Montag den 8. KKLoöer Mr. 148 1906 a L| W W W iii Im Manne des Geheimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) 11. Kapitel. Jacks Gedanken. So vorzüglich hatte Jack Jefferies sich schlafend gestellt, daß seine Mutter auch nicht im entferntesten argwöhnte, er könne ihren Besuch gesehen haben. Aber Jack hatte die Augen geöffnet, er hatte sogar flüchtig gesehen, wie Miß West, den Blick von Tränen halb geblendet, sich über Werner gebeugt hatte. „Ich bin es nicht/' sagte er sich, „weswegen sie auch immer gekommen sein mag, meinetwegen war cs nicht. Es ist um Werner, und nur um Werner. Warum kommt eine fremde Dame und betrachtet Werner, wenn er schläft?" Und von diesem Augenblick an verfolgte ihn der Gedanke, daß dahinter notwendig ein Geheimnis stecken, und daß er es herausbekonnuen müsse. Einmal hiervon vollständig überzeugt, warf er sich mit der ganzen Macht seines verschmitzten, schlauen Gemüts darauf und erwog alles aufs genaueste. Tausend andere Gedanken schossen ihm durch den Kopf und lieferten Stoff zu dem hcü- lodernden Feuer seiner Neugier. Wie kam cs nur, daß alle Leute sagten, er, Werner, sei ihm so unähnlich? Er glich weder William Jefferies, seiner Frau,.noch seinem Sohne. Wem glich er denn? Hatte seine Mutter irgend ein Geheimnis in ihren» Leben? War sie zweimal verheiratet gewesen? Nein, das war nicht möglich. Es lag, wie er sie oft hatte sagen hören,. nur ein Jahr zwischen Werner und ihm. Sie konnte doch nicht binnen Jahresfrist seinen Vater verloren, wieder geheiratet und auch ihren zweiten Mann verloren haben. Außerdem schien das Geheimnis aller Wahrscheinlichkeit nach keinen andern wie nur Werner selbst anzugehen; auf ihn, Jack, hatte cs keinen Bezug. Er glaubte auch nicht, daß das Leben seiner Mutter etwas enthalte, »ras sie ver- gcrgen müsse. Und doch, wenn cr sich alles überdachte, fanden sich viele dunkle Punkte. Zunächst, obwohl sie sortivährend von seinem Vater sprach, wollte sie doch nie sagen, wo dieser Vater gestorben war. Sie wich dieser Frage immer dadurch aus, daß sie sagte: „Ich kann cs nicht haben, von dem Ort zu sprechen. Frag mich nicht, Jack, es war so schrecklich." Das hatte ihm Jahre hindurch genügt — aber er wollte sich nicht länger mehr damit zufrieden geben. Er hatte die ganz bestimmte Ueberzeugung, daß der Hauptschlüssel zu diesem Geheimnis darin läge, den Ort zu finden, wo seine Mutter zur Zeit des Todes seines Vaters gewohnt hatte. „Und ich werde es herausbekommen, früher oder später," sagte er sich. Mag es zuerst auch Jahre dauern, aber ich werde es schließlich erfahren." Mit dem richtigen Takt der Verschmitztheit legte er sich auf die Lauer, er sagte seiner Mutter rmd Werner von dem, was er gesehen, kein Wort, aber er war entschlossen, still, gedeckt und sorgfältig aufzupassen. Das Ergebnis war, daß sein Verdacht sich verstärkte. Es bestand eine fast unmerkliche Verschiedenheit darin, wie seine Mutter Werner, und wie sie ihn behandelte. Er hätte es kaum erklären oder beschreiben können, aber cr sah, daß sie ihn, Jack, am liebsten zu haben schien. „Es kann ein goldiges Geheimnis sein," sagte sich Jack (so weit war cr mit seinencn Kombinationen schon) —; „wer weiß? Vielleicht kann ich eines Tages dafür, daß ichs bewahre, oder dafür, daß ichs erzähle, Geld bekommen und ohne Arbeit leben. Wie und wovon lebt denn meine Mutter?" Er fragte sie, und Mrs. Jefferies, innerlich erstaunt rmd verblüfft, rvas dem Jungen wohl im Kopf