Mittwoch den 7. Hlovemöer 1906 i i'js • s hu HW WLM- ^@@1 SÄ ■ s Im Wanne des Geheimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck tierboteit (Fortsetzung.) Betsy hatte ihn auch schwer geärgert. Zuweilen tobt sie munter und freundlich, wie früher, nett und lieb gegen ihn gewesen, hatte sich gefreut, wenn er gekommen war, und wieder, und weit öfter, hatte sie ihn verspottet und ausgelacht über den gänzlichen Mißerfolg all' seiner großartigen Bemühungen, ein feiner und reicher Mann zu werden. „Bloß gut für mich, daß ich arbeiten kann", hatte sie gesagt. „Wenn ich erst warten soll, bis du für mich arbeitest, kann ich lange warten." Somit war es in jeder Beziehung eine angenehme und willkommene Veränderung für Jack, als Werner ihn nach London einlud. „Geh", sagte Kate Jefferies, „geh, wenn du willst, meinetwegen; aber merk dir, läßt du gegen Werner auch nur ein Wort davon aus, was du mir gesagt, so richtest du ein Unheil an, das du bis an deinen Tod bereuen wirst. Das merk dir wohl!" Sie gab ihm zwar noch etwas Geld, aber Mutter Und Sohn trennten sich kühl. „Du kannst doch ebensogut ein freundliches Gesicht dazu machen", sagte Jack beim Abschied. „Du weißt doch, daß ich nicht für meine« eigenen Kopf hin gehe, sondern daß ich dahin eingeladen bin." Werner Hatte Jack sehr deutlich geschrieben: „Ich kann Dich nicht nach Lord Romseys Haus einladen; es ist bereits überfüllt mit Besuch; auch mochte ich mir überhaupt diese Freiheit nicht gern nehmen; ich werde aber an der Bahn sein und Dich abholen. Ich suche Dir dann eine Wohnung und werde Dir soviel von meiner Zeit widmen, wie ich kann. Du sollst alles sehen, was es in London nur zu sehen gibt. Mehr wie das kann ich nicht versprechen." Jack war äußerst zufrieden damit; er hatte damals noch nicht halb genug gesehen und gierte immer nach Vergnügen. Was wahr ist, ist wahr; als Werner seinen Bruder am Bahnhof traf, schämte er sich einigermaßen. Die Tatsache, daß Jack ungewöhnlich plebejisch, ja, ordinär aussah, ließ sich nicht bemänteln. Die lodderige, unternehmend sein sollende Art und Weise, wie er feinen Hut aufgesetzt hatte, seine großen, groben, roten Hände, nnbehaudschuht und voll billiger Ringe, der unerträgliche Geruch von schlechten Zigarren Und noch schlechterem Tabak, der ihn umgab, fein überlautes Sprechen und Lachen — kurz, sein ganzes Wesen stieß Werner ab. Werner war kein feiner Herr, kein Stutzer — nie im Leben hatte er sich feiner gegeben, wie er war, Pder etwas Besonderes vorstelleu »vollen, aber er hatte unter feingebildeten Leuten gelebt; sei« Geschmack hajW sich gehoben und verfeinert. Es war nicht zu verwundern, daß die merkwürdige Gestalt da neben ihm ihn abstieß, „Vcrfl—t, ich hätte dich nicht wiedergekauut", sagte Jack, mit neidischer Bewunderung seines Bruders hübsche Gestalt und seines Gesicht betrachtend, „du hast dich verändert, und nicht zu deinem Schaden." „Ja, wir haben uns lange nicht mehr gesehen", versetzte Werner ausweichend und sich heimlich die bittersten Vorwürfe machend, daß et nicht brüderlicher gegen Jack empfand. Er haßte sich beinahe, weil er sich von dem Manne, den er für seinen Bruder hielt, abgestoßen und angewidert fühlte. Er zwang sich zu vertraulicher Unters- Haltung mit ihm und wunderte sich all die Zeit über, warum er fein wärmeres Gefühl gegen ityn empfand — warum er seinen Bruder nicht einfach deshalb liebte, tofeil er fein Bruder war, und aus feinem anderen Grund. Er hatte zwei nette Zimmer in Islington gemietet,; und sie begaben sich zunächst dahin. „Nun, Jack", sagte Werner, als sie es sich in der Wohnung bequem gemacht, „mußt du dir alles ansehen. Lord Romsey hat jetzt gerade nicht viel zu tun, und ich werde somit mit dir ausgehen können. Sag' mir, was meinst du, wird dir am besten gefallen?" Jack erwiderte mit einem Augenzwinkern; er hatte eine Vorliebe