1906 Sä m' Phon EsWv Bhji Mittellose Mädchen. Roman von H. Ehrhardt. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Und das schreiende Unrecht kam ihr zum Bewußtsein, das in der Forderung des Mannes liegt, die von der Frau, die er zur Gattin erwählt, völlige Sittenreinheit beansprucht, während er ihr ein beflecktes, durch Schmutz und Schlamm gezerrtes Leben mit in die Ehe bringt, es oft in demselben Sinne weiterführt. Die Heirat eines solchen Mannes war ein Verbrechen. Für ihn mußte die Familie ein verschlossenes Paradies bleiben. In ihrer Empörung >var Ruth mit ihrem Urteilsspruch völlig fertig. Und wenn sie an dieser Liebe starb, Willy Hammer existierte von dieser Stunde an nicht mehr für sie — er ivar ein Gerichteter, ein Verdammter. Ihre ruhige Selbstbeherrschung verlieh ihr die Kraft, die unter dem Einfluß des reichlich genossenen Sekts sehr animierte Stimmung der Tafelrunde nicht zu stören. In durstigen Zügen schlürfte auch sie den Trank des Vergessens. Der leichte Taumel, der so viele Unglückliche dem Trunk in die Arme führt, befiel auch sie mit alles verlöschendem, schmerzstillendem Hauche. Sie fühlte kein Weh mehr, fein qualvolles Zucken, in ihr wurde es still. Suses Schmibbs äußerte sich dafür in toller Glückseligkeit. Alles an ihr bebte vor Lebenslust und Liebesglut. Der junge -Offizier stand Folterqualen aus in dem Verlangen, diesen töricht plaudernden roten Mund abzuküssen. Er war halb von Sinnen und als Frau Meta endlich das Zeichen zum Ausbruch gab, flüsterte er, indem er Suse in das kurze, schwarze Jäckchen half, verliebt: „Heut muß ich noch einen Kuß haben, Süßes, hörst Du, ich muß!" So leicht war das nicht auszuführen. Sie fuhren in einer Droschke beim, zuerst zu Brockhaus, dann begleitete Trautendorf die Schwestern bis zu ihrem Hause. Er sprang heraus und war Ruth beim Absteigen behilflich. Nach ihr tauchte Suses blondes Köpfchen, von dem sie den Hut abgenommen, mit verträumten Augen und sehnsüchtigen Lippen vor ihm auf. Da verlor er die Besinnung. Indem er die schlanke Mädchengestalt auf starken Armen aus dem Wagen hob, suchte er in raschem, heißem Kusse ihren süßen Mund. Es war das Werk einer Sekunde und Ruth hatte augenscheinlich nichts gemerkt. Sie lehnte wie stützebedürftig in der Haustürnische, sichtlich von dem ungewohnten Ausgang stark ermüdet und es ivaren ivohl nur die Folgen dieser Müdigkeit und das iveiße Gasglühlicht einer nahen Laterne, daß ihr Gesicht so fahl aussah. Im grellen Kontrast zu Suses weichen, warmen Fiugercheu war die Hand, über die er sich abschied« nehmend neigte, eiskalt. Suse schenkte ihm noch einen verschämt seligen Blick, ehe sie in der Haustür verschwand. Der junge Offizier wartete noch, bis der Schlüssel sich int Schlosse gedreht hatte. Dann schritt er, befriedigt vor sich hinpseifend, seiner nahen Wohnung zu. X. In dem gemeinsamen Schlafzimmer der Schwestern brannte die niedrige Stehlampe, die Ruth mit zitternden Händen entzündet hatte, und ivarf ihren warnten Schein über Suses lichte Haarwellen. Taö junge Mädchen war am Tische in einen Stuhl gesunken, hatte die Hände, die ein paar rote Rosen, von Trautendorf einem hausierenden Blumenmädchen abgekauft, umschlossen, vor sich auf die gestickte Decke gelegt und stierte, von Liebe und Weill berauscht, lächelnd vor sich hin. — or Eine Weile beobachtete Ruth sie schlvcigend, einen Aus« druck entsetzlichen Seclenschmerzes in dcm totenblassen Gesicht. Endlich trat sie langsam an die Glückversunkene heran und rüttelte sie mahnend an der Schulter. „Suse!" sagte