6' 1906 — Mr. 180 W M ä Ä M M R Zrn Aanr-e des Geßeimilisses. Roman von H> v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Vielleicht faßte er die tiefe Röte, die ihr Gesicht üOci> aoö, als ein Zeichen von Schuld auf; er blickte sie noch düsterer an. „Mortimer", sagte sie demütig, „bn bist vollkommen berechtigt, mich git fragen, alles und jedes; aber ich mnß dich inständig nm Entschuldigung dafür bitten, daß ich dir nicht antworten kann. Ach, glarche mir, ich täte es, wenn ich's. könnte." „Das ist Antwort genug. O, Martan, Marian! Lieber hätte ich dich tot gesehen, als dies erlebt! O Marian, dn mußt mein Weib und meine Kinder verlassen! Ich könnte dich nicht wieder mit ihnen zusammen sehen! Du mußt das Haus verlassen, wo dn geehrt worden bist, wie nie eine Frau zuvor!" „Tn hast Recht", sagte sie sauft; „ich werde gehen, Mortimer." „Ich will nicht in deine Geheimnisse eindringen", fuhr er fort; „aber, Marian, um deinetwillen möchte ich wissen, wie es sich verhält. Hast du dich unglücklich verheiratet? Bist bn betrogen, schlecht behandelt oder bedroht worden? Vertraue mir wenigstens insoweit." Doch obwohl seine gütigen, teilnehmenden Worte sie rührten und ihr die Tränen in bfe Augen brachten, hatte sie doch keine Antwort für ihn. „Tic ivillst mir also nicht einmal so weit vertrauen, Marian?" „Ich kann nicht", erwiderte sie; „du bist mir nächst Evelyn teurer, benn irgend jemand sonst in der ganzen Welt, aber selbst dir gegenüber Ennn ich kein Wort über das Geheimnis verlautbaren." „Mir ist", sagte er langsam, „als ob einer der glänzendsten Sterne vom Himmel gefallen wäre. Ich kann's nicht glauben. Ich hätte die ganze Schöpfung eher für falsch gehalten, als wie dich." Leise flüsterte es da vorn Lager her: „Marian, Mutter und Schwester, komm zu mir." „Mortimer", sagte Marian, „ivir sind wirklich ivte Bruder und Schwester gewesen. Du hast für mich gesorgt, und ich habe dich geliebt. Du hast mich heute für immer aus deinem Hause gewiesen; sieh, ich, die nie zuvor vor Sterblichen gekniet, kuiee jetzt vor dir und bitte dich, bitte und beschwöre dich, laß mich fünf Minuten, zehn Minuten allein mit Evelyn, ehe ich gehe. Du wirst mir koch nicht sagen, daß ich, die ihr während ihres ganzen Lebens Muller und Schlvester gewesen, — jetzt nicht mehr ihr Vertrauen verdiene. Nein, die Beleidigung wirst bn mir nicht zufügen, das weiß ich," Nein, er konnte es nicht. Er hätte nicht sagen können. ivie es war — aber sie sah in diesem Augenblick eher wie eine Heldin ans, denn wie ein schuldbeladenes Weib/ dessen Geheimnis gerade ans Licht gekommen. „Menn Evelyn es wünscht", sagte er zögernd, „will ich gehen. „Ich will dir zehn Minuten geben — nicht mehr." Und Lord Wayne ließ die beiden Schwestern allein zu« fammeu, mit nicht geringerem Schmerze, als ob er gerade Marian habe sterben und ins Grab sinken sehen. Allein gelassen, war es diesmal Marian, die neben ihrer Schwester uiederkuiete. „Evelyn ■— Evelyn!" murmelte sie fieberhaft erregt» „O, mein Liebling, mein Teuerstes, sieh nach nicht so an, zittere nicht so; versuche dem zu folgen, was ich dir jetzt sagen will. Ich habe dich betrogen, Eve; ich sagte dir, dem Sohn wäre tot. Es geschah deinetwegen, nicht meinet» wegen; es sollte dir, in der Blüte deines jungen Lebens, nicht alle fernere Aussicht auf Elüek abgeschnitten sein; es sollte deine unglückliche Heirat vor aller Welt verbergen; du solltest leben, schön, geliebt, angesehen, verehrte Ich hatte feinen anderen Grund, Liebling, glaub mir das! Aber der Snfibc ist nicht gestorben, Evelyn, er lebt, und dein Knabe lebt, wie du ihn siehst, schön, genial, liebenswürdig, vte(» versprechend. Eve, mein Liebling, kannst du mir vergeben? Nur für dich hab ichs getan!" „Ich vergebe dir ja," flüsterte die süße, leise Stimme. „Du bist immer so gut und klug gewesen, aber ick) weißte nicht, daß er, Werner, mein Sohu sei." „Du hast mir nie