Mittwoch den 5, September M H K 1 WWW NSW DM »IS Der Stern. Roman von Ulrich Fra n f. Nachdruck verboten. ' : (Fortsetzung.) Dieser war daher ganz früh hinaufgegangen, und jetzt befanden sie sich auf den: Wege nach dem Städtchen, wohin ihn der Freund begleitete. Nur ein Seufzer beantwortete den Ausruf Hans. „ "®n§ Herz wird mir weit — vor dieser jungfräulichen Schönheit ringsum. Ich bitte dich, Carl, warum bist du so still? Vor dir liegt die Heimat in ihrem prächtigsten Gewand, in dem hellen, grünen, sonnenvergoldeten Frühlingskleid. Ist es nicht, als ob sie sich uns zu Ehren so schön geschmückt hätte?" „O Gott, Hans, dir ist das Herz weit und mir eng und bedrückt. Wie soll ich der Heimat mich freuen, die mir so viel Trauriges birgt?" Er sann einen Augenblick still vor sich hin. „Ja, einst . . . einst, wie wir jung waren wie dieser Frühling selbst!" Ein herbes Lächeln zog um seine Lippen. „Aber heut! Was liegt zwischen damals und heut! Wenn wir drei so den Berg hinab und die Chaussee entlang in den Frühling hinausjauchzten, hinausliefen, als wollten wir ihn uns einfangen. Du und ich nnb — sie. Sie, die jetzt dort oben tragisches Schicksal gespielt." „Wie nahm sie es auf? Aus dem, was du mir schriebst, konnte ich die Sache nicht klar überschauen. Deine Mitteilungen waren unruhig und verworren." „Da bleibe der Teufel kaltblütig und ruhig bei solchen Ereignissen!' „Du, bei1, geschulte Diplomat?" warf Hans ein, um ihn seiner Erregung zu entreißen. „Diplomat! Ich referiere lieber über einen ganz verwickelten Streitfall am Kongo als über bie Wirrsale in Giers- dorf. Diese Wirrsaalc . . . puh! Unb bcr langjährige Guerillakrieg, den der arme, tapfere Guido kämpfte, mit der ewig blutenden Wunde im Herzen, es ist scheußlich! Und nun die Konsequenzen." „Wie aber kam denn das alles? Man hatte eigentlich nie gehört, daß er für DeLla eine besondere Neigung hatte." „Ja, wer sollte das bemerken? Wir, die wir sie als unser Eigentum betrachteten? Wann hat junger Studenten- hochniut einen Blick für das, was andere bewegt und berührt? Das ist ja die Zeit des krassesten Egoismus. Mit uns war sie, zu uns gehörte sie, wir hatten das alleinige Anrecht auf sie. Daß da ein reifer, ruhiger, älterer Mann unser Märzveilchen mit tiefen, begehrenden Blicken betrachtet, daran denkt man in seinem Ucbcrmut garnicht. Und nun gar Guido, der um so viel ältere, der ernste, zurückhaltende . . . dank den Würden, die er so früh auf seine schultern laden mußte! Meine Mutter war ivohl bie einzige, bie was gemerkt hat» beim sie brang am meisten darauf, daß Della die Künstler- laufbahn erwähle. Frauen haben dafür einen schärferen Blick. Als Della vor acht Jahren Bernstadt verließ, da waren wir beide doch nur vorübergehend als Gäste hier, Alfons längst beim Regiment . . . wer weiß, ob Mama das Zusammensein und Alleinsein mit dein damals herrlich auf- blühenden Mädchen nicht fürchtete und deshalb ihrer Ausbildung so dringend das Wort redete . . . Mutmaßungen. Ihr Geheimnis deckt nun seit einigen Wochen das Grab nnb es ist ein Glück, daß meine Mutter biese Katastrophe nicht zu erleben brauchte. Sie mag genug gelitten haben neben biefen beiben, neben dieser Ehe. Sie, die des sonnigsten Eheglücks an der Seite meines Vaters teilhaftig gewesen." Ein leichter Frühlingsivind strich durch bie Felder. Graf Karl Viktor schauerte ein wenig zusammen. „Ich glaube, meine arme Mutter ist erstarrt in den Frostschauern der Ehe ihres ältesten Kindes . . . erfroren!" „Aber, daß ihr nichts merktet!" „Ich bitte dich, wer? Wenn man aiif Tage oder kurze Wocheii zu Besuch kommt? Die konventionelle Lüge Hilst über so vieles scheinbar fort. Unb gar in unseren