1906 A- KB ibbi s Lira lusnSl W^fe MESS® WitLettole Mädchen. Roman von H. Ehrhardt. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Nur sie steht allein da, sie, die strenge, harte, mit ihrer schweren Art, das Leben zu nehmen. Was hat sic erreicht mit all ihren, Pflichtgefühl, mit den tausend heimlichen Opfern, die sie dem Wohl der Ihrigen bringen zu müssen geglaubt? Nichts, als daß sie jetzt einsam unter ihnen ist, daß man sie verhöhnt und ihre Ansichten bespöttelt, ja, daß man sie gering schätzt, ihr pflichtenschweres Leben verachtet. Wie hat doch Suse eben gesagt?" „Du, die Du keine Leidenschaft kennstI" Das Wort brennt mit ätzender Schärfe in ihrer Seele. All die Qual vergangener Tage steigt vor ihr auf, das lockende Rufen des Glückes, dem sie, Todesweh im Herzen, das Ohr verschlossen, das wilde Käinpfen schlafloser Nächte, ehe der sehnsüchtige Schrei ihrer Sinne verklungen war. Und was mar das alles gegen die Schwerter des Schnicrzes, die heut ihre Brust zerfleischten? Sie hatte den Becher der Wonne schon an den Lippen gefühlt und die rauhe Hand des Schicksals ivandclte den Trank, da sie ihn schlürfen durfte, in Enttäuschung und Bitterkeit. Noch einmal glitten die wechselnden Empfindungen des heutigen Tages an ihr vorüber, das jauchzende Glückshoffen, die schwüle, heiße Leidenschaft, das lähmende Entsetzen, der grenzenlose Ekel, das ans Neid und Empörung gemischte Gefühl für die junge Schwester, der schneidende, wütende Schmerz, in dem alle diese Eindrücke gipfelten — es war zu viel für ihre Kraft. Mit Anstrengung nur entledigte sie sich ihrer Kleider — ihre Hände waren schlaff und heiß und förmlich willenlos, oft kaum fähig, einen Knopf zu öffnen — ihre Augen brannten und schmerzten, daß selbst der gedämpfte Schein der Lampe sie blendete, und Siises geräuschvolles Auf- und Abgehen, das Plätschern mit Waschwasser und das Klirren des Porzellans tat ihren Nerven weh, wie eine körperliche, rohe Berührung. Es war ihr eine Wohltat, daß die Schwester in kindischem Trotz mit ihr schmollte und kein Wort zu ihr sprach — sie hätte ihre Stimme jetzt nicht ertragen können. Wie eine Scheintote, sich des Wachens bewußt und doch wie gelähmt an allen Gliedern, verbrachte sie die Nacht. Eine Last schien auf ihrer Brust zu ruhen, ohne daß sie die Arme rühren konnte, sich davon zu befreien. In ihrem Kopfe war ein verworrenes, wüstes Chaos, durch ihr schwer schlagendes Herz zuckte zuweilen der wehe Stich eines klaren Erinnerns. Der Morgen dämmerte bleifarben durch die Fenster, als sie sich endlich diesem qualvollen Lähmungszustande entwand. Mit dem neuen Tag, der heranbrach, kam ihr das Bewußtsein, daß sie sich aufraffen, daß sie handeln mußte, nicht nur für sich, sondern auch für Suse. Der alte Stolz erwachte und peitschte ihre Willenskraft empor. Ihr Verstand begann klar und scharf zu arbeiten — mit dem ersten Sonnenstrahl, der sich durch die herabgclassenen roten Vorhänge stahl, war ihr Entschluß gefaßt. Sie würde an Leutnant Trautendorf schreiben, von seiner Ehrenhaftigkeit fordern, daß er sein Verhältnis mit Suse löste, und Willy Hammer würde sie, sollte er's wirklich wagen, ihr von seiner Liebe zu sprechen, ganz kalt und hohnvoll sagen, daß sie ihn nicht liebte. Es war unmöglich, daß sie danach ihre Stunden bei ihm noch einmal aufnahm — auch darüber war sie sich ganz klar und was das für ihr Fortkommen bedeutete — aber sie nahm cs hin als notwendige Folgerung. Es wa? eben der rollende Stein, der nicht fragte, was er alles in den Abgrund riß. Und das alte Leben würde beginnen, das schwerfällig» Dahintrotten in der Arbeitstretmühle des müheseligen Erwerbes, die stumpfe Resignation des alternden Mädchens — die feige Angst vor