m HSSS 1806 — Yr. 181 Samstag den 6- Iizemöer pj II b.'i 1 WW«! Im Banne des Heßeimnisses. Noman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten., (Fortsetzung.) Aber klar und scharf ertönte wieder Kates Stimme. „Ich, habe die Wahrheit gesprochen. Wenn nur der geringste Zweifel auf meinen Worten ruht, so schicken Sie nach Abbvtsville und lassen Dr. Rurke kommen. Er ist, was die Welt einen Gentleman nennt; niemand wird sein Wort bezweifeln." „Mortimer", flüsterte Marian wieder, „schicke sie fort. Ich habe den ersten Anspruch au dich — glaube mir, um des Himmels willen glaube mir." „Ich muß die Wahrheit wissen, Marian", sagte er endlich entschlossen. „Gott weiß, gern möchte ich dir glauben — gern mochte ich glauben, daß diese arme unglückliche Mutter in ihrem Kummer den Verstand verloren hat. Uber, Marian, es ist so viel Vernunft in ihrer Unvernunft — es schmeckt etwas darin nach Wahrheit. Kein Mensch würde sich unterstehen, hierher zu kommen und mir etne derartige Geschichte zu erzählen, wenn sie nicht irgendwre begründet wäre; und sollte selbst die sogenannte Begründung sich hinterher als ein Irrtum erweisen. Laßt mich wenigstens jetzt die Wahrheit erfahren." „Schicken Sie zu Dr. Rurke", sagte Kate Jefferies wieder ernst. „Nein, ich will zu einer gehen, die mir vielleicht ein Geheimnis verborgen, aber die mich nie, das will ich beschwören, betrogen hat, zu einer, die mich liebt und mir vertraut. Evelyn, mein Weib, ich komme zu dir." Er schritt durchs Gemach, dahin, wo sie auf ihrem prächtigen Ruhebett lag, das Gesicht noch in den Händen, die gar ze Gestalt bebend wie Espenlaub. Er nahm ihr faust die Hände vom Gesicht und schloß sie dann zärtlich in dre (einigen. „Evelyn", sagte er sanft, „in einer Sache, die dich angeht, will ich kein Zeugnis von anderen auuehmen; ich frage dich, einfach nach der Wahrheit. Ist das, was diese Frau sagt, wahr? Bist dn Werners Mutter?" Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen, eine solche Stille, daß jeder sein Herz schlagen hören tonnte, dann glitt sie langsam von ihrem Lager und auf die Kniee und legte das Gesicht auf seine Hände. ,^Es .ist wahr, Mortimer — Gott helfe mir! — Ich bin Werners Mutter, und nicht Maxj,an, wie du gehört hast!" 67. Kapitel. Lady Waynes Geheimnis. L Klär und deutlich fielen die Worte in das tiefe Schweigen — sie waren ein Todesurteil für Lord Wayne, Bis zuletzt hatte er seinen Glauben au sie aufrecht er* halten. Die letzte Hoffnung erstarb in ihm, als er sie zu seinen Füßen knieen sah und das Geständnis aus ihreut eigenen Munde vernahm. Ein plötzliches Verständnis dessen, was sie eigentlich getan, üb er kam Kate Jefferies. In ihrem sinnlosen Kummer und Rachedurst hatte sie hieran nicht gedacht; der Anblick der kuieendeu Gattin und des bis ins Herz getroffenen Mannes traf sie wie ein Schlag, der ihr Be- sinnuug, Ruhe und bessere Gefühle wiederzugeben schien. „Mylord!" schrie sie laut auf, „was habe ich getan?" „Etwas, was Sie nicht wieder gut machen können, und wenn Sie ewig leben!" erwiderte Miß West düster« „Bleiben Sie, wo Sie sind! Ich trauere mit Ihnen in Ihrem Unglück, aber Sie haben uns verraten, und ich überlasse Cie' Ihrem Schicksal. O, Evelyn, meine Schwester, für die ich gelebt, der ich das Teuerste meines Herzens geopfert, sieh empor, sei getrost, sioh, ich bin hier, bin bei dir!" Sie eilte zu der gebeugten Gestalt und nahm sie zärtlich in ihre Arme. „Gerade, wie vor vielen, vielen Fahren, nicht?" mur-l melte sie liebevoll, „mein Liebling, als du mir als mutterloses, unmündiges Kind hinterlassen worden wärest, und als d'u ein kleines, liebliches Mädchen wärest. Was hab' ich jemals so geliebt, wie ich dich liebe, Evelyn?" Keine Mutter, die ein Kind trösten will, hätte zärtlicher, liebevoller fein können, indes Lord Wayne starr daneben stand, mit einem Zug auf seinem Gesicht, den nie- rnaud zuvor darauf gesehen. „Mortimer", flüsterte feine Gattin, „schicke sie fort —> die Iran, die uns verraten hat — schick sie weg, nnb ich will dir alles gestehen; vielleicht wirft du mich nicht hassen, wenn du alles weißt, denn ich habe dir kein Unrecht getan, ich habe keinen je so geliebt, wie dich, Mortimer — das wirft du mir glauben?" „Ich werde alles glauben, was du mir sagst, Evelyn."