jlii HR JI !■ K 1906 ■" WM Der Stern. Roman von Ulrich Fran k. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Um Himmels willen, Kind, was hast du? Was fehlt dir denn? So kannst du unmöglich zu Ranzoni gehen, und wenn wir heute die von ihm bestimmte Stunde versäumen, das wäre schrecklich. Wer weiß, wann man dann wieder mal 'rankommt. Es hat Mühe genug gekostet, ehe ich cs erreicht habe, und wenn nicht der Kapellmeister Richter und der Direktor Streitmann sich für uns verwendet hätten, ja, aber Della, was denkst du dir denn?" Tie Erregung der Tante gab der Fassungslosen die Be- sinnting zurück. „O, Tante, bitte, nur einen Augenblick, es wird vorübergehen. Es ist nur das Neue, was mich verwirrt und erschreckt, und dann der Abschied gestern von Hause, und ja . . , und die Furcht vor dem Professor . . ." Sie brachte die Worte stoßweise hervor, als müsse sie sich erst allgemach sammeln. „Gott, aber Kind, das geht wirklich nicht. Du darfst dich nicht so gehen lassen. Erst gestern diese unnütze Aufregung und diese ganz überflüssigen Tränen, und heute wieder. Das schadet der Stimme. Du darfst dich deinen Gefühlen nicht so willenlos hingebcn, das ist bei dir nicht wie bei andern jungen Mädchen, die weinen und lachen können nach ihrem Belieben und sich von jeder Stimmung hinreißen lassen. Du mußt auf dich achten ... deine wunderbare Stimme . . . das legt dir Pflichten auf. Nicht umsonst hat dir die Natur ein so köstliches Geschenk verliehen." Sic war in einen pathetischen Ton verfallen und legte mahnenden Nachdruck in ihre Worte: „Ist dir das klar?" „Ja, Tante ..." flüsterte sie kaum hörbar, und dann schweifte ihr Blick umher, als suche sie etwas, was ihr einen festen Stützpunkt geben könnte in dieser verzweifelten Unruhe ihrer Seele. Sie waren inzwischen weiter gegangen und betraten einen großen Park, der zu dem Stadtteil führte, in dem der Professor wohnte. Herbstschaucr fröstelten durch das Laub der Bäume, über denen es in bräunlichem Hauch lag. Auf den breiten Pfaden und Wieseuflächen moderten vergilbte Blätter, und Astern und Dahlien, die zu Gruppen vereint den herbstlichen Schmuck des Gartens bildeten, standen frierend in der feuchten Luft. Die prangenden Farben, die in dem grauen Tag hell aufleuchteten, gaben ihnen keine Wärme und keine sommerliche Schönheit. Trügerisch war alles. Und doch, war diese bunte Pracht nicht ein köstliches Geschenk, das die Natur ihnen verliehen halte? Aber die Astern und Dahlien weinten. In feuchtem Geneset tropfte der Herbstnebel von ihnen ab. Sie weinen, trotzdem die Natur sie mit köstlichen Gaben bedacht hat. Mechanisch griff sie nach dem Strauchwerk, das die Wege umsäumte. Es trug weiße Elsbeeren auf dürrem Gezweig. Sic hatte ein Acstcheu abgebrochen und blickte zerstreut auf die runden, weißen Kügelchen. „Wie große, kostbare Perlen sieht das aus, Della"» rief die Justizrätin, „solche werden einst dein Haar schmücken und deinen Nacken, wenn du auftreten wirst. Und die Menschen werden dir zujubeln und du wirst gefeiert sein und reich und glücklich." Mit weitem, traumhaftem Blick sah Adele in die herbstlichen Nebel, die sich jetzt dichter zusammengeballt hatten- Es fing leise zu regnen an. „Liebst du Perlen mehr oder Brillanten?" fragte bi« Tante. „Ich weiß cs nicht", gab sie wie aus wachen Träumen zur Antwort, „aber die Eisbeeren haben mich immer traurig gemacht. So weiß und kalt. In Bernstadt wachsen sie an der Kirchhofsmauer." Frau Handtke erwiderte nichts darauf und beeilte ihre Schritte. Es schicn ihr das beste, so schnell wie möglich der feuchten Luft und Adcleus trüben Gedanken zu entkommen. * Als der Abend