KreiLag den 9. Wovember G U g ] W-R Wi tz | 8 !•„ M I nonrf W Ä UMAr Im Manne des Geheimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) 35. Kapitel. Im Paradies. Jack schrak aus seinen Träumen empor; der Vorhang ivar gefallen, und das Publikum begaun sich zu entfernen. Er fühlte sich an der Schulter berührt, fuhr zusammen und herum; Werner stand vor ihm. „Jack", sagte er, „komm mit mir." Ohne ein Wort oder eine Frage folgte fij'nt Jack- Es war eine Verzögerung oder ein Irrtum Vorgekommen, als Lady Waynes Wagen hatte vorfahren sollen; er war nicht gleich zur Hand; und sie, ihre Tochter und Lord St. Gilbert standen im Hintergrund- der Loge und warteten. „Fünf Minuten?" hatte Lady Wayne gesagt, „wir haben fünf Minuten zu warten? Dann, Herr Jefferies, haben Sie ja noch Zeit, uns Ihren Bruder vorzuftellen." Ihre Stimme ivar weich, ivie immer, wenn sie mit Werner sprach. Es lag etwas in seinem Gesicht, sie wußte nicht was, das sie anzog und ihr Herz rührte, ivie kein anderes Gesicht es jemals getan. Was ihr hauptsächlich mit an ihm gefiel, war, daß er absolut frei von falschem Stolz und Affektiertheit war. Er sprach so frei und so offen von der Armut seiner Familie, er fand sich mit so vollkommener Anmut und feinem Takt in seine Stellung, daß es unmöglich war, ihm nicht Bewunderung zu zollen. Er hatte Lady Wayne oft vom Wallhecken-Häuschen erzählt, ivie cs versteckt lag in Ranken und Blumen, von seiner malerischen Schönheit; er hatte in der ihm eigenen, poetischen, bilderreichen Sprache seine Mutter geschildert, ihr freundliches, nettes Wesen, und das einfache, bescheidene Leben, das sie in Elton führten. Nie hatte er sich angemaßt, etwas anderes zu sein, als das, wofür er selbst sich hielt, ein Sohn des Volkes, aus niedrigem Stände hervorgegangen, itnb voll Dankbarkeit gegen beit Himmel sür bte Gaben, die ihn höher gehoben, äls der bloße Zufall der Geburt es hätte tun können. Als, er, Lady Waynes Wunsch gehorsam, auf die Suche nach seinem Bruder gegangen, wandte sie sich an Lord St. Gilbert: „Ich wundere mich nicht über Ihre wärme Zuneigung zu Herrn Jefferies, Bald; ich halte ihn für einen der wohlerzogensten und feingebildetsten Männer, die ich je habe kennen gelernt." Lord St. Gilbert war entzückt. „Sie machen mit das Herz warm", erwiderte er, „Wenn Sie so von meinem erwählten Freund und Kameraden sprechen." „Wirklich", fuhr sie fort, „sein Benehmen ist tadellos. Können Sie sich nicht lebhaft denken, wie irgend jemand- der weniger gut erzogen, uns mit Entschuldigungen gekommen iväre und sich geschämt hätte, uns einen gewöhnlichen jungen Menschen vom Lande vorzustellen? Er tst ganz anders wie alle andern, die ich je kennen gelernt." Dann kehrte Werner mit Jack zurück. Aber tvo war Jacks prahlerischer Mut, sein großartig- vornehmes Wesen? „Muß ich meine Handschuhe anbehalten oder ausziehen?" hatte er Werner, vor Angst schwitzend, zugeflüstert. Das war seine einzige Bemerkung gewesen, als Werner mit ihm durch den Menschenschwärm geeilt war. „Wenn ich sie anbehalte, so sieht man meine Ringe nicht; und doch sind meine Hände ein bißchen rot und grob", dachte Jäck mit einem Seitenblick auf die iveiße, kräftige und doch schlanke Hand seines Bruders. Er entschied sich dafür, sie anzubehalteu. Noch eine Minute, Und er stand vor der schönstett und glänzendsten Frau in England, Evelyn Lady Wayne, die außerdem im Ruf stand, auch eine der stolzesten zu sein. Doch in diesem Fall war von Stolz nichts zu be- merken. Sie vergaß alles über ihrem Wunsch, Werners Bruder es so angenehm wie möglich zit machen. Sie sprach mit freundlicher Stimme, mit ihrem liebenswürdigsten, anmutigsten Lächeln, ein Lächeln, wofür die halbe Männerwelt Londons dankbar gewesen wäre. Jack war verwirrt, geblendet, betäubt, jeder klaren