Montag den 5. Hlovemöer 1906 163 Am Wanne des Oeßeimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Wenn er sie ausfindig machen konnte, so würde auch er Geld aus derselben Quelle bekommen — Geld genug, um anständig und als seiner Mann zu leben und Betsy als seine Dame dabei, solange sie lebten. Mer wie — wie sollte er diese Verwandten ausfindig machen? — Wer waren und wo wohnten sie? Jan Latte manche Romane seiner Zeit gelesen, Erbschafts- und Jntriguengeschichten waren ihm vollständig, vertraut. „Angenommen", grübelte er vor sich hin, „Werner ist der richtige, wirkliche Erbe einer großen Besitzung und vielen Vermögens und er ist um die Ecke gebraust worden, damit nun jemand anders das alles hat — wenn ich dann nur das Geheimnis herauskriegen könnte, so würde ich schwören, daß ich es bewahren wollte, und bekäme dann meinen Teil von der Beute. Das wäre nur billig; ment eigener Witz hat's herausgebracht, daß ein, Geheimnis existiert, und ° dafür verdiene ich was, das ist klar." O, Lady Wayne! Lady Wayne! Von Ueppigkeit und Pracht umgeben — glänzend, fürstlich, schön, eine Königin unter den Frauen, eine angebetete Gattin, eine stolze Mutter, eine Herrscherin iit der Gesellschaft — wie wenig träumtest du von der Schlange auf deiner Spur! Wie wenig ahntest du, daß es einen Menschen in der weiten Welt' gab, dessen ganze Hoffnung darauf gerichtet war, das Geheimnis der Vergangenheit ausfindig zu machen! Wie wenig sahst du, wie das schreckliche Verhängnis naher und näher zog — wie sich das verhängnisvolle Netz dichter und dichter um dich zusammenzog! — Jack gestand sich selbst ein, daß sein Witz zu Ende sei. So weit war es gegangen, weiter ging's nicht mehr. Er zögerte noch manchen Tag in Mbotsville. Er ging überall hin, hörte aber nie ein Wort, das sich im geringsten Grade auf seinen Gegenstand bezogen hätte. Er machte seine Sache nicht schlecht; er gab sich den Anstrich, ungemein viel von Pferden zu verstehen; schloß Bekanntschaft mit verschiedenen Kutschern,, Bedienten von Doktoren, Hausknechten und dergleichen, in der richtigen Annahme, daß irgend ein Geschichtchen aus der „chronique seandaleuse" diesen zuerst bekannt sein würde. Aber nie auch nur ein Wort! Er nahm seine Zuflucht wieder zu seiner alten Erfindung, die er Herrn Hoggs bereits vorgetragen, und wiederholte die Geschichte, die er im Zug gehört haben wollte. Aber es war alles vergebens; es gab tatsächlich keinen Weg, über diese Schwierigkeit wegzukommen. Die Tage vergingen, und Jacks Gesicht wurde düsterer und düsterer, seine Stimmung wurde immer nieder,ge- geschlagener. Er wußte, daß sein kleiner Geldvorrat nicht viel länger mehr vorhalten würde, und wenn der erscyopft war, hieß es gehen. _ Er war zuerst so außerordentlich hoffnungsvoll, so zu* versichtlich gewesen, daß die nachfolgende Enttäuschung nur um so größer war. „ War es denn möglich, daß er nach Elton zuruckkehrett mußte, ärmer, als er es verlassen, daß er nichts entdeckt hatte, als daß seine großartigen Pläne sehr wahrscheinlich wie eine Seifenblase zerplatzen mußten? Wie sollte er Betsy unter die Augen treten? Er hatte ihr große Neuigkeiten versprochen, und hatte nun nichts zu betuchten, als einen jämmerlichen Reinsall. Nicht einmal ein Geschenk hatte er, das er ihr geben konnte, hatte er doch erfahren müssen, daß die Jagd nach einem Geheimnis eine sehr mühsame, und dabei recht kostspielige Arbeit ist. Die Leute verlangen viel, wenn ste . sprechen sollen. Er hatte große Summen — was er große Summen nannte — für Wein für Herrn Hoggs und für sonstige Spirituosen bei seinen übrigen Bekanntschaften verausgabt, und als er nun überschlug, was sie ihm erzählt hatten, schmolz das Ganze ungefähr zu nichts zusammen. „Nun ich soweit gegangen bin, will ich auch noch werter gehen", sagte er sich. „Hier ist nichts mehr zu erfahren, das seh' ich. Meine Mutter soll gezwungen werden, mir den Rest zu erzählen, denn wissen will und muß rch's!