1906 »M MiLLetlose Mädchen. Nonmn von H. E h r Hard t, (Nachdruck verboten.) (Schluß.) 6. In feinem Zimmer fuhr Walter von dem Buche, das er sich zur Zerstreuung vorgenommen, empor. War das nicht ein Schrei gewesen? Er horchte angestrengt. Alles blieb still — aber nun wieder — das klang wie Stöhnen eines zu Tode verwundeten Menschen. Mit schlotternden Knieen schleppte er sich zur Tür. Ruth? War das altes Weh oder neuer Schmerz? Dem Knaben zog sich das Herz zusammen vor Grauen. Er konnte das Leid der geliebten Schwester nicht mehr mit ansehen. Während er noch zögerte, ob er zu Ruth eilen oder ruhig hier bleiben sollte, klang draußen die Entreeglocke. Er stürzte förmlich, zur Tür, wie erlöst. Ein Mensch wenigstens — vielleicht einer von der Bank, vielleicht nur der Postbote — egal — es war doch eine Unterbrechung dieses qualvollen Alleinseins. Vorsichtig lugte er erst durch einen Spalt des Vorhanges — dann klirrte die Sicherheitskette unter seiner hastig zu» greifenden Hand — die Tür flog auf. Ein halberstickter Erlösungsruf drang von Walters Lippen, feine bebenden Finger klammerten sich um den Arm des vor ihm stehenden Mannes, der erschrocken in das verweinte, entstellte Knabengesicht sah. „Herr Hammer, ach, Herr Hammer!" stotterte Walter, den Besucher ins Entree hineinziehend, „nun wird alles gut werden — nicht wahr, Sie werden Ruth helfen," Seine Tränen begannen erneut zu rinnen und Willy Hammer, der tätlich erschrocken zusammengeznckt war, packte ihn an den Schultern, und forderte: „Sprich, Junge, um Gottes willen, ist Deiner Schwester etivas zugestoßen? Wo ist sie?" Stockend, aber doch ziemlich genau, gab Walter Auskunft — er dachte nicht mehr, daß er mit Ruth die Sache hatte allein tragen wollen — fein junges Herz ahnte in dem gespannt zuhörenden Manne den Retter aus aller Rot. „Hier, in dem Zimmer ist sie", endete er, auf eine Tür weisend, „und ich iveiß nicht — ich hab' sie schreien hören rind dann stöhnen — ich habe so Angst, daß noch etwas schlimmeres passiert." Willy Hammer ließ ihn nicht ausreden — er stand schon vor der bezeichneten Tür. „Bleib!" sagte er rauh, zu dem Knaben gewandt, dann stieß er, ohne anzuklopfen, die Tür auf. Ruth saß zusammengesunken auf dem zierlichen Stuhl vor dem Schreibtisch, den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt. — Ein tränenloses Schluchzen schüttelte wie ein Kampf den schlanken Mädchenkörper. Das Klingeln draußen, die sprechenden Stimmen schienen nicht bis zu ihrem Gehör gedrungen zu sein — bei dem geräuschvollen Oeffnen der Tür aber schnellte sie von ihrem Sitz cinpor, dem Eintretenden ein verstörtes, totenbleiches Gesicht zmvendend. Als sie ihn erkannte, taumelte sie zurück, wie von einem Schlage getroffen. Die Rechte auf die grüne Schreibtischplatte stemmend, streckte sie in verzweifelter Abwehr die linke Hand gegen den auf' sie zueilenden Manu aus. Ehe er sprechen konnte, rief sie schon, sinnlos in ihrem Schmerz: „Gehen Sie fort — mein Gott — Sie dürfen jetzt nicht zu mir sprechen." Er umfing mit festem Griff ihre Gestalt. „Ruth, aber Ruth!" flüsterte er, bis ins Innerste erschüttert. Sie bemühte sich, van ihm frei zu kommen. „Ich darf Sie nicht anhören!" schrie sie auf, aus seinem innigen Blick sein ganzes Fühlen herauZlesend, „ich darf Sie nicht in mein Elend hineinzerren — mein Bruder ist ein