Areitag den 5. OKLsöer IS 6 6 titei-3 sKIMI WW ÄtÄ; Xu^S Wr-raOHH S-BÄlli W U -'. x M MW Im Manne des Geheimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck Verboteck. (Fortsetzung.) Plauderte er je einmal, wenn ihm das Herz ubergmg, darüber entweder mit seiner Mutter oder mit Jack, so verstanden fie. ihn nicht. Jack machte sich über ihn lustig, und Kate Jefferies wunderte sich im stillen, was für ein merk- würdiger Junge er doch wäre. Eines Abends — in späteren Jahren erinnerte er sich lebhaft daran — hatte er seine Bücher mit in den Garten genommen, um sich für die Aufgaben am folgenden Morgen vorzubereiten. Es war ein wunderlieblicher Juni-Abend, und im Garten um das Wallhccken-Häuschen standen alle seine LieblingZblumen in voller Blütenpracht. Er beobachtete, wie die Bienen um Lilien und Rosen summten; er sah, wie glänzend-geflügelte Schmetterlinge abwechselnd mit allen Blnmen kokettierten, und hörte, wie aus dem grünen Blätter- dicktchi einer hochstrebelsdeN Ulme ein Bögelchen sekti Ahend- lied in die stille Gottesnatur hinausjubelte. Ihn deuchte, er habe nie etwas Lieblicheres gehört, wie diesen Gesang — seine Musik schien ihm bis ins Herz zu dringen. Plötzlich — er erinnerte sich des Wie nicht genau — kam ihm ein Gedanke, daß er diesen Gesang in Worte bringen könne. Sie schienen sich ihm aus dem Herzen auf die Lippen zu drängen — eine jähe, süße Inspiration, die ihn vor neuer, ungeahnter Kraft einige Augenblicke lang fast überwältigte und betäubte. Danu nahm er seinen Bleistift und schrieb alles nieder, was er fühlte. O, Wunder über Wundert Es war ein Gedicht, gerade wie andere Gedichte; die Worte tönten wie süße, sanfte Musik, und doch war auch wieder Feuer und Kraft darin. Er sah es an, las es in stummem Erstaunen durch, sein erster Impuls war, ins Haus zu eilen, es seiner Mutter und Jack zu erzählen; dann fiel ihm ein, daß sie ihn sicher auslachen würden, Jack würde ihn mit Stichelreden ärgern, und mit diesen Gedankeii in der Seele, die ihn so ungewohnt und mächtig ergriffen, konnte er das nicht ertragen. Aber nachher, als Jack mit seinen Genossen ausgegangen war, schlich er sieh scheu in die Küche, wo Kate Jefferies emflg bügelte. „Mutter", sagte er, „du mußt mich aber nicht auS- lachen, — weißt du auch, daß ich ein Gedicht gemacht habe?" ,,Was gemacht, mein Kind?" fragte Kate, voll Venvun- derung von ihrem Plätieiscn aufblickend. „Ein Gedicht, ein richtiges Gedicht, gerade wie die Gedichte, die du in Gedichtbüchern tieft", verhetzte er, und sein feines Gesicht rötete fiel) vor Eifer, daß sie ihn verstehen ^^'„Soll ich's dir vorlesen?" fragte er halb zweifelhaft. „D gewiß, gewiß, ich möchte es gern hören. Ich mag Gedichte so gern leiden." Sie setzte das Bügeleiseii hin und hörte zu, indes er ba stand, sein Gesicht noch rot vor Eifer, und mit einem Licht in den Augen, das jedes Herz gerührt hätte. „Es ist sehr nett", sagte sie; „wirklich sehr nett, Werner; ja, ich iveiß ivohl, du bist ein guter, fleißiger Junge. Richt viel poetische Sympathie, aber es war doch daS Beste, was Kate Jefferies ihm in diesem Falle geben konnte. „Das mußt d>i Tr. Cloth zeigen", fügte sie noch bei, und dann dachte sie, wie schade es doch wäre, daß weder Vater noch Mutter zugegen, die den Knaben verstehen nnb mit ihm sympathisieren konnten. — An, nächsten Morgen ereignete sieh etwas Ungewvhn- liches. Der Briefträger hielt beim Wallhecken-HäuSchen an, UP.b