M 13I 1906 Samstag den 8. S-ptemker EBt ■ SB» N Zer Stern. Roman von Ulrich Frank. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Dann kostete sie und sagte: „Famos!" „Auf dein Wohl, Lueie, und das unserer Lieben!" Sie wurde nun doch ciivas ungeduldig. „Und meine Eltern sind gesund? Sie schreiben zwar ost, aber so direkte Nachrichten sind doch noch zuverlässiger." „Ja, ich danke! Tante und Onkel sind ganz wohl. Ich sah sie ein paarmal in der Woche, war auch einige Male zu Tisch unten . . . Tante kochte dann meine Lieblingsgerichte: Schlesisches Himmelreich, Birnen mit Klößen . . . weißt du, auf die feinen Diners oben im Schlosse schmeckte das erst recht gut . . . meinst du nicht auch?" „Gewiß!" Sie wollte versuchen, sic durch Einsilbigkeit zum Sprechen zu bringen. Das gelang. „Ja, und Teresa hält sehr auf feine Küche. Ach, richtig, ich muß dir noch erzählen, von Gicrsdorf erzählen. Also, daß Teresa Streitmann den Grasen Alfons geheiratet hat, weißt du ja! Denke dir, dieses immense Glück. Teresa ist aber gar nicht stolz geworden, trotzdem sie Gräfin ist . . . eigentlich, weißt du, Mama hat immer gesagt, das hätte dir gebührt." Cie trank ihr Glas ans, das Della sofort wieder füllte. „Da ihr beide Schauspielerinnen seid, so wäre es doch viel natürlicher gewesen, wenn dich ein Gicrsdorf geheiratet hätte. Aber das ist Glückssache. Teresa hats mt mal! Und sehr reizend und kokett und liebenswürdig ist sie ja. Du, das hab ich damals schon bemerkt, als ich in Berlin war bei deinem Gastspiel. Sie wußte, was sie beim Theater will, sagte Mama. Und durchgesetzt hat sie es!" Sie war jetzt im Zuge. „Seit August ist sie Gräfin. Ein Jahr beinahe. Sie wohnen in Gicrsdorf, weil Graf Alfons seinen Bruder vertritt, der krank ist." Della unterdrückte einen Seufzer. „Wenn er zurückkommt, machen sie erst 'ne große Reise. Hochzeitsreise, sagt Graf Alfons! Du, er ist schrecklich verliebt! Er macht noch nach einjähriger Ehe oder länger ne Hochzeitsreise." Sie lachte mit frivolem Schmunzeln, sodaß Della verlegen aufblickte. Erst in diesem Augenblick wurde sie gewahr, tvie altjüngferlich und dabei heimlich lüstern ihre Cousine aussah. Ein Gefühl des Mitleids beschlich sie. So also werden die ehelosen Mädchen, die sich nicht nützlich zu machen verstehen, keinen Beruf haben, kein festes Lebensziel? Die überflüssig, untätig sich überall Kerumdrücken. sich schieben und stoßen lassen und nur geduldet sind, wenn sie recht demütig und klug sich den Launen anderer anpassen! Schmarotzerpflanzen! Parasiten! Tiefer Widerwille erfaßte sie und fast unmutig fragte sie: „Und was hattest du eigentlich im Schloß Giersdorf zu tun?" „Gott, Gesellschaft leisten sollte ich Teresa!! Sie hatte mich eingcladcn. Sic langwcilte sich wohl. Sie hatte es mir übrigens schon vor der Hochzeit, die in Dresden stattfand, versprochen. Ganz klein, Standesamt nur und dann Trauung in der Kirche. Nur der jüngste Bruder war dabei. Der andere ist krank und die Schwester konnte nicht kommen." „Ja ... ja ... ich weiß," sagte sie zerstreut und erhob sich vom Tische. „Wozu fragst du denn und willst, daß ich erzähle? Bon den interessanten Dingen, die die Teresa mir zum besten gab, willst du doch gewiß nichts wissen?!" . . . Sie kicherte geheimnisvoll. „Nein!" gab sie hart zurück. „Na also! Eins weißt du, das andere willst nicht wissen oder weißt es vielleicht auch, da du doch ebenfalls von: Theater bist." Die Haltung, die Della in den letzten Minuten angenommen hatte, rciztc ihre Bosheit. „Elegant sicht cs bei dir auch aus!" Sie ließ den Blick umherschwcifcn. „Beinahe so wie bei Teresa Streitmann, als sie noch in der Ncustädtischen Kirchstraße wohnte und dort die Besuche vom Grafen Alfons empfing und . . . Wittelsbach! Ich habe ihn selbst dort getroffen." „Lucie!" Ausruf