1906 iKJälw Mittellose Mädchen. Roman von H. Ehrhardt. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Metal" sagte sie hastig, mit geheucheltem Gleichmut auf einen vorübersausenden Wagen der Elektrischen blickend, »sag — glaubst Tu noch immer, daß ich Max — Deinen Mann, damals geliebt habe — daß ich daher mein Verständnis für solche Gefühle — ich mochte ihn ja furchtbar gern, so wie heute auch noch — aber so wie Du dachtest —" Sie geriet ins Stottern und Meta, die sich ein wenig verfärbt hatte, erlöste sie aus ihrer Verlegenheit, indem sie vornehin ruhig einfiel: „Glaubst Du, daß ich so mit Dir verlehren könnte, wenn ich das noch dächte? „Nein, Kleines, mein Mann hat mir alles gebeichtet, dauials, als seine Nerven krank waren und meine Liebe, stärker als mein Zorn, mich zu seiner Pflege zu ihm zurückführte — er hat sich nicht geschont, er hat also auch ehrlich eingesteheu müssen, daß Du ihn nie geliebt hast, wie er selbst cs Dir gegenüber tat." DaS- junge Mädchen wehrte erschrocken, Helle Glut im Gesicht, ab. „Ach, Meta, Du irrst Dich', Dein Mann hat sich ja auch nur eingebildet, mich zu lieben." „Nein, es war kein eingebildetes Gefühl!" erklärte die blasse Frau und während sie, sich leicht rückwärts wendend, ihren schwarzen Seidenrock höher raffte, verbarg sie dem Mädchen das wehe Lächeln, dem sie nicht zu wehren vermochte, „Du warst die Liebe, seiner versäumten Jugend — weißt Du, so eine Art erste Liebe die hell auflodert, aber Gottlob zu verloschen vermag, ohne schwere innere Wunden zurückzulassen. Das Gefühl, das ich durch meine ihm nicht mehr verhehlte Liebe und mein Verzeihen in ihm weckte, ist nicht so heiß, aber von wohltuender, gleichbleibender Wärme, die nicht zerstört, sondern erhält, und es ist das, was für mich zum Glück genügt, lleberschwenglichkeit liegt nun einmal nicht in meiner Natur, ich konnte nie so recht aus mir herausgehen, aber meinem Manne gefalle ich jetzt so wie ich bin —" Sie hatte ein mädchenhaftes Erröten für dieses Geständnis und Suse warf sieh stolz in die Brust und verlöschte mit ihrem fröhlichen: „Daun bin ich ja eigentlich Eures Glückes Schmied" den letzten Schatten der Vergangenheit. In bester Stimmung erreichte die kleine Gesellschaft das elegante Restaurant. Nicht ohne Mühe wurde noch ein freier Tisch für sie gefunden und der Major verständigte sich schnell mit einem der Kellner über ein exquisites, kleines Souper und die dazu nötigen Getränke. Trautendorf hatte sieh geschickt neben Suse geschlängelt, so daß er bei der Platznahme ganz natürlich neben sie zu sitzen kam und sie betätigten ihre gegenseitige Freude darüber durch einen verstohlenen Händedruck. Ruth saß zwischen dem Ehepaare, ein wenig benommen und doch innerlich freudig angeregt von dieser von Genuß und Frohsinn förmlich gesntttigten Atmosphäre, deren schwülen Hauch sie zum ersteirmale in schüchternen Zügen einatmete. Alle kleinlichen Bedenken fielen inmitten der Eleganz dieser Räume, umgeben uon dein Treiben des nächtlichen Großstadtlebens, an dieser reichbesetzteu Tafel voir ihr ab. Sie gab sich skrupellos dem hin, was der Reichtum der Verwandten ihnen bot. Vor vierzehn Tagen noch wäre ihre niedergedrückte, euipfindliche Seele vor solchem „Almosen" zurückgeschreckt. Jetzt schwang sie sich einer Lerche gleich frei und leicht in. den Höhen des Empfindens, in süßem Taumel die reale Wirklichkeit vergessend. Sie sprach und lachte und es war ihr selbst etwas Köstliches, ihre Stimme und ihr Lachen so heiter und belebt zu hören. Sie sah wunderbar schön aus. Gleich dunklen Fittichen fiel das schwarze Haar unter dem breitrandigen weißen Strohhut in ihre klare Stirn, ihre Augen strahlten groß nnb geheimnisvoll aus der zarten Blässe ihres