sic heiser, aber unheimlich ruhig und klar, „laß das Komödieuspiel, ich habe eben gesehen, daß Trautendorf Dich küßte. Und ich bin auf einmal hellseherisch ge- worden, ich ivciß, es war nicht das erste mal, Ihr liebt Eiich schon lange." Suse lehnte sich, die schlanken Glieder wohlig streckend, in ihren Stuhl zurück. Ein traumhaft verklärter Ausdruck gießt unendlichen Liebreiz über ihr Gesichtchen. „Ja! Wir lieben uns schon lange, lange", flüstert sie, froh, ihr übervolles Herz durch ein Geständnis entlasten zu können, „und wir haben uns geküßt, so oft schon — o Gott, ivar das schön, bin ich glücklich." Ein Schleier legte sich vor Riiths Augen. 9(n§ ihrem Elend heraus fühlte sie einen Moment glühenden, wahnsinnigen Neid auf Suses Liebesglück. Dann raffte sie sich zusammen. Wie eine ferne Stimme klang es plötzlich in ihrer Seele: „Suse wird am schwersten zu hüten sein. Die ganze Last der Verantwortung für der jungen Schwester Reinheit und Frieden warf sich auf ihr ohnehin zu Tode verwundetes Gemüt. , „Was denkst Du Dir denn eigentlich dabei, Suse? fragte sie, sich mit der Rechten schwer auf die Tischplatte stützend. 826 — „Nichts!" meint Suse lakonisch und in ihren sich weit öffnenden Augen treiben tausend Schelineugeister ihr Spiel. Aber Ruth hat kein Verständnis für den Uebermut der Verliebten, in dem sie einen Leichtsinn sieht, der ihr verhaßt ist, den sie heut härter denn je verurteilt. „Nichts?" iviederholt sie und ihre Stimme klingt fest und kalt, „also gedankenlos in den Tag hinein lebst Du, hast Dich in eine Liebe verrannt, die ein Unrecht ist, weil sie nie zu einem Ziele führen kann. Du bist doch kein Kind mehr, Sus, Du kennst doch die Welt, Du kennst die bösen Zungen — weißt Du, ob sie Dich nicht jetzt schon zerfleischen, Deinen guten Ruf, den größten Schatz, den wir armen, alleinstehenden Mädchen besitzen, vernichten? Denk' doch an Deine Zukunft, bezwinge diese törichte Liebe — Ihr könnt Euch ja doch nicht heiraten, Du schaffst Dir nur unsagbares Herzeleid. Suse, Kind, ich meiu's doch gut mit Dir." Sie war nun doch weich geworden. Ein großes Mitleid überkam sie mit Suse, mit sich selbst — in ihre Augen stiegen Tränen. Suse hatte ihre nachlässige Stellung aufgegeben und hielt den goldflimmernden Kopf so tief gesenkt, als habe die Wucht der schwesterlichen Mahnung ihn schuldbewußt herabgedrückt, aber als Ruth tief aufatuiend stehen blieb, schnellte sie empor, das Antlitz rot überflammt bis unter die krausen Stirnhaare. Statt des schelmisch-glücklichen Strahles sprühten nun Flammen leidenschaftlicher Empörung aus ihren förmlich schwarz wirkenden großen Augen. Und in einem Ton, der zwischen frivoler Bitterkeit und ehrlichem Schmerz hin und her schwankte, stieß sie hervor: 1 „Was willst Du denn eigentlich von mir? Was für ein Unrecht hab' ich getan? Kann ich vielleicht dafür, daß der Mann, den ich liebe, arm ist wie ich, daß er mich nicht heiraten kann? Ich will ihn ja gar nicht heiraten, das wär' ja aus einer Misere in die andere, dafür danke ich — ich habe für mein Leben lang genug davon — wenn ich heirate, dann muß es ein reicher, ein sehr reicher Mann sein, so hatte ich mir das immer gedacht, einer, der Euch alle herausreißt aus diesem Eleud, diesem aufreibenden Kampfe ums tägliche Brot — alle sollt Jhr's noch mal gut haben dann — aber vorher will ich auch mein bißchen Glück haben — wenigstens eine kurze Zeit laug will ich mit dem Manne meiner Liebe glücklich sein. Ich weiß alles, was Du sagen willst — daß wir uns trennen müssen und daß ich dann