Empfindung unfähig. Es war doch etwas anderes, eine solche Frau aus einer gewissen Entfernung zu bewundern, und ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen. „Ich hoffe", sagte Lady Wayne, „die Vorstellung hat Ihnen gefallen. Unsere neue Schauspielerin war meiner Meinung nach entzückend." Jack wagte eine Ansicht zu äußern, es sei wirklich' „ganz allerersten Ranges" gewesen. Wäre es jeder andere- und tticht Werners Bruder gewesen, so hätte Lady Wayne lächeln müssen; denn eine groteskere Figur, als Jack sie bot, war ihr «och nicht vor Augen gekommen. Eine so wunderbare Mischung von Schüchternheit und Unverschämtheit, Scheu unb Verwegenheit, Einbildung und tödlicher Verlegenheit war noch nicht erhört wordeil. Lord St. Gilbert kam ihr zu Hülfe. Er schüttelte Jack mit herzlichem Lächeln die Hand. „Es muß mich freuen, Sie kennen zu lernen", sagte er, „ist Ihr Bruder doch nicht bester Freund. Wissen Sie, daß er mir das Leben gerettet?" Jack verneinte, er habe das nicht gehört, aber er wisse, sein Bruder sei ein famoser Kerl. Daun stellte Lady Wayne mit einigen ruhigen Worten ihn ihrer Tochter vor, und Elsie Wayne hielt, Balduins wegen, ihm ihr weißes, juwelengeschmücktes Händchen hin. Endlich war Jacks Ziel erreicht, sein Wunsch erfüllt, 658 endlich sah er selbst in dies süße, strahlende Antlitz und sah das Lächeln, das ihn wie ein Sonnenstrahl geblendet. In diesem Augenblicke schien es ihm, als ob sich die Pforten des Paradieses führ ihn geöffnet hätten. Er wußte nicht, was sie sagte. Er sah die Diamanten wie ebensoviele feurige Punkte auf ihrem weißen Nacken liegen; der Duft der Blumen, die sie in der Hand hielt, wehte zu ihm herüber und berauschte ihn vollends. Als er seiner Sinne wieder einigermaßen mächtig war und seine Pulse etwas ruhiger schlugen, unterschied er ihre Worte. Sie hatte ihre Frage wiederholt. „Ist dies Ihr erster Besuch in London?" fragte sie, und ihre schönen Augen sahen ihn kühl an, was das Fieber das seine Adern dnrchtobte, etwas zu stillen schien. Er verneinte. Er sei allerdings früher einmal in London gewesen, aber nur in Geschäften, und nicht zum Vergnügen. „Dann soll der Besuch diesnial wohl eine einzige, lange Kette von Vergnügungen sein, nicht wahr?" fragte sie. „Nun wir müssen unser Teil zu Ihrem Amüsement beitragen. Ihr Bruder ist bei uns ganz wie zu Hause." Jack glaubte das auch, und dann trippelte Elsie Wayne lächelnd davon, da der Diener meldete, der Wagen sei vorgefahren. Seine Augen folgten ihr verlangend; jeder Herzschlag schien mit ihr zu gehen, er hatte eine wahnsinnige Anwandlung, sich ihr zu Füßen zu werfen und sie über sich hinwegschreiten zu lassen. Dann kam Lord St. Gilbert, ihm guten Abend zu wünschen. „Sind Sie mal in Windsor gewesen?" fragte er, und Jack erwiderte, er habe daran gedacht, mal hinzugehen. „Daun", sagte der gutmütige, junge Edelmann, „wollen wir, falls Sie morgen nicht vergeben sind, hin und im „Wappen von England" speisen. Wo wohnen Sie?" Jack gab seine Adresse. „Wir wollen also hinfahren", sagte Lord St. Gilbert. „Ich werde morgen mit Werner bei Ihnen vorsprechen; Sie werden viel Vergnügen von dem Ausflug haben. Guten Abend!" Lady Wayne sprach noch einige Abschiedsworte, und Werner schüttelte ihm die Hand; dann blieb Jack — noch immer verwirrt, verdutzt, eine Beute der widerstreitendsten Gefühle — allein. — „Mama", flüsterte Elsie, „hast du schon gehört, daß Trauben und Disteln an einem Zweige wachsen?" „Nein", versetzte Lady Wayne lächelnd. „Und doch war das der Fall, als unser junger Dichter und sein Bruder unter einem Dache aufwuchsen." Lady Wayne zuckte die schönen Schultern. „Er ist einfach unaussprechlich, Elsie; aber wir müssen um Werners willen freundlich gegen ihn sein. Ich will ihn auf einen Abend einladen, wo wir ganz allein