herumgehe, sagte ihm, — was sie auch sonst jedem auf Befrage sagte — sie habe eine Keine Pension, die mit ihrem Tode aushöre. „Ihr Jungens müßt Euch also in der Schule ordentlich angeben," schloß sie, „und Euch unabhängig von mir machen; unser Vermöge» stirbt mit mir." „Woher kommt das Geld?" fragte er neugierig. „Du sprichst von dieser Pension, Mutter, wev bezahlt sie und wofür?" Jähe Furcht befiel sie bei dem Gedanken, weshalb ihr Junge rvohl solche Fragen stelle. Welcher böse Geist der Neugier und des Vorwitzes nahte sich ihm nur? „Ist cs die Eisenbahn, wo mein Vater augeslellt war?" fuhr er fort, „oder hatte er sich Geld gespart, oder was?" Mrs. Jefferies Gesicht wurde sehr blaß. „Jack, ich mag solche Fragereien nicht leiden. Jungens wie du müssen solcher müßigen Neugier nicht nachgeben." „Ich sehe nicht ein, daß diese Frage so neugierig ist," versetzte er grob. „Die meisten Jungens wissen, wie ihre Eltern leben. Warum sollte ichs nicht wissen?" „Weil, ganz egal, was andere Jungens wissen, cs deine Pflicht ist, mir zu vertrauen, und mich nicht mit unnützen Fragen zu belästigen." „Na, auch gut," gab er scheinbar unbekümmert zurück und ging pfeifend wieder aus der Küche. „Ich war vorher noch nicht sicher," dachte er bei sich, „aber jetzt bin ichs. Es ist also ein Geheimnis vorhanden, und meine Mutter lebt von — 690 ocnt, was cs wert ist. Dieselbe Quelle, die ihr Geld liefert, soll cs auch mir liefern." Sein Ehrgeiz nahm einstweilen keinen höheren Flug, als bis zu dein sehnlichen Wunsche, bei Wettrennen zu erscheinen, bei Hundekämpfen mitzuwetteu, billige Zigarren zu rauchen, einen neuen, dicken Spazierstock, eine Golddoublu- kette und einen dito Ring zu tragen. „Ich werde daun wie ein richtiger Gentleman ausskhen, dachte er, „und nur bann mein Eigentum schon zu wahren wissen." , „ Y, < Während er so viel von seiner Zeit vergrubelte und verträumte, ivar Werner voll unverdrossener Uiisdauer bei der Arbeit. Ec war auf beut besten Wege, das Stipendium zti erhalten. Der Eifer, mit den, er sich seinen Büchern und dem Studium hingab, ivar ivirklich ivunderbar. Er war im Sommer mit der Lerche auf und drauhen im Garten nutet den Bäumen; im Winter zusammengehockt bei der Lampe, immer am Studieren, studieren — sonst nichts. Jack ivürdigte ihn seiner tiefsten Verachtung. „Ein Kerl, der immer die Bücher in der Haiid hat, weife nichts vom Leben," sagte dieser Held. „Du wirft nie dein Salz wett sein, bis du dein vieles Lesen aufgesteckt hast." — Das Stipendium wurde auf ®rimb einer öffeiitlichen Prüfling verliehen, der die meisten der tonangebenden und führenden Männer des Bezirks beiivohnten. Es war herkömmlicher und nobler Brauch bei ihnen, wenn ein armer Jüngling das Stipendium errang, einen anständigen Beitrag zu den üniversitätskosten zu zeichnen — eilte große Hilfe für solche, deren Eltern nur beschränkte Mittel besaßen. Große Aufregling herrschte im Städtchen, als die Prüfung begann. Werner hatte schlvcr gearbeitet. Alle seine Hoffnungen ruhten auf bem Ausfall bieser Prüfung. Fiel et durch, so stand ihm nur ein Leben alltäglicher, härter Arbeit bevor, das llltailgcltehntste, tvas es für ihn gab, beim et liebte nichts als bas Studium lind die Bücher. Siegte er, o, bann lag bie ganze Welt vor ihm offen; er konnte wählen, ivelcher königliche Weg bet Wissenschaften ihm gefiel. Die Littcratur zog ihn an. Weint er nur sein Leben zwischen beit geliebten Büchern verbringen konnte, mehr verlangte