Dieb, ein Ehrloser — er nahm mir auch noch die Möglichkeit, die Ehre unseres Namens zu retten,” sie wies auf die verstreuten leeren Schachteln, auf das weiße Blatt, dessen Worte er raschen Blickes erfaßte, „alles fort — morgen geht unsere Schande steckbrieflich durch die Welt — lassen Sie mich los.” Aber er zog sie nur noch fester an sich. „Nie mehr, Ruth!" sagte er tief aufatmend, „ich lasse Dich nicht, nun ich Dich erst habe. Denkst Du, ich habe mich deshalb ein halbes Jahr halb tot nach Dir gesehnt, um mich jetzt durch eine solche Bagatelle — verzeih mir den Ausdruck, ober für mich ist es nur das — von Dir trennen zu lassen?" Er fühlte, wie das Widerstreben in dem zitternden Mädchenkörper schwand, daß der dunkle Kopf matt und willenlos an seine Brust sank, und sich tief zu ihr niederneigend, flüsterte er dringend: „Werde ruhig, mein armer Liebling, vergiß mal einen Moment das Häßliche — sieh — ich lechze doch danach, von Dir zu hören, ob Du mich so lieb haft, wie ich Dich habe, so über alle Maßen lieb, ob Du mein Weib werden willst?" Sie antwortete nicht gleich. Es war ihr, als ob sie /räumte. Tas konnte doch nicht Wirklichkeit sein, daß sie, die eben alle Phasen menschlichen Seelenschinerzes allein durchkämpft hatte, in solch köstlicher Geborgenheit an der Brust des heißgeliebten Mannes ruhte, daß sie sein Herz stürmisch an das ihre pochen fühlte? Und nun die wohlbekannte, sympathische Männerstimme, die leise mahnte: „Ruth!" Da stahl ihr Arm sich scheu hingebend um seinen gebeugten Nacken. „Ich gehöre Dir ja lange, lange I" hauchte sie, ihr glutübergossenes Gesicht zu ihm einporrichtend und in einer schönen echt weiblichen Regung fügte sie innig hinzu: „Und ich hab Dir so vieles abzubitten." Er verschloß ihre Lippen mit dem ersten bräutlichen Kusse. „Nichts inehr von der Vergangenheit!" sagte er glückstrahlend, „jetzt gehören wir uns für alle Zeiten und vertrauen uns rückhaltlos, nicht wahr, mein süßes, angebetetes Weib?" Sie nickte, mit ihren Blicken an seinem braunen, so schmerzlich entbehrten Gesicht hängend. Ihre Augen verrieten trotz ihres Glückscheins noch etwas von der Verzweiflung, die heut darin gebrannt hatte. Er strich fast scheu zärtlich über ihre weiße Stirn, die vor Erregung brennenden Wangen. Ein heißes Erbarmen durchflutete ihn, zugleich das beseligende Bewußtsein, daß er fortan alles, was in seine Macht gegeben, tun konnte, dem geliebten Weibe das Leben sonnig und froh zu gestalten. Er wollte sie entschädigen für all diese Jahre voll Entbehrung und Qual. „Komm!" bat er, sie zu dem steifen, grünen Plüschsofa führend, „nun setzen wir uns hin und ich ivill versuchen, ein Weilchen vernünftig zu sein und von ernsten Dingen mit Dir zu reden — schwer genug wird mirs ja fallen." Er zog sie denn auch zuerst noch einmal, nachdem sie sich hingesetzt hatten, an sich und überschüttete sie mit leidenschaftlichen Liebkosungen, ehe er, sich zur Ruhe zwingend, sagte: „Die Angelegenheit Deines Bruders, über die Walter mich bereits informiert, überläßt Du völlig mir, mein Herz — ganz still — keine Widerrede — ich fahre sofort nach dem Bankhause — Du sollst nichts mehr damit zu tun haben." „Ach, Willy, cs ist zuviel Glück — auf einmal soll ich keine Sorgen mehr haben — ich faß cs noch nicht." Er küßte bewegt die rauhen kleinen Mädchenhände, die sich unwillkürlich wie zum Gebet gefaltet hatten. „Wie viel hast Du Acruiste gelitten! Wie schmal bist Du geworden!