hinterließ einen Bries für Mrs, Kate Jeffenes. Jack nahm ihn in Empfang und brächtd ujit „sßon wem ist dein Brief, Mutter?" fragte er dreist und neugierig. . ,, . .. ,, r Run sind zwar einige Frauen um kleme Unwahrheiten nicht verlegen; sie brauchen sieh keinen Augenblick zu bedenken, bevor sie sie aiitzsprechen — sie sind schnell fertig mit dem Wort; aber das war bei Kate Jefferies nicht der Fall. Sie war von Natur eine wahrheitsliebende, offenherzige Frau, und es war ihr keine Kleinigkeit oder ein Leichtes, eine Un- wahrheit zu sagen. Sie hätte dem neugierigen Bengel eine answeiehende Äntivort geben können, aber das siel ihr nber» Haupt nicht ein. ... „Das kann ich dir nicht sagen, Jaek, das,, geht dich nichts an." „ . Gut, gut", versetzte er grob, „noch ein Geheimnis, noch ein Rätsel vermutlich. Jeh soll nicht fragen, wo wir gewohnt haben, ich soll nicht fragen, von wem der Brief da ist; giebt's nicht sonst noel) was, wonach ich nicht fragen soll, Mutter?" „Wie kannst 8u so mit Mutter sprechen, Jack", rtef Werner, „es ist recht unverschämt und frech von dir!" Jaek erwiderte mit einer saftigen Drohung, und R!rs. Jefferies, etwas beunruhigt ausblickend, gebot Ruhe und wies beide vor die Tür. , n f „Werte Mrs. Jefferies", lautete der Brief, ctht Schreiben erhalten und werde morgen abend zum Wall- Hecken-Häiischen kommen — zwischen neun und zehn. Schicken Sie die Knaben zu Bette, da iel) mit Ihnen zu sprechen habe. Ihre ergebene M. W." > 582 Kein sehr langer Brief, aber er sollte wichtige Folgen haben. Es ist nicht so sehr leicht, wie jede Mutter weist, an schönen Sommer-Abenden jungens früh zu Bett Zu bringen, Kate machte machte bald nach sieben Uhr allerlei Anspielungen darauf — aber Jack lachte ihr ins Gericht. „Lieber wollte ich die ganze Nacht auf bem Felde draußen bleiben, Mutter", sagte er, „als jetzt schon ins Bett Lettern." Werner war schon eher willfährig und gehorsam; es war nahezu neun, als Kate ihn hereinrief und ihm bedeutete, es sei nunmehr Zeit zu Bett für ihn. , „Ich will schlafen gehen, wenn du es haben willst, Mutter, aber ich bin noch nicht müde." Er ging, und Jack, zur größten Erleichterung seiner Mutter, folgte ihm bald darauf. Als die Luft rein war, setzte sie sich mit erivartungsoottem Gesicht in der Küche nieder, nachdem sie vorher vorsichtigerweise die Küchentür verschlossen hatte. Aber Jack war nicht durch noch so vieles Schelten und Schimpfen zu schrecken; er hatte deutlich bemerkt, wie sehr seine Mutter gewünscht, sie beide aus dem Wege zu bringen; uns dies zusammen mit dem Brief, der TagS vorher gekommen, machte ihn argivöhnisch. „Entweder", sagte er sich, „kommt jemand, oder sie geht aus." Jack, beut an Verschlagenheit nicht so leicht beizukominen war, beschloß, wach zu bleiben imb zu sehen, was es gäbe. Werner fiel bald in festen Schlaf; Jack lag bei hellwach imb horchte. Ha! Was war bas? Ec hatte sich nicht getäuscht; ba war eine fremde Stimme, es sprach jemand mit seiner Mutter. Er beschloß, ausfindig zu machen, wer es war und um was es sich handelte. Er stand sehr vorsichtig auf und fand zu seiner großen Enttäuschung bei leiser Prüfung, daß die Küchentür von innen verriegelt war. Aber eine weite Ritze war darin, und beim Hindurchspähen sah Hack eine einfach gekleidete und dicht verschleierte Frau, die seiner Mutter gegenüber saß und eifrig und ernst mit ihr sprach. Er fühlte eine gewisse Enttäuschung, da er