1 W Jem Waprm, gbfen, Schönen. Eirc Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Er winkte mit dein grauen Kopfe. Hammer folgte ihm. Tie Luft im Auktionssaale war wirklich nicht an- genehm, und zum Mitbieten hatte er weder Lust noch Geld. Btan mußte sich neuerdings durch die Menge drängen. DieZiual war Imhoff der Pfadfinder. Es ging an dem Fenster vorüber, in dem noch immer der dicke Fridolin Meyer stand, sich mit einem rotseidenen Taschentuch die Stirn trocknend und dabei vernehmlich schnaufend. Er hielt Hammer auf. „Grüß' Gott, Baumeister. Baumeister, dies Herum- kaufen von Auktion zu Auktion ist verrückt. Und man tut's immer wieder. Die Peretti hatte ein paar Gruppen aus der ersten Meißener Zeit, mehr originell als schön — die muß id) haben. Eine Luft ist hier! Und ivill man das Fenster öffnen, dann blökt der alte Samuel ... Imhoff, kommen Sie 'nial her! Wie ist das mit diesem Priestap? War er wirklich ihr bevorzugter Amoroso? In aller Heimlichkeit? Ist er wirklich so blödsinnig reich? Und woher? Erzählen Sie mir doch 'mal —" Aber Jinhosf hatte es eilig. Er zog wieder die Schultern hoch. „Ein andermal, Herr Gcheinirat , . . Uebrigens weiß ich gar nichts — gar nichts ... nicht in ehr als Sie , . .” Er drängte Hammer, der ein paar Worte mit dem Konsul Werner gewechselt hatte, weiter nach einer Nebentür, an der ein Diener Wache hielt, der die beiden indessen ohne weiteres passieren ließ. Sie traten in den ehemaligen Salon der Sängerin, ein großes, in edelstem Empire-Geschmack eingerichtetes Geniach, dessen Fußboden ein perlgrauer Teppich überspannte, in den Rosenbuketts eingewebt waren. Hier standen noch die meisten Möbel auf ihrem Platz; nur die Servante war ausgeräumt worden, und der Nippes fehlte überall auf Etageren und Gueridons. Die beiden großen Kronleuchter aus Porzellan waren verhängt, und über einem Tisch lag, vielleicht, um seine kostbare Platte zu schützen, eine Decke aus grober Sackleinewand. An allen Stücken waren Zettel befestigt mit den entsprechenden Nummern des Auktionskatalogs. Imhoff schivatzte unaufhörlich. Er hatte in feiner aufdringlichen Vertraulichkeit den 'Baumeister unter den Arm gefaßt und machte ihn auf dies und das aufmerksam. „Die Aufnahme des Inventars hat Mühe gekostet", sagte er. Es war eine große Schererei. Sie ahnen nicht, was die Peretti alles zusannnenkaufte — und mehr noch: was sie sich schenken ließ! . . . hören Sie, lieber Baumeister, ich will ja nicht behaupten, daß ich ihr bis auf den Grund der Seele schauen konnte. Aber so ziemlich kannte ich sie. Und ich sage Ihnen: sie hat die Männerwelt ganz gehörig an der Nase herumgeführt. Ich sage Ihnen: sie wußte die großen und kleinen Schafskopfe gu nehmen. Sie war eine Versprech erin. Wissen Sie, was das heißt? Na, wenn Sie's nicht wissen, werden Sie sich's denken können. Sie gab nichts und nahm alles. Sie war kalt wie ein Hundeschnäuzerl. Ja, das war sie..." Er zog Hammer vor die Servante, deren in reichem Jntarsienschmuck prangende Polisauderpilaster drei mächtige Glasscheiben umspannten. „Das, ivas hier drinnen stand, eine Fülle von Krimskram, das ivar allein seine zwanzigtausend Mark wert. Die Peretti verstand etivas von Antiquitäten. Sie kaufte gern, aber schacherte wie ein Mühlen- dammer. Für eine Sabotiere TalleyrandS hat sie in Brüssel drei Louis gezahlt — so stand in ihren Listen, und sie