■ Aber warte, bald bist Du mein schönes, blühendes Weib — auf Händen will ich Dich tragen, ich will mit Dir reisen, wohin Dein Wunsch Dich zieht — zu- erst aber gchts nach Düsseldorf zu meinen Eltern — wird meine Mutter sich freuen, sie hat sich immer so eine Tochter gewünscht und bis jetzt hat keiner von uns beiden Brüdern ihr den Gefallen getan und ihr eine zugeführt." „Werd ich ihr denn gefallen, Willy?" fragte Ruth angstvoll. — Er lächelte beinahe amüsiert. „Aber Herzenskind, sie wird entzückt von Dir sein — sie wird sogar bestiinmt behaupten, Du seiest für den Schlingel, ^den Willy, viel zu schade." „Ach, Willy — wenn das von Heinz doch rauskoinmt — ich werde die Angst nicht los — ich könnte Deinen Eltern ja nicht in die Augen sehen." Er runzelte leicht die dichten Brauen. „Heinz wird klug genug sein, über das große Wasser zu gehen und hier im Lande sicher nichts mehr anstellen — er verspricht sich wie die meisten jungen Leute goldene Berge von dort „drüben" — er wird da beweisen können, ob er doch das Zeng zu einem tüchtigen Menschen in sich hat — und vielleicht kehrt er als gemachter Mann noch einmal reuig zurück. So mußt Du die ganze Sache ausfassen, mein Lieb — Du darfst mir jetzt nicht mehr so schwarz sehen." Sie schuiicgte sich an ihn. „Du liebster Mann, ich muß inich erst allinählich ans Licht gewöhnen." Ein leises Geräusch im Nebenzinuner erinnerte Ruth an die Anwesenheit des jüngsten Bruders. Sie richtete sich aus Willys Armen empor. „Walter!" Er schien nur auf diesen Ruf gewartet zu haben, denn im nächsten Moment schon stürmte er ins Zimmer und flog jubelnd auf die Schwester an Hammers Seite zu. „Ruth, liebe Ruth! Nicht wahr, Herr Hammer hat geholfen, ich wußte es ja gleich", schrie er entzückt, in ihre freudig bewegten Züge blickend. Willy Hammer zog ihn zu sich heran und faßte nach seinen Händen. „Ich bin nicht mehr Herr Hammer, sondern Schwager Willy für Dich, mein Junge!" erklärte er warm. lieber das verweinte Knabengesicht huschte eine wahre Glückseligkeit. „Mein Schwager? Und Ruth wird also Ihre Fran?" Mit einem plötzlichen Wehegefühl umfaßte Ruths Blick den jungen Bruder, den sie vom ersten Atemzug an behütet hatte, dessen Wohl ihr stets vor allem am Herzen gelegen. Ihr Glück trieb den Ahnungslosen jetzt unter fremde Leute, in bezahlte Hände. Wie hätte sie ihn in ihre junge Ehe mitnehmen können? Das war ganz unmöglich — schon deshalb, weil sie sicher viel auf Reisen sein würden — und in eine Ehe gehört auch kein Drittes. Schon wieder senkte sich ein lastender Druck auf ihre Brust — sie empfand den stürmischen Jubel Walters wie ein unrecht erworbenes Gut. Als der Knabe einen Moment das Zimmer verließ und Hammer sich leidenschaftlich über Ruths Antlitz neigte, siel ihm der Schatten in ihren Augen sofort auf. „Was drückt Dich noch, meine Ruth?" forschte er, vertrau' cs mir — ich hclf cs Dir tragen." „Was wird aus Walter?" fragte sie voll ehrlichen Zutrauens, „er ist so an Liebe gewöhnt." „Das hab' ich mir alles schon überlegt, Liebling, Du wirst den Meister loben — Walter kommt zu meinen Eltern — Düsseldorf wird in jeder Beziehung günstiger auf ihn wirken, als die Großstadt — und meine Mutter, die zwei ivilde Jungen erzogen, wird solch