^ Wenn Marian West, die ihre Schwester damit getröstet hatte, daß ihr Geheimnis tot und begraben sei, — den Ausdruck sinsterer Tücke und Basheit, den Jacks düsteres Gesicht bei diesen Worten geigte, gesehen hätte, fie hatte gezittert und gebebt in Besorgnis um das Schicksal der einen, die sie am meisten liebte. 32. Kapitel. Wieder in Elton- Betsys Augen sahen nach ihm hin, und er konnte nicht umhin, den erwartungsvollen Ausdruck in ihren schwarzen Tiefen zu bemerken. Er bereute es jetzt bitter, daß er ihr so viel gesagt hatte, als er weggegangen war. Jetzt stand er da, blank, ratlos; er hatte ihr nichts zu geben und nichts zu erzählen. Eie hatte ihn sehr liebenswürdig und kachelnd empfangen, ihm die Wange zum Kuß hingehalteu, mit enter Gebärde, als sei sie eine Königin und er ein Untertan, mit dem die Herrscherin huldvoll zu verkehren geruht, und dann sah sie ihn an. Jack wußte, der Bltck hreß: „Was hast du mir mitgebracht, und wo sind denn nun ine großen Neuigkeiten?" ., , ., Und er hatte nichts zu geben und nichts mitzuteilen. Für einen jungen Mann, der gern glänzte, wie Jack, war es eine schmähliche Lage, und als solche empfand er sie auch. ' „ r Betsys funkelnde schwarze Zigeuneraugen lasen m feinem Gesichte, als wäre es ein gedrucktes Buch gewesen.^ „Du siehst niedergeschlagen aus, Jack", sagte sie Plötze MI MM — 650 — lich. „Ich glaube, daß es dir in dieser Zeit nicht nach der Mütze gegangen ist. „Nicht besonders; es wird alles seinerzeit schon in Ordnung kommen; aber es dauert ein bißchen länger, als ich dachte." Cie sah ihn ungläubig an. „Ich glaube", sagte sie nach einer Pause, „es steckt schließlich doch nichts dahinter. Du wirst mich doch niemals zu 'ner Dame machen können. Merk dir eins: ich frage nichts danach; es war nicht wegen so was; daß ich dich zuerst leiden mochte; aber du solltest nie was versprechen, ivas bu nicht durch führen kannst." „Ich kann alles durchführen, was ich versprochen habe",. gab er zurück, „aber nicht ganz so schnell, wie du es wohl willst — das heißt, ich meine, wie ich es Wohl will. Hab' Geduld, Betsy; es wird sicher alles schon in Ordnung kommen." „Was ist denn schief gegangen?" fragte-sie. „Denk' dir, es wäre jemand ausgegangen; er ivollte irgendwohin und könnte nun absolut nicht weiter, wäre auf eine glatte Mauer gerade mitten auf seinem Weg gestoßen, was sollte er da tun, Betsy?" „Umkehren, mein' ich, und einen andern Weg probieren." „Und das will ich gerade jetzt tun. Ich weiß, es existiert ein gewisses Geheimnis, und ich dachte, der Weg, den ich jetzt neulich gemacht, würde mich dahin führen. Statt dessen kam ich vor die Mauer, Betsy, und jetzt muß ich umdrehen und es mit einem andern Weg versuchen. Verlaß dich drauf, Betsy, der nächste Weg, den ich einschlage, wird zum Erfolg führen." „Na, deinetwegen hoff' ich das. Ich muß sagen, ich glaube nicht, daß du überhaupt zur Arbeit viel taugst, Jack, wenn ich meine Meinung sagen darf." „Nein", war die zustimmende Antwort; „ich habe immer gefühlt, daß ich zu einem feinen Mann geboren sei." „Es gibt so viele verschiedene Arten von feinen Leuten, daß ich, für meinen Teil, fast lieber einen gewöhnlichen, ordentlichen Mann haben möchte." „Ach, Betsy,. denk nur, wie fein du aussehen wirst, wenn