etwas weit Romantischeres als dies erwartet hatte. Er versuchte aber gleichwohl sein Bestes, um etwas von der Unterhaltung zu erlauschen, aber vergebens, er konnte kein Wort verstehen, was sie sprachen, so leise und gedämpft flüsterten sie. Endlich unterschieb er aber boch Werners Namen, picht eimngsi sondern mehrer? Male. Von ihm sprachen sie also; seinetwegen kam also ber geheimnisvolle Besuch. Was konnte das bedeuten? Was war mit Werner, das er nicht wußte? Wer war es, der so still und geheimnisvoll kam, um von Werner, seinem jüngeren Bruder, zu sprechen? Er, Jack, war der Aelteste, und hatte ein Recht, alles zu wissen, was vorging. Dann hörte er etwas von Geld und Schule. Jack horchte verzweifelt. Konnte es möglich sein, baß seine Mutter etwas für Werner tun wollte, unb nicht auch für ihn? Mehr konnte er jeboch nicht hören; vergebens horchte unb lauschte ec; vergebens legte er bas Ohr an bas Schlüsselloch, an die Spalte; es drang kein Wort mehr zu ihm. „Schad' nichts", dachte er; „ich kann gerade so schlau sein, wie sie auch. Ich werde nichts sagen, aber meine Zeit abpassen. (Siebt es etwas herauszukriegen, so werde ich's herauskriegen — sie können mich nicht betrügen." Er erfuhr nicht, wie die Konferenz endete; müde und schläfrig schlich er ins Bett zurück, voll Spannung und Neugier; aber alle Wunder und Rätsel der Welt haben noch keinen schläfrigen und müden Jungen mach gehalten; bald schlief er ein. Er war klug bei aller Verschlagenheit; er sagte Werner nichts von allem. Wenn es ein Geheimnis gab, so würde er selbst es allein besser herausbekommen, als wenn ihm jemand hälfe. Das war sein letzter Gedanke, bevor er in einen unruhigen Schlaf fiel. — Das Geheimnis der Vergangenheit war in Gefahr. Vor Jahren hatte Marian West gesagt: „Dein Geheimnis ist sicher und gut verwahrt; so sicher, als ob es tot und be graben läge." Ob ihr diese Worte jetzt wohl wieder einfielen? — (Fortsetzung folgt.) ZehitiM-MkoUK. Bon Gottlieb Keßler. Au die goldenen Aehren, wie Schiller sie im Eleusischen Fest nennt, heftet sich eine reiche Symbolik. Wer erinnert sich beim Anblick der reifenden Getreidefelder nicht lebhaft an die Gleichnisse des Herrn vom Acker, vom Unkraut unter dem Weizen, von den Aehren, die dreißig-, sechzig- und hundertfältige Frucht bringen? Die Aehre ist vor allem das Sinnbild der Ernte. Schon in der alttestamentlichen Erzählung von Pharaos Traum (1. Mos. 41, 22. 23) bedeuten die sieben vollen und die sieben dürren Aehren die Jahrgänge unb ihren reichlichen, bezw. geringen Ertrag. Das Sternbild der Jungfrau, m welches die Soune im August dem Erntemonat, eintritt, trägt eine Aehre (spica). Diese himmlische Aehre, die man sich in der Hand der laut griechischer Sage der Erde entflohenen und zum Himmel zurückgekehrten Astraa oder Sternenjnngfrau denkt, erinnert zugleich an das langst entschwundene goldene Zeitalter der Welt, in bem gleichsam ewig geerntet wurde, ohne daß man vorher zu säen brauchte. Auch nach der mosaischen Ueberliefernng ist der durch harte Arbeit erzielte Ertrag des Ackerbaues uur em schwacher Ersaß für die Früchte, die einst im Paradiese den ersten Menschen in verschwenderischer Fülle muhelos in den Schoß fielen. Auf Bildern wirb baher Abam nut einem Aehrenbündel bargestellt, weil er nach seiner Vertreibung aus Eben im Schweiße bes Angesichts bas Felb bebauen mußte. An bas mit bem Sünden satt der lorengegangene Paradies ber