die Justizrätin mit Tochter, und Nichte um den behaglieh gedeckten Tisch vereinte, war die Stimmung eine ganz andere. Das große Ereignis des heutigen Tages wurde lebhaft besprochen. Professor Ranzoni hatte Della nicht nur singen lassen, sondern nach eingehender Prüfling erklärt, er selbst wolle die Ausbildung ihrer Stimme über- nehmen. „Den hättest du sehen sollen, Lutz", lachte die Rätin und legte sich ein zartes Hauunclkotelett auf ihren Teller. „Eßt, Mädels, und laßt's euch gut schmecken. Du mußt besonders kräftig essen, Dellchen, so 'ne Stimme braucht Futter. Viel Eier und Fleisch und mal ein Gläschen feinen Wein oder ein Kognäkchcn und so allerlei, nein, die hättest du hören sollen, Lutzchen, so was! Der alte Ranzoni riß die Augen auf und war ganz paff. Es Ivar aber auch phänomenal -— ja, phänomenal hat er nämlich gesagt. Nicht wahr, Dellchen?" „Ja, Tantel Das sagte er." Sie sah in diesem Augenblick stolz und froh aus. Ihre Augen leuchteten, ihr 394 Antlitz glühte wie von einem inneren Feuer durchleuchtet, und uni den feinen Mund lug ein liebenswürdiges Lächeln. „Und nun hätt'st du deine Cousine mul auf dem Hinweg sehen sollen. Ich will gar nicht daran denken. ES war dumm, daß ich keine Droschke genommen hätte, aber ich dachte, gerade der Spaziergang durch den „Großen Garten" würde ihr gut tun. Und nun flennt das Mädel und der Wind heult und die Bäume tropfen, na, wenn sie dabei nicht heiser geworden ist — ich dachte, nicht 'nen Ton bringt sie raus, aber hin müssen wir . . . du, Della, nimm noch ein bißchen Kartoffelsalat . . . der Nanzoni erwartet un§ . . . nicht wahr, er ist gut? nach 'nem Rezept von Frau Sanitätsrat Meinecke ... ja also, und dann legt sie lo§, na, weißt du . . . geh, ich bitt' dich, Kind, tu's mir zu Liebe, nimm noch ein Kotelettchen und etwas Gemüse . . . nee, Lucie, das kannst du dir einmal nicht vorstellen. Erst ein wenig schüchtern, so die ersten drei, vier Töne, aber auch schon rein wie 'ne Glocke, ja, das hat er gesagt, wie eine Glocke, und dann weg alle Angst . . . Du, ich glaube, Dellchcn, Käse schadet der Stimme . . . und mit einer Kraft und einem Ausdruck hat sie gesungen, wie die Engel im Paradies . . . eh sind amerikanische Äepfel, Herzchen, ausgezeichnet im Geschmack .... und eh' ich überhaupt noch was sagen konnte, hat der Professor sie schon beim Kops, küßt sie auf die Stirn und sagt: ,Das ist die Weihe der Kunst!' . . . Wenn Du Hammelkoteletts nicht gern ißt, kannst du es ungeniert sagen, ich lasse dir dann etivas anderes braten, ich esse sie sehr gern und Lutz auch . . . alle Italiener posieren, das muß man schon hinnehmen, aber es war doch ein erhebender Moment . . . Mahlzeit, Kinder! Ich lasse zu Ehren des Tages Eierpunsch machen, und dann wollen wir drüben im Wohnzimmer weiter plaudern von dieser großen Sache. Bei dem scheußlichen Herbstwetter tut's gut, inwendig etwas einzuheizen. Mich fröstelt, wenn ich an heute vormittag denke." Sie hatte sich erhoben und die beiden Mädchen waren ihrem Beispiel gefolgt. Lucie hatte stillschweigend dem Bericht der Mutter zugehört, die während des Essens die Erlebnisse beim Professor Nanzoni auskramte. Adele weilte mit ihren Gedanken bei der für sie hochwichtigen Stunde, aber es machte ihr Spaß, die Tante in dieser komischen Art davon erzählen zu hören, wie sie zwischen Braten und Gemüse die Frage servierte. Was alles in diesen Stunden in ihr vorgegangen, das ahnte sie doch nicht. Sie hielt sich an die Aeußerlichkeiten des Erfolges, dessen man sich wirklich erfreuen konnte, auch bei einem guten Nachtmahl. Die Hauptsache war, daß Nanzoni Adele zu seiner Schülerin gemacht