und Gebärde waren so abweisend, daß diese zusammcnfuhr. Vielleicht war sie doch zu weit gegangen. „Gott, tu dich nicht so..." suchte sie halb trotzig, halb kleinlaut einzulenken. „Erst bist du wunder wie nett, und dann beißt du mit einemmal die Stolze raus. So hast dus aber immer gemacht. Schon in Dresden, als wir dich noch zur Ausbildung anfgenommen hatten. Undank ist der Welt Lohn! Mama hat es immer gesagt. Und ich sollte es auch Onkel und Tante ausrichten." In dicsem Augenblick brachte das Mädchen einen Brief. Della hatte die Handschrift der Mutter erkannt. Sie entfaltete ihn sofort und las ihn durch. Dann reichte sie ihn ohne ein Wort hinzuzufügen, Lucie. Diese blickte neugierig hinein. Cr enthielt nur wenige Zeilen: „Teuerstes Dellchen! Wenn Lucie heut zu Dir kommt, sei gut und lieb zu ihr. Lasse Dich nicht beirren, wenn sie Dir auch manches — 526 Unangenehme sagt. Sie ist doch meiner einzigen Schwester einziges Kind imb Hannchen hat sich auch manches anders gedacht, als Du zu^ihr kamst. Und sie war doch auch gut zu Dir, vergiß das nicht. Lucie ist gewiß ein gutes Mädchen, wenn sie auch äußerlich oft hart erscheint. Ich bitte Dich sehr, liebe Della, tue cs mir zu Liebe. Vater meint auch, wir sollen nicht richten, auf daß wir nicht gerichtet werden. Sie bringt Dir auch viele Grüße von uns und sie bleibt ja nur ein paar Stunden in Berlin. Im Schlüsse waren sie sehr nett mit ihr und vielleicht hätte sie noch dableibeu tönnen — aber denke Dir, ich weiß gar nicht, ob sie cs ihr gesagt haben, denn cs soll noch Geheininis bleiben, aber es ist eine Freudenbotschaft und darum verrate ich es dir . . ♦ Graf Guido kommt zurück. In wenigen Tagen schon. Ganz gesund. Graf Alfons hat cS Papa und dem Physikus selbst gesagt. Aber nochmals, liebes Dellchcn, vergiß nicht wegen Lucie. Papa grüßt dich vielmals und — ach, Dellchcn, ich trau mich gar nicht, es zu schreiben, Papa meint und ich auch, Du solltest doch Tante Hannchen regelmäßig monatlich . . . na, Du weißt schon alles. Deine Dich liebende Mutter." Lucie hielt den Brief verlegen in der Hand und beide blickten sich wortlos an. Endlich faßte Della sich ein Herz und sagte: „Was meine Eltern wünschen, ist stets nur das Rechte. Ich bin glücklich, tvenn sie einmal einen Wunsch aussprechen. Und unter so nahen Verwandten ist es ja selbstverständlich. Ich werde das Nötige sofort veranlassen, Tante kann ganz beruhigt sein." Lucie wurde bei ihren Worten wieder zutraulicher. „Ach, tveißt du, Della, dann brauche ich ja nichts mehr zu sagen und kann Dich verlassen. Ich habe noch einiges zu besorgen und will Dich auch nicht länger stören, und das kannst Du glauben, wenn wirs nicht nötig hätten . . ." „Verliere doch kein Wort weiter darüber." „Ja, und weißt du, tvenn Graf Guido wieder gesund ist und geschieden ist er auch . . ." Della tvurde unruhig. Wo wollte sie hinaus? „Teresa hat mir Verschiedenes anvertraut, Gott, man kann nie tvissen — unmöglich ists ja nicht, daß alle Grafen Gicrsdorf Schauspielerinnen heiraten." Es schien, als wolle sie ausfahren, dann aber, als lohne es nicht, gegen soviel Dummheit und Taktlosigkeit anzukämpfen, sagte sie nur: „Wann willst du abreisen?" Ihr Mitleid war größer als ihr Widerwille. „Heut nachmittag. Aber jetzt will ich mich verabschieden. Ich danke dir für die gute Aufnahme und wegen Mama .." „Es ist alles in Ordnung I Grüße Taute von mir und lebe wohl!" Sie hatte sie hinausbegleitet; als sie in den Salon zurückkchrte, schien ihr der heitere Helle Raum grau und düster. Das Frühlingsbild ringsum hatte nichts verloren von seinem sonnendurchlohtcn Glanze, aber vor ihren Frühling halten sich wieder einmal düstere Schatten gelagert. (Schluß folgt.) Kin niederdeutscher Dauer vom alten Schlage. Wie wuchtig und behäbig er