Menschheit mahnt noch eme Reihe sinnreicher Sagen unb Ueberlieferungen. einet morgenlänbischen Legende fiel das Getreide mit Adam aus dem Paradies herab, war in diesem einst sehr groß gewesen, wurde aber im Falle so klein, wie es jetzt noch ist, damit der Mensch Mühe habe, es zu bauen Aus dem Kanton Luzern hat Lütolf nachstehende Ueberlieserung bei- qebrächt: „Die Kornähren wuchsen einst ohne Halme vom Erdboden aus so hoch wie jetzt mitsamt deu Halmen. Zur Strafe für die Undankbarkeit der Menschen setzte sie Gott auf das heutige Maß herunter." Aehnlich lautet die ^age im Elsaß, iu Oesterreich, Thüringen und Bayern. Dort bittet Maria ihren über das sündige Menschengeschlecht mürnten Sohn, E olle artbftufit Z!!«Ä herstsren A wollen, sondern doch noch so viel an den Aehren stehen zu lassen, als genug ist für die Hühner und KätzleiN, o. hc für ein ganzes Hausgesinde. Der Heiland tut s, und so sind die jetzigen Aehren aus uns gekommen (Panzer II, S. 8). Bei den Griechen trägt die liebliche Eeres, die Ge- treidespenderin, einen Aehrenkranz auf dem Haupte. Ebenso erglänzt das Goldhaar der Demeter des Nordens, der Erdgöttin Sif, die in der Edda die Schönhaarige genannt wird, im Aehrenschimmer. Segnend schreitet Sif, Donars Gemahlin, im Frühling und Borfommer durch die Saaten. Da, wo ihr Fuß gewandelt, gedeiht das Getreide am höchsten und schönsten und reift auch zuerst. Dieser Segen, der für das Aehrenseld aus deu Fußspuren der darüber gegangenen Gottheit, sei es nun die milde Sif oder auch der Erntegott Wuotan, erwächst, ist der Inhalt vieler klemer und noch nicht genugsam beachteter Sagenzuge aus den verschiedensten Gegenden des deutschen Sprachgebietes. Die Feldstellen, über welche in Schwaben Wagen und Gespann der geisterhaften Frau Sybille gefahren sind, bleiben 14 Tage länger grün, sie haben bei der Reife ein höhere^ Gelb und die Frucht ist vortrefflich (Meier, Sagen 24). Kornweg heißt derjenige höher stehende Strich der Saatäcker, über welche der ausziehenoe Burggelft des Roden- steiners seine Luftfahrt macht (Wolf, Hess. Sag. Nr. 31). Deu Lausitzer Wenden gelten die feuchten Adern in Feld und Wiese, die sogenannten Brandadern, als Weg des Dyterbjernat (Dieter-Bernhard), der bei ihnen der wilde Jäger ist. (Wolf, Zeitschr. 3, 112.- Ebendieselbe Erscheinung wird bei Schambach-Müller, Niedersachs. Sagen Nr. 140, den Zwergen zugeschrieben, die den Ackerboden mit ihrem Schmiedefeuer erhitzen, das sie unterirdisch eifrig unterhalten; sogar einzelne Goldkörner schießen dadurch in die Fruchtähren. - In christlicher Zeit wurden derartige Sagen- 583 züge in sinniger Weise teils ans Maria und St. Walburgis, teils aus männliche Heilige übertragen. Die bekannte, sich kräuselnde Wallung des Sommerkorns, von Melcher wir zu sage,! Pflegen, der Kornengel, die Roggenmuhme geht durchs Feld, wird in einem wendischen Bolksliede (Haupt- Schmaler 2, 267) als Pfad der h. Jungfrau bezeichnet: Unterhalb Rosenthal liegt eine Wiese, Neber die Wiese ein Fußsteig geht. Neber die Wiese ein Fußsteig geht, Dieser ist ausgetreten und weiß. Wer hat ihn ausgetreten so schön? Heilige Maria, die trat ihn aus. Wandelnd zur Messe und wieder zurück, Wandelnd zur Vesper und wieder nach Helm. In Niederösterreich durchschreitet die h. Walpurgis in den Erntetagen alle Aecker, Wiesen und Gärten, und wenn sie sich in eine schon gebundene Garbe verbergen kann, so hat diese beim Ausdreschen