BHif fKjiiS|Wra ÄS Dem Wahren, Edlen, Schönen. (Sin Großstabtroman bon gebot u. Zobeltitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Im dritten Akt hielt die Stimmung bis zur Mitte an. Tann kamen die verhängnisvollen letzten Szenen, an denen Rafasli Monate und Monate lang gearbeitet, die er immer wieder umgeworfen und die ihm durchaus nicht hatten gelingen wollen. Es tvar toie ein plötzliches Verlöschen der Kraft. Tie Musik verblaßte, die Trivialität in den Rezitativen wirkte grotesk; ein Lied des Fräulein Stregler (Blumenmädchen), das volkstümlich sein sollte, schien Anklänge an einen bekannten Gassenhauer zu haben: bet dem Trio zwischen Nina nnd der Bogner-Wettin begannen die Zischer. Freilich, sie wurden niedergeklatscht: aber wahrend die Gardine sich schloß, rief keine Stimme mehr nach dem unglückseligen Komponisten, sondern das ganze Haus immer nur „Hammer! Hammer! . . Ein Kritiker neigte sich zn seinem Kollegen und raunte ihm zu: ,,Tas ist ein großer Erfolg — des Baumeisters . . ." Während des Zischens kam es in einer ersten Rangloge zu einer peinlichen Szene. Zwischen dem Konsul Werner und dem Justizrat Brandes saß ein Unbekannter, also eiil Herr, der sein Billett bezahlt hatte itnb nicht zu den Eingeladenen gehörte. Er hatte schon int zweiten Akt über den Gesang Ninas einige spöttische Worte falletk lassen ttiib begann nach der Duoszene int dritten ebenfalls zu zischen. Da sprang PriestaP totenbleich auf, packte den Herrn an den Schultern und rief ihm in gedämpfter Wnt zn: „Wie können Sie sich uitterstehen, ztt zischen, wenn Mitglieder des Königlichen Hauses im Theater sind?! . . ." Der Herr antwortete mit einer Grobheit — Brandes, Werner und Sven Trusen Worfelt sich dazwischen und drängten PriestaP rasch aus der Loge, sodaß wenigstens keine Störung verursacht wurde. PriestaP war außer sich. Ter Mißerfolg Ninas machte ihn rasend. Erhalte nur den einen Wunsch: sie zn sprechen, zu trösten, ihr hundert liebe Worte zu sagen. Er eilte in das Parterregeschoß- den Couloir des Parketts hinab, an den Orchesterlogen vorüber bis zu der eisernen Tür, durch die man von hier aus auf die Bühne gelangte. Er fluchte, als der Logenschließer ihn nicht passieren lassen wollte; vergebens berief er sich darauf, daß er enter der Hanptaktionäre der Gesellschaft sei: der Mann blieb fest. Zum guten Glück öffnete sich die eiserne Tür von außen, und Hammer erschien: er wollte Agnes suchen. PriestaP stürzte ihm entgegen. „Lieber Baumeister — tausend herzinnige Glückwünsche! Heut feiert man Sie — das ist nur recht und billig . . « Baumeister — ich bitte Sie, sagen Sie dem Mann da, daß er mich auf die Bühne läßt! Ich muß Nina Imhoff sprechen..." „Aber versteht sich, Herr von PriestaP", erwiderte Ham- mer ttttb öffnete die Bühnentür. „Armer Kerl. . . regen! Sie sich nicht aus... es galt nicht Ihrer Nina allein- die ganze Oper war ein gründlicher Reinfall . . . Mer es! werden auch andere Tage komtnen ..." PriestaP hörte das gar nicht mehr. Er stürmte auf den Bühnengang. An der hohen Brandmauer waren hundert Versatzstücke und Praktikabel aufgestapelt; Arbeiter und Maschinisten liefen hin und her, schon sanden sich die Ballettratten ein. Aus deut tiefsten Hintergründe tönte ein rollendes und knitterndes Geräusch : da wurde die Wandeldekoration aufgezogen. Bon der Szene her hörte man die befehlende Stimme des Ballettmeisters Rosin; in den Soffiten flammten bunte Lichter auf, Girlanden und Lianen schwebten herab. Plötzlich zischte es blendend hell über den ganzen Raum, ein weißer Schein, der jede Fttge in der roten Brandmauer erkennen ließ: die großen Reflektoren wurden entzündet, PriestaP irrte umher. Er hatte geglaubt, Herrn von Serben zu sehen, und drängte sich durch eine plaudernde und kichernde Gruppe von Balletteusen. Auf einmal stand er dicht vor Rafasli und Imhoff, die sich mit halblauter Stimme eine Anzahl ausgewählter