1906 BM I [ffl ärM Aittellose Mädchen. Roman von H. E h r Hard t. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Ist denn sein Ches mit ihm zufrieden?" erkundigt sich die Geheimrätin ablenkend und außer stände, der Richt ig- teit von Ruths Ansichten völlig zu widersprecheu; das jung« Mädchen nimmt nun atlch in einem der tiefen Lehnsessel zur Seite der Tante Platz und beginnt bte schlanken, aber rotqearbeiteten Hände im Stricken zu bewegen. Ich denke wohl!" erwidert sie ansaimend, „er meint ietöft daß er sich schnell ein gearbeitet hat. Im Rechnen und in den neuen Sprachen hat er ja stets seinen Mann gestellt und das kommt für den Kaufmann zuerst m Betracht. Rum Studium war er jedenfalls nicht begabt genug, er wäre auch unter günstigen Verhältnissen entschieden ein verbummelter Student geworden - dumm ist er dabei gar nicht, ein ganz gewitzigter Kopf. Dom 1. Januar hat rhm sein Chef übrigens eine Zulage m Aussicht gestellt, das ist wohl das beste Zeichen dafür, das; er feilten Ansprüchen gerecht wird." „Wieviel bckoinnit er jetzt?" „Dreißig Mark monatlich" „Na, viel ist's ja nicht!" nickt Frau von Hertzberg nach- denklich, aber immerhin für einen so jungen Menschen — siebzehn Jahre ist er ja wohl erst andere fangen dann erst an, Geld zu kosten" , ' Ein bestätigender Seufzer hebt Ruths Brust, irre Stna- nadeln klappern hastiger aneinander. Wie etu Alp legt sich der Gedanke an den ältesten Bruder, für den Justlz- rat Glettenberg, der auch Vormund der jüngeren Geschwister ist, im Verein mit Tante Hertzberg es übernommen hat, ihm bis zum Examen fortzuhelfen . „Wenn ich so denke, was Karl gekostet hat und noch immer kostet — dieses lange Studium, das Freiivilligensahr — die militärische Uebung im Sommer", das junge Mädchen läßt die. Arbeit in den Schoß sinken und tiefe sorgen- salten graben sich in ihre weiße, niedrige Stirn, „er leidet wohl nm meisten von uns allen unter der großen Misere, weil er es entsetzlich drückend empfindet, daß er andere für sich sorgen lassen muß, anstatt, wie es stets sein Traum war, uns alle erhalten zu können. Er dachte schon tut Ernst daran, die ganze Juristerei an den Nagel zu hängen und sich eine Privatstellung zn suchen." . „Nun, das wäre gar schön!" entrüstet sich die Geheim- rätin und ihre lebhaften dunklen Augen drohen förmlich, „so ein begabter Mensch, dem zum Ziele zu verhelfen inan stolz ist .Wenn Tu ihm diese verrückte Idee nicht mit allen Mitteln austreibst, mein Kind, hast, Du's mit mir verschüttet. Wie lange hat er denn noch zum Assessor? Knapp anderthalb Jahre? Tie iverden auch vergehen, letzt heißlls eben, die Sache durchbieaen. er ist doch sonst so ein zäher, energischer Charakter. Als Assessor kann er auch noch immer in eine Privatverwaltung gehen, im Hüttenbezirk gibt'S da ja Glanzstellen, und wenn ich nicht irre, hatte der Vater ja dort freundschaftliche Beziehungen, dis man vielleicht ausnützen könnte. Tann kann er Euch doch ,tm Ernst eine Stütze sein, und wenn's mit der Glanz-i stellung nichts ist, so hat er doch als Assessor schon all« Chancen, reich zu heiraten „Ach, Taute!" Ruth mußte unwillkürlich auflachen. „Nun, hab' ich etwa tiicht Recht? Er ivird doch hoffentlich nicht so sentimental veranlagt fein, ohne Rücksichten nur aus Liebe heiraten zu wollen, dein Grund zu einer zweiten Misere legen- — Nein, mein Kind, von der Liebe wird man nicht satt und deshalb macht auch die Liebe