erst ganz unglücklich sein iverde. Aber es ist nicht wahr —- die Erinnerung bleibt mir und die wird mir alles vergolden und ich werde dem Schicksal immer danken, daß ich auch mal habe im Licht stehen dürfen. Sie brach ab, weil ein Schluchzen in ihrer Kehle emporstieg, das sie mit aller Gewalt zu unterdrücken strebte. Die Rosen emporhebend, drückte sie ihr heißes, erregtes Gesicht tief hinein in die welkenden Blüten, als müsse sie mit ihrem Dust ihr aufrührerisches Fühlen betäuben. Sie sah Rüth nicht an, die langsam aus dem Lichtkreis der Lampe getreten war und mit gekreuzten Annen an ihrem schmalen Mädchenbett lehnte. Ihr zitterten die Kniee vor Schreck und Entsetzen. Wieder waren es nicht eigene Gedanken, die hinter ihrer fiebernden Stirn kreuzten, sondern das sinnverwirrende, glutvolle Lied Carmens: „Die Lieb, die voni Zigeuner stammt, kennt nicht Gesetz, noch Recht, noch Macht." Und Suse mit ihrer aufrührerischen, sich gegen jeglichen Zwang empörenden Natur, bereit leidenschaftliche Worte ihr Recht auf Glück forderten! Würde nicht unabwendbar die Stunde kommen, da sie von ihrem Liebesglück den höchsten Rausch begehren würde, ehe sie ihre Jugend in einer liebelosen Ehe begrub? All die vielen kleinen Skandalgeschichten von gefallenen Mädchen aus den höchsten Kreisen, die um Ruths Ohren geklungen waren, ohne sie zu treffen, tauchten jetzt in ihrer Erinnerung auf! Der aanre Ekel kam ihr wieder, das schüttelnde Entsetzen. Es galt mit harter Hand Suses gefährlichen Liebestraum zu zerstören. Nur keine weiche Regung jetzt. Unwillkürlich straffte sich ihre schlanke Gestalt und ihr Blick war kalt und streng, als sie sagte: „Das sind kindische Ueberspanntheiten, die Du vorbringst und zu alledem noch sehr frivole. Du denkst heute schon daran, Deinen zukünftigen Mann zu betrügen, indem Du ihm Liebe lügen wirst und nur sein Geld willst und Du betrügst ebenso den Mann, den Du zu lieben behauptest, beim Du liebst ihn gamicht. Wenn ein anstänbiges Mädchen liebt, dann will sie den Mann auch heiraten, bann rechnet und wägt sie nicht, ob er niedrig oder hochgeboren ist, ob er Geld hat oder keins — wenn Du es ein Glück nennst, Dich wegzuwerfen. Dich ein paar Wochen lang abküffen zu lassen, so tust Du es eben aus Genußsucht, nicht weil Du Trautendorf wirklich liebst. So kann jede Dirne lieben —" „Ruth!" schrie das Mädchen da auf in trotziger Empörung und als sie hochaufgerichtet stand, schien sie gewachsen und älter aussehend als sonst, „beleidige mich nicht. Aber Du kannst mich ja gar nicht beleidigen. Was weißt Du beim von richtiger Liebe, Du, bie Du immer so kalt und spießbürgerlich Deinen Weg gegangen bist? Was weißt Du von Leidenschaft? Wie darfst Du mich verurteilen? Du, die Du nie vor der Versuchung gestanden hast, Dich einem geliebten Mann in die Arme zu werfen. Du siehst kein Glück für Dich in solcher Hingabe — nun, es ist gut für Dich — aber ich möchte nicht mit Dir tauschen, um die Welt nicht — ich komme mir reich vor mit meiner leichtfertigen Liebe — überreich — und wenn mich der Ober-Regierungsrat etwa nicht mag, weil ich mich habe von einem anderen Mann schon küssen lassen, so soll er mich suchen, wo der Pfeffer wächst. Ich meine gewiß keine Träne um ihn." Sie hatte schon wieder ein Lächeln um die frischen roten Lippen, während sie die letzten Worte hervorfprndelte. Nichts von der stürmischen Empörung war an ihr noch zu merken, der leichtsinnig sorglose Uebermnt, der ihr ganzes Wesen kennzeichnete, brach bereits wieder durch. Ohne noch einen Blick auf die ältere