Goldkörner. (Vernaleken, Alpensagen. S. 110.) Als Patronin der Feldflucht trägt St. Walburgis entweder ein Aeh-reubüschel oder drei Aehren in der Hand. In Tirol werden die Felder, durch welche der fromme Graf Leonhard von Görz geht und reitet, vom Hagel nicht berührt, sodaß es dort sprichwörtlich heißt: „Jedermann tut das Gatter auf, daß ihm Graf Leonhard durchreite. (Zingerle, Tirol. S. M. Nr. 963 und 623.) Die Bonifaziusäcker um die Stadt Amöneberg zahlen keine Zehnten, weil Bonifazius darüber schritt. (Lynker, Hess. Sag. Nr. 265.) Die Bonifaziusäcker zu Melcherbach und die Clawesäcker zu Welleu sind zehnfrei, denn hier hat Bonifazius ausgeruht. (Curtze, Waldecker Bolksüberlies. 273.) — Wir erinnern ferner an die zahlreichen Wallfahrtskirchen und -Kapellen „Unserer lieben Frau zu den drei Aehren", denen wir in Tirol, in Bayern, im Elsaß usw. begegnen und an die sich hübsche Ueberlieferungen knüpfen. So läßt, um von den vielen Beispielen nur eines anzuführen, Maria da, wo sie sich die Stelle zu ihrer Wall? fahrt int Pinzgauer Kirchtale erwählt, mitten äus dem Winterschnee drei Aehrenhalme hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der Hand trägt. (Kaltenbäck, Mariensagen. Nr. 122.) Das berühmte Wallfahrtsbild der Matter Gottes zu Bogen, am linken Donanufer bei Straubing, hat lange, goldgelbe Haare, und einen roten, mit Wetzenähren durchwirkten Mantel. (Bavaria I, 1000.) Auch in Frankreich wird eine Notre Mute de trois dpis verehrt, die, mit drei Aehren in der Hand, einem. Land mann .erscheint. (Na HüZer, Hdö. d. Kupferstecher VI!, 79.) In der Rechtssymbolik der alten Zeit bedeuten drei Aehren Obereigentum und Erbgut. Daher erklären in den Bildern zum Sachsen- und Schwabenspiegel Aöhren, neben einem Toten aufwachsend, symbolisch die anzutretende Erbschaft (Grimm). Alle jene, welche vom Waisenhause zu Lucca Erblehen hatten, mußten alljährlich am 1. Mai einen reichgeschmückten Maibaum dorthin überbringen und verloren ihr Lehen, wenn daran die drei vorgeschriebenen Aehren mangelten. Eine ganze Reihe weiterer einschlägiger Beispiele hat Grimm in seinen Deutschen Rechtsaltertümern beigebracht. Drei Aehren führen Dinkelsbühl, Roggenburg und Roggenhausen int. Wappen, alles Ortschaften, die nach Getreidearten benannt sind. In der bayerischen Oberpfalz ists Schnitterbrauch, drei Halme mit den Aehren um den Leib zu winden, um dadurch gegen Verwundung sich zu schützen. (Schimmert.) Die Aehre ist Sinnbild, des Erntesegens. Bei Freiburg im Breisgau befindet sich der sogenannte Gaisbrunnen, an welchem, wenn ein gutes Jahr kommen soll, ein Männlein mit drei Aehren in der einen, mit drei Trauben in der anderen Hand erschemt (Schnetzler, Bad. Sagen I, 369). Eine Doppelähre an einem Halm deutet auf besonderen Segen, schützt überdies vor Blitzschlag und verheißt, falls sie in Kriegszeiten gewachsen ist, baldigen Frieden. „Ich bin", schreibt am 15. Jult 1695 Prinzessin Elisabeth Charlotte von Orleans an eine Verwandte, „des Krieges recht müde, und ich bitte Euch, liebe Luise, informiert Euch doch, ob's wahr ist, daß man bei Gießen einen Halm gefunden, so der Landgraf von Darmstadt bewachen soll lassen, worauf, zwey Aehren sollen sehn, und ob's wahr ist, daß man einen dergleichen gefunden zu Ende des dreißigjährigen Krieges." Bartels „Der Bauer in der deutschen Vergangenheit" enthält S. 79 (nach einem alten Kupfer) die Abbildung einer derartigen