1906- Mittwoch den 10. Januar/^ Aw M« I - E M i R L"j I I Jem Waßren, Edlen, Schönen. Ein Großstabtroman von F e d o r to. Zobektitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Merci!. . . So, lieber Imhoff", und der Baumeister trat mit seinenl Begleiter auf die Straße zurück, „nun sind wir so weit, daß das Fundament gelegt werden kann. Tie Sterne sind uns günstig. Berndal ist ein Theaternarr; den wickle ich ein — er muß uns sein Grundstück billig lassen. Tann haben wir eine herrliche Front, und dann — dann sollen Sie einmal sehen! . . Nun. setzen ©je sich bitte energisch hinter den kleinen Priestap, damit wir rasch über die Vorbereitungen hinauskommen! . . ." Plötzlich schien wieder ein gewisses Mißtrauen in ihm aufzusteigen. „Sagen Sie, Imhoff", fuhr er hastig fort, „das ist doch mit dem Priestap alles in Ordnung? Ich meine, cs steckt kein Schwindel dahinter? Es ist alles so sonderbar. . . wie kommt er, sapperlot, zu seinem Baronstitel?" „Herr Jöses", antwortele Imhoff, „beit hat er sich gekauft. Oder vielmehr die Peretti wird ihm das hübsche Titelchen gekauft haben. In San Marino oder ivo man das sonst kriegt. Hier natürlich nicht bestätigt — aber man nennt ihn trotzdem Herr Baron. Herr von Priestap hört er noch lieber. Das einfache Von ist immer das vornehmste. Tas hat etwas Uradliges." „Tie Peretti", wiederholte Hammer. „Sie kaufte alles. Ter Priestap hat viel, was mich sympathisch berührt; seine Weichheit, sein versonnenes Wesen, auch seine hübsche Larve — so das Ephebenhafte keiner Erscheinung . . . Bloß das Verhältnis dieses Jünglings zu der Peretti — ein eigentümliches Verhältnis — das, ich kann mir nicht helfen, hat etwas Peinliches. Sie ist tot; es ist alles gewesen. Aber trotzdem. Er noch ein Kind — und sie war doch eine reife Frau, eine Vierzigerin, sagen Sie selbst — nein, lieber Freund, das ist eklig..." Imhoff ging jetzt dicht an der Seite Hammers. „Aber, bester — aber, bester und liebster Baumeister", wisperte er eifrig, „nehmen Sie doch Vernunft an! Eklig — ich bitte Sie! Was ist eklig? . . . Haben Sie denn keine Augen im Kopfe?! Heult man so nm ein gestorbenes Alltagsliebchen? Testiert eine kluge Kokette schon zu Lebzeiten für ihren Schatz von heute? . . . Der Priestap ist der Sohn der Peretti — s o ist es! . . Hammer fuhr mit der Hand nach der Stirn. War er denn wirklich blind gewesen?! Priestap der Sohn der Peretti! Tas freilich erklärte alles. „Imhoff", sagte er, „wir wollen bei Bauer eine Tasse Kaffee trinken. Ta müssen Sie mir einmal Genaueres erzählen . . 3. Ein Roman für sich. Wer fabuliert so, lute das Leben -U gestalten toeifel — In den vierziger Jahren wanderte der Kaufmann Siegfried Keller aus Lemberg! nach Kalifornien aus. Er war noch ein junger Mann, und es ging ihm nicht schlecht. Aber eilt Freund, Thomas Lund, lockte ihn hinüber. Dieser Lund war ein gut zu leidender Mensch, doch ein leichtsinniger Strick. Er hatte allerhand Dummheiten gemacht und war schließlich von seinem Vater über die See geschickt worden. Damals brach in Kalifornien das Goldfieber aus. Lund schrieb an Siegfried Keller: er habe sich den Mormonen angeschlossen, die am Americanos große Gold- wäschereien angelegt hätten, und die sandige Erde speie förmlich ihre Schätze aus; Siegfried möge Handel und Wandel daheim feinen Gang gehen lassen und an den Americanos kommen, wo man bequemer reich werden könne als hinter dem Ladentisch. So schiffte Keller sich denn nach Kalifornien ein. Er fand Lund nicht mehr vor; man ivußte auch nicht, wo er geblieben war; er war in der ungeheuren Welle von Glückssuchern und Abenteurern, die