Gesichts, um die tiefroten, stolz geschivungenen Lippen zitterte der Abglanz ihres heimlichen Glücks. Sie erregte Aufsehen. Man sah sich nach ihr um. Die Taillen mit Neid und einem mitleidigen Lächeln über die billige gelbe Seidenbluse, die gegen ihre spitzenüberrieselten Gewänder doch in jedem Fall den kürzeren ziehen mußte, die Herren lebhaft interessiert, beutelüstern, nur durch den „Generalstäbler" im Zaun gehalten, geärgert, daß die schwarzhaarige Schönheit ihnen absolut keine Beachtung schenkte. Sie hätten sich ja schließlich arlch damit begnügt, die Aufmersam- keit der süßen kleinen Blonden neben ihr zu wecken, aber die hatte ihre wunderbaren, blauen Kinderaugen widerum nur für ihren schlanken brünetten Nachbarn, dem man den Offizier in Zivil so deutlich ansah. Das war ein Getuschel und ein Gelache. Hätte Ruth sich nicht so lebhaft mit dem Major unterhalten, heute wäre sie sicher nicht länger blind gewesen. Meta jedenfalls merkte die wachsende Intimität der beiden mit einem leichten Zorngefühl. Was dachte sieh dieser leichtsinnige Trautendorf eigentlich? Er konnte Suse doch nicht heiraten. Er verdarb ihr durch diese Courmacherei nur die Chancen bei dem Oberregierungsrat. Aeltere Herren gerade sind bei so etwas sehr empfindlich. »Ich muß ein ernstes Wort mit ihr reden l" dachte die 322 blasse Majorsfrau geärgert, „das dunune Ding wird doch nicht so töricht sein, wegen so eines Flirts ihr Glück mit Füßen zu treten." Gleich darauf beschlich sie eine nagende heimliche Unruhe. Ja, war diese Heirat denn wirklich ein Glück für sie? Ihre forschenden Augen hefteten sich an das bildhübsche, blühende Mädchengesicht, wanderten weiter zu bei» jungen, lebensfrischen, kraftvollen Offizier und statt dessen dachte sie sich an Snses Seite den alternden Mann mit dem kahlen Schädel, dem häßlichen, verlebten Gesicht nnd der mühsam vorgetäuschten Jugendkraft, die nach dec Hochzeit zusammenbrechen würde. Und der heimliche, selige Lstolz fiel ihr ein, mit dem sie selbst sich noch heute an der siaitlichen Schönheit ihres Gatten freute. War es nicht eigentlich ein Verbrechen, wenn sie alle sich so um das Zustandekommen dieser Ehe bemühten?. Aber andernfalls? War Suse gefestigt genug für eine Ehe in bescheidenem Rahmen? Sie, die immer nur von Glanz und Reichtum für sich träumie? In leichter Berstimmung suchte Meta Ablenkung an dem bunten Bilde, das sich, beständig wechselnd, vor ihnen aufrollte. An ihrem Tische vorüber wogte der Strom der Gäste, elegante Herren im Frack, die von irgend einer Festlichkeit kamen, Provinzler im leichten, hellen Anzug, die auf der Durchreise in die Seebäder hier erst einmal Großstadtluft atmen wollten, die Damen in der Minderzahl, da die holde Weiblichkeit Berlins sich längst vor der drückenden Hitze nach See und Gebirge geflüchtet hatte — die wenigen jedoch in der ganzen Eleganz duftigster Sommertoiletten, wahre Blumengärten auf den unschön aufgebauschten Frisuren. Eben trat wieder eine Dame durch den Haupteinaang in den lichtstrahlenden, überhitzten Raum, gefolgt von drei Herren, die unverkennbar der vornehmen Lebewelt angehörten und sich durch die Art ihres Auftretens und ihre Begrüßung mit den Kellnern als häufige Gäste verrieten. Im Vorwärtsschreiten unterhielten die Vier sich eifrig und ungeniert. Die Dame lachte einmal laut auf und versetzte dem jungen Mann hinter sich, dec ein Monokle im Ange und eine rote Riesennelke im Knopfloch seines Smokings trug, einen derbe» Schlag mit dem kostbaren schwarzen Federfächer. Sie war eine überschlanke Erscheinung mit schlangenhaft schmiegsamen Bewegungen des weichlinige» Körpers, sehr blond, mit offenbar gefärbtem, ihr Sonbrettengefichtchen breit begrenzende», Haar, stärkt geschminkt, bis