hatte. Das bestätigte auch Lucie, als sie endlich zu Wort kam. Sie hatte eine Stickerei vorgenommen, die Lampe dicht zu sich herangezogen, und sagte zu ihrer Cousine: „Du hast wirklich Glück, Della, daß er dich so ohne weiteres annahin. Hunderte kommen jedes Jahr her, um sich von ihm prüfen zu lassen, und kaum drei bis vier behält er zur Ausbildung zurück. Ec ist schrecklich kritt- lich und launenhaft. Im Pensionat von Fräulein Heise habe ich neulich amüsante Geschichten von ihm gehört. Eine Amerikanerin, die ihm dreißig Mark für die Stunde bezahlen wollte, habe er einfach abgewiesen, weil sie schielt." „Man singt doch nicht mit den Augen," meinte Frau Handtke verwundert. „Ja, aber er sei so nervös, daß er nicht vertragen könne, wenn jemand ihn schief anblicke. Ueberhaupt die Erscheinung der Schülerin soll sehr wichtig sein bei seinen Entschlüssen —" ihr Auge flog zu Adele hinüber, die ganz im Dunkeln saß, so daß sie die flüchtige Röte nicht bemerken konnte, die über ihr Antlitz flog. „Da hat er eigentlich ganz recht. Eine Künstlerin muß schön sein —", entschied die Mutter, „und bei so ’nem alten Herrn hat das nichts zu bedeuten." „Na, und Della hats dazu!" sagte Lucie etwas hämisch. „Gott sei Dank! Die herrliche Stimme, und hübsch wird sie auch werden, wenn sie erst voller und reifer sein wird." Das junge Mädchen erhob sich. Es berührte sie peinlich, so über sich verhandeln zu hören, und sie sagte: „Wenn du erlaubst, liebe Tante, möchte ich mich zeitig zur Ruhe begeben. Der Tag hat mir doch viel Aufregendes gebracht und ich bin etwas müde. Auch möchte ich noch, bevor ich schlafen gehe, an die Eltern schreiben." „Ja, natürlich, tue das. Ich werde an meine liebe Schwester wohl auch einige Zeilen schreiben müssen über ihres Töchterleins Einzug in Dresden und in das Haus ihrer Tante und vor allem über ihren Sucres bei Meister Nanzoni, Morgen früh kann der Brief dann fortgehen/' „Gute Nacht, Tantchen!" „Soll ich dir vielleicht noch ein Gläschen Eierpunsch in dein Zimmer schicken?" „Nein, danke! Ich bin an geistige Getränke gar nicht gewöhnt. Ich glaube, ein Glas war schon zu viel für mich." „Ach, Unsinn! Das lernt man und es tut gut." „Gute Nacht, Lucie!" „Gute Nacht! Und ruhe gut auf deinen Lorbeeren.. Ich denke, du wirst dich von jetzt ab auf diese Lagerstatt einrichten müssen." Diese Worte ihrer Cousine, so liebenswürdig sie auch klangen, hatten ihr nicht wohlgetan. Und als sie später ermüdet ihr Bett aufsuchte, tönten sie ihr im Ohr wider, höhnisch und spöttelnd. Die Träume aber, die sie umfingen, führten sie in einen Garten, dessen bunte, trügerische Herbstschönheit sie durchschauerte. Herb und dumpf stieg es ans der Erde zu ihr empor, und als sic fliehen wollte, fand sie sich plötzlich an der Kirchhofmauer ihrer Vaterstadt. Und über die Mauer hinweg reichte ihr jemand ein herrliches Diadem aus großen, weißen Perlen. Sie wollte es sich aufs Haupt setzen, aber als sie näher hinsah, waren es Eisbeeren, und die dürren Stengel, an denen sie hingen, ragten wie Dornen empor. Erst am frühen Morgen verfiel sie aus diesen unruhigen, wirren Träumen in einen festen, tiefen, gesunden Schlaf. (Fortsetzung folgt.) 157 Tage korsischer Waubmö'lder. Erinnernngcn au Korsika. Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf Tiemann. (Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.) Was soll ich schreiben, wie die leichteren Gefangenen, die herumgehen konnten, mir jeden Morgen von den Re-j sultaten der anderen Verhandlungen derselben Schwur- gerichtsperiode durch das Schauloch berichteten, wie sie mir Taschentücher abbettelteu, während ich ihren Bitten um wollene Hemden widerstand. Soll ich auch erwähnen, daß kurz vor Beginn der Schwurgerichtstagung Rechtsanwalt Lausranchi, der sein Honorar schon erhoben hatte, mich I im Gefängnis aussuchte mit beit Worten: „Parole d'hon- I neur, das sind meine letzten Frauken, und ich habe noch I meine Hotelrechnung zu bezahlen." Ich gab ihm daraufhin' 100 Fr. . . . Die Schwurgerichtsverhandlung dauerte vom 8. bis 12. Juni, täglich von 121/4 bis gegen 5 Uhr. Wie bereits am 10. Ium das Bastia-Journal schrieb, enthielt die Anklageschrift, ein Sammelwerk von Lügen, wie sich Rechtsanwalt Decori ausdrückte, nichts Bestimmtes zugunsten der Anklage, unbestimmte Vermutungen, viele leere Kombinat timten, und das war alles. Aüders konnte es auch nicht sein. Mer der geschundene Esel ninßte begraben werden, damit der Prussien die Gloire einer französischen Schwur- gerichtssitzung bewundern konnte. Wie oft hatte ich Rechts-? anwalt Campiglia gesagt: „Schade um das schöne Papier, das vergeudet wird." Er antwortete mir stets darauf: „Frankreich ist reich, sehr reich.", und doch rechneten korsische Blätter nach, daß deutsche Touristen niemals die Kriegsentschädigung einbringen würden, die Frankreich 1871 an Preußep (nicht Deutschland!) zahlen mußte. Tü wären die Engländer ganz andere Leute, diese müßte män viel herzlicher aufnehmen. . : Bei der Auslosung der Geschworenen verwarf mein Rechtsanwalt Decori sämtliche Offiziere. Wegen der Lange der Verhandlnng würden zwei Hilfsgefchworene hinzugefugr. i i i ] i 1 < '< 1 1 1 1 i i i ? c I S l 3 9 r i e t d 11 L 0 h n h n 395 Leider verstand ich die verdeutschten technischen Ausdrücke des Herrn Professors Bouchacourt bei Begründung der Vermehrung der Geschworenen nicht, sodaß ich meinte, ich verstände das Französisch des Herrn Gerichtspräsidenten besser als das Deutsch des Herrn Professors, was natürlich von dessen anwesenden ehemaligen Schülern und den jungen Damen, die in starker Zahl in glänzenden Toiletten den Sitzungen ständig beiwohnten, entsprechend belacht wurde. Ich habe mich immer französisch verteidigt, und Professor Bouchacourt nur ab und zn als lebendes Wörterbuch benutzt. Mein Äjaccioer Dolmetsch, Professor Froissy, hatte mir mitgeteilt, daß auch die studierten Lehrer in Frankreich sehr schlecht besoldet würden. Es freute mich daher, daß ich ihm wie seinem Bastiauer Kollegen eine nicht un- bedeutende Nebeneinnahme aus der Staatskasse verschaffen konnte. Wie ich aus einigen Ausschnitten ersah, die meinem Rechtsanwalt von Magdeburg aus übersaudt und von diesem mir vorgelegt würden, hatte man über mich die schrecklichsten Schauermären verbreitet. Der Untersuchungsrichter hatte mich als Zeuge, wie folgt, gefragt: „Haben Sie Direktor M. außerhalb des Hotels in Gefellschaft eines Fremden oder Einheimischen gesehen?" Ich hatte der Wahrheit entsprechend mit „Nein" geantwortet. Nach Ankunft des Sohnes fragte mich derselbe Beamte: „Sind Sie außerhalb des Hotels in Gesellschaft des Direktors M. gewesen?" Ich antwortete: „Ja, zweimal; einmal trafen wir uns auf der Salariostraße in der Nähe der Villa Belvedere, ich von meiner Tour zurückkehrend, er auswandernd. Tas zweite Mal hatte er mich aus freien Stücken in die Stadt begleitet, obwohl er einige Tage vorher erklärt hatte, er dürfe unterwegs nicht viel sprechen und wolle deshalb seine Spaziergänge allein machen." Die abgeünderte Frage des Untersuchungsrichters bedingte eine andere Antwort meinerseits. Das französische Wort „sehen" konnte nicht als „sich sehen" oder „sich befinden" gedeutet werden. Die Bemerkung des Untersuchungsrichters, daß ich erst bei meiner zweiten Aussage