dort über die Stoppeln geschritten kommt, der alte Kay! Wie riesenhaft sich vom herbstlichen Abendhimmel der Körper abhebt, etwas rechts- übergeneigi nach der Wetterseite, sich anstemmend gegen die Macht des Sturmwinds! — Ganz so groß und breit, wie's von weitem scheint, ist er zwar nicht; die Gestalt nimmt an Umfang ab, je näher sie kommt. Aber dennoch! ein Hüne ist und bleibt er; seine sechs Schuh und einige Zoll mißt er reichlich, und von Schulter zu Schulter fehlt wenig an drei Fuß. Daß auch der Bauch eine stattliche Rundung ausweift, vergißt man schier ob der übrigen Dimensionen. Wie er so vor uns steht, nach kurzem, rauhent Gruß, den schweren Körper rücklings auf den anderthalbzölligen Eisenstab gestützt, von oben bis unten in rohen, eigengemachten Stoff gekleidet, die Hosen bis an den Rand der Stieselschäfte HUfgekrempt, die Weste bis unters Kinn zugeknöpft, darüber Ken offenen, weiten Rock altmodischen Schnitts —: wahp- hastig! er ist ein Prachtstück nordisch-kräftigen Menschentums, der alte Kay. Das heißt, so alt ist er eigentlich nach ländlichen Be- qrikfen noch gar nicht. Wohl zählt er einige sechzig; aber das glattrasierte Gesicht, das zwischen dem dicken, rotbraunen gestrickten Schal und dem breiten Schrrm der grauen, filzigen Wintermütze hervorschaut, ist von blühender Farbe, nur von zwei energischen Falten gefurcht; das vom Wetter heute wirr um die Schläfen gepreßte Haar ist zwar grau, aber noch lange nicht weiß, und das Auge verrät noch dieselbe energische Kraft, von der die ganze Gestalt strotzt. Und doch nennt ihn jeder den alten Kay. — Freilich hat er auch schon zwei erwachsene Söhne int Dorf, baumlange, breite Riesen, wie er selbst, nur noch etivas schlanker, die beide bei den Franzer Grenadieren gedient. Tic Hauptsache aber ist, Kay ist noch ein Bauersmann von der alten Sorte, nitempfänglich gegen die Neuerungen in der Landwirtschaft, das Einschleichen fremder, städtischer Moden mit Verachtung betrachtend; in seinem Leben trug er keinen leinenen Kragen, geschweige denn Vorhemd und Handmanschetten. „He is eegensinnig as Hans Peter; de schnll an'n Galgen im wull nich", sagen die jünaeren von ihm, wenn er sich den Vorteilen landwirtschaftlicher Konsumvereine starr verschließt oder sich seinen neuen Rock absolut bei niemand anders machen lassen will, als Bet dein Dorfschneider, der mit ihm zur Schule gegangen, und dessen Schnittmuster ebenso alt sind, tote er selbst. Aber einerlei! Die vollste Ächtung genießt Kay gleichwohl bet den Dorfbewohnern und in der ganzen Umgegend; abgesehen von einigen Grobheiten hat er sich nie etwas zu schulden kommen lassen, hat einen Tag wie den andern gelebt und geschafft, hat bei seinem System „nach der alten Mode" Erfolge errungen, gilt als wohlhabend nnd prakttfch und hat in den Slugen der anderen nnr den einen Fehler, daß er eben „eigensinttig" ist und „altmodisch". Wir aber freuen uns über solche seltenen Reste vom Fleisch und Blut des alten holsteinischen Bauernstammes, wie der alte Kap repräsentiert; nicht der romantischen Er- innerung wegen an die gute alte Zeit, etwa wie wir uns des Postwagens und seiner Reize erinnern, sondern weil der individuelle Charakter eines solchen ländlichen Originals Nits unbedingt int ganzen genommen imponieren muß. Der alte Kay besitzt ein scharf ausgeprägtes Selbstgefühl mit allen resultierenden Zügen nnd Betätigungen in vollem Maße; er ist Besitzer des Hofes, den seine Urgroßväter bereits bewohnten, hat alle Nenernngen schlechtiveg von der Hand gewiesen und also aus eigener Kraft die paar Tausend Spezies und die zwanzig Tonnen Landes erworben, durch welche das Vermögen der Bauernstelle verstärkt ist unter seinem Regime. Das will er wissen und danach richtet sich sein ganzes Gebühren. Wer etwa denkt, daß