er nicht. . Es hatte bem Himmel gefallcit, ihn als Dichter geboren werbe» zu lassen; er konnte nichts bazu. Die Natur hatte auf ihn gelächelt, hatte ihm als Ebenbild seiner Seele ein schönes, vergeistigtes Antlitz gegeben, eine breite, weiße Stirn, gedankenvoll und ideal, strahlende Augen, voll Licht und Schatten, süße, schwellende Lippen, die ein Mädchengesicht geziert haben würben. Ach, hätte es boch jemanden gcgebcli, der auf ihn stolz gewesen, ihm nachgesehen hätte, als et an diesem sonnenhellen Junimorgeit hinausschritt, bie Entscheidungsschlacht seines Lebens zu kämpfen, irgend jemanden, bet ihm aus vollem Herzcit einen Segenswunsch auf seinen Weg mitgegeben hätte! Die biebere Mrs. Jefferies ivar eifrig im Garten, bei ihrem Gemüse. Jack erklärte bie ganze Sache für eine Plage und Last erster Größe, Jo daß er allein und niedergedrückt von dannen ging. Das Schulzimmcr war überfüllt; bie Prüfung wurde bewundernswürdig geführt; von Anfang an stand bie öffentliche Meinung zu gunsten Werner's. Sein schönes, lebhaft gerötetes Gesicht, seine blitzenden Augen interessierten und fesselten jeden, der ihn ansah. Es war eine Frühstückspause für die geladenen Gäst-e vorgesehen, und Sir Collingbourne, ein reicher Gutsbesitzer aus der Ilmgegend, erkundigte sich bei Dr. Cloth angelegent- lichst, wer denn der Knabe mit dem schönen Gesicht und den Locken sei. „Es ist ein Genie, Sir, dieser Junge," bekräftigte Sir Collingbourne iind schlürfte behaglich ein Glas Madeira. '.Ein Gerne. Ich habe in meinem Leben noch solche Antworten nicht gehört. Wenn der auf die Universität geht, so jvird er dort seinen Weg schon machen. Wir iverden noch wieder von ihm hören. Wer ist cs, sagten Sie?" „Er heißt Werner Jefferies; seine Mutter ist eine arme Witwe und wohnt Hierselbst." „Er ist von guter Familie, des bin ich sicher; er hat das Gesicht, das Wesen, das Benehmen eines jungen Pnlnkn»" Dr. ($(ot() lächelte kopfschüttelnd» „2ch bedauere, romantische Ansicht zerstören zu muffen, Sir Collingbourne; aber es ist nichts Prinzliches um und ait ihm, ausgenommen vielleicht, wie Sie richtig bemerkten, sein Wesen und Benehmen. Sein Batet wett Bahnwärter und verunglückte auf der Eisenbahn. Seine Miitter hat eine kleine Pension, vielleicht von derselben Eifenbahngesellschaft, uitb davon leben fie. Wie a\t sehen, nichts Romantisches." Sir Collingbourne sah sehr unglaiibig drem. „Ich hatte es nicht geglaubt, wenn Sie's nicht gesagt hätten," sagte er dann. „Ich habe nie einen Jungen gesehen, der mich derartig interessiert hätte." Die Entscheidung siel erst am folgendeit ^.age, nachdem die Aufsätze geprüft und öffentlich vorgelesen waren, wobei dann der von Werner Jefferies in jeder Beziehung ab- w übet den anderen stehend bcfimbeit ward, wie bet Mond über bie Sterne hervorleuchtet. Die Entfcheibung ward feierlich von Dr. Cloth verkündet, und ein schallendes Hucrah erhob sich aus der gesamten Schule. Werner hatte gewonnen, und Werner war bei allen beliebt; die Knaben waren zufrieden, und Dr. Cloth selbst >vac entzückt. . , „Jxht„, sagte Sir Collingbourne ivurdevoll, „werde >ch etwas" Ordentliches für biefcit Knaben tun. Wußte ich doch, daß er gewinnen würde. Schreiben Sie mich auf, Cloth, nut fünfzig Pfund; und nächstes Iaht will ich meine Zeichnung verdoppeln, wenn et sich gut macht." „ Was Werner felbft angeht, fo kannte feilt Entzücken feine Grenzen. Das Los, das er gefürchtet, war jetzt das scinige nicht mehr. ES