das Land überströmte, imtergegangeii. Für Keller kamen schwere Zeiten. Tie Goldlager waren in festen Händen; zur Erschließung neuer aber gehörten große Mittel. Der junge Mann versuchte alles, sich durch das Leben zu schlagen, und nahm die Arbeit, wo er sie fand. Eines Tages würde er in der Minenstadt bei Suttersfort in einen Wirtshausstreit verwickelt und, halbtot geprügelt, auf die Straße geworfen. Ein Pflanzer aus dem Süden, den Geschäfte au den Sakramento führten, fand beit Unglücklichen und nahm sich seiner an. Tas offene Wesen des jungen Menschen gefiel ihm so, daß er Siegfried vorschlug, eine Sekretärsstelle bei ihm anzunehmen und ihm auf feilte Farm zu folgen. Ter Pflanzer stammte von französischen Kolonisten ab ünd hieß Gerard Casteau; seine Besitzung lag in einem Tal zwischen den Höhenzügen der südlichen Ostküste und war eine der schönsten dieses Landstrichs. Keller fühlte sich im Hause Casteaus außerordentlich wohl und glücklich; er wurde wie ein Verwandter gehalten, und da er selber sich auch als ein gewissenhafter und' zuverlässiger Beamter seines Herrn erwies, so schien für seine Zukunft gesorgt zu sein. Ein glückliches Ungefähr schloß ihn noch enger an die Familie Casteau. Keller vermutete auch in diesem Teil des Landes Goldadern, und da er mit der Technik der Untersuchung vertraut war, so wurde es ihm leicht, auch Casteau für das Unternehmen zu interessieren. Gold fand man nun freilich nicht, dafür aber ergiebige Silberminen, die den wohlhabenden Farmer mit einem Schlage zu einem schwer reichen Manne machten. Von da ab wurde auch Kellers Stellung eine andere. Casteau beteiligte ihn an dem Gewinn der Minen und gab ihm später seine herangewachsene einzige Tochter Canneu- cita zur Frau. Als Casteau starb, wurde fein Schwiegersohn zugleich Besitzer der Farm. So häufte das Glück sich auf dem Haupte dessen, der als armer Bursche nach Kalifornien gekommen war. Irr 18 k>er Tat: Keller war glücklich. Er war reich und angesehen, besaß eine schöne junge Frau und ein reizendes Kind, das nach der Großmutter Rosalba getauft worden war. Tiefes Kind war der Sonnenschein des Hauses. Tie kleine Nosalba wurde so erzogen, löt. dies auf den großen Besitzungen Kaliforniens allgemein üblich war. Sie erhielt nacheinander englische, deutsche und französische Gouvernanten, wurde eine vorzügliche Reiterin, schoß so treffsicher wie ein Indianer und entwickelte sich wie eine wilde Rose. Neben dem Sport war ihr Hauptvergnügen die Musik. Sie besaß eine wundervolle Stimme, und die Eltern legten Mert auf deren Ausbildung Rosalba war siebzehnjährig, als die Liebe in ihr erwachte. Eines Tages ließ sich ein junger Mann bei Keller melden, der sich Gustav Luna nannte. Keller erinnerte sich sofort seines alten, verschollen geglaubten Jugendfreundes und ließ ihn vor. Ein bildhübscher Mensch Anfang der Zwanziger trat bei ihm em und gab sich als ein Sohn jenes Thomas Lund zu erkennen, auf defsen Veranlassung Keller seinerzeit nach Kalifornien gekommen war. Thomas Lund hatte Glück bei der Goldwäscherei im Americanos gehabt und war vorsichtig genug gewesen, sich mit dem der Erde ab gerungenen Vermögen nach San Francisco zurückzuzieheil, wo er ein Bankgeschäft begründete und eine hübsche Spanierin heiratete. Aber in den Wirren der Zeit, die ihn zu Spekulationen auf Grund politischer Geschehnisse veranlaßten, verlor er fein Besitztum: er erschoß sich. Aus den Erzählungen seines Vaters wußte Gustav Lund von der Jugendfrenndschaft, und es gelang ihm, Keller ausfindig zu machen. Er bat um nichts als eine feste Anstellung. Keller war eine viel