einen guten Kerl gern als Dritten an ihr Herz nehmen — daran ist überhaupt kein Zweifel — in wenigen Tagen beginnen die Osterferien — da fahren wir alle drei an den schönen Rhein — wir müssen ja ohnedies eine Garde haben — nun, was meinst Du zu meinen: Plan?" Ruth vermochte kein Wort hervorzubringen, in ihre Augen stieg cs heiß. Endlich kamen die erlösenden Tränen, die den Druck von ihrer Brust hinwegschwemmtcn — Freudentränen. Es waren die ersten derartigen, die sie weinte. An des geliebten Mannes Brust geschmiegt, versank vor ihr die Misöre ihres Lebens für ewig in das Meer der Vergangenheit. Es stieg ein neues, lichtvolles Dasein herauf, das verzweifelte Kämpfen war zu Ende, der Sieg gehörte ihr, mit ihm das Glück. Und die einst so scheue, stolze Ruth schlang leidenschaftlich die Arme um den Hals des tiefbewegten Mannes, dessen Augen glückstrnnkcn in ihre tränenvollen und doch liebe- strahlenden tauchten, und sagte in schrankenloser Hingebung: „Du guter, Du unser aller Retter in höchster Not — jede Stunde meines Lebens soll meine Liebe Dir für das danken, ivas Du an mir und den meinen tust." „Als ob Du mir nicht viel, viel mehr gäbest," flüsterte er heiß, von der reinen, innigen Glut, die durch ihre Worte klang, überwältigt. 887 Sich über ihr schönes Gesicht neigend, drückte er einen säst scheuen, ehrerbietigen Kuh auf ihre weiße Stirn. Es ivar gleich einem stillen, heiligen Gelöbnis. Ueber ihnen lächelten die schönen, blauen Augen der verklärten Mutter segnend auf die Tochter herab, die nach so schwerem Kampfe endlich den sicheren Hafen gefunden hatte. 157 Hage korsischer Raubmörder. Erinnerungen an Korsika. Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e m a u n. (Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.) Eines Tages wurde die Uniform des ChLfs des Gefängnisses ans unseren, Kinderhose von den leichteren Gefangenen gereinigt. Einer davon mußte den Waffenrock, der einer dunkelblauen Hufarenuuiform mit hellgelben Paspeln ähnelt, auziehen, während ein anderer ihn mit der Bürste bearbeitete. Freudestrahlend rief mir der Gc- fchmückte zu: „Ah, ich biu schon Wärterchef geworden." Am 25. März wurden fünf Araber aus Constantine aus dem Zuchthaus von Chtavari auf der Durchreise zu uns gesperrt. Sie mochten wegen Raub in jenem Zuchthaus sitzen. Bei der Bestellung der Zuchthausländereien hatten sie sich gezankt. Der eine von. ihnen hatte einen, andern mit der Schippe eins versetzt. 'Außer dem, der in Ajaccio neu abzuurteilen war, hatten vier andere als Zeugen diesen Ausflug mitmachen muffen. Sie trugen lederne tzalbschuhe mit Holzsohlen, braune Mützen, Röcke, Westen und Mäntel, welche Zuchthausuniform mau mir auch geliehen hatte, als mein „verdächtiger" Anzug zur gerichtsärztlichen Untersuchung mir ausgezogeu und die ganze Zeit vorenthalten wurde. Welche Schmach, in solchem Mtzuge dem einen Zeugen, einem französischen Kapitän, vorgeführt zu werden! Als ich in der Schwurgerichtssitzung in meinem einfachen schwarzen Rock, weißer Wäsche, Hellem Schlips, die goldene Brille auf der Nase, dem französischen Kapitän wieder gegenüber stand, machte letzterer große Augen und glaubte nicht mehr daran, daß der angehende deutsche „Professor" der fürchterliche Raubmörder oder Spion gewesen sei. Doch zurück zu den Arabern. Jeden Abend bei Sonnenuntergang