Kreisen, wo bas Formelle herrscht unb nicht als bas Besonbere gilt. Das heißt bmui vornehm, aristokratisch, feubale Lebenshaltung! Und so eilt Skelett im Hause wandelt ruhig neben einem her, setzt sich mit uns zu Tisch und beitet sich in die weichsten Winkel, ohne daß man es geivahr wird . . . Man spielt sich einander Komödie vor . . ." (Eine tiefe Bitterkeit klang aus seinen Worten. „Geschivister werden sich fremd, sobald sie ihre eigenen Lebenswege gehen. Mas die Familienbande zusaniinenhalten, hat wenig Bedeutiing für das Innenleben des einzelnen. Der künftige Lebenskreis, Beruf und individuelle Neigiingen allein sind entscheidend. So wird man kaum geivahr, was in der Seele des andern vorgeht. Mit seinem innersten Erleben ist jeder Mensch allein ... da gibts nicht Bruder, nicht Freund, iticht Geliebte . . . und so hat Guido sein Elend allein getragen! Wir fanden seine Fran nicht angenehm, nicht liebenswürdig; ivir wunderten uns ivohl auch in einer Stunde, die uns Zeit ließ, uns gelegentlich mit etwas anderem als dem lieben Ich zu beschäftigen, warum er sie erwählt--« c’est tont. Wir fragten nicht, und er sagte nichts." „Aber warum hat er sie wirklich geheiratet?" „Par d6pit, wie cS jetzt den Anschein hat. Helene, die vorgestern abreisen mußte, weil eines ihrer Kinder erkrankte, — 518 meint, nach dem, ivas er neulich erklärte, sei nichts anderes anznnehnien, als daß er aus Verzweiflung und Mißmut über Deltas Abweisung die erste geheiratet habe, die ihm in den Weg kam und von der er sich sagte, sie werde keine Zärtlichkeit und Liebe von ihm verlangen, da sie keine geben könne. Eine Vernunftehe, die der Majoratsherr und Stammes- halter eines aristokratischen Geschlechts einging, nachdem er seine Illusionen zu Grabe getragen hatte." „Leicht möglich!" „So muß man die Sache betrachten und, wenn es nötig ist, daß du zur Beurteilung seiner Gemütsverfassung mehr erfährst, so wird Della dir ivohl das sagen, ivas wir nicht wissen, kaum vermuten." Hans sah nachdenklich vor sich hin. „Hat sie nach dein Vorgang niemand von euch gesehen?" „Nein, Helene hat angesragt, ob sie sie besuchen könne. Die Frau Kantorin hat herzlich bedauern und sagen lassen, der Ausgang sei ihrer Tochter nicht gut bekommen, es sei wohl zu früh gewesen und auch zu viel und sie müsse neuerdings völlig ruhig leben." „Das erzählte mir auch mein Vater. Sie wird wohl den wahren Sachverhalt verschwiegen haben. Das ist nichts für die lieben Bernstadter, solche Sensationen und Ereignisse. Nichts für Kantors und nichts für Kreisphysikussens mit ihrer braven, altmodischen Moral. Das ist nur für moderne Menschen!" Ein leichter Spott drang ans seinen Worten. „Aber dir ivird Della wohl alles erzählen, und wir werden dann Anhaltspunkte finden für das Weitere. Wann wirst du sie sehen?" „Ich denke, heute nachmittag." — Sie waren inzwischen in die Stadt gelangt. Der Graf blieb stehen. „Ich möchte nicht mit hineinkommcn nach Bernstadt; wann sehe ich dich wieder?" „Morgen vormittag ivohl!" „Nun denn, auf Wiedersehen!" r * Leise und bedächtig war Dr. Hübner bei Della Brandt eingetreten. Draußen hatte ihn schon die Frau Kantorin begrüßt und ivollte voller Freude seinen Besuch ankündigen. Aber er bat um die Erlaubnis, sie überraschen zu dürfen. Er wollte als Arzt beobachten, ’.uie plötzliche Eindrücke auf sie wirken. Und NUN stand er vor ihr und sie lächelte ihn an, wie einen längst Erwarteten. Nichts Schreckhaftes, Auf- geregtes war in ihrem Wesen, nur sehr bleich sah sie ans und, als sie ihm beide Hände zur Begrüßung entgegenstreckte, da schien cs doch, als suche sie nach einem Stützpunkt. Als er ihre Hände erfaßt hatte, kam es ivie