Wunderähre, gefunden zu Wildensorg bei Bamberg 1622. Aehren mit Trauben sind Sinnbilder des Leibes und Blutes des Herrn im h. Abendmahl und kommen deshalb öfters als Verzierungen auf kirchlichen Bildern und Gerätschaften vor. Aus den alten Holzschnitten des deutschen Polydorus Virgilius (Augsburg 1537, S. 3) steht Christus zwischen einem Kornfeld und einem Weinberg. In Cal- derons Dichtung „Der Waldesdemut Krone" streiten die : Bäume, Sträucher Und Kräuter, wem unter ihnen die Krone ; gebühre, zuletzt aber wird sie den Demütigsten zuerkannt, ! der Aehre und dem Weinstock. Mißbrauch des Aehrensegens zieht Gottes Strafgericht nach sich. Wie die Sage meldet, wurde die stolze Handelsstadt Stavoren im Südersee von den Fluten verschlungen, weil die Einwohner ein üppiges, schwelgerisches Leben führten, und weil die Herrin der Stadt, eine unermeßlich reiche Jungfrau, eine Schiffsladung Weizen in freventlichem Uebermute ins Meer versenken ließ, anstatt das Getreide den Armen und Hungernden zu geben, die flehentlich darum baten. Wo sie den edlen Weizen ins Meer versenken ließ, Da hob sich eine Sandbank, die Frauen sand man hieß, Daraus entwächst den Wellen ein Kraut, das kennt man (nicht Es gleicht dem Weizen völlig, nur daß der Aehre Korn fgebricht. Karl Simrock. Die schlichte und doch so unendlich tiefe Bedeutung der Aehren ist von den Dichtern stets gebührend gefeiert worden, wir verweisen auf Krummachers herrliche Parabeln, an die Predigt der Garben von Klaus Harms usw. Eichendorfs hegt in seinen Dichtungen eine ausgesprochene Vorliebe für die junge Saat, die mitten in Sturm und Regenschauern still dem Frühling entgegengrünt. Uhland freut sich des goldenen, mit Mohnblumeu durchwobenen Kornfeldes des Hochsommers, und auf dem ltndenbeschatteten Grabmale Klopstocks zu Otten fett stehen des Messiassängers eigene Worte: „Saat, von Gott gesäet, dem Tag der Garben zu reifen." Der Erntesonntag, das kirchliche Dankfest, an dem man in einigen Gegenden noch unlängst eine gewaltige Garbe- in das Gotteshaus zu bringen pflegte, dte dann nachher den Armen der Gemeinde überlassen wurde, schließt die Aehrensymbolik würdig ab, indem es den Christen an eine überirdische Saat und Ernte, an himmlische Erntesreuden mahnt. Fürst Bülow in Homburg. Eigenbericht. Der Homburger Tennisplatz ist verödet, die Züge der elektrischen Bergbahn fahren meist leer zur Saalburg und selbst das bei aller Kühle immer noch so sonnig helle Wetter vermag die tote Saison nicht mehr neu zu beleben. Und doch richten sich gegenwärtig in der politischen Welt die Augen mit gespannter Aufmerksamkeit nach nnserem Taunusbade, seitdem des deutschen- Reiches Kanzler, Fürst Bülow, hier Nachkur hält von seinem Badeaufeiithalte in Norderney unb, begleitet von seiner Gemahlin, der Fürstin, von deren Mutter, Donna Laura Minghetti, von Räten und Sekretären, das alte Landgrafenschloß bewohnt, wo der Kaiser ihm als eine besondere Aufmerksamkeit eine Reihe schöner Zimmer zur Verfügung gestellt hat. Und man merkt, daß dem Kanzler der Aufenthalt vorzüglich bekommt. Er sieht tadellos frisch und gesund aus, ist ein wenig schlanker geworden und hat an körperlicher Elastizität alles wiedergewounen, was er einen Augenblick lang eingebüßt zu haben schien. Davon kann sich ein jeder leicht überzeugen . Denn die Zeit, die nicht durch Arbeit in Anspruch genommen ist, verbringt der Kanzler bei irgendwie erträglichem Wetter draußen. Manchmal