins ebenfalls den ersten Preis errang. Einen gleichen Preis im Springen und Steinstoßen holte er sich auf dem dritten deutschen Turnfest in Leipzig. Mit Kraus und Rausch vertrat er die Gießener Turner im Mai 1865 bei dem ersten deutschen Turnfest in Paris. Mittlerweile hatte sich die politische Lage gänzlich genähert. Man erblickte in dem Streben nach Einheit nicht mehr einen revolutionären Gedanken. Eine starke Hand, Bismarcks Hand, hatte Preußens Führung übernommen und führte mit ihm auch das ganze deutsche Vaterland dem Tage entgegen. Und heller und heller wurde der Himmel über uns und jubelnd begrüßten die geeinten Brüder Deutschlands aussteigende Sonne. Der deutsche Eiuheitstraum war glanzvoll erfüllt. Verehrte Festgenossen! Die historische Entwicklung eines Volkes ist ewigen Gesetzen unterworfen. Keine dauernde Umwälzung ist die Wirkung plötzlich auftretender Kräfte; sie kann von ihnen den Anstoß erhalten, niemals aber verursacht werden. So konnte das alte deutsche Reich, das 1806 an den auseinander strebenden Interessen seiner Glieder zugrunde gegangen war, nicht nach wenigen Jahren durch einfachen Kongreßbeschluß wieder zusammengefügt werden. Auch 1848 war der Grund sür den Aufbau eines neuen Reiches noch nicht bereitet. Wohl waren wir nahe daran, es bedurfte nur eines Wortes aus dem Munde Friedrich Wilhelms IV. — und er hatte die ihm gebotene Kaiserkrone sich aufs Haupt drücken dürfen. Ein Glück, für die deutsche Einheit war es, daß er das Wort nicht gesprochen hat. Die Kämpfe, die der Errichtung des Reichs unmittelbar vorangingen, wären uns nach Bismarcks Ansicht doch nicht erspart worden — und wer will sagen, ob nicht in ihnen eine vorzeitige, auf schwachen Füßen stehende Gründung wieder zu- sammeugebrochen und damit sür unabsehbare Zeit die end- giltige Einigung unmöglich geworden wäre? Die deutsche Turnerschast hat ihr politisches Ziel nicht als unmittelbare Folge ihres Wirkens erreicht gesehen. Dennoch Hat sie als Hüterin und Pflegerin des nationalen Gedankens in trauriger Zeit an der Gründung des. neuen Reiches ganz besonderen Anteil. Der Schmied unserer Einheit, Bismarck selber, hat — wie er auf der ersten Seite seiner Gedanken und Erinnerungen erzählt — seine ersten deutsch-nationalen Eindrücke in einer turnerischen Vorschule mit Jahn'schen Ueberlieferungen, der er vom 6. bis 12. Lebensjahre angehörte, empfangen. Die Turnerschast hat aber auch unsere Väter in unablässiger Arbeit gestählt für die Kämpfe, denen wir das Reich danken. Und nun wir es haben, sind da die nationalen Aufgaben der Turnerschast erfüllt? Kann sie ausruhen von ihrer Arbeit und sich begnügen mit der Pflege der Leibesübungen? Wohlan, sie hat es seit 1871 nicht getan. Sie ist ihren Ueberlieferungen treu geblieben und auch seitdem allezeit die Hüterin eines freien deutschen Geistes, die Erzieherin des Volkes zu körperlicher und geistiger Tüchtigkeit gewesen. In jüngster Zeit drohen die Kräfte unserer Jugend sich zu z e r s p l i 11 e r n in allerlei undeutschem Sport, der vom Ausland her bei uns eindringt. Da ist es von neuem die Ausgabe der Turnerschast, solcher Zersplitterung entgegen zu treten und die Jugend um ihre Fahne ^u sammeln, um nach guter deutscher Sitte an Reck und Barren, in Sprung und Lauf nervige Männer heranzubilden. Und auch die andere der beiden Aufgaben muß immer von neuem erfüllt werden. Nach den großen Tagen, die der Gründung des Reichs gefolgt sind, kamen andere Zeiten. Nicht mehr, wie vor 30 und 20 Jahren lauscht die Welt auf Deutschlands Wort und beugt sich seinem Spruch. Aus der Wacht müssen wir fein und immer bereit — 464 — zur Verteidigung unseres Rechts. Auch das ist historische Entwickelung nach ewigen Gesehen. Denn das Leben ber, Volker schreitet wie über Höhen, so auch durch Täler. Alls einem Talweg scheinen wir uns jetzt zu befinden. Doch, sollen wir deshalb mutlos zur Seite stehen und verdrossen die Hande in den Schoß legen? Nimmermehr! Unsere Kräfte sollen wir starken zu neuem Ausstieg. Nicht