sind. Sei also ein gutes Kind." Elsie bemühte sich tatsächlich, ein gutes Kind zu sein. Sie war Werner sehr zugetan; aber allen Anstrengungen zum Trotz kräuselte ein Lächeln ihre Lippen, als sie an die komische Gestalt dachte, die vor ihr gestanden. Werner war in arger Verlegenheit wegen der Einladung, die Lord St. Gilbert seinem Bruder gegeben. Nicht, daß er irgend welche falsche Scham hinsichtlich Jacks hatte, aber er fühlte, auf der einen Seite war so ausschließlich vulgäres Wesen und auf der anderen so ausschließlich guter Geschmack und feinste Bildung, daß es zweifelhaft war, ob der geplante Ausflug wohl irgend einen von der Partie im mindesten befriedigen würde. Was Jack betrifft, so ging er nach Hause wie jemand, der einem ausgesucht guten Tropfen Wein zu sehr zugesprochen. Die Sterne blinkten am nächtlichen Himmel — er sah nichts davon; Londons Straßen waren voll traurigster Poesie — er verstand nichts davon. Die goldenen Pforten des Paradieses hatten sich vor ihm aufgetan; feinste Wohlgerüche und Musik hatten ihn berauscht, anstatt der goldenen Sterne und dunklen Straßen sah er das unvergleichlich liebliche, jugendliche Bild Elsies, das ihn bis zu Tode umschweben, ihn führen sollte, — wohin, das wußte nur der Himmel. „Ich soll mit einem Lord zusammen speisen", sagte et sich bann; „kein sogenannter, sondern ein wirklicher Lord. Was wird meine Mutter, was wird Betsy dazu sagen?" Bevor er zu Bette ging, schrieb Jack einen Brief an Betsy, worin er ihr seine glückliche Ankunft in London und seine großartigen Erfolge meldete. Ein Auszug daraus ist hier vielleicht nicht unangebracht: „Ich weiß nicht, Betsy, wie es mir jetzt, nach all diesem, noch in Elton gefallen soll. Keine dicktuerischen Gutsbesitzer, keine sogenannten „Feinen". Willst Du glauben, daß ich morgen mit einem wirklichen Lord zusammen speise? Und laß mich Dir sagen, Betsy, ein wirklicher echter Lord ist was sehr Angenehmes — so frei, so freundlich, so ungezwungen; hat nichts Dick- näsiges an sich. Morgen, gerade um die Zeit, wenn Du die Kühe melken gehst, fahre ich im Wagen eines Lords nach einem großartigen Hotel, wo wir ein Essen kriegen werden, wie Du's Dir nie, nicht 'mal im Traum/ hast einfallen lassen. Das heiß' ich Leben! Ich fühle, daß ich dafür geschaffen bin. Ich war zum Gentleman von vornherein bestimmt. — Mas Damen angeht, so habe ich eine gesehen!! Aber vielleicht ist es besser, wenn ich Dir nichts erzähle; Du möchtest eifersüchtig sein." 36. Kapitel. Auf der Fährte. Das Diner im „Wappen von England" war eine Epoche in Jack Jeffiers' Leben. Wie er darnach verlangte, sich in schwachem, ohnmächtigem Verlangen darnach verzehrte, auch so wie diese Aristokraten — so kühl, stolz, unnahbar, und doch wieder anmutig, frei, und ungezwungen zu sein! Wie verächtlich sein früheres Leben und die ganze Ber- gangenheit ihm jetzt vorkamen! Als Gipfel alles irdischen Glückes war ihm einst vorgekommen, wenn er Betsy heiraten, beständig Zigarren rauchen und ins Theater würde gehen können. Nunmehr waren seine Ansichten von Leben und Glück total anders. Er hielt Betsy nicht länger für das erste und schönste, das klügste und geschliffenste Mädchen der Welt. Die blendende Erscheinung jenes strahlenden, jugendlichen Gesichts, jener schlanken Mädchengestalt in ihrer reichen Toilette hatte seinen Gedanken eine gänzlich andere Richtung gegeben. Er erinnerte sich einer weißen, schlanken Hand mit rosigen Fingerspitzen und funkelnden Ringen; verglich diese mit Betsys roten, von harter Arbeit rauh gewordenen Händen. Es war Jacks erstes Erwachen zur Eleganz und Verfeinerung des Lebens. Schwache Augen können nicht in die Sonne sehen, ohne halb blind zu werden, und schwache Seelen können Reichtum, Luxus und verfeinerten Lebensgenuß nicht betrachten, ohne daß