dein Geheimnis erzählt, meine Evelyn, und ich habe auch nie darnach gefragt, aber laß c8 sein, wie es ivill — ich wußte, Evelyn, daß keine Hoffnung- oder Alis» sicht für dich, je im Leben wieder glücklich zu werden, vorhanden sei, wenn alles bekannt iviirde. Damit bn deine verlorene Stellung wieder erhalten solltest, Liebling, nahm ich die Sorge für Werner mit mich. Ich brachte ihn unter/ wo ich wußte, daß er gut versorgt und das Geheimnis seiner Herkunft treulich geivahrt werden würde. Bon weitem habe ich über ihn gewacht und alles getan, was ich für ihn tun konnte, und dein Geheimnis ist noch immer sicher; infolgedessen, was ich dir jetzt gesagt habe, glaubt jeder, ich sei Werners Mutter, und du bist gesichert." „Tii kannst die Last nicht tragen, Marian. Bin ich so gewöhnlich oder so niedrig, Marian, daß du glaubst, ich würde dich für mich leiden lassen?" „Aber, Eve, du mußt. O, Liebling, sei doch vernünftig: wenn die Wahrheit herauskonuut — mein Golt, ich mag nicht daran denken — du, ein geehrtes, geliebtes Weib, eins Mutter, die ihre Kinder jetzt segnen und verehren, eine große Dame, zu der alles emporblickt, und der altes huldigt — alles wirst du verlieren! Dein Manu wird dir mißtrauen, 718 deine Kinder verlieren nicht nur ihre Liebe und ihren Glauben an dich, sondern auch die Achtung der Welt. Denke an Elfte, Raymond und Harry! O, meine Schwester, weil ich allein in der Welt bin, weil ich stark bin und nichts zu verlieren habe, laß uns doch bei3 Geheimnis ferner bewahren, laß uns Werner als meinen Sohn gelten lassen und nicht als den deinen. Willst du mir diese Bitte gewähren?" 66. Kapitel. „Das ist seine Mutter." Lady Wayne antwortete nicht; sie sah überrascht auf, als sie ihren Gemahl in Begleitung einer fremden Frau ciii- jreten und sorgfältig die Tür hinter sich schließen sah. Marian sah ebenfalls ans, ihr Gesicht ivard leichenblaß, ein Schrei des äußersten Schreckens und der Ueberraschung entfuhr ihr. Wie gern, wie gern hätte sie die Hand dieser kiimmer- vollen, gebeugten Mutter ergriffen und ihr alles angeboten, was sie auf Erden ihr eigen nannte, nur um sie davon ab- zuhalten, die Worte zu sagen, die ihr auf den Lippen zitterten. Doch Kate Jefferies blickte weder nach rechts, noch nach links, in ihrem ganzen Wesen lag eine solche Majestät und Erhabenheit des Schmerzes, daß niemand ihr in den Weg getreten iväre, einerlei, was sie getan hätte. Sie schritt geradeswegs aus Lady Wayne zu. „Was habe ich Ihnen getan," fragte sie, „daß Sie mir so grausam vergelten? Ich habe Ihr Kind großgezogen, und Sie haben mein Hans einsam, wüst und verlassen gemacht. Ich habe, für Ihre Ehre und Ihre Sicherheit gearbeitet; Sie haben meinen Sohn erschlagen, mich des Einzigen und Liebsten beraubt — Gott weiß es — was ich auf Erden hatte. Warum haben Sie mir das getan?" Lord Wayne horchte auf in Erstaunen und Entsetzen; seine Gattin aber sah klaren Auges in das entstellte Gesicht vor ihr. „Sie sind ganz und gar im Irrtum," erwiederte sie. „Ich erkläre vor Gott und dem Himmel, daß ich Ihrem Sohn niemals ein Ucbles getan, niemals ihm in Gedanken, Worten und Werken ein Unrecht getan habe." „Doch, dochl„ rief die unglückliche Mutter, „Sie haben ihn unter vier Augen erschlagen, weil er Ihr Geheimnis entdeckt hatte. Sie haben ihn erschlagen, damit Sie Ihren angesehenen Namen und Ihre hohe Stellung behalten können, auf daß die Menschen Sie ehren, wo Sie doch keine Ehre und Achtung verdienen. Die beiden Schwestern sahen sich hoffnungslos und verzweifelt an. „Mein Herz sagt mir, daß ich die Wahrheit spreche," fuhr die arme Mutter fort. „Wer hatte irgend ein Interesse an seinem Tode, als wie Sie? Sein Too sicherte Ihr Geheimnis, und deshalb haben Sie ihn zu Tode gebracht." „O, nein, nein, tausendmal nein," rief Lady Wayne, „lieber hätte es die ganze Welt erfahren können, als daß Sie Ihren Sohn hätten verlieren sollen." Marian