führte genau Buch; Samuel hat das Ding auf zweitausend Mark taxiert." „Ja, sie verstand etwas", bestätigte Hammer, bewundernd vor dem Mitteltische stehenbleibend, von dem er die Leinewanddecke zurückgeschlagen hatte. „Diese färben» strahlende Mosaik ist einzig: das ist Limoges . . . Gott, wenn man Geld hätte!" — Jinhosf lachte und schlug Hammer auf die Schulter. „Sie wollen klagen? Was hat Ihnen der Bau des Bern- dalschen Warenhauses eingebracht? Ein halbe Million. Wetten, Herr Hammer?!" „Liebster, erstens mal ist das zwei Jahre her. Oder noch etwas länger. Und bei mir zerrinnt der Mammon rasch. Und dann: kein Gedanke an eine halbe Million! Tie Bern- dals sind scharmante Leute, verstehen aber zu rechnen." „Woran bauen Sie jetzt?" fragte Imhoff. „An Luftschlössern", antwortete Hammer und neigte sich tiefer über den Tisch, um die farbigen Lasuren besser betrachten zu können. Der ehemalige Tenorist nickte. „Tas ist auch etwas werk. Luftschlösser verwirklichen sich oft. Die bau ich auch gern . . ." Er faßte Hammer ein dem offenstehenden Paletot und zog ihn an das nächste Fenster, machte ein geheimnisvolles Gesicht und fuhr ivispernd fort: „Ich habe eine Idee. Wissen Sie, was uns noch fehlt?" „Viel", sagte Hammer und lächelte. z „Scherz bei Seite. Ein zweites Opernhaus!" Hammer knöpfte seinen Paletot zu, so daß Imhoff loS« « M fassen mußte. Das sorglos fröhliche Gesicht des Architekten verfinsterte sich plötzlich. „Verrückt", meinte er. Es ging etwas wie verhaltene innere Unruhe über seine Züge. „Wie kommen Sie darauf? Die Königliche Oper läßt gar keine Konkurrenz zu. Tas Haus würde ewig leer stehen." „Papperlappapp — es würde ein glänzendes Geschäft werden, wenn der rechte Mann an die Spitze träte! Den hab ich. Hab auch schon den geeigneten Platz. Hab auch schon den Hauptgeldgeber." „Haben vielleicht auch schon den Baumeister, Sie Allerweltskerl!" Imhoff nickte. „Henkel ivartet bloß drauf", sagte er. Da wurde Hammer wütend. Er rückte seinen Zylinderhut tiefer in die Stirn und zuckte mit der rechten Schulter. »Henkel! . . . Diesen Idioten! Diesen kläglichen Stümper! . . ,Hofbaumeister' und sonst nichts! .... Der große Klasfizist! Der neue Schinkel! . . . Na, da baut euch nur eure Jammcrbudc! Muß gut werden. Ich freu mich drauf! Schickt mir eine Eintrittskarte zur Eröffnung! Ich lache mich gern einmal so recht von Herzen aus ..." Er wollte gehen. Er war wirklich grimmig. Er sah einen Plan, mit dem er sich seit Jahren trug, und den er als Geheimnis' hütete, weil ihm die Zeit der Ausführung poch nicht aekoinmen schien, urplötzlich preisgegeben — von anderer Seite ausgenommen — sah ihn in den Händen von Stümpern und törichten Spekulanten und konnte sich nicht 'dawider wehren. Das ärgerte ihn umsomehr, als der einzige Mensch, den er haßte, der Hofbanmeister Waldemar Henkel war, der ihn um die Ausführung der Doinstifikirche dank seiner Beziehungen zur Hofkammer mit kluger Diplomatie betrogen hatte. Er zupfte seinen Paletot glatt und ivollte gehen. Aber Imhoff hielt ihn zurück. „Ein Wort noch, Baumeister! Mensch, seien Sie nicht so aufgeregt! Der Name Henkel wirkt auf Sic wie ein rotes Tuch auf einen Puterhahn. Gut — Henkel ist ein Idiot. Gut — Henkel ist ein Kitschfabrikant; ich habe nichts mit ihm zu tun, Ich sagte: er ivartet bloß drauf. Aber er kann lange warten. Halten Sie mich für ein Schiff der