schien ihm, die goldenen Tore eines FeenlandeS feien ihm geöffnet und et stehe int Begriffe, m all die Pracht hineinzugehen. Dr. Cloth war sehr hoffnungsvoll in Bezug auf seine ferneren Aussichten und sagte ihm Großes voraus. „Wenn bu dich für Theologie eittzcheibest, Werner , sagte "er, „wirft du einen guten Freund an Sir Collmg- biirne finden. Er hat zivei Pfründeit zu vergeben." Aber Werner fugte ihm, er habe keine Neigung zur Theologie. „ Y Dor Traum meines Lebens i|t, unter Buchern ztt juci(en — vielleicht gar selbst welche zu schreiben. Bon der Zeit an, wo ich noch Kind ivar, habe ich an nichts anderes gedacht." (Fortsetzung folgt.) A'S Schlacht Lei Jena und der Acmmtrvkur. Bon Prof. Dr. Paul Weber, Jena. Jni Oktober dieses Jahres vollendet sich ein Jähr- hundert feit der verhängnisvollen Doppelniederlage bey preußischen Heeres bet Jena und Auerstedt, lieber die Ursache des Zusammenbruches ist gerade tu diesem Jahre wieder viel geschrieben worden. General v. d. Goltzi in Königsberg hat soeben in seinem großen Werke „Bon bach bis Jena" (Berlin 1906) noch einmal den ganzen Stoff durchgearbeitet und mit mancher irrigen Anschauung aufgeräumt, die dem tapferen preußischen Heere von 18 Unrecht tat. Biele andere interessante Beitrage zur Wur digung der Heeresverfassung, der Kampfeswetse der gesamten damaligen Zeitumstände sind in den letzten Mo- naten in Zeitungsartikeln und Zeitschriftenausfatzen er schienen. Nur einen ganz, kleinen Beitrag zu diesem reichen kulturgeschichtlichen Materiale möchte ich nachsteheud bringen. Beim Durcharbeiteu der zettgenofsischen Berichte über die Schlacht bei Jena ist mir ausgefallen, welche große Rolle damals der Branntwein spielte. Hier einige c^)nrM^ ^"'l.^Am Tage' vor der Schlacht bei Jena , Wolltenbie dem kiohenloheschen Heere zugeteilten kursachstfchen gruppen abziehen, weil sie ohne alle Perpflegung. waren und seit Tagen hungerten. Der Fürst Hohenlohe suchte sie zu 591 begütigen mit dem Versprechen, „daß der König von Preußen noch heute Brot und Branntwein senden werde". Die Sendung blieb aber aus. Daraus ließ Hohenlohe am Morgen vor der Schlacht auf seine Kosten sieben Fässer Branntwein beschaffen und an die sächsischen Truppen verteilen. (Bericht des Majors von der Marwitz, S. 163.) Der Fürst lies; bei dieser Sendung den Truppen sagen, „er wünsche aufrichtig, daß sie an diesem Tage sich in etwas wenigstens erholen und stärken sollten". (Klopfleisch, Die Schlacht bei Jena, S. 68.) 2. Am Tage vor der Schlacht reitet Fiirst Hohenlohe die Aufstellung der Preußen ab und fragt die einzelnen Truppen, ob sie Brot, Fleisch und Branntwein in genügender Menge erhalten hätten, (v. d. Marwitz, ebenda, .S. '162.) 3. In einem Briefe über die Schlacht bei Jena (abgedruckt in „Neue Feuerbrände", Amsterdam u. Cölln 1807, .V, 5) wird als besonders tadelnswert an der preußischen Heeresverpflegung hervorgehoben: „Im Hauptquartier des Königs hatten die Bürger kein Brot, die Soldaten keinen Branntwein". Es ist überaus charakteristisch, daß gerade dieser Umstand den „Neuen Feuerbränden" — einem im übrigen gehässigen und mit Vorsicht zu verwertenden Journal — als tadelnswert erscheint. Die Wahrheit dieser Angabe wird übrigens durch zahlreiche andere Angaben aus jener Zeit bestätigt. 4. Ebenda heißt es: Nach der Nachricht von der Niederlage bei Saatfeld „erwartete man den Branntwein, den der König hatte verschreiben lassen, mit Aengstlichkeit und Begierde. Vielleicht hätte er doch noch Mut gegeben". 