Schwester zu werfen, ging sie durch das Zimmer und langte sich eine kleine Vase, eine Erinnerung an eine Kotillontour in N., von einem Bordbrett an bet Wand, Dann schlüpfte sie zur Tür hinaus, wohl um in ber Küche frisches Wasser zu holen, gerade als draußen in bet Entreetür der Schlüssel klang, bet bie Heimkehr bes Arabers ankünbigte. Null) hörte gleich barauf Suses heitere Stimme, bie Heinz mit einem Scherzwort begrüßte —- ein lautes Auflachen, bas in leises Geflüster überging. Eine wilbe Bitterkeit reißt an bem Hetzen bes einsamen Mädchens, bas sich ausgeschlossen fühlt aus der-Welt, iit bet bie Anschauungen der beiben Geschwister wurzeln. Die haben ja immer unter einer Decke gefleckt mit ihrer glücklichen Leichtlebigkeit, ihren aufrührerischen Umstutzibeen. (Fortsetzung folgt.) Die Schönheit des Waldes. - Der berühmte Maler Hans Thoma, der Mitglied der badischen ersten Kammer ist, hiat in diesem Hause eine bemerkenswerte Rede zum Preise des deutschen Waldes gehalten. Thomas Rede wurde veranlaßt durch eine Bemerkung! des Freiherrn v. Stotzingen, der, nachdem er den Vogelschutz durch die Forstverwaltung anerkannt, die Anregung vortrug, daß Schutzgelder für Erlegung von Raubvögeln gezahlt werden mögen, und alsdann sortsuhr: „Heber das jetzt so moderne Thema der Waldschönheitspflege erlassen Sie mir zu sprechen; (zu Professor Thoma gewendet) vielleicht geschieht dies von berufener Seite. Mir scheint der Wald eine künstliche Schönheitspflege nicht zu ertragen, und! je natürlicher, je unberührter, desto schöner." Hieraus meldet sich Hans Thoma zum Wort und führte unter anderem folgendes aus: „Der Herr Berichterstatter, als er im Laufe feiner Rede von der Schönheit des Waldes gesprochen hat und der Erhaltung dieser Schönheit, hat dabei einen Blick zu MV 327 Hinübergewvrfen, der mich dazu verführt, jetzt das Wort zu ergreifen, obgleich ich gar nicht dazu gefaßt bin. Seit ich die große Ehre habe, Mitglied dieses hohen Hauses zu sein, habe ich manchmal darüber nachgedacht, was wohl die Kunst im Staatshaushalt für eine Aufgabe haben könne, und Wie sie hier auch ihr Scherflein beitragen könne zum guten Gedeihen des Allgemeinen. Es ist gar nicht leicht, dies Zu finden, und ich weiß ja, wie es sich im Staatshaushalt um sachliche, nüchterne Erwägungen handelt, und so ist es schwer, für die Kunst, die sich doch ganz auf einer Gefühlswelt, auf einer Borstellungswelt aufbaut, hier eine Verbindungsbrücke zu finden. Man könnte mir auch leicht den Vorwurf machen: Kunst ist Privatsache. Dankbar bin ich daher dem Herrn Berichterstatter für seinen freundlichen Wink, wo vielleicht auch die Kunst in Wirksamkeit treten könnte, um mit einiger Berechtigung am Staatsleben teilzunehmen. Die Kunst dürfte im Staate berufen sein zum Schutze für die vorhandenen Schönheiten unseres Landes wie auch zur Mehrung derselben, indem sie Natur- und Kunstdenkmäler in ihrem Bestände zu erhalten sucht — daß sie auf das Schöne hinweist und es nicht geschädigt wissen will, Ido dies nicht durch eine Notwendigkeit bedingt ist; in solchen Dingen darf anch die Kunst mitreden. Da jetzt von dem Walde die Rede ist Und dabei auch seiner Schönheit gedacht worden ist, so will ich gern feststellen, daß zwischen Forstbeamten und Künstlern von jeher das beste Einvernehmen herrscht. Der Künstler wird als das konservativere Element über das, was am Walde schön ist, wohl manchmal in Meinungsverschiedenheit mit dem Forstmann geraten — aber das schadet nichts — beide sind große Naturfreunde, und die Verständigung ist