zu Pferde; er hat zwei Reitpferde hierher mitgebracht. Gewöhnlich aber zu Fuß, und er liebt es, nicht nur am Tage durch Anlagen und Straßen zu wandeln, er ist auch häufig noch spät des Abends, wenn es längst dunkel wurde, unterwegs zu sehen. Mancher Politiker und Zeitungsschreiber würde gewiß gern etwas von den Gesprächen erhaschen, die auf diesen Gängen geführt werden, so z. B. neulich, als der Direktor des Norddeutschen Lloyd, Dr. Wiegand, hier war und der Kanzler abends int Schloßgarten lange mit ihm einherschritt. Den Gegenstand ibrer Unterhaltung gab, das 684 — glauben wir zu wissen, der Zwischenfall des „Meteor", und dazu spannte sich über ihren Häuptern der sternenbesäte Himmel vom Schlosse bis zum Taunusgebirge. Auch Exzellenz Dernburg hielt einen Teil seiner Beratungen mit dem Fürsten Bülow, der fast ben ganzen Tag mit ihm zusammen verbrachte, im Freien, im Gehen ab. Die kommenden Tage werden auch noch manchen anderen wichtigen Besuch bringen, und mit Zuverlässigkeit verlautet, daß Mitte Oktober der Kaiser, wenn er zur Hochzeit seines Vetters, des Prinzen Albert zu Holstein-Glücksburg mit der Gräfin Gertrud Isenburg nach dem nahen Jsenburgschen Schlosse Meerholz reist, auf der Hinfahrt oder Rückfahrt den obersten Beamten des Reiches in Homburg aufsuchen- wird. Wie lange Fürst Bülow noch unser Gast sein wird, das entzieht sich vorläufig der Kenntnis. Doch heißt es aus guter Quelle, daß er sich so völlig wicderhergestellt und der ihn erwartenden vermehrten Last der Geschäfte gerüstet fühlt, daß er früher, als anfangs beabsichtigt war, in Berlin wieder eintreffen will. Die Lebensweise des Fürsten ist auch hier die gewohnte, streng regelmäßige, begünstigt durch die Stille des Aufenthaltes. Bormittags, nach dem ersten Frühstück, ein kurzer Morgenfpaziergang, und dann die Arbeit, mittags Empfänge, und wenn nun wiederum die Eingänge erledigt, Unterschriften usw. vollzogen sind, ein Ausflug in die Umgebung. Geschieht das zu Fuß, so begleitet den Kanzler einer der Herren seiner Umgebung, meist auch seine Ge-- mahlin und seine Schwiegermutter, deren lebhafte Konversation auf italienisch geführt wird, und fast nie fehlt der getreue Reichspudel, der wohlerzogen genug ist, um ohne Zeichen der Langeweile geduldig auszuharren, wenn vor den Schaufenstern der Altstadt Homburgs hier und dort plaudernd verweilt wird. Auch nach der letzten Mahlzeit des Tages unternimmt der Fürst fast täglich eine kurze Wanderung. Kehrt er dann heim zum Schlosse, so ist schon nur noch der rechte, von ihm bewohnte Flügel des Schlosses erleuchtet. Das nach altertümlichem Muster eisenbeschlagene Tor schließt sich knarrend hinter ihm, und bald legt sich die tiefeStille der Nacht über das ehrwürdige Gebäude. Aber das Fenster des Schreibzimmers des Reichskanzlers bleibt oft noch lange hell, wenn im Städtchen Homburg alles bereits in sorgenlosen Schlaf versank. Der Heidbauer. Von Hermann L ö » s. GCÜt. tnjiü£iSni rii irre 5WUIT £ Die Wiesen sind vom Nachttan naß, Der Ziegenmelker schnurrt sein Lied, Die Grillen schlafen in dem Gras. Da schanzt er schon im braunen Feld, Macht Platz dem Korn im Oedeland, Mit seinen harten Händen hält Den Hackenstiel er fest umspannt. Blank blitzt die Hacke durch die Lust, Die Plagge reißt sie knirschend fort, Der Heideerde.saurer Dull Steigt aus von dem geschälten Ort. Ein jeder Ruck, ein jeder Schlag Ein Stückchen Land, ein Stückchen Brot, Ein