legte den Kopf ihrer Schwester wieder saust in die Kissen und küßte ihr bleiches, kummervolles Antlitz. Dann schritt sie auf Kate Jefferies zu und legte ihre ruhige, kühle Hand auf die brennenden, zitternden Hände der Unglücklichen. „Kate, Sie werden das, was Sie jetzt sagen, einstens bereuen. Sie sind außer sich vor Kummer; Ihr Schmerz hat Sie aller vernünftigen Ueberlegnng beraubt. Warum hätte meine Schwester Ihrem Sohne Üebles tun sollen?" „Um ihr Geheimnis zu bewahren, um zu verhindern, daß er sie verraten sollte. Ich habe immer gehört, daß den feinen, vornehmen Völkern ein Menschenleben nur wenig gilt." „Aber," unterbrach Lord Wayne, der jetzt zum ersten Male sprach, „Sie sind ganz im Irrtum, Frau Jefferies; jemandem, der solchen Kummer hat, wie Sie, muß man allerdings alles nachsehen. Meine Gattin, Lady Wayne, hat kein Geheimnis, als das ihrer Schwester. Sie sprechen also doch von Miß West. Siechst, glaube ich, die Mutter des jungen Mannes, der bisher immer als Ihr Sohn gegolten hat." Die drei Frauen sahen einander an, dann verbarg Lady Wayne, leise stöhnend, das Gesicht in den Händen. „Marian," flüsterte sie kaum hörbar, „es ist gekommen, es ist da!" Kate Jefferies lachte bitter und schneidend auf. „Sie haben Sie betrogen, Mylord; Sie sind reich, adelig und vornehm, aber sie haben Sie betrogen. Die Dame da, die Sie Ihre Gattin nennen, das ist die Mutter Werner's. Sie können mir glauben, ich habe kein Interesse daran, Sie zu hintergehen." Die Lord Wayne in diesem Augenblick sahen, vergaßen nie wieder seinen Gesichts-Ansdruck, das starre Entsetzen, das ihn jählings wie ein Forstschauer überlief — ein hoher, stattlicher Baum vom Blitz getroffen und in einem Augenblick versengt und vernichtet. „Unmöglich!" sagte er endlich, „Sie wissen nicht, was Sie sagen." „Ich spreche die Wahrheit. Lady Wayne, die meinen Sohn erschlagen hat, ist Werner's Mutter." Lord Wayne sah von einem zum andern. Seine Gattin, die schöne, einzige, unvergleichliche Frau, auf dis er so stolz war, wandte sich weit von ihm, krümmte sich dort auf ihrem Lager, das Gesicht in den Händen verborgen. Kate Jefferies stand da wie ein Geist der Anklage und Rache; Maria», mit dem Licht des Heldenmuts und der Selbstaufopferung auf ihrem Antlitz, trat vor. „Mortimer," sagte sie, „Du mußt die Worte dieser Frau nicht beachten; ich sage Du-, der Kummer hat sie von Verstand gebracht. Ich bekenne mich Dir schuldig, Werner ist mein Sohn." Selbst als sie diese Unwahrheit sprach, von der sie hoffte, sie würde ihre Schwester retten, überzog Marians Gesicht die Röte tiefster Scham. „Tadele mich", fuhr sie fort; „sonst niemanden; tadele mich, daß ich dir mein Geheimnis vorenthalten habe; tadele mich iuegen des Todes dieses jungen Mannes, — nur smone meine Schwester, schone Evelyn." „Was soll ich glauben?" ries Lord Wahne verziveifelt. „Es scheint mir, daß ich in ein Netz von Verrat und Trug verwickelt bin! O mein Gott, mein Gott!" „Glaube mir", sagte Marian rasch, „du wirst es dem ganzes Leben laug bereuen, wenn du anderen Worten wie den meinigen Glauben schenkst." , Klar und ernst klang dann Kate Jefferies' Stimme durch das Gemach. , „Glauben Sie mir, Mylord; irch habe keinen Zweck dabei. Sie zu täuschen. Wenn sie meinen Sohn nicht um- gebracht hätten, hätte ich mich lieber in tausend Stücke reißen lassen, als daß ich sie verraten hätte. Als ich Lady Wayne zum erstenmal sah, war sie sehr krank, war am Rande des Grabes. Dr. Rurke in Abbotsville — dort wahrte ich damals — stand neben dem Krankenlager, und Miß West 'gab mir das kleine Kind zur Pflege. Ich nahm den unmündigen Kleinen, und mein Herz erwärmte sich gegen ihn. Dann sah ich aus seine Mutter. Ach, sie sah noch so jung, so zart und schwach aus, lag und starb dort, wie ich damals glaubte, und ich nahm den Kleinen und legte ihn ihr ein paar Augenblicke in die Arme, aber sie wußte ganz und gar nichts