Kay sich geschmeichelt fühlt, wenn der Fremde sich herabläßt, mit ihm zu reden, der irrt sich. Im Gegenteil! Kay geht ihm, so lange er kann, ans dem Wege; er fürchtet, der Fremde könnte es an der verdiettten Ehrerbietung mangeln lassen und gar.etwas von „dummen Bauern" denken. Kann er jedoch einem Gespräch nicht entgehen, so verhält er sich reserviert, mißtrauisch, seine Mttwvrten sind ebenso kurz und barsch, wie sein ernster GruU bet dem er kaum die Mütze etwas lüstete. Erst wenn man das Gespräch auf seine eigene Wirtschaft bringt und cs an Worten der Anerkennung nicht fehlen läßt, tant er allmählich auf und beginnt, sich wohlgefällig im eigenen Glorienschein zu sonnen. Natürlich verfehlt er auch nicht, auf die abnehntende Rentabilität der Landwirtschaft einzugehen, die Schuld auf all den „nigen Kram" schiebend; aber sobald der Fremde selbst ihm beistimmt und'etwa ihn bedauert, wird er sofort andern Sinnes; er klopft aus die Hosentasche und läßt die Taler klimpern, mit ihm, dem reichen Kay, hat's keine Not, er kann's machen, aber er ist ja auch eilt ganz anderer Kerl wie alle die anderen, deren Tun und Treiben er überall bekrittelt. Ihm paßt es nicht, daß der eine Nachbar mit der Maschine anstatt mit der Hand sät, noch daß der andere seine Leute abends nach Feierabend in einem besonderen Ztmmer unterbringt, anstatt sie der alten guten Sitte gemäß in der gemeinschaftlichen Wohnstube zu versammeln; er halt es für widersinnig, daß dieser seinen Anzug in der Stadt hat machen lassen aus modernem Stofs und vom modernen Schneider, während doch das eigengemachte Zeug besser halt und der Dorfschneider dauerhafter arbeitet; er findet es unerhört, daß jener jeden Sonntag abend int Wirtshaus 527 Mt, trinkt und Solo spielt, während nach altem Her- konunen für derlei Ausschweifungen nur bie Markttage bestimmt sind; er ist auch unzufrieden darüber, daß dre Kommune den Bau eines neuen, gelegenem Spritzenhauses beschlossen hat und gar beabsichtigt, die Kätner und chnsten der timt den Hufnern gegründeten gegenstitigen Blehver- sicherung beitreten §u lassen. Unter solchen Berhaltniyen geht er lieber gar nicht mehr in die Versammlungen. Kau hat für den Fremden etwas schroff Stolzes, das läßt sich nicht leugnen; aber diese Schroffheit, welche auch der weniger Begüterte int Torfe empfindet, hat ihren Ur- sprimg in jenem auf reeller Grundlage basierendem Selbstgefühl, das eine ganze Reihe achtungswürdiger Eigenschaften erzeugt. Die vornehmste ist seine eiserne Willens- lraft, seine — um mit dem Sänger der Römeroden zu sprechen — tenaeitas propositi, die freilich hier und da in Eigensinn ausartet, der er aber in erster Linte das Wachstum seines Wohlstandes verdankt. Was er sich in bett Kopf gesetzt hat, führt er auch dilrch im großen und kleinen. Er wollte fein Gewese, das heute den Umfang einer Hufe bedeutend überschritten, durch Zukauf der zwanzig Tonnen arrondieren; endlich wurde der Hof, zu welchem sie gehörten, „ausgeschlachtet"; einige Nachbarn hatten ihr Äugenmerk auf dasselbe Stück Land gerichtet nnd versuchten, es 'ihm streitig zu machen; aber Kay tat ein Gebot, das jeden anderen verstummen machte; das Land ward sein und er läßt es nicht wieder los. Diese Willenskraft ihres Herrn kennen die Knechte; mag manchem auch hier und da ein Zweifel darüber aufsteigen, ob die Disposition des Alten die praktischste, ja ülerhaupt eine ausführbare ist, sie wagen kein Widerwort; es würde doch fruchtlos sein. Mögen die übrigen Bauern den Kopf schütteln oder ihm das ihrer Ansicht nach Falsche seiner Bewirtschaftung Vorhalten, ihr Widerspruch ist höchstens imstande, Kay in seiner Ansicht zu bestärken. Wenn alle anderen ihre Rübsen schon zu Anfang des September säen, Kay wartet bis zum fünfzehnten; er hat's immer so