- Lord Wayne wandte sich zu Kate. „Sie haben in bester Absicht gehandelt", sagte er, „Sie haben getan, was Sie für recht hielten, und dies ist nun die Folge. Sie müssen Ihre Rache hier enden lassen« Meine Gemahlin mag mir etwas verheimlicht Haben; in der Hinsicht haben Sie Recht, aber sie hat Ihrem Sohn nie auch nur ein Haar gekrümmt, in dieser Hinsicht haben Sie vollständig Unrecht mit Ihren Behauptungen — die Zeit ivird das Rätsel lösen. Nochmals bitte ich Sie also, hier Ihre Rache enden zu lassen. Wollen Sie uns jetzt verlasseu und daran denken, was ich Ihnen gesagt habe?" Kate Jefferies verließ das Gemach. „Sie ist fort", sagte Marian West, als sich die Tüp hinter ihr geschlossen; „Gott sei Dank dafür." „Und nun, mein Weib, nun, wo'lvir allein sind, willstz du mir nun erzählen, was du zu sagen hast?" Doch Lady Wayne toeinte — meinte, wie er sie uig zuvor hatte meinen sehen — ein Strom leidenschaftlicher« 722 Unaufhaltsamer Tränen, die indes keine Erleichterung, keine Abspannung zu bringen schienen. „Still, still, mein L.ebliug, beruhige dich",- tröstete Marian. Doch bei den zärtlichen Worten der Schwester weinte Lady Wayne nur um so heftiger. „Evelyn", sagte ihr Gemahl ernst, doch freundlich, „ich will dich nicht drängen, doch die Zeit ist kostbar — willst dn mir sagen, was du zu sagen hast?" Cie schlang ihre Arme itnt den Hals ihrer Schwester. „Wie soll ich nur beginnen?" rief sie, vom Gemahl zur Schwester blickend; „was soll ich sagen? Ich kann Euch nur beschwören, um des Himmels willen barmherzig mit mir zu sein, denn ich war sehr jung, leicht zu beeinflussen, und er liebte mich so über alles. Ach, Marian, Mortimer kann mir vielleicht vergeben, du niemals. Nie gab es eine zärtlichere, hingehendere, sich selbst so aufopfernde Schwester, wie dich; nie sind Liebe und Hingabe so grausam, jo schrecklich und undankbar vergolten worden. „Vor Jahren, als ich als Kind deiner Sorge und Obhut anvertraut war, hattest bit einen Verehrer — cs war der einzige Mann, um den du dich je gekümmert, ein hübscher Mann, der später einer der leitenden Staatsmänner des Landes wurde — und meinetwegen schlugst du es aus, ihn zu heiraten, damit du dich .um so besser dem dir anvertrauten elternlosen Kinde widmen könntest. So war es, nicht wahr, Marian?" „Ja", war die ruhige Erwiderung. „Ich liebte ihn sehr, aber cs schien mir, daß du meiner am meisten be- ourstest." „Hör' zu, !vie ich dir vergölten, Marian", fuhr sie fort. Als Edward Aylesford zuerst um dich loarb, stand er erst int Anfang seiner politischen Laufbahn; er liebte dich sehr, und in Verzweiflung darüber, daß er dich verloren, warf er sich mit der ganzen Energie feuer' Seele in das Getriebe des politischen Lebens." „Jawohl", bestätigte Marian ruhig; „und ich war so stolz auf ihn ; ich las regelmäßig seine Reden, verfolgte seine Laufbahn mit solchem Interesse, aber ich wollte ihn nicht Wiedersehen, Eve; ich mißtraute mir; ich glaubte, die alte Liebe würde mich überwältigen. Als er schrieb, nachdem wir uns getrennt hatten, itito mich fragte, ob wir Freunde bleiben sollten, erwiderte ich ihm, es sti besser für meine Absichten, besser für mein Glück und meine Herzensruhe, wenn wir getrennt blieben und uns überhaupt nicht wieder- jähen." „Ich war ungefähr sechzehn Jahre alt, Marian", fuhr Lady Wayne fort, „da ging ich eines