auf diesem großen Boden dann wieder leicht. Der Wald war für uns Deutsche von jeher auch ein ideales Gut, und wieviel geheimnisvoll schöne Poesie entströmt ihm! Unsere Voreltern haben einst in den Urwäldern gewohnt — dadurch sitzt uns Deutschen die Liebe zum Walde tief in der Seel«. Daß er einträglich ist, eine melkende Kuh, das- ist ja umso besser — aber es soll nicht der einzige Standpunkt sein, den wir diesem Nationalgut gegenüber einnehmen, er sei eine Stätte des Genusses, der Erholung für jung und alt. Sodann möchte ich noch etwas vorbringen; ich fühle mich sozusagen anch üls Anwalt unserer Waldeskünstler, der Singvögel, die nicht nur poetisch schwärmen und musizieren, sondern auch gegen das schädliche Gewürm in Wald und Feld und eine gute Schutztruppe sind. Die Singvögel haben sich in einer Petition an mich gewandt — tote sie erfahren haben, daß ich Mitglied der ersten Kammer bin, weiß ich nicht —, auch einige Raubvögel haben mit- unterschricben, und weil sie so schön sind, möchte ich auch für sie ein gutes Wort einlegen, daß man sie nicht so unbedingt ausrotten möchte; ich denke, der Haushalt der Natur ist doch wohl noch komplizierter als der Haushalt des Staates, und wer will so genau wissen, ob nicht an: Ende auch diese Räuber eine Aufgabe zu erfüllen haben? So wäre es wohl möglich, auch ein wenig an die gewohnten Niststätten der Vögel zu denken. Da dürften die Forstverwaltungen und auch Gemeindebehörden sich daran erinnern, daß bie Sänger gern an den Wasserbächen wohnen, und daß das unbarmherzige Weghauen des Buschwerkes an den Bächen her, wie es besonders im Schwarzwald durch Jahre hindurch b er übt wurde, vielen Vögeln ihre Brutstätten zerstört. In diesen kleineren Gebüschen auf Feld und Heide habe ich in meiner Jugend viele Vogelnester entdeckt — ich habe aber keine ausgenommen — ich weiß, daß die Vögel dort gebrütet haben, und wenn sie singen konnten, sind sie erst in den Hochwald gezogen. Der Uebergang, der von dem Weidefeld durch dies Vorholz gebildet war, war auch landschaftlich recht schön; jetzt steht der Wald oft da fast feindlich und trotzig, so wie ein Regiment Soldaten. Aber auch das kann schön sein, wenn das Auge sich einmal daran gewöhnt hat — der Wald hat, wie so viele Dinge der Natur, die Macht in sich, unter allen Bedingungen schön zu bleiben — und so will ich schließen, sonst möchte man von mir sagen: Wie kommt der unter die Kritiker?" Ein Vertreter der badischen Regierung sprach seine vollste Zustimmung zu den Ausführungen Thomas aus und schloß seine Ausführungen mit folgenden Worten: „Wir betrachten den Wald als ein Kleinod, das wir in sein« Schönheit tunlichst erhalten wollen." Dis spanische Hochzeit. Das scheußliche Bombenattentat ließ die Nachrichten über die Hochzeitsfeierlichkeiten selbst so sehr in den Hintergrund treten, daß wir uns zu einem kleinen Nachtrag veranlaßt sehen. Die Kirche Geronimo, ein unscheinbares Gebäude, war zu der Trauung des königlichen Paares ausgesucht worden. Sie hatte eine vollständige Veränderung durchmachen müssen. Der enge Eingang war durch eine breite Treppe erweitert worden. Die Außenseite zeigte herrliche Blumendekoratiouem das Innere prangte int schönsten Schmuck duftender Blüten und frischer Blumen. Gold und Purpur deckte das kleine bescheidene Gebäude, um es der hohen Gesellschaft würdig zu machen, die dort von allen Ländern der Welt erscheinen sollte, um die Ehe des jungen Spanierkönigs zu feiern. Spanien ist ja reich an historischen Trophäen, und diese hatten den Schmuck für die Wände