auf die rosig hervorschimmernden, dia- niantengeschmückten Ohrläppchen. Durch den dünnen Stoff ihrer aus Spitzen und Chiffon gefertigten Bluse leuchteten Nacken und Arme blendendweiß. Das Parfüm der Halbwelt umgab sie wie eine betäubende Wolke, untrennbar davon das leise Knister» und Rausche» seidener Unterkleidung. Dicht vor Ruth Meridies blieb sie einen Moment stehen, weil sich ihrem Weitergehcn irgend ein Hindernis entgegenstellte. Ihr leichtsinniges blaues Auge traf in das stolze dunkle des Mädchens, der Patchonliduft wehte aufdringlich. Ein starker Widerwillen, eine physische Uebelkeit ließ Ruths Züge hochmütig versteinern. Ihr Blick glitt verächtlich von ihr hinweg. Die hübsche Blonde zuckte spöttisch lächelnd mit den vollen roten Lippen. Dann rauschten ihre kostbaren Seidenröcke weiter. Sie verschwand mit ihre» Begleitern in der Richtung der separierten Zimmer. Am Nebentisch hatte sich ein Herr erhoben, nm zu grüßen, war aber nicht beachtet worden. Nun setzte er sich wieder hin und sagte zu seinem Gegenüber, welcher der pikanten Erscheinung mit einen, amüsiert vieldeutigen Lächeln nachgesehen hatte: „Es war die Lora vom Apollotheater, ach, Du kennst sie ja auch. Weißt Du aber, da Du seit Monate» vo» hier wegwarst, daß sie uns Berlinern schnöde den Rücken kehrt, Mm nach Wien zu gehen?" „Ne, ist mit neu. Was wird da der tolle Hammer dazu sagen?" Der Sprecher dachte augenscheinlich gar nicht daran. irgend eine Indiskretion zu begehen — die Sache wußte ja tout Berlin. Der andere lachte cynisch. „Na, Sie wissen ja, wie er ist, EdderS, der tröstet sich ebenso schnell, wie sie sich tröste» wird. Ich weite, der hat längst im stillen für einen Ersatz gesorgt — er heißt doch nicht umsonst — Donnerwetter!" unterbrach er sich, „ist ja sonderbar manchmal. Lupus in tabula.“ Ruth Meridies, deren Unterhaltung mit dem Major durch das kleine Intermezzo vorher unterbrochen worden ivar, und die wider Willen jedes Wort der Unterhaltung mit angehört hatte, wandte mechanisch den Kopf nach der Richtung, nach der die Blicke der Herren wiesen. Dort bahnte Willy Hammer sich einen Weg durch die dicht besetzte» Tische. Er halte den helle» Sommerüberzieher über die Schultern gehängt, sodaß der tadellose schwarze Salonanzug darunter zum Vorschein kam. I» dem schonungs- lose» Glanze der elektrischen Lichtbirnen zeigten sich in feinem eigenartigen Gesicht deutlicher als am Tage die Spuren einer tollen Vergangenheit. Nebenbei machte er einen stark ermüdeten, abgehetzten Eindruck, und Ruth kannte ihn genau genug, um ihm anzusehen, daß er äußerst gereizter Stimmung ivar. Es lag etwas schroffes, ablehnendes in dem Gruß, de» er hier und da zu geben genötigt war und sehr viel Hochmut in der Handbewegung, mit der er einen ihm wohl eine Bestellung zuflüsternden Kellner abfertigte. Das lachende, frischgerötete Gesicht seines zierlichen Begleiters, sein kordial liebenswürdiger Griiß flache!, förmlich wohltuend gegen den erkältenden Ernst des bekannten Künillers ab, der sich aus der Beachtung, die man seinem Erscheinen widmete, wenig zu machen schien. Keine innere Stimme sagte ihm, daß nur wenige Schritte von ihm entfernt ein stolzes Mädchenherz sich feinehuegeii in Todesqualen wand. Ruth saß regungslos gleich einer Bildsäule, als die beiden Herren längst verschwunden waren. Sie hätte sich die Ohren zuhalten mögen und horchte doch, wie ei» Mensch, der magnetisch angezogeii, auch immer wieder irgend einen grausigen Anblick sucht, auf die jetzt leiser geführte Unterhaltung am Nebentische. Nach einer wegwerfenden Bemerkung über Hammers „Protzendünkel" erzählten die Herren sich pikante Einzelheiten ans seinem Verhältnis z» der blonden Lora, die Gottlob nur bruchstückweise verständlich