du ganz in Seide und Sammet gekleidet bist, in einem Wagen fährst mit vorn und hinten Bedienten drauf." Ihr hübsches Zigeunergesicht hellte sich auf. „Ja, das laß ich mir gefallen Jack, aber wird das überhaupt kommen?" „Hab' Geduld, und du sollst sehen." Ihre braunen Finger spielten mit den Knöpfen au seinem Rock, und Jack wußte, daß sie auf seine gewöhnliche Opfer» gabe wartete, und er hatte ihr nichts zu geben. Eine nnbehagliche Pause. „Ich habe einen neuen Verehrer gehabt, seit du weg warg", sagte sie endlich. „Er wollte mir auch eine goldene Brosche geben, aber ich wollte sie nicht annehmen. Ich dachte, es wäre dir am Ende nicht recht gewesen, Jack." „Nein, ganz sicher wär' mir das nicht recht gewesen. Ich möchte dich wohl geradezu vor jedem verstecken, Betsy, sodaß niemand dich bewundern könnte, als wie ich." „Das würde mir aber nicht gefallen, Jack. Hast du — hast du mir nichts von London mitgebracht?" Tatsächlich sah Betsy Fenton, bei all ihrer wilden Schönheit und ungestümen Liebe, doch auch auf die Hauptsache. Sich vergaß sie nie; sie hatte es gern, wenn ihr möglichst viel geschenkt wurde; und sie hätte den Mann, den sie am liebsten hatte, schief angesehen und angemault, wenn er nicht Friedensopfcr in Gestalt von Geschenken gebracht hätte. Jack verstand diesen Charakterzug bei seiner Herzallerliebsten vollkommen. „Ich habe dir nichts mitgebracht, Betsy, Schatz, weil ich nur eine gewisse Summe mitgenommen hatte, und die ist alle bei den Nachforschungen aufgegangen; aber warte nur noch em Weilchen. Ich habe wunderschöne Broschen nnb Juwelen in den Schaufenstern gesehen — aber nichts strahlte und 'm roie ^ine Augen. Du sollst das Schönste haben, das für Geld nur zu kaufen ist, Schatz." - obwohl Jack sein Bestes tat, sah er, daß seine Herrin nicht zufrieden war. Er versuchte 311111 Ersatz dafür, daß er kein Geschenk mitgebracht, seine Komplimente extra stark und süß zu machen, aber Betsy war nicht herumzukriegen. „Hast du mich sehr vermißt?" fragte er. „Ich habe jeden Augenblick an dich gedacht. Ich habe keine gesehen, die auch mir halb so hübsch war, wie du." Doch Betsy war nicht zu versöhnen. Sie hatte zum mindesten eine Brosche oder doch sonst was sehr Hübsches aus London erwartet. Komplimente ivaren nicht viel wert und ließen sich nicht tragen wie Schmucksachen. „Ich habe heute abend noch viel zu tun, Jack", sagte sie nach einer weiteren ungemütlichen Pause. „Du käimst in ein oder zwei Tagen wiederkommen, wenn du Zeit hast." Und mit diesem kühlen Willkommen mußte er wohl oder übel zufrieden sein. Jack ging in einer nicht gerade beneidenswerten Gemütsstimmung heim. Er hatte Abbots- ville ohne die Auskunft verlassen müssen, die zu suchen er sich so viele Mühe gegeben hatte. Der Weg war ihm vollständig versperrt. Von niemandem konnte er auch nur das Geringste darüber erfahren, wer Werner war, oder überhaupt nur etwas über ihn. Ebensowenig konnte er vorläufig einen Weg sehen, wie er sich diese Kenntnis verschaffen solle. Seine Mutter hatte enttäuscht dreingeblickt, als er zurückgekehrt war. Sie hatte ihn gleich gefragt, ob es ihm geglückt, die Arbeit zu bekommen, deretwegen er losgegangen mar, und sehr brummig hatte Jack geantwortet: „Nein," „Nun, du mußt es natürlich am besten wissen, Jack, aber ich meine, es ist doch sehr schade, soviel Gold für was Ungewisses auszugeben." „Es ist nichts Ungewisses!" hatte er gebrüllt, sich dann geweigert, den Kaffee zu trinken, den sie ihm gekocht hatte, und war hinaus und davon gerannt, Betsy zu treffen. Betsy hatte ihm auch nicht gelächelt, und nun war er ganz und gar mit