wiedergewonnene Sicherheit über sie und sie sagte: „Du kömmst zu rechter Zeit, Hans!" „Bedarfst bn meiner?" „O, sehr!" antivortete sie einfach. Er sah sie prüfend an. „Aber du bist wieder völlig hergestcllt, Della. Ich sehe es an deinen: Blick und deiner Haltung." „Ich brauche auch nicht den Arzt, sondern den Freund!" Er hatte sie, ihre Hand noch immer festhaltend, zii einem Sessel geleitet, der ain geöffneten Fenster stand. Eine milde Frühlingsluft strömte herein, die Strahlen der niedergehenden Sonne fielen schräg in die Stube und malten dunkelrote Flecke auf den weiß gescheuerten Fußboden. Sie zuckte zu- samiiien, als sie dies gewahrte. „Weißt du, was geschehen ist? Wiederum bin ich einem Menschen zum Unheil geworden. Graf Guido . . „Rege dich nicht auf. Karl Viktor hat mir alles erzählt. Du wirst doch nicht so töricht sein, dir eine Schuld beizu- meffen?" Sie hatte sich wie ermüdet niedergelassen, und er stand vor ihr und beobachtete, ohne daß sie es merkte, den wechselnden Ausdruck ihres Gesichts. „Eine Schuld ... die trifft mich wohl nicht! Ich hatte keine Zuneigung für ihn, ebenso wenig wie für den andern. Ich mußte sein leidenschaftliches Werben, sein demütiges Bitten iind Beschivören ebenso zurückweisen wie das wilde, brutale Begehren des andern. Aber es ist doch traurig, Empfindungen zu erwecken, die unheilvoll sind für die, die sie hegen, beschämend und kränkend für mich. Ich bin mir nicht bewußt, je veranlaßt zu haben, je gewünscht, ivas so stürmisch und geivaltsani inir gegenübertrat und doch . . . was ist es nur?" „Die Illusion, Della ... der Nimbus, der dich umgab, das Mysterium der Künstlerschaft, das Exzeptionelle > Glaube nur, wenn du still und einfach deinen Weg gewandelt wärest, iveder der eine noch der andere hätten deinen Weg gekreuzt." Sie sah ihn verwundert an und dann lächelte sie, als finde sie erst allmählich das Verständnis seiner Worte. „Du meinst?" „Fasse meine Worte nicht falsch auf.- Nicht, daß ich glaube, daß du einen Mann nicht bezaubern könntest, aber was Guido, was Wittelsbach in dir suchten und zu finden glaubten, ivar doch etivas anderes!" Ein flüchtiges Not durchschiinmerte die zarte Blässe ihrer Wangen. „Der Graf hatte schon in Dresden mir sein Interesse gezeigt ..." „Ich weiß es! Della, du kennst heute das Leben! Wieviel Gutes, aber auch wie viel Schlimmes kann das geben! Vielleicht hätte er dann niemals um dich 311 werben brauchen UNd . . ." „Hans!" fuhr sie auf, „Ich spreche aus seiner Seele und aus dem, was in seinen Kreisen gilt." Seine Stimme klang rauh. „Das alles ist dir nicht fremd, und daß eS anders kam . . . das bist du! Daß er später, als er dich wiedcr- fand, bewundert und gefeiert, fürchtete, du könntest ihm ent- schweben und, um dich nicht auf immer zu verlieren, dir seine Hand anbot, wohl wissend, daß er nur so dich ge- winnen könne, ist natürlich, und ich ivill ihm nicht unrecht tun, auch sehr ritterlich! Du aber bliebst dir treu! Ließest dich nicht verblenden und fragtest nach der Antwort deines Herzens! Er hingegen fand nichts Klügeres, als sich und eine andere unglücklich zu machen," „Du bist hart, Hans!" „Vielleicht! Aber glaube mir, liebe Della, man kann nur dann weich und mild sein, wenn man erst recht hart ist und das wahre Erkennen und das wahre Wort nicht scheut. Das lernt man in meinem Beruf, soll es lernen. Mit falscher Sentimentalität würden wir nichts erreichen bei diesem nervösen, hypersensitiven Geschlecht." Sie sah ihn einige Sekunden nachdenklich an. „Hast du darum, als ich dich bat, dir schreiben zu dürfen, was mich bewegt, es zurückgewicsen?" „Ja, Della!" sagte er mit schlichter Offenheit. „Und darum bist du heute so weit, zu verwinden, was dir schreckhaft gegenübertritt, darum bist du heute so weit, daß ich klar und ruhig die Dinge mit dir bedenken und sie beim rechten Namen nennen kann, die so tief in dein Leben eingreifen. Stark und wohl ausgerüstet für das Leben, das dir befchieden ist." Ein seltsames Licht brach aus ihren Augen. „Du meinst die Bühne?" „Ja! Du bist deiner herrlichen Kunst wiedergegcben! Darauf hatte ich Bedacht zu nehmen." „Di: bist ein gewissenhafter Arzt!" (Fortsetzung folgt.) 