dafür und glaubte, es sei ein königlicher Weg zum Witz. „Das Theater", sagte er dann, und darnach ein Souper mit Lüftern/' Werner lächelte unwillkürlich. „Augenblicklich wird ant Drury Lane-Theater Shakespeare gegeben — würde dir das für heute abend gefallen?" „Shakespeare?" sagte Jack zweifelhaft; „hm, er ist 'n bißchen langweilig, was? Ich sehe gern was Sensationelles, so was Packendes, weißt du; aber ich will's 'mal mit Shakespeare versuchen." „Die beste Schauspielerin von ganz England tritt heute abend auf, als Julie in „Romeo und Julies „Ist sie hübsch?" „Wenige, wenn überhaupt welche, übertreffen sie," war die ruhige Antwort. „Ahl Dann gehe ich natürlich hin. Um ein wirklich hübsches Frauenzimmer zu sehen, ginge ich überall hin. Interessieren dich denn keine netten Weiber?" „Doch," lächelte Werner, „ich habe einer jungen Dame, namens ‘ Poesie, den Hof gemacht, finde sie aber etwas schüchtern." „Hm, schüchtern habe ich sie selbst gern," sagte Jack mit der Miene eines Vielerfahrenen. „Es ist viel pläsierlicher, weißt du, als ivenn sie gleich so drauf losstürmen." Er glaubte wnnders was Kluges gesagt zu haben uni» fühlte sich einigermaßen beleidigt, als Werner laut auflachte. — 654 „Glaub' nur nicht, ich wüßte nichts, weil ich vom Laude komme," fuhr er gekränkt fort. „Ich bin nicht so dumm, wie du dir vielleicht eiubildest. Ich habe — wie sagen die Vornehmen doch gleich? — aha, also ich habe meine Huldigungen einer sehr hübschen, jungen Dame dargebracht, einer von der Sorte, wie du eben sagtest, wo es immer heißt: Drei Schritt vom Leibe! Nichts lehrt einen soviel Lebensart, wie so was. — Gehst du heute abend mit zum Theater?" „Ich weiß noch nicht, glaube aber nicht, Jack. Lord Romscy sagte, er möchte mich heute abend noch mal sehen. Vielleicht habe ich zu tun. Ich werde dir aber ein Billet besorgen. Wo willst du am liebsten sitzen?" Jack blickte nachdenklich drein. „Am behaglichsten ist mir's immer im Parterre; vielleicht könnte ich aber zur Abwechslung mal auf den ersten Rang gehen; was meinst du?" „Ja, das wird sehr nett sein. Und jetzt also für eine Weile adieu, Jack. Brauchst tut mich, so schreib' mir eben eine Zeile; ich iverde dann gleich zu dir komiiien." „Verstehe, ich soll nicht vorsprechen." „Nein, wenigstens jetzt nicht. Wenn ich mal ein eigenes Haus habe, so ivirst du mir immer willkommen sein. Zu anderen Leuten kann ich dich nicht einladcn." Sie trennten sich. Groß mar Weriiers Ueberraschung und halb auch Vergnügen, als er, nach Haiise zurückgekehrt, Lord Romscy bereits auf ihn ivartend fand. „Werner," sagte der Earl, „können Sie heute den ganzen Abend opfern?" „Gewiß," war die schnelle Erividerung. „Lady Romsey möchte Sie mit Beschlag belegen, cs scheint, daß sie heute abend zum Theater gehen will, um „Romeo und Julie" zu sehen. Lady und Miß Wayne gehen mit. Ich möchte, daß Sie meinen Platz einnähmen, ich habe eine Verabredung auf heute abend, die ich einhalten muß." „Es wird mir ein großes Vergnügen sein," erwiderte Werner, innerlich verlegen, was er wohl mit Jack anfangen solle. 34. Kapitel. Romeo und Julie. Es kam nicht oft vor, daß Drury Lane besser besetzt war, wie an diesen: ereignisreichen Abend. Eine Loge erregte besonders die Aufmerksamkeit aller Anwesenden, schmückten sie doch zwei der schönsten weiblichen Wesen in London — Lady Wayne und ihre Tochter Elsic. Worte können die Sensation nicht schildern, die die wunderbare Schönheit der Mutter und die liebliche Anmut der Tochter in der Gesellschaft hcrvorgerufen. Wohin sie nur gingen, drängten sich auch die Leute, uni sie zu sehen und zu bewundern, und an diesen: Abend, als bekannt wurde, Lady und Miß Wayne seien anwesend, war man auf ihr Erscheinen neugieriger und gespannter als auf das der berühmten Schauspielerin, die die Rolle der Julie spielen sollte. Lady Wayne hatte nie schöner