1906 ji y \* •£,3 W i i| t;.T7Z»aesxt $ E Em® M ■ ffl WW WWW 1S8 Dem Waßren, Gdkeu, Schönen. Ein Großstadtroman von F e d o r t>. Zabeltitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Im' Kontor saßen Imhoff. Soeben und RafaM an ihren .Schreibtischen. Ter interessante Italiener hatte ein Mas' Mit blühenden Rosen auf dem seinen. Ter Diener erschien Und meldete: „Herr Kapellmeister, Fräulein Rotheck ist da und fragt, ob sie Ihnen heute etwas Vorsingen dürfe"... „Sie soÜ mich in Frieden lassen, accidente!" fluchte Signor Urigo, „sie hat ein Gesicht wie ein-Uhu". . . „Mit dem Gesicht singt man nicht", meinte Herr von Soeben; „hören Sie sie an, .Herr Rafaäli" . . . Ter Agent Hvltinger erzählte Imhoff währenddessen von dem Th-eaterprojekt des bekannter: Heldendarstellers Carolus Tteckhoff. „Er will die Massiker poussieren", sagte er, „er hat ein gutes Personal in petto, er wird auch den Kainz kriegen" . . . „Frän- leiit, unser Ballett ist komplett", beinerkte Herr von Soeben zu dem vor ihm stehender! Dämchen, „es ist überreich besetzt." „Aber ich bin auch Pantominristin", entgegnete das Dämchen, „und bezahle meine Garderobe selbst"... „Tie bräutliche Schwester freite der Bruder", sang nebenan eine weibliche Stimme . . . „Er läßt alle Dekorationen neu malen", erzählte Herr Holtinger, „er will den Faust zweiten Teil in ungeahnt prächtiger Ausstattung gebe-,:" . . . „Herr Direktor, ich war zuletzt in Wien", sagte das Dämchen, „und habe eine Empfehlung von dem Grafen Kinsky bei Mir. . ." „Wenn Tteckhoff den Faust spielt, lausen die Leute davon", meinte Imhoff . . . „Liebes Kind, wenn Sie Mir eine Empfehlung von: Erzherzog Salvator bringen: ich habe keinen Platz mehr für Sie" . . . „Vereint sind Liebe und Lenz", saug es nebenan . . . „Er macht's mit der Ausstattung", sagte Herr Hvltinger . . . Ter Diener kam: cs sei ein Herr draußen und frage an, ob das erste Fagott noch zu besetzen sei. „Sache des Herrn Kapellmeisters", schrie Imhoff. Seebcn empfing den Zeilen-Knappe, der sich Notizen holen wollte. „Was zu lancieren?" fragte Knappe, Platz nehmend und sein Durchschriftenheft aus der Tasche seines fleckigen Paletots ziehend, an den: noch immer der unterste Knopf fehlte. „Mancherlei", erwiderte Seeben; „ivir ivollen für Oper und Schauspiel je einen bestimmten Tirektionsrat schaffen, bestehend aus berühmten Schriftstellern und Musikern" . . . „'Ausgezeichnete Reklame", bemerkte Knappe, leckte an seinen: Bleistift und ließ ihn über das Papier fliegen . . . „Wissen Sie, daß Direktor Valentin die neue Operette von Plauquette erworben fjoi?" fragte Herr Holtinger. . . „Ties Weist hat eine total ausgesungene Stimme", schimpfte Rafaöli, wieder in das Zimmer tretend . . . „Herr Kapellmeister", sagte der Diener, „es ist ein Herr draußen, der anfrägt, ob das erste Fagott wohl noch zu besetzen sei" . . . „Notieren Die, Knappe", äußerte Herr von Seeben, „daß ich dem!- nächst einen Vortrag über die moderne Opernregie halten will" . . . „Tas Fagott soll 'reinkommen!" ries RafaM und schüttelte seine Mähne. . . „Direktor Valentin kann' mich sonst 'was", sagte Imhoff . . . Es war in diesem Raume ein beständiges 'Aus und Ein. Ta kau: ein Schntznrann mit irgend einer Anfrage von feiten des Polizeipräsidiums. Ein 'Angestellter von Siemens und Halske wollte wissen, nach welchem Systen: die Anlage des Bühnenlichts in 'Angriff gcnonnnen werden sollte. Em Erfinder ließ sich melden, der eine neue Regemnaschins konstruiert hatte. Herr Joses Berndal kam', Klage darüber! zu führen, daß die Bestellung für Portieren und Teppichs noch immer nicht eingelaufen sei. Tie Lieferanten stürmten das Bureau mit ihren Angeboten. Dazwischen erschien wieder ein Photograph, um das Direktorium bei Blitzlicht für eine illustrierte Zeitung aufzunehmen. Eine Frau brachte ein niedliches, kleines Mädchen, um es für Kindcrrolleu prüfe:: zu lassen. Ein verabschiedeter Offizier bat, ihn als! Kassierer engagieren zu wollen. Und immer wieder tauchten Gestalten auf, die sich auf Hammer bezogen. „Eine schöne Empfehlung von Herrn Baumeister Hammer, und ob wohl noch eine Stelle als Logenschließer für mich frei wäre"...