der Kirche geliehen. Ein Lichtnteer von elektrischen Lampen erhellte das Gebäude. Der päpstliche Nuntius und die Kardinale waren ztterst zur Stelle. Sie nahmen in Stühlen Platz, die rechts von dem blumengeschmückten Altäre standen. Langsam füllte sich die Kirche. Tie Eintretenden beugten ehrfurchtsvoll das Knie. Den merkwürdigsten Eindruck bot die Stelle, die den fremden Deputationen znge- wieseu worden war. Da fah man Chinesen und Mauren friedlich neben einander sitzen, als sei Spanien heute noch das Reich, in dem die Sonne niemals untergeht. Der Maure trug wallende weiße Gewänder; der Chinese siel durch eine rote Kappe auf und durch sein reich mit Gold gesticktes Gewand, über das sich ein weiß und blaues Ordensband zog. Alle Gäste strotzten in ordenbedeckten Uniformen und bunten Gewändern. Nur einer der Fremden fiel durch seinen einfachen schwarzen Anzug auf. Es war der Vertreter der Vereinigten Staaten, der Vertreter der Republik, die dem Traume Spaniens voll alter Größe ein so schnelles Ende gemacht hat. In den Sitzen, die den Dauten des Hofes zugewiesen worden waren, blitzte es von Diamanten u n d G o l fr. Wer ahnte, daß es an diesem Tage noch von Pulver und D y n a m i t blitzen sollte. Feierlich zog um 10 Uhr 30 Minuten die Geistlichkeit, unter Vorantragung eines Kreuzes, aus der Kirche, um die königlichen Damen All empfangen. Tie Damen nahmen auf den Stühlen unmittelbar vor den ausländischen Deputationen Platz. Ihnen folgte das englische Kronprinzen- paar. Neben diesem nahm, unmittelbar neben dem Altar, der Erzherzog Franz Ferdinand von Oesterreich Platz, der bei dem Zuge zur Kirche von dem Volke eine ganz besonders freudige Begrüßung erfahren hatte. Um 10 Uhr 45 Minuten kündigte die Nationalhymne die Ankunft des jungen Königs an. Er betrat die Kirche unter einem von sechs Priestern getragenen Baldachin. Seine Brust schmückte das gelbe Ordensband der Isabelle der Katholischen. Er trug einen dunkelblauen Uniformrock und weiße Beinkleider. Unmittelbar hinter dem Könige schritt Don Carlos mit dem augenblicklichen Thronerben, einem kleinen Knaben. Der König verbeugte sich vor den königlichen Gästen, beugte sodann sein Knie und bekreuzte sich und nahnt den Staatsstuhl, unmittelbar vor deut Altar, ein. Nach einer halben Stunde kam die Prinzessin au. Sie wurde durch die Klänge der englischen Nationalhymne begrüßt. Auch sie betrat die Kirche unter einem Baldachin, in Begleitung der Mutter des Königs, die ihre Hand fest umschlossen hielt, und gefolgt von ihrer Mutter, der Prinzessin Beatrice. „Ihr (der Braut) Aussehen war mehr süß, als ernst", sagte der Reutersche Korrespondent. VermrsehtsS. V o m s p a n i s ch e n K ö n i g s h a n s. Es wäre seltsam,, wenn König Alfons und die 'Prinzessin Ena eine Ausnahme davon bilden sollten, daß alle Mitglieder regierender europäischer Familien (denn die Battenberg sind bekanntlich eine Linie des G r o ß y e r z o g l i ch h e s s i f ch e n Hauses) miteinander verwandt sind. Und wenn Alfons XIII. zu seinen Ahnen die lauge Reihe der mächtigen spanischen Könige zählt, in deren Reiche die Sonne nicht uuterging, und seine Gattin unter ihren Vorfahren einfache deutsche Bürger, Pfarrherren, Schreiber, Kammerdiener u. dergl. — 328 — aufzuweisen hat, so fließt trotzdem wirklich in beider Adern ein Tropfen gleichen Blutes. Um dessen Ursprung zü entdecken, muß man allerdings um eine ganze Reihe vergangener Generationen heraufsteigen. Und dann kommt man zu dem überraschenden Resultat, daß es das Hohenzollern- haus ist, das diese