gemacht, und von alten Regeln abzuweichen, hält er geradezu für Frevel. Geht dann alles richtig und glatt nach seinem Willen, so ist er zufrieden gestimmt, ja in das sichtbar zur Schau getragene Gefühl der Befriedigung mischt sich ein Stückchen Humor, den er an Weib. Söhnen und Gesinde ansläßt. Wenn er dann mittags bet Tisck' sitzt, den Rock der Schonung halber ausgezogen, sodaß die gewaltigen Arme in der violetten Hülle der Unterjacke sichtbar werden, daun läßt er sich selbst zu allerlei Neckereien herbei. Seinen Leuten gegenüber befleißigt Kay sich überhaupt eines ausgeprägten Gerechtigkeitssinnes; er . kann bodenlos grob werden, handelt jemand seinem Wunsch und Willen zuwider; aber Knechte und Mägde sind für ihn familtenberechtiat, falls sie ihre Arbeit gewissenhaft erfüllen und — eine unbedingte Forderung seines Selbstgefühls — ihm, als dem Oberhaupt der Familie, den nötigen Respekt erweisen. t _ Bet der Arbeit ist Kay der festen Ueberzeugung, daß ohne ihn die Wirtschaft nicht gehtkeinem, selbst seinen erwachsenen Söhnen nicht, traut er die richtige Leitung zu; es kostet ihm daher außerordentliche Ueberwindung, sich, wenn auch nur für einen Tag, von seinen vier Pfählen los- zuniachen. Es muß schon ein ganz besonders wichtiges Geschäft sein, das ihn veranlaßt, feinen Wagen anzuschirren und "über Land zu fahren, oder — denn auch in solchen Fällen schont er gern seine Pferde — sich zn Fuß au: ■ den Weg nach dem Dorfe zu machen, wo das Pferd- die Kuh loiber das Kalb, nach dem sein Sinn steht, zn ver- kaufen ist. Sonst ist er stets daheim bei der Arbeit und zwar meist aktiv beschäftigt, seltener und zu Weniger „Hilden" Zeiten den Aufsichtsdienst versehend. Morgens nach dem ersten Frühstück, mittags nach einem kurzen Schläfchen reitet Kay mit seinen zwei Pferden, gefolgt von den Knechten, auf den Acker hinaus, zieht wie jeder Arbeiter den Rock aus, schirrt seine Pferde vor Egge und Pflng, und nun gehts von morgen bis mittag, von mittag bis abend auf und nieder; sein eigenes Tempo Bei der Arbeit schreibt dem Knechte das feinige vor. Oder er geht, den Saatsack über die Schultern gehängt, die Koppel aus und ab, Weizen und Roggen im Herbste, Gerste und Hafer im Frühjahr mit eigener Hand äussäend. Denn das Säen mit der Hand traut er sich selbst am sichersten zu; das Nacheggen überläßt er Knecht und Taglöhner, deren Arbeit er bei alledem noch übersehen kann. , Sein zweiter Sohn hat manchmal viel auszuhalten; er hat sich in einen Bauernhof hineingeheiratet; und nun überwacht der Vater genau die Art der Bewirtschaftung, die keineswegs allemal nach seinem Sinn ist. Denn der Sohn arbeitet nach der neuen Manier mit Maschinen und künstlichen Tnng- und Futtermitteln, und so etivas fordert die absälliae Kritik des Alten, der gern um Rat gefragt sein mäh, "heraus. Jede landwirtschaftliche Unterredung endigt mit entern Streit, jedesmal schwört KG, er wolle ich überhaupt nicht mehr um seines Sohnes Treiben und Tun kümmern und ärgern, und jedesinal kümmert nnd ärgert er sich andern Tags von neuem; der Sohn geht dem Blaer möglichst aus dem Wege oder sucht wenigstens das Gespräch von streiticien Gegenständen abzulenken. Doch der alle Kay läßt nicht nach; er läuft ihm nach und sucht ihn auf, wo er ihn gerade vermutet, in Scheune, Ställen und auf dem Felde. Eben hat er ihn gerade auf der, Koppel ertappt, wie er einen neuen vierscharigen Pflug, diese verhaßte Erfindung, probierte; das hat ihn außerordentlich aufgeregt, und darum sieht sein Gesicht noch einige Schattierungen dunkler aus, als es Wind und Wetter sonst zn färben pflegen. Augenblicklich ist nicht gut Kirschen essen mit dem alten Kay. _______ Der Mann für alles. Jin „Pester Journal" veröffentlicht Eva Hellwig „Amerikanische Bilder", in denen sie auch die Dienstboten