sich selbst und der Welt zerfallen und kreuzunglücklich. „Meine Mutter muß mir's sagen", brummte er vor sich hin. „Ich werde grob mit ihr sein müssen, aber ich kann's nicht andern, ich habe keine andere Wahl." — „Nun, Jack", sagte seine Mutter, als er mit bewölkter Miene und einem verdächtigen Funkeln in den Augen wieder in die kleine Stube trat, „nun leg' mal gefälligst deine üble Laune beiseite und iß dein Abendessen." Er ließ sich zu dem schmackhaften Abendessen nicht so lange nötigen, wie zum Kaffee, sondern ließ sich nieder und langte schweigend zu. Nachdem das Mahl beendet, sah ihn seine Mutter an. „Du gehst heute abend nicht wieder aus, Jack?" „Nein", versetzte er; „ich will ein bißchen mit dir plaudern." „Es geht nichts drüber, jemanden so ganz unverhofft zu fangen", dachte Jack, nnb als sie ben Tisch abgeräumt hatte nnb wiebcr hereintrat, zog er seinen Stuhl näher ans Feuer unb sah dann plötzlich auf. „Hör', Mutter, ich weiß mehr, wie du meinst, von deinem netten Geschäftchen da in Abbotsville. Du solltest mir lieber die ganze Wahrheit sagen." Sie starrte ihn wie versteinert an; ihr Gesicht wurde leichenblaß, ihre Hände umklammerten krampfhaft die Stuhllehne. „0 Gott", stöhnte sie endlich, „was soll ich tun?" „Ich meine", fuhr Jack gekränkt und vorwurfsvoll fort, „Du hättest mir doch vertrauen können, wo du weißt, daß ich dein einziger Sohn bin. Es ist wirklich hart für mich, jetzt zu finden, daß meine eigene Mutter mich im Unklaren und Dunkeln hält." Die schreckliche Furcht wich nicht aus ihrem Gesichte; ihre Hände zitterten, ihre ganze Gestalt bebte. „Was weißt du von Abbotsville?" fragte sie endlich mühsam; „wer hat dir davon gesagt?" „Ich weiß mehr, wie dir lieb ist. Ich weiß, daß ich dein einziges Kind bin, und daß ich erst zwei Monate alt — 651 — roatf, als mein Vater starb. Ich weiß, daß du keine Pension von der Eisenbahn kriegst, sondern daß das Geld, wovon dn lebst, von Werners Verwandten kommt; und ich sage, es ist eine Sünde und Schande, Mutter, daß du dies alles für dich behalten willst." Sie hatte jetzt aufgehört zu zittern und stand vor ihm, blaß und ruhig, mit einer gewissen heldenmütigen Entschlossenheit in den Zügen, die sogar ihü stutzig machte. „Jack, willst Du mir sagen, wo du dies alles, gehört hast?" „Nein; das ist «teilt Geheimnis. Du wahrst deins, und ich wahre meins. Dieselbe Person, die mir dies gesagt hat, wird mir auch alles übrige erzählen, wenn ich hingehe und frage; aber ich glaubte, ich würde die Wahrheit von dir eher erfahren." „Jack", fragte sie mit verzweifelter Ruhe, „w-illst du ntir sagen, warum du dies wissen willst?" „Ja; — ich habe nichts dagegen, die Wahrheit zu sagen, wenn's mir paßt", sagte Jack mit grimmigem Lächeln. „Also, das will ich dir sagen. Du hast so'n ganz nettes Geschäft aus diesem Geheimnis gemacht — hast davon gelebt und hast es gerade nicht so arg schwer gehabt — nun, meine ich, bin ich an der Reihe, so'n bißchen draus zu machen. Will man mich ordentlich bezahlen — nun gut, so werde ich das Geheimnis bewahren, wie du's getan. Wenn nicht, fo werde ich zu denen gehen, die einen höheren Preis zahlen wollen. Weißt du, ich scher' mich keinen Deut um Prinzipien, Ehre oder dergleichen Alfanzereien !" Ein Heller Strahl brach aus Kate Jefferies' Augen; eine gewisse strafende Würde kam über sie, die ihren Sohn für einen Augenblick beschämt und betreten machte, als er sie ansah. „Ja, du bist, wie du gesagt hast, mein einziger Sohn, Jack, aber lieber hatte ich dich tot gesehen, wie dich so sprechen hören. Dn magst dein schlimmes tun; das Geheimnis, das mir