- „Herr Baumeister Hammer schickt mich zu Ihnen; ich wollte fragen, ob die Theaterzettel nicht in meiner Offizin gedruckt werden könnten" . . . „Ich bin die Portiersfrau von' Herrn Baumeister Hammer, und da meinte der Herr Bau-, meister, die Parkettgarderobe würde wohl nicht nicht ver-i geben sein; mein Manu hat im letzten Kriege als Nuter- offizier gedient. . ." Imhoff schäumte zuweilen aus. Tie Protektionswut: Hammers machte ihn nervös. Im übrigen war er behäbig geworden. Er trank nicht mehr so viel Rum und Kognak wie früher; er hielt sich an Bordeaux; seine Mittel erlaubten ihm das. Aber er war immer auf dem Fleck. Er war von früh bis spät auf den Beinen oder saß hinter den: Schreibtisch. Im Bureau zankte er sich viel. RafaM war unausstehlich : eine Krakeelernatur, gleichwie beständig geheizt. Mit seiner neuen Oper „Quartier latin" sollte! das Theater eröffnet werden. Wer der letzte Akt fehlte noch. Und RafaM schwor: wenn er tagsüber in diesem fürchterlichen Bureau tätig, wenn er verdammt sein müsse, jede gröhlcnde Sängerin und jeden stümpernden Violinisten! zu prüfen, wenn man ihm zumute, seine kostbare Zeit zu verschleudern, dann würde die Oper niemals fertig werden, — per dio, niemals. Er sei ein Künstler, keine Kontor-? maschine. Er schwor stets bei Jupiter oder beim Bacchus, rollte dabei die Augen, und schüttelte die schwarze Mähne. Faialcr noch war für Imhoff Herr von Serben. De« biß den Mann von Welt, den vollendeten Aristokraten heraus. Er kam stets in dunklem Ueberrock auf das Bureau, mit einer Rosette im Knopfloch, und ließ sich in seiner Equipage abholen. Er lispelte beim Eintritt in das Kontor ein wbo». jour“ und beachtete die Mitgenossen dann nicht weiter. Nu 74 zuweilen hatte er ein ermahnendes Wort, das wie ein Be- feb( klang. Er tat sehr vornehm und machte gern ein gewisses gesellschaftliches Uebergewicht geltend. In erster Zeit halte Imhoff sein jj-rühilücksbrötchen am Schreibtisch verzehrt. Ta hatte Seeben eines Tages gesagt: „Nicht Käse, Herr Imhoff; das wollen wir denn doch nicht einführen." Und tags darauf: „Es muß Knoblauch in Ihrem Belag sein, Herr Imhoff; das ertrage der Geier". Und Imhoff fauchte davon und frühstückte von da ab bei der alten Licjegang in der Küche. Einmal hatte die Liesegang eine große Freude. Der Diener kam zu Imhoff und sagte: „Herr Oberregisseur, eine Dame möchte Sie sprechen, eine Frau Lobedanz „Wer?!" schrie Imhoff auf, wurde blaß und rot und schnellte von seinen? Stuhl empor. . . „Eine Frau Lobedanz, Herr Oberregisseur", versetzte der Diener. Imhoff strich sich über das Kinn. „Ja, das ist ja doch . . murmelte er; „ich frage den Olymp — sollte das Laura sein . . ." Und dann ging er selbst in das EmpfangSziminer, und da sah er.