das Gift des Neides bei ihnen eindringt. Hätte Jack die wertvollste aller Gaben, gesunden Menschenverstand, besessen, so wäre ihm die Berührung mit diesen über ihn Stehenden von Nutzen gewesen; wie di« Sache aber lag, kannte er nur den einen neidischen Wunsch, zu haben, was sie hatten — zu sein, wie sie waren. Er grübelte nach, ob er mit irgend einer Summe Geldes das kühle, anmutige, ungezwilngene Wesen, das Lord St. Gilbert so gut anstand, wohl würde erkaufen können; ob ein gehöriges Quantum Mandelseife seinen Händen Weiße und Weichheit, irgend eine Erfindung seinem ganzen Aeußern dieselbe Glätte und feine Bildung verleihen könnte. Stets hatte er Werner als Bücherwurm und Büffeler betrachtet; jetzt hätte er alles, was er aus der Welt besaß, darum gegeben, wenn er dafür dasselbe tadellose, fein- gebildete Benehmen, dieselbe Anmut und Leichtigkeit des Ausdrucks hätte haben können. Lord St. Gilbert tat fein Bestes, seinen tölpelhaften Gast zu amüsieren; er und Werner boten alle Künste der Unterhaltung auf, aber alles war vergebens; Jack beschränkte sich auf ein merkwürdig gezwungenes Lächeln und einige unartikulierte Aeußerungen. Er taute nicht eher auf, bis er drei Glas Champagner getrunken hatte. Dann fühlte er, daß ihm Mut im Busen wuchs; er sagte sich: „Ein Mann ist ein Mann, egal, was er ist." Er bemühte sich, ebenso ungezwungen und frei in seinem Benehmen zu fein, wie Lord St. Gilbert selbst, und der Erfolg war bierartig, daß alles, Kellner nicht ausgenommen, sich ungemein amüsierte. Es war eine Erleichterung für alle, als das Diner I — 659 — endlich vorüber war und sie zur Stadt zurückkehren konnten. Doch hatte Jack manche Perlen der Unterhaltung aufgeschnappt und im Gedächtnis aufgespeichert; er erinnerte sich der meisten drolligen Redensarten und humoristischen Ausdrücke des jungen Edelmanns, sowie auch einiger Witze, und sah sich bereits in voller Glorie, wenn er, nach Elton zurückgekehrt, sagen würde: „Als ich nnt Lord St. Gilbert im „Wappen von England" dinierte, erzählte er mir den und den Witz." Er weidete sich ordentlich schon im voraus an der Sensation, die diese Ankündigung notwendig ber allen Hervorrufen mutzte. Den ganzen Abend und den folgenden Tag verbrachte er wie im Rausch, und seine gehobene Stimmung sank wahrlich nicht, als er am andern Tage einige Zeilen von Werner erhielt, des Inhalts, daß Lady Wayne ihn Litten lasse, einen der nächsten Wende in Kenninghall-House zu Verb ritt nett. „Es wird niemand da sein wie nur die Romseys, und ihr Sohn, Lord St. Gilbert. Sei also nicht ängstlich, Jack; Du wirst dich sicher amüsieren", schrieb Werner. Doch er hätte keinerlei Blodigkeit von feiten Jaas zu befürchten brauchen. Jack dachte überhaupt keinen Augenblick an seine eigenen Schattenseiten; er dachte nur daran, daß er sie Wiedersehen sollte — die schone Königin, die von seinem Herzen Besitz ergriffen , daß er sie Wiedersehen, mit ihr sprechen, am selben Tisch mit ihr sitzen, noch einmal im diese strahlenden Augen blicken, und sein Innerstes von diesem wunderbaren Lächeln erwärmt fühlen sollte. Was er an Vorbereitungen auf diesen Abend durchmachte, das wußte nur Jack selbst. Das Endergebnis war, daß er sehr geputzt, poliert und blank gemacht aussah; er war ein Gleißen; Gesicht, Hände, Haare, alles schien und blinkte nur so, daß es eine wahre Freude war; und Jack präsentierte sich am Tor von Kenninghall-House mit der tiefinnerlichen Ueberzeugung, daß er tatsächlich, so wie er war, für eine Eroberung trefflich gerüstet sei. Er öffnete die Augen weit vor Verwunderung, als er eintrat und die Pracht dieses Palastes sah. Noch nie batte er etwas Aehnliches gesehen. Nichts beeinflußt gewöhnlich ordinäre Menschen mehr als die Entfaltung von Pracht und Luxus. Jack war, in den meisten Füllen, die