anvertraut worden, das werde ich auch bewahren. Merk dir das, lieber stürbe ich auf der Folter, Zoll vor Zoll, als daß ich es verriete. Und noch wasst ich weiß nicht, wo und wie du das, was du weißt, heraus- bekommen haft, aber das weiß ich, es ist ganz und gar nicht möglich, daß du mehr entdeckst, wie du schon weißt. Und nun gib Acht: Wenn du mir hierüber noch ein einziges Wort sagst, so gehe ich fort, wo du mich nie Wiedersehen, noch von mir hören wirst. Ich Werde mein Wort halten, Jack, so wahr der Himmel mich hört!" Die einzige Antwort hierauf War ein lauter Krach. Jack war in maßloser Wut aufgesprungen, hinausgeeilt und hatte die Haustür schmetternd hinter sich zugeschlagen. 33. Kapitel. Eine verhängnisvolle Einladung. Lady Wayne war die Königin der Londoner Saison, und Kenninghall-House in dieser Saison der Mittelpunkt voir allem, was vornehm und glänzend, und in irgend einer Weise durch Geist, Geburt oder Stellung hervorragte. Nicht zum wenigsten würde auch Elsie Wayne bewundert, deren zarte, jugendliche Anmut und Lieblichkeit so gut gegen die vollendete Schönheit ihrer Mütter abstach. Doch Elsie war verlobt. Lord St. Gilbert wollte von Geheimhaltung des Verlöbnisses nichts hören; es war ja sein Ruhm und sein Stolz, dies schöne Mädchen sein eigen zu nennen — weshalb sollte denn nicht die ganze Welt es wissen? Lady Wayne hatte ihm mit ihrem' ernstschönen Lächeln entgegengehalten, daß Elfte noch so jung sei — sie müsse wirklich erst etwas von der Welt sehen, u.ttj} er hatte geantwortet: „Sie ist alt genug, um mich zu lieben, Lady Wahne, und ist sie auch alt genug, um mir treu zu sein." Worauf vielleicht eine schwache Erinnerung an einen früh verlorenen Liebestraum über Mylady gekommen zu fein schien, denn sie hatte nur tief geseufzt, und ihre schönen Augen hatten mit Milder Wehmut auf dem jugendlichen Liebespaar. geruht. Offiziell bekannt gegeben wurde gleichwohl die Verlobung einstweilen noch nicht. Marian West war eigentlich gegen ihren Willen mit nach London gegangen; sie hatte gebeten, allein aus Ken- ninghall bleiben zu dürfen, doch Lord Wayne hatte nicht davon hören wollen. ' ‘ ' -■ >,DU sagst, wir feien zü lustig; nun gut, komm und amüsiere dich mit; du bist überhaupt in letzter Zeit gar nicht mehr dein früheres Selbst, Marian. Nichts ist so wohltuend, als dann und wann eine Luft- und Ortsveränderung." Lord und Lady Romsey waren ebenfalls zur Saison nach, der Stadt gekommen; ihre Hauptsorge war vorüber, der geliebte Sohn und Erbe war wieder gesund und hatte seine Wahl endlich getroffen; sie konnten sich nunmehr der Hoffnung freuen, ihr altes Geschlecht in zahlreichen neuen Sprossen weiterblühen zu sehen. Mylady war jetzt nicht mehr so nervös und besorgt um ihn, und der Earl freute sich königlich. „Natürlich müssen auch wir nach London", hatte er sofort entschieden. „Balduin wird es nicht aushalten, daß er Elsie ein Vierteljahr lang nicht sehen soll." Menn der Earl ging, mußte natürlich auch sein junger Sekretär mit, war er ihn: doch fast unentbehrlich gelvorden. Lord St. Gilbert erklärte fcherzend, er sei bisweilen so etwas wie eifersüchtig auf Werner. Tie Romfeys besaßen ein großes Haus itt der Nähe von Hydepark. „Wenn du verheiratet bist", pflegte der Earl zu seinem Sohne zu sagen, „so muß diese Wohnung hier in der Stadt wieder instand gesetzt werden. Ich möchte elbst wohl behaupten, daß Lady Wayne den ausgezeichnet- ten Geschmack in ganz London hat. Wir müssen sie also einer Zeit dabei zu Rate ziehen." So plante man alles Schöne und sah unbesorgt der Zukunft entgegen; kein Anzeichen der dunklen Wolke, die