Misere streift, eine Seite des hauswiri- schaftlichen Lebens, in der es unsere Vettern jenseits des Atlantic nicht besser haben als wir. Nach zwei Richtungen aber hat der praktische Sinn der Amerikaner doch vorteilhafte Neuerungen geschaffen: Er hat zunächst die Zeugnisse abgeichafst, diese Atteste, die man nicht lvahrheitsgetreu ausstellen darf, um den Dienenden in ihrer Existenz nicht hinderlich zu fein, und die daher aller Vernunft wider- streiteu. Die dienstbaren Geister, die man durch Bureaus oder durch die Zeitungsannonce gefunden hat, geben die Namen und Adressen ihrer vorherigen Drenstplatze als Referenzen an und mau erkundigt sich persönlich oder telephonisch, wenn man sich nicht auf seinen Scharfblick oder feine Menschenkenntnis verlassen will. Sodann Hst sich m Amerika, speziell in Newyork als neuer Erwerbszwerg der männliche Tienstbote eingeführt, der Mann für- alles", nach dem gegenwärtig eine außerordentliche Nachfrage herrscht. Die Verfasserin berichtet darüber: „Im Anzeigenteil der Tägesblätter" erscheint der „Mann für alles" schon in seiner neuen dominierenden Stellung. Der zaghafte Ruf nach Mädchen, die bei einem Gehalt von fünfundachtzig Mark pro Monat bei einem kinderlosen Ehepaar, wo weder Waschen noch Bügeln verlangt wird, ein gutes Heim findeu, erstirbt langsam nnd es tritt der Mann das Erbe der Mädchen an. IN den Tagesblättern begegnet mail täglich Inseraten folgenden Inhalts: „G e s u ch t. Ein Mann für allgemeine Hausarbeit zu einer kleinen Familie. Angenehmes Heim; er muß nett, arveil,am und willig fein. Gehalt 20 bis 2o Dollars (80 bis 100 — tt.) per Monat." „ „G esucht. Ein Mann für allgemeine Hausarbeit m eine Privatfamilie; gutes Heim, gute Behandlung, Lohn nach Ueber- einkommen." . , Y . „Gesu ch t. Ein Mann für alles in mittleren Jahren, der sich in einer kleinen Familie nützlich machen kann. aO Eeuts (2 Mary täglich und Verpflegung." .. „ Auch in den Vermittlungsbureaus ist der manulichc Tienstbote ein sehr begehrter Artikel. Bisher war der Mann nur in den Küchen der Restaurailts und Hotels eine alltägliche Erscheinung. Das Cafe Fleischmann am Broadway in Newyork galt stets als erste Station der aristokratischen Emigranten auf amerikanischem Boden. Der Geschirrwäscher fing da beim Baron an und her Kellner horte beim Grafen ans. Ja es kann als notorische Tatsache, bezeichnet werden, daß dort sogar ein vollblütiger Prinz einmal in der Tätigkeit eines Eßzeugputzers gesehen wurde. Aber das Heim der Familie wurde bis fetzt dem Mädckeu Vorbehalten. Und nun auf einmal erscheint der Manu, um die traditionellen Rechte des Mädchens zu usurpieren. Er hantiert in der Privatküche wie auch urt Schlafgemach. Er weiß sich überall nützlich zu machen. Seine Uebcrlegenheit einem Mädchen gegenüber wird fühlbar, denn feine Verläßlichkeit mag wohl der natürlichen Intelligenz entspringen. Ein Mädchen der dienenden Kategorie wird, wenn es intelligent ist, sich gleich für zu gut fühlen, um Hausarbeit zu tun, sie wird lieber Verkäuferin. WaMnen-, sch reib errn oder sonst etwas werden Wollen; dem Manne wird es gleich fein, womit er sich sein Brot verdient, so lange er nur überhaupt Lust zur 'Arbeit hat. Vsvmischtes. * Der Geruch der Krankheiten. Die Medizin verfügt heute Wer derart verfeinerte "Mittel zur Feststellung einer Krankheit durch Auge und Ohr, daß, die Diagnose durch die Geruchsnerven fast in Vergessenheit geraten ist. Und doch ist der Geruch, der mancher Krankheit anhaftet, von so besonderer Art, daß er geradezu in dieser Hinsicht verwertet werden könnte. Dre Bakteriologen haben diese Erkenntnis in wissenschaftlicher Hinsicht noch gefördert, indem sie festgestellt haben, daß gewisse Bakterien charakteristische Gerüche aussenden. Wahrscheinlich kommen aber bei der Krankheit