ausgesehen. Sie trug eine exquisite Abendtoilette von reichem, blauem Sammt, dazu Perlen. Ihr goldenes Haar schien und glänzte wie vor zwanzig Jahren, ihr Antlitz war noch ebenso schön und bezaubernd. Sie hatte an persönlichem Reiz und Anziehungskraft eher gewonnen als verloren, denn obwohl die mädchenhafte jugendliche Frische dahin, so war doch an deren Stelle der volle Zauber reifer, edelster Weiblichkeit getreten. Sie hätte kraft ihrer wunderbaren Schönheit und ihrer reichen Geistesgaben eine Königin sein können. Wie sie da saß, in der prächtigen, so geschmackvoll mit Purpursammet und weißer Spitze dekorierten Loge, hätte sich niemand ein schöneres Bild als Lady Wayne denken können. Der blaue Sammet kontrastierte wundervoll mit ihrem goldenen Haar und der zarten weißen Hant; die schimmernden Perlen waren nicht weißer wie der stolze Nacken und die Arme, die sie schmückten. Sie hielt ein Bouquet von dunkelroten Rosen und Lilien in der Hand; der juwelenbcsetzte Fächer lag neben ihr und das schöne Antlitz war gespannt auf die Bühne gerichtet. Es siel etwas an Lady Wayne auf; dann und wann, wenn sie sich unbemerkt glaubte, überkam sie eine gewisse Zerstreutheit; die dunkelblauen Augen blickten wie abwesend, ein träumerischer Zug, halb Lächeln, halb Trauer, spielte um ihre Lippen. Sie schien dann weit, weit weg in einem Traumlaude zu weilen, wohin ihr nieinand folgen konnte. Einer dieser Anfälle von Zerstreutheit mußte auch jetzt über sic gekommen sein. Sie saß ganz still. Werner Jefferies neben ihr betrachtete sie in stummer Bewunderung. Vyn allen ihren Bekannten ging Lady Wayne vielleicht am liebsten mit dein jungen Dichter aus, dessen Name lang- sam berühmt zu werden begann. Es bestand ein so vollkommenes Einverständnis, eine so tiefgehende beiderseitige Sympathie zwischen ihnen, daß sie da, wo andere Worte austauschen müssen, einfach Blicke wechselten, um sich vollkommen zu verstehen. Die Welt zögerte mit ihren: Urteile, ob die Mutter oder Tochter schöner aussehe. Elsie Wayne brauchte weder Toiletten, noch Schmuck, um ihre Schönheit augenfällig zu inachen, an diesen: Abend jedoch trug sie eine weiße Spitzcn-Toilette, mit Rosenknospen besetzt; ein Diamant-Halsband, das Geschenk ihres stolzen Vaters, flimmerte und funkelte an ihrem schlanken, schneeigen Halse. Unnötig zu sagen, daß der getreue Lord St. Gilbert an ihrer Seite saß. Lady Romscy mar in: letzten Augenblick noch verhindert worden. Das Stück begann. Werner hatte bei der Erinnerung an Jack und sein merkwürdiges Aeußere mehr als einmal vor sich hingelächelt. Lady Wayne hatte es bemerkt, ihn angesehen und gefragt: „Was lächeln Sie eigentlich, Herr Jefferies? Schwelgen Sie in angenehmen Erinnerungen?" Er erzählte» daß sein Bruder vom Lande hier sei, und gab mit wenigen Worten eine humoristische, aber wohlwollende Skizze von Jacks Eigentümlichkeiten, die Mylady sehr belustigte. „Wo ist er denn?" fragte sie, und Werner spähte im Hause umher, konnte aber keine Spur von Jack entdecken. „Vielleicht ist er schließlich doch nicht gekommen", äußerte er dann. „Sie müssen ihn mit zu uns bringen, sagte Lady Wayne. „Seine Absonderlichkeiten tun nichts; er wird uns Ihretwegen willkommen sein." Und dann verfolgten beide wieder gespannt den Lauf des Stückes. Inzwischen war Jack, der nur, un: sich eine kleine Stärkung zu gönnen, hinausgcgangen war, wieder zurückgekehrt. Er sah, wie die Herren und Damen in seiner Nähe und auch auf anderen Plätzen sehr gespannt eine bestimmte Loge fixierten und sich Bemerkungen darüber zu- flüstcrten, und Jack, der glaubte, es gäbe etwas Außerordentliches zu sehen, und der ja natürlich alles sehen wollte, stand auf und starrte ebenfalls mit aller Macht hinüber. Zu sagen, daß er verblüfft war, hieße seine Gefühle mir schwach ausdrücken; er war mehr als das. Betsy war hübsch, in einer