sich langsam und dräuend am fernsten Horizonte sammelte, war bis jetzt zu bemerken! Nachdem die Romfeys ihren Landsitz verlassen, gingen sie zunächst aus den Kvntineut, nach Italien, und nahmen Werner natürlich mit. So kam es,- daß Jack bereits wieder mehreremal seit seiner verunglückten Entdeckungsreise an seinen Bruder geschrieben, aber keine Antwort erhalten hatte. Als Werner wieder in England, war es sein erstes, nach Ferryhill zu schreiben und Jack mitzuteilen, es ser ihm gänzlich uümöglich, von London abzukommen, Jack käme wohl besser herüber und verbrächte ein paar Tage in der Stadt. Er schickte ihm eine Fünspfundnote zur Bestreitung der Reise- und sonstigen Kosten — ahnungslos, daß er damit den ersten Schritt auf der Bahn getan, ttt deren Mitte Unheil und Kummer auf ihm teure Personen warteten. . L , Jack hatte bisher noch nichts über seine Entdeckungen gegen feinen Bruder verlauten lassen; er sagte sich mit der Vorsicht, die allen seinen Schritten in dieser Sache eigen war, daß eine Mitteilung seines Geheimnisses an Werner vielleicht gleichbedeutend mit dem Verlust desselben sein würde. Jedenfalls würde er allein dann nicht mehr alle Fäden in der Hand haben. Jack hatte seit der Reise nach Abbotsville einige sehr unglückliche Monate verbracht. Seine Mutter zeigte plötzlich eine Entschiedenheit und Festigkeit, die Jack ihr nun und nimmer zugetraut hätte. Er war klug genug, einzusehen, daß jede weitere Erwähnung des Geheimnisses bi ihr absolut nutzlos sei, ja, vielleicht unangenehme Folge für ihn nach sich ziehen könne. (Fortsetzung folgt.) Vermischtss. • Gemeinsame Erziehung. Ein Versuch mit der gemeinsameu Erziehung von Knaben und Mädchen wird gegenwärtig in England, und jtwu zum erstenmal! int großen und für eine öffentliche Schule ins Werk gesetzt. Es handelt sich darum, dieses System für den Schulunterricht von der untersten Volksschulklasse bis zum Universa tätsunterricht durchzusetzen. Der Plan hat die Unterstützung hervorragender Pädagogen gefunden und ist bereits soweit gesichert, daß die Schulgebaitde erworben werden konnten. Es sollen Schüler und Schülerinnen von 8 bis 18 Jahren ausgenommen werden, und sie sollen nicht nur in den Schulräumen, sondern auch auf den Spielplätzen vollständig frei mit einander verkehren. Natürlich werden jetzt schon von den Gegnern Einwände gemacht. Aber der berühmte Pädagoge Grant, von dem die Idee ausgeht, stützt sich aus seine Erfahrungen, die ihm ergeben haben, daß aus der gemeinsamen Erziehung männlichere Knaben und weiblichere Mädchen hervorgchen. Das sind ähnliche Erfahrungen, wie sie auch die amerikanische Regierung m ■ !-------------------------- ------------------------— - — - 652 einem Bericht über Coeducation mitteilt: „Es erscheint unzweifelhaft", so heißt es darin, „daß die Mädchen an Wissen und Fähigkeiten und Selbstvertrauen gewinnen, während die Knaben mehr Schliff bekommen, geistig seiner werden und eine tiefere Würdigung und mehr Respekt vor dem Wesen der Mädchen erwerben. Bei beiden ergibt sich eine tiefere Erkenntnis der menschlichen Natur, die zur nationalen Wohlfahrt beitragen muß. Die Mädchen wirken durch ihren Fleiß und ihre Ausdauer günstig auf die Knaben ein, während sie selbst vorteilhaft durch die ruhigere, nüchternere, weniger sentimentale Auffassung der Dinge, wie sie bei Heranwachsenden Knaben sich findet, beeinflußt werden." — Jedenfalls wird diesem Experiment, das von ernsten Pädagogen unternommen wird, von weitesten Kreisen größtes Interesse entgegengebracht. * Das Ausatmen des Tabakgualms durch d i e N a s e ist eine Angewohnheit, die