Injurien zuriefen. „Imhoff", sagte PriestaP und legte die Hand auf diej Schulter des Oberregisseurs, „Wo ist Ihre Nina? — ich möchte sie sprechen . . Imhoff fuhr herum, ©eilt grimmiges Gesicht wurde sofort freundlich. „Das ist recht von Ihnen. Tas arme Mädel . . . Kommen Sie mit! . . ." Tann Wandte er sich noch einmal an Rafasli zurück. „Ich verzichte auf Weitere Erörterungen mit Ihnen", rief er; „wenden Sie sich, an Wen Sie Wollen, meinetwegen klagen Sie! Die Wahrheit haben Sie von mir gehört — die Wirb Ihnen die Kritik morgen früh noch gründlicher sagen! . . /' Er zog PriestaP mit sich, quer durch die ganze Welt des Scheins. „Ein schandbarer Kerl, der Rafasli", schimpfte er; „alle Schuld häuft er auf Nina. Ich habe es vorher gesagt: diese Oper ist ein Unding. Hätten wir nur mit ,Wda' angefangen!" „Wo ist Nina?" „In ihrer Garderobe, lieber Herr von PriestaP. Sie heult sich die Augen aus dem Kopse. Sie schreit förmlich. Sie hat Weinkrämpfe. . . Laura wollte zu ihr; sie hat es nicht geduldet." „Mein Gott, wenn sie sich nur nicht ein Leid an tut", sagte PriestaP angstvoll. Imhoff lachte. „I bewahre! Dazu hat sie das Leben zu lieb. Mag sie sich ausjammern. Morgen wird es schon werben." „Sie wirb nicht mehr auftreten", antwortete PriestaP fest. Imhoff blieb einen Augenblick stehen. „Na na . . . Lieber Baron — sie ist an ihren Kontrakt gebunden . ♦ . 146 Freilich haben wir für' alle Fälle die Hauptrollen doppelt besetzt —" „Sie wird nicht mehr auftreten", wiederholte Priestap. „Ich dulde nicht, daß sie sich noch einmal der Kritik dieses blöden Publikums aussetzt. Ich dulde nicht, daß man — daß man meine Braut verhöhnt und verlacht.". Nun sprach Imhoff kein Wort weiter. Er fiel Priestap um den Hals und gab ihm einen Kuß. Dann zog er sein Taschentuch und betupfte sich die Augen. Fn ihrer kleinen Garderobe lag Nina, noch im Kostüm ihrer Nolle, auf den Knieen und schrie. Sie schrie ganz sinnlos: ,.Oh oh oh oh — ich geh' ins Wasser — ich über- Icb's nicht — oh oh oh oh . . . Ich will sterben — uh geh' ins Wasser . . ." Das wiederholte sie hundertmal. Imhoff hatte die Tür des Zimmerchens geöffnet. „Nina, hier ist einer, der Dich sprechen möchte", sagte er und ließ die beiden diskret allein. Nina schielte zu Priestap auf und neigte dann sofort wieder den Kopf und schrie weiter: „Ich geh' ins Wasser-— ich crleb's nicht — ich will sterben . ♦ ." Priestap hob sie liebevoll auf. Sie riß sich los und warf sich aberuials heulend auf die Erde. „Nina", sagte Priestap freundlich, „sei verständig, mein Liebling. Steh' auf und laß uns ein ehrliches Wort miteinander reden . . ." Da wurde Nina hellhörig und unterbrach für einen Augenblick ihr kindisches Weinen. „Er dutzt mich", dachte sie; „hat er. nicht eben Du zu mir gesagt?" . . . und begann ihre Klagelieder mit frischer Kraft. Nun kniete Priestap neben ihr nieder, nahm ihren Kops und küßte ihre Tränen. „Nina, meine kleine süße Nina", sagte er mit inniger Zärtlichkeit, „ich liebe Dich ja so aus tiefstem Herzen, daß ich nicht mehr ohne Dich sein kann. Wirst Du mich auch lieb haben können, Nina? Willst Du meine Frau werden und mich glücklich machen?" Da verstummte der Klagegesang und die Tränen versiegten. Sie umschlang ihn flugs, küßte ihn wieder und flüsterte: „Ach, lieber" — einen Augenblick überlegte sie, ob auch der Vorname richtig sei — „lieber, lieber Harry, wie gut bin ich Diri" — und dann schaute sie ihm zum ersten Male voll in das erhitzte Gesicht. „Was hast Du für schöne Augen . , . Und so rote Lippen" -— und abermals küßte sie ihn, strich ihm das Haar aus der Stirn, nahm seinen Kopf in beide Hände und sagte: „Tu lieber Harry — ich bin noch feinem gut gewesen. Du bist der erste — ich will Dich recht lieb haben". . . . Das klang sehr süß. Und sie log auch nicht: sie hatte ihn gern. Sie war ja keine Verworfene, nur ein unsäglich oberflächliches kleines Geschöpf. Dann