waren. Niemand von der übrigen Gesellschaft hatte von all beut etwas gemerkt, auch kannte nur Suse den Male,r persönlich unb die saß so, daß sie ihm den Rücken zugekehrt hatte. So blieb es Ruth wenigstens erspart, daß eine seis auch harmlose Indiskretion Gift in die brennende Wunde ihres Herzens träufelte. Ströme von Blut schienen ihr dieser Wunde zu entfließen, unaufhörlich, unaufhaltsam, wie glühende Tränen. Ein Ersatz für eine Lora! Also das ivar sie ihm ge- ivesen! — Nicht die Frau feiner Liebe, sondern nur der Gegenstand eines häßlichen, sie tätlich beleidigenden Begehrens. Und gerade sie, die sich vor so etwas immer so grenzenlos geekelt hatte, die schon von Klansens ehelicher Zärtlichkeit angewidert ivordeii ivar. Ihr schiens, als ob eine schmutzige Welle an sie herangespült wäre unb ekle, untilgbare Spuren an ihr zurückgelassen hätte. Sie glaubte ans einmal eine Erklärung zu haben für bas instinktive Mißtrauen, des heimlich empörte Auflehnen, mit dem sie sich zuerst gegen biesen Mann gewehrt hatte. Es war bie stolze Reinheit ihrer Seele geiuefen, bie ben Schmutz gefühlt, ohne von ihm zu ivissen. Unb doch war sie unterlegen, hatte biesen Mann lieben gelernt. Ja, sie liebte ihn in dieser Stunde noch, da ihr Stolz verlangte, daß sie ihn verachten sollte. Das war der Stachel in der blutenden Wunde! Sie, bie stolze, reine, halte ihr bestes, höchstes Empfinben vergeubet an einen Unwürdigen. Es ivar so ungeheuerlich, daß sie fast lächeln konnte darüber. Ein wehes, schneidendes Lächeln! (Fortsetzung folgt.) 323 — Karl Ernst Knodt. 3uui 50jährigen Geburtstag des hessischen Waldpfarrers. In seinem stillen Dichlerhenn zu Bensheim a. d. Bergstr. begeht heute, am 6. Juni, der hessische Dichter Karl Ernst Knodt seinen fünfzigjährigen Geburtstag, und viele dankbare Herzen werden an diesem Tage des schlichten Waldpfarrers gedenken, der in seinen gemütstiefen Gedichten den denkenden Leser aus der Hast und Unrast des Lebens hinweist auf die Ewigkeit, und wohl in jeder Brust bekannte und ckief im innersten Wesen selbstempfundene Töne anklingen läßt. All das, was des Menschenherz bewegt, des Herzens Leid unh Freud gestaltet sich in dem schlichten Gemüt des Dichters zu gedankenreichen und dabei formvollendeten Gedichten, die zu dem Besten gehören, was die neueren deutschen Lyriker unserem Volke gegeben haben. Knodt ist ein Sohn der sonnigen Rheinlande, in Eppelsheim ist er geboren. Von seinem äußeren Lebensgang ist wenig zu berichten, denn sein Dichtertalent bildete sich fern von dem Getriebe der großen Welt, in dem stillen, weltabgeschiedenen Odenwalddörfchen Ober-Klingen. Wer das etwa vier Stunden von Darmstadt entfernte, in eilt weltentrücktes gesegnetes Tälchen am Fuße des hochragenden Otzberg gebettete Dörfchen kennt, in dem er längere Zeit als Pfarrer wirkte, findet es begreiflich, daß und wie sich Küodts starkes dichterisches Talent entwickelte und nach seinem Ausdruck rang. Er versetzt uns in den meisten seiner Lieder in die blühende, ihn umgebende Natur und sein echt deutsches tiefreligiöses Gemüt spricht in ihnen seinen Dank aus gegen "den Weltenschöpfer. Gott und die Natur sind die beiden Begriffe, die seine dichterische Welt beherrschen, und so finden wir in seinen Poesien neben dem Lob der Schönheiten unserer Heimat, insbesondere des deutschen Waldes, schlichte religiöse Lieder, Lieder der Sehnsucht. Denn auch ein Sehnsuchtsdichter ist Knodt, aber er ist nicht erfüllt von der Sehnsucht der modernen weltschmerzlichen Dichterjünglinge, die in den Kaffeehäusern der Großstädte sitzend die deutsche Literatur und das Leben „verbessern" wollen und unbefriedigt und im Grunde genommen nutzlos dahinleben, sondern von der Sehnsucht der