5. In demselben Journal (X, 143, vom Jahre 1808) wird getadelt, daß das Kommissariat der Hauptarmee mit der Firma Krelinger u. Co. im Jahre 1806 eiueu Lieferungsvertrag abgeschlossen habe, bei welchem der Branntwein viel zu hoch bezahlt tvorden sei. Der Vertrag betraf „30 000 Quart Branntwein, gleichviel ob Franz oder Korn, ohne besondere Bestimmung der Stärke". Nicht darum handelt es sich hier für uns, ob der Vorwurf der zu hohen Bezahlung begründet ist, sondern um die Tatsache eines so ungeheuren Verbrauchs von Branntwein in der Armee von 1806. Es scheint, daß der Branntwein damals zu den unbedingt erforderlichen Teilen der Heeresverpflegung gerechnet wurde. Gewiß werden Kenner des damaligen Ber- pflegungswesens diese gelegentlichen Funde mit reicherem Materiale bestätigen und ergänzen können. Uebrigens scheint es im französischen Heere damals nicht anders gehalten worden zu sein. Zwar sind die Truppen in erster Linie auf Wein erpicht — bei der Herkunft der Soldaten aus dem weinreichen Frankreich eine ganz natürliche Erscheinung — und die Weinkeller der Jenaer Bürger sind in den Oktobertagen 1806 von den plündernden Franzosen gründlich ausgeräumt worden. Auch die französischen Offiziere haben — darin stimmen alle Berichte von Jenaer Augenzeugen aus jenen Tagen überein — ganz ungeheure Quantitäteu Wein gefordert und verbraucht. Aber daneben spielt auch der Schnaps eine große Rolle. Dafür ein charakteristisches Beispiel: Am Tage vor der großen Schlacht zog ein Haufe plündernder irregulärer französischer Truppen, die sogenannte „Löffelgarde", in Jena ein. Jener Befehlshaber forderte von dem Magistrat sofort: 50 000 Rationen Brot, 50 000 Rationen Fleisch, 10 000 Rationen Fourage und 400 Eimer Branntwein. (Bericht der Steuerkommission zu Jena an die Weimarische Regierung vom 12. 9. 1807.) Endlich sei noch aus dem mehrfach genannten Bericht des Adjitanten v. d. Marwitz über die Schlacht bei Jena die Stelle angezogen (S. 93), wonach die französische Reiterei zum Teil betrunken in die Reihen der Preußen hineingesprengt sei. Oktober! Von Richard Staben. Nachdruck verboten.. Tas Oktobcrfest. „ Der 12. Oktober ist für die Bewohner der bayerischen Hanpt- Itadt eine Art nationaler Festtag, durch welchen die Erinnerung an die am 12. Oktober 1810 erfolgte Vermählung Ludwigs I. mit der Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen im Volke lebendig erhalten wird. Wer an jenem Tage nicht zum Wettrennen und zur Tierschau nach der Theresienwicse pilgert, der wird von dem echten Münchener nicht für voll angesehen. Auch Andreas Pollinger, ein biederer Metzgermeister, hatte sich mit seinem Freunde Leopold Auracher, einem ebenso biederen Wagnermeister, nach der Theresienwicse auf die Beine gemacht. „Was meinst, Andres", meinte der letztere unterwegs. „Machst du dir denn viel aus dem Wettrennen?" „Aber na", protestierte Pollinger mit einer wegwerfenden' Geberde, „daß ein Pferd schneller laufen kann wie des andere, hab t eh schon g'wußt. A paar Maß sein mer lieber. Bist du denn narrisch ans die Tierschau?" „Feit si nix", lachte Auracher und schütteie eine Prise Schmalz- ler ans der Glasflasche ans seinen Handrücken._ „Ein Ochs ist halt dicker wie der andere, das hab ich schon in der Schul' derfahren. Bei einer Maß in Ruh' sitzen, döh is auch mein G'schmack." „Na alsdann", entschied Pollinger, „also rein in die Löwcu- bräu-Gezelten, in denen gibts