519 ■-* Aus der guten atten Zett. Heutzutage hören wir oft den landläufigen Satz: „Ehen werden im Himmel geschloffen." Bor Zeiten jedoch war es vielfach anders; welchen Beschränkungen der freie Willen der Untertanen im Punkt der Ber- heiratung unterlag, davon gibt das folgende Privilegium Wilhelms I. von 1490 d. d. Kassel am Frehtag nach Set. Michaelis einen Beleg. Es lautet: „Wir Wilhelm der Elterw, von G. Gn. Landgraw zu Hesseu, Graw zu Ziggenhain k. haben durch besundere Gunst und gnemge Zuneigung zu Unserer Stadt Wolffhagen etzliche neue Privilegia bestimint: daß Unsere Bürger und Bürger- schen zu Wolffhagen gesessen, nach ihrenr Willen undt Vorsehungen des Allmächtigen Gottes frien (freien) mögen. Sie mögen auch desgl. ihre Kinder nach ihrem Willen und nutze vergeben u. sollen sürbaß von Uns u. Unseren Erben keinerlei) Weise noch durch Uns selbst oder jemand von Unserwegen angelaget, betrüget, gezwungen, noch geboten werden, ob Wir Diener oder Dienerinnen hatten, dieselben zur Ehe zu nehmen, sondern solches Zwanges, beträngs, bethe oder geheiß gentzlich u. gar verlaßen sein u. bleiben." Eines gleichen Gnadenaktes hatte sich die Stadt Zierenberg zu erfreuen. Wir erfahren weiter, daß die früheren Kaiser und Landesherren vormals das Recht ausübten, ein Mädchen, welches einem ihrer Hofbeamten gefiel, „ohne selbiges oder dessen Eltern darum zu fragen, für eine Braut desselben durch den Marschall ausrufen zu lassen." Lersner gibt in der Frankfurter Chronik im 1. Buch im 7. Hauptstück § 56 folgende Nachricht: Wenn ein Kaiser oder König in eine Stadt gekommen und Einer der bei sich habenden Hofbedienten eine schöne und reiche Tochter ersah und solche zur Ehe haben wollte, konnte er auf diese Art, ohne Begrüßung der Eltern und Weibsperson, sie erlangen. Er begrüßte nur den Kaiser darum, da dann der Kaiser seinen Marschall vor der Weibsperson Wohnung schickte und also ausrnsen lassen: „Hört zu Ihr Herren überall Was gebeut der Kaiser und Marschall; Was er gebeut und das muß sein, Hier ruf ich aus N. N. mit N. N. Heut zum Lehen Morgen zur Ehen Ueber em Jähr Zu einem Paar!" Daß dieses Recht wirklich in Ausübung gewesen, davon liefern die Privilegien, wodurch verschiedene Reichsstädte die Befreiung davon erlangten, den deutlichsten Beweis. König Heinrich VII. erteilte den Städten Frankfurt ä. M., Wetzlar, Friedberg und Gelnhausen (1232) das Privilegium, als die Tochter des Frankfurter Bürgers Goldstein wider ihren Willen mit einem' Hofdiener verheiratet werden sollte. König Richard entsagte in der Urkunde vom 8. September 1257 diesem' Rechte. Mit welcher Strenge das Recht noch im Anfang des 16. Jahrhunderts vom' Kaiser Max I. ausgeübt wurde, davon lesen wir in Treuen- hübers Annalen beim Jähre 1509: „Als Dietrich Reisch- kohl, Rathsbürger zu Steyr, gestorben u. nur eine Tochter Magdalene nebst einem schönen Erbgut verlassen und solches am Kaiserlichen Hof laut worden, schrieb der Kaiser sich dato: Ulni den 3. May. Dem Herrn von Polheimb, Obrist- Hauptmann der Niederösterreichischen Lande: Se. Majestät sei dem weiland Dietrich Reischkohl hinterlassenen Töchterlein mit Gnaden geneigt, auch, ms Landesfürst