irgend einem neuen Schicksalsschlage —> und daneben laufend jetzt immer der Gedanke, wie es hätts anders sein können, wenn — Ruth preßte in stummer Qual die Hände an die Schläfew Nicht denken, nicht denken! In fliegender Hast schrieb sie den Brief an Trautendorf — eine rührende Bitte halb — halb ein verzweifeltes Fordern — sie fühlte, beides würde nicht ungehört verhallen. Als sie den Brief fonuertiert und in ihrem Kleide verborgen hatte, trat sie leise an Suscs Bett. Die schlief noch fest und süß, die Röte der Gesundheit auf den Wangen, ei^ Lächeln um die purpurnen Lippen. Aus dem geöffneten Nachtjäckchen leuchtete ihr weißer, voller Hals, ein dünnes Goldkettchen stahl sich zwischen den billigen Spitzen der Wäsch) hervor und endete in der kräftigen, geballten Mädchenhandi Ruth wagte nicht, die rosigen Finger zu lösen, sie ahnte wohl, was sie so fest umschließen mochten! Ein heißes Erbarmeij giioll in ihr auf. Kein Zürnen war mehr in ihr, nur Lieba nachsichtige Liebe für dieses jimge, schöne Geschöpf, dem sii ein jaiichzendes Glück zertrümmern Niußte, weil die Pflicht es ihr gebot. Und sie neigte sich über die Schlafende und weckte si» mit einem versöhnenden Kusse. XI. Um die Mittagsstunde desselben Tages stieg Willy Hammec leichtfüßig die Treppen zu feinem Damenatelier empor. Gl trug der Hitze wegen einen weißen Flanellanzug, einen gleich» 330 farbigen runden Strohhut und Helle Schuhe und sah so flott und jung aus, unterstützt noch durch den vergnügten, saft strahlenden Ausdruck seines geröteten Gesichts, daß er auf der Straße noch mehr als sonst die Aufmerksamkeit weiblicher Passanten geweckt hatte. Darum hatte er sich heut aber blutwenig gekümmert. Ein neuer Mensch schien in ihn eingezogen zu sein. Er fühlte sich so jung, frisch und glücklich wie damals, als er, ein Achtzehnjähriger, sorglos und zuversichtlich ins Leben hin- eingcstürmt war, ahnungslos all der Untiefen und Gefahren, die dort auf ihn lauerten. Nun, er ivar ihnen wohl unterlegen, war oft gestrauchelt und gefallen, aber sein bestes, innerstes Fühlen, das tief wurzelnde Gute und Eble, das eine reine, herzenswarme Mutter ihm eingepflanzt, hatte er sich doch aus all dem Schmutz und Leichtsinn gerettet und das rang sich nun siegreich durch und würde unter dem Sonnenschein der Liebe eines echten Weibes seine schönsten, fruchtbringenden Blüten treiben. Noch einmal war ihm am Abend vorher vor Augen geführt worden, in ivelch unwürdiger Weise er seine Gefühle als Mann vergeudet hatte. So sehr er Günther von Bohlen zuerst gezürnt, daß er ihn heimtückisch zu dem intimen Ab- schiedssonper der blonden Lora geschleppt, ihm erst vor der Tür des Restaurants, als jeder Widerstand lächerlich und auffallend gewesen wäre, die „Freunde", mit denen er sich verabredet, genannt hatte, so sehr hatte er ihm schließlich gedankt, daß er ihm noch einmal Gelegenheit gegeben, den lln- terschied zwischen dieser geschminkten, raffinierten Kokette und seiner süßen, reinen, stolzen Ruth so recht intensiv zu fühlen. Er war nur eine Stunde geblieben und als er unter einem Vorwande schied, geschah's mit dem befreienden Bewußtsein, daß man ihn in solcher Gesellschaft nie mehr sehen werde. Es war ja auch seit Wochen wieder das erste Mal gewesen, daß er sich in dem Anbetcrkreise Loras gezeigt hatte, und die witzelnden Bemerkungen über seine „Philisterhaftig- keit", die deutlichen Anspielungen auf eine neue „Flamme" hatten nicht gefehlt. Wirkungslos waren sie an ihm ab- geprallt. Er hatte diese Andeutungen nicht einmal in Gedanken mit Ruth verbunden, so hoch stand sie über dem, was die leichtsinnigen Gefährten sich bei ihrer Neckerei vorstellten. Nach all den Erfahrungen seines Lebens trieb er jetzt