zu gutherzige Natur, den Bittsteller abschlägig zu bescheiden, und so trat Lund zu dem Hause des Pflanzers in ein ähnliches Verhältnis wie einst "Keller zu Casteau. Aber er besaß nicht die Pflichttreue und die Gewissenhaftigkeit Siegfrieds. Der Leichtsinn seines Vaters steckte ihm im Blut. Er war ein junger Bursche von entzückender Liebenswürdigkeit nub blendender Begabung; aber er war mehr Gentleman als Arbeiter; er haßte das Kontor und fühlte sich am wohlsten, wenn er mit Rosalba um die Wette reiten, nach der Scheibe schießen, jagen und sich im Walde tummeln konnte. Draußen im Walde und auf deu weiten Wiesen, in der Blumenschlucht des Flusses und der großen hehren Einsamkeit der Natur keimte die Liebe in den beiden jungen Menschen auf und wurde zur Leidenschaft. Tie Eltern merkten nichts davon, und als dem Vater endlich die Augen aufgingen, war es zu spät. Heimlich flüchteten die Leichtsinnigen in die Welt. Ihre Spur ging verloren. Es wurde still auf der Farm Kellers. Seiner Frau kostete die Flucht Rosalbas das Leben; er selbst vergrub sich mit seinem Gram in menschenscheue Einsiedelei. Ter Leichtsinn Lunds war.zur Schlechtigkeit geworden. Er hatte seinem Wohltäter eine Anzahl Wertpapiere entwendet, deren Erlös hinreichte, ein paar Jahre in Ueppig- keit leben zu können. Tas geschah denn auch. Tic beiden ließen sich in Newyork nieder, wo sie auch getraut wurden. Rosalba Äraug darauf; sie erwartete ein Kind. Es war ein Knabe, der Harry genannt wurde. Aber das Geld zerrann unter den Fingern Lunds. Es kam das Elend, und unter diesem grauen Elend verflogen Liebe und Leidenschaft. . . Eines Tages raffte sich Lund zu einem großen Entschlüsse aus. Er wollte mit dem dreijährig gewordenen Harry nach der Farm Kellers, hoffend, der Anblick des Enkels würde dein schuldigen Paar Ber- zeihuug bringen. Und dann wäre alles gut gewesen. Rosalba willigte ein. Sie selbst war zu stolz zu einer Bitte; sie wollte das Schicksal tragen, das sie sich geschaffen. Aber sie sah ein, daß ihr charakterschwacher Gatte dem Untergänge nahe war, wenn nicht Hilfe kam. Da sagte sie ja zu seinem Plan. Lund reiste ab, und Rosalba blieb mit kargen Mitteln in Newyork zurück. Sie hörte lange nichts von ihm. Und dann traf eine Nachricht ein, die sie erstarren ließ. Tie Zeitungen berichteten von einer Entgleisung der Pacific- bahu und dem Zusammenbruch einer Brücke und brachten eine Liste d erer, die bei dem Unglücksfall den Tod gefnnden hatten. Ta war auch Gustav Lund genannt „nebst Söhnchen". Es kamen verzweiflungsvolle Tage. Aber in diesem großen Jammer erstarkte Rosaiba. Sie wußte: mit offenen Armen würde ihr Vater die Verlorene aufgenommen haben. I Doch das wollte sie nicht. Zwischen der Heimat und iHv lag eine weite und tiefe Kluft. Tie Scham, die auf ihren! Wangen brannte, wollte sie nicht zn dem Vater tragen. Sie konnte auch nicht betteln; nie wäre ein Wort des Flehens über ihre Lippen gekommen. Sie war keine landläufige Natur. Es ruhte manches in ihr, das noch der Entwicklung harrte. Sie verkaufte ihren lehren Schmuck und trat dann zum' erstenmale öffentlich auf. Tas war in einer obskuren Sing- spielhalle und eine schwere Lehrzeit. Aber der Anfang mußte gemacht werden. Man wurde auf sie aufmerksam: auf ihre Stimme und ihre eigentümliche Schönheit. Der Besitzer einer größeren Bühne engagierte sie. Ter Name! Rosalba Peretti wurde in Jahresfrist bekannt; „Peretti"i — das war ihr zufällig eingefallen; ihre Amme hatte diesen Namen geführt. Tic goldene Jugend Newyorls umschwärmte sie und mehr noch die angegraute. Es hieß, sie verachte die Männerwelt, und