u. obrister Gerhab (?) Willens, sie nach Gefallen ehelich zu verhey- rathen, daher solle er, Obristen-Hauptmann, dasselbe Töchterlein von Stund an ausnehmen in sein Frauenzimmer. Es solle die Freundschaft ohne Widerrede gutwillig und gehorsamlich verwilligen, in Ansehung, das solches des Töchterleins und seiner gantzen Freundschaft zur Ehr fürgenommen sey. Wo sie aber sich hierzu nicht schicken, Weigerung oder Aufschub suchen wollten, ihnen ferner entdecken, daß hierauf Ihre Majestät nichts destominder „mit dieser Heyrath sortfahren und sich nicht irren lassen würden". Hiergegen protestierten die Reischkohlschen uno reisten zum Kaiser nach Jnsprugg, das Geschäft hinterstellig zu. machen. Aber der Obrist- Hauptmaun befahl nichtsdestoweniger, die Jungfrau nach Weiß nebst einer Dienerin als Wärterin zu schicken. Weil sich aber diese erstere weigerte, ward hierauf der Vollzug denen M Steyr bei einer Wna Po.n 200 Fl, a.uferlegt. Hierauf geschah die Stellung der Jungfrau, um sich der Strafe ledig zu machen. Demnächst befahl der Kaiser hernach von 'Augsburg aus am 6. April 1510 die völlige Heirat zwischen dem Truchsäßen und der Juuzfr.ru nach Ordnung und Gesetz der christlichen Kirche zu schließen, sich ehelich zusammen zu geben, und ihm, Truchsäßen, die Jungfrau mit all ihrem Hab und Gut zu überantworten. Doch soll die Ehe nicht eher erfolgen, bis diese zwischen 15 und 16 Jahre alt sey. Die Kopulation geschah aber Sonntag Exaudi im Schlosse Warttenberg. Oft gemeldeter Truchsäß ist aber alsbald mit Tode abgegangen, worauf die Reischkohl 1512 von Sigismund Wolff von Dietrichstein geheyratet. Mit demselben ist nun über 20 000 Fl. aus der Stadt Steyr; hinweg an den Adel gekommen, welches zu selber Zeit für ein mächtig Gut gehalten ward." Wie glücklich hiernach die Gegenwart, wo dergleichen Eheabschlüsse auf allerhöchsten Befehl nicht mehr möglich sind. Der Papierverbranch der Welt. Liebig hat einmal den Verbrauch an Seife als Maßstab für die Kultur eines Volkes ansehen wollen. Mit einem gewissen Recht für gewisse niedrige Kulturstufen, denn Reinlichkeit ist eine der primitivsten Voraussetzungen für eine Halbwegs menschenwürdige Existenz. Für die differenzierten Formen einer fortgeschrittenen Kultur muß man sich, wenn man sie zahlengemäß nach dem Anwachsen gewisser Produktionszweige schätzen will, nach einem anderen Maßstabe umsehen; in dieser Beziehung dürfte sich wohl kaum eine Industrie so eignen, in ihrem Anwachsen einen Spiegel geistiger Kultur wiederzugeben, wie die Papiererzeugung. Denn jede Aeusternng geistiger Kultur ist vor allem auf den Weg des Wirkens durch das gedruckte Wort gewiesen. Von diesem Standpunkt aus erscheinen die Ergebnisse einer in der „Revue scieutifique" mitgeteilten Statistik über die Papierproduktion der Welt doppelt interessant. Den ersten Platz unter den Papier produzierenden Ländern nehmen gegenwärtig die Vereinigten Staaten ein mit 13 Millionen Zentner Jahresproduktion. Deutschland ist mit 8 Mill. Zentner an die zweite Stelle gerückt. England erzeugt 5 Millionen, Frankreich 4 Millionen, Oesterreich 3, Italien 2,5 . Millionen im Jahr. Des größten Unternehmens können sich dce Amerikaner rühmen. Es ist die „International Paper Co.", die im ganzen 31 Fabriken mit 96 ununterbrochen laufenden Maschinen besitzt. In den Fabriken der Gesellschaft arbeiten also beinahe soviel Maschinen wie in Italien und den Niederlanden zusammengcnommen, ihre Jahresproduktion ist beträchtlicher als die Oesterreich-Ungarns und erreicht beinahe die Englands; das in den Fabriken festgelegt Kapital beträgt 220 Mill. Mark, das Betriebskapital 244 Mill. Mark. Haben die Amerikaner so auf dem Gebiet