bloß die körperlichen, auch dre geistigen, dass wir snrchtlos und treu eintreten überall da, wo des Vaterlandes Wohl es verlangt. Hier kann und mutz die Turnerschast wieder cinsetzen mit ihrem Erzrehungswerk. U n d wenn sie d a s t u t i n d e m a l t c n f r e i h e i t l l ch e n Sinne, dann wird im deutschen Volke niemals ein Mangel sein an Männern, die mit treuem Herzen und fröhlichem Mut allzeit bereit sind zn freiem Wort und frischer Tat. . In der Gewißheit, daß die deutsche Turnerichaft enigedeuk ihres Wahlspruches „frisch — fromm — fröhlich — frei" immer und ewig diese ihre nationalen Pflichten unerschütterlich erfüllen luirb, stimmen Sie mit mir ein in den Ruf: Die Deutsche Turnsache Gut Heil! Ein Christus-Drama. „Jesus." Eine dramatische Tichtung in vier Teilen (Herodes der Grosse, Tragödie in fünf Auszügen; Der Täufer, Tragödie in fünf Auszügen; Ter Heiland, dramatisches Gedicht in fünf Auszügen ; Jesu Leid, Tragödie in fünf Aufzügen) von Karl Weiser. (Leipzig, Verlag von Philipp Neclam jr.) Als Ganzes ist dieses umfangreiche vierflüglige Werk nicht übel aufgebaut. Manches ist auch mit frischer Kraft und gesundem Sehe» in Daseinsnähe gerückt. Ein genialer Dichter mit Tiefen hat diesen Jesus allerdings nicht geschrieben. Dazu fehlt Weiser, dem Regisseur und Charakter-Darsteller am Weimarer Hoftheater, die Fülle der Sprache, das dichterisch Traumhafte, das intinlive Erfassen ohne Zuhilfenahme des banalisierenden Verstandes. lind doch hat dieses Werk etwas Liebes, Gutes, Mackeres in sich. Manchmal mutets an wie die schlichte Schönheit eines Volksbuches; dieser Eindruck könnte länger vorhalten, wenn nicht genug ost halbe und ganze Szenen dazwischen kämen, in denen phrnsenhmt gesprochen wirb. Zu welchem Zwecke Weiser den Dramen-Zyklns geschrieben hat, das erzählt er selbst in einem Nachwort. Um dem Werke mit seiner redlichen Absicht gerecht $n werben, sei das Nachwort zum Teil hierhergesetzt: „Selbstverständlich iväre bie Ausführung meines Werkes für mich bas erstrebenswerteste Ziel imb zugleich der höchste Lohn für mein Schaffen, wenn so Tausende aus der lebendigen Darstellung des Wirkens und Leidens unseres Erlösers dieselbe Stärkung und denselben Trost empfangen würden, welche ich mir aus diesem heiligsten Stosse geschöpft habe. Aber es scheint mir sehr möglich, das; die Zensur die Ausführung im Repertoire der Berulsbühne verbieten wird. Und doch ist es mmmgänglich, daß ein so hohe Ansprüche an die Ausführung stellendes Werk nur von ersten Berufs- künstlern verkörpert wirb. Ja, ich gestehe hier offen ein, baß ich absichtlich bas Ganze in solchen Dimensionen gezeichnet habe, um einer Wiedergabe durch Dilettanten ober mittelmäßige Bühnen vorznbeugen. — Wie weite nun aber trotz all dieser Schwierigkeiten eine Ausführung zu ermöglichen? Es hat sich zu diesem Zweck hier und an anderen Orten eine Anzahl von Männern zusammengefunden, welche sich zur Aufgabe machen, Festaufiühruugen der Jesus-Dichtung durch das Zusammen- wirfen edelster Künstlerkräfte zu stände zu bringen. Sie wolleil sich Richard Wagners Vorgehen zum Muster nehmen. Sie ivollen Ortsvereine gründen, die dann wieder einen Ausschuß wählen, welcher die Angelegenheit betreiben soll. Durch Patronatsscheine sollen die Soften gedeckt werben. Ei» Bühnenhaus im Herzen Deutschlands wäre zu suchen, in welchem während der Sommerferien diese Feslausführnngen slaltsänben. In erster Linie käme hier Thüringen als Wiege der Reformation und Literatur und Weimar mit seinem neue» Theater in Betracht. Gegen solche Festspiele könnte auch die Zensur nichts eiuzuivenben haben; beim, wenn bas kathol. Bayern seine Oberammergauer Passionsspiele hat, warum sollte bas protestantische Weimar nicht seine Jesus Darstellung haben bürsen?" — „Was soll man im Sommer trinken?" ist eine in ber gegenwärtigen Jahreszeit viel ventilierte Frage, die im 26. Heile der Familienzeitschrist „Z u r G u t e n S t u n d e" (Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin W. 57. — Preis