setzte sie sich auf den einzigen Stuhl in dein winzigen Zinnnerchen, und Priestap blieb zu ihren Füßen liegen und sprach von der Zukunft. Fort von der Bühne! Heiraten und auf Reisen gehen; ein Winter in Paris, einer in Rom, einer in Berlin — die Sommer in den Bädern, in den Alpen, oben im Norden, überall da, wo cs schön ist . . . Und auch das letzte Tränchen trocknete rasch. O Glück, o Seligkeit! Paris und Nom und die Bäder! Vierzehn Koffer mit neuen Toiletten und ivelche Hüte! . . „Du", sagte sic, „mein Boudoir, das mit ben Paduckmöbcln, das behalte ich aber . . ." Das Ballett hatte einen großen Erfolg. Es ivar der Sieg des Abends. Abermals mußte Hammer den Rufen Folge leisten: er stand, umgeben von Carraeei, dein Kapellmeister Klemm und den Solotänzerinnen vor der Rampe und mußte sich immer wieder verneigen. Alle Ehren fielen ciuf sein Haupt. Langsam entleerte sich das große Haiis, und die Restau- ranis im Erdgeschoß begannen sich zu füllen. Der Schließer der Orchesterlogen rechts hatte Imhoff durch den Theater- meister rufen lassen: eine Dame wünsche ihn zu sprechen und warte an der Bühnentür. Das war Imhoff unangenehm; man wollte unten im Kurfürstensaal die Verlobung feiern, die den Mißerfolg Ninas glänzend wett machte. ,Es wird wieder Wanda fein," sagte er, »sie sitzt mir auf den Fersen. Ich kann sie doch nicht mit an unseren Tisch nehmen — mir wärs egal — aber es geht Lauras halber nicht . . ." Eine schwarz verschleierte Dame wartete auf ihn. Imhoff machte ein Kompliment und starrte sie an. Irgend etwas Fatales dämmerte in ihm auf. „Womit kann ich dienen?" ragte er zögernd. „Verzeihung, Claudius," sagte die Dame unb schob den Schleier über den Mund zurück; „kann ich nicht Nina ein Wort des Trostes spenden —?" Nun hob sie den Schleier vollends. Imhoff fuhr zurück; er sah in ein leicht welk gewordenes, ober immer noch hübsches und pikantes Gesicht mib begann zu stottern . . . Trieben denn alle Teiisel ein Spiel mit ihm?! — Das ivar ja Suse, >var Suse Degener, die Soubrette, seine erste Jrail und Ninas Mutter! ... „Claudius," sagte sic, „ich sehe Du erschrickst. Aber ich ivill Dich nicht belästigen; das sei ferne von mir. Ich komme aus Amerika. Beutler hat pleite gemacht. Wir hatteii kaum so viel, um die Ueberfahrt zu bezahlen. Aber ich werbe hier schon wieder eine Stellung bekommen. Ich spiele jetzt meistens Charakterrollen. Ich dachte miet) schon daran, ob vielleicht bei Euch noch ein Platz frei sein könnte — vielleicht, sage ich : ich dränge mich nicht auf, wenn cs Dir genierlich sein sollte. Heute war mirs nur darum zu tun, der Nina ein liebes Wort zu sagen. Sie ist so hübsch geivorden; sic singt auch nicht übel; es war wohl blos die Angst . . ." Imhoff luirbette der Kopf. Nun hatte er auf einmal seine drei Frauen aus dem Halse. Es war zmn Wahnsinnigwerben. „Suse," sagte er, „ich habe seit Eivigkeiten nichts mehr von Dir gehört, und jetzt stehst Du auf einmal vor mir ivie der Gott aus der Versenkung — i, da kann man schon einen Schreck kriegen. Hör zu: Heilte kannst Sn die Nina nicht sehen; es ist unmöglich, wir feiern ein Privatfest. Ich muß sie auch erst vorbereiten. Herrgott, Suse! ... Du haft immer noch die viven Augen und die kleinen Ohrläppchen . . . Suse, es geht nicht Hals über Kopf. Meiner ist halb verdreht. Himmlischer Vater, was passiert alles! Also, Suse, ivo ivohnst Du? ' „Ich bin bei bet Fiedler abgestiegen, meiner Kusine, weißt Du, die ist jetzt am Alexanderplatz-Theater —" „Weiß schon. Auch eine Nummer. Suse, ich schreibe Dir. Mach mir keine Geschichten vorher —" „Abe- Claudius, wie werbe ich denn!" „Al gut: ich schreibe Dir und bringe Dich mit der Nina zusammen. Will mich auch nach einer Stellung umhin. Verbindungen hat man ja. Nun geh, mein Kind. In den nächsten Tagen erhältst Du Nachricht. Adjö, Suse . . ." Et gab ihr die Hand und machte, daß et fortkain. Es ivar wirklich zum