natürlichen, gesunden und starken Naturen, die sich mit ihrer Gedankenwelt hinaufschwingen über den Geist des Alltäglichen zu Gott. Nichts konventionelles und nichts gemachtes haftet seinem starken Gottesglanben an und die Frömmigkeit wird für ihn nicht zur Marktware, sondern sie ist der Ausdruck seines Gemütes. Nahezu 40 Jahre war der Dichter alt, als sein erstes Werk erschien, das Buch „Aus der Waldecke". Es ist ein Hohelied von dem deutschen Walde, den Knodt sozusagen an der Quelle studiert hat. In diesem ersten Buch finden wir die eigenartige Stimmung, die Knodts Dichtungen charakterisiert. Die „Sehnsucht ist's, die ewige Wunder webt", schrieb er mir als Widmung in seine „NeuenGedicht e". Von Knodt haben wir das feine, wunderliche Buch „Wir sind die Sehnsucht", eine mit kogenialem Verständnis ausgewählte Liedersammlung moderner Sehnsucht. Ein Menschheitsmärchen nennt der Dichter sein erstes Prosawerk „Fontes Melusin ae", durch das er die Melusina- literatur um einen bleibenden wertvollen Beitrag vermehrt hat. Es ist ein Sang der Sehnsucht nach reiner Auffassung von Welt und Weib. Prächtig ist in diesem tiefdurchdachten Werke wiederum die Naturstimmung. Das reifste Werk Knodts ist das prächtige im vorigen Jahre erschienene Buch „Ein Ton vom Tode und ein Lied vom Leben", in denk des Dichters Auffassung von den Beziehungen der Menschen zu Gott und zum Leben uns in schlichter Größe entgegentritt. Wir glauben nicht besser zum eigenen Lesen von Knodts Gedichten und zum Nachdenken über die von ihm behandelten Dinge anregen zu können, als dadurch, daß wir einige seiner Lieder hier wiedergeben: „Ein Orakel." Als ich das Leben Allein nicht ertrug, Als ich die Gottheit Uni Gaben srug — Kam mir aus Lullen Das seltsame Wort, Das ich nun hege Als heiligsten Hort: „Alles ist Gnade, Auch einsame Piade." „Deutsch Sprechen ist fast wie Schweigen." Leise sind die Liebeslieder, Tie aus deutschem Geist erklingen, Wie Du sie im Dori von Mädchen Abends hörst am Brunnen singen. Wie Du sie von Deiner Mutter Hörtest bei dem Kiuderwiegcn, Und wie sie als Wanderweisen Durch die Sommerwäldcr fliegen. Soll ich Dir die Seele sagen, Die dem deutschen Liede eigen, Das unsterblich ist wie diese? Deutsche Liebe ist wie — Schweigen! * Sein 50. Geburtstag gab Veranlassung, daß Prinz Emil zu Schönaich-Carolath seinen Namen an die Spitze eines Aufrufes gesetzt hat, um weitere Kreise aus Knodts dichterisches Wirken aufmerksam zu machen. Der Knodt befreundete Darmstädter Bildhauer D. Greiner hat eine Plakette modelliert, die auf der Vorderseite das Bildnis des Dichters und ans der Rückseite die Gestalt seiner Melusina trägt. Außer diesem Erinnerungsstück hat Karl Engelhard ein Gedenkblatt yerausgegeben, mit dessen von warmer Freundesliebe diktiertem Inhalt auch das kühlere Urteil Fernstehender sich einverstanden erklären dürfte: „Was uns am stärksten zu ihm hinzieht, das ist seine ausgeprägte, klare, in Gott gegründete und zu Gott aus- strahlende itnb deshalb auf alle Herzens- und geistesverwandte Seelen mächtig beeinflussend wirkende Persönlichkeit!" E. H Ale Kerstomertour. 1600 Kilometer durch Deutschland und Oester- r e i ch. 5.—13. Juni. Eine Sportplauderei. Jin Sport ist es heutzutage gar nicht so schwer, zu Ruhm zu kommen. Es ist nicht einmal nötig, aktiv in irgend einem Zweig sportlicher Tätigkeit über den Durchschnitt hinauszuragen, es ist nur notwendig, eine gute Idee zu haben und einen dazu passenden Geldbeutel, um seinen Namen in aller Munde zu sehen. Und wenn Hubert von Herkomer, der deutsch-englische Maler, der unweit Münchens ein prachtvolles Schloß fein nennt, aber in London seinen ständigen Wohnsitz hat, nicht schon seines Pinsels wegen ein berühmter Mann wäre, würde er