Unverschämtheit selbst; hier jedoch, als er in der Eintritts- Halle umherblickte, die breite Marmortreppe mit ihrem reichen Geländer in getriebener Bronze, dem dicken Purpurläufer, den herrlichen Statuen gewahrte, die zahlreichen geräuschlos dahin eilenden Diener, kurz, den ganzen Reichtum und Luxus sah, der ihm vollständig fremd und von dem er bis dahin keine Ahnung gehabt, — sank ihm der Mut, und der kalte Schweiß trat ihm in dicken Perlen ans die Stirn. Er wußte nicht mehr aus und ein. Zum Glück für ihn hatte Werner ihn vom Fenster her bemerkt und kam ihm alsbald entgegen. Jack war nur allzu dankbar für fein Erscheinen. „Sag, Werner, dies ist ja alles sehr großartig, und es wird sehr nett sein, hinterher dran zu denken — wird sich großartig von sprechen lassen — aber es ist nicht sehr gemütlich, solange man drin ist." „Sie sind sehr freundlich. Du wirst dich bald heimisch bei ihnen fühlen, Jack", sagte sein Bruder. „Du brauchst gar nicht nervös zu sein; sie wissen, daß wir nur einfache junge Leute vom Lande sind; sie erwarten von uns nicht das, was sie von Leuten ihres eigenen Standes erwarten würden." „Alles ganz gut für dich", erwiderte Jack und wischte sich die dicken Tropfen ab. „Wenn ich zu Haus bin, kann ich auch frisch von der Leber weg sprechen; hier hab' ich meine ganze Zeit nötig, bloß um meine Hände richtig zu halten." Werner, unfähig, ein Lächeln zu unterdrücken, führte feinen Bruder ins Gesellschaftszimmer. Wieder war Jack vollständig verwirrt; doch nichts übertraf Lady Waynes Takt — tat sie ein menschenfreundliches Werk, so tat sie es auch gut. Auf den ersten Blick sah sie, wie vollständig Jack verloren war. Sie ging auf ihn zu und plauderte freundlich mit ihm, bis ihm der Verstand wieder klar wurde und seine Befangenheit schwand. War er dankbar für solch gütige Herablassung? Da hätte man ihm sehr unrecht getan — sein Hauptgedanke war der, daß er jlioch ein feiner patenter Kerl sein müsse, da diese große und vornehme adelige Dame ihn offenbar bewunderte. Dann blickte er Mlher nach dem jungen Mädchen, das er so glühend wieder zu sehen verlangte. Sie war da — er sah sie am anderen Ende des großen, prächtigen Gemaches. „Elfte", sagte Lady Wayne sanft, und die weiche, klangvolle Stimme schallte so klar, daß das Mädchen es sofort hörte und an die Seite ihrer Mutter eilte. Lady Wayne lächelte, als sie in das liebliche Gesicht blickte. „Was kannst du finden, um mir Herrn James Jefferies zu unterhalten? Vielleicht möchte er dich gerne singen hören." „Das möchte ich, ja", sagte Jack hastig; „nichts in der Welt könnte mir besser gefallen." „Sie haben also, wie Ihr Bruder, gern Musste, sagte Elfte freundlich, als sie durchs Zimmer zum Flügel schritt. Der süße, reiche Blumenduft, die warme, duftige Luft, die Pracht rings umher, alles berauschte Jack förmlich. Es war ihm wie dem Verzauberten im Märchen zu Mute. Er saß in der Nähe des Flügels, und Elfte, mit ihrem reizenden Lächeln, wandte sich zu ihm und fragte ihn, was sie singen solle. „Ach, Sie können überhaupt nichts singen, was nicht süß wäre", sagte Jack mit einem verzweifelten Anlauf zu einem Kompliment. „Das wissen Sie nicht", versetzte Elfte mit leichtem, köstlichem Lachen, das Jacks Herz schneller klopfen ließ. „Das wissen Sie nicht, Herr Jefferies. Einige meiner Lieder streifen ans Nichtsnutzige und andere ans Herausfordernde." „Alles, was Sie tun, muß reizend fein", wiederholte er unbeirrt. Es schien ihm unmöglich, da zu sitzen, ihr ins Gesicht zu sehen, ihr zuzuhören, und ihr nicht zu sagen, daß er sie anbete. Der Duft der Blumen schien ihm mit jedem Augenblick stärker und süßer zu werden. Jack ivar vollständig berauscht. Es war ein Glück für ihn, daß die Ankunft der Nomseys seine Gedanken in eine andere Richtung lenkte. Er hatte aber