immer 's meiste G'spaß." Und wirklich — es gab gar mannigfaches „G'spaß" int Löwenbräuzelt. Der Stoff war von unheinüicher Güte und die Weißwürste schmeckten tadellos. Es dauerte nur kurze Zeit, da war auch schon Stimmung unter den Gästen. Um sie noch zu erhöhen, wurde an einem Tisch das schöne Liedchen angestimmt: Mir san net von Pasing, Mir san net von Somit, Mir san ja in Münka Am Platzl dahoam. Die bierfeuchten Kehlen am Nebentisch antworteien prompt: So lang der alte Peter Am Petersplatz noch steht nsw. So lang stirbt die Gemütlichkeit In Münka nimm« aus. So ging der Singsang herüber nnd hinüber und dabei wurde ein Maßkrug um den andern „geschwenkt". Das Meisterpaar war im Anfeuchten der edleren inneren Organe auch nicht faul, sodaß der Nachhauseweg in etwas schwankender Haltung angetreten wurde. „'s ist doch was Schönes um unser Oktoberfest", erklärte Pollinger, als sie die innere Stadt wieder erreicht hatten, „'s hebt dem Volke seine Ideale und was es der Landwirtschaft für Nutzen bringt, — das is gar nit auszudenken." „Die Menschheit sollt' wirklich zufrieden fein", pflichtete ihm Auracher bei, „von der Thercsienwies' wird kein Mensch unbefriedigt nach Hause gehen. Und dann die Verpflegung . . für sein Geld kriegt ma reinzu alles. Nur eins, was i noch wissen möcht!" , . „Na, heraus damit", ermutigte ihn Pollinger und blinzelte ihm verständnisinnig zn. , „Wissen möcht i also, ob heute 's Hosbräu auch die KwalitcH haben wird, wie's Löwenbräu", erklärte Auracher. „Den Wissensdurst 'hält' ich gleichfalls", stimmte Pollinger freudig bei, faßte seinen Frennd unter und beide verschwanden in der Richtung nach dem „Platzl" . . . Der Hamsterbau. Die Ernte war sehr reichlich gewesen. Schon in den ersten Tagen des Monats hatte sich ein schwarzer Hamster, wohl der Aelteste der Gegend, seine Winierresidenz eingerichtet: eine große Wohnkammer und daneben die Vorratskammer. Die war reichlich gefüllt mit Getreide, Leinsamen, Bohnen, Erbsen, — es ivar Alles da! Noch einmal strich der Hamster über das Feld unb füllte noch einmal seine Backentaschen. Ein. scharfer Wind strich aus bent Norden, es lag schon wie Schnee in der Lust. „Brr, 's riecht schon nach Winter," fmtrtte der Hamster, „’S wird Zeit, daß ich mich in meine Residenz zurückziehe. Die dummen Menschen können ja zusehen, wie sie sich durch diese heillose Winterkälte schlagen, ich bin klug und krauche jetzt schon in die warme Stube," — damit fuhr er in seinen Ban, verstopfte die Röhren unb streckte sich gemächlich hin zum Winterschlafe. Glücklicher Hamster 1 _________ Schlechte „Stimmung" — „verstimmter" Magen. Von Dr. Otto Gotthilf. Immer klarer erkennt und beweist die Wissenschaft die schon längst gefühlte Abhängigkeit des körperlichen Befindens vom getsti- gen Wohl und Wehe. Besonders der Nervenapparat des Magens, also der ganze Verdanungsvorgang, unterliegt in hohem Maße! der Einwirkung von Gemütsbewegnngen, von Affekten jeher Art. Wer trocken Brot mit Lnst genießt, Dem wird es gut bekommen; Wer Sorgen hat und Braten ißt, Dem luirb das Mahl nicht frommen. Ost wird ganz plötzlich die Lust zum Essen, der Appetit, durch psychische Einflüsse geändert. Es gibt Menschen, die sich mit gutem Appetit zu Tisch setzen, aloc denselben sofort verlieren, wenn sie sich über irgend etwas ärgern und daun auch wirklich nichts mehr essen können. Es gibt Menschen, die „vor Aerger odev Wut „Teilten Bissen hinunterbringen" können, und es gibt solche, — 