-daß sein Ahnen Wahrheit war. Da sland Laura, seine unuc Frau: eine rundliche Dame in einem reich mit Jett behängtem Sammtjakett und feuerrotem Hut und mit einem Paketchen in der Hand und nickte, lächelte freundlich und sagte: „Guten Tag, ClaiidiuS. Du entschuldigst, daß ich selber komme, aber ich wollte dich gern einmal sprechen. Ich bringe dir auch eine Gänseleberpastete mit . . . ." Claudius führte sie nach hinten. Hier vorn ließ sich kein Wiedersehen feiern. Er ging mit ihr in die Küche. Da kochte die Liesegang gerade Kaffee (sie trank sechsmal am Tage Kaffee) ließ vor Schreck einen Teller fallen, kreischte auf und sank der Frau Jmhoff-Lobedanz sodann um den Hals, daß der Jettbehang leise klirrte und ein paar schwarze Perlchen sich lösten und heiter über den unausgefegten Boden trudelten. „Laura!" schrie die alte gute Licsegang, „bist du es denn?! Ach, Laura, Laura, Laura!" . . . Imhoff war gerührt und wischte über seine Augen. Diese dritte Gattin war ißin im Trio seiner Frauen eigentlich immer die liebste gewesen. Er hatte sich ganz freundschaftlich von ihr getrennt, weil es ihm gar zu schlecht erging und sie von ihrem ersparten kleinen Vermögen besser allein leben konnte. Er betrachtete sie mit Wehmut und Wohlgefallen. Sie sah recht gut aus, hatte immer noch ihre schönen Zähne und ein glu. frisches Gesicht; sie mußte über die Vierzig hinaus sein, rechnete Imhoff. Die Liesegang stäubte mit ihrer Schürze einen Stuhl ab und bat den Besuch, sich zu setzen. Das tat denn auch Frau Lobedanz. „Ach, Liesegang", sagte sie, „ich freue mich so, daß ich dich einmal wiedersehe. Verändert hast du dich nicht. Ein bißchen krummer bist du geworden und grützegrau". „Ja", antwortete die Alte, „das bin ich; das macht der Kummer um Imhoff. Laura, wärst du nur hier geblieben. Imhoff braucht eine Frau und Nina eine Mutter. Bist du denn noch immer zufrieden in Oschatz?" „Jtein, Liesegang. Der Magistrat hat die Restaurationspacht erhöht. Das kann man nicht zahlen. Drei Sorten Bier bin ich verpflichtet, zu halten, und das Pilsener steht gar zu Ganze Viertel habe ich fortgießen müssen. Das Weingeschäft bringt wenig ein. Früher kamen noch öfters die Leutnants; nM- feit den „Webern" hat sich der Direktor mit dem Komiiia.weur verzankt. Uiid van den ZmischenaktS- butterbroten kann man nicht leben. Claudius, nun las ich von dem Prinz Ferdinand-Theater, und daß du dabei seist, und da überlegte ich mir: willst doch einmal herfahren, denn wir sind schließlich nicht in Unfrieden von einander ge- « gangen, und nachfragen, ob man nicht das Restaurant in dem neuen Theater kriegen könnte. Ich verstehe die Gast- ""d eine kleine Kaution kann ich aiich hinter- Jmhoff schüttelte dm Kopf, „Sie würde nicht genügen, Laura", entgegnete er und setzte sich auf die Ecke des Küchentisches. „Man hat ein Ausschreiben erlassen. Irgend ein großer Traiteur wird die Restaurants über- nehmen. Riesen-Restaurants, Laura, du hast keinen Begriff davon. Ueppig ausgestattet, mit Bildern von Böcklin und sonst wem: eine geniale Pracht. Es ist ein ungeheures Unternehmen, das Ganze. Das könntest du nicht bezahlen." „Vielleicht den Bierschank", warf die Liesegang schüchtern ein. Sofort wurde Imhoff wütend. „Laura, die Liesegang ist nocß immer das alte Kainel von früher", sagte er. „Sie weiß ganz genau, daß die Restaurants des Prinz Ferdinand- Theaters nur in der Gesamtheit verpachtet werden; aber nein, da schlägt sie den Bierschank vor. Ach Laura, es ist schwer mit der Liesegang! Eine Wirtschaft führt sie im Hause, da kann man zuweilen aus der Haut fahren. Gucke Dich bloß einmal um: das ist die Küche; sie ist auch darnach. Wenn man einmal kräftig niest, fliegt der Jux umher wie bei einem Wirbelsturm. Kochen kann sie auch noch nicht. Jedes Beefsteak läßt sie verprietzeln; aber ihren Firlefanz mit den Traumbüchern und dem Punktieren und was weiß ich, das versteht sie. Es ist ein schweres Leiden mit ihr . . ." Die Liesegang sagte nichts, sondern rüttelte nur heftig an den Eisenringen des Kochherds und blinzelte dabei Frau Lobedanz zu, als wolle sie bemerken: Laura, Du kennst ihn ja, und Du und ich, wir verstehen uns schon. Frau Lobe- danz hörte auch wirklich nicht auf das Klagelied Imhoffs; sie ging darüber hinweg, seufzte tief auf und meinte: „Ja, wenn es s o ist, Claudius, da muß ich natürlich verzichten. Aber was nun? Das Theaterrestaurant in Oschatz ist schon weiter vergeben; ich würde es auch gar nicht mehr nehmen. Ich möchle gerne zur Bühne zurück. Natürlich nicht als Liebhaberin; ich bin nicht eitel genug, um zu verkennen, daß ich älter geworden bin. Ich gehe geradeswegs auf die Mütter los und schäme mich nicht. Was meinst Du: könnte ich nicht al§ Anstandsdame noch Unterkunft bei euch finden?" Imhoff sprang vom Tische. „Laura, das ist eine gute Idee!" rief er. „Du warst immer eine vortreffliche Komödiantin, hattest Eleganz und Pli und ein feines Organ. Ich schaff' Dir die Stellung. Ich will gleich an Gisecke telegraphieren. Er hat zwar schon die Vieweg engagiert —" „Ach, die alte Ziege!" rief Frau Lobedanz. „Die hat ja einen Kloß in der Kehle", sagte die Liesegang. „Kinder", meinte Imhoff beschwichtigend, „sie ist engagiert, daran läßt sich nicht rütteln. Aber sie spielt doch mehr Mutter- als Anstaiidsrollen. Eine Anstandsdame von Vornehmheit fehlt uns noch. Laura, das bist Du. Uebermorgen hast Du Deinen Kontrakt. Das wäre ja noch schöner, wenn man nicht einmal für die Seinen sorgen wollte. Wie lange bleibst Du denn in Berlin?" „Ich bin mit Sack und Pack hier, Claudius, und vorläufig bin ich im Grünen Baum in der Krausenstraßs abgestiegen." (Fortsetzung folgt.) W in Uatient. Von Rud. Presber. (Schluß.) „Wir wollen nun auch gehn, was? Den da" — er hob die Serviette von Thomas Conradins sehr blassem, aber friedlichem Haupt, aus dem jegliche Spur von Intelligenz gewichen war — „den da bringen wir zusammen nach Haus." Und wir brachten ihn. Er empfand nicht mehr davon, als ein rindslederner Handkoffer, Der im D-Zug von Basel über den Gotthard nach Chiasso geschafft wird. Ms wir ihn auszogen, sagte er mehrfach „Prost!" Nur als wir ihn glücklich im Bett hatten, zeigte er sich eimr Weile unruhig, Es erwies sich, daß er aus feinem 75 e t Nu, was weiter?' ch lege ihm ein Bein allerdings ein Wunderi se- M- :hr ordert am ige :K ft n ke 'S IU >n e- 3 te ron, asel „Sehr einfach. £ Nun war das ja mb ab* Mir war auch nicht gut. Ich hatte Geuickschmerzen und Haarweh. Trotzdem stand ich auf und ging — sehr leicht bekleidet — zu dem Patienten. „Einen Katzenjammer hab' ich", sagte er, „das ist eine aus gemach te Tatsach e. Tos sind die verd ammten Knickebeine. Ich habe das Zeug nie vertragen. Mer dann —> Tu, weißt Du, ich l doch, mal, was das is er em, Innen Zwicker lag, der zerbrochen war und ihn durch seine Kanten geniert hatte. Möpsel wandte sich zuin Gehen. Mir war übel zumute, und ich klagte ihm: „Tas nun drei Abende so weiter gehen! Heute abend bei den Rhenanen Stiftungsfest. Morgen Festkommers für den Geheimrat Bitzelmann. fieber* morgen--" „Und jeden Wend mußt Tu ihn nach Hause bringen?" „Abend — ist gut. Aber jeden Morgen, ja." „Hm." Möpsel machte nur: „Hm." Wer in seinem Gesicht arbeitete ein Gedanke. „Weißt Tu was?" sagte er nach einer Weile. „Ich werde Dir ein paar Tage Urlaub von dieser Sklaverei Verschaffen." „Aber tote?" st!" sich rem e da was am Bein. Ach, bitte, sieh , — ich kann mich gar nicht bewegen I" «/.Jetzt fiel mir die ganze Nacht wieder em. tte ö* ;ch a- a, n. m n. 13 n, uf it: w H 'N ib !N in Bein in Gips." wunderlicher Gedanke, einem total gesunden Menschen ein Bein in Gips zu legen. Aber es gibt im Leben Stunden, in denen die verschmitztesten und verwickeltsten Tinge ein ganz schlichtes, einfaches Gesicht zeigen. Ich sagte also — nicht anders, als vb er es vorgeschlagen hätte: ich sehe jetzt nach der Uhr, oder: ich koche jetzt Tee — „Gut, lege ihm ein Bein in Gips." Möpsel ging in feine Wohnung, das Nötige zu holen und kam nach einer Viertelstunde, reich bepackt mit Binden und Bandagen und Tüten und Pappdeckel und was weiß ich, wieder herunter. Bon diesem Moment an war ich ganz wissenschaftliches Interesse. „Wir werden das linke Bein nehmen", sagte Möpsel, während er — unsagbare Schmutzerei in deni Zimmer anrichtend mit seinen Vorbereitungen — den Gipsbrei anrührte, „damit Tu besser dran kannst." „Ich — dran kann? Wozu?" „Nun, Tu wirst ihn: doch zur Hand gehen müssen. Ich reise heute mit dem Frühzug ab. Einen Examenspump bei meinem alten Herrn anlegen. Bis ich wiederkomme. Mußt Tu ihn betreuen." Es wäre vielleicht am besten gewesen, ihm alles zu gestehen. Wer ich fühlte mich den dann notwendig folgenden Zornausbrüchen noch nicht gewachsen. Und dann — ich wollte mal ein paar Tage Ruhe haben. Ich setzte mich also an sein Bett, nahm feierlich seine Hand und sagte: „Thomas Conradin, sei stark, sei ein Mann —" „Bin ich. Nu, was weiter?" Tas schien mir ganz in der Ordnung. Und so hoben wir die Decke und bemächtigten uns Thomas Conradins linken Beines. „Wir werden einen Unterschenkelbruch annehmen", weinte der Mediziner. „Es ist Dir doch recht?" Mir war es rocht. Und Thomas Conradin war es auch recht. Tas heißt, er lag wie tot in seinen Kissen und kümmerte sich den Teufel um fein linkes Bein. Nach etwa einer halben Stunde war Möpsel mit seiner Arbeit fertig. Ich konnte nicht umhin, ihm meine Bewunderung auszudrücken. Es war ein sehr appetitlich aussehender Gipsverb and. Nur etwas reichlich oick und breit kam er mir vor. Selbst für einen, der wirklich, den Unterschenkel gebrochen hätte. Möpsel wusch sich die Hände und gab mir noch einige Verhaltungsmaßregeln: „Also er darf nur leicht Verdauliches essen die nächsten Tage. Keine Spirituosen. Etwas Pflaumenmus mittags und abends. Tu weißt schon, von wegen . . . Tas ist wichtig beim Liegen. Und sonst — Ruhe, absolute Ruhe." Mir war ganz feierlich zumut. 'Alle diese ernsten Hantierungen, diese Reden und Ermahnungen brachten mein übermüdetes, alkoholbeschwertes Gehirn dahin, zu glauben, daß hier tatsächliche ein armer Kranker meiner Pflege bedürfe. Ich war fast stolz auf mein 'Amt. Eh' ich mich legte, sah ich noch einmal nach, ob der Verband nicht gerutscht fei. @r war nicht gerutscht. Alber Thomas Conradin schlief nicht mehr so friedlich, wie vorhin. Ihm war etwas unbequem, man sah es. AM nächsten Morgen — ich hatte die Verbindungstür zum Zimmer! lo sfen gelassen — erwachte ich von seinem Rufen: „Tu hör' mal . . . mir ist nicht gut!" „Bist Tu auch sicher, daß Du ein Mann bist?" „Mach' keine Witze. Was willst Tu eigentlich?" „Tu hast nämlich — das Bein gebrochen!" platzte ich heraus. Tie Wirkung meiner Mitteilung war seltsam. Eine Weile schwieg Thomas Conradin nachdenklich Tann sagte er fast freudig: „Gebrochen bloß? . . . Ich habe die ganze Zeit das Gefühl gehabt, als hätt' ich überhaupt nur noch e i n s." „Nein, nein", beeilte ich mich tröstend zu berichtigen: „Da ist's schon noch Wer, wie gesagt — gebrochen." „Hm. Gebrochen? Das ist fatal. Aber tvo denn. . . Wieso denn? . . . Warst Tu dabei, ja? oder--?" Und nun log ich wie ein geprüfter Forstadjunkt. Ich erzählte eine Räubergeschichte von einem Fall auf einer Treppe; schilderte, wie der vortreffliche Möpsel und ich den Bewußtlosen hinauftrugen — „Siehst Tu — bewußtlos war ich", sagte Thomas Conradin bei dieser Stelle. „Be—wußtlos! Ich habe vorhin gleich so das dunkle Gefühl gehabt, als wär' ich! heute nacht be—wußt—los gewesen." „Ich verbreitete mich über Möpfels ärztliche Tätigkeit, rühmte seine rasche, umsichtige Art und fein schonendes! Vorgehen — „Sehr richtig" — nickte Thomas Conradin ernst — „nicht einmal ausgewacht bin ich. Freilich- ich war bewußtlos!" Er sagte das mit einem gewissen Stolz. „Und wie suhlst Tu Dich?" ,Hm. Ich habe Genickweh und Haarweh; und am Bein — ja, ich habe solche Schwere, bleierne Schwere drin. Schmerzen — ? eigentlich nein. Tas heißt doch —! eben, eben hab' ich Schmerzen." „Tu darfst Dich nicht bewegen, Thomas Conradin. Mußt ruhig liegen. Sollst wenig sprechen; und nachher bekommst Tu Deinen Pflaumenmus." „Was bekomm ich?" Ich erklärte ihm Sinn und Zweck dieser weisen Verordnung. Er fand sie lästig, aber erklärlich; bat mich aber, zunächst nicht mehr davon zu sprechen, da sich ihm bei Erwähnung von Pflaumenmus vorerst noch einige Knickebeine int Magen umdrohtem Ich riet ihm, noch etwas zu schlafen, und stieß mit diesent Vorschlag auf sein Verständnis. Er schlief. Ms er wieder aufwachte, hatte er heftige Schmerzen an der „Bruchstelle" und verlangte einen Arzt. Möpsel war schon ob gereift Ich war in einer bösen Situation. Ich log also weiter. Ich erzählte von einer Morphiumlösung, die — von Möpsel bereits vorsorglich ausgeschrieben — alle durchaus normalen und erklärlichen Schmerzen lindern und die Heilung beschleunigen werde. Und ich gab ihm nun alle zwei Stunden drei Tropfen von meiner Zahntinktur in einem halben Weinglas Ouell- wasser ein. Er fühlte sich sofort erleichtert und auch — wie er sagte — seelisch gehoben. Mittags verlangte er selbst nach Pflaumenmus und war überhaupt ein angenehmer Patient. Er unterhielt mich damit, mir zu versichern, es sei etwas vom Spartaner in ihm. Ein anderer würde zweifellos imminent und klagen bei den Schmerzen, die er empfinde. Er aber beiße die Zähne zusammen und halte aus, wie es sich für einen Mann und den Sohn seiner Ahnen zieme. Ein Linderungsmittel freilich verschmähte er nicht. Er meinte die drei Tropfen meines Zahnwassers, die er andachtsvoll hinunterschluckte, indem er Vortreffliches über die segensreiche Kraft solcher Arzneien zu sagen wußte . . . Acht Tage lag er so auf dem Rücken, aß Pflaumenmus, trank Zahnwasser und tyrannisierte mich. Tenn ich mußte, wollte ich kein Barbar erscheinen — dem „armen Gelähmten" alle kleinen Handreichungen leisten, Gänge besorgen und auf seine Unterhaltung bedacht sein. Ten Ulk ihm einzugestehen — nein, das wagte ich nicht mehr, Lch wartete fehnsuchtsvvll auf den Mediziner, , _______-.................. ' Ein srartzöfischsr „Körrig Kandarrles". Aus Wien, 28. Januar, wird uns geschrieben: Eines der niei’hvürbigften Stücke, die in den letzten Jahren ausgetaucht sind, ist gestern hier am Deutschen Volks- thea tcr gespielt worden. Denn dieses Werk ist in Frankreich entstanden, 'dort aus der Bühne selbst noch unbekannt und gelangt erst in der Uebersetzung dcS Münchener Literalen Dr. Franz Blei in deutscher Sprache aus die Bretter. (Das Buch erschien mr Insel- vertage zu Leipzig.) Ter Dichter, dem solche Ehre widerfährt, ist Andre Gide, einer aus dem Kreise des jrmgen Frankreich, und sein Werk nennt sich „König KandauleS". Ter Titel macht gleich tUfj s'mibrtitte5 ? Der Name ist uns nicht ganz krcnrd. Hebbel hat das Schicksal deS lydischen Königs int „GygeS und sein Ring" aus dem Hcrodot und Plato übernonnnen, hat die „Tragödie der Schamhaftigkeit" mit einer wunderbar konzentrierten Kraft auf- gebaut. Ter Deutsche darf sich dieses kostbaren Besitzes redlich treuen. Und nun kommt ein Franzose, der angeblich ahnungslos, daß er einen solchen Vorläufer hak, denselben Stoff auigreist und ein neues Werk zimmert. Auch er hat bei Herodot und Plato merkwürdigerweise die nämlichen Anleihen gemacht, aber der Unterschied ist gewaltig: er empfand die Fabel — pariserisch. Wäre Andre Gide heiteren Temperamentes, dann wäre ihm die Ge- sctächte unter der Hand zu einem Operetlenlibrelto geraten. Während König Kandaules bei Hebbel ein Mann ist. der überkommenen Sillengescyen den Garaus macht, alle Tafeln zerbrechen will und dennoch nur ein eitler Prahlhans ist, die Schönheit seines WcibcS dem Freunde nur darum enthüllt, „um einen Zeugen dafür zu haben, daß er die Schönste der Schönen sein eigen nennt", hal Andrtz Gide den Charakter ganz anders auigesaßt. Bei ihm ist König Kandaules ein schwächlicher Charakter, der wohl allerlei VvlkLbcgtücknngsidccn nachhängt, aber sein persönliches Glück nur bann höchbewertet, wenn ihm die anderen cs neiden. Jeder Besitz dünkt ihm erst wertvoll, tu ernt die Welt ihn anerkennt. So läßt er bei einem Gastmahl seine Gemahlin Nyssia sich vor den Freunden enischleiern, und sie schauen staunend, wie schön sie ist. Das ist das Vorspiel. Nun entwickelt sich die Tragödie. Ein Fisch wird zur Tatet gebracht und man findet in feinem Fleisch einen kostbaren Ring. „Ich berge das Glück", kündet eine Inschrift deS güldenen Ringes. Kandaules will den Fischer sehen, der ihm zu diesem. Kleinod nerhotic!, hat. Der Mann wird hereingesührt: ein armer Teuiel, Eygcs mit Namen, der nichts aui der Welt besitzt als seineNetze und ein Weib, das er liebt. Das Weib wird herein- geholl; es ist betrunken, schinierig und häßlich anzusehen. Trotzdent rühmt sich einer derTafelgenosscn, daß er dieses Weib besessen hat und in wilder Wut sticht Gyges sie vor aller Augen nieder. König Kandaules ist erschüttert; er wirbt tun die Freundschaft des Fischers, macht ihn zu seinem Günstling, will ihn glücklich sehen. Aber Gyges ist ein mürrischer verschlossener Geselle, und König Kan- dauteS sucht immer nach neuen Beweisen, um ibn, von seiner Freundschaft zu überzeugen. Jetzt ivill er ihm auch bie Schönheit feiner Gattin entschleiern; er soll das höchste Glück mit ihm teilen. Der Ring knackst Gyges unsichtbar und er sieht der schwülen Liebesszene zu, tvie König Kandaules sein herrliches Weib aufs Ruhclager bettel. Und Kandaules geht. . . und ruft dem unsichtbaren Gyges zu: „Bleibe l" Am änderen Morgen entdeckt Nyssia den Betrug. Nun fordert die in ihrem tiefsten Innersten getroffene Frau den Fischer aui, Kandaules zu ermorden. Er soll an ihrer Seile dann König sein. Geschützt durch den unsichtbarmachenden Ring, stößt GygeL dent Freund den Dolch in die Brust. Aber nun, da ihm die Königin gehört, fühlt er, daß er sie haßt. . . Moderne Nervenspielerei ist diesem „Kandaules"-Trama aus- jEr ließ nichts' von sich hören. Ich schrieb', schrieb wieder, schrieb zwei Eilbriefe, telegraphierte — endlich kam er! Ernst und würdevoll besah er auf dem Nachtkästchen die Reste des Pflaumenmuses, roch verständnisvoll an dem Weinglas mit der Zahnwassermischung und lobte mente „für einen Laien erstaunliche Umsicht" bei der verantwort- ungsvollen Pflege. Tann hob er die Decke und prüfte den .Verband. ,, , _. ,, , „Wir werden ihn abnehmen", entschted er. „Ste haben gutes Blut, vorzügliche Säfte, lieber Thonras Conradm. Thomas Conradnt beutete zur Erklärung drefer erfreulichen Tatsache nur auf den über seinem Schmerzens^- lager angebrachten Stammbauln. Und lvährend Möpsel — ganz 'Airzk, ganz Ehtrurg — den Gipsverband abklopfte, daß daS weiße, kerngesunde Beitt Thomas Conradins allmählich in leuchtender schone wieder zum Vorschein kam, klickte er mit würdiger Ruhe und doch nicht ohne leisen Stolz, der deut Wohltäter der Menschheit so gut ansteht: ja, das schon, das schon. Aber meint Ste nicht gleich einen so tüchtigen Arzt gehabt hätten und etttett so umsichtigen, liebevollen Pfleger — wer weiß!" geprägt; eß arbeitet mit Maeterlinck- und Wildeschen Stimmungen — besonders Salome steht wie ein Schatten hinter dieser Dichtung. Sie ist sicher sehr interessant, aber nicht mehr als eine Spielerei; zu Hebbel steht Andrö Gide int Verhältnis des Giganten zum Zwerg. Aetißeren Anreiz aber hat das Drama unbedingt: die naturalistische Entkleidungsszene ist ein Seitenstück — ein verstärktes sogar — zur berühmten Zeltszene in „Moima Vanna", und der tragische Schlußakt gibt theatralische Spannung. Man hat nichtsdestoweniger das Stück höflich abgelehnt; kein Durchfall, aber eß lag in der Zurückweisung dieser Nachdichtung doch ein deutlicher Protest gegen den Versuch, unfer dichterisches Gut, Hebbel geheißen, trivialisiert zu sehekt. L. J. Heimais- mti> Volkskunde. (p.) Im Kreise Wetzlar bestehen noch verschiedene Volkstrachten, doch werden sie immer mehr von der modernen Kleidung verdrängt. Die auffallendste ist wohl die Hüttenberger Tracht. Eigentümlich ist bei ihr die Mendmahlskleidung. Sie besteht aus schwarzen Tuchkleidern, einem weißen Spitzenhalstuch und einer weißen Tüllhaube, Stirnhaube genaituk, mit breitem Rande. Sonst ist ein schwarzes seidenes Häubchen die Kopfbedeckung. Mich die Br aut kröne mit ihrem „Hang", der aus vielen Bändern zusammengesteckt über dem Rücken der Braut herunterhängt, ist schön. Als Sinnbild der Reinheit ist das mittelste Band weiß. Trauer wird außer tief schwarzer Kleidung durch ein werßes Halstuch und weiße „Stirnhaube", doch sind beide o hne Spitzen, zum Ausdruck gebracht. Aehnlich ist die Tracht auf der „oberen Lahn" des' Kreises; nur fehlt ihr jede Kopfbedeckung und das Haar wird in Zöpfen um den Kopf gelegt. Diese Tracht ist jedoch faft ganz verschwunden und hat einer sogenannten halblangen Kleidung Platz gemacht. In den übrigen Kreisorten findet! wir fast durchgehends die „weite Jacke". In einzelnen Dörfern ist auch bei dieser Tracht eine besondere Ab endmahlskleidung und die blauen Hauben sehen recht feierlich auS: Das Kopftuch spielt überall eine große Rolle. Bei der männlichen Landbevölkerung besteht keine Tracht mehr, seitdem der blaue Kittel und die Schildkappe „aus der Mode" gekommetr sind. Hin und wieder sieht man diese wohl noch bet einem alten Bauersmann. i Der Verein „Landeswohlfahrt" ist mit seinem Vorsitzenden Prinz Friedrich zu Solmsj-Braunfels sehr bemüht, die Trachten zu erhalten. ______________ HrrinorrsLisches. E r m ahnu n g. Baue r, zu seinem Sohne, welcher studiert: „Frauzl, jetzt schau aber bald, daß Du mit Deinem Studium fertig wirst! Tu hast mir schon den ganzen Stall teer studiert I" A u ch e i n T o a st. Bankier, bei dem Festessen, das er aus Anlaß der silbernen Hochzeit gibt, das Glas ergreifend: „Sarah- leben, . . . tnei Leben, . . . sollst leben I" Mißverständnis. Junge Frau eines Doktors, als dieser von der Reise zurückkommt 'und sie ihn vom Bahnhose ab- holt: „Ja wo hast Du denn das Bukett? Ich sehe doch nichts, und Tu schriebst doch auf jeder Karte, daß Du mir schon wieder eine Blume bringst?!" _______ Scherzrätsel. (A nagram m.) Nachdruck verboten. In Griechenland gab'S einst 'nen Thoren, Der prahlt' mit seiner Künstlerschaft Vor Göttern selbst, und ward mit Ohren, Die Niemand gerne tpägt, bestrast — Zum letzten großen FastnachtSballe Halt' ich dies Kleid mir ausersehn. Doch ach, die Lenke riefen Alle: „Wie prächtig ihm die Ohren stehn V* „„Nur ist die Nase viel zu riesig!"" „Die ist doch", uzte man, „Natur!" Ich würd' erkannt und darum hieß ich Fortan nach meiner Nase nur. Solch' mächtige Gestchtsverziertmg Wird vegetarisch ost benannt; D'rum hieß ich — halt, die „Demasktrung" Macht alles Nähere bekannt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des magischen Zahlenquadrais in voriger Nummerr 7 42 115 74 74 115 42 7 42 7 74 115 115 74 7 42 Redaklion: Ernst Hetz. — Rotationsdruck und Vertag der Brühl'schm Universitäts-Buck- unb Steindruckeret, R. Lange, Dietzen,