einen förmlichen Kultus mit dem geliebten Weibe, dessen stolze Reinheit ihm köstlicher erschien, als alle irdischen Schätze, seltener, als Gold und Edelsteine. Ihre körperliche Schönheit gehörte gleichsam zu dem Reiz ihres inneren Wesens, war so mit demselben verschmolzen, daß er nicht wußte, was er mehr an ihr liebte und begehrte. Die dunklen Samtaugen hätten ja an Reiz verloren, sobald das tiefe, reine Licht darinnen fehlte, und der rote Mund, der so lieblich und stolz zugleich lächeln konnte, wäre entstellt gewesen durch ein kokettes Lachen. Wie er nach ihrem Anblick lechzte! Wie nach einem Trank erquickenden Wassers! Ungestüm stieß er die Tür zum Atelier auf. Augenblendend flimmerte das grelle Sonnenlicht über dem nn- wirtlichen, öden Raum, in dem eine drückende Schwüle brütete. Nur zwei der regellos umherstehenden Staffeleien waren besetzt — Fräulein Riemers brauner Kopf, struppig wie immer, tauchte hinter der einen auf, nickte dem Meister mit einem trockenen „Guten Morgen" zu und verschwand dann mit etwas maliziösem Lächeln wieder hinter ihrer Leinwand. Es galt dem zerstreuten Blick, den Willy Hammer nur für ihren Gruß gehabt hatte, denn seine Augen waren anfleuch- ienb weitergewandert, um mit leidenschaftlicher Innigkeit an Ruths schlanker, hoher Gestalt hängen zu bleiben. Sie stand vor ihrer Staffelei, Malstock und Palette in den Händen, doch augenscheinlich unbeschäftigt. Ihr Werk war wohl auch so gut wie vollendet. Als er rasch auf sie zutrat, hob sie den Blick, den sie bis dahin hatte prüfend auf der Leinwand ruhen lassen und sah ihm entgegen. Sie war eine Meisterin in der Kunst der Selbstbeherrsch-. ung und obgleich ihr Auge gierig den Schein der Liebe in seinem männlichen Gesicht einsog, obgleich ihr Herz wie wahnsinnig klopfte, kämpfend mit dem Glauben an ihn und der Verachtung dessen, was sie selbst gestern abend hatte mit ansehen müssen, das sie nicht vertrauend Verleumdung nennen konnte, traf ihn ihr Blick so kühl und fremd, daß der gewandte Weltmann förmlich die Fassung verlor. Die Sprache versagte ihm einen Moment, so erschreckte ihn der Ausdruck dieses blassen, starren Mädchengesichts. „Wie geht es Ihnen, Fräulein Ruth?" sagte er endlich und ärgerte sich gleich darauf über die banale Frage, da ihm so viel innige warme Worte auf den Lippen geschwebt hatten, die er ihr heute jeder Zeugin zum Trotz gleich zur Begrüßung hatte zuflüstern wollen. Aber Ruth schien seine Frage ganz in der Ordnung zu sinden. Sie neigte leicht den Kopf. „Ich danke, Meister, es geht mir gut." Aber sie reichte ihm nicht wie sonst die Hand, obgleich es auch absichtslos sein konnte, da sie die Hände nicht frei hatte. Ihm aber war es wie ein Schlag ins Gesicht, wie ein Eiseshauch, der unbarmherzig über das warme Blühen in ihm wehte. Er trat dicht an sie heran. „Sind Sie mir böse, Ruth, daß ich gestern früh nicht kam?" fragte er in einer jäh aufblitzenden tröstlichen Hoffnung, „ich hatte den sehr ehrenvollen Besuch einer Königlichen Hoheit, deren Porträt ich —" Sie unterbrach ihn mit einer leichten Handbewegung. „Aber bitte, keine Entschuldigung, Herr Hammer!" sie legte einen merkbaren Nachdruck auf das Wort „Herr", „ich habe Sie ja gar nicht erwartet, Sie pflegten doch auch sonst nicht täglich zu kommen." Es klang durchaus nichts bitteres, empfindliches durch ihre Worte und Willy Hammer fühlte genau, daß es das nicht mar, was sie so auffallend verändert hatte. Sie war eine ganz andere, wie die Ruth der letzten Wochen. Wo mar das schlecht verborgene zärtliche Leuchten der angebetenen Samtaugen, mo das scheue Lächeln des roten Mundes, wo die bebende Weichheit der leisen Mädchenstimme, all diese beglückenden Zeichen, aus denen er sich