allein nicht glücklich." . „Wer Geld allein auch nicht!" widerspricht Ruth ernst. „Ach, doch! sagt plötzlich Von der Tür zum Neben- zininrer her eine von tiefster Neberzeugung durchdrungene Helle Stimme. . Suse ist unbemerkt eingetreten, lauft itun m ihrer lebhaften ungestümen Art aus die Tante zu und küßt ihr zuerst die Hand, dann Mund und Wange. „Ach, Tantchen, verschaff' mir bloß einen reichen Mann!" bettelt sie kindisch, aber hinter bem Scherz lauert ber bittere Ernst ber gegen die Not bes Lebens sich empörenben Mäbchenseele. _ Tie Geheimrätin streift in halber Liebkosung bie krausen Blondhaare von Suses Schläfen zurück 1111b mustert wohlgefällig das hübsche, pikante Gesichtchen. So große Hoch^ achtuna sie noch immer für die älteste Nichte hegt, so hat ihr strenger Ernst, ihre stille Resignation zuweilen etwas! Unbehagliches für ihr lebhaftes, gutmütiges Temperament und Suses quecksilberne Art, die überall die Damme des Herkömmlichen durchbricht, wirkt förnllich erfrischend au, fic ein. „Na, laß gut sein!" tröstet sie, „wenn das Trauerjahr um Eure gute Mutter erst vorüber ist, mußt Du bei meinem Jour fixe Haustöchterchen spielen, da findet sich schon ein reicher Freier" ,sie muß lächeln, da sie das freudige Auf- strahlen in den großen blauen Angen bemerkt unb neckend fügt sie hinzu: „Es fehlt Dir doch gewiß nicht an Verehrern. Kleines, sind es beim alles arme Sch lucker ? Ach, Verehrer?" schmollt Suse, ben Kopf geringschätzig zurückwerfenb, „bie ich habe, zählen boch nicht ein Paar Stubenteu, bie mir auflauern, wenn ich m meine Stunden gehe, ganz grüne 'Jungen, bie noch krampfhaft an Vaters Gelbbeutel hängen — unb unser Hausarzt — aber ber ist mir zu süßlich, ben mag ich nickst." „Trotzbein läßt Tn Dich von ihm anbichten!" kabelt Ruth, bie aufgestanben war unb mm mit einer Likör staschp unb drei kleinen Gläschen luieber an ben Tisch tritt. _ Wälireüd sie bie geschliffenen Becher füllt, schnippt «ass leichtsinnig mit ben Fingern unb bemerkt übermütig: — 258 „Gott, eilt bißchen Spaß muß der Mensch doch auch haben, e§' wär' ja sonst rein zum Auswachsen öde und langweilig — das Leben. Außerdem ist es doch kein Verbrechen, wenn ich einen Dichter als Muse zum Schassen inspiriere, vielleicht dankt mir's die Nachwelt noch mal — er dichtet nämlich wirklich gut, Tanting, nicht etwa Sonne und Wonne — Liebe und Triebe." Wie sie so spricht, ist sie wieder ganz das alte, leichtsinnige, oberflächliche Weltkind, das durch nichts zur ernsten. Lebensauffassung zu bekehren war. Tse Wunden vergangener Zeiten sind vernarbt, Fritz Trautendorf ist längst Verschmerzt, wenn auch nicht vergessen. Im verborgensten Winkel ihres beißen Herzchens schlummert die Erinnerung an ihre erste Liebe und ihr trauriges Ende und lvird als köstlicher Schatz treu von ihr gehütet. Ohne daß sie selbst es weiß, ist dies treue Erinnern ihr ein starker Schutz gegen die Gefahren, welche die Großstadt für ein so leicht veranlagtes Geschöpf täglich bereit hält. Sie hat ein fabelhaftes Glück bei den Herren und oft hatte ein einziger unüberlegter Blick, ein harmloses Lächeln genügt, einen hartnäckigen Verfolger an ihre Sohlen zu heften. Zu ihrem Glück hotte noch keiner von all denen, die huldigend ihren Weg gekreuzt hatten, den Vergleich mit ihrem Fritz aus- gehalten und solche Straßen Überfälle waren ihr nie zu einer Versuchung geworden. Sie amüsierte sich köstlich darüber, verfügte