es doch durch die Stiftung jenes Automobilpreises geworden fein, der nach ihm den Namen trägt. In einer Zeit, wo die Schnelligkeitsrennen im Anto- mobil auf dem Aussterbeetat sich befanden, wo es nicht mehr galt, ans einer möglichst langen und schweren Strecke eine möglichst kurze Zeit zu gebrauchen und einem Weltrekord um den anderen, wenn auch nur um Bruchteile von Sekunden den Garaus zu machen, war es eine gute Idee, eine internationale Tourenfahrt in Anregung zu bringen. Es sollte hier nicht auf die Schnelligkeit allein ankommen, sondern in erster Linie auf die Ausdauer des Wagens und die möglichst geringe Abnntznng des Vehikels und schließlich auf die Kunst, die Berge hinaufzukraxeln. Da Herkomer ein Bayer ist, so übertrug er die Ausarbeitung des Programms dem bayerischen Automobilklub. Es wird noch in Erinnerung fein, wie glatt diese erste tzerkomer- konkurrenz im vergangenen August verlief. Am Kesselberg fand das Bergsteigerenuen statt nach einer sturmgepeitschten Nacht. Zwei Tage später wurde auf Schnelligkeit im Forstenrieder Park bei München gerannt und dann nahm die eigentliche dreitägige Tourenfahrt von München über Baden-Baden iiach Nürnberg und München ihren Anfang. Der Sieg fiel einem jungen schneidigen Stndio aus Mannheim, Namens Edgar Ladenburg zu, einem mit Gold überladenen Herrn, der es sich leisten konnte, einen vierzigpferdigen Mercedes zu steuern, der tadellos über alle Kurven und sonstigen Hindernisse hinwegfegte. Er geivann den phantasievollen Wanderpreis des Stifters, übrigens ein in Silber getriebenes Kunstwerk Herkomers, der ja nicht nur Maler ist, int vollen Werte von 10 000 Mark. Auf einem niedrigen Sockel erhebt sich eine Staubwolke, die das Töff-Töff verkörpern soll. Auf der Wolke schwebt Merkur und schwingt sich vorwärts, einem unendlichen Ziele zu. An seine Schulter lehnt sich in strahlender Schönheit die göttliche Nike, ein Steuerrad in der Hand. — 824 — Das ist der Herkomerpress, der in das Eigentum desjenigen übergeht, der zweimal in drei aufeinanderfolgenden Konkurrenzen gesiegt hat. Also eine sehr schwer zu erringende Trophäe. Tritt aber dieser Fall zweimaligen Sieges nicht ein, so entscheidet unter den drei Siegern das Los. Aber noch ein übriges hat Herkomer geleistet: er malt das Konterfei des Siegers, ob es auch gar nichts malerisches an sich hat. Hierzu kamen im vergangenen Jahre noch etliche goldene und silberne Kostbarkeiten für die nächstbesten Wagen, die nach einem konrplizierten Punktsystem gewertet wurden. Sehr nobel war der Preis der Stadt München, und die Berliner haben ihn am neidischsten betrachtet, denn die deutsche Reichshauptstadt hat für derlei Zwecke nicht einen kupfernen Pfennig übrig. Kaum, daß sie sich bei solchen Anlässen herbeiläßt, einen alten Stadtvater mit goldener Amtskette gnädigst hiuzubeordern. Der Erfolg der ersten Herkomertourenfahrt, die über die Strecke von 900 Kilometer ging, spornte zu weiterem Schaffen an, denn von den 79 Wagen, die vor den Toren Münchens sich auf die weite Reise machten, kamen 69 Wagen am Ziel in Schwabing an. In diesem Jahre wird den armen Autler noch schärfer auf dm Zahn (d. h. auf die Achsen und 'auf die immer zum Plagen aufgelegten Pneumatiks) gefühlt werden, denn der zu befahrende Kurs zieht sich 1600 lange Kilometer hin. Die Strecke geht von Frankfurt a. M. an und führt am ersten Tage durch den Spessart über Würzburg und Nürnberg nach München (400 Kilometer). Di« zweite Etappe umfaßt 290 Kilometer und führt von der bayerischen Hauptstadt über Salzburg nach Linz. Schon hier ist manche scharfe Steigung zu bewältigen, und je näher die schwarzgelben Grenzpfihle, desto schlechter wird die Straße. Die dritte Etappe Linz- Wien weist zahlreiche