den Rausch des Sieges geholt hatte. Der Rausch zerfloß in kläglicher Nüchternheit angesichts dieser ruhigen, kühlen Gleichgültigkeit, mit der das heiß- begehrte Weib ihm plötzlich gegenübersland. Er wurde ganz und gar irre an ihr. Der sieggewohnte Frauenkenner fand sich vor einem Rätsel, dessen Lösung über sein Lebensglück entscheiden würde und vor dem er fürs erste ratlos stand. (Fortsetzung folgt.) Aas Krdbeii-n in San Aramislw. Nachfolgender Brief, der dieser Tage tu die Hände eines Einwohners von Ulfa, Kreis Schotten, gelangte, schildert die Eindrücke eines Augenzeugen von dem Erdbeben in San Franzisko. San Franzisko, 6. Mm. „Wahrscheinlich habt Ihr schon gehört von dem gräßlichen Unglück, das uns hier in San Franzisko befallen hat. Es war am Mittwoch, den 18. April, morgens 5 Uhr 16 Minuten. Wir waren ungefähr mit der Brotbäckerei fertig, ich nahm gerade dias letzte Brot und die Wecke aus dem Ofen, als auf einmal die ganze Erbte anfing zu hüpfen wie ein Gummiball. Blecherne Schüsseln und Kuchenformen fielen von den Seitbrettern herunter, wir konnten selber nicht mehr stehen, ohne uns anzuhalten. Einen Augenblick standen wir da und schauten uns verzweiflungsvoll an; denn ein jeder dachte, das Ende der Welt sei gekommen. Ich habe jetzt hier schon viele Erdbeben mitgemacht, aber eines mit solcher furchtbaren Gewalt noch nicht, denn die ganze Erde schien auf einmal federleicht geworden zu sein. Mein erster und einziger Gedanke war, hier im Backhaus ist mein Grab. Als es nach einer halben Minute noch nicht aufhörte, sprang ich, so schnell mich meine Füße im furchtbarsten Schrecken tragen konnten, nach oben und durch den Laden auf die Straße. Hier angekommen, rief ich nach Frau und Kindern, um diese so schnell tote möglich aus 331 die Straße zu bekommen. Heinrich öffnete zuerst das Fenster i an der Kinderschlafstube, worauf alle drei herausschauteu und mich in ihrer leicht begreiflichen Angst fragten, was das wäre. Ich sagte ihnen: „Es ist ein furchtbares Erdbeben, macht, daß ihr alle ans dem Hause kommt, so schnell wie möglich." Ueberall sah man dre, Leute halb anaekleidet aus den Häusern eilen und ein jeher dachte, das Ende der Welt sei gekommen. Ungefahr etwas über eine Minute hatte diese schauerliche Szene angehalten. Alle Häuser, welche auf felsigem, bergigem Boden standen, waren mit verhältnismäßig leichter Beschädigung durch diese gewaltige Erdvolution gekommen. Auch unser Hans war nur durch einige kleine Risse über den Türen beschädigt worden: aber von den Häusern, welche auf ausgesulltem Grunde oder ebener, steinloser Erde standen, waren sehr viele ganz eingestürzt und haben eine große, jetzt noch Nicht bekannte Zahl Menschen unter Steinen und Schutt begraben. Hunderte von Menschen waren auf der Straße erschlagen worden von ein stürzen den Schornsteinen und Backstein- Häusern. Die Bretterhünser waren die sichersten. Doch sind auch in diesen viele Menschen in ihren Betten durch die einstürzenden Schornsteine, welche drei und vier Stockwerke durchschlugen, umgekoncmen. Aber nach all diesen schreck- licheii Erlebnissen sollte der Stadt San Franzisko das Schlimmste noch bevorstehen. Durch die gewaltige Erd- erschütterung waren überall die elektrischen Drähre und die starken elektrischen Maschinen in den Straßenbahn-Be- triebshäusern zerrissen worden, wodurch au mehr denn 50 Stellen in der Stadt das Feuer zugleich ausbrach. Es ist eine sehr starke und tüchtige Feuerwehr hier, ausgerüstet mit den neuesten und besten Maschinen, jedoch ihr Arbeitsfeld war zu groß. Die Feuerwehr und zwei Regimenter Militär arbeiteten anstrengend, um dem schrecklichen Elemente Einhalt zu tun, aber nun wurden sie gewahr, daß das Wasser