der Papiererzeuguug die europäischen Staaten überflügelt, so hat Deutschland seinen Rang als Papicr- exporteur behauptet. Mit dein Betrag von 1038 000 Zentner Jahresausfuhr marschiert es gegenwärtig an der Spitze der Staaten, während mit einer Million die Vereinigt. Staaten, mit 843 000 England, und Frankreich mit 266 000 nachfolgend Das Exportgcbiet der Vereinigt. Staaten umfaßt hauptsächlich Südamerika, aber auch Kanada und Australien. Der Papierbedarf der Levante, und der ostasiatischcn Länder wird hauptsächlich von Oesterreich und Deutschland versorgt. Ein Absatzgebiet ersten Ranges bildet trotz seiner beträchtlichen Papierproduktivn England. Im letzten Jahr lvurden dort über 3 Millionen Zentner eingeführt. Eine mcrk- würdige Entwicklung hat der P a p i e r v e r b r a u ch durchgemacht. Er ist relativ am größten in den Bereinigten Staaten, wo jährlich 17i/a Kilo verbrauchtes Papier auf den Kops der Bevölkerung entfällt. Dann folgt mit 16 Kilo pro Kopf Großbritannien. Deutschland steht mit 13,6 Kilo pro Kopf an dritter Stelle. Es folgen Frankreich 9,3, Oesterreich 8,6, Italien 7 Kilo. Den geringsten Papicrkonsum unter den europäischen Staaten weist Serbien mit 0,5 Kilo pro Kopf aus. VermrfthLss. * Eine Erinnerung tut die letzte Jagdreise des verewigten Prinzen Friedrich Karl von Preußen nach dem Elchrevier der Oberförsterei Jben- h'or st tit Ostpr. knüpfte sich bis vor kurzer Zeit an einen viersitzigen Extrapostwagen der Posthalterei K a u k c h m e n; die Rolle, welche dieser im Leben des Prinzen gespielt, ist wichtig und eigenartig genug, daß sie es Wohl verdient, der Vergangenheit entrissen zit werden. Der Herbst des Jahres 188-1 hatte frühzeitig eingesetzt. Schon Mitte Oktober war die Natur öde und kahl, heftige Stürme trieben tagaus, tagein unablässige Regenschauer vor sich über die Fluren hin und hatten die Landwege der Niederung fash bis zur Grundlosigkeit durchweicht. Und in dieser Zeit wurde die Durchfahrt des Prinzen zur Elchjagd nach der OVerförsterei Iben- Horst in Kaukehmen erwartet. Man glaubte schon, der hohe Herr, werde die Fahrt der trostlosen Witterung wegen 520 aufaegebcn habe«, aber aut 24. Oktober, nachmittags 4 Uhr ertönte plötzlich das Extrapostsignal, und bald darauf hielt der Wagen vor dem Postamte. Nur wenig Publikum hatte das" Signal herbeigelockt, da nieinand wußte, daß wirtlich Prinz Friedrich Karl eingetroffen sei; er begrüßte dieses in seiner lieberlswiirdigen Weise und meinte dann zum Postillon Sabrnuüki, der die von der Posthalterei Kau- kehmen gestellte Extrapost weiter nach Jbenhorst führte: „Nun, Schwager, werden wir auch nicht umwerfen. „Nein, Königliche Hoheit", erwiderte der Postillon, „Locher sind zwar genug da, und in den Seitengraben gurgelt das Wasser, aber der Wagen ist fest, und meine vier Braunen sind gut, und wenn ich chnd mein Kollege Hand anlegen und die Herren aussteigen, steht der Wagen bald wieder aerad'." Dem Prinzen gefiel die furchtlose und offene Sprache, er lächelte und meinte dann zu seiner aus drei höheren Offizieren bestehenden Begleitung: „Das sind ja hübsche Aussichten, gut, daß ich meine laugen Wasserstiefel angezogen habe, sie können mix heute noch gute Dienste tun." Dabei bestiegen die Herren die Kaukehmer Extrapostchaise, die Pferde griffen aus, uud unter den Klängen des Posthorns gings in den unfreundlichen, dunklen Abend hinaus. Bis zum nächsten Kirchdorfe Schakuhneu ging die Fahrt ohne Unfall von statten. Von hier ab wurde der Weg aber schauderhaft, der schwere Wagen sank bis zu den Achsen in den aufgeweichten Lehmboden, und die Pferde vermochten nur Schritt für Schritt weiter zu kommen. Dabei schlug der Sturm