breiteten sie ihre Mäntel aus, zogen ihre Stiefel aus und'verrichteten, „ach der Gegend gewendet, wo ihre heiligen Stätten liegen, andächtig ihre Gebete. Es tat mir leid, wie sie hierbei höhnisch nachgeahmt wurden von den anderen Gefangenen, darunter von einem rothaarigen fr nm zösischei, Seemann, der weder schreiben noch lesen konnte und dennoch arabisch, italienisch, französisch und englisch sprach. Er war mir sehr zuwider; trotzdem hatte ich ihn, gegen ei» Geschwür Salbe gegeben, die ich mit auf die Reise genommen hatte. Der neuerdings verurteilte Araber blieb, nachdem die anderen wieder abgeschoben worden waren, längere Zeit bei uns und vertrieb sich die Zeit meistens damit, daß er ein eintöniges Allah-il-Allah vor fiel) hiubetete. Ich hatte zu dieser Zeit gerade vom Berlags- buchhäudler Kretschmann, Magdeburg, außer anderen Büchern G. Richelmanns „Meine Erlebnisse in der Wiß- mann-Truppe" dediziert erhalten. Dieses Buch schildert sehr lebendig die deutschen Kämpfe gegen Makauda und Bu- fchiri. Es wimmelt darin von arabischen Brocken: Pombe, Hirsebier, Ternbo, Palmenwein, Mtama und Schirokko (Hülseufrüchte), die ich alle getreulich au den Mann, d. h. an den Araber, brachte, der in Gedanken an frühere leibliche Genüsse solche im Geist sich wieder hervorzauberte. Kam ich ihm mit einem (kwa heri" (Wien), „Bumbaffu we" (du Schafskopf), „Kirangosi wapi?" (wo ist der Führer?), „Bukr inschallah" (morgen, so Gott will), „jambo bibi" (guten Tag, gnädige Frau), „Jambo Bana, jambo fana" (guten Tag, Herr, sehr guten Tag), „Jambo Hali gani" (wie geht's?), „leie mftnga leie" (bringt die Kanone, bringt sie!), dann freute er sich, mit dem ganzen Gesicht grinsend, über den Bana mfurt, den süßen oder gütigen Herrn. Er klagte häufig darüber, daß das Essen in, Ajaccioer Ge- sänguis schlechter wäre, als im Zuchthaus in Chiavari und, als er endlich dorthin sortschwamm, war er ziemlich zusammen gefallen. Da ich bei dem Lichte des Nachtlichtschimmers schlecht schlafen konnte, hatte ich zur Abkürzung der Brenndauer ein sehr probates Mittel gefunden. Wem, alles zur Ruhe Ivar, holte ich mir das Oelglas herunter und rieb mit dem auf Watte aus ihm entnommenen Oele meine Stiefel ein, die die ganze Zeit über nicht geputzt wurden und fo wenige ftens einigermaßen geschmeidig blieben. Wir waren rechtzeitig benachrichtigt ivorden, daß wir am 12. Mai nach Bastia, wo das Schwurgericht tagt, gebracht werden sollten. Als die Gendarmen im Gefängnis eintrateu, waren wir fix und fertig. Der Brigadier erhielt unfere restlichen Guthaben, deren Größe uns nngefagt wurde, und unsere Efsekten. Als mein Nachbar. an meine Kette geschlossen wurde, blickte ihm der Brigadier scharf in die Augen. „Ah, Sie find mir schon bekannt." Er schloß die Kette daher sehr scharf, sodaß dagegen protestiert wurde. Ms wir, umgebe,, von Gendarmen, uns dem Bahnhof näherten, drängten in wildem Tumult sich von allen Seiten Verwandte, Freunde und Bekannte heran, um den Gefangenen noch irgend eine Wegzehrung ober Liebesgabe an Tabak, Zigaretten ober Wein auszuhändigen. Dies mußten die Gendarmei, der Ordnung wegen zurücklveisen, was mit Flüchen, Drohungen und Verlvünfchuiigei, beantwortet wurde. Eingedenk der Worte des Gardien-Chefs von Ajaccio, daß die Guten zu- fammenhalten müßten, ermahnte ich meinen Ketteugeuosseit, ruhig zu