Tages und kramte in einem Schubfach, wo du Privatpapiere ausbewahrtep. Tort sah ich ein Porträt, das P-astellbild eines hübschen Mannes mit prächtigem, lockigem Haar und einem offenen, geistvollen Gesicht — einem Gesicht, das aussah, als ob es eigens dafür geschaffen sei, um sich darin jn verlieben. Ich sah auf die Rückseite des Bildes; dort stand der Name — Edward Aylesford. Ich ging zu dir und fragte, wer es Wäre. Du wandtest dich traurig von mir ab, Liebste, und sagtest, es sei ein Freund, den du verkamen hättest und nie Wiedersehen würdest. Darnach, Marian, las ich seinen Namen in den Zeitungen, las seine Reden und erfuhr, daß von allen großen Männern Englands er der größte war." Die liebenden Arme ließen sie nicht los; doch ein tiefer, leidenschaftlicher Kummer breitete sich über Marians Züge. „Eve", sagte sie leise, „sie ist doch nicht von ihm — Deine Geschichte? Sag, Liebling, sie kann nicht von ihm sein?" Doch Lady Wayne schmiegte sich noch enger an sie. „Ich weiß, du wirst muh nicht mehr lieben", ries sie; „aber es ist so — meine Geschichte ist von ihm, — nur von ihm! O, Marian, wie habe ich dich betrogen! Wenn ich darauf zurückblicke, scheint es mir, als ob ich wahnsinnig gewesen wäre." Einige Minutetr lang herrschte Schweigen. Marian West, mir totenblassem Gesicht, kniete am Boden und hielt die zitternde, bebende Gestalt an ihr Herz gedrückt. Lord Wahne wußte nicht, was er sagen sollte. „Erinnerst du dich, Marian", fuhr die flehende Stimme ort, „daß ich einmal mit Mrs. Thornton nach Brighton ns Bad ging? Wir blieben einen ganzen Monat da. Du agtest immer. Liebste, ich sei merkwürdig schweigsam über iliefe Badereise, und der Grund dafür war, — ich traf ihn in Brighton. Ich traf ihn eines Mends, als wir alle zunt Landungsplatz gegangen waren. Zuerst kannte ich ihn nicht wieder, obschon das hübsche, fesselnde Gesicht mir merkwürdig bekannt vorkam. Den ganzen Abend, Marian, verbrachte er an rneiner Seite, er wich nicht von mir, beständig ruhten seine Blicke auf mir. Ich hatte seinen Namen nicht genau gehört, und erst, als der Abend vorüber, erfuhr ich, daß es dein Verehrer, Edward Aylesford. sei, und dann, dann sagte er, das Unheil sei geschehen." . > 68. Kapitel. Lady Waynes Geheimnis. II. „Marian, du weißt, ich war damals noch ein halbes Kind, und er war ein kluger Mann mit glänzenden Gaben, Liebste. I h mochte ihn zuerst nur deshalb leiden, weil er dich geliebt hatte. Stundenlang pflegten wir von dir zu plaudern. Ec war älter wie ich, vielleicht fünfzehn Jahre. Wie es war, kann ich nicht sagen, aber ich weiß, mir schien ec mehr ein Held, denn ein gewöhnlicher Mensch. „Einmal bat ich ihn, mich dir mitteilen zu lassen, daß er hier sei; aber er sah mich sonderbar an und sagte nein, deshalb sägte ich dir nichts davon, Marian." »Zuerst sprachen nur nur von dir; wie gut, wie edel, wie treu und wahr btt warst; aber eines 'Abends, es war Ebbe am strande,/und wir hatten uns weit von der übrigen Gesellschaft entfernt, da sagte ec mir, daß er mich liebe." „0, Marian! ist wohl jemand so geliebt worden? Jh erinnere mich seiner strahlenden Zage, des Lichtes in seinen Äugen. Ach, ich war nur ein Kind und wurde von dem Sturme foctgerissen. Ich kann miet) an alles nicht mehr erinnern — es tit mir tote ein Fiebertraum — aber ich weiß noch, er sagte, er liebe mich, wie nie zuvor jemand geliebt ivoroen fei; er vergöttere mich, ec lebe nur in meiner Gegen- ivarst; er denke Tag und Nacht nur ott miet)." „Ach, und er ivar ein großer, berühmter Staatsmann; ich tvar ein Kuad —• ein träumerisches, phantastisches, törichtes Kuad. Ich liebte ihn mit jener schwärmerischen Verehrung, ivie sie junge Mädchen zuweilen für geistvolle, berühnate Männer empfinden." „Aber, Marian, obivohl ich in diesem Traume lebte, obwohl seine leidenschaftliche