das gab ihr besonderen Reiz. Das Theater, in dem sie auftrat, wurde plötzlich zu einer Wallfahrtsstätte für das elegante Zigeunertum. Ter Direktor machte glänzende Geschäfte, und nm seinen Magnet nicht zu verlieren, erhöhte er die Gage Rosalbas fast um daS Doppelte. Sie fürchtete sich jetzt nicht mehr vor der Zukunft. Ihre Stimme und ihre Schönheit sicherten ihr die Existenz. Ja, beides. Sic war ring geworden und kühl bis zur Berechnung. Sie hatte ihre Leidenschaft zu Grabe getragen; eine Wandlung vollzog sich in ihr. Sie hatte keinen mehr, beit sie liebte. Ihr Kind war tot; ihres Vaters gedachte sie kaum uoch. ES glitt wie ein Eisstrom durch ihr Herz. Ihre Schönheit sollte zur Auz-ichungskraft werden und die Folie bilden für ihre Kunst. Damals begann der Schönheitskultus, der später zur Passion bei ihr wurde. Sie blieb vier Jahre in Newyork und ging dann nach! Loudon. Hier wiederholten sich ihre Triumphe. Sie hatte inzwischen auch an ihrer musikalischen Ausbildung eifrig weiter gearbeitet und veranstaltete Konzerte, in oenen sie allein auftrat. Aber obwohl die zünftige Kritik voll hohen Rühmens über ihre unvergleichliche Stimme war, gefielen ihr selbst diese Konzerterfolge nicht. Sie wollte ein anderes Postament für ihre Schönheit haben. Ein phantastischer Zug drängte sich in ihr Wesen. Sie liebte bizarre Kostüme, die sie selber entwarf und die genau nach ihren Angaben! angefertigt werden mußten. So erschien sie als Mondgöttin, als Berenice, als Kleopatra, als Dämon der Nacht und um die Illusion zu steigern, ließ sie sich für ihr Auftreten besondere Dekorationen malen und verschmähte auch Kulissen- und Beleuchtnngseffekte nicht. Daß unter dem äußerlich Theatralischen die Reinheit ihrer Kunst leiden mußte, kümmerte sie nicht. Es war ihr ganz gleichgiltig, wie man sie beurteilte; sie hatte keinen künstlerischen Ehrgeiz; sie lebte nur sich selbst. Um aber ihrem eigenen Kult zu leben, bedurfte sie großer Mittel. Sie wurde habgierig, um andererseits ihren verschwenderischen Launen fröhnen zu können. Sie reiste wie eine Königin, mit riesigem Train, und nahm nur dort feste Engagements an, wo man sie für wenigstens zwei Jahre verpflichtete, um sich sürstlich einrichten zu können. Als ihr eines Tages von der Großen Oper in Paris ein verlockender Antrag mit mehrjähriger Bindung zuging, folgte sie dem Rufe, obwohl die Mitwirkung in einem' geschlossenen Ensemble ihrer Eigenart wenig zusagte. Sie gedachte, vorläufig in Paris zu bleibeu, mietete sich hier eilt leerstehendes kleines Palais und begann es sich allgemach mit großem künstlerischem Geschmack eiu- zurichten. Tas machte ihr Freude. Sie besaß ein fernes Verständnis für Altertümer und konnte -stundenlang die Läden der Raritätenhändler dnrchkramen und mit bett Antiquaren schachern und feilschen. Es hieß damals, der Chef eines weltberühmten Bankhauses wende ihr seine Gunst zu: man hatte sie in seiner Equipage fahren sehen. Es hieß auch, der Börserrfürst spekuliere für sie und Habeste an irgend einem gewinnbringenden Unternehmen beteiligt. Märchen von ihrem Brillantenreichtum kamen in Umlauf; der „Figaro" erzählte tolle Geschichten aus ihrer romantischen Vergangenheit; die Modenblätter reproduzierten ihre Kostüme. Tie ganze Schar der Hohenpriefterinnen unserer, lieben Frau von Milo war eifersüchtig auf ste; und doch konnte ihr niemand nachsagen, daß sie ein regelloses Leben führe. Ein Attaches der russischen Botschaft erschoß sich; — 19 — und es wurde ruchbar, daß er sich den Tod gegeben, weil die schöne Rosalba ihn nicht erhört habe. . . Als sie nach einer „A!da"-Anfführnng in