gewissen groben, wilden Art, aber diese zwei Damen da, die er anstarrte, wie jemand, dem plötzlich Schuppen von den Augen fallen, waren mehr als das. „Verfl—t, sie haben ein Fell wie Seide und Haare wie Gold", dachte er bei sich. „Daß es so was auf der Welt giebt, habe ich nicht gewußt." Dann lächelte Elsie Wayne über eine Bemerkung, die Lord St. Gilbert ihr zuflüsterte, und dies Lächeln blendete Jack, als ob es ein plötzlicher Sonnenstrahl gewesen. Er war verzückt, verzaubert, feiner Sinne nicht mehr mächtig. Es schien Wahnsinn, aber als er sie anblickte, schien sich ihm das Herz in: Leibe herumzudrehen, und die ganze Vergangenheit schien ihm zu versinken. Er hatte gemeint, in Betsy verliebt zu fein. Betsy hatte ihn angelächelt und ihn mit ihren glänzenden schwarzen Augen geködert, sie hatte seine Sinnlichkeit und seinen Ehrgeiz gleich mächtig angestachelt, 655 aber dies neue Gefühl war ganz anders, eine wilde, wahnsinnige Leidenschaft, die sich wie Feuerflammen seiner bemächtigte und ihn durchloderte. Gleichgiltig, gedankenlos hatte er das Theater betreten, nur mit seinem ständigen Gedanken beschäftigt, wie er Geld bekommen und Betsy gewinnen sollte. Ein plötzlicher Wirbelwind ivar über ihn dahingefegt, ein Vulkan schien in ihm zum Ausbruch gekommen zu sein, Herz und Seele standen in Aufruhr und Flammen. Wie es alles über ihn gekommen, wußte er nicht. In einer halben Stunde war ihm die ganze Welt wie verwandelt. So vertieft war er in die leidenschaftliche Betrachtung des unvergleichlich schönen Antlitzes, daß er an die daneben sitzenden Herren nicht einmal einen Blick verschwendete, aber als Elfte Wayne sich zur Seite wandte und eine Bemerkung an einen Herrn in ihrer Nähe richtete, folgte Jacks gieriger Blick, und er sah, daß cs sein Bruder Werner war, Werner, dessen Geheimnis er monatelang vergeblich zu entdecken sich bemüht hatte. Sein Gesicht wurde womöglich noch blasser, und es war kein gutes Leuchten, das aus seinem Auge brach. Er tat einen langen, tiefen Atemzug, rind die Worte, die seine Lippen flüsterten, hatten üblen Klang. „Also er ist dort, rind ich bin hier; nun, wo er jetzt ist, da will ich hin. Was, er darf in ihr Gesicht blicken und sie anlächeln, er darf zu ihr sprechen, rmd ich muß von weitem zusehen? Das soll und darf nicht sein, niemals 1" Was für wahnsinnige, ivilde Pläne kamen ihm in den Sinn, Gelüste nach Rache an seinem Bruder! Sein Bruder! Jack sagte sich diese Worte mit bitterem Hohnlächeln. „Verd—t, ich bin tausendmal besser als er, wenn sie's nur wüßten. Ich weiß, wie meine Mutter heißt; und wo mein Vater begraben ist, da ist ein ehrlicher Mann begraben. Er hat keinen Namen," ich habe meinen eigenen. Ich bin ein besserer Kerl ivie er." Unb doch, als er wieder und wieder hinsah, konnte er sich der Einsicht, daß Werner ihm bei weitem überlegen, mit dem besten Willen nicht verschließen. Das schöne, geistvolle Antlitz, die Anmut, Grazie und feine Bildung, alles paßte yoHfommen in diesen fürstlichen Kreis, und Jack sah's, sah's mit bitterem Neide. „Warum bin ich nicht wie er?" murmelte er bitter. „Alles und alles ist ihm gegeben; sein Gesicht da würde jedem Weibe gefallen. Ich ivill ihn verlassen, da er mir auch eine Aussicht eröffnet; ich ivill mit dem Mädchen da sprechen. Was habe ich nur? Verd —t, alles Gelb in ber ganzen Welt gäd' ich bafür, wenn sie nrich nur einmal so anlächeln wollte, ivie sie's ihn eben getair hat!" Es schien ihm Jahre, daß er Betsy geliebt hatte, der bloße Gedanke war ihm jetzt zuwider. Schönheit! Ha, sieh das Gesicht da an, wenn es lächelt, das edelgeformte, goldlockige Köpfchen. Anmut! Ha, die Art und Weise, tote diese stolzen, süßen Lippen sich öffneten und die kleinen Perlenzähne durchschimmern ließen, genügte, um denjenigen, der es beobachtete, von Sinnen zu bringen. Und Jack ballte die Fäuste und benahm