Liebe mich umgab wie die Luft, die ich atmete, so Halle ich doch keinen Gedanken, nicht den entferntesten, dich zu hintergehen, zu betrügen." -Gleich das erste Mal, wo ec mic in so wilden Worten sagte, daß ec mich liebe, sagte ich: „Laß mich an Marian schreiben; lag inichs Marian mitteilen." .Ich kann nicht," sagte ec, „wenigstens jetzt noch nicht. Sieh l du, meine Evelyn —• meine süße, schöne Evelyn — vor Jahren, als ich jung war, liebte ich deine Schwester Marian, und sie liebte mich. J h bat sie. mein Weib zu werden, und sie lehnte es ab, weil, ivie sie sagte, du die Anfgabe und den Inhalt ihres Lebens bilbeteit. — du seiest ihr von deiner sterbenden Matter als heiliges Vermächtnis hinterlassen worden und sie könne dich nicht verlassen." „Ec sagte, ec glaube, du liebtest ihn noch immer, und er könne dir jetzt noch nicht sagen, daß das Kind, wofür du dich selbst geopfert, jetzt deine Nebenbuhlerin geworden sei; er könne dir das jetzt unmöglich mitteilen — wir müßten damit noch warten. Ich war wie Wachs in seinen Händen; kein Gedanke, ihm ungehorsam zu sein, kam mir je in den Sinn. Und doch sehnte ich mich darnach, dir alles initzu- teilen, o, Marian!" „Waruin hast dii das nicht getan, Eve? All dieser Schrecken, dies Elend, dieser Kummer und dies Unglück wären uns erspart geblieben. O, warum hast du mir nicht vertraut?" „Nur, weil er sagte, es würde dir das Herz brechen; es sei ein schmählicher Undank für deine Liebe und Güte. Und, Marian, ich weiß jetzt — jetzt kann ich beurteilen — wie er mit seiner Liebe zu mir und feinem Kummer um dich kämpfte. Zuweilen blieb er einen ganzen Tag von mir fort, und dann wieder war ec beinahe von Sinnen. Ec hielt inich dann in seinen Armen, weinte über mich, küßte mir Augen, — 723 Haar und Hände, warf sich vor mir auf die Knie und bat mich, ihm zu verzeihen, dos; ec versucht habe, mich weniger zu heben. Dann wieder schrie er laut auf, daß Marian nicht verwundet werden dürfe, daß wir noch eine Zeitlang warten müßten." »Ich kann ehrlich erklären, daß er mich mit seinem leidenschaftlichen Kummer und seinen SelbNoorwürsen, nvt seiner Schönheit, seinem Genie und seiner Zärtlichkeit derartig verwirrte, betäubte und hinriß, daß ich nicht mehr wußte, was Recht und was Unrecht war." „Eines Morgens kam er sehr früh zu unserem Hause. Mrs. Thornton war nicht da; ich war allein. Er hielt einen offenen Brief in der Hand und sein Gesicht war bleich wie der Tod." „Evelyn," sagte er, „du hältst ein Menschenleben in deiner Hand — das meine. Ich liebe dich so sehr, daß ich nicht mehr Herr über mich selbst bin. Sieh, dieser Brief iit ein königlicher Befehl; heute in zehn Tagen soll ich nach Indien absegeln. Ich schwöre dir, ich kann dich nicht ver- laffen. Du bi ft so jung, so schön und lieblich, daß irgend jemand dich mir sicherlich sortstehlen wird, während ich abwesend bin." Ich sah zu ihm auf. Seine Lippen waren blaß und zitterten, das ganze hübsche Gesicht vor Kummer entstellt, „Ich kann dich nicht mitnehmen," fuhr er fort. „Es handelt sich um höchst wichtige und verwickelte Angelegen- feiten, und ich muß im Lande selbst fortwährend hin und Herreisen. Ich mag diesen königlichen Befehl nicht ablehnen, er ist ein Vertrauensbeweis, wie er selten jemandem zuteil wird. Evelyn, du hältst mein Leben in deinen Händen." „Ich will alles tun, was du von mir verlangst," sagte ich, „alles, was dir Trost und Beruhigung geben kann." „Ich will nur bie. Gewißheit haben, daß du mein bist, Evelyn — daß kein lebendes Wesen ans Erden dich mir entreißen kann — daß, obgleich ich gezwungen bin, dich zu verlassen, ich sicher bin, du bi ft mein." „Was kann, was soll ich tun?" fragte ich. „Marian, er nahm mich in seine Arme und flüsterte: „Werde mein Weib, wir können uns heiraten, und keiner bcanchts zu wissen, bis