Verzweifeln. Er konnte doch nicht seine sämtlichen Familien am Prinz Ferdinand-Theater unterbringen! „Jeses, ivas wird Laura sagen," stöhnte er halblaut, „und Priestap! Drei Schwiegermütter auf einmal! — Sie müssen fort.' Wanda und Suse müssen fort. Ich werde mit Holtinger sprechen; ich bringe sie in die Provinz . . . Mir ivärs ja egal — aber Lama und — nein! . . . Was die Suse noch für blanke Augen hat! . . ." Jiii Vestibül, m dem nur noch die Mittelkrone brannte, standen Hammer, 'Agnes und Genoveva. „Ich habe alles abgelehnt, Du Veilchenblaue," sagte der Baumeister zu Agnes; „Fridolin Meyer ivollte mich mit- schleppen, und die Prinzeß Luise ivollte mich zum Tee haben, und Seebcn ivollte mit mit kneipen, und Priestap hat mich eingeläben — der kleine Hammel hat sich mit bet Nina Imhoff verlobt. Grade heute. Aber ich gönne sie ihm; wenn sie nicht singt, ist sie reizend ... Wo bin ich stehen geblieben? Ja, ich habe alles abgelehnt. Ich schlage vor, Du und ich, wir gehen irgendwo hin und soupieren gemeinsam und trinken einen züchtigen Schluck auf unsere junge Liebe. Und Genoveva nehmen wir als Elefanten mit. Sie ist der gebotene Elefant und soll uns in Treue überwachen. Dann kann niemand sagen: es schickt sich nicht." tiKoxtfetunta folaU X47 -< Weilchen.«) Von * * * (Gießen). " Samstag Nachmittag. Der Hospitalhof wimmelte vo»t Enterbten der Gesellschaft. Die Jnnenräume wurden sonntäglich heransgepittzt. Mgemergelte Gestalten) alter, L-Prialbrüder in langen, verblichenen Röcken, gebückte, ichneewerpe Greisinnen — doch dazwischcii eüt zartes, junges Menschenkind. Das gebrechliche, halb lahme Mägdlein! trug — feltfam in der Umgebung — einen dicken, goldblonden Zopf. Martha trat einstens un buch- stäblichsten Sinne von der Straße .aufgelesen worden und von icm naßkalten Straßenbiwak rührte auch ihre unheilbare Taubheit her Das städtische Armenhaus — es hieß allgemein „Das Hospital" — wurde und blieb ihre Heimat. Doch dank einer träumerischen Veranlagung, deren Gebilde Nahnmg fanden in einem vergriffenen Gebetbüchlein und einigen ans dem Kehricht aufgelesenen Heften eines abenteucrjlrotzenden Kolportage- romnues, lebte sie zuweilen weit, lveit !veg von hier in einer anderen, schöneren und besseren Welt. In einem Feenpalast hätte sie nicht süßer träumen können als in dieser abscheulichen Umgebung. — Heute fesselte ihre Ausmerksanlkcit das Eckfenster eines großen, herrschaftlichen Hauses, das in den Hof hineinragte. Sonst hatte sie dort oben immer ein Miß haarig es, mildes Frauenantlitz bemerkt und heute? Am Fenster lehnte eine elegante, noble Herrengestalt mit modischem Spitzbart und schneeweißer Wäsche. Es.war der neue Mieter, Herr Referendar Hugo Pagenstecher... Um die Lippen des Herrn Referendar spielte ein mokanter Zug. Die Nähe eines derartigen Hofes mit einer derartigen Gesellschaft und derartige Gerüche! Derartig war sein Lieblingswort. Na, ich danke, Komma! Er hatte sich so im Vorüberschlendern einen Frühlingserstling, ein Beilchensträußcheu, zugelegt. Das hielt er aus ganz praktischen Gründen an die Nase. „Wie ekelhaft da nuten" — eine ungeschickte Bewegung, das Sträußchen entglitt seinen nervösen Fingern und fiel in den Hof direkt vor die Füße der kleinen Martha. Die starrte hinauf erstaunt, fragend, gar Nicht begreifend. Es spielte sich auf ihrem Gesichtchen eine solche Fülle von Staunen und Aufgeregtheit, ein so erschütternder Ausdruck, ein — Er nickte halb belustigt, halb ärgerlich mit dem Kopfe und trat vom Fenster. Sie bückte sich wie unter einer unsichtbaren Macht nach den Blumen. Feine Scham färbte ihre zarten Wangen. Ein schencr Blick ringsum. Niemand beobachtete sie. BlitzeSschnell knöpfte fie das verschlissene Kleid auf und barg die Veilchen an dem jungen, knospenden Busen. Und dann. . . Fast flehend waren die Blicke, mit denen sie die altgewohnte Umgebung, die altgewohnten Gesichter betrachtete. Sie