fein. Die Gendarmen würden sicherlich alles tun, was gestattet märe. Wie gefährlich Ware es für mich gewesen, wenn mein viel stärkeres Kettenglied im Knäuel feiner Genossen mich fortgeriffen hätte. Ich hatte keine Lust, pour la majeure gloire de la Corse einige blaue Re- volverbohneii zu schlucken. Gott fei Dank landeten wir sicher in dem uns reservierte,, Eisenbahnwagen 3. Klasse. An diesem Transporte am Himmelfahrtstage kam Brigadier Frechinos auch auf die „Emser Depesche um die Geschichtsfälschung Bismarcks" zu sprechen. Obgleick _ ich über diesen Gegenstand im August 1898 in der bibliotl segne universelle et reime Suisse, Lausanne, einen sehr i iter- effauten Artikel gelesen hatte und gut orientiert war, ließ ich Freund Frechiiws ruhig sich ergehen, da es thöricht gewesen wäre, bar ein zu reden. Aehnlich, wie ich es von anderen antideutschen Ländern gehört hatte, goß er seine Wut über Bismarck aus. „Was ist Bismarck; Bismarck „einte ich meinen Hund usw." Ich habe dabei im Stillen an das scheußliche Gedenkblatt gedacht, daß „Le Petit Journal" am 14. April 1895 mit der Unterschrift „Apres la feie" zum anniversaire du Prince Bismarck heraustzegeben hatte. Bismarck ein altersgebrochener Rotte mit rotgeränderten Migen, die krampfigteu Finger vom Blut an einem Laken reinigend, im Lehnstuhl, hinter ihm der Knochenmann, der ihn mit seiner Rechten an die Schulter packt, davor ein Blutmeer, in den, tote Franzosen und Deutsche schwimmen, int Hintergründe Illumination, Fahnen, be geisterte Studente,, in Wichs usw. (Fortsetzung folgt.) Der Bochusöerg Sei Ringen am Rhein. Von August Ammann. Originalartikel der Gießener Fanülieiiblätter. Im Osten der uralten, noch in die Keltcnzeit hinabrcichen- deu Rheinstadt Bingen erhebt sich ein Berg geringen Umfangs, aber von nnvergleichiich schöner Lage, die schon Goethe auf seiner int Jahre 1814 unternommenen Rheinreise in begeisterten Worten gepriesen hat. Er heißt der Rochusberg und gehört zu den reizvollsten Aussichtspunkten des ganzen Rheintales. In der Mannigfaltigkeit einer Gegend liegt eine Hauptbeding- ung landschaftlicher Schönheit: dies zeigt sich hier in vollem Maße. Nach allen Seiten hin wird das Ange durch stets wechselnde Bilder gefesselt. Rheinaufwärls bewundern wir die fast seeartig erscheinende, gewaltige Wasserfläche des Stromes, die durch die grünen Auen liebliche Unterbrechungen erhält. Rheinabwärts steigen die Gebirge, zwischen denen der Rhein verschwindet, mächtig empor und verleihen der Gegend einen ganz anderen, hochromantischen Charakter. Nach Süden verliert sich der Blick in den Windungen der schimmernden Gewässer der Nahe und in den gesegneten Fluren des Landes der Hessen. Jenseits des Rheines sehen wir rechts die doppeltürmige Kirche von Geisenheim und hinter diesem freundlich gelegenen Städtchen iuinfen uns aus der Höhe die hell glänzenden Mauern des weiuberühmten Schlosses Johannisberg. Dem Rochnsberg gegenüber erhebt sich in überraschender Symmetrie der herrliche Niederwald mit seinem stolzen Denkmal, ein großartiges Bild, das durch die Weihe historischer. Bedeutung in verklärtem Lichte erscheint. An der Biegung des Berges ruht die Ruine Ehrenfels, und ans der Tiefe schaut träumerisch der Mänfeturm zu uns empor. Wild und drohend rauschen um ihn die Fluten, als ob sie den, 884 Musik. Königspromeuade. mit dir den au5 au der lob des gen mehr nim ort ein lie aus fort liebet geht mer fern wenn die nicht waZ ge man ge früh fpät als rückt es im fort so und gends im her such' immer roth morgen niv such' abends im nicht zen blickt es der stern uns und Nheinfahrt.