selbst noch Nebenumstände in Betracht, wie namentlich die Mitwirkung des Bettzeugs. Dr. Cleland stellt in einem Schreiben an" den Lancet einige durchaus bezeichnende Krankheitsgerüche zusammen. An erster Stelle erwähnt er den Geruch von Aceton im' Atem von Zuckerkranken. Dieser Geruch macht sich in der Zeit geltend, wenn die Kranken einer Ohnmacht erliegen, und zwar geht er zuweilen um einige Stunden dem Eintritt einer solchen voraus. Cleland erzählt aus seiner eigenen Erfahrung, daß er den von einem solchen Kranken ausgehenden ätherähnlichen Geruch in einem Raum, in dem belegte 32 Betten standen, so stark empfand, daß er fragte, ob der Wärter ein Betäubungsmittel angewandt hätte. Es stellte sich dann heraus, daß der Geruch nicht der von Aether, sondern von Aceton tocit;, einige Stunden später trat, obgleich zu jener Zeit noch keine anderen verdächtigen Anzeichen vorhanden waren, die Ohnmacht ein, aus der der Kranke nicht mehr erwachte. Danach liegt es wohl nahe, dem Arzt die Beachtung dieses prophetischen Geruchs zu empfehlen. Wärter, die häufig mit Typhuskranken zu tun gehabt haben, versichern, daß es einen besonderen Typhusgeruch gäbe, der für einen geübten Beobachter geradezu entscheidend für die Beurteilung zweifelhafter Fülle werden Forme. Der Geruch ivird als ganz eigenartig und entschieden „sauer" beschrieben, jedoch scheint seine Erkennung nicht für jeden und überhaupt nur durch Erfahrung möglich zu sein. Manche Wärter behaupten sogar, daß sie beim Eintritt in einen Krankensaal sofort durch Geruch feststellen zu können, ob sich ent Pestkranker darin befindet, und wollen auch noch andere ansteckende Krankheiten durch diesen Sinn unterscheiden können. Am schärfsten tritt vielleicht der saure Geruch hervor, der mit rheumatischem Fieber verbunden ist. Der Arzt hatte einmal ein Mädchen zu behandeln, dessen Krankheit für Mpendicitis gehalten wurde. Während der Pflege würde seine Aufmerksamkeit durch den besonderen rheumatischen Geruch erreg,. In der Tat wurde bei der dennoch vorgenommenen Operation der Appendicitis des Darmes ganz gesund befunden. Seitdem ist durch häufigere Erfahrungen. bestätigt worden, daß es rheumatische Erkrankungen gibt, die mit der berüchtigten Appendicitis verwechselt werden können. Wahrscheinlich lassen sich in dieser Hinsicht noch weitere Feststellungen machen, deren Wert dre Aerzte nicht ganz unbeobachtet lassen sollten. b Einbürgerung des Wortes,,Zigarre" W M) vor noch durchaus nicht so langer Zeit vollzogen, wenn auch die Sitte, gerollte Tabaksblätter ohne weiteres Gerat zu rauchen, den europäischen Seeleuten infolge ihrer Zährten nach Mittel- und Südamerika schon längst vertraut war. In deutschen Wörterbüchern steht das Wort, wie wir einer Mitteilung A. Gomberts in der Zeitschrift für deutsche Wortforschung entnehmen, nicht vor dem 19. Jahrhundert; m ciiW noch in Campes seinerzeit viel gebrauchten .Verdeutschungsbuch vom Jahre 1801, wird iudessen in der zwetten Auslage vom Jahre 1813 mit ausführlicher Er- ,..^hvg gebucht; zum Ersatz wird dort das etwas schwer- salltge A)ortgebiloe „Spanische Tabakröllchen" voraeschlaqen. £“5, das Wörterbuch der französischen Akademie hat das ^vort erst 183o verzeichnet, noch nicht dagegen in der Äus- l79?1 findet sich in demselben Jähre das spanische Wort „Zigarro" in Kants Anthro- HrF <. „Das gemeinste Mittel derselben (näm- ps t;f^etäUn(9£;ber mbrmgett) ist der Tabak, es seh ihn zu schnupfen. . . oder auch ihn durch Pfeifenrohre, tote selbst das spanische Frauenzim'm'er in Linta durch einen Zigarro zu rauchen." Später wechselt dann die spanische Form „Cigarro" noch mehrfach mit der französischdeutschen „Zigarre", der Sieg der letzteren scheint besonders durch die Mehrzahl Zigarren" begünstigt 'worden zu sein. So heißt es schön im „Freimütigen" VdK 22. 