deuchte sich eine Bevorzugte, eine Sünderin, die etwas köstliches, etwas wunderbares vor Allen, Allen zu verbergen hatte. Ein heißes Mitleiden für die bleichen, elenden Gesichter quoll in ihr auf. Jetzt sah sie auf einmal ringsum mit den Augen einer Fremden, die gar fein Teil hatte an dem krüppelhaften Elend. Diese müde Gleichgiltigkeit, dieses abgespannte Sichgehenlassen der ganzen Gesellschaft. Und sie — — sie — — stand unter ihnen tote eine Königin. Ein heißes, jähes Glücksgefühl ließ den zarten, jugendlichen Körper erschauern. Sie strich den goldblonden Zopf, der ihr beim Bücken über die Schulter gefallen, mit einer hastigen Bewegung zurück' und ertappte sich dabei auf einem Seitenblick nach dem Fenster. Es war leer. Sie wurde glühend rot wie ein junges, schämiges Weib. Welch' ein fremdes Gefühl, welch' eine rätselhafte Macht hatte sie gebannt? Sie überlegte und grübelte. Sie sand nichts, gar nichts. Nur, das war ihr vffeu- rnudig: Etwas wunderbares war mit ihr geschehen . . . etwas berauschendes, etwas entzückendes, etwas heiliges. Sie versuchte Ordnung zu schaffen in dem heißen, wirren Köpfchen. Ihre Augen standen voll Tränen. .Sie mußte doch etwas faßbares, greifbares haben, an dem sich ihr tastendes Denken festklammern konnte. Weniger flößte ihr Beklemmung ein das neue, schreckhafte Empfinden, alS der geheimnisvolle Vorhang, der es verhüllte. . . das wunderbare, uudefinirbare etwas, das erklingen machte eine nie gehörte Saite ihres sonst so vertrauten Innenlebens. Eine grüblerische Natur, zitterte sie davor, sich diesem süßen, wonnigen, das ihr ganzes Sein bis in die Grnndvesteu erbeben machte, rückhaltlos hinzugeben. Das haltlose Schwanken verdoppelte die köstliche Qual. Denn als etwas köstliches empfand sie cs. Eine neue, unentdeckte Gegend dämmerte vor ihren Blicken. Sie, die ihre Jugend bisher in der Umgebung von krüppelhaftem Alter vergraben, hatte genugsam Zeit und Gelegenheit, alle Wünsche und .Begierden ihres jungen Herzens kennen zu lernen. Ihre träumerische, Nach innen gekehrte Beharrlichkeit hatte hervorzuspinnen gewußt die feinsten, unsichtbarsten Fädchen ihres jungfräulichen Empfindens, das, ohne Anregung von außen, in s i ch immer nnd immer wieder neue Lebensfasern zu gewinnen hatte. Jetzt stand sie vor einem neuen, schier überwältigenden Problem, das den mühsamen, kunstvollen Ausbau ihrer beschränkten Ideenwelt zu zerstückeln drohte, um Platz zu schaffen für — für? — In dem Momente läutete die Glocke. Die Reinigung war beendet. Man eilte ins Haus — ■— ins Haus! Ein entzückender G-e- *) Von dem Verfasser obiger Skizze wird das Bonner Stadt- Theater einen Einakter „In seiner Sünden Blüte" zur U r auUührun'a bringen. danke. Sie sucht ihr Kämmerchen aus, war dort allein, ganz allein — nicht doch allein. Barg sie nicht an ihrer Brust . . .? Sie trippelte mit ihren schlvachen, lahmen Beinen den anderen noch. Sie hatte das Vorgefühl von etwas neuem, noch köstlicherem. Ein beseligender Rausch umfing sie. Ihr Herz schlug bis zum Halse hinauf. — In dem kleinen, weißgetünchten eiufeustrigen Stübchen blieb sie einen Augenblick aufatmend stehen. Daun schob sie hurtig den Riegel vor, rückte noch eine alte Kiste, die ihre winzigen Habseligkeiten barg, vor die niedrige Tür und setzte sich auf den Bettrand. Sorgsam, mit zitternden Fingern, als gelte es, einen kostbaren Schatz zu heben, nestelte sie ihr Kleid am Busen auf. Ein feiner Duft erfüllte das schmale Zimmerchen. Zärtlich streichelte sie die halbverwelkten', bleichen Blütenköpfchen — — — „Martha, Martha, Abendsuppe!" Von außen wurde an die Tür gepocht. Sie konnte nichts hören und bemerkte nur an den Bewegungen des Holzes, daß jemand nach ihr verlangte. Sie verhielt sich mäuschenstill, bis das Vibrieren des morschen Türpfostens anfhörte und sie daraus schloß, daß nieuiaud mehr draußen. Geräuschlos erhob sie sich Und hängte ein Tuch vor das