davon. Sie stöhnte immer nur, ihr Kind wäre tot und ihr Mann wäre tot, und sie selbst müßte auch sterben; und ich sagte zu ihrer Schwester noch: „Wie jung sie noch ist, die arme Frau, und schon soviel Unglück und Elend mitzumachen!" Dann nahm ich. das Kind mit nach Hause." „Mortimer", flüsterte Marian, „sie rast, sie weiß nicht, was sie sagt. Ums Himmelswillen, schicke sie irgendwie auf freundliche Art und Weise fort; sie wird dein argloses Gemüt vergiften, und dann wird Evelyn sterben. Schick' sie fort, gib ihr Geld, gib ihr alles, was sie braucht, aber halte sie um's Himmelswillen nicht länger hier. Daun schilt mich, tadele mich, verfluche und verdamme mich, wenn du willst ", Wenn sie fort ist." (Foctsebung folgt). Totei, fouritag auf dem Koßeiodskopf. (Touristische Plauderei vou L. Si.) „Bei solchem Wetter wollen Sie allein in den Vogelsberg gehen?" Das war die niit berechtigtem Erstaunen vorletzten Sonntag früh am Gießener Bahnhof an mich gerichtete Frage eines Bekannten. Ich hatte auch selbst geschwankt, ob ich wirklich die Fahrt über Nidda nach Schotten und den Aufstieg bei dem schmierigen, naßkalten Nebelwetter unternehmen sollte. Ich wollte mich aber auf das Großherzogs-Geburtstags-Essen vonr Tag vorher wieder einmal tüchtig aus lausen. Das Barometer hatte doch die ganze Zeit schon seinen höchsten Stand gezeigt. Und dennoch jetzt jenes trostloseste Totensonntagwetter; kein Regen, aber doch ein ewiges Niederrieseln, daß es einem ganz nielan- cholisch und trübselig zu Mute wurde. Trotzdem also vorwärts ! ' Kurz hinter Schotten fiihrt der Weg am Friedhof vorbei, der, Ivie sonst, in tiefer Ruhe daliegt. Doch heute, wo die Menschen den Toten einen Gedenktag in den Kalender gesetzt haben, mahnt er besonders eindringlich an das Vergängliche. Die ganze Stimmung unterstützt den Ernst. Man kann kaum 20 Schritte weit im Nebel sehen, und wo der Ausblick fehlt, hat das Sinnen und Grübeln Umsomehr Raum. Die Natur ist wie tot. Nur ab und zu fliegt träge ein Nabe auf; ein Buntspecht hakt sich nach schwirrendem Anflug an einen Nußbaum an. Dort warnt ein anfgeschreckter Häher mit heiserem Schrei, hier hüpft eine Schar Meisen fröhlich von Baum zu Baum. In Michelbach unterbricht nur das Geplärr eines Jüngsten und das Schelten seines Balers die sonntägliche Stille. Manchmal schien der Nebel eine hellere Färbung zu bekommen, dann schloß er sich wieder dichter und blieb mein hartnäckiger Begleiter. Auf dem ganzen Wege begegnet mir niemand. Breungesheim liegt wie ausgestorben. Doch hinter dem Dorf kommt Bewegung in d:e gewaltigen Nebelmassen; es {letzt aus, als mache die Sonne verzweifelte Anstrengungen, ich durchzukämpfen. Hoch oben am Himmel leuchtets schon blau durch. Doch was ist dort links? Nach dem Gackerstein zu spannt sich ganz nabe ein milchiggrauer Bogen, wie ein großer Eisenbahnviadukt, über das Land ittto geht mit vorwärts — ein Nebelregenbogen. Ich sah solchen zum erstenmal in meinem Leben. Da blitzt auch schon von rechts her die Sonne durch die letzten Nebelschleier. Ich stehe am Breungeshainer Friedhof, da wo die uralte Hainbuche noch den Stürmen trotzt, wiewohl eine ansehnliche Höhlung ihr Mark geraubt, ein Bild unverwüstlichen Lebens, nahe bei der Stätte des verwüsteten Lebens. Hier ist die Grenze des Nebels. Jetzt grüßt auch schon das Klubhaus herab; klar liegt die Höhe vor mir. Ein Blick zurück löst das Rätsel. Die ganze Wetterau, soweit das Auge schaut, ein unendliches Nebel- meer, aus dem nur Feldberg und Altkönig, wie ferne Inseln heransragen. Mein Fuß tritt auf das fast trockene Rasenpolster der Breungeshainer Haide. Ueber mir wölbt sich tiefblauer^ Himmel, durch die klare Luft dringen fast sengend die Sonnenstrahlen. Wie sie lacht und herübergrüßt, diese Sonne! Ja, wenn die alt und runzelig wird — und einmal muß es so kommen —, dann hebt der große Totensonntag au, vor dem es kein Entrinnen gibt. Jetzr