gewußt hätte, daß ein Tagebuch, das Direktor M. sehr genau geführt hätte, bestanden, und ich deshalb meine Anssage geändert hätte, ist auch hinfällig, da ich gerade des Tagebuches in dem Kondolenzbrief an die Witwe vor Ankunft des Sohnes gedachte. Dieses Fallenstellen mag als juristischer Trick beliebt sein, ich sand es aber überaus kläglich, daß die Behörde sich auf diese Weise selbst betrog, und trotzdem sie bei dieser Sache ertappt worden war, mangels besserer Beweise, die abgedroschene Sache in der Schwurgerichtssitzung wieder aufwärmte. Die aus dem Kopse der Leiche hervorgeholten Revolverkugeln könnten nach der Aussage des Sohnes vielleicht deutsches Fabrikat sein, doch kenne er die Fabrikate Frankreichs und anderer Länder nicht. Ich habe mein Lebtag keinen Revolver besessen. Rechtsanwalt Deeori betonte, daß, trotzdem die Einfuhr ausländischer Munition verboten wäre, in Korsika Patronen aus aller Herren Länder erhältlich tocirem- Er legte davon ein ganzes Arsenal vor. Nach meiner Festnahme hatte man sofort durch die Zeitungen das Gerücht verbreitet, Blutflecke auf meinem Mantel hätten mich verdächtigt. Da natürlich Blutflecke auf meinem Mantel gar nicht vorhanden fein konnten, half man sich in einer anderen Weise. Ich hätte meinen Mantel mit Seewasser gewaschen. Nach der Fragenfolge beim Verhör schien man dies anfangs damit begründen zu wollen, daß ich in der Rohprodnktensirma R. B. Hennig, Magdeburg, gelernt hätte, in der nufer Reisender nnd die reisenden Chefs mit Färberkundschaft verhandelt hätten und rch vielleicht lernen konnte, daß Blutflecke mit Seewasser entfernt werden könnten. Tre Seewasserflecke aber stammten von meiner dreizeyntägigen Seereise 1. Klasse auf dem Dampfer „Prinz .Heinrich" vom Norddentschen Lloyd, ans der ton- im wildstürmenden Kanal und Golf von Biskaya manch argen Spritzer abbekamen. Auch am Kap St. Am- peglco in Bordighera, in der Sturmflutzeit in Menton oder beim Muschelsammeln in Ajaccio hat mein Mantel häufiger Bekanntschaft mit übermütigenderen Wellen getüncht. Bei diesem Punkte tritt die Verdächtigung offen zutage. Wenn Mademoiselle Ruby von den Blutflecken auf oein Mantel, die mich verdächtig machten, noch sprechen konnte, mußten diese noch im Mantel sein, als ich interniert wurde. Ich hätte also die Blutflecke erst im Gefängnis mit Seewasser entfernt. Im Gefängnis bin ich aber mit Seewasser nicht zusammengekominen. Die Blutflecke im Taschentuch stammen von einem schlechten Zahn. Zahnbluten habe ich häufiger gehabt, dies bewiesen die Taschentücher, die ich bei Verlesung des betreffenden Passus aus der Anklageschrift als' sofortige Widerlegung zum größten Gaicdium der Zuhörer und Merger des Gerichtshofes eins nach dem andern hervorzog. Ter Oberstaatsanwalt bemerkte späterhin, daß man auch auf dieses Taschentuch wenig Wert legte. Welche Rolle der Autosuggestion bei Zeugenaussagen spielt, zeigt folgendes Beispiel. Als der Hotelportier mich im Lesesaal zum zweiten Male nach dem Direktor M. fragte, soll ich zusammengefahren und rot geworden sein. Ich hatte zum Schreiben den Stuhl', auf dem ich saß, nahe an den Tisch herangeschoben und schob ihn, um mich besser bewegen zu können, zurück. Ein Rotwerden zu bemerken ist aber bei Gasglühlicht, wie wissenschaftlich festgestellt ist, ausgeschlossen. (Fortsetzung folgt.) In den Wald! „Hinaus, hinaus in das dultige Grün In des Waldes blatlrauschendes Dunkel Auf die Wiesen, wo lacheiwe Blumen blühu Geschmückt mit des Taues Gefunkel, — O wonniger Frühling, o Sommerzeit! — Und laßt nur die Sorgen recht weit, Recht weit dabinten zurücke 1" Allen Brost schüttle du schwerbedrängtes