auch dann keinen Grund, sich über Mangel an Aufmerksamkeit zu beklagen. Lady Nomsey, die ihren Sohn Balduin mit der leidenschaftlichen Liebe einer Mutter für ihren Einzigen umfing, liebte nach ihm Werner am meisten, weil er ihn vom Tode gerettet hatte. Werners Bruder war ihr also ein Gegenstand des größten Interesses. Von Natur stolz, zum Hochmut geneigt, vergaß sie alles, nur Freundlichkeit und Güte nicht. Sie ging auf Jack zu, bewillkommnete ihn höchst liebenswürdig und sagte ihm, was, wie sie glaubte, ihm am meisten gefallen würden — Worte des Lobes auf Werner. Jack begann sich auf die ihm gezollte Aufmerksamkeit etwas einzubilden. Lord Nomsey kam herein und schüttelte ihm freundlich die Hand. „Ich schulde Ihrem Bruder mehr, als ich wieder gut machen kann, und wenn ich ewig lebte. Sie müssen über meine Dienste verfügen, Herr James Jefferies; sie stehen Ihnen zur Verfügung." Jemand fragte, wo Miß West denn sei, und Lady Wayne erwiderte, sie sei ausgegangen und verbringe den Abend bei einer kranken Freundin. Jack amüsierte sich vortrefflich. Er bestand die Feuerprobe sehr gut: er war zu sehr verliebt, um irgend eine große Ungeschicklichkeit zu begehen, und seine Wirte waren liebenswürdig genug, alle kleinen Mängel zu übersehen. „Es ist eine verzweifelt schwere Arbeit," dachte Jack bei sich, „aber ich mache mich schon ganz famos." Als es Zeit für ihn war, sich zu verabschieden, ging Werner mit ihm hinunter in die Halle, und während sie dort noch standen und plauderten, kehrte Marian West von dem Besuche, den sie ihrer Freundin abgestattet, zurück. (Fortsetzung folgt.) 680 vermachtes. * Dirigieren. Jnr Oktoberheft.. des „K u n st war t" veröffentlicht Leo Blech einen Aufsatz „Vom Dirigieren", dem wir folgendes entnehmen: „Das Publikum beurteilt den Dirigenten zumeist nach dem ästhetischen Eindruck seiner Zeichensprache., Es sieht mit Interesse, wie mit dem hocherhobenen Arm ein Fortissimo- schlag des Tutti niedersaust oder auf deu glättenden Wink der Hand der ©turnt der Instrumente sich im Nu beschwichtigt. Nur- wenige Kenner aber nehmen eS wahr, wenn die heftige Gebärde des Kapellmeisters im Spiel des Orchesters gar keine Veränderung bewirkt. Sie schließen dann, daü die, Musiker sich überhaupt nicht um ihren Leiter kümmern, dast dessen Pantomime eben bloß ein Geflunker und leeres Schauspiel ist. Denn der sachliche Dirigent dirigiert nicht für das Publikum, sondern für das Orchester. Wie Frage, ob die starken Bewegungen beim Dirigieren nötig, ob sie erlaubt sind, ist schvn häufig erörtert worden. Ich halte sie auf den Proben, wo es gilt, deu Ausdruck einzuüben oder sein Finden zu unterstützen, für durchaus angebracht. Bet der Aufführung hingegen sollte alles Einzelwerk des Vortrags so gut schon eingeübt sein, daß es von feiten des Kapellmeisters wirklich nur mehr einer kleinen Erinnerung an das auf den Proben Vereinbarte bedarf. . . Und wie das viele Gestikulieren beim Reden in guter Gesellschaft nicht als ein, Vorzug gilt, so wird auch der Kapellmeister sich Bestreben müssen, seilten impulsiven Drang zu mimischen Verdeutlichungen zu zügeln. Die meisten namhaften Dirigenten wie Mottl, Mahler, Weingartner, Strauß haben als Draufgänger begottnen und erst mit der zunehmenden Reife das Ueberflüssige der Gebärdensprache abgestreift. In der richtigen Erkenntnis, daß die Unruhe des Dirigenten auch das Orchester nervös und unruhig macht. Die auffallende Pantomimik, wie sie in der Aera des Pultvirtuosentnms zu einem wahren Dirigiertanz ausgebildet ivurde, indem man dem Publikum die Schattierungen und Wandlungen des musikalischen Ausdrucks gewissermaßen optisch vorgankelte, geht ihrem Ende entgegen, weil nkan allgemach einsehen lernt, daß die Einwirkung dieser Zeichen auf die Zuhörer viel größer zu sein