aber glüht und strahlt sie so freundlich herüber, daß das Herz aufjubeln möchte und nicht an Vernichtung glauben will, doppelt dankbar für den unerwarteten, jugendfrischen Sonnenglanz. Bon der Höhe läuft mir das Bübchen des Klubwirts entgegen gimd ruft mir vou weitem „Papa" zu. Es hält wich für seinen Vater, der nach Breungeshain zum Abendmahl gegangen ist und erst später zurückkehrt. Neben dem Jungen kommt der zottige Spitz gesprungen, wirft sich auf den Rückeiv und rollt mit behaglichem Knurren hin Und her. Auch er hat sich geirrt; ihn hat die bekannte Schwachsichtigkeit der Hunde getäuscht. Im Klubhaus höre ich, daß einige Gießener Bekannte, die schon am Tag vorher «uf den Hoherodskopf gegangen waren, wieder fort sind; Iie sind auf den berühmten Rappen von — Köpenick in er Richtung nach Lauterbach davon. Ich mache mir's «un im Klubzimmer des Vogelsberger Höhen-Klubs bequem; es verdankt der Rührigkeit des Gießener Zweigvereins feine Entstehung und macht eine» wohnlichen, gemütlichen Eindruck. Ich setze mich uns offene Fenster; die Mittagsonne scheint Herein und verbreitet in dem ungeheizten Zimmer eine wohlige Wärme. Es ist kurz nach 12 Uhr und das Thermometer außen am Haus zeigt 21 Grad C., die Schindeln fühlen sich ordentlich heiß an. Von hier oben ist der Anblick des weißen, wallenden Nebelmeeres noch schöner. Zwischen Bilstein und Gackerstein hindurch wogen die Nebelfetzcn bis au die halbe Höhe des Hoherodskopfs heran, so wie die Brandung ans Ufer schäumt. Man glaubt richtige Mellenkämme zu sehen. In der Ferne sieht der Rücken des B>esterwalds wie ein langes, flaches Gestade heraus. Der Dünsberg ist nicht sichtbar, denn das Nebelmeer geht bis etwa 700 Meter und muß in Gießen eine Tiefe von über 500 Meter haben; kein Wunder, daß bei dem tiefen Stand der Sonne die Strahlen nicht durchdringen. Ich gehe nach der offenen Aussichtshütte, einige hundert Schritte nach dem Bilstein zu und sitze über eine halbe Stunde lang im Freien. Die Sonne brennt und blendet. Ein lindes Lüftchen bringt ein erfrischendes Wehen als Gegensatz und man merkt erst dadurch, daß man auf stattlicher Höhe ist, hoch über dem Staub, Ruß und Schmutz der Städte. Ja, wer in der Stadt läßt sich heute wohl eine solche sonnenglanzdurchflutete Landschaft träumen? Vou der Rhön ist nichts zu sehen, sie ist ganz int Nebel untergetaucht. Ich gehe ins Klubhaus zurück. Dort sind inzwischen einige lustige Förster mit ihren Frauen und ein paar Studenten angekommen. Heute gibt's ein einfacheres Essen, als gestern: eine Tasse Bouillon, Eierkuchen und dazu echtes Bauernbrot, von dem das Pfund schwerer ist, als bei dem leichten Weißbrot 'in der Stadt. Wie das alles mundet auf der luftigen Höhe! Man darf freilich nicht verwöhnte Ansprüche machen; man ist gut aufgehoben und kann jetzt jederzeit auch unangemeldet erscheinen, denn von jetzt ab bleibt der Klubwirt den ganzen Winter über oben. Als ich mich nach 3 Uhr zum Abstieg rüstete, überzeugte ich mich noch einmal vom Stand des Thermometers; dieses zeigte jetzt sogar 22y3 Grad C. Es wurde mir schwer, mich zu trennen. Am liebsten hätte ich dem Klubwirt nachgegebe», der einen großartigen Sonnenuntergang voraussagte. Tags zuvor habe man einen wunderbaren Sternhimmel gehabt und bei Mondscheinveleuchtung deutlich den Taunus gesehen. So ein Sonnenuntergang über dem Nebelmeer ist wie ein Märchen. Da huschen Sonnenblitze über die Nebelkämme, hier und da hüpft ein Strahl über dis Mellen, die Schleier tauchen sich in Purpur und es gibt ein Farbenspiel, wie es die Phantasie nicht großartiger ausdenken kann! — Co sagte ich denn schweren Herzens „Auf Wiedersehen" und stieg nach einigen hundert Metern schon wieder aus lachendem Sonnenschein fröstelnd in den Nebel herunter. Wieder zog eine Zeitlang der Nebelregenbogen mit mir, bis die Nebel dichter wurden und grau in grau die öde Landschaft mich wieder aufnahm. In Schotten