versagte, denn durch die gewaltige Erderschütterung waren alle Hauptröhren der Wasserleitung aus ihren Fugen gegangen, und somit war, nm den Schrecken auf den höchsten Punkt zu bringen, der Stadt das Wasser zum Löschen abgeschnitten. So stand nun über eine halbe Million Menschen dem furchtbaren Feuer, dem über 3/i der Stadt zum Opfer wurden, machtlos gegenüber. Daß das Militär eine Menge Gebäude mit Dynamit sprengte, konnte ebenfalls dem gewaltigen Feuer nicht den geringsten Einhalt tun. Nun hieß es, so schnell wie möglich die besten Sachen zusammenpacken und hinaus aus der Stadt, weg von dem gräßlichen Feuermeer. Es ist mir unmöglich, diesen Auszug zu beschreiben, denn dieses Schreckliche kann nur derjenige begreifen, der es mit erlebt hat. Aus allen Häusern kamen die Leute mit ihrem Möbel und sonstigen guten Sachen, und wer keinen Wagen bekommen konnte, trug oder schob und zog dieselben über eine halbe Stunde Wegs, weit aus der Nähe von Gebäuden; denn ein jeder sah ein, daß beinahe die ganze Stadt ein Fraß der Flammen werden sollte. Auch wir mußten dasselbe tun. Mittwoch morgen nach dem Erdbeben war das Feuer ausgebrochen, und Donnerstag gegen mittag hatte dasselbe auch unsere Bäckerei erfaßt und brannte dieselbe nieder bis auf den Erdboden. Nachdem wir unsere neuen Möbel, die uns über 1000 Mk. gekostet hatten, schon den halben Weg aus der Stadt gebracht hatten, waren wir alle so ermattet (denn Frau und Kinder hatten tüchtig mitgeholfen), daß wir, mit unseren Sachen nicht mehr weiter konnten. Dieses läßt sich leicht verstehen, wenn man bedenkt, daß wir über einen ganzen Tag vor Schrecken und Aufregung beinahe nichts gegessen hatten. Zum Glück fanden toir endlich einen Wagen, welcher unseren großen Koffer und das Bettzeug mitnahm zur Stadt hinaus an den stillen Ozean ganz in der Nähe der Kasernen. Die Soldaten hatten Zelte aufgeschlagen, in denen die ausgebrannten Familien untergebracht wurden.. Auch wir haben ein rundes Zelt bekommen, in welchem wir jetzt wohnen — ein großer Unterschied zwischen der schönen Wohnung in der neuen Bäckerei; doch danken wir dem lieben Gott, daß er uns gesund und heil durch diese schreckliche Verwüstung gebracht hat. Alle Leute, welche durch das Erdbeben und Feuer ihr Heim verloren haben, werden bis' auf weiteres von der Regierung erhalten. Die Zukunft ist also, wie Ihr leicht ersehen könnt, für uns ziemlich trübe. Viel Lust, in San Franzisko zu bleiben, haben wir nicht. Wir haben aus dem Feuer, wie ich schon gesagt habe,, weiter nichts gerettet, wie unseren großen Koffer mit Kleidern und das Bettzeug. Unsere neuen Möbel und sonstige wertvolle Sachen sind, da wir sie nicht weiter bringen konnten, auf der Straße verbrannt. — Lieber Bruder Karl, ich möchte Dich bitten, gleich zu schreiben, denn ich kann nicht sagen, wie lange ivir hier noch bleiben." Iie g;nhv ck u»g des deutschen ZeitungsWi-ens. (Original-Art. d. Gieß. Fmn.-Bl.) Das Zeitungswesen hat sowohl in Deutschland, wie in den meisten übrigen Kulturstaaten während der letzten Jahrzehnte einen Aufschwung genommen, der die Errungenschaften auf vielen anderen Gebieten des modernen Lebens weit in den Schatten stellt. Die Zeitung ist längst zu einem Kulturfaktor ersten Ranges geworden und gehört heute zu den Bedürfnissen des täglichen Daseins wie das liebe Brot. Während aber alle dem Verkehr und dem öffentlichen Leben dienenden Einrichtungen unter den machtvollen Fittichen des Staates in weitgehendem Maße Schutz und Förderung erfahren, hat das Zeitungswesen in den meisten Staaten nicht nur keine wirksame Unterstützung gefunden, sondern man hat es sich vielmehr noch angelegen sein lassen, ihm hindernd in den Weg zu treten. Diesem Umstand ist es