pflegt, als die auf das spielende Orchester. Das letzte Ideal lötirc doch: eilt Orchester ohne Dirigenten spielen zu lassen — leider eine technische. Utopie... * Wer hat mehr Ordnungssinn, Mann oder Frau? Diese Frage wird in der Nummev 1257 der Wochenschrift „Fürs Haus" erörtert. Der Verfasser — oder ist es eine „sie"? —- führt eine ganze Reihe kleiner charakteristischer Züge an, die von scharfer Beobachtungsgabe zeugen, und kommt schließlich zu einem Ergebnis, womit auch die vielfach als „unordentlich" verschrieenenen Männer wohl zufrieden sein können. — Der illustrierte Aufsatz „Toilettekünste in Afrika" zeigt, daß,— wenigstens die Frauen der Wildnis keine besseren Menschen sind als die Damen der Kulturvölker und der Mode nicht weniger huldigen wie diese. —. Das im 25. Jahirgang stehende Hansi-i frauenblatt „Fürs Haus", das so viel Belehrung und Unterhaltung bietet, erscheint wöchentlich und ist zum Preise von 1.50 Mk. vierteljährlich („Salon-Ausgabe" 1.75 Mk. vierteljährlich) durch alle Buchhandlungen und Postanstalten zu beziehen. * Zweckdienliche Ratschläge für sinnige und geschmackvolle Weihnachtsartikel erteilt die Zeitschrrst „Kunstgewerbe fürsHaus" H al en s ee, die in vornehmer Ausstattung in den 7. Jahrgang trat. Das dankenswerte Unternehmen bietet monatlich ein Heft nebst zwei großen, Beilagen, die die originalgroßen Pausen der im Hguptteil veröffentlichten Muster und Entwürfe bringen. Die eingehende Beschreibung bekannter und aller neuen kunstgewerblichen Techniken ermöglichen es im Verein mit eingehendsten Angaben, die der Ausführung der einzeliren Stücke gelten, wvh. jedem Dilettanten eine künstlerisch vollwertige Arbeit zu liefern. Bemerkt sei noch, daß der Zeitschrift die bewährtesten Kräfte zur Seite stehen, die das Unternehmen im Laufe der Jahre zu einem Hausschatz der angewandten Künste ausgebaut haben einem Hausschatz, der wohl einzig in seinem Wert als Ersatz für kunstgewerblichen Unterricht dasteht. ______________ Gprachecke des AKgemeirrett DeittschM Svrachvsrems. Zweigverein Gießen. Hier liegt der Hund begrabe». In verschiedenen Zeitungen fand sich kürzlich folgender Versuch einer Erklärung dieser Redensart: „In dem kleinen Orte Winterstein im Thüringer Walde steht mitten im Dorfe, unweit der Burgruine, ein altes steinernes Grabdenkmal. Es ist das Denkmal des treuen Hundes „Stützet": eine einen Meter hohe Steinplatte mit dem Bilde des Hundes und origineller (warum nicht „eigenartiger"?) Versüuterscktrift aus dem Jahre 1630, sowie der Aufschrift: „Hier liegt der Hund begraben!" Im Orte Winterstein und seiner Umgebung erzählt man sich, der Hund „Stutzet" habe den Postillon d'amour (klingt natürlich feiner als Liebesbote!) zwischen einem Edelfräulein auf der Burg Winter- stem und einem Junker in dem Schlosse Friedenstein in Gotha gespielt. Das treue Tier habe die Ueberbringung der Briefe so b prompt (!) und zuverlässig besorgt, daß matt ihm dieses Grabdenkmal gesetzt habe. Tatsache ist, daß die obige Redensart von Thüringen aus in die Welt gegangen ist." Die Leitung manches SBIatteS' hatte diese Mitteilung am Schlüsse mit einem Fragezeichen versehen. Und wahrlich, die Redensart ist auch anderswo heimisch, z. B. zu St. Beit in Oberösterreich. Tatsächlich ist also die ausgestellte Erklärung nicht aufrecht zu halten, und zwar auch aus dem Grunde nicht, weil die Redensart weit älter ist als das angeführte Geschichtcheit. Sie erscheint schon um 1550 bei Hans Sachs, in einer Steile, die freilich auch dem Grimmschen Wörterbuche nicht bekannt ist. In dem Schwanke des Nürnberger Dichters „Des Schmiedes Sohn mit seinem Traum" wird erzählt, wie der Schmied feinen Sohn von Freiburg im Breisgau nach Basel schickt, um dort ein Pferd zu verkaufen. In Basel gerät der junge Mann in lustige Gesellschaft, trinkt