ihr Heim zurückkehrte, erwartete sie vor dein Portal des Palais ein alter Herr, der dort, tief geneigt an seinem Stocke, schon seit einer Stunde auf- und abgegangen war. Rosalba erkannte ihn auf der Stelle und fiel mit einem Aufschrei in Ohnmacht. Sie sah ihren Vater vor sich. Das Repertoir der Großen Oper mußte geändert werden: die Pereiti war krank geworden. Aber noch schmerzlichere Neuigkeiten wußten die Blätter zu melden. Die Pcretti verließ Paris. Sie hatte ihren Kontrakt gelöst und ein hohes Pönale gezahlt. Ihr Palais schloß sich. Die Peretti trat von: Schauplatz ab. Eine Reihe von Jahren hörte man nichts mehr von ihr. Da vergaß man sie < . . (Fortsetzung folgt.) Jordans WiöeLuuge in der Schule. Von Sophie G ö r > cb (in der „Staatsb.-Ztg."). Nun ist sie herausgekommen. Ein Lieblingsgedanke des Dichters ist dadurch verwirkliut. Er selbst hat den Wunsch gehabt, daß eine Schulausgabe erscheinen möge; denn dem Hamburger Schulschristen-AUsschnß wurde eine zustimmende Antwort auf die Bitte, der Dichter möge eine Schulausgabe znsammenstellen. Sie selbst zu redigieren hat ilM doch Alter und Tod versagt. Und so, tote sie jetzt vor uns liegt, ist die Schulausgabe aufs beste geeignet, die großen Gedanken, die in der „Nibelunge" enthalten sind, in die Kinderherzen zu pflanzen: die großen Ideen der Pflicht, der F r e u n d e s t r e u e., der F raue n würde, der S elbstv er an two r tun g. Nichts von dem, was dem erwachsenen Deutschen so machtvoll aus seinem größesten Epos entgegenklingt, ist den Kindern vorenthalten worden, trotzdem der Text auf weniger als ein Drittel zusammengedrängt ist; während in der Originalausgabe 16160 Verse vorhanden sind, umfaßt die Schulausgabe 5416 Verse. Die ausgelassene» Stellen ■ sind durch Prosastncke ersetzt, welche den verbindenden Faden bilden, so daß niemals der Zusammenhang unterbrochen ist. Eine solche Zusammendrängung war nnbedingt nötig, einmal aus praktischen Gründen: . eine Schulausgabe muß billig sein, sonst' ist es einfach unmöglich, sie einzuführen, und zum andern, weil manche^ Stellen der Originalausgabe Schwierigkeiten bieten für das Verständnis der Kinder; das Epos war für reise Menschen bestimmt. Die psychologisch feinsinnige Arbeit ist von Dr. Eduard P r i g g e, Lehrer am Goethe-Gymnasium zu Frankfurt a. M., fertiggestellt worden. Die Anregung zu derselben gab der frühere Direktor beg Goethe-Gymnasiums, der jetzige Geh. Regierungsrat Dr. Karl Reinhardt in Berlin, ein treuer Freund der Jordanschen Familie und ein großer Verehrer des Dichters. Als das Goethe- Gymnasinm noch unter seiner Leitung stand, führten die. Schüler desselben wiederholt Stücke aus den Tragödien des Sophokles in der Uebersetzung von Wilhelm Jordan auf und Jordans Ni- belunge wurde im Literaturunterricht eingehend behandelt. Sollte sie aber Eingang in eine große Anzahl von Schulen finden, so mußte eine besondere Ausgabe entstehen und diese verdanken wir nur der mühevollen Arbeit von Dr. Prigge. Das; die deutsche Sagenwelt eilt Gebiet ist,' welches die Kinder packt, ist keine Frage; aber ganz besonders die Jordansche Art mit ihren poetischen Feinheiten, mit ihrem bestrickenden Wohl- klang, mit ihren markigen Ermahnungen wird die Psyche des KindeS gefangen nehmen, die gerade in den Jahren, in denen wir ihr die Jordansche Nibelunge bieten, hungrig ist nach Schönem und Großem, an dem sie sich erbauen und hinausranken kann. Aus meinem eigenen Erleben weiß ich, wie aufnahmefähig »tau tu dem Alter ist, wenn innit die Oberstufen der Schule besucht. Wir standen im Alter von 14 und 15 Jahren, als nnfer Avrcr, allerdings ein pädagogisch eminent begabter Mensch, uns dte „Nibelunge" vorlas; cs waren Erbauungsstunden; wenig wurde erklärt; Das Werk selbst erklärte sich. Wir hätten die Stunden bis ins Unendliche verlängern mögen und beim Gespräch nnteremandcr fiel die Aev.