in erster Linie zuzuschreiben, daß wir über die geschicht- liche Entwicklung und den Werdegang der „6. Großmacht" eigentlich noch recht im Unklaren sind. Man hat verschiedene Postmuseen errichtet und tiefsinnige Nachforschungen über die Geschichte des Streichholzes und der Zigarre, der Briefmarke und der Fahrkarte veranstaltet, aber die ältesten Dokumente der „Encyklopädie des Tages" bleiben vergilbt und wurmzerfressen in den Rumpelkammern der Archive oder in verborgenen kleinen Sammlungen zerstreut. Es ist deshalb mit F-reude zu begrüßen, daß ähnlich, wie im vorigen Jahr im Buchgewerbehaus zu Leipzig, jetzt auch in Frankfurt a. M. der Versuch unternommen worden ist, eine übersichtliche Darstellung der geschichtlichen Entwicklung des gesamten Zeitungswesens zu geben. Kann die in der ehemaligen Weißfrauenschule arrangierte Ausstellung auch keinen Anspruch darauf erheben, als eine allgemeine deutsche oder gar, wie sie sich nennt, eine „internationale Zeitungsausstellung" bezeichnet zu werden, so bietet sie doch des geschichtlich Interessanten genug, um die volle Aufmerksamkeit nicht nur des Zeitungsfachmannes, sondern auch des gebildeten Laienpublikums zu erwecken. Die Ausstellung hat zwar von den in Sammlungen versteckten alten handschriftlichen Originalen nichts auf» zuweiscn, aber sie enthält dafür namentlich viele bemerkenswerte Druckproben aus den ersten Anfängen des westdeutschen Zeitungswesens. Das älteste Dokument ist eine illustrierte „Copia der Newen Zeytung aus; Prasilly Landl", die aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, jedenfalls der Zeit vor 1510 entstammt (Brasilien wurde im Jahre 1500 von den Portugiesen entdeckt). Dann folgt eine „Antzeygendt Newtzeyttung" aus dem Jahre 1525, „wie es aigendtlich mitt der schlacht vor Paula ging" (Pavia, wo am 24. Februar 1525 Franz I. von Frankreich von den Kaiserlichen gefangen genommen wurde). Bon historischem Interesse ist' auch „Ain Kurtzer Begriff des Kriegs, / So sich zwischen den Fünss Orttcn / unnd den andern orttern der Cydgnoschafft Der lauf fett hat", verfaßt von dem schweizerischen Reformator Ulrich Ztvingli im Jahre 1531, weiter „Christliche bündtnuß vun Kriegßrüstung Keyser Carls, unser aller Herrn tc." (1538). Daß man auch im 16. Jahrhundert schon stark auf Neugier und Sensationslust der Menge spekulierte, zeigt eine Reihe sogenannter Relationen, so „Wahrhafftige und schröckliche vor nie erhörte neuwe zeyttung von einem ungerathenen Ehemann Georg Weber aenand, welcher sein Weib sampt seinen 5 Kindern erbärmlich nmbgebracht hat" (1575), „Zwo Newezeittung. Von den Erschröcklichen Wnnderzeichen. Die Ander: Ein erschrock- liche und erbärmliche Geschicht (1581) usw. Das waren indes alles nur Gelegenheitserscheinungen. Die ersten regelmäßig wiederkehrenden Druckerzeugnisse bildeten die sog. Frankfurter Meßrelationen, die Michael Eyzinger aus Oesterreich seit dem Jahre 1584 unter dem Titel „Relativ Htstorcca erscheinen ließ, „getruckt zu Cölln ausf der Burg mawse, bey Godtsridt von Kempen". Diese Relationen scheinen aus der alljährlichen Frankfurter Ostermesse viel Absatz gefunden zu haben; sie schilderten stets die wichtigsten Ereignisse in der Welt, die von Messe zu Messe zu verzeichuen waren, und wurden außer in Cölln auch in Halle, Magdeburg, j Wallstadt, Heidelberg, Li ch, Ursel usw. gedruckt. Die eigent- — 332 — liehe erste Zeitung in Frankfurt gab der Postmeister von Frankfurt, Birghden, im Jahre 1616 heraus, wie in dem Ausstellungskatalog von Franz Mttweger näher nachge- wiesen wird. Das „Avisendrucken" fand aber bald Konkurrenz, aus der sich umfangreiche Prozesse entwickelten. In der Ausstellung ist u. a. eine „Unvergreiffliche Post- zeitung" von 1622, eine „Ordinari-Wochen-Zeitung" usw. zu sehen. Die Gründung des „Frankfurter Journals" fällt m das Jahr 1665, doch sind nur noch einzelne Exemplare von 1674, 1698 usw. vorhanden. In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte die alte Postzeitung den Titel „Frankfurter Kayserl. Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitung" angenommen, und eine Bekanntmachung von 1762 besagt, daß die Zeitung viermal wöchentlich erscheine. Die „Frankfurter Gelehrten-Zeitung" erschien zuerst im Juli 1736, aber schon 1747 tauchte ein Konkurrenzunternehmen auf, das sich! „Un- gelehrte Zeitung" nannte und diesen Titel tote folgt motivierte: „Alle Zeitungen, die man bißhero gehabt, sind entweder dem Titul oder dem Inhalt nach gelehrt, denn wenn die Zeitungsschreiber auch in gar keiner Art den Wissenschaften erfahren sind, so sind sie doch zum wenigsten Staats- und Cabinets-Verständige, so gut als die Calender- macher des Wetters und der Zeit, wenn es gut Aderlässen und schröpffen ist. Hier tritt nun auch die ungelehrte Zeitung an's Licht. Sie nennt sich ungelehrt, weil sie nicht nach' den Regeln der Gelehrsamkeit oder Staatskunst, sondern bloß nach der natürlichen gesunden Vernunft und Erfahrung redet" usw. Auch die moderne Frauenbewegung findet bereits im 18. Jahrhundert ihren Ausdruck durch die 1795 erfolgte Gründung einer „Frauenzimmer-Zeitung", „da die andern Blätter immer nur von den Mann'sthaten sprechen, von männlichen Verrichtungen, von großen oder kleinen, graben oder schiefen, löblichen oder taüelhaften Handlungen der Männer. Und das schöne Frauenvolk, diese Wonne der menschlichen Gesellschaft, diese Helfferinnen der Ordnung, diese Erholung nach verrichteten Geschäften sollen keine Zeitschrift, keine Beschreibung ihrer guten oder bösen Handlungen und keine Bekanntmachung ihrer Bedeutenheit verdienen?" Die damalige Frauenbewegung scheint aber trotz dieser schönen Grundsätze nicht den richtigen Nährboden gefunden zu haben, denn die „Frauenzimmer-Zeitung" ist bereits im Jahre 1797 wieder eingegangen. Von einer schon 1783 angekündigten Gründung eines „Jrauen-Jour- nals" durch eine „Gesellschaft von Frauenzimmern", das allmonatlich erscheinen sollte, ist bisher kein Exemplar aufzufinden gewesen. Es ließe sich aus den ausgestellten Zeitungsmaterial noch viel des Interessanten herausgreifen, so besonders aus den „Frankfurter gelehrten Anzeigen", an denen 1772 Schlosser, Herder, Merk, Goethe u. a. mitarbeiteten, und der im selben Jahr von dem Frankfurter Gymnasiallehrer Benedikt Schiller viermal wöchentlich herausgegebenen Zeitschrift „Frankfurter Staats-Ristretto", die nach seinem Tod auf den Sohn, den Fürstlich-Hessen-Darmstädtifchen Rat Dr. Georg Ludwig Schiller überging. Auch über die vielen, vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zu den Freiheitskriegen erschienenen Preßerzeugnisse und den Einfluß Napoleons auf die öffentliche Meinung sind viele interessante Beläge vorhanden. Wir wollen uns indes damit begnügen, hier noch eine Probe von der originellen Reklame zu geben, die vor etwa 200 Jahren der weltbekannte Dr. Eisenbart gelegentlich seines Besuches in Darmstadt vom Stapel gelassen hat. Da ist zu lesen im „Journal" vom 7. Febr. 1705: „Auß der Bergstraßen, 3. Februarii. Nach deme der höchst-berühmte Operator Herr Joh. Andreas Eysenbart, welcher sich anjetzo in Darmstadt aufhält und dahin wegen seiner aller Orten höchst-berühmten Euren verlanget worden, am 21. verflossenen Monats Januarti im Beysein der Herren Leib- und anderer Madicorum, auch Gräfl. und verschiedener Standespersonen, von einem Koch- sungen einen großen Blasen-Stein nicht allein glücklich geschnitten, sondern auch denselben