ich zurückkehre. Werde mein Weid, dann bin ich glücklich und zufrieden und ruhig. Dich hier frei zu wissen, der Gedanke würde mich zum Wahnsinn bringen I" (Fortsetzung folgt.) s Are Krzichung zur Architektur, Hermann Muthesins stellt im 2. Novemberheft des „Kunstworts" folgende Leitsätze aus: Es steht fest, "baß die Architektur die unpopulärste unter den Künsten ist. Das tritt besonders dann hervor, wenn man sich das ungeheure Interesse vergegenwärtigt, das baS Publikum den Werken der Malerei entgegenbringt. Es ist jedoch zweifelhaft, ob eine bloße sogenannte Erziehung des Publikums zur Architektur, wie sie heute im allgemeinen gehandhabt wird, Abhülfe schassen wird. Vielmehr ist der Tiefstand des Verständnisses für Architektur als ein Symptom dafür aufzufassen, daß die heutige Architektur selbst an öffentlicher Bedeutung zurückgetreten ist. Das wird augenscheinlich, wenn man die großen Glanzzeiten der Architektur, die griechische, römische, gotische, zum Vergleich heranzieht, in welchen die Architektur unzweifelhaft an der Spitze der Künste marschierte. Sie tat dies, weil sie die Universalgestalterin der baulichen und bildnerischen Ideen der Zeit war. In der heutigen Welt spielen die Probleme des Ingenieurs, der Ausbau der Verkehrsmittel, die Ausbildung der Maschinen nnd arbeitssparenden Werkzeuge eine größere Rolle als die eigentlichen Werke des Architekten, von denen nur der Städtebau in die großen Probleme unserer Zeit hereinragt. Bon dem Wirken des Ingenieurs, der frei, vorwärts- blickend und von Nebenrücksichten unbeeinflußt die Ausgaben der Zeit zu lösen sucht, unterscheidet sich das Wirken des Architekten unvorteilhaft dadurch, bah er rückwärts blickt und seine Werke mit Vorliebe in dre Aeußerungs- formen vergangener Zeiten kleidet, wodurch sie von selbst etwas Gegenwartsfeindliches annehmen. Die Geschichte bet Architektur des 19. Jahrhunderts zeigt, wie die Architektur von einer archäologischen Ricktung in die andere geworfen tvurde und dadurch fast den Charakter einer oberflächlichen Berkleidungskunst anuahm. Auch die heutige Architekturausübung ist zum Teil noch in archäologischen Tendenzen besangen. Beweis: a) die Bedeutung, die.dem sogenannten Stil noch beige» messen wird (man baut noch heute „romanische Ausstellungshallen, „Renaissance"-Babnhöfe ufw.), b) die Stellung, die der Hauptteil der Architekten noch zu den Denkmälern einnimmt, die noch immer im sogenannten Geiste einer früheren Zeit wiederhergestellt werden, c) das häufig an» getroffene Bestreben, alte Städtebilder dadurch zu erhalten, daß moderne äußerliche Nachahmungen neben die alten Originalhäuser gesetzt werden. Tie archäologische Befangenheit der heutigen Architekturausübung ist in neuerer Zeit vielen klar geworden und hat sie zu. einer direkten Gegensatzstellung veranlaßt. Erinnert fei an die .Stellungnahme gegen die. Wieder- Hersteller alter Bauten. Auf der anderen Seite läßt sich erfreulicherweise beobachteu, daß wirklich selbständig schaf- feude Architekten, die nicht archäologisch, sondern modern denken, Anklang auch im größeren gebildeten Publikum finden. Es sei unter vielen Beispielen, die sich in allen Landern finden, nur an den Bau Wertheim von' Messel in Berlin erinnert. Diese Anerkennung entspringt derselben -Quelle, wie die große Anerkennung, die in den letzten Jahren die moderne Bewegung im Kunstgewerbe gefunden hat. Beide haben als Ursache die Erkenntnis, daß hier wieder der »oben der Gegenwart gewonnen nnd die Archäologie verlassen worden "sei. Die Verquickung der Archäologie mit der schaffenden Kunst war der große Irrtum, der im letzten > Jahrhundert das Sinken des architektonischen Lebens veranlaßt hat. Beide haben nichts miteinander zu tun und müssen sorgfältig auseinander gehalten werden. Auf der Basis dieses