zwar, wie einige Raucher behaupten, erst den vollen Genuß des Täbakdnftes ermittelt, unter Umständen aber recht unangenehme Folgen haben kann. Abgesehen davon, daß die Aufnahmefläche für Nikotin durch den Umweg durch die Nase vergrößert wird und somit eine erhöhte Möglichkeit für seine ungünstige Einwirkung auf das Nervensystem und das Herz vorliegt, kann diese Gewohnheti zur Verbreitung ansteckender Krankheiten beitragen. Man weiß schon lange, daß die Luft durch die Nase gleichsam filtriert wird, sodaß eine Menge von Kleinlebewesen und sonstigen Bestandteilen des Staubes nicht in die Luftwege gelangen. Dieser Vorgang der Filtration wird einerseits durch die feuchte Auslleidung der Nasenhöhle ermöglicht. Auf den zwischen den Augen und der Nase bestehenden Verbindungswegen werden auch alle Ablagerungen der Bindehaut mit der Tränenflüssigkeit in die Nase geleitet, sodaß man ohne weiteres behaupten kann, daß die Nase unter Umständen eine große Menge von Krankheitskeimen beherbergt. Wird nun der Rauch durchs die Nase ausgestohen, so bestreicht er eben diese Ablagerungsplätze und teilt die Staubteilchen usw. der Außenluft mit. Sind Jnfektionskeime vorhanden, so werden auch- sie nach außen befördert. Einen schlagenden Beweis dafür liefert ein in Lancet erwähnter Fall von Heusieb er Übertragung, die sich im Staate Ohio ereignet hat. Eine Person, die zeitweise an Heufieber litt, übertrug diese Krankheit auf alle Leute, deren Haus sie betrat. Schon allein ihre Gegenwart genügte, um Erkrankungen hervorzurufen, und es stellte sich schließlich heraus, daß die Uebertragung höchst wahrscheinlich durch den Tabaksrauch stattfand, den sie durch die Nase auszustoßen pflegte. * Die Vision einer Frauenrechtlerin. Infolge der Verurteilung der Frauenrechtlerinnen, die im englischen Parlament einen Skandal verursacht hatten, fand in Newyork eine Versammlung von Frauen statt, um den englischen Märtererinnen die Sympathie der amerikanischen Weiblichkeit auszusstrechen. Eine der Sprecherinnen, Frau Cory, ließ sich d ab er zu folgenden prachtvollen Sätzen hinreißen: „Auf den endlichen Sieg unserer Ideale fest vertrauend, richte ich meinen Blick auf eine leuchtende Zukunft und schaue hoffnungsvoll die Zeit, wenn eine Frau, die wegen eines Verbrechens auf Leben und Tod angellagt ist, von einem weiblichen Rechtsanwalt verteidigt, von weiblichen Geschworenen schuldig befunden, von einem weiblichen Richter verurteilt, von einem weiblichen Geistlichen auf ihrem letzten Gang getröstet und von einem weiblichen Scharfrichter hingerichtet werden wird. Dann und nur dann wird die Frau ihren richtigen Platz in der Welt erreicht haben." * Eine viel geschiedene Familie. Der jüngst verstorbene Vizepräsident der Pullman-Schlafwagengesell- schaft, Thomas Pj. Wickes, hat sein mehrere Millionen betragendes Vermögen einem Neffen vermacht, während seine Kinder, sowie die drei Gattinnen, von denen er sich hat nacheinander scheiden lassen, leer ausgegangen sind. Infolgedessen ist das Testament von den benachteiligten Verwandten angefochten worden. Frau Laura C. Wickes, die erste Gattin des Verstorbenen, war ihrerseits dreimal verheiratet, ist zweimal Witwe geworden und einmal geschieden. Die zweite Witwe Frau Annette Wickes, war nur zweimal verheiratet und ist erst einmgl geschieden worden. Die dritte Witwe, Frau Edua Wickes, scheint noch eine Anfängerin auf dem Gebiet der Ehe zu sein, da sie erst einmal verheiratet und einmal geschieden ist. Die beiden Töchter aus erster Ehe, Frau Laura Felt und Frau Florence Johnston, waren beide schon zweimal verheiratet. Frau