sich überhaupt im ganzen so merkwürdig, daß seine Umgebung auf ihn aufmerksam wurde und verschiedene ihn mit prüfenden Blicken daraufhin maßen, ob er verrückt oder bloß angetrunken sei. Dann sah ihn Werner und lächelte herüber — ja, noch mehr, er sprach augenscheinlich von ihm, denn auch Lady Wayne blickte zu ihm herüber, und Jack war überzeugt, daß man von ihm sprach. „Na, wenn er wirklich Notiz von mir nimmt", dachte Jack, „so will ich ihm freiwillig alles vergeben, was ich noch mit ihm auszumachen habe." In Anbetracht von Werners steter brüderlicher Freundlichkeit und Zuvorkommenheit konnte das wohl nicht viel sein, obgleich sich Jack noch eine schwere Rechnung gegen seinen Bruder zusammenkalkulierte. Er war neidisch auf ihn, daß er so schön von Angesicht, so fein und gebildet war, neidisch auf ihn wegen aller Gaben, die gegen seine eigene Ungeschicklichkeit und Plumpheit so auffällig abflachen, aber dennoch wollte er großmütig alles dies vergeben, wenn Werner nur jetzt „von ihm Notiz nehmen" wollte. Und während das Schauspiel weiter und weiter vorrückte und sich dem Gipfelpunkt der Tragik und dem Ende näherte, berauschte sich Jack immer mehr und mehr au der Schönheit Elfte Waynes.- (Fortsetzung folgt.) Meter Moors Iahrt nach Südivest. Me Abenteuer ein es d eu ts chen Kr ie g er s in Sii d- Westafrika — auf dem Weihnachtstische dieses Jahres durfte man sie wohl erwarten, aber man hätte sie etwas weiter unten gesucht, zwischen Bleisoldaten und Dampfmaschine und Experimentierkasten. Der bunte Einband, der da hervorzulenchten pflegt, hätte einen tapferen deutschen Schiffsjungen gezeigt oder den Sohn eines Farmers, wie er dem Herero den Schädel spaltet, der seine Mutter bedroht, oder tote, er nächtlich die Soldaten mitten ins Lager der Feinde führt oder zehn Hottentottenhäuptlinge persönlich gefangen nimmt und als Schlußapotheose vom General eigenhändig die Denkmünze angeheftet erhält. Den Schriftstellern für die reifere Jugend wird es nicht recht sein, daß ihnen nun ein echter Dichter zuvorgekommen ist, mit einem Buche, das in viel höherem Sinne der deutschen Jugend geweiht ist. — „Der deutschen Jugend, die in Sü-dwestafrika gefallen ist, zu ehrendem Gedächtnis". — So lautet die Widmung des Buches,*) das Gustav F r e n s s e n als ideelle Liebesgabe darbringt. Das sensationelle Interesse, das jedem neuen Weck ans seiner Feder von vornherein gewiß ist, wird nun einer hohen Sache zugeführt, und der Heroldsvuf der Dichtung zwingt so manchen Stumpfen zur Aufmerksamkeit, der bisher den Helden von Südwest eine tiefere Teilnahme versagt hat. In der Dichtung kommt das Gewissen eines ganzen Volkes znm Ausdruck: das Bewußtsein versäumter Pflichten bricht sich hier Bahn. Eine Episode ist so recht dazu bestimmt, ans Herz zu gretfen: Die Ktieger liegen schon seit Wochen im Typhuslager, da bekommt einer einen Brief, in dem unter anderem steht, „daß in Deutschland jedermamr von dem Stieg zwischen Rußland unb Japan spräche, von uns aber spräche kein Mensch, ja man spotte über, uns unb unseren Jammer als über Leute, die für eine lächerliche oder verlorene Sache stritten, und man wolle nichts von uns wissen, weil wir das rasche Siegen nicht verständen. Ich wollte den Brief erst wegwerfen; dann aber dachte ich, ich wollte ihn Heinrich Hansen zeigen. Der kam aber nicht. Doch kam am anderen Tag ein anderer alter Schutztrnppler, da zeigte ich ihm den Brief; denn mir war aller Mut entfallen. Er las ihn und lachte und sagte: „Was wundert dich das? Ist es nicht immer so gewesen? Wie viele Frauen hat der König von Siam? Was für ein Strumpfband trägt die Königin von Spanien? Welche Antwort hast du auf die Postkarte bekommen, welche du dem japanischen Feldherrn geschickt hast? Sieh, das find die Dinge, welche die Deutschen interessieren. Du solltest mal hören, wie die Engländer über