Herz hertiuter, entfliehe dem Getöse zwischen den Mauern und eile hinaus auf die Flur, >vo die segenschwere Aehre im frischen Winde das Haupt hebt und senkt. Mächtiger noch lockt der kühle Wald, still, ’ träumerisch und weltverloren, in heiligem Schweigen. Wie hehr, wie feierlich, wenn im purpurnen Frühlichtscheine der sauste Windcshanch die dustgeschivellten Blütenzweige aus der träumerischen Nachtruhe werft. Die windbewegten Wipfel rannen und flüstern fick) zu. Die Amsel flötet mit Macht ihre melodischen Weisen über den erwachenben Wald hin, sich wnnbernb, daß im Gebüsche noch alles fort» schläft. Der leichtbeschwingte Sängerchor des Haines hört den schmetternden Weckruf der Amsel und gibt in vielstimmigem Konzerte seine Freude über das heraufkonnnende Tagesgestirn kund. Ach, manches unter den Jubelnden hat eine bange, sorgenschwangere Nacht hinter sich. In den Lüften die lichtscheue Eule, auf den Aesten der klettergewandte Marder, auf dem Boden der schleichende Reinecke — überall hat das Verderben gelauert, viele bange Stunden lang. Mit dem Beginne des Morgenkonzertes in den grünen Hallen des Waldes ivecki die Natur mit süßem Rufe das Echo sanft im Herzensgründe. Das Rauschen und Raunen des grünen Don>es wird zuur Gebet. Dem Schoße des Waldes entquillt berauschender Duft, die Kinder der bunten Flora locken mit wohlgefüllten Nektartöpfchen die leichtbeflügelten Insekten, bie' fmnmenb dem Honigseim nachgehen. Nach kurzer Wanberung in bem erfrischenden Waldes- bnft ladet ein schwellendes Mooslager unter den himmel- anstrebenden Buchen zum Ruhen ein. Das üppige, in saftiger Fülle strotzende Buchenlaub tändelt mit dem nerfigen Winde und spielt im lachenden Sonnenschein in bem anmutigsten Lichterwechsel. Unter ben Pfeilern bes hohen Buchendomes zieht nicht mehr das wehmütige, feierliche Sehnen, mit bem uns sonst ber Wald im Tiefinnern erregt. Es ist ber Geist stärkender Gewalt, der hier seine Flügel rührt und der ermatteten Seele neue, freudige Spannung verleiht. Unter den von tauschwerem Farnkraut uinwticherten Felsblöcken bringt ber feuchtaiinige, klare Quell hervor und zieht, einem Silberfade» auf düsterem Grunde ähnlich, bem Ausgange bes Naturtempels zu, wo im sattgrünen Wiesen- grimbe leuchtende Dörfchen winken und von fernher melodisches Herbengeläut freundlich grüßt. Sieh I Aus schützender Fichtenschonung kommt ein Rubel Rehe itnb jagt spielend auf die freie, hainumwobene Wiese, wo das Morgenlicht bie Gräser goldig umrandet und die Tautröpfchen diamanten erglänzen läßt. Dort steckt ber Fingerhut seine Kerzen auf und es grüßen Dich buntfarbige — 396 — Kinder üppig sprießender Flora. Am Waldrande zittert das quellende Licht über grünem Moosteppich. Sieh dich satt, freudetrunkenes Äugel Ueberall klingen und lugen sie hervor, die wunderschönen Geheimnisse stiller Waldpracht. „Trum, o Mensch, nimm den Stab in die Hand, wirf ab, was Dich kränkt; wandere hin, Du Sucher, in den herrlichen, kirchenstillen Wald. Fliehe „aus niederer Häuser duinpkcn Gemächern, „ans Handwerks- und Gewerbesbanden, „aus dem Druck von Giebeln und Dächern, „ans der Straßen quetschender Enge" hinaus in die kühle, ozonreiche Waldluft, daß Leib und Seele für die kommende Arbeit des nervenaufreibenden Alltagslebens neu gestärkt werden. Dort im Walde bist Du wieder Mensch, dort darfst Dn's sein!" M. C. Reife«. — Thüringen und FrankenWalb. 18. Auflage 1906. Große Ausgabe. Mit 16 Karten, 11 Plänen und zwei Panoramen. In Leinen gebunden 2,50 Mk. — Kleine Ausgabe. Mit fünf Karlen und sieben Plänen. Kartoniert 1,50 Mk. (Meyers Reisebücher.) Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien. — In der Neu-Ausgabe dieses mustergültigen „Thüringer Wegweisers" sind gewissenhaft alle in den letzten Jahren eingetretenen Veränderungen nachgetragen. Der Inhalt, der in allen Teilen unter Mitwirkung des Thüringerwald-Vereins neu bearbeitet worden ist, schildert in 33 Einzeldarstellungen ausführlich das Thüringerland und seine Eintrittsrouten, dabei werden neben den Wünschen der Touristen und Sommerfrischler namentlich auch die der Radfahrer an allen passenden Stellen berücksichtigt. Das reichhaltige Kartenmaterial erfuhr eine schätzenswerte Bereicherung durch einen Plan von Jena nebst Umgebungskarte. Handliche Ausstattung, klare, knappe Form und Anordnung, bei aller Kürze doch Berücksichtigung alles Wissenswerten und unbedingte Zuverlässigkeit sind die Vorzüge dieses Führers, den keiner mehr entbehren mag, der auch nur einmal mit denr „Meyer" in der Hand über Berg und Tal zog. Wir wünschen im Interesse aller Touristen und Naturfreunde dem Buche die weiteste Verbreitung. — „A lbum der d o m ä n e n s i s k a l i s ch e n Bäder und Mineralbrunnen im Königreich Preußen, im Auftrage des Ministers für Landwirtschaft, Domänen und Forsten beschrieben von Bade-Inspektor Dr. Stern in Langenschwalbach". Das Buch enthält eine vollständige Beschreibung aller Kur- einrichtungen und technischen Anlagen der preußischen domänen- sis'kalischen Bäder und Brunnen Eins, Langenschwalbach, Schlangenbad, Weilbach, Niederselters, Fachingen, Geilnau,. Rehburg, Nenndorf und Norderney. Es gibt dem Leser einen Einblick in die großartige reformierende Tätigkeit der preußischen Do- mäneuvcrwaltuug auf dem Gebiete des Bäder- und Brunnen- Wesens, wie sie besonders seit dem Jahre 1905 in den Neufassungen der Mineralbrunnen von Ems, Langenschwalbach, Fachingen usw. und in den Neubauten von Badeanstalten muster- giltiger Art in Langenschwalbach und Nenndorf zum Ausdruck gekommen ist. Auch die medizinische Bedeutung der dargestellten Bäder und Brunnen hat der Verfasser, der Mediziner ist, eingehend gewürdigt. Das Werk ist mit zahlreichen,Dreifarbendrucken, Autotypien, technischen Plänen usw. ausgestattet. Besonders der von Georg Geher in Wiesbaden hcrrührende Buchschmuck verdient Beachtung. Im Buchhandel wird das Album durch den Verlag von I. F. Bergmann in Wiesbaden kommissionsweise vertrieben. (Preis 6 Mk.) — Dem Bedürfnis nach einem Führer durch den Bregenzerwald hat der Bregenzerwald-Verein entsprochen durch eine soeben herausgegebene Broschüre: „Der Bregenzerwald". Der Verfasser, Lev Kegele, gibt uns darin interessanten 'Ausschluß über Geschichte, Land und Leute des Bregenzerwaldes und führt uns die Naturschönheiten und Sehenswürdigkeiten der einzelnen Ortschaften in fesselnder Schilderung vor Aügen. Ein farbiges Titelbild, von Kunstmaler Häckel entworfen, zeigt uns eine Wälderin in der schmucken Festtracht mit dem Schappele (Krönele), im Hintergründe das idyllisch gelegene Bergdörfchen Schröcken, am Fuße das Wappen des Bregenzerwaldes. Neber 80 Illustrationen, die Ortschaften, Sehenswürdig- keiten und berühmte Persönlichkeiten des Bregenzerwaldes darstellend, enthält das Merkchen; die neue Generalstabs', karte im Mäßstabe 1:200 000 und ein Anhang und ein Reisekärtchen vervollständigen dasselbe. Die Broschüre ist in den Buchhandlungen erhältlich. Liteeamsches-. — Völker Europas...! Der Krieg der Zukunft von"* (Verlag von Rich. Bong, Berlin W. 57. Preis 5 Mk.) Unter den vielen Erscheinungen der letzten Zeit, welche die Frage eines Weltkrieges behandeln, wird zweifellos dieses Buch ganz besonderes Interesse erwecken, weil es zum ersten Male den Zusammenstoß