'April 1805: „lint den Damen den Spaziergang angenehmer zu machen,, ist es verboten, aus dem ganzen (Hamburger) Wall Tabak zu rauchen. Doch leider! wird dieses Gebot . . . wahrschein- kich von unseren jungen Herren am ersten übertreten werden, die freilich daselbst nicht mit Pfeifen, wohl aber mit — Zigarren erscheinen werden." In der gleichen Zeitschrift vom Jahre 1808 heißt es dagegen: „Nun weiß ich aber, daß Napoleon zuweilen auf der Jagd einen Cigarro raucht." Tie Form „Cigarro" überwiegt denn auch iioch, oder richtiger gesprochen, sie herrscht in der Einzahl fast allein vor während' des ganzen zweiten Jahrzehntes des vorigen Jahrhunderts. Uebngens war bis zu jener Zeit auch die Zigarre selbst noch nicht in die breiteren Bolksschichten gedrungen; wenigstens berichtet Gombert nach den Berichten eines alten Oheims, daß den Mannschaften der nach der Schlacht von Großbeeren siegreich in Berlin eingerückten preußischen Regimenter die ihnen von der Berliner Bevölkerung gespendeten Zigarren noch etwas neues waren. , , — Kulturgeschichte. Werden und Vergehe» int Völkerleben. Von A. v. Schweiger-Lerchenfeld. Mit mehreren hundert Abbildungen im Texte und 40 Tafeln. In 40 Lieferungen; zum Preise von 50 Ps. Erschienen sind bisher Lieferungen 1—20. (A. Hartleben's Verlag in Wien und Leipzig.) -- Der erste Band (680 Großoktavseiten mit 21 Tafeln und' 308 Textabbildungen) dieses Werkes liegt nun vollendet vor. Die Schlußlieferungen behandeln die „Griechische Welt". Zu einem plastischen Gemälde gestaltet sich der Abschnitt „Die Hellenen" in prägnanter, stets nur das Wichtigste betonender Darstellungsweise. Hier war manche Klippe zu umschiffen und es ist dem Verfasier gelungen, den jedem Gebildeten geläufigen reichen Inhalt hellenischen Lebens in seinen charakteristischen Ziigen hervorzuheben. Anschaulich ist das bildliche Material, das nichts Wichtiges vermissen läßt. Im einzelnen sind cs gehaltvolle Essays, dte sich aneinanderreihcn: das politische Leben, die materielle Kultur, die Entwicklung der Wissenschaften, der Knust und der schönen Literatur. Es ist der Niederschlag eines reichen Wissens, das stellenweise in fast lapidarer Sprache große Kulturfragen und Probleme der Menschengeschichte in klaren, treffenden Sätzen dem Leser vermittelt. Das Werk wird noch Ende 1906 komplett. . — »Der rote Champion, Roman von Marie Made- Grethlein u. Co., Leipzig. Preis brosch. 3.50 Mk. —• Der Roman der bekannten Verfasserin bietet eine angenehme und spannende Lektüre für müßige Stunden, in denen unsere Gedanken nur nach leichter Anregung verlangen. In dem uns aufgerollten Bilde des Herrenreitertums zeigt uns die Ver- fasterin mit packender Schärfe der Beobachtung die Licht- und Schattenseiten biefe§ edelsten aller Sportzweige. Im anregenden Erzählerton führt sie uns aber auch vom ernsten, zielbewußten Training, von hart erkämpften Siegen zu den Kümpfen heißer Madchenherzen, die den Siegern warm entgegenschlagen. Im Mittelpunkte steht die Person des „roten Champions", auf dessen brutalem Gesichte der Stentpel eines tragischen Geschickes ruht. Königspromenade. Nachdruck verboten. Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur tn der Weys mit einander verbinden, daß inan — wie der König auf dein Schachbrett— stetsvon einem Feld aus aus ein benachbartes übergeht. Auflösung in nächster Nummer. den den zum doch kamps be Herz freu rer offen lei. dens ge 1 reit ein zeit heit deZ denk' schicke lern' miß trag' sturm's bei fen Hof im Aliflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Hast du den Mut verloren, so hast du alles verloren. Redaktiym Ern» Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'fchen Univerltläts-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. G