Schlüsselloch. Jetzt hatte sie genug Vorbereitungen getroffen. Vorbereitungen für was? Es wurde ihr ganz wirr in dem trunkenen Köpfchen, bis zufällig ihr Mund das Veilcheusträußchen berührte. Wie ein elektrischer Strom durchflutete es den schlvachen, siechen Mädchenleib. Ihr Atem ging hörbar fliegend. ' Und plötzlich neigte sie das Köpfchen zur Seite. Sie weinte bitterlich. Das tat ihr wohl. Erleichtert atmete sie auf und gab sich wie berauscht ganz und schrankenlos einer süßen, nie gekannten, glückseligen Wehmut hin; das müde Köpfchen lag in den Kissen vergraben, Ivie im Halbfchlummer. Doch nicht lauge, dann hob sie es ein wenig, wie nm besser denken zu können. Sie quälte und marterte sich von neuem, bis ihre Lippen erst mechanisch, dann mit Hingebung und Eifer ihr altes, trautes Nachtgebet zu sprechen begannen. Die kindlichen Worte wurden heute mit seltsamen, in biejer Mädchenkammer nie vernommenen Tönen hervorgestammelt. So spricht ein Weib, ein liebendes Weib. Und dann am Schluß — am Schluß, während sie schamhaft daN Gesichtchen in den Händen vergrub und' die kühlenden Veilchen an die erhitzten Wangen preßte: „Du lieber Gott. . . beschütze und behüte auch den . . . schönen, stolzen Mann am Fenster, der mir die lieben Blümchen ... er ist ja so schön ... so gut . . . so gut... ja so gut... wie unser Herr und Heiland..." Das schien ihr jetzt wieder eine Art Erlösung —. — der Heiland und er — — —’ — er und der Heiland. — — Eine religiöse Vision dünkte ihr das Mpslerium ihrer ersten, heiligen, jungfräulichen Liebe. Eine beseligende Ruhe brachte ihr das Gebet, nicht das Gebet — daß sie für ihn beten konnte — für ihn — ihn. Stand er nicht vor ihr, dort — dort — Sie hascht nach ihm dort — dort. . . Sie war eingeschlnmmert. Ein wundersamer! Gottesfriede herrschte in- dem kleinen Gemache. Die Hospitaluhr Es^ war just um dieselbe Stunde, als der Herr Referendar Hugo Pagenstecher zn den „Zwölf Aposteln" der neu engagierten schwarzen Kellnerin in die Wangen kniff. . . Praktische Küttsterziehung im englischen Volke. Hoskonzerte und anderes. Wer es noch nicht gelesen hat, dem empfehle ich das Buch des Amerikaners Crehlieb, „How to listen to Mufie". Es gibt nicht nur dem einzelnen Ausschluß über den Weg 51111t Verständnisse und Gennsse der Musik, sondern ist auch von Interesse für diejenigen, die an der Hebnng des musikalischen Geschmackes Mitarbeiten wollen. In Deutschland wird hierin schon viel geleistet. Volkskouzerte sind nicht mehr vereinzelte Erscheinungen, nnd die große Anzahl der überall bestehenden besseren Gesangvereine sorgt für die Verbreitung und Aufrechterhaltung eiueä guten, musikalischen Geschmackes. Dennoch gibt es — hauptsächlich in den größeren Städten — eine große Anzahl Menschen, denen Mulik außer in der Form der Gassenhauer und gelegentlicher! Militärkouzerte unbekannt ist. In England ist das Interesse für gute Musik noch viel weiter zurückgeblieben. Doch auch auf diesem Gebiete habe ich manche neuen Bestrebungen kennen gelernt, aus denen wir vielleicht etwas „absehen" können —, aber die nwikwürdigsle Methode, gute Musik unter die Leute zn bringen, habe ich in Manchester kennen gelernt, wo ein verdienstreicger Organisator mit der Hilfe eines Gesangvereins und vieler Ama- teitte es fertig bringt, gute Musik in der Tat bis vor die Tür der ärmsten BevölkernngMassen zu bringen. Die Manchester Court-Alley Coucerts finden, wie der Name besagt, in den Höfen und Gängen statt. Zu Beginn des Sommers werden geeignete Lokalitäten aiffgefucht, mit Vorliebe an den Seiten bebaute viereckige Höfe, und am Tage des Konzertes wird eine Sknzeige in der unmittelbaren Nachbarschaft von Haus zu Haus geschickt. Ein Podium und Klavier werden aufgestellt, ein Seil davor aus- gespannt, Stühle werden bereitwilligst von den Nachbarn zur 448 — zuschiebett. Vermrschtes in nächster Nummer. Kreuzrätsel. Nachdruck verboten. hiiiillnnnnoo» s sttttuuuuww derart einzutragen, daß die wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes bezeichnen: 1, Bestinnnte Zeit des Jahres. 