brausend den Regen gegen die Fensterscheiben, dazwischen ließ sich das „Hie, hie!" der Postillone hören, und das gespenstisch flackernde Licht der Wagenlaterne trug auch nicht viel dazu bei, die unheimliche Lage der Reisenden abzuschwächen. Da — plötzlich ein Ruck, eüt zweiter, der Wagen lag mit der Hinterachse in einem tiefen Loch und stürzte schnell auf die Seite. Der Prinz riß die entgegengesetzte Wagentür auf uud sprang hinaus, dann folgten rasch die anderen Herren, ohne Rücksicht auf die leichte Fußbekleidung und den tiefen Straßeu- schmutz nehmen zu können, alles stemmte sich mit den Schultern gegen den Wagen, der Prinz ergriff die Leine und trieb die Pferde an, aber das Gefährt rührte sich nicht. Da erblickte man in weiterer Entfernung ein Licht. „Rett- una, meine Herren", rief der Prinz. „Dort wohnen Menschen, sie werden uns zu Hilfe eilen. Blasen Sie, Schwager, damit man uns hört!" Und der Postillon blies alle Melodien, die für ihn in seinen! Horn steckten, durch Sturm' und Regen in die Nacht hinaus, aber niemand hörte sie. Ta nahm der Prinz selber das- Horn zur Hand, setzte es an den Mund und entlockte dem Instrumente nun so schaudervolle Töne, daß die Herren unwillkürlich zurück- prallten. Aber der Prinz blies in derselben Weise unentwegt weiter, und in der Tat hatte er die Macht Lieser „Töne" nicht unterschätzt; denn bald wurde das schwankende Licht einer Laterne sichtbar und bald standen vier Männer mit Stangen und Spaten hilfsbereit aus dem Schauplatze. „Wo ist dä Elch, da so schrög?" fragte« die Leute. Helles Lachen folgte dieser Frage, dann meinte der Prinz: ,jTer saß in der Trompete und rief euch Leutchen; kommt, helft uns den Wagen aus dem Loch, heben, wir müssen schnell weiter!" Und wieder entstand ein Keuchen und Heben, der Prinz hieb mit der Peitsche kräftig auf die Pferde, und nun endlich gelang es, den Wagen zur Weiter- sahrt bereit zu stellen. Und als nun der Prinz die Börse zog und den Bauern ein reichliches Trinkgeld reichte, meinte einer von ihnen lächelnd: „Herr, so'n Elch kann alle 'Awend brölle, dem Help wie öininer op de Beene!" Als man bald daraus im behaglichen Zimmer der Oberförsterei beim duftenden Grog saß, meinte der Prinz: „Das war die interessanteste Jagdreise, die ich je in meinem Leben gemacht. Wenn meine Frau wüßte, daß ich heute stellvertretender Postillon gewesen, und das von mir geblasene eignal hörte, sie würde diesen Tag ereignisreicher bezeichnen, als alle, die ich im französischen Kriege durchgemacht habe." * König Alfons XIII. — als „Reisender in Weine n". Ter Besuch, den der König und die Königin von Spanien während der setzten Wochen in England abgestattet haben, wird, wie sich jetzt schon Voraussehen läßt, eine eigenartige Folge haben, die den geschworenen Gegnern des Alkohols, an denen es ja auch jenseits des Kanals nicht fehlt, nur geringe Freude bereiten dürfte. Nämlich: das Redaktion: Sherry-Trinken kommt wieder in die Mode, — oder richtiger gesagt: wieder mehr in die Mode, als bisher. Es gibt wohl, von Spanien und Portugal, selbst abgesehen, kaum ein Land, wo solche Mengen spanischer und portugiesischer Weine konsumiert werden, wie in England. In vielen Häusern eröffnet man noch immer, nach altem Brauche, die Mahlzeit mit einem Glase Sherry, und beendet sie mit Portwein, wobei es denn nicht immer, wenn die Danren sich von Tisch entfernt haben, bet einem Glase bleibt. Für die. verschiedenen Jahrgänge der Weine von Xeres und Oporto besitzt mancher Brite eine so empfindlich differenzierende Zunge, wie der erfahrenste deutsche Feinschmecker für das Alter eines guten Tropfens Rauenthaler oder Johannisberger. Aber seit einigen Jahren