Kurven auf und ist sehr bergreich. Die habsburgischen Nachbarn rüsten sich zu 'einem glänzenden Empfang und werden ihre Gäste zwei Tage bei sich beherbergen. An der schönen blauen Donau sollen die Wagen einen sogenannten Schönheitswettbewerb durchmachen. Ein Laie würde nämlich gar nicht glauben, was die Herren Automobilrichter alles schön finden, während die Nichtkenner achtlos vorübergehen und- sich nur die blank- geputzten Wagen mit seinem Polster auschauen. Es gibt Touristen, die ein ganzes Warenlager mit sich schleppen, in dem bis zum Tintenfaß und bis zum Sektkühler herunter nichts fehlt. Andere sind sparsamer und befreien ihren Wagen von unnötigem Ballast. Die vierte Etappe reicht von hier nach Klagenfurt, 316 Kilometer. Kurz hinter Wien werden die Bergsteiger geprüft, denn auf der elf Kilometer langen und recht serpentinenreichen Semmering strecke wird gewertet, welcher Wagen am schnellsten die Höhe hinauf zu klimmen vermag. Schon hier wird mancher Schiffbruch leiben und alle Hoffnungen sinken lassen müssen. Und daun erst die bergigen Schlängelwege in der grünen Steiermark! Die Automobilkavalkade steckt mitten in den Alpen und kostet alle Fährlichkeit einer Bergfahrt durch. Der fünfte Tag trägt die Autlerschar von. Klagenfurt nach Innsbruck (332 Km.). Hier ist mehr Muße zum Genießen der Zillertaler Alpen. Zu guter» letzt winkt das Ziel Innsbruck-München, eine Spaziertour von nur 140 Km., die reine Kinderspielerei, wenn nicht der verrufene steile Zirlerberg hatte genommen werden müssen. Bor den Toren Münchens, im Forstenrieder Park, hat die ganze Garde, von Innsbruck kommend, im Schnelltempo zu rasen. Der Wagen, der in der Gesamtwertung die geringste Punktzahl aufzuweisen hat, ist Sieger. Aber auch noch dem zehntbesten Auto winkt ein Preis, sind doch von freundlichen Gönnern Gaben im Werte von rund 40 000 Mark neben der Herkomertrophäe gestiftet worden. Ueber alle Maßen stark wird die automobilistische Heerschau ausfallen, denn gegen 160 Wagen werden auf die Reife gehen. Aus aller Herren Länder werden sie kommen: Aus England und Frankreich, Amerika und Belgien, Oesterreich und Deutschland, und alle „Märken" werden zur Stelle sein, und alle Arten von Pneumatiks. Der vornehmste Fahrer wird Prinz Heinrich 'von Preußen sein, und ein General, der Freiherr von Könitz, wird ihm als Kontrolleur dienen, denn jeder Wagen erhält einen Aufseher, der sorgsam alle Mucken des Wagens notiert. Der Prinz hat die Herkomertour populär gemacht, und sein Start bewog Viele, auf die luette Reise mitzugehen. Denn so etwas ist schließlich im steifen Preußen noch nicht dagewesen. Im bongen Jahre, schon als Mann und Wagen in München bereit standen, hat der Prinz, wie noch erinnen lich sein wird, Hals über Kopf Fahrt Fahrt sein lassen und sich 'von dannen gemacht, da er dem Großfürsten Cyrill aus dem Wege gehen wollte. Neben dem Prinzen sind noch zahlreiche andere Notablen sichere Herkomerfahrer. Da ist der Herzog von Arenberg-Nordkircheu, der Lord Montagne of Beaulieu, der Erbprinz zu Erbach-Schönberg, Baron Adrien de Türkheim der ehemalige deutsche Reunreiter v. Eynard, und eine Anzahl von Automobilisten, die kein Prädikat, aber eine Portion Ansdauer und eine kleine Dosis Mut besitzen, um sechs Tage lang, vom ersten Morgengrauen an, die schwere Partie über Berg und Tal sich zu leisten. Aber schließlich gilt das alles nicht dem Sport, sondern der Vervollkommnung des jüngsten Verkehrsmittels. Tom. VSVMisMSK. Eine Vorlesu ng über das Kochen. In Wien fand kürzlich eine Frauenversammlung statt, die nach dem „Neuen Wiener Tageblatt" im- gewöhulich zahlreich besucht war. Der Direktor der Erste» Wiener Bürger- kochschule, Herr Hcitz, sprach über Kochen und Backen, über