der gesamten Kulturvölker zur Darstellung bringt. Der ungenannte Verfasser kann nur eine Persönlichkeit sein, welche in die militärischen Machtverhältnisse der europäischen tmb außereuropäischen Staaten, sowie ihre politischen Beziehungen aufs Allergenaueste und bis ins Kleinste unterrichtet ist, sodaß das vorliegende Werk völlig neue Gesichtspunkte eröffnet und, den Beifall aller Eingeweihten finden muß. Mit dieser durchdringenden Kenntnis verbindet der Autor eine Dichtergabe, deren großartige Gestaltungskraft den gewaltigen Stoff gleich einem grandiosen begeisternden und blutigen Panorama. mit seinen Schlachten zu Wasser und zu Lande und seinen diplomatischen Kümpfen vor uns aufrollt. Wir sehen den Zündstoff, der sich zwischen den europäischen Völkern augehäuft hat, Feuer fangen und in den Flammengarben eines weiter und weiter um sich greifenden Krieges zum Himmel emporschlagen. Dabei verschiebt sich die ganze Weltlage mit zwingender Notwendigkeit, bis die außereuropäischen Staaten den Augenblick für gekommen erachten, über den stolzesten Kontinent herzufallen und dieser int Hinblick auf die drohende Gefahr seine Glieder zusammenfchließt. So ist cs ein hervorragendes Verdienst des Buches, nicht nm der Sensation willen geschrieben zu sein, sondern den Völkern Europas als eine Warnung im Sinne des Kaiserwortes die Hülle von dem gähitenden Abgrund Hinwegzureißen und mit mächtiger Stimme, die weit über Deutschland hinaushallen wird, zum Frieden und zum brüderlichen Zusammenstehen zu mahnen. Da dem Werke vier Karten beigegeben sind, schwankt dem Leser gegenüber den von Wirklichkeit durchtränkten Schilderungen ost der Boden unter den Füßen, als handle es sich hier nicht um die Zukunft, sondern um die Gegenwart, die er erschüttert miterlebt. Wahrlich, jedem dem das Heil unseres Vaterlandes am' Herzen liegt, muß dieses, auf ernstester wissenschaftlicher Arbeit beruhende und gleich einem großartigen Drama spannende Buch dringend empfohlett werden. — Emile Zola, „Ein Leben in Liebe". Novellen. Umschlagzeichmmq von I. Prescher. Kleine Bibliothek Band 87. Preis drosch. 1 Mk. Verlag von Albert Langen in München. In den zwei Erzählungen dieses Bandes zeigt sich der große französische Dichter uoit zwei ganz verschiedenen Seiten. „Ein Leben in Liebe" ist ein Idyll, weit» es auch tragisch ans- klingt. Entzückend ist darin das Landleben durch alle vier Jahreszeiten geschildert, die gleichzeitig die vier Stufen des Menschenlebens symbolisieren. Die zweite Erzählung „Rats Mi- coulin" zeigt uns Zola aus seinem eigensten Gebiete: als den großen unerbittlichen Naturalisten der Rongon-Macquart-Serie. Die L i e b e s t r a g ö d i e des B a u e r n in ä d ch e n s, die durch allerhand Erschütterungen und Aengste bis zum Vater mord führt,, ist mit einer Knappheit und Wucht hingestellt, daß man das Buch im tieisten ergriffen aus der Hand legt. Die Verehrer des Meisters erhalten litit dieser vorzüglich verdeutschte» Ausgabe ein Werk, das sie mit Freude uud Ta»k begrüße» werde». Arithmogriph- Nachdruck verboten. 16 5 flinkes Tier. 2 3 3 2 Fluß in Italic». 3 2 7 2 6 myhtologische» Namen. 4 2 1 7 6 Zierpflanze». 2 12 3 Stadt i» Ungarn. 5 2 1 4 6 ein Musikinstrument. 12 3 Teil eines Wagens. 6 13 6 ein Planet. 7 2 5 6 Nebenfluß des Rheins. Tie Anfangsbuchstaben der gesundeuen Wörter ergeben der Reihe »ach, vo» oben nach unten gelesen, eine» gesunde» Sport. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Dreiecks in voriger Nummer: M E D E A ERIS DIS E S A Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'Icben Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Güßen-