Schritt mehr hin zu Licht und Tag, Ein Schritt mehr sort von Nacht und Not, * Die Sonne steigt, die Lust wird heiß. Kein Lüftchen um die Birken bebt; Des Mannes Blondhaar näßt der Schweiß, Am Rücken zäh das Hemd ihm klebt. Die Sonne sticht, die Lerche schweigt, Aus blauer Lust der Bussard schreit Und rundherum und weit und breit Die Grille ihren Singsang geigt. Die Sonne brennt, die Sonne sengt, . Es kocht und loht das ganze Land; Zum Schatten er die Schritte lenkt, Die Hacke legt er aus der Hand. Ein Rangen Brot, ein dünner Trank, Des Maserkopfes blauer Rauch; Dann macht er seinen Rücken lang Am krüppligen Wachhoiderstrauch. Der Maserkopf hak ausgcschwelt, Die Unterstünde ist vorbei, Des Mannes Arm ist frisch gestählh Voik Müdigkeit sein Rücken frei. Den Mücken krumm, die Beine breit, So scharwerkt stramm er weiter weg. Reißt in da§ braune'Heidekleid Aufs neue wieder Fleck um Fleck. Und jeder Fleck ein Stückchen ßctnb,. Ein Stückchen Feld, ein Stückchen Grünx Hellgrüner Saaten lichtes Band Sieht er aus braunem Umland blüh'w Buchweizen bollwerkt später hier Und süßer Klee, so rot wie Blut, Goldner Lupinen schwere Zier Und grünen Leines blakie Flut. Obstbälliue trägt des Baches Rand Uikd Weiden, bunt von buntem Vieh; Drum allf und ab mit harter Hand Und krumnrem Rücken, krummem Knie. Drkim Plagg' auf Plagge fest heraus, Mit jedenr Schlag, mit jedem Riß Verläßt die Schuldenlast das Haus, Verblaßt der Sorgen Finsternis. * Am Wege staubt es gelb und dicht, Der Schäfer treibt die Schnucken ein; Der Mann im Heidfeld achtet'» nicht, Sein Arbeitstag muß länger sein. Der Ziegenmelker wieder singt, Der Regenpfeifer ruit im Moor Und aus dem Torfstich quarrend klingt Der Frösche breiter Abendchor. Die Sanne sinkt, die Lust geht kühl, Der heiße Tag ist bald vorbei, . Schon treibt die Fledermaus ihr Spiel, Schon gellt der Eule Jammerschrei. Daheinr wohl ivartet schoik sein Weib; Er legt die Hacke aus der Hand Und knöpft um feinen nassen Leib Den schlechten Rock aus Beiderwand. Sein Blick noch einmal überfliegt Die Rodung, die er heut' geschafft, Und was noch brach und öde liegt Und wartet seiner Fäkiste Kraft. Dann schreitet still er durch den Sand, Durch Moor und Heide, schwarz rmd tot; £n» AvriälÄ «M.H'ÄNElttft Ihm leuchtet es rote Morgenrot. Für die Küche. — Makkaronieauflauf (sehr entfach). Sind die Makkaroni in Salzwasser abgekocht und so gar, rote man sie wünscht, so zerschlage man 3-4 Eier mit etwas Zucker, beliebigem Gewürz (Vanille ist vorzttziehen), rühre die Makkaroni tüchtig darin durch, gebe die Masse in eine mit Butter bestrichene Auflauiform und lasse sie eine Stunde backen. Man kann noch ewige Butterstucke obenauslegen oder geschmolzene Butter darüber gießen. Der Aw- laus kann ohne (Sauce gegessen werden. Jede Fruchtsauce schmeckt indessen sehr gut dazu. Es müßen „Röhremnakkarom" {em, damit die Eimasse sich in die Röhren setzen kann. Logogriph. Ich bin aus altem Geschlechte Und hatte der Brüder viel. Meiik Vater inußte einst fliehen; Er trieb ein lasches Spiel. Statt „e" füg' ein anderes Zeichen In meineit Namen hinein. Sogleich hast dii geformt dir Einen schönen Edelstein. Auflösung in nächster Nummer. Atiflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer: w Cid Wilna W i 1 h e 1 m Kreis Alk in Redaktion: Ernst Heß. — Rolationsdruck und Verlag der Brübl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckeret. R. Lanae. Dietz««.