592 die heftige Magenbeschwerden bekommen, wenn sie sich beim Essen ausregem Es gibt aber anch Leute, die „vor Zorn" einen förmlichen Heißhunger bekomincn, und sott sogar solche geben, dm vor Liebe" satt sind; leider hält diese Sättigung m der Regel nicht ^Dieser merkwürdige Einfluß von Affekten auf Appetit und Verdauung ist neuerdings an Tieren genauer studiert worden. Versetzte man einen angebundenen Hund durch Vorhalten cmer Kade in Arrger und Wut und gab rhm hierauf feilt vuttcr, dann wurde so wenig Mageiisaft abgesondert, daß eine ganz unvollständige Verdauung stattfand. Durch die emgetretene „schlechte Stimmung" wurden also auu) die -Nagennerven so nachdrücklich „verstimmt", daß sie zur normalen Saftbildung nn- tangttch waren. sondern auch nach dem Essen und während desselben wirken Aerger, Zorn nnd dergl. verdaunngswidrig, lvie Professor Pawlow experimentell bewiese» hat. Daher. Zur Essenszeit Scheuch Sorg und Leid! Die genossene Speise allein regt nur eine mangelhafte Saft- bildunq an, beivirkt nur geringe Berdauungsarbeit. Dagegen besitzt der durch psychische Reize hervorgebrachte Magensaft eme überaus große Verdauungskraft. Das ist natürlich für die Verdauung von höchster Bcdeurung. Früher bereiteten Spaßmacher und Hofnarren den Tafelnden allerband Kurzweil, nm die „Tafelfrendcn" zu vermehren. Eo war dies eine instinktive Maßregel zur Erhöhung der Bekömmlichkeit des Mahles; denn: „Einem fröhlichen Herzen schmeckt alles wohl, was es issest'. (Sirach 30, Vers 27.) Deshalb soll jeder im gesundheitlichen Interesse seiner Tafelgenossen und seiner selbst vom gemeinsamen Mahle allen Zank nnd Streit, alle unangenehmen Auseinandersetznngen über häusliche oder berufliche Angelegenheiten verbannen nnd eines anregenden Plauderns sich befleißigen. Auch von des Magens Verdauungsarbett gilt das Schillerwort: „Wo gute Reden fie begleiten, da fließt die Arbeit munter fort." Vermischtes. * Von id er hessischen Denkmalpflege. Vor kurzem ist eine von dem Denkmalpsleger auf Grund des Denkmalschutzgesetzes veranlaßte W i e d e r h e r st e l l u n g s- arbeit fertiggestellt worden, die auch weiteren Kreisen bekannt gegeben zu werden verdient. Es handelt sich um die schöne Barockkirche in dem kleinen Orte Heusenstamm bei Offenbach. Diese Kirche soll zum Baumeister keinen Geringeren haben als Balthasar Neumann, den genialen Erbauer des Schlosses zu Würzburg. Im Inneren enthielt sie drei Deckengemälde, deren Maler, der Augsburger Scheffler, sonst, unseres Wissens, wenig bekannt ist, die aber in ihrer lebensvollen und bewegten, dabei jedoch VÄt die Grenzen des guten Geschmacks überschreitenden Komposition als knnstgeschichtlich sehr wertvolle Denkmäler gelten müssen. Vor vier Jahren nun hat der Blitz die Kirche eingeäschert, und das Wasser der löschenden Feuerwehrleute hat, wie meistens, das Zerstörungswerk nach Kräften vollenden helfen. Freilich waren die Bilder, lute überhaupt das Kircheninnere im Laufe der Jahre arg vernachlässigt worden. Früher hatten die Grafen von Schönborn, die das prächtige Gotteshaus als Gruftkirche um 1740 hatten erbauen lassen, auf die Pflege der Kirche Acht gehabt. Im Laufe der Jahre, nachdem sie in dem kleinen Orte nicht mehr ihren Sitz hatten, mußte aber die Kirche der Pflege entbehren. Nun also kam das Feuer und drohte die Kirche zur Ruine zu machen. Da hat dann die Behörde eingegriffen, und nach manchem hin und her wurde die Wiederherstellung der Kirche und