Irrtums ist das Publikum systematisch verzogen worden, und es ist jenes falsche Interesse an den „Etilen" erweckt, das jetzt einem lebendigen Erkennen der wirklichen Werte in der Architektur im Wege steht. Die Architekten, die sich heute noch befleißigen, in „Stilen" zu bauen, befördern künstlich dieses falsche Interesse und verschlimmern so die Situation noch wesentlich. Eine Erziehung des Publikums, die von wirklichem Wert für die Architektur fein soll, kann sich nur an die wirklich guten, modern empfunbenen Werke der heutigen Baukunst heften, die allerdings noch dünn gesäet sind. Das beste Erziehungsmittel zur Architektur ist, Architetturwerke von wirklichem modernen Werte zu schaffen, dagegen das noch im großen Umfange übliche Reproduzieren acker Stile zu verlassen. Die Erziehung zur Architektur faßt daher in allererster Linie eine Erziehung der Architekten in sich, wenn mehr als das erwähnte Asterinteresse erreicht werben soll, das sich darin erschöpft, zu wissen, „in welchem Stile" ein Architektnrwerk von heute errichtet sei. Soweit die allgemeinen Gesichtspunkte. Tie folgenden Leitsätze berühren Detailfragen. Tie Beteiligung der Architekten an Kunstausstellungen hat in der Form, in der sie heute meist vor sich geht, den Erwartungen nicht entsprochen. Eine größere Wirkung ist von dem Vorstihreu von Modellen zu erwarten, weil diese das einzige Mittel find, dem Laien eine Vorstellung von der räumlichen Wirkung eines Architekturwerkes zu geben. Ein mächtiges Mittel der Erziehung zur Architektur ist auf dem Wege der Literatur gegeben, die beim heutigen Publikum auf allen Gebieten die beste .Handhabe zur Beeinflussung des menschlichen Geistes ist. Es hat in diesem Sinne jedoch wenig Bedeutung, wenn belehrende Aufsätze lediglich in der architektonischen Fachpresse abgedruckt werden. Die Tages- und Zeitschriftenpresse ist der Boden, auf welchem gewerkt werden muß. Neben der Tagespresse sind öffentliche Vorlesungen, wenn von wirklich berufener Seite vorgenommen, ein Mittel gesunder Erziehung des öffentlichen Interesses an Architektur. Die Architektenverbäude sollten dahin wirken, daß an den Universitäten, den Volksbildungsanstalten der verschiedensten Art, in Vereinen und an Schulen Vorlesungen über Architektur gehalten würden. Eine Kunstpolckik, die der Gegenwart nutzen soll, muß — 724 ~— sich tttft der Gegenwart beschäftigen. Eine Erziehung des Publikums zur Architektur kann nur als Ausgangspunkt die besten Beispiele der von Gegenwartsgeist getragenen Werke der Architektur wählen. Gegenwartswert hat stets nur das im besten Sinne Moderne. Weihnachts-Literatur. — Wilhelm Holzamer: Um die Zukunft. Drama in drei Akten. — Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W. 35. — Preis 2 Mk. — In dir Reaktionszeit als dec Minister v. Dalwigk der Gewalt des geistvollen aber tyrannischen Bischofs Kettcler in Mainz die Schule ausgeliesert hatte, kämpfte der alte Schullehrer Krafft, der mit dem Großvater des Verfassers identisch fein soll, um seine eigene Existenz und Freiheit und die Freiheit seines Standes gegen den allmächtigen Bischof. Es tvird ein Kampf gegen Spionage, gegen Lüge und Mißbrauch der Gervalt. Die freiheitliche Bewegung der Jahre 1830 und 1848 zitterte nach in Rheinhessen. Biele träumten noch den alten Freiheitstraum, seine Verwirklichung durch die Revolution. Andreas Krafft, geistig der Stärksten ' einer in ganz Rheinhessen, glaubte wohl anfangs auch an eine solche Verwirklichung. Nachdem er aber durch die geistlichen Machenschaften gefallen war — er erschien dein Bischof so gefährlich, daß er ihn sogar des Bitztums hatte verweisen wollen — nachdem er verlassen war und allein stand, hatte ihn die Erfahrung eines anderen belehrt. Er war gereift, dem alten Schullehreridealismus entwachsen, der fremd, ungeschickt