2. Einen Schmetterling. 8. Stadt in Sachsen. Auflösung Redaktion Ernst Heß. - Rotationsdruck und Verlag der V rübl'schen UnwerlltätS-Buck- und Stetndruckeret. N. Lange. Gießen. der Fabrik * Eine M illi o ne n c r b s ch af t ist arbeiterfami lie Krucky in Augsburg zugefallen. Johann K. ist seit vielen Jahren Spinner in einer Augsburger Fabrik und stauuut aus Tfchernowitz in Böhmen. Seine Eltern waren dort Wagncrseheleutc rind hatten sieben Kinder, rvovon noch vier und zrvar drei Bruder und eine Schwester leben. Außerdem ist noch die hochbetagte Mutter am Leben. Die Großeltern hatten ein Bauerngut in Jierischau und drei Söhne und eine Tochter. Einer dieser Söhne, Franz Krrrily, wanderte anfangs der sechziger Jahre nach Amerika aus, fing als Holzarbeiter zu arbeiten an und ivurde Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummert Fetter, »eiteret, Irit, Trier, Ziffer, Riff, Eitler, Uri, Treue, Eier, »if. Fritz Reuter. m Die Freude die ein solches Konzert, immer | schließlich Teilhaber eines großen Holzexportgeschäftes. Seme .m^ uus einem ganz kiAchen Programm von Volksliedern und Frau und zwei Töchter sind bereits gestorben. Franz K. starb leichten Kompositionen siir Streichinstrumente bestehend, yervorruft ebenfalls vor zivei Jahren und hinterließ ein Vermögen von und die Dankbarkeit der^Zuhörer sind..M^ I 50 Millionen Dollars, die er zum Teil durch Goldminen- S »Mte -«««»«> «alte. ®« leine Erbe,, m» lein beitesicnde Sof wieder nn die Reihe kommt. — Ganz einfach, nicht | Testament vorhanden waren, erließ die amerikanische Negte- wahr? 'Talent und Hilfsbereitschaft sind überall vorhanden, und I nmg einen Aufruf. Hierauf meldeten sich nicht weniger wie mit ein wenig Organisation und einem geliehenen Piano w r^ i ]02 Kruckt), die aber nicht in Betracht kamen. Der Bürger- ?crmittesi den1'ie"'utf andere Weise sich zu verschaffen vielleicht meister von Tfchernowitz in Böhmen, dem Heiniatorte unseres in der Lage aber gewiß nicht in der Gewohnheit, sind. Und die I Krucky, las ebenfalls die Aufforderung und verständigte Konzertgeber' lernen und genießen nicht am wenigsten daber . I Krucky. Nechtsanwalt Dr. Kraus in Prag nahm die Au- die Frage, was populare^Musik se,. habe -«wiederholt ^„gelegenheit in die Hand. Drei Kruckys, durchiveg arme ■ S)iur8^ÄöJ’”ffi^l'bt3riebo(f besteht, darüber sind die Fabrikarbeiter, und die 80 Jahre alte Mutter teile» sich nun Mciunngeii durchaus nicht einig. Der eine memt nut ber I jlt das Niesenvermögen. „eigenen' Musik alles, was ^bereits bekannt ist, imd uhließt m | • ©er a(ic öauSrat. Einen Mahnruf zur Erhaltung sein Repertoire die letzte» sch agcr aus konn chen »Rt>» die vats des Vaters erläßt Professor Dr. Fuchs in Frei- sich ganz" auf BalMi-d^r, Ä vom Volke geschaffene Musik, be- bürg. Er habe, erzählt er, jüngst in einem großen Geschäft sch änkcu zu müssen, ein dritter auf nationale Music jeber ! cmc flnnjc Abteilung alter Erzeugnisse des Schivarzwaider Gattung. Ich selbst bin nach Erfahrungen. verschieoener Art Kunstfleißes verkäuflich gefunden. Prof. FmchS sagt dazu in S.ÄKÄ l.i«™ MHä. „. E.h«n-1 dou Ha>«°. «eitenzaiie^ vieren uuin mvj _ Q„MwrMtnffpn; hn„ | der Väter! Laßt euch Nicht von Haiidlerii oder Sammlern abschwätzen, was ihr noch in eueren Händen habt. Glaubt ihnen nicht, wenn sie sagen, es sei „alter Schund", und euch dafür neue Sachen ausschwätzcn wollen. Müsse man solche Sachen ivirklich hergebcn, weil sie unbrauchbar geworden seien oder der Platz im Hause fehle, so solle man sie der Gemeinde schenken als Grundstock zu einem Dorfmuseum oder, falls die Not zur Veräußerung treibe, sie an die Gemeinde ober auf VolMieder, die vom Volke geschaffene Musik, be» ,u müssen, ein dritter auf nationale Musik »'der. Ich selbst