über den Durst und träumt in dem tiefen Schlafe, in den seine Bezechtheit ihn versenkt, daß er das Pferd verkauft und das Geld dafür erhalten habe. Er kehrt daraus nach Freiburg zurück, und in dem Wahne, das Geld in der Tasche zu haben, schlägt er mit der Hand darauf und spricht zmn Vater: „Da tigt der Hunt!" Das tft natürlich dasselbe wie die durch „begraben" erweiterte Redensart und liefert den Beweis, daß der Ausdruck weit älter ist, als der Einsender obiger Zeilen denkt. Ferner heißt es in einem int Schmal- kaldischen Kriege (1546/7) gegen Karl V. gerichteten Gedicht: (Lilieneron, Hist. Volkslieder): Ein Mouarchy wilt richten an; „Plus ultra" soll nock> weiter gan: Da ligt der Hund begraben! Da erscheint die Wendung also schon völlig eingebürgert mit dem allgemeinen Sinne: „Das ist der eigentliche Zweck deines Feldzuges". Ihre Entstehung dankt sie, wie fast alle derartigen Redensarten, sicherlich einem wirklichen Hergänge, aber dieser Hergang selbst und die Zeit, in der er vor sich ging, sind in Dunkel gehüllt. Soviel steht aber fest: die Redensart als solche war langst bekannt und int Volke geläufig, als man sie — natürlich in scherzhafter Weise — auf dem Denksteine des ebenso klugen wie gefühlvollen „Stutzet" anbrachte. — Borchardt-Wust- mann deutet noch auf das französische voilü le chien! hin und darauf, daß nach dem Bolksalauben auf verborgenen Schätzen Hunde lagern, wobei denn oft bet Schatz geradezu selbst Hund genannt wird: „In dem Haus steckt noch ein alter Hund." Auf diese und noch einige andere Deutungen weist auch Schrader in seinem „Bilderschmuck der deutschen Sprache" hin, besonders auch auf die, daß man oft in den Grundmauern des Hauses einen Hund als Sinnbild bet Wachsamkeit begrabe, auf den dann vom Bauherrn hmgedeutet werde mit den Worten: Und Da liegt der Hund begraben. Söhns. Weihnachts-Literatur. = Kulturgeschichte. Werden und Vergehen int Völker- leben Bon A. v. Schweiger-Letchenfeld. Mit 614 Abbildungen. und 41 Tafeln. In 40 Lieferungen zum Preise von 50 Pfg. Lfgn. 1—30. (A. Hartleben's Verlag in Wien.) — In den Abschnitten, welche dem Untergänge der antiken Kultur und den ersten I a h r h u it d e 11 e n des Christentums gewidmet find, hat der Verfasset den Votttag auf einen Ton geftimmt, welcher diesem bedeutsamen Zeitabschnitte der Menschengeschtaste angepaßt ist. UebersichtliH, exakt und mit Wärme werden die weltgeschichtliche Bedeutung, welche in Jesu Christi ruht, dte Persönlichkeit des Apostels Paulus, die Kirchenväter und dte Begründung einer neuen Weltanschauung bargelegt. Daun setzt die Völkerwanderung ein, welche dem Verfasser Gelegenheit gibt, mit einem gewissen epischen Schwung dieser gewaltigen Bewegung zu gedenken. Außergewöhnlich ausführlich ist der Abschnitt über den Islam, her. nach einem kurzen historischen Uebetblick, die Leistungen der Araber, Perser und ntohamntedani- schett Inder auf den Gebieten der geistigen und materiellen Kultur vorführt. Als Kvuner des Orients konnte der Verfasser fyier sein Wissen in glänzender Weise betätigen. Das Werk wird vor Weihnachten komplett und es ist zu erwarten, daß es manchen Gabentisch schmücken wird. Magisches Quadrat. Machdruck verboten. —r—--- In die Felder nebenstehenden Quadrats sind die Buchstaben AAAAAEELLMMNN’ ’ RSS derart einzutragen, daß die wagerechten __’ und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes bedeuten: 1. Weiblichen Vorname». -- 2. See in Irland. 3. Römische Gottheit. ----------- 4. Französische Stadt. (Auflösung in nächster Nummer.' Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: - Ein Narr kann mehr fragen, als zehn Weise antroorten. Redaktion: Ernst Hetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'Ichen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße«,