nun völlig curiret; wie dann wohlgemeldeter Herr Eysenbart durch seine grosse Experieux und viele Stein-Schäden so weit kommen, daß er alle curable Stein, sonder Gefahr, vermög eines Schnittes und curiosen Handgriffes aus der Blasen nehmen kann und erst vor wenig Monaten dergleichen vortreffliche Proben an 11 Personen, als von welchen er erschröckliche, theyls wie Hühner-Eyer grosse Steine aus der Blasen gezogen, felieissimi erwiesen; nicht weniger auch Brüche und Augen- Euren in grosser Zahl höchst-rühmlich verrichtet, gestatten er dann in Deutschland wegen vieler herrlicher Proben genugsam bekannt ist. Als wird dieser weitberühmte Herr? Dr. Eysenbart, so an obgedachtem Ort dieses Mal zu finden, sonsten aber zu Magdeburg im güldenen Apfel wohnet, jedermänniglich, der seiner Hülfe benöthiget ist, sowohl auch sein köstlicher Spiritus Apopleet in Schlag, Gicht, blöde Augen, verlorenem Gehör, das Loth a 1 Gülden, samt seiner unvergleichlichen Stein-Tinctur vor dergleichen Preiß zum besten reeommandirt. Logirt zu Darmstadt im Biergarten bei Frau Salseldin." LstSL'Kmsches. — Die im Verlage von Ed. Avenarius in Leipzig erscheinende 14tägige Zeitschrift „Schöne Literatur", herausgegeben von Prof. Dr. Ed. Zarncke in Leipzig, verdient in weiteren Kreisen Beachtung. Sie bemüht sich mit schönstem Erfolge, ein Organ zu sein, in dem nur unparteiische, mit künstlerischem Maßstabe messende Fachmänner ersten Ranges über die Erscheinungen der modernen Literatur nach eingehender Erwägung und in sachlicher Form, wenn auch unter Umständen mit der nötigen Schärfe berichten. Ein Probeabonnement aus ein Vierteljahr (zu 1.50 Mk.) ist zu empfehlen. Komm: (Aus: Einsame Sterne, Neue Dichtungen.) Nun zeige mir endlich ein ander Gesicht Als das der büßenden Nonne. . . Die Welt liegt hell in jungem Licht, In Seligkeit und Sonne. Der Flieder blüht ivegauf, megab Mit duftigblauen Trauben . . . Was redest du mir noch vom Grab? Laß mich ans Leben glauben. Das lacht so laut in Herz und Ohr Und ruft nach Glück und Freude . . . Ter siegende Frühling hält vorm Tor Mit seliger, sonniger Beute. Er sieht mich an so voll so tief, Wie einen lieben Bekannten . . . Und alles was verwintert schlief, Das ist nun attferstanden. Es tollt und tobt in Brust und Blut, Das ist das heischende Leben . . . Die Welt ist voll von Gluck und Glut Und ivill uns Freude geben. Drum laß den Gram und laß den Harm, • Wir wollen ins Leben gehen . . . Da ist so wohlig weich und warm, Da ist ein großes Verstehen. Was ich Dir tat, es ist geschehn, War Weh . . . und war doch Wonne . . . Komm, laß rins froh in den Frühling gehn, In Seligkeit lmd in Sonne. Karl Neurath. CitaLenrätfel. Nachdruck verboten. Aus jedem der folgenden Eitate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues 15itat ergiebt: 1. Nichts Bessers weiß ich mir au Sonn- und Feiertagen, Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei. 2. Jeder freut sich seiner Stelle, Bietet dem Verächter Trutz. 3. In großes Unglück lernt ein edles Herz Sich endlich finden, ..... 4. Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist Unsinn? Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen. 5. Du hast Diamanten und Perlen, Hast Lilles, was Menschenbegehr 1 6. Dachtet ihr, der Löwe schliefe, weil er nicht brüllte? 7. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. 8. War es immer wie jetzt? Ich kann das Geschlecht nicht begreifen. Nur das Alter ist jung, ach 1 und die Jugend ist alt. Auflösung in nächster Nummer. Atiflösung des Bilder-Rätsels in voriger Nummer) Junger Verschwender, alter Geizhals. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Untversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«,