hatte das Sherry-Trinken erheblich abgenommen, während der Portwein nach wie vor int Ansehen blieb. Es scheint, daß König Alphans XIII. es sich angelegen lassen sein will, im Interesse des span. Exports dem Sherry in England zu seiner früheren Beliebtheit zu verhelfen. Und das dürfte ihm auch gelingen. Ter König brachte ganze Ladungen voll der besten und edelsten Sherry-Marken mit, und so oft er Gäste an seinem Tische sah, stand der Sherry in mehreren Sorten auf der Karte verzeichuet. Zur Suppe gab es einen 1847er, der schon den erfreulichsten Eindruck weckte. Später folgte eine leichtere Art, aber zum Braten kam dann ein Gläschen 1780er auf die Tafel, der ganz auserlesen mündete und der gewiß auch eine Seltenheit vorstellt, wie man sie außerhalb des' königlichen Kellers von Madrid kaum wiederfinden dürfte. Nebenbei bemerkt, spielte hier die Illusion wohl eine kleine Nolle, denn wer selbst Gelegenheit hatte, an Ort und Stelle nur 80- und 100jährigen spanischen Wein zit kosten, der wird den Eindruck gehabt haben, daß, seine aromatische Würze sich über ein" gewisses Alter hinaus eher verliert. Ten Schluß des Diners bildete ein Kognak, der gleichfalls aus Trauben von Xeres hergestellt war. Man weiß, wie eifrig die englische Gesellschaft jedes am Hofe gegebene Beispiel nachahmt. Und so ist denn jetzt mit einem Male dem Sherry die frühere Gunst zurückgegeben. Um sie ihm aber auch für die Zukunft zu sichern, hat der König überall da, wo er selbst in England und Schottland zu Gaste weilte, einige Dutzend Flaschen Sherry als Geschenk zurückgelassen. So sorgt man als Monarch auch in den Ferien für die wirtschaftlichen Interessen seines Landes. * Das „schönste Iahr" der Frau. Die Frage: In welchem Jahre ist eine Frau am nuzieheudsten?. wurde kürzlich von einem Künstler und einem Schriftsteller einer Diskustion unterzogen. Der Künstler behauptete, er liebe es nicht, Frauen zwischen fünfundzwanzig und vierzig Jahren zu malen; sie müßten entweder jünger oder älter fein. Vor dem lunsundzwan- zigsten Jahre habe das Gesicht eines jungen Mädchens den Retz der Kindlichkeit. Die Züge verrieten Lebensfreudigkeck, Hoffnung und Seelenheiterkeit. Mit vierzig Jahren hingegen sei der Charakter geformt und gefestigt und die Züge eigneten sich tn ihrer Ruhe ausgezeichnet zum Studium, in den Zwischmiahren hingegen zeige das Gesicht keinen sestzuhaltendeu, charakter,stachen Ausdruck, und sei von Jahr zu Jahr verschieden, daher für den Künstler kein dankbares Sujet. Der Schriftsteller hiugegeu behauptete, daß für ihn die Frauen zwischen dreißig und vierzig Jahren am interessantesten seien. Sie verbänden in jenem Alter Welterfahrung mit der Heiterkeit der Jugend; seien weder mehr unreif und unerfahren, noch alt genug, um grämlich zu feilt. Heitere Frauen bleiben viel länger jung als pessimistisch veranlagte, die oft mit dreißig Jahren mehr den Eindruck des Verblühten machten, als ihre munteren Kolleginnen mit vierzig. Ergärrziingsriitsel. (Nachdruck verboten.) E . il . . A. . e. n P . i . e . p . . n . . n, H . . ß . . n . ch . b . . in . . r . i . . e. n; R . . h . b . . ui . . r . i . . e . n w..l .e.ß.n: W . . d . n . i . e . A . . e . n P . . nl Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Wenn Jemand schlecht von deinem Freunde spricht, Und scheint er noch so ehrlich: glaub' ihm nicht I Spricht alle Welt von deinem Freunde schlecht: Misstrau' der Welt und gieb dem Freunde recht 1 Nur wer so standhaft seine Freunde liebt, , Ist wert, daß ihm der Himmel Freunde gtebt. Bodenstedt. Ernst Letz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühs'fchen Universitäts-Buch- und Sieindruckerei. R. Lange, Dieben»