ihrer inneren Ausstattung in der alten Weise beschlossen. Vor drei Jahren hat sich der Frankfurter Maler Heinz Wetzel, dem von der Denk- malpflegebehörde das Werk übertragen war und die Kirche seit langem kannte und studiert hatte, an die Arbeit gemacht, und jetzt ist das Werk vollendet. Auf 'Grund jvrgc- fältiger Studien über das ursprüngliche Aussehen der Deckengemälde und 'mit liebevoller Versenkung in Formen- und Farbensprache des alten Meisters, der im Jahre 1741 die drei allegorischen Gemälde („Apokalypse", „Christi Sieg über die Hölle", „Auferweckung des Lazarus") gemalt. hat, ist es dem Frankfurter Künstler gelungen, seine Aufgabe so zu lösen, daß man nicht anders denkt, als seien tue ursprünglichen Fresken nur ein wenig gesäubert und auf- tzefrischt. Wiederhergestellte Denkmäler haben leicht etwas Pietätloses an sich; hier in Heusenstamm aber ist diese Gefahr mit ebenso viel Takt wie Können vermieden worden, und man darf sich des Werkes freuen, durch das eine sehr wertvolle deutsche Barockkirche vor der sonst unvermeidlichen Zerstörung gerettet worden ist. * Amerikanische Universitätsschreie. „Rahl Rah I Rah! Rah! Rah! Rah! Rah! Rah! Rah! Harvard l" Dieser mit langanhaltender und tiefer Stimme ausgestoßene Uni- versitätsrns genießt bekanntlich Weltberühmtheit. Er ist aber nur einer der zahllosen Universitätsschreie, die in Amerika üblich sind, und die glaube» machen, sie stammten noch aus der indianische» Zeit her. Die „M. A. Zig." weiß noch ein paar andere hübsche Kennrufe mitzuteilen. So lautet z. B. der Schrei der Ohio State University: Wahu! Wahn! — Rip! Zip^Bazu! Ich schrei, ich schrei für O. S. II. I Die Alabainese» schreien: Rackely, Nack de Nack de Nack l Rackety, Nack de Hack de Nack l Hullabalu! Hullabalu! Wie geht es, du? Wie geht es du? V—a—r—s—i—t—y! Und die Arkansasleule gar: Boomalacka! Boomalacka! Wah! Whoo! Ra! Razzle — dazzle! Gobble — gobble l 11. o! A.! „ , r m r Ein hübsches Naturkonzert muß entstehen, wenn sich diese Rufe vereinen. _______ ter" — Das Blaubuch, Wochenschrift für öffenttcches Lcben, Literatur und Kunst, begründet von Albert Kalthoff, herausgegeben von S. Jlgenstein u. H. Kcenzl. Einzelpreis 30 W,- vierteljährlich 3.50 Mark. — Inhalt der Nummer 36: „Was will das werden?" von Eduard Gvldbeck. „Im Nebenamt M i n i st e r" von Günther von Vielrogge. „Napoleon von Kart Fr. Nowak. „Mannes ewige Liebe" von Mite Kremnch. ,,Thea- " von Hermann Kienzl. „Freie Musterung . „Neue Bücher *■ Der stille Garten. Es ist ein verschlossener Garten: Obstbäume, fruchtbar und schwer Meschatte» de» grünende» Rasen; Ei» Bächlein läuft luftig daher. Der Garten ift wohlverzäunct Mit Brombeer- und Rosengezweig; Ein einziges schmales Psörllei» Führt heimlich zu feinem Bereich. Im nieder» Gesträuche nisten • Rotkehlchen, Meisen und Fink. Mich freuen die einfachen Lieder, Mich freut ihr Treiben, so flink. Mei» Garten ist mein Tempel: Sei» allerheiligster Ort Der ist jene sprudelnde Ouelle; Mein Urleben quillt mir dort. Mo blüht der verschlossene Garte»? --— 3» meiner Seele Grund, Da grünt er so weltenferne, Mir nah dort zu jeder Stund 1 Traisa bei Darmstadt. D. G r e i n e r. Bilderrätsel. Nachdruck verboten. li.ÜI Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummerr Geel — Egge — Igel — Dell — Elbe — Libelle; Geibel. Redaktion: Ernst S e st. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch, und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-