*) In Dämmerstunden denk ich oft den Tag, Der ganz iu Sonnenflatun gebettet lag. So zart der Ferne hauchverklärler Tust, Der Sonnenstrom der weichen Blüleulufk. cecv Rhein so grün, fo tief geheimnisklar, Wie mir dein Auge noch Geheimnis war. Rings Sonulagsfrieden auf beu Rebeuhugeln, Hub langsam rauscht auf abeubbuufteu Fliigeln Ein Aveläuten burch bas heitre Laub. Das Ufer säumt ein buntes Hauserband, Gin langes Dorf mit menschenregem Treiben, Unb Perleiikelieit blanker Feiisterscheibe». „ Ruf Burggestumps unb bröckelnbent Gemäuer «firfielt die Sonne, unb es huscht ein scheuer, Vermorschter Liebreiz um bie Irotz'geii Brauen, ^ie milben Stirnen, gleich wie wenn die rauhen Soldaten ihre kleinen Enkel Herzen , Unb ihre starren Stimmen rubrenb scherzen. Durch leere Fenster jagt bas Schivalbenlieb, In bämmertiefen Mauernifchen glüht Mauch Lämpchen vor beit Aiuttergoltesbtldein, Unb Gärten, brüt die Rosen heiß verwildern, Seh ich geheimniSslill vorübergleiten, Und weiße Stufen, die ins Master schreiten. Am Hang der blatte Weinbergschiefer brennt, Und Fedetwolkchen stehn am Firmameut; Den braunen Grund ducchtvühlt der Eiseupflug, Und donnernd durch die Felsen rast der Zug . . . Wir beide standen an des Schiffes Rand, # Und leise, leise fand sich Hand zu Hand ... wie die Sage erzählt, in ihrem Schoße ruhenden Nibelutigeuhort :: MZMWWLp« sä fi, Ä? gw* K-T,'L/KZ-L'mchLS». Ä LÄ fcÄKlS 8S16 Ä&W nn etei Zeit: die großen Dampfer dnrchfurcpen iu^stoUer Sicherheit die Wogen des Rheines, umringt von gröberen unb kleineren Boten und Kähnen, und die Eisenhahnen lagen j Ufern rheinauf- und rheinabwärts nnd in da» Land hinein. Unser dluge findet beständige Nahrung, unser Gemüt uiiaufhörliche Anregung und Bereicherung.. Der Rochusberg, der wegen der vielen ans ,einem Boden gedeihenden Haselsträucher früher Hajselberg^Lenamtt wurde, v.r dankt seinen jetzigen Namen der Rochuskapelle, zu der bi Binger, den Heiligen nm Rettung bitteub, zur Zeit der M den Rheinlanden herrschenden furchtbaren Pest un >zahre 1666 den Grundstein legten, und die im folgenden Iah« emgeweih wurde. Im Jahre 1766 wurde ihr hutldertiahnges >iub>laum durch ein achttägiges Fasten gefeiert. Nachdem die Kapelle un Fahre 1795 durch die Kanonenkugeln der aus dem rechten ufer lagernden Oestreicher schwer gelitten hatte, wurde sie von den Franzosen, die in ihrer Nähe eine schanze "Melegt hatten, vollends zerstört Im Jahre 1814 wurde sie wieder heigestellt und int Jahre 1866 ihr zweihundertjähriges Gründungsfest be- oanaen Aber bald traf sie wieder em neues Unheil, am 12 Juli 1889 brannte sie, von einem Blitzstrahl getroffen, bis auf die Grundmauern nieder, worauf sie rasch m größerem Maßstab in edlem gotischen Stile wieder aufgebaut wurde. >ietzt praugt sie auf dem Berge als herrliches Denkmal deulscher Bau^nst. au? bem östlichen Teile des Rochusberges 261 | Meter über dem Meer erhebende Aussichtsturm, der im ^ah« 1888 erbaut wurde, gelvahrt , eine prachtvchle Ausu ht nach > allen Seiten hin. Er wurde bisher Kaiser Frseduch-Turm ge- uaiiitt, soll aber zur