kam mir der Kirchturm, dessen oberer Teil ganz im Nebel verschwamm, noch einmal so schief und drohend vor. Er neigt sich auffallend nach Süden, wie eine Blume, die sich nach dem Sonnenlicht zieht. Vielleicht waren es die zu Tal streichenden scharfen Bergwinde, die ihm allmählich den unfreiwilligen Bückling aufzwangen. Aehnliches kann man ,an überschlanken Kirchtürmen in manchen Tälern der Schweiz beobachten. Am Abend erzählte ich in der nebeldurchseuchten Provinzialhauptstadt den staunenden Freunden von dem herrlichen Totensonntag auf dem Hoherodskopf. Huret und die Göttinger Studenten. Jules Huret, der Plauderer des Figaro, ist nach Göttingcik gegangen, nm dort die deutschen Studenten im „Naturzustände" zu beobachten. In der abgeschiedenen Stille des Leinestädtchens hoffte der Franzose awch die reine, unverfälschte Blüte deutschen Etudententum) zu finden, und der neckische Geist Heinrich Heines umschwebte ilM, da er sich auf zehn Tage im Hotel Royal häuslich niederließ, nm einen tiefen Einblick zu tun in die seelische Stimmung der deutschen studierenden Jugend. Doch der Geist der Heine- scheu Harzreise ist ein neckischer Kobold, und er hat dem geist- vollen Pariser mancherlei Phantasieen seltsamer Art vorgegaukelt; was er nun schildert, kann keineswegs als ein objektives Bild des deutschen Studenten gelten, sondern bleibt ein Stück deutscher Kultur, gesehen durch ein echt französisches Temperament. Huret wirft auch hier zunächst die spezifisch gallische Frage auf: „Ou est la semme?" und durchsucht die gut bürgerliche ehrbare Klem- stadt nach jenen Hnldinnen, die so reichlich die Pariser Boulevards 720 zieren. Aber nach langem mühevollen Suchen gelingt «s ttjnt, nur eine durchreisende Dame dieser Art aus der Terrasse des Ratskellers aufzufindm, die von Göttingen in dieser Hinsicht nicht minder cnttünscht war, als er selbst. Nach diesen verunglückten soziologischen Studien versenkt er sich denn ganz in die idyllische Ruhe dieser altertümlichen Stadt mit den verschlafenen alten Häusern, in denen die kleinen Fenster wie müde Augen blinzeln, mit den im Sonneuglanz träumenden bunten Vorgärten, mit dem stillen Friedhos, der unter dem grünen Dach der Bäume an der Straste liegt. Ja, das ist eine sriedevolle Stadt, in der sich's gnt studieren, Nachdenken und philosophieren läßt. Aber von dieser intensiven Geistesarbeit bemerkt er auch beim schürfsteri Hiirschen Nur wenig ... Wo sind die Heranwachsenden Gelehrten, die unterm Arm emsig Bücher nach Halise schleppen, um aus ihnen der Weisheit Born zu trinken? Dem Studenten iu Couleur ist ja nicht nur das Tragen eines Regenschirms, sondern auch jeden kleinsten Pakets verboten, imi> er darf nicht nur keine dicken Schweinslederbände, sondern nicht einmal einen Blumenstrauß für die Liebst« selbst tragen. Mit sarkastischem Lächeln verweilt der Franzose wieder bei der innigen Hingabe der jungen Leute an Essen und Trinken, wovon er schon so viel geschrieben, und besieht sich dann einige Gruppen promenierender Studenten. _ „Es ist augenscheinlich, dast ihr Ideal darin.besteht, dem Offizier zu ähneln. Rasiert oder mit einem leichten Schatten über der Lippe, die Haare pomadig glänzend, so schreiten sie in gerader Haltung daher, mühen sich, alte jenen Gesten der Steifheit, des Ernstes und der Gleichgültigkeit herauZzubrrngen, die sie beim Militär bemerken, und lassell beim Gruß deil Oberkörper automatisch vor- nnd zurückschnellen, Ivie von einer elastischen Feder bewegt. Diesen Schick — wenn er überhaupt einer, ist — haben sie. Und da englische Steifheit augenblicklich Mode ist, so machen diese Gebärden ohne Anmut auf den ersten Blick beit Eindruck einer gewissen Distinktion nnd Vornehmheit." Sie erinnern Huret an den jungen Franzosen, wen» er zuerst aus der Provinz nach Paris kommt und sich krampfhaft, aber allzu aufdringlich alle mondänen Aeußerlichkeiten aneignet. Aber eine