und verträumt durchs Leben ging. Er sah die Zukunft, die Freiheit seines Standes, die Freiheit des Volkes, aus anderen Bedingungen erwachsen. Er sah sie in einer Generation, die in dem neuen Geiste erzogen war, von unten auferzogen zur Selbständigkeit und zu Selbstbewußtsein, zu der Notwendigkeit der Freiheit und des individuellen Freiseins, das in der Menschenwürdigkeit begründet ist und aus ihr die Forderungen des Lebens herleitet> als einer Vorbedingung, die nicht nur gelehrt, sondern gelebt sein soll. In diesem größeren und weiteren Sinne lehnt er alles Persönliche, alles Oertliche, alles Augenblickliche ab. Er sieht über das Heute hinweg zum Morgen. Darin ist er willentlich allein. Nicht als der Starke, der im Alleinsein der Mächtigste ist, sondern als der Vorgeschrittenere, dem die andern noch nicht stark genug sind. Er hat die Revolution überwunden, er will seine Kraft einer Evolution weihen als ein neuer Lehrer und recht als ein Lehrer. Er erscheint besiegt, aber er ist ein Sieger. Sein geistiger Sieg drückt sich in einer äußeren Niederlage aus. Aber er ist in ihr ganz zu sich selbst, zu einer Erkenntnis und zu der Klarheit seines Zieles gekommen. Diesen Gewinn will das Stück darstellen. In ihm kämpft es um die Zukunft und weist in sie. Es will nicht einen darstellen, der die Welt nicht mehr versteht, sondern einen, den sie noch nicht versteht. — Die französische Revolution von Thomas Carlyle. Neue illustrierte Ausgabe in 40 Lieferungen ä 50 Pfg. Herausgegeben von Theodor Rehtwisch. Mit etwa 500 Illustrationen, Porträts, Autographen und Knnstbeilagen. Lieferung 27 bis 40 (umfassend den 3. Band). Verlag von Georg Wigand, Leipzig. ' Carlyle hat diesem dritten Bande den überaus treffenden, über ebenso schauerlichen Untertitel „Die Guillotine" gegeben. La Guillotine ne va Pas mal! Das Königtum ist hinter den großen Lichtauslöschern, den spitzen Türmen des Temple, verschwunden, und wie ein gewaltiges düsteres Nachtgemülde steigt der Prozeß des Königs vor uns auf. Gespenstische Schatten gleiten über die Tribüne des Konvents und murmeln in weiheloser Hast, begleitet von dem Murren oder Beifallsrufen der pikenstarrenden Galerien ihr Verdikt, — Tod oder Verbannung! Der kühle Sieyes spricht fein: „La mort saus Phrase!" und Orleans-Jscharwt sein: „Tod auf Ehre und Gewissen!" so, daß selbst die blutbefleckten Männer der Galerien murren. Ms das Fallbeil der Guillotine das Haupt des Königs hinweggemäht hat, beginnt das große „Zerfleischen der Parteien", das Mirabeau schon prophetisch vorausfagte. Dieser dritte Band des Revolutions- Werkes umfaßt also den Zeitraum der Revolution, in welchem sich die Ereignisse förmlich überstürzen, den Zeitraum, in welchem „Die Guillotine den Pulsschlag des öffentlichen Lebens bildete". Es dürfte wohl feststehen, daß kein Werk eine so reiche Porträtgalerie aus jener bewegten Zeit bietet. „Wenn irgend eins so wird dies Carlyle-Werk noch nach hundert Jahren gelesen werden", sagt Eduard Engel in seiner englischen Literaturgeschichte. — Helene Wa ldaestel. Neue Gedichte. Brosch, 2 Mk. Leipzig, Verlag für Literatur, Kunst und Musik. Diese „Neuen Gedichte" zeigen einen sicheren Sinn für daN Typische eine*? Situation oder Stimmung. Sie sind romantisch und modern. Mode. — Eine Fülle reizender Toiletten bringt die „M o d e n w e l t", Verlag von Franz Lipperheide, Berlin W. 35. Nxhxn entzückenden Modellen für Ball und Gesellschaft sind für Straße und Haus eine Menge schicker, kleidsamer Formen vertreten. Jedem Grschmacke ist Rechnung getragen und weder die Dame von Welt noch die sorgende Hausmutter dürfte das Blatt unbefriedigt aus der Hand legen. Bis ins Kleinste genaue Beschreibungen, eine zuverlässige Schnittmusterbeilage und musterhafte bildliche Darstellung der Toiletten geben dem