uns lachen, über uns Redesratzen unb Hanse in allen Gassen. Die Engländer fragen bei jeder Sache: „Was nützt es mir und England?" Damit ging er weg. Und gleich darauf Hingt mit müder Stimme über die oben Steppen hin das sehnsüchtige Lied von der teuren Heimat, das die Stieger im ersten Heimweh bereits aus dem Schisse anstimmten und das sich durch die ganze Erzählung hinzieht. Es ist dies eine der wenigen Stellen, wo bei accer Einfalt und Anfpruchslosigkeit des Tones durch leise Kontrastierung aus einen Effekt hingearbeitet ist. Im übrigen ist die Erzählung von gesuchter Künstlosigkeit, und wenn nicht von vornherein die Persönlichkeit Frenssens es verbürgte, schon auf den ersten Seiten würde man den Eindruck gewinnen, daß trotz aller Aktualität die Wahl dieses Stosses keine Spekulation war, sondern daß sie für den Dichter eine Entsagung bedeutete. Frenssen verzichtet darauf, seinen Helden, der nicyt meyr Held ist als jeder andere Mitkämpfer, interessant zn machen. Ein heller, aufnahmefähiger Kopf, aber wenig Individualität. Auch der Entschluß, als Dreijährig-Freiwilliger sich beim See- Bataillon zum Dienst zu melden, ist durch einen Jugendgespielen angeregt worden, und so ist überhaupt der ganze Peter Moor eigentlich eine unselbständige Natur, die unter den Kameraden niemals den Ton angibt. Sein bescheidenes, zuverlässiges Wesen erwirbt ihm das Vertrauen der älteren Krieger und der Vorgesetzten, und so bekommt er manches von anderen zu hören, was der einfache Soldat nie aus sich selbst geschöpft hätte. Unter den tiefen Eindrücken der äußeren Erlebnisse, in den einsamen Stunden des Wachtdienstes und der Patronillenritte reift allmählich auch sein eigenes Seelenleben zu immer größerer Selbständigkeit, und mit der glücklichen Durchführung dieses psychologischen Problems ergibt sich die Möglichkeit, dem Erzähler auch eigene Gedanken des Verfassers in den Mund zu legen. Freilich *) Pete rMoo rs F ayrt n ach Südwest. Ein Feldzugsbericht von Gustav Frenssen. Berlin, 1906, G. Grote. 210 Seiten. Geh. 2 Mk. 656 Redaktion: Ernst LeK. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Giebel manchmal allzu deutlich, wie an folgender Stelle:, „Und es war mir, da ich nun zum zweitenmal so unterwegs war, als wenn ich dies Land nun schon lange, lange kannte, als wenn ich schon vor langer, langer Zeit, die weit vor wem er Geburt lag, so neben einem Wagen durch solch wildes Land gezogen war und int Wagenschutz geruht und geschlafen hatte. Das sind ja wohl die Erlebnisse der Vorväter, m den Geschlechtern einen langen Schlaf tun, und in dem Kinde, das wieder alte Wege und Stege geführt wird, auftraumend das graue Haupt erheben." . < Die Vorgeschichte nimmt nur wenige «eiten m Anspruch. Gegenüber der unerschöpflich frischen Beobachtungssulle inden Kinderspielen der „Drei Getreuen" und der UlKn und Kreihni und Pe Ontjes und Kai Jaus steht die Kindheit des ^Hlosser- sohites ans Itzehoe kahl da - eme Cmttauschung sur den Leser der früheren Romane, aber eine notwendige Oekonomre, die das ganze Interesse auf das Hauptthema konzentriert Auch • der Schilderung der Seefahrt ist die lebendige Anschaulichkeit der Szeiten an Bord der Godefrvo tn „Hilllgenlei vore-nthalten. Nur die kurze Landung m Madeira ist mit satten Karben ausgeführt — wie neugierige Ktuder tit das Bilderbuch, so blicken die Soldaten in die Wunderwelt hinein. Und tn ihrem Uebcrmut kaufen sie jetzt schoii in den Basaren zusammen, was sie findeii, um es den Lieben in der Heimat mitzubringen, denn wer weiß — vielleicht ist der Aufstand, bis sie an das Ziel kommen, längst beendet, und sie betreten das Land ntemals, von dessen Urwäldern, Affenherden und Palmenhainen sie so gern zu Hache erzählen möchten. Von allen diesen Herrlichkeiten träumen sie, bis eines Mittags vor ihnen ein endloser «streifen «anddune aus dem Meere