Braten und Rösten, über Kaffee und Tee, über Mark und Fett: Butter und Margarine, Kunerol und Gansfett ließ er Revue passieren und dann kam ein. aktuelles Kapitel: das Fleisch, das sündhaft teure Fleisch und — der Ersatz dafür. Einen solchen bieten z. B. die wohlfeilen Seefische, und mit besonderem Interesse verfolgte das Auditorium den Borgang, wie Herr Heitz aus dem billigen Kabeljau aus der Ascania-Glasplatte sehr appetitliche panierte Filets berertete. Für die eingefleischten Fleischesser — wenn man so sagen darf — oder vielmehr für ihre Gattinnen sorgte der Redner, indem er, schneidend und klopfend, bewies, daß man selbst aus dem flachsendurchzogeneu Fleische der Kalbsstelze schöne Naturschnitzel bereiten könne. Ach, welche Lust, den teueren Schlegel in der Fleischbank hängen laffen zu können! Die Verbesserung der Suppe wurde auch nicht außer acht gelassen — Stückchen Fleisch saschieren, sieden, die Brühe mit Eiweiß klären und zur Suppe gießen — ein veritables Hendel wurde dressiert, gebraten, kunstgerecht tranchiert — und als es in drei verschiedenen Arten graziös angerichtet war, zur näheren Besichtigung ausgeboten. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen", und so besprach der Redner auch die Kompott- und Geleebereitung, das Gesrorene, die Verwendung von Rosenblättern und das nimmer versiegende Thema der Jourbäckereien, der Sandwichs, Kanapees, marmorierten Wecken usw. — Eine Frau mit sechs lebenden Gatten. Mrs. Ida May Knapp Spivey hat sich in ein paar Jahren sechsmal verheiratet, hat immer schon nach kurzer Zeit ihre Galten verlassen und sich ihrer vielen Heiraten stolz gerühmt. Als aber eine Anklage wegen Bigamie in Hamilton gegen sie erhoben wurde, entfloh sie ihrer Strafe. Es stellte sich heraus, daß sie zuerst einen Bergmann, dann einen Schuhputzer, dann einen Bremser, dann einen Droschkenkutscher und zuletzt nacheiiiairder zivei Brüder, Spivey, geheiratet hatte, die alle noch leben. Der Schivager dieser Brüder, Edward Bacon, stellte nun ihre verschiedeneir Berehelichimgen lest und erhob daralif gegen sie Airklage. * Sie waren noch nicht lange verheiratet und das seelenvolle Vertrauen, das junge Eheleute zu einander haben, ivar noch nicht geschwunden. Aber eines Morgens bemerkte sein Weibchen zärtlich: „Ich habe gestern abend, als du zu Belt gegangen warst, das Loch in deiner Hosentasche zugenäht, lieber John. Nun, bin ich nicht eine aufmerksame kleine Frau?" Gatte (langsam): „Ja — äh — allerdings — du bist sehr aufmerksam, Schatz. Aber wie zum Henker, bist du dahinter gekommen, daß da ein Loch in meiner Tasche war?" Kunst. — Beit Stoß, dem großen Nürnberger Bildschnitzer, ist der 81. Band der Künstler-Monographien (Preis 3 Mk., Verlag von Velhageu u. Klasing, Bielefeld und Leipzig! gewidniet. Berthold Daun, der Verfasser dieses Bandes, hat es verstanden, einGesamt- bild der Tätigkeit vo>r Veit Stoß z» geben, und man staunt doch über den gewaltigen Ilinsang des Schaffens des fleißigen Aieisters, das wir hier in Wort und Bild (der Band bringt 100 Abbildungen) verfolgen können. Ein Schaffen, welches auch dadurch inlereßäiit ist, weil es sich auf zwei hent so ganz ivesensverschiedene örtliche Gebiete verteilt: auf Krakau und Nürnberg mit seiner engcrn und weitern Umgebung. Man köimte sich nach der Lektüre dieses Buches wohl vorstülen, daß ein Dichter Beit Stoß in den Mittelpunkt eines Künstlerroinans des 15. Jahrhunderts stellen dürfte. Logogriph. Nachdruck verboten. Bald bin in Büchern ich, häng' an den Wänden bald; Mit einem andern Kopfe leb' ich in dein Wald. m. Auflösung tu nächster Nummer. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der BrLbl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, GirßerU