Verwandtschaft zwischen SUfons „XIII. und Ena von Battenberg vermittelt. Die Mutter des Königs Alfons, die Königin Marie Christine, ist eine Tochter des Erzherzogs Karl Ferdinand von Oesterreich und der Erzherzogin Elisabeth von Oesterreich. Die Eltern der letzteren waren der Erherzog Josef, Palatin von Ungarn, und dre Prinzessin Maria Dorothea von Württemberg. Und diese württembergische Prinzessin hatte zu Großeltern den Herzog Friedrich «Eugen von Württemberg und die Prinzessin Friederike von Brandenburg-Schwedt. Hier finden wir also eine Abstammung des Königs Alfons an§ dem Hause Brandenburg-Preußen, — die erloschenen Markgrafen von Brandenburg-Schwedt waren bekanntlich Abkömmlinge eines Sohnes zweiter Ehe des Großen Kurfürsten. — Um nun auch bei der Prinzessin Ena einen hohenzollernschen Ahn- herrn sestz,ustellen, müssen wir weiter zurückgreifen. Ihr Großvater, Prinz Alexander von Hessen, der durch seine morganatische Heirat mit der Gräfin Julie Hauke die Familie Battenberg begründete,, war ein Sohn des Großherzogs Ludwig II. von Hessen. Dessen Vorfahren waren: Großherzog Ludwig I. (Vater), Landgraf Ludwig IX. (Großvater) und Landgraf Ludwig VIII. (Urgroßvater). Die Eltern des Letztgenannten aber waren: der La ndgrafErnstLudwrgvvnHessen - Darmstadt, der von 1661—1705 lebte, und die Prinzessin Dorothee Charlotte von Brandenburg-Ansbach. Hier haben wir den Tropfen Zollernblutes bei der Prinzessin Ena. Es fragt sich nun, wer der gemeinsame Stammvater dieser beiden Fürstenkinder gewesen ist. Und die Antwort lautet: Kurfürst Johann Georg, der von 1571—1598 in Brandenburg regierte, und dessen Standbild in der Siegesallee jeder Berliner kennt. * Redeblüten aus belgischen Gerichtssälen hat ein Brüsseler Blatt gesanimelt. Einige der hübschesten dieser Proben forensischer Beredsamkeit seien hier wiedergegeben : „Mein Gegner reitet immer noch auf seiner Wiese, ich aber stelle mich nach wie vor aus den Boden meines Kontraktes und bleibe ruhig darauf sitzen." — „Es ist nicht immer gesagt, daß ein Gentleman sich seiner Eltern schämen muß; man kann sich ja schließlich seine Väter nicht aussuchen." — „Ein Onkel kann immerhin ein sehr- nützliches Familienglied sein, aber der Onkel, den wir hier haben, ist, wenn ich auch noch so vorsichtig urteile, aus Gemeinem gemacht." — „Die Tochter war allein zu Hause mit ihrem Vater, der immer abwesend war." — Jetzt, wo der Rosentopf endlich entdeckt, will jeder, auch der Herr Staatsanwalt, die Finger hineinstecken und daran lecken." — „Der Brief, den ich hier habe, hat fast die Bedeutung von etwas Schriftlichem." — „Es verdient hoch hervorgehoben zu werden, daß die Witwe schon einige Tage vor dem Tode ihres Gatten gestorben war."— „Ein Mensch, der einen Rechtsanwalt aufsucht, muß nicht unter- allen Umständen ein Verbrecher sein; es gibt Nechtscm- wälte, die and) mit anständigen Menschen verkehren." — „Beim Abschied drückte er ihm noch die Hand und sagte: „Auf Wiedersehen, lieber Freund; mir sehen uns niemals wieder." — „Im Augenblicke seines Todes hatte der Verstorbene, wie die Äerzte konstatierten, nur noch einige Tage zu leben." — „Man bezichtigt mich hier gewissermaßen, daß ich eine Bombe fabriziert habe, um den Sachverständigen Pulver in die Augen zu streuen." — „Der Gerichtsarzt wurde plötzlich zum Untersuchungsrichter gerufen, um bei ihm einen Fall von Verrücktheit git konstatieren." — „Sie wissen ganz gut, daß auf unseren Kirchhöfen kein Toter beerdigt wird, wenn er nicht den Totenschein vorzeigen kann. Lebende werden überhaupt