des Heftes 40 Pf.), ein Aufsatz Tr. meb. Lewinskis, behandelt. Hochwillkommen erscheinen bie Fortsetzungen von Horst Bodemers Thüringer Lebensbilder „B a u e r n b l n t" und von Johanna Westphals Eheroman „Die Liebe höret nimmer auf." Zahlreiche Abbildungen beleben Fritz Skowronneks Betrachtung über bie letzte große Länbwi r t- schästliche Ausstellung in Berlin, bereu Wirksamkeit weit über beit Schluß dieser Veranstaltung hinausreicht. Der Dichter Rußlands, schilderte ein mit Porträts ausgestatteter Aufsatz von Dr. Hubert de Talberg. Dcn illustrativen Schmuck eröffnet bas Porträt Rembrandts van Rijn, dessen 300. Geburlsiag der Kunstverlag Rich. Bong bekanntlich mit einem volkstümlichen Liesernngswerk von höchster tt'mstlerischer Vollendung beging. Aus dem übrigen Jlluslrationsmaterial sei baS humorvolle Bild „König Sisowath von Kambodscha in Marseille" hervorgehoben. — R. W. Enzio, Der Krüppel, Roman einer Jugend. Mit Illustrationen von H. Binde. Kürschners Bücherschatz Nr. 513. Berlin, Hermann Hillger, Verlag. 20 Ps. — Es ist die Geschichte eines armen verkrüppelten Jungen, nicht eben reich an äußerem Erleben, aber umsomehr erfüllt von all den kleinen und kleinsten Wünschen und Sehnsüchten einer solchen Knabenseele. Wir gehen mehr durch graue Regentage als durch hellen, warmen Sonnenschein : der junge Dichter erzählt mehr von Leid und Tränen als von Freude und klingendem Lachen. Es muß viel aus feiner eigenen Kindheit darin nachzittern. Und doch klingt das wehe Lied mit einem verheißenden Tone aus: ein arbeitsrohes Leben winkt, durchsonnt vom Glück der Liebe. Und diesem Leben wird die reine (Erinnerung an das Leid der Jugend ein unverlierbares, teures Gut sein. Was Enzio erzählt,. ist schlicht und warm erzählt. Den seelischen Regungen des Kindes und Jünglings wird mit feinem Verständnis und liebevoller Sorgfalt nachgegangen. Man wird das Büchlein mit einem Gefühl der Innigkeit ans der Hand legen. Mode. — Jeder Dame, die durch Wort und Bild über den Stand der Mode unterrichtet feilt möchte, die gute Handarbeiten ausführen will und der daran liegt, über alles orientiert zu fein,- was die gebildete Frau interessiert, sei die bewährte Modenzeitung „Die Modenwelt" aus dem Verlage von Franz Lipperheide, Berlin W. 35, empfohlen. Die Nummer 21 voin 1. August zeigt die Vielseitigkeit dieses Blattes. Sommer-, Reise- uud Sport-Toiletten sind zahlreich vertreten; auch Trauerkleidung ist berücksichtigt. Die Kindermoden und Handarbeiten füllen je zwei Seiten, und für gute Lektüre sorgen ein Roman und dem praktischen Leben dienende Artikel mit Illustrationen. Der vierteljährliche Bezugspreis beträgt 1.25 Mk. Glorreiche Epitaphien ans gottselig e n t s ch l a f e n e Pantofselritter. Von Kassian K l u i b e n f dj ä b e I, Tuiselemaler. Allba in der kühlen Erde Ruhestatt drin Liegt Joseph Wimmerle ohne seine Gattin. Soihane Wohltat, die ihm nie beschieben war tu seiner irdischen Pilgerzeit, Scheutet für ihn allein schon bie halbe himmlische Seligkeit. Wenn ber Herr bereinstens hält sein Weltgericht Hub ER babei auch mich, beit hier begrabenen Cyprian Schlappschuh siecht, Daun wirb ER gnädig winken mir und zn mir sprechen: „Da herüber, Cyprian! Die Schafe gehören zu meiner Rechten l" -k- Frommer Wanderer, bet für den Aktuarius Müller ein bissel, Der an ber Seite seiner liebenden Gemahlin ohne Hausschlüssel Durch dieses Jammertal mit vielen Seufzern ist gekraucht — Zum dunkeln Tor ber Ewigkeit hat er einen Schlüssel ohnebies nicht mehr gebraucht. Hub der Tob mit seinem Knüppel Erschlug auch bieseu Ehekrüppel — Damit erhielt er glücklicher Weise seinen letzten Schlag, Aus beit 16. Juli 1883 siel bet Sterbetag. (Aus der „Jugenb".) Bilderrätsel. Nachdruck verboten. Auflösung in nächster Nummer. ttünchen Paasaa Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Arbeitsamkeit ist die beste Lotterie. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der V rübl'Icken Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, ©ießttt»