Felt ist einmal Witwe geworden, während ihre Schwester, Frau Johnston, einmal geschieden ist. Das einzige Familienmitglied, das aus der Art geschlagen zu sein scheint, ist ihr Bruder Thomas H. Wickes, der mit seiner Gattin im besten Einvernehmen lebt und unglaublsicher- weise sich nicht scheiden lassen will. * Heiraten nach wissenschaftlichen Grundsätzen zur Höherzüchtung der menschlichen Rasse betrachtet der Untersekretär im Ackerbaudepartement Willett Hayes als das wirksamste Mittel, um Laster, Krankheiten, Verbrechen und alle Uebel dieser Welt auszurotten. Er hat, so wird aus Newyork berichtet, seine Ideen in ein wissenschaftliches System gebracht, wonach besondere Sorgfalt vor allen Dingen bei der Wahl von Ehemännern und Ehefrauen zu walten hat. Er lehrt, daß die Verbindung von zwei Sonett, die beide geistig hoch entwickelt sind, schwächliche er hervorbringt. Die Abkömmlinge von Eltern, die beide Künstler sind- werden sicher „Bohemiens"; dagegen befürwortet er Heiraten zwischen den frischen, von Lebenskraft überschäumenden Westamerikanern und der Bevölkerung des Ostens, woraus namentlich schöne Frauen hervorgehen würden. Ebenso sollten Nord- und Südstaatler unter, einander heiraten, um deut Süden mehr feste Tüchtigkeit- und dem Norden mehr Frauenschönheit zuzuführen. Mr. Hayes sucht jetzt ein System zur Bestimmung des Blutwertes der verschiedenen Menschenrassen aufzustellen, um so Wege zur Erzielung der besten Rassenkreuzungen anzugeben. Er arbeitet zur Verbreitung unter der Arbeiterllasse Amerikas eine Schrift aus, worin auf die Wichtigkeit des höheren Blutwertes und der Vermeidung minderwertigen oder degenerierten Blutes hingewiesen wird. Hayes war, bevor er Untersekretär im Ackerbaudepartement wurde, viele Jahre bei der Versuchsabteilung dieser Verwaltung in Minnesota tätig, wo er zahlreiche interessante Experimente an Tieren und Pflanzen durchführte. Die Erfolge, die er dabei erzielte, veranlaßten seine Berufung nach Washington. Die Regierung hat Hayes ermächtigt, einen wissenschaftlichen Ausschuß zum Studium seiner Theorie zu berufen. * Eine kleine Wasserturbine kann ans wenigen Holzstucken und Blechteilen von jedem Jungen hergestelll werden, der mit Werkzeugen umzugehen versteht und zwar eine Turbine mit soviel Kraft, daß sie z. B. imstande ist, eine Nähmaschine und bergt, zu treiben. Sie wird durch die Hauswasserleitung in Bewegrmg gesetzt. Vorkenntnisse und besondere Fertigkeiten sind nicht notwendig, alles ist aus den beigefügten Modellbogen und Anleitungen aufs klarste ersichtlich. Es ist dies das 19. Heft der Sammlung „Spiel und Arbeit" (Verlag von Otto Maier in Ravensburg, Preis 70 Pf.). Die Turbine ist u. a. auch imstande, einen kleinen Dhnamoapparat zu treiben, der elktisches Licht erzeugt und selbst hergestellt werden kann. Citatenrätsel. Nachdruck verboten. Aus jedem der folgenden Citate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Citat ergiebt: 1, O, wie wohl ist mir am Abend, Wenn zur Ruh' die Glocken läuten. 2. Weh' dem der lügt! 3. Nicht der ist aui der Welt verwaist, Dessen Vater und Mutter gestorben, .... 4. Denn wer den Besten seiner Zeit Genug getan, der hat gelebt für alle Zeiten. 5. Die Götter rächen der Väter Missetat nicht an dem Sohn. 6. Wer etwas Treffliches leisten will, Hätt' gern etwas Großes geboren.... 7. Gedenkt Ihr noch der Zeiten, da wir jung gewesen? Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Gitterrätsels in voriger Nummer: A A F Astenberg t d i e r e Andromeda b m r e e i Friedrich g a h Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, ©ießttte