ßerung: diese Stunden seien doch schöner, als Konfirmandenunterricht; gewiß nur ein Beweis für ote ttefreltgiöse Tendenz des Werkes. Das, was wir Backfische vamals verschwommen fühlten, das haben viele erwachsene Verehrer des Dichters zum Ausdruck gebracht, wenn sie ihnl schrieben, seine „Nibelunge sei ihre Hausbibel geworden, und das durchpulste auch wohl lenes kleine, zehnjährige Mädchenherz, das nach einer Geschtchtsstunde, als ich Sigfrids Tod durchgenommen hatte, sich Lust machte in den Worten: „O Fräulein, das ist wie von Christus." . . VAe sehr Jordans Art au' Kindesgemüt wirkt, zeigte sich "Us auch in folgendem Beispiel: Ich batte in der 4. Klasse unserer Volksschule, in welcher der Geschichtsunterricht zunl ersten Male auftritt, Sigfrids Tod erzählt im Anschluß an den 23. Gelang der Nibelunge, damit beginnend, wie das weiße Maßlieb die rote 'Nelke beneidete um ihr purpurnes Kleid, und damit endend, wie nach! dem Morde auch das Maßlieb geschmückt stand mit purpurner Schminke. Im folgenden Jahre hatte ich auf derselben Stufe den gleichen Unterricht, ließ gber diese poetische Episode fort, als eines der Kinder, das die Stufe noch einmal durchmachte, also eins der gänzlich unbegabten „Sitzengebliebenen", mit dem Finger kam und vorwurfsvoll erklärte:; „Voriges Jahr haben Sie noch vont Gänseblümchen erzählt, was neidisch war auf die Nelke und nachher doch rot wurde vow Sigfrids Blut." Wenn das geschieht am dürren Holz, wieviel können wir dann am grünen erwarten! Und sicher, noch jetzt schlägt die „Nibelunge" ebenso ein in junge Mädchenherzen, wie vor fast anderthalb Jahrzehnten bei uns: auch ich lese jetzt unseren Selektanerinneu die „Sigfridsage" vor und sehe die helle Begeisterung und das tiefe Mitgefühl in ihren Angen leuchten, und auch sie räsonnieren jedesmal, wenn die Glocke zur Pause läutet: tout eomme chez nous! Als wir die „Nibelunge"' begannen, mit einander zu lesen, gab's noch keine Schulausgabe; daher nahm ich die vollständige Ausgabe, lasse aber die Stellen fort, die ihnen zu hoch sind. Für lange Erklärungen haben wir leider keine Zeit, da uns nur die Handarbeitsstunden zur Verfügung stehen: den Liternturuuterricht in der Selckta zu erteilen, sind wir Volksschullehrerinnen noch nicht für fähig erachtet worden! Ob wir's noch mal werden, ob wir's bald werden? Es ist a u ch- ein Jordanscher Ausspruch, der da heißt: „Verdirb dir nur dein Mittelmaß mit keinem Paradiesestraum. . . Bewahre vor dem Neide dich! Dein Amt versieh; üescheide dich!" Sehr passend für uns Lehrerinnen der Oberklassen! Doch zurück zur Schulausgabe! Ehe in das Epos eingetreten wird, gibt Dr. Prigge eine btrze Uebersicht über Jordans Lebeus- gang mit dem Bildnis des Dichters und seiner faksimilierten Unterschrift und eine ganz vorzügliche „Einführung in die Nibeluugen- sage". Er beginnt mit der nordischen Ueüerlieferung, geht auf das mythische und historische Element ein, zeigt die Verschiedenheiten der nordischen und deutschen Ueberlieferung, verfolgt die Weiterentwicklung der Sage bis zu ihrer Fixierung um 1200, ihre Behandlung durch die Bänkelsänger, Hans Sachs und schließlich ihre Wiederbelebung durch Geibcl, Hebbel, Wagner und Jordan. Er legt den Begriff der Schuld dar, wie die vier Dichter ihn auffassen, und zeigt ihre Gegenüberstellung der beiden Frauen- gestalteu Brunhild und