bin nach Erfahrungen verschiedener Art Ueberzeugung gekommen, daß man in populären Kon- alles bieten kann und soll, was musikalisch wertvoll und zugleich leicht faßlich ist. Ich habe große Zuhörerschaften^ von Fabrikmüdchen und ungelernten Wertem Haydnsche Streichquartette anhören gesehen, ohne die geringste Ermüdung vdest Langeweile zu verraten. Im Gegenteil, weml durch tsiffall mehrere aufeinander folgende Konzerte ausichttestlich oder zum größeren Teile Vokalmusik brachten, so, kamen ans diesem Publikum Gesuche, um größere Berücksichtigung der Instrumentalmusik Freilich ist es nötig, zwei Punkte zu beachten. Erstens dürfen die aufgeführten Jnstntmental-Kom,Positionen natürlich Wrangen3 am"'l>esten mündliche'^— "'voranzuschicken. Nicht | an städtische oder staatliche Museen verkaufen, etwa lange Ausführungen technischer Art, wie sie meistens den I ------------- Programmen der größeren Orchester-Konzerte beigefügt werden, | Ueberlast es der Zeit, sondern nur ein paar sachliche Bemerkungen über den Charakter eicvttifif; des Tonstückes und Anekdotisches über den Kompomsten oder Be- 5 Erfcheiiit dir etwas unerhört, gebenheiten, die mit früheren Aufführungen der Komposition Bist tiefsten Herzens du empört misammeichängen, oder über die Zeit und das Land, dem es Bäume mcht ans, verfuch's nicht mit ohert, angehört: Kstrzum, irgend etwas, das Interesse an dem Stuck k Berühr cS nicht, überlaß es der Zett, heworrnfen kamt, weniges, aber das mit Takt. Die Hauptsache I Am ersten Tag wirst dn feig dich fchelten, wird natürlich immer die richtige dlstsivahl bleiben. Aber bei 1 Am zweiten laßt dn dem Schweigen schott gelteii, dem großen Reichtum unserer Musikliteratur astleichtverständlichen 1 Am dritten hast dn's übetwunbett, Ädmposittonen ist es wirklich nicht schwer, ein mustergiltiges I Alles ist ivichtig nur auf Stunden, Programm zusammenzustellen. „ | Aerger ist Zehrer und LebenZvergtster, 'Ein interessanter Versuch wurde dann noch nn Manchester z Zeit ist Batfam und Friedeiwstifter. Art Museum gemacht (welche die Pflege der Musik nut zu serMN I Theodor F vnta n e. i Aufgaben zahlt). Dort findet einmal wöchentlich em Boltskoiizert | . statt, und um das Interesse wachzuhalten, unb nut bem Genüsse j über einem Wafsertrog ztt Bath ist EttgtattV» soviel Belehrung als möglich zu verbinden, ist man darauf ge- I " „ ™ kommen, je einen Abend der Musik einer der europäischen Na- Honen zu widmen. So gibt es ein russisches, spanisches, norwe- I Gutherzige smd gütig auch sins -eitel), französisches Konzert usw. Im Zstsammenhange damit i Brutale Leute sind c» nie. Stehen'Vorträge, die an einem andern Tage der gleichen Woche I Gort gab Lersiand unb spräche dn., bns betreffeube Land unb seine Leute behandeln. Dies alles I Stumm ist erschaffen das attne Tiet. iäsu iirfi 1 nfet der alleinigen Mitwirkung von Amateuren machen. | Bei Grauflunkert vermagnichts zu sagen, Deutschland Wo '’baV Talent noch reicher Doch wird sei» Weh vor Gott dich ver age.i. aeiät^ist sollte endlich einmal damit vorgegangen werben, das'- I Gott schnfs nicht zum Sttaven, zum Dienst nut allciti, selbe A'gZerem Maße in den Dietist der Voltsktmst zu stellen. Bedenk', daß Gott wird bem Richter einst fern! Ein Bedürfnis für gute Musik kann mit den einfachsten Mitteln | hervorgerufen werden, und wenn es zu groß wird, um nut diesen 1 allciu befriedigt zu Werben, so finden sich fchvii Wege, demselben | int ausgiebigsten Maße gerecht zu werden. In mehreren englischen | Städten zum Beispiel, wo von privater Seite m der beschriebenen I Weise vorgearbeitet worben war, haben sich die Behörden durch 5 bie Felder neben« wiederholte Gesuche aus den ärmeren Distritten gezwungen ge- 1 fjCr}CUt>ev Figur sind die sehen, in das Budget für Parks und öffentliche Belustigungen | Buchstaben a a a a b b ä die Kosten regelmäßiger Konzerte während der Wintermonate em- ieeeeeggggggh