Blatte den Charakter eines wirklich brauchbaren, unentbehrlichen Ratgebers auf dem Gebiete der Mode. Hierzu trägt nicht zuletzt der Umstand bei, daß ebenso Unterkleider und Wäsche, wie Mäntel, Hüte, Pelzwerk usw. Berücksichtigung finden. Besondere Reichhaltigkeit weist auch der Teil Kindergarderobe auf, der jedem Alter und jedem Bedarf gerecht wird. Biel Beifall wird eine Zusammenstellung von Weihnachtsarbeiten für Kinderhände finden. Aü>e.r- auch für die Großen« bietet der vortreffliche Handarbeitsteil viele schöne Vorlagen für praktische Gegenstände. Der vierteljährliche Abonnementspreis der Lipperheideschen „Modenwelt" betrügt 1.25 Mk. VsNMßßetzLss. * Das E i n z e l s ch l a f z i m m e r. In der Monatsschrift „Kultur und Familie" schreibt Freya v. Dohme: „Eilen Key hat von dem genialen Dichterehepaar Browning an der Hand von Briefen, die nach dem Tode dieser hervorragenden Menschen herausgegeben wurden, ein wundervolles Lebensbild gezeichnet. Unter den vielen Eigentümlichkeiten und Charakterschönheiten, die sie auszeichneten, fand vor allem eine individuelle Eigenart meine volle Sympathie: sie führten gleich vom ersten Tage ihrer Elie an die Einzelschlafzimmer ein. Ihre Naturen _ waren zu zartfühlend, um eine so weitgehende eheliche Intimität zu ertragen, wie sie im Durchschnitt üblich ist. Und ich wüßte unseren Zeitgenossen, die stets auf ihre „persönliche Eigensamkeit" pochen, keinen besseren Rat zu geben, als dem Beispiele der Brownings zu folgen. Es ist gewiß ein heiliges Vorrecht der Ehe, daß eines sich in das andere schickt und jeder einen Teil seiner Bequemlichkeit dem anderen zuliebe opfert. Nur geht meines Erachtens diese Anpassungssucht ost zu weit, d. h. es werden ganz unnütz für Kleinigkeiten die Kräfte der Selbstlosigkeit vergeudet, bte besser für eine geeignetere Gelegenheit aufgespart blieben. Die Kultur der Familie ist doch identisch mit der Harmonie der Familie. Harmonie wird aber nicht durch eine vollständige Aufgabe des eigenen Jchs erreicht, sondern dadurch, daß jeder in freier Entfaltung seiner Persönlichkeit die Familienstimmung zu einer Hohe der Schönheit steigert, die allein das wahre Glück einer häuslichen Gemeinschaft ansmacht. Nicht Unterdrückung, Evolution des ^rchs ist der Schlüssel zum Eheglück. Etwas ganz eigenes, das man sich weder geben noch nehmen kann, ist Lust und Stimmung zur Arbeit: einmal mochte man bis tief in die Nacht hinem fleißig fein, und ein anderes Mal wieder lockt die ganz frühe Morgenstunde zum Schaffen: aber der Schlafzimmergenoste legt solchem Tätigkeitsdrange die Schranken der Rücksicht auf. Ma« möchte den anderen in dem Schlummer, den sein Körper vielleicht sehr nötig braucht, nicht stören und unterdrückt daher feine Betätigungswünsche — wenn eben auch nicht zum Vorteil ber Allgemeinstimmung. Töricht und durchaus unzutretfend Ware die Befürchtung, daß wir durch Einzelschlafzimmer aus Frankreichs Zweikinderfystem kämen. . . . Pflege der Persönlichkeit und Kultur der Familie greifen ineinander und werden beide durch dm Einzelzimmerart in ihrer Entwicklung gefördert." — Die „Kultur der Familie" gibt diese Zuschrift vorsichtigerweise „mit Vorbehalt" wieder und bittet Leser und Mitarbeiter, sich zu dieser Frage (die iiicht zu mindestens auch eine Geldfrage ist, d. Reo.) zn äußern. Logogriph. Nachdruck verboten. Einst schätzte man mich mehr, mich liebte Jung und All, Jetzt aber findet inan mich nur bei manchem Herrn. Schreibt man ein „r" dazu und statt des „i" tut ,,f» So dien' ich als Gewürz zu inanchen Speisen gern «v Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Versteckrätsels tn voriger Nummere Zwei harte Steine malen selten klein. Redaktion: Ernst Hetz. — Rotationsdruck und Vertag der Brühi'jchen Unwerjuäls-Buch- und Sielndruckeret. R. Lange, Gieße«.