nick)t beerdigt; damit fällt der Staatsanwalt und alles, was er hier vorgebracht hat, in sich zusammen." LiterarSscheS. — Ein seltener Reichtum an Gedanken ist in dem v. Lipperheideschen „Spruchwörterbuch", zusammengetragen worden. Einige der am meisten bet» tretnen Themen wählen wir hier aus und setzen dazu die Anzahl der gebotenen Sprüche der hervorragendsten Dichter und Denker aus aller Zeit und- Welt; Alt — Alter 148; Arbeit — Arbeitskraft 135; Deutsch — Deutschland 219; Dichten — Dichtwerk 188; Ehe — Ehescheidung 146; Frau — Frauenzunge 381; Frei — freisinnig 231; Freude — freuen 139; Freund — Freundschaft 312; Geld — Geldheirat 136. Bei einer so außerordentlichen Reichhaltigkeit wird das Werk mit einer seltenen Gründlichkeit und Wissenschaftlichkeit durchgeführt. — Das Juniheft der Neuen Rundschau (Berlin, S. Fischer, Verlag) wird durch einen Essai des Begründers modernen kunstgewerblichen Aufschwungs, Prof. Henry vande Velde cingeleiret, der die Prinzipien des „Neuen Stils" ausführlich und geistvoll darlegt. Dem verstorbenen Dichter und Gelehrten Eduard Grisebach widmet Max Liebermann einige Seiten der Erinnerung. Der Sohn von Georg He rw-egh publiziert die Briefe, die sein Vater und seine Mntter üt der Brautzeit gewechselt haben, eine vormärzliche schöne Romantik. Aus dem Nachlaß des Japankenners Lafcadio Hearn wird eine amüsante Skizze gebracht, die allerhand japanische Gespenstersagen in halbnovellistischer Form verarbeitet. Professor Max Ber- worn in Göttingen gibt eine Studie über die Mechanik des Geistes, die den Organismus des arbeitenden Gehirns klarlegt. Alfred Kerr schreibt über das neue Stück von Bernard Shaw „Cäsar und Cleopatra". Zwei größere Novellen, die eine von Jensen, die andere von Michel, behandeln exotische Liebesabenteuer: jener in Spanien, dieser im Balkan. Sechs kleinere Essais über aktuelle Ereignisse schließen das Heft. — Die bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erscheinende Illustrierte Volksausgabe von Schillers Werken darf man als ein wertvolles Hilfsmittel zur tieferen Erfassung der Poesie unseres edelsten und nationalsten Dichters dem deutschen Hause warm empfehlen. Die Lieferungen 41—46, mit denen der 3. Band vollständig vorliegt, enthalten den Schluß des Lustspiels „Der Neffe als Onkel", Raeines „Phädra", den Nachlaß, umfassend die Entwürfe zu „Warbeck", „Die Maltheser", „Die Kinder des Hauses" und „Demetrius"; daran reihen sich die novellistischen Prosaschriften „Der Verbrecher aus verlorener Ehre", „Spiel des Schicksals" und „Der Geisterseher". Unter den Künstlern, deren Schöpfungen diese Werke begleiten, sind I. Matter, C. Hammer, Fr. Pocht, C. Gehrts, E. Piloty und E. Roeber zu neunen. — Dreßlers Kun stjahrbuch 1906. Ein Nachschlagebuch. Leipzig, E. Haberland. Der vorliegende, geschmackvoll ausgestattete Band bereichert die Knnstliteratur um ein wertvolles Nachschlagebuch. Außer den Biographien von Künstlern enthält das Buch alle sonstigen Nachrichten über Künstlergemeinschaften, Lehrstätteu und Museen; ferner die den Künstler angehenden Gesetze, ein Verzeichnis der Ausstellungen und Knustfalons, der Zeitschriften und Verleger, der graphischen Anstalten und Knnstwerkstätten, sowie endlich als Anhang die Ku n stau ktimrshäuser und Spediteure. Bilderrätsel. Nachdruck verboten. Auflösung in nächster Nummer. Auslosung des Logogriphs in voriger Nummer; Bild, Wild. Redaktion: Ernst Hetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'Ichen Universtläts-Buch- und Steiudruckerei, R. Lange, Gieße«.