Krimhild. Dann beschäftigt er sich aus-, sichtlich mit dem Jordanschen Epos, mit seiner äußeren Form, gibt Proben des Stabreims und weist aus das bei Jordan so beliebte Homerische Kunstmittel, die Episode, hin. Ganz besonders liebevoll versenkt er sich in den Ausbau der Handlung und schält all die tiefen Gedanken heraus, die Jordan uns in seinem Werke gibt: die Gedanken der Zucht und Treue, der M ä ß i g- ung, der allwaltcnden Gerechtigkeit und der Vaterlandsliebe. — Während die Kinder, gibt man ihnen die Schulausgabe in die Hand, um allein darin zu lesen, vermutlich die. gesamte Einleitung überschlagen, so wird sie ihnen, in der Literaturstunde besprochen, ein Quell hohen Genusses und ihr Verständnis für die poetische Schöpferkraft unseres Volkes ein tiefes werden. Am Schluß des Buches befindet sich; eine Stammtafel, ein Verzeichnis der Eigennamen und ein Verzeichnis alter oder seltener Wörter und bemerkenswerter Ausdrücke. lind nun noch ein Wort über das Aeußere des Buches: die Ausstattung ist würdig; der Umschlag ist ans Seinen, genau wie die Originalausgabe von 1904, in grau, blau und rot. Der Druck ist klar und nach ‘bet neuesten Orthographie; auch die Interpunktion ist korrigiert, was entschieden einen Fortschritt bedeutet gegen die Ausgabe von 1892, bei der das Vorlesen sehr erschwert wird. Das Papier ist glatt und holzfrei, und das ganze Buch kostet nur 1.25 Mark. Möchte es viele, viele Freunde finden und eindringen in Schule und Haus! Wer das Werk einmal liebgewonnen, kommt nicht wieder davon los. Denn es ist das Werk eines unserer Großen. Mit dem Postwagen. Das Reisen ist in unseren Tagen, wenn wir von dem Betrieb! auf Sekundärbahnen absehen, nicht mehr ein beschwerliches Geschäft. Man braucht itötf; keine 24 Stunden, um von der schleswig-holsteinischen Grenzstation Woyeus nach Basel zu gelangen; D-Zug und Schlafwagen bieten allen erdenklichen Komfort. Als jedoch Goethe und Schiller Jünglinge waren, waren weitere Reisen nicht nur beschwerlich, sondern auch gefahrvoll. Im September 1774 reiste der Dichter Hölty, um seinen Freund, den Romanschriftsteller Miller zu besuchen, von Göttingen nach Leipzig. Von Roßla an fnhr er mit der sogenannten gelben Kutsche, einer mit gelbem Tuch überdeckten Laudkntsche, in der acht Reisende sitzen konnten, 2 vorn, 2 hinten und 4 auf den beiden Seiten. Der Aussicht Stegen wählt sich der Dichter einen Seitenplatz und sieht mit ctreuen Augen in die Welt. In Merseburg ißt er zu Mittag und trintt gewaltig viel Merseburger Bier, das Klopstock deck König der Biere genannt hat. Aus der Rückreise ist die hannoversche Post vier Stunden eher von Nordhansen abgefahren, als die sächsische Post in Roßla «»kommt; denn die Hannoveraner! warten nur einmal in der Woche auf den Anschluß mit den Sachsen. Da gibt Hölty seinen Kofier sür einen Taler auf die Post und geht zu Fuß von Nordhausen nach' Northeim. Diese Fnßreise dauerte zwei Tage und ist. sehr mühsam, weil ■ 20 — * und ihm von allen Seiten gegen f ihr wie Pc tun Tc bei; bi< vc en eii un üb tu sie bii nu W bei rot er die ihr Sic sind kindlich, Besorgnis wegen eien mit Erlaubnis *) Rcichillustrierte Monatsschrift zur Pflege der „Kunst im Leben des Kindes". Verlag Alexander Koch-Darmstadt. Jährlich 12Hefte 14 Mk., Einzelpreis jeden Heftes mit ca. 50 großen Illustrationen 1.25 Mr. Gleichzeitig erschien der 1. Jahrgang von „Kind und Kunst" m Bandausgabe mit über 600 Illustrationen, Aufsätzen, Berichten, Erzählungen, Märchen, Gedichten, Liedern, Reigen und Spielen itfto , elegant gebunden 14 Mk. Prospekte gratis. dl sei Io fle ui N; nt lä be 9