Erinnerung an das denkwürdige Kaiseriahr der deutschen Geschichte den Namen Drei Kaiser-Turm schalten. Wandert man einige Schritte weitem so gelangt man zur äußersten westlichen und zugleich höchsten «spitze des Berges, zum Scharlachkopf, auf dessen südlichem Abhang der treffliche scharlach- beraer Wein wächst, der in seinen Auslesen durch Gehalt und Blume mit den edlen Rheingauer Weinen wetteifern kann. . Der auf der Höhe schön bewaldete Berg erquickt durch seine reine, frische Luft und bietet Gelegenheit zu den anmutigsten Spaziergängen auf immer bequemen Wegen. Unterhalb semer Waldungen ist er von allen Seiten mit Reben bepflanzt, die den würzigen, höchst angenehmen Rochusberger Wem liefern, je nach der Lage in verschiedenen Sorten. , In dem in jeder Art vorzüglich eingerichteten und ebenso geleiteten Hotel kann man in stiller Abgeschiedenheit und doch dem Treiben des Verkehrs nicht fern, Ruhe und Erholung suchen und sich in allem Behagen an einem ber schönsten Panoramen Die zahlreichen Verkehrsmittel zu Wasser unb zu Lande laben zu den mannigfaltigsten Ausflügen in die herrliche Umgebung cm. ®lcr die Natur liebt und vor allem den Rheni, bem rufen mir zu. Hier auf des Rochusberges Höhn, Wo einstens Goethe stand und schaute, Sich an der Gegend Pracht erbaute. Mein Freund, ist es ganz wnnderschon. Kein Dichter in den kühnsten Bildern Vermag genügend es zu schildern. Laß Plag' und Arbeit, die du hast Und komm hierher zu froher Rast! Hier hörst du nur der Freude Laut, Hier stört dich nicht die böse Welt, Kein Mißton in den Hallen gellt, Die nicht ein kluger Mann erbaut. Komm zu des Rochusberges Höhn, Hier oben ist cs wunderschöii! Nachdruck verboten. Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weise einander verbinden, daß man — wie der König auf dem Schach brett __ stets von einem Feld aus auf ein benachbarte» übergeht. — Das im Verlage von Ullstein u. Co., Berlin, zum Preise h... rn mfiT erichienene Heft 22 der M u s i k f u r .l l l e gelaugt al^ besonderes I e r i e n - b e z w. S o m m e r h e f t zur Ausgabe. Das Heft führt uns mit dem größten Teil der gebotenen -Musikstücke "in das Hochland, aus die Schweizer und Tirolei. Berge. In einer Phantasie „Tluf der Alm" sind die schönsten unb markantesten Lieder zu einem Strauß von Tanzen, Landlern und Schuhplattlern vereinigt, die fast alle in dem jauchzen bti c$obler© auskliugen. Der kernige Humor der schweizer kommt in der Suite „Heiteres aus dem Hochlande" treffend zum Aus- benck Die' frische Lust der Berge atmet auch die Piere au» Mordonas Fedora: mit kräftigen Strichen ist da. die ganze Stimmung des Berglandes mit simen Aelpler-Gesangen und Kubreiaen getroffen In die Gegend des Rheins und de» Neckars verletz uns das allm-liebste Lied von Bohm „In der Rosm- laube". Ein sonnig-froher Tag, wie geschaffen znm Traumeii ’m Sieben ruht über Gillets „Geständnis . In die modernste ber Schlußmarsch von Zepler, der seiner Bperctte „pm Pocket" entnommen ist. •) An? „Iris" von Ilse Franke (Berlin, Egon Fleischel u. Go.)._________________________________________________________ Redaktion: Ernst Heß. — Rotattonsdruck unb Vertag der Brühl'schen Universitäts-Vuch- und Stetndruckeret, R. Lange, Auflösung in nächster Nummer, Auflösung des Citatenrätsels in voriger Nummer: Wenn Gnade Mörder schont, verübt sie Mord.