Promenade auf der Weender- straste hat seinen! Forschungsdrange nicht genügt. Er ist auch in den Stadtpark gegangen, wo die Militärmusik spielt, der Vater, die Hände auf den Stock gestützt, beim Biere sitzt und die Zigarre raucht, die Mutter, die Hände über dem Leib gefaltet, wachsam um sich blickt, die jungen Mädchen zu zwei und zwei herumflanieren und die Studenten mit den bunten Mützen Biertafel halten. Angesichts dieses Bildes bürgerlicher Heiterkeit meint er, „das; sich seit Goethe nichts geändert hat". Im Verkehr der jungen Leute fällt ihm die Aktivität des weiblichen Geschlechts auf, „Ich habe sehr häufig auf meiner Reise beobachtet, daß es di« Mädchen waren, die den Männern nachzulaufen schienen. Diese, viel zurückhaltender, man möchte sagen schamhafter, haben für die Frauen, die vorübergehen, nur schüchterne Blicke, oder wagen sie nicht einmal anzuseheu. Die Mädchen dagegen blicken sie, nicht etwa aus Verderbnis oder Frechheit, sondern aus Naivität, denke ich, frei an, ein Lächeln auf den Lippen nnd mit herausfordernde!» Blick — insoweit blaue Augen herausfordernd sein können." Auch die unschuldige Lustbarkeit und das bürgerliche Behagen der Göttinger Studenten in einem Ausflugsort der Umgegend hat er mit viel Vergnügen betrachtet. Doch mitten in der lieblichen Natur wehte ihm ein starrer Jedoform- geruch um die Nase, der von den cuyt verbundenen Gesichtern der in den letzten Mensuren Verwundeten ausging, und den er in dieser reinlichen Stadt überhaupt nicht loSaeworde» zu sein behauptet. WerhrmchtH-LiteratM', — Vom Fels zum Meer. R e i s e s p i e l. Auf ein«!» großen Prachttableau (120x30 Elm.) ist iu 60 anziehenden Bildern eine Reise dargestellt, vom Hochgebirge ausgehend bis zu den Ufern des Meeres. Die Gebirgswelt und ihre Tiere und Pflanzen, der Wald und feine Bewohner, das Landleben und dllcS was auf der Landstraße sich fortbewegt. Auch Rudersport, Luftballonfahrt, Radfahrer, Bergsteiger, Automobilfahrer sind dar- gestellt, sowie das Großstadtleben und das Leben und Treiben am Meer. All das Interessante und -Schöne, das sich iu Bor- erwühntem bietet, wird im Spiele miterlebt. Preis 3 Mk. Zu haben bei August Frees, Hofbuchhandlung iu Gießen. — „Ein Regniem", Novelle von.Georg Hirschfeld (Fuselverlag in Leipzig), hat auf dem grauen Einband eine rote Rose und große Titelschrift in Rot und Schwarz. Tie Novelle ist auf Bütten gedruckt, fortlaufend, wie die alten Handschriften in großer starker Frakturschrift. Hin und wieder eine große rote Initiale in quadratischem Rahmen. Schwarzer Grund, weiße Vögelchen nnd Zweige darauf, die die große rote Initiale umfliege» und umranken wie ein altes Gemäuer, das lange schon ihrem Mutwillen still hält. Hirschfeld erzählt uns die alte Geschichte vom Ritter, der ein Heiliger wurde. Manche kleinen Züge sind fein abgezirkelt, manche seelische Regung ist intim belauscht. Ein feines, stimmungsvolles Buch voll zarter Poesie. — Bei I. C. C. Bruns in Minden t. W. erscheint, heraus- gegebeu von Dr. Carl Hageman», unter dem Titel Breviere ausländischer Denker und Dichter, eine Sammlung von Büchern, die Interesse beanspruchen. In dem nervösen Hasten unserer Zeit ist es wenigen möglich, durch eigene ausgedehnte Lektüre hervorragende Werke von Dichtern und Denkern in ihrem ganzen Umfange kennen zu lernen. Diese Breviere nun enthalten aus den Werken eines hervorragenden ausländischen Autors eine fleißig zusammengetragene Sammlung bedeutender Aussprüche und zeichnen damit einen frappanten Schattenriß der einzelnen künstlerischen Persönlichkeit. In dieser Brevier-Sammlung erschien nun außer dem bereits erwähnten Multatuli-Brevier auch ein Oscar Wilde-Brevier. Mit einem Bildnis OScav Wildes. Geh. 2.50 Mk. Inhalt: Vorwort. I. Die Kunst. II. Die Kritik. III. Der Mensch. IV. Die Gesellschaft. V. Die Moral. VI. Die Geschlechter. VII. Das Leben und anderes. — Bibliographie. Ä. Engl. Originale. B. Deutsche Uebersetzuugen, C. Schriften über Oscar Wilde. D. Aufsätze über Oscar Wilde. — U n s e r D e n t s ch. Einführung iu die Muttersprache. Von Geh. Rat Prof. Dr. Friedrich Kluge. („Wissenschaft und Bildung." Einzeldarstellungen aus allen Gebieten des Wissens. Her- ausgegeben von Privatdozent Dr. Paul Herre in Leipzig. Erstes Bändchen.) Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. (IV und 147 S.) Oktav. In Orminalleinenband 1.25 Mk. — Eine neue populärwissenschaftliche sammlmig konnte sich kaum besser ein» führen. Kluge eröffnet in zehn feinsinnigen Essays einen Ausblick auf die gesamte Entwicklung unserer Muttersprache. Wie ft» von Anfang au unter fremden Kultureinflüssen gestanden, diese aufgenommcu und vieles abgestoßen hat, ist das Thema der ersten drei Kapitel: Christentum und deutsche Sprache, Sprachreinheir und Sprachreinigung, Grenzen der Sprachreinheit. Eine großzügige Darstellung der Entstehung und Entwicklung unserer Schriftsprache ergänzt in einem vierten Abschnitte das geioonnene Bild. Gelten diese Ausführungen der gesamten Entwicklung unserer Sprache, so wendet such der Verfasser in den folgenden sechs Kapiteln den deutschen Standes- und Berufssprachen zu. Auch hier lernen wir die Ergebnisse der bahnbrechenden Forschungen Kluges kennen. Ob er uns mit den Geheimsprachcn der Gauner und fahrenden Leute, der Geschichte des Rotwelsch, bekannt machte oder uns die Entstehung nnd Entwicklung der Studenten-; Seemanns- o d e r W e i d ni a n n s s p r a ch e vor Augen führt, überall s.hm wir das volle Leben und Treiben der Vergangenheit, und überall ist uns die Sprache ein Spiegel unseres Volkes und seiner Geschichte. Welche Schätze hier noch von einer zielbewnßten Wissenschaft zu heben sind, wird auch dem, diesen Fragen ferner stehenden überzeugend klar, und wir können deshalb nur mit dem Verfasser auf bctS Zustandekommen eines Reichsamtes für deutsche Sprachwisscnschnst hoffen, daß diese Schätze bergen soll und dessen Zielen und Aufgaben ein letztes Kapitel gewidmet ifh- Einer besonderen Empfehlung bedarf das vornehm ausgestattete Büchlein nicht. Es ist so recht berufen, Verständnis und Liebe für unsere Muttersprache zu wecken u.nd ihre Pflege in die richtigen Bahnen zu lenken. Weihnachts-Musik. — Helene NieHusen: Musik für unser« Kleinen. Verlag von Alexander Tuncker, Berlin. Preis geheftet 1 Mk. Eine, wie deutlich erkennbar, gebildete und geübte Mufik- pädagogin, gibt in dem klcineit Büchlein ihre Erfahrungen wieder, die sie beim Musizieren mit jüngeren Kindern gemacht hat; sie hat eine sehr brauchbare Anleitung geschaffen, wie man die Kinder in die Kunst einführt und sie darin heimisch macht. Zunächst wird eine Aufzählung und Charakterisierung der Instrumente (z. B. Triangel, Becken, Tamburin ustv.) gegeben, dann die Uebersicht über einige Tonstücke, die zur Begleitung durch Kinderinstrumente geeignet sind. Als Beispiel folgt darauf für Klavier, mit Begleitung der Kiitderinstrumente eingerichtet, das Menuett aus Mozarts Es-dur-Sinfonie, Des weiteren gibt das Buch wertvolle Winke darüber, wie den Kindern am besten die ersten Begriffe der Musik beigebracht werden. Das Werk wird für viele Mütter, denen «I zwar nicht an gutem Willen, aber an guter Methode fehlt, ein willkoinmencr Führer und Ratgeber sein. Bersteek-Rätfel. Nachdruck verboicu- Man flirt’ c ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgende!) Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer". Kurzweil — Scharlachfieber — Kartenhaus — Bastei — Taunenbanm — Eemal.tin — ZellcngcfäugniS — Weichsel — Patentamt - Kleinodien. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: öitfjoine — Ebercfd'e — Bugen — IRdinenreich — Bavaillatr — Keusspiritußi — liiselfichtv; Der erste Schnee. Redaktion! Ernst Heß, — Rotationsdruck und Verlas der Brübt'jchen Unwerütäls-Buch- und SieMdruckerel, R. Lange, Gießen.