auch über die nötige Schlagfertigkeit und Unverfrorenheit, allzu Zudringliche gehörig ablaufen zu lassen, was sie daun zu Haus mimisch vorzutragen pflegte. Ruth jedoch hatte selbst für dieses Amüsement kein Ver-. ständuis, sie wäre in ähnlichen Fällen empört, ja verzweifelt gewesen. Auch jetzt konnte sie einen leisen Seufzer der Mißbilligung nicht unterdrücken, den Suse recht wohl verstand. Sie zog eine Lippe und kauerte sich in den zweiten Lehnstuhl der Schwester gegenüber, sich in ein trotziges Schweigen hüllend. „Ich heirate mir wahrhaftig den ersten besten Mummelgreis, wenn ich bloß aus der Misere und der ewigen Aufpasserei herauskomme!" dachte sie wütend. Tann wurde sie sehr rot. Tante Hertzberg hatte angefangen, von ihrer Töchter zu sprechen und erzählte nun gerade, daß Hauptmann von Brockhaus, der vor kurzem Major geworden war, Aussicht habe, aus der entfernten Garnisonstadt im Westen nach Berlin in den Großen Generalstab versetzt zu werden. Und sie fügte hinzu, daß sie sich wirklich auf das Zusammenleben mit ihren Kindern freue, denn der Max habe sich nach der nervösen Geschichte damals so zu seinem Vorteil verändert, beide Eheleute seien überhaupt so zugänglich und liebenswürdig geworden, daß sie nicht mehr zu befürchten brauche, etwas anderes als Glück und Zufriedenheit bei ihnen zu finden. Es war damals eine schwere Krise in ihrer Ehe gewesen, aber sie war zum Wendepunkt für ein, neues, glückliches Leben geworden. Auf welche Weise sich Meta eigentlich ihren Mann gewönnen hatte, war Sipe verborgen geblieben, aber sie sagte sich, daß sie in gewissem Sinne den Grundstein zu diesem späten Gluck gelegt hatte, ohne jedoch bei diesem Bewußtsein ganz die unliebsame Mahnung an einen dunklen Punkt in ihrer Vergangenheit verdrängen zu können. Für Meta hatte sie aus der Entfernung eine fast schwärmerische Zuneigung gefaßt, seit ihr klar geworden, daß sie, klug und diskret zugleich selbst ihrer Mütter nichts von ihrer, Suses, Schuld an der Trübung ihrer Ehe verraten hatte. Sie freute sich innerlich ganz kindisch sobald sie wieder! erneut hörte, daß die Ehe der Cousine jetzt wirklich eine musterhafte fei. Wiedergefehen hat sie das Ehepaar noch nicht, und als die Geheimrätin sich nun ivieder zu ihr wendet und lächelnd verspricht: „Freue Dich nur auch auf Brockhaus, Kleinchen, sie werden Tich gewiß gern wieder als Töchterchen mit in Gesellschaft nehmen", da überfällt sie ein erstickendes Herzklopfen — eine Flut von Erinnerungen stürzt über sie her — wie eine Vision sieht sie Fritz Trautendorfs hübsches, gebranntes Lentnantsgesicht, seine blitzenden, dunklen Augen, sie hört seine zärtliche Stimme: „Mein süßes Mädchen." Jäh emporguellende Tranen verschleiern ihren Blick, sie will sich bezwingen, aber es gelingt ihr nicht — der ganze Jammer ihres verlorenen Glückes, ihres armseligen Lebens erfaßt sie mit voller Gewalt und impulsiv, wie sie alles tut, springt sie auf und flüchtet ins Nebenzimmer. Die Geheimrätin macht ein sehr verblüfftes Gesicht. „Was soll denn das heißen?" meint sie kopfschüttelnd und trinkt im Schreck ihren Likör mit einem Zuge herunter. „Was das heißen soll?" Ruth kämpft sichtlich mit großer innerer Erregung, „das sind so Suses wechselnde Stimmungen, bald himmelhoch jauchzend, bald zu Tode betrübt. Ich hab's aufgegeben, ihr das abzugewöhnen, es liegt wohl in ihrem Temperament und ich hoffe, Tante, Du nimmst es ihr nicht übel." Eine plötzliche Weichheit vibriert durch ihre Stimme. „Sie tut mir ja grenzenlos leid, das arme Ding!" fährt sie fort, „sie ist so gar nicht die Natur, sich zu fügen, sie stößt sich die Flügel wund in diesem nutzlosen Kampfe gegen Unabänderliches, sie will sich's durchaus erzwingen — das Glück. Ach, Tante, wie entsetzlich schwer ist doch das alles," Erschüttert neigt die alte Dame sich zu dem Mädchen hinüber, das nun am ganzen Körper zittert. Sie sucht vergeblich nach tröstenden Worten und so zieht sie nur den dunklen Kopf der Nichte an ihre Brust und küßt sie leise auf das weiche, schlichte Haar. So bleiben sie eine Weile stumm, indem das Zimmer sich allmählich in graues Dämmerlicht hüllt. Im Nebenzimmer, dessen Tür nur angelehnt ist, hört man Suse leise schluchzen. Etwas Trostloses, Niederdrückendes webt gespenstisch durch die Dämmerstunde und die sonst so resolute Geheimrätin wird davon angesteckt. Sie fühlt förmlich den lähmenden Flügelschlag der großen Misere und ein leises Grauen überrieselt sie. Eben will sie das lastende Schweigen brechen, als draußen zweimal die Klingel schrillt. „Heinz!" Der Mädchenkopf ist von ihrer Brust emporgeschnellt. „Er darf nichts merken, Tante, daß ich auch mal mutlos war!" flüstert Ruth hastig, wie schuldbewußt, „an Suse ist er Tränen gewöhnt, die nimmt er nicht so ernsthaft." Als wenige Minuten darauf Heinz, von dem jüngeren Bruder begleitet, ins Zimmer tritt, brennt die Lampe bereits auf dem Sofatisch und die beiden Damen sitzen anscheinend heiter plaudernd beisammen. Heinz ist ein hübscher, schlanker Mensch geworden, dem die Großstadt schon ein sehr sicheres, selbständiges Auftreten gelehrt hat, aber der Geheimrätin gefällt er von allen Geschwistern am wenigsten. Sie kann Ruths Befürchtungen sehr gut begreifen, es liegt etwas Unstätes, Mißmutiges in den ein wenig kurzsichtigen Augen und ein entschieden weichlicher Zug um Mund und Kinn. „Noch kein Charakter!" urteilt die Tante und setzt hinzu: „wenn er überhaupt einer wird." In der Art, wie er sich rasch hintereinander zwei Liköre eingießt, offenbart sich auch ein gewisser Leichtsinn, der in Worte übersetzt, heißen würde: „Was kann das schlechte Leben nützen?" Er bewegt sich ganz entschieden immer am Abgrund irgend eines Lasters, das für den Erdenjammer augenblickliche Betäubung verspricht. Der Geheimrätin wird heut himmelangst, sie weiß selbst nicht recht warum, und Walters forschende Knabenaugen schneiden ihr tief in die Seele. Sie bringt's nicht fertig, einen lustigeren Ton in dem kleinen Kreis zu schaffen, das erzwungene heitere Plaudern mit Ruth beim Eintritt der Brüder ist längst verstummt, sie fragt nur noch nach kleinen Einzelheiten aus Geschäft und Schule, dann steht sie auf und rüstet sich zum Fortgehen. (Fortsetzung folgt.) Vom Verzärteln. Bon Klara Philipp. Es gibt zahlreiche Leute, die ständig über Leiden zu flogen haben, ständig sich beleidigt und zurückgesetzt fühlen und zeder Anforderung mit einem stehenden, in weinerlichem Ton vorgebrackten: „Ich kann nickt" begegnen. Das sind jene Verzärtelten, Zimperlichen, Selbstlinge, die ihrer Umgebung und sich selbst zur Qual werden, die andere in der unleidlichsten Weise tyrannisieren, sich aber dennoch stets für arme, unterdrückte Opferlämmer halten. — 259 In gewisser-Beziehung haben sic recht, denn sie sind die Opfer einer verkehrten Erziehung, welche aiii die Gefühlsseite zu viel,