Wüste? Bin ich ein Flußpferd? . . . Baumeister, wippen Sie nicht so mit den Füßen, als ob Sie jeden Augenblick Reißaus nehmen wollten, sondern hören Sie mich in Ruhe äh. Wollen Sie das? ..." Hammer ivar stehen geblieben und warf einen raschen Blick auf Imhoff. Dieser halb verkonnuene Mensch hielt zuweilen allerlei Fäden in der Hand, denen zu folgen klug war. „Also was ist, Herr Imhofs? Ich habe zu tun. Ich habe wenig Zeit." „Mehr als nötig ist, Herr Baumeister. Ich fmte mich, daß uns der Zufall heute zusammengesührt hat. Als ich Sie im Saale sah, schoß mir im Augenblick der Gedanke durch den Kopf: den halte dir fest — das ist dein Mann! Kennen Sie den kleinen Priestap?" „Nur flüchtig." „Na und —? Ist Ihnen nicht sympathisch?" „Nein." „Weshalb nicht?" „Ich kann diese Art Zeittotschläger nicht leiden. Ich iummle selbst gern einmal; aber ich arbeite auch. Das absolute Nichtstun ist mir verhaßt." Imhoff wiegte den Kopf auf den Schultern hin und her. „Geschmackssache, lieber Herr. Ich weiß nicht, was bekömmlicher ist, das Nichtstun oder die Arbeit. Aber sympathisch oder nicht: Sie müssen sich mit Priestap anvettern." „Ich denke nicht d'ran. Was geht mich der fade Stutzer an! . . ." Da nahm Imhoff wieder die Paletotklappe Hammers in die Hand und begann von neuem zu wispern: „Baumeister, dieser fade Stutzer hat das neue Opern- Hausprojekt sozusagen in der Hand!" Hammer schüttelte den Kopf. „Ihre Geheimniskrämers nützt mir nichts, Imhoff", sagte er. „Entweder Sie drücken sich deutlicher ans — oder ich gehe." „Sie werden nicht gehen, Baumeister. Sie werden die Liebenswürdigkeit haben und mich zivei Zimmer weiter begleiten. Das ist das Schlafgemach der Peretti. Da sitzt Priestap »ritten auf dem Teppich und ordnet die Briefschaften der Verstorbenen .... Und nun sagen Sie kein Wort weiter: Kommen Sie mit — alles weitere wird sich finden . . ." Hammer war neugierig geworden. Diese halben Andeutungen Imhoffs reizten ihn. Er folgte ihm ohne weiteres. Das nächste Zimmer war eine Art Boudoir. Aber es sah wüst aus. Hier hatte man die meisten Möbelstücke von den Wänden ab und in die Mitte des Gemachs gerückt. Auch allerhand Gegenstände, die ehedem nicht in das Zimmer gehört hatten, standen und lagen umher: ein großer Petroleumkocher, eine noch ungeöffnete Kiste mit dem Firmenstempel Clicguot Ponsardin, ein paar kleinere, zusauunen- gerollte und uinschnnrte Flurteppiche. Auf einem zierlichen Tischchen mit Lapislazuliplatte und vergoldeten Löwenfüßen lag ein mächtiger Badeschwamm neben einem billigen Musikalbum, von dem man nicht wußte, wie es in dieses Interieur geraten sein mochte. Die Wände waren mit lichtblauer Seide überspannt, in die Sterne und goldene Sonnen eingestickt waren. Aber auf der einen Wandfläche befand sich ein großer ovaler Flecken; da ivar unter einem schönen venetianischen Spiegel der Seidenstoff flockig geworden. Der Spiegel lag auf der Erde und war mit einer dichten Staubschicht bedeckt. Imhoff hatte sich der Tür genähert, die in das nächste Zimmer führte, klopfte bescheiden an und öffnete sie ein wenig. „Verzeihung, Herr Baron", sagte er, durch die Spalte sprechend; „Herr Baumeister Hammer ist hier . . . darf ich ihn hereinlasfen —?" „Wer —?