herausragt, mit Häusern und Baracken und Leuchtturm. „Da standen alle und staunten und sprachen ihre Meinung aus. Viele sahen still und ernst nach dem ungastlichen, öden Lande: andere spotteten und sagten: Emes solchen Landes wegen so weit sahren!" Und nun beginnt der Leidensweg ins Innere des Landes, in Sandwüsten und Buschwildnis, in Entbehrung nitd Krankheit und Tod. Frenssen hielt sich von romailmätztgen Zutaten-sern. Die ersten Toten bei dem nächtlichen Vorpostengefecht an der schwarzen Klippe, das Mistgeschick der stolzen Reiterpatrouille bet Owt- kokorcro, den Ueberfall der Nachspitze bei Okaharm am Ostersonntag (3. April), den ganzen Kreismarsch der^vom Unglück verfolgten Kolonne Glasenapp finden wir bis zur ^.yphusquaran- täne bei der Missionskirche in Otjihaenena erzählt. Dm Namen freilich fehlen, und darin liegt etwas Unrealistpches, denn gerade mit solchen Dingen wirkt der Soldat in seinen Erzählungen gern Aber bei aller Simplizität des Erzählungsstiles sind naturalistische Mätzchen vermieden. Und Peter Moor tst überhaupt kern renommistischer Miles Gloriosas, sondern verfugt, was semen eigenen Anteil an den Ereignissen betrifft, über eine unsoldattsche Bescheidenheit. Sein Vorzug vor den Kameraden ist die zähe Gesundheit, die ihn über den Typhus Herr werden lasst. so entrinnt er dem Lazarett und kommt als Reitersmann wahrend des Stillstandes der Kämpfe nach Windhuk, zu der freundlichen Oase, wo ihn wieder alle Segnungen der Kultur umgeben Diese idyllische Atempause wirkt wie eine wohlberechnete Ein- schaltung zwischen den Leiden und Kümpfen, die nun tn ihrer Fortsetzung zum Waterberg hinführen. Wer sich der pracytvollen Gravelotteszenen im „Jörn Uhl" erinnert, durste sicher sein, datz die Geseckstsschilderungen in diesem Bnche erst recht die Höhepunkte der Darstellung bilden würden. Wieder ist die einzige Gabe zu bewundern, mit der in verblüffender Lebendigkeit die Begebenheiten gepackt und vor uns hingestellt werden. (SS, t)t ein schlichtes Volksbuch, ein Heldenlied, das an altepische Zeiten aemahnt und dem das homerische Motto nicht schlecht steht: Grolle dem Sänger doch nicht, dast er singt von dem Leid der Achäer! Solchem Liede ja geben den Preis vor andern die Menschen, Welches, die Hörer umschwebend, das jüngst Gcscheh'ne verkündet. Auch neben authentischen Berichten wirkt das Buch an keiner Stelle unecht, und cs behält sogar einen unbestreitbaren Quellenwert, weil es ebenfalls aus den Erzählungen eines Mitkämpfers oder vielleicht auch mehrerer geschöpft ist. Gerade weil es der Anschauung des einfachen Soldaten entsprungen ist, klingt hier das hohe Lied von der Kameradschaft besonders hell. , Der General, der mitten unter feinen Kriegern liegend, wie ein alter Soldat die Büchse abfeuert und seinem Nachbar ein „Ruhiger schieben!" zuruft — der Major, der jedem einzelnen so scharf ins Auge sieht, um zu erkennen, ob er irgend eilte Not hätte, — der „Gebannte", der auf dem Schlachtfelde die Wiederherstellung seiner Ehre sucht —, sie alle ein einzig Heer von Brüdern. , Es ist vielleicht die einzige Szene, die etwas romanhaft wirkt, und doch nicht unwahr, als der „Gebannte", der frühere Oberleutnant, der wegen einer Strastenprügelei beit Dienst hatte quittieren müssen, seine Dekorierung erfahrt. „Er weinte sehr: wir aber umdrängten ihn und schüttelten ihm die Hand, die Meisten mit seuchten Augen. Dann schrieb er eine Postkarte an Weihnachts-Literatur. Eisenbahn-Bilderbuch. Bearbeitet von Ludwig Nüdling und M. Altheimer. Mit 29 Vollbildern und 41 Textillustrationen nach Entwürfen von M. Altheimer. (Donauwörth, Ludwig Auer.) — Das Buch trägt tu ausgiebiger Weise dem,lebhaften Interesse Rechnung, das die meisten Kinder snr die Eifen- bahn hegen, vermittelt in Bild und Wort nicht nur alles Wichtige, was zum Eisenbahnbetrieb und zum ganzen Verkehrswest.. gehört, sondern auch Kenntnisse aus der Länder- und Bolkci- künde, wie aus der Kulturgeschichte. Die Schilderung landschaf. kicher Schönheiten und heiterer Szenen aus eisenbahnspielenden Kinderkreisen ergänzen das treffliche Buch, das vorzüglich geeignet ist, die Kinder nicht nur auf angenehme, sondern aucy aus nützliche Weise zu unterhalten. Versteck-Rätsel. Nachdruck verboten. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer . Weinstube — Schnarrwerk — Gießkanne — Mehrzahl — Frauenbewegung — Noggemuehl — Schwanenhals — ^ei)u- ender — Schweizerei — Hasenbraten — Cantor — Worms Spielkarten. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Citatenrätsels in voriger Nummer: Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt. seine Frau und Kinder, und wir alle mußten unterschreiben: ein Leineweber aus Oberschlesien, ein Schornsteinfeger ,mtS, Berlin, ein Knecht ans Oldenburg, ein Graf aus Bayern, em Schlosser- gesell aus Holstein und andere." Zu allen diesen Erinnerungen, die thm zugetragen tourben, hat nun Frenssen noch ein Eigenes hinzugetan: bie ernste Auffassung vom sittlichen Recht dieses Krieges, die zum Schlüße machtvoll zum Ausdruck kommt. Die Patrouille, die aus dem Leutnant, einem alten Schutztruppler und dem Erzähler zusammengesetzt ist, steht an der Leiche des letzten Herero, der ihnen in den Weg gelaufen ist. Wahrend der erschöpfte Schutztruppler sich zur Ruhe gelegt hat, steht der Leutnant mit der Uhr tn der Hand neben seinem Pferd und hebt die Uhr im Takt, um sich wach zu halten. „So stauben wir betbe eine gute Weile. Darauf sagte er: „Diese Schwarzen haben vor Gott unb Menschen ben Tob verdient, nicht weil sie zweihundert Farmer ermordet haben und gegen uns aufgestanden smd, sondern weit sie keine Häuser gebaut und keine Brunnen gegraben haben Daun kam er auf bie Heimat zu sprechen und sagte dies und das und meinte: „Was wir vorgestern vorm Gottesdienst gesungen haben: ,Wir treten zum Beten vor, Gott den Gerechten, das verstehe ich so: Gott hat uns hier siegen lassen, weil wir die Edleren und Vorwärtsstrebenden sind. Das will aber Nicht viel sagen gegenüber diesem schwarzen Volk; sondern wir müßen sorgen, daß wir vor allen Völkern der Erde die Besseren und Wacheren werden. Den Edleren, den Frischeren, gehört die Welt. Das ist GotteS Gerechtigkeit." , r, ,. Der Schutztruppler war eingeschlafen: der Oberleutnant stand aufrecht, zuweilen ein wenig schwankend, bie Uhr tn der Hand. Ich stand neben meinem Pferd: halb wachend, halb schlafend Der Mond ging auf ; bie Nacht wurde kalt und windig. Nach einer Weile sagte der Oberleutnant: „Aber der Missionar hat doch recht, daß er sagt, daß alle Menschen Müder sind . Ich sagte: „Dann haben wir also unfern Müder getötet ; und sah nach dem dunkeln Körper, der lang im Grase lag. Er sah auf und sagte mit einer heiseren schmerzenden Stimme: „Wir müssen noch lange hart fein und töten; aber wir müssen uns dabei, als einzelne Menschen und als Volk, nm hohe Gedanken und edle Taten bemühen, damit wir zu der zukünftigen, brüderlichen Menschheit unser Teil beitragen Er stand und sah in Gedanken über die weite, mondbeschienene Steppe und wieder auf den stillen, toten Körper Ich hatte während des Feldzuges oft gedacht: „Was für ein Jammer! All die armen Kranken iind all die Gefallenen! Die Sache ist bas gute Blut nicht wert!" Aber nun hörte ich ein großes Lieb, bas klang über ganz Südafrika und über bie ganze Welt, unb gab mir einen Verstanb von ber Sache." I. P. VsemSschtes. * Aus den „Lust. BL". Fräulein Sind. Med. Erbtante: Also durcygesallen bist du durchs medizinische Examen, unb du behauptetest doch, dich ungeheuer fleißig vorbereitet zu haben. - Nichte: Gewiß, Tantchen, aber die Professoren fragen mich nach lauter Krankheiten mit unanständigen Namen und da hab ich mich halt geniert zu antworten!