•' fragte eine müde, etwas fremdländisch akzentuiert klingende Stimme zurück. „Hammer . . . wer ist das? — Ach, der Baumeister Hammer — ich weiß schon . . . Bitte sehr! . . ." Nun öffnete Imhoff die Tür völlig und ließ Hammer voran. (Fortsebiing folgt.) Kä«sikingssükforgs und Säug^ingsmikchküchsu. Bon Dr. med. H. Ko epp c. - (Originalartikel der Gießener Familienblätter.) (Schluß.) Tie natürliche Nahrung der Säuglinge ist die M utter- m t l ch. Es fand sich, daß dort, wo die Säuglinge die Mutterbrust bekommen, z. B. in Norwegen, tvo die meisten Frauen ihre Kinder selbst stillen, noch eine geringe Säug- lingsmortalität (9,5 Proz.) verzeichnet wird; andererseits ist die Mortalität der Ammen linder, welche künstlich ernährt werden, weil sie die ihnen zukommende natürliche Nahrung einem anderen Kinde abgeben müssen, eine ganz enorm hohe. Alle Arbeiten über Süugliugsernührung klingen daher in der Forderung ans: dem Säugling seine natürliche Nahrung, die Brust der Mutter oder einer Amme. Warum können wir es nun nicht dahin bringen, daß jede Mutter ihr Kind selbst stillt? Auf die Beantwortung dieser Frage komme ich noch einmal zurück. Zunächst haben wir eben mit dem Faktor zu rechnen, daß ein großer Teil! von Säuglingen (20—50 Proz.) auf künstliche Nahrung angewiesen ist, unb wir haben die Frage zu beantworten,, warum läßt sich die Frauenmilch nicht durch eine andere Nahrung ersetzen? Warum vertragen die Säuglinge nicht alle Tu er milch? (Romulus und Rewus wurden von einer Wölfin gesäugt, Löwen werden von Hunden gesäugt, oft auch mit Kuhmilch groß gezogen.) Wie viele Säuglinge sehen wir prachtvoll gedeihen, welche von Geburt ab nichts anderes bekamen als Vollmilch von der Kuh ohne) Verbesserungen und Zusätze irgend welcher Art? Tie Art- verfchiedenheit der Tiermilch von der Frauenmilch kann —— allein nicht den Unterschied der Mortalität der künstlich! und natürlich genährten Säuglinge bedingen. In der Tat finden wir auch die Mortalität der mit Kuhmilch genährten Säuglinge zu verschiedenen Zeiten verschieden, im Minter gering, im Sommer hoch. Also scheint es doch nicht allein an der künstlichen Nahrung an sich zu liegen, sondern ein anderer Faktor käme auch noch ins Spiel. Ties aber nur scheinbar, in Wirklichkeit ist es wieder die N a h r it it g, welche bte hohe Sommermortalität bedingt. Im Sommer ist die Gefahr, daß die Nahrung verdirbt, eilte ganz unverhältnismäßig große, es ist fast unmöglich, die Milch in der nötigen Reinheit von der Kuh bis zum Konsumenten zu bringen/ Während im Winter sich innerhalb sechs Stunden die Zahl der Streptokokken z. B. in einem Kubikzentimeter Milch von der Zahl 1000 nicht erhöht, erst in 24 Stunden auf die Zahl 10000 steigt, ist im Sommer die Zahl der Keime eine enorme, sie enthält von vornherein schon 10 000 im Kubikzentimeter.Milch und steigt innerhalb sechs Stunden auf 10 Millionen. Tiefe Schädlichkeiten der Kuhmilch, tote der Tiermilch überhaupt, läßt sich nun auf ein Minimum herabdrücken durch eine Reihe von Vorsichtsmaßregeln, als da sind: Sorgfältige Wartung und Pflege des Milchviehs inbezug auf Reinlichkeit, Fütterung und Fernhalten von Krankheiten, peinlichste Reinlichkeit beim Melken, sowohl des Melkers iuie des Tieres und der Gefäße, in welche gemolken wird. Dann sorgfältige sachgemäße Behandlung der Milch, Tiefkühlung, geeignete Transportgefäße, schneller Transport bis ziini Konsumenten, sorgfältige Aufbewahrung usw. In dieser Hinsicht ist die Milchhygiene auf einen hohen Grad der Vollkommenheit gebracht) freilich nicht an allen Orten, und leider muß diese einwandfreie Milch noch mit einem relativ hohen Preise bezahlt werden. Für solche Milch wird 60 Pfg. und mehr für das Liter verlangt. Fernerhin lassen sich dank der Fortschritte der Ernährungsphysiologie des Säuglings gewisse Unterschiede zwischen Kuhmilch und Frauenmilch inbezug auf Cocentgehalt, Gerinnungsart des Kaseins, Fettgehalt usw. ausgleichen, und die vielen Säuglingen unberönimliche Kuhvollmilch bekömmlich und als Nahrung geeignet machen. Kurz, die Fortschritte des letzten Jahrzehntes ttt der Erkenntnis der Ernährung des Säuglings in gesunden und kranken Tagen, sowie in der Milch- Hygiene und Technik haben es dahin gebracht, daß die künstliche Ernährung der Säuglinge vielfach kein Aunfth stück mehr ist, und doch hören wir nirgends von einer nennenswerten Abnahme der Säuglingssterblichkeit, ja stellenweise sogar von einer Zunahme. Nun alle diese Errungenschaften der Neuzeit kommen bisher eben nur einem kleinen Teile der Bevölkerung zu gute. Bei dem größten Teile der Bevölkerung ist das /Wissen" in dem Punkte Säuglingsernährung und Säuglingserziehung noch ein minimales und zwar, um es gleich vorauszunehmen, in allen Schichten der Bevölkerung. Man muß nur erlebt haben, tote sorglos die Erkrankung eines Säuglings an Durchfall hingenommen wird. Daß ein anscheinend harmloser Durchfall der Anfang einer zum Tode führenden Erkrankung sein kann, können die meisten Mütter nicht glauben, und der Arzt wird meist erst geholt, wenn es zu spät ist. Das alte schlimme Vorurteil vom „Zahnen" spielt hier übel mit. Wenn ein Säuglings krank ist, so heißt es: „er zahnt, es geht vorüber", heute „zahnt er über die Brust", wenn er hustet, dann „zahnt er über den Leib", wenn er Durchfall hat, treten Krämpfe auf, so sind es „Zahnkrämpfe" und so fort. Wie oft eine unzweckmäßige Nahrung die Ursache des schlechten Befindens und schließlich des Todes der Säuglinge ist, lehrt wieder die Statistik. Bon allen Säuglingen, die starben, sind bis 3/4 ctit Krankheiten der Verdauungsorgane gestorben, bei uns in Gießen z. B. fand sich in den letzten 10 Jahren bei 40 bis 70 Proz. der gestorbenen Säuglinge als Todesursache Brechdurchfall und chronische Ernährungsstörung angegeben. Dank der unermüdlichen Arbeit der Aerzte und der Unterstützung derselben durch die Presse hat die Aufklärung über die Bedeutung der Ernährung der Säuglinge, der dieser kleine Aussatz ja auch dienen soll, entschieden in den letzten Jahren zugenommen, und wer erst einmal zur Erkenntnis gelangt ist, sucht sich das „Wissen" anzueignen. Wissen ist aber immer noch nicht „Können". Der Erkenntnis von der Bedeutung guten, reinen Trinkwassers folgte ein eifriges Studium über die Art und Weise, wie solches beschaffen sein muß und zu beschaffen ist, mit dem erlangten Missen allein war aber dem Einzelnen noch nicht geholfen, trotz besten Wissens konnte der Einzelne in den meisten Fällen sich doch nicht einwandfreies Triukwasser beschaffen. Ter gemeinsamen Arbeit und der gemeinsamen Aufbringung der Kosten danken wir heute unsere Wasserleitungen. Äehn- lich verhält es sich mit der Nahrung für die Säuglinge. Ter Einzelne vermag trotz besten Wissens, wie die Säuglingsnahrung sein soll, sich dieselbe einwandfrei doch nicht zu beschaffen, der eine hat nicht die dazu nötigen Mittel, die zur Nahrung nötigen Ingredienzen zu kaufen, der andere nicht die Zeit, die zur Herstellung der Nahrung nötig ist, der dritte nicht das nötige Geschick u. s. f. Hier helfen die schon in vielen Städten eingerichteten und mit vollem Erfolge betriebenen „Säuglingsmilchküchen". Nicht nur in großen Städten, auch in solchen tote unser Gießen haben sich diese Milchkücheu vortrefflich bewährt. Ihr Ursprung ist in den „gouttes de lait" Frankreichs zu suchen (tote ja 'Frankreich und auch das übrige Ausland in der Säuglingsfürsorge Deutschland toeit voraus ist). In den Säuglingsmilchkuchen wird die Nahrung für Säuglinge fix und fertig hergestellt, in Portionsslaschen abgegeben, sodaß die Pflegerin oder Mütter die Nahrung nur zu wärmen hat. Tie Säuglingsmilchküche iß für die Nahrung gewissermaßen was die Apotheke für Arzneien. Ter Arzt gibt die Anweisung für die Nahrung, welche der Säugling haben soll, der gesunde die, der Kranke jene, je nach Alter, Konstitution usw. Diese Anweisung wird in der Säuglingsmilchküche abgegeben und dort erhält man die gewünschte Nahrung fix und fertig. Tie Ersparnisse an Zeit, Feuerung usw. sind bei dieser Einrichtung erhebliche, auch da, wo die Preise anscheinend hohe sind. Wie viel geht im Haushalt nicht an mißglücktem Probieren verloren, wie viel Nährpräparate werden nur teilweise verbraucht, wie viel Flaschen werden zerbrochen und was dergleichen mehr ist, und schließlich, weih der Arzt doch nicht, liegt der Mißerfolg an der Nahrung oder an der Zubereitung. Wo auch immer eine Milchküche eingerichtet wurde, waren die Aerzte die ersten, welche dieses Unternehmen freudig begrüßten, und im Publikum wurde diese segensreiche Einrichtung sehr bald beliebt. Ich bin überzeugt, daß auch hier in Gießen ein solches Institut Anklang finden würde, wenn es erst einmal da wäre. Wenn in Gießen die Säuglingssterblichkeit noch nicht die Höhe erreicht, wie anderswo — itt den letzten 10 Jahren starben von den Neugeborenen 10,1 bis 16,7 Proz. schon im ersten Lebense jahre — so ist das doch immerhin noch recht viel, nehmen wir aber dazu noch die Sterblichkeit int 2. Lebensjahre, so erhalten wir Zahlen, welche denen anderer Städte schon näher liegen, nämlich von 100 Geborenen starben 14—23, ehe sie das zweite .Lebensjahr vollendet hatten. Diese Zahlen beziehen sich nun ja doch nur auf die Gestorbenen. Wie lange waren die vorher schon krank, und >vie viel Kranke hat es doch gegeben, die wieder gesund wurden! Welche Unsummen werden für diese Kranken ausgewendet, wie viel Angst und Sorge bereiten sie den Eltern, welche Opfer an Zeit, Nachtruhe, Behaglichkeit erfordern sie! Und dabei der Gedanke, wie viel dieser Erkrankungen hätten verhütet werden können! Wie zahllose Selbstanklaaen, Selbstvorwürfe bekommt nicht der Arzt zu hören! Vorbeugen ist leichter als heilen, dies gilt bei den Magendarm- störüngeu der Säuglinge in noch höherem Grade als anderswo. Und wenn wir auch natürlich nicht allen Erkrankungen vorbeugen können, so verschafft doch der Gedanke, daß alles, was möglich war, getan wurde, eine große Be- rühigüng. Im einzeln Falle können die Eltern sich diese Beruhigung verschaffen, wo auch bei unzulänglichen Mitteln das mögliche getan wurde, dem Arzt aber bleibt der Stachel unbefriedigter Tätigkeit im Herzen bei den vielen Fällen, wo seine Hilfe vergeblich war, und bei denen er sich doch sagte, wenn zuverlässige, fachgemäße Zubereitung der Nahrung seine Vorfchristen unterstützt hätten, wäre dies und jenes Leben gerettet worden. Diese Ueberlegungen niachen es überall dem Kinderarzt zur Pflicht, für die Einrichtung von Säuglingsmilchküchen zu wirken. Mögen diese Zeilen der Anfang dazu sein, daß auch hier in Gießen in nicht zu ferner Zeit eine Säuglingsmilchküche eingerichtet wird zum Wohle des Einzelnen wie der Ge- samtheü Pie Lage der Deutschen i» den russischen Hstjeeprovrnzen. lieber den von Professor Dr. Haller kürzlich über dieses! zur Zeit hochaktuelle Thema gehaltenen Vortrag tourte in Nr. 306 des „Gieß. Anz." bereits berichtet. Im nachstehenden geben wir den Inhalt des interessanten Vortrags ausführlicher wieder mit dem Wunsche, daß damit erneut ein Ansporn zu recht tatkräftiger Hilfeleistung gegeben wird. Der Vortragende wies zunächst mit einigen Worten auf die lebhafte Teilnahme hin, mit der man in Deutschland allen Nachrichten über die Revolution in Rußland gefolgt ist. Wir waren ja von Anfang an nicht unbeteiligt; das Schicksal des Nachbarstaates, mit dem unsere auswärtige Politik von jeher als^nnt einem Hauptfaktor rechnet, muß uns besonders interessieren. Seit kurzem aber sind wir mehr als iicteressierte Zuschauer: das deutsche Volk ist mitbetrosfen von den Vorgängen, durch die Hunderttausende von Deutschen plötzlich obdachlos und brotlos geworden sind. Sehr groß ijr die Zahl der in ganz, Rußland zerstreut lebenden Deutschen, besonders in den Industriegebieten; ist doch der jüngste Aufschwung der russischen Industrie wesentlich das Werk von cingetoanderten Deutschen. Sie sind in der Mehrzahl jetzt brotlos, vielfach vom Volkshaß persönlich bedroht; ihnen bliebt nur übrig, in die Heimat zu flüchten. Nicht anders geht es -en schwäbischen Bauernkolonien, die seit 130 Jahren in Südrußland ein oft mühsames, bedrängtes Dasein geführt, sich aber trotz allem durch deutsche Tüchtigkeit und Zähigkeit stets behauptet haben. Die Revolution droht sic jetzt sortzuspülen; auch sie könncil nur im alten Vaterlande ihre Zuflucht suchen. Am schlimmsten aber sind die Deutschen in den baltischen Provinzen dran. Ihr deutsches Gemeinwesen nnd ihre ehedem blühenden Pflanzstätten deutscher Bildung hat mau ihnen schon früher geraubt und zerstört., Sie kämpfen in diesen Tagen den letzten Kampf um Hab und Gut, Haus und Hof und das nackte Leben. Mau hat ihnen früher oft vorgeworfen, sie seien an ihrem Unglück selber schuld. Der Vorwurf ist auch in diesen Tagen zu hören gewesen. Der Vortragende zeigte nun an der Hand der Tatsachen der Geschichte, wie ungerecht das Urteil ist, wie vielmehr die Deutschen im baltischen Lande ihre Aufgabe toohl erkannt haben und nur einem übermächtigen Schicksal zum Opfer gefallen sind. Er erinnerte daran, daß Altlivland, d. h. die drei Provinzen Kurland, Livland und Esthland, ein Gebiet von 54 500 Quadratkilometern, also mehr als Bayern, Württemberg und Sachsen zusammengenommen, eine deutsche Kolonie ist, von 1201—1225 erobert, vom deutschen Orden und deutschen Bischöfen als Fürsten des Reiches beherrscht, ein kostbarer Besitz des deutschen Reiches, vornehmlich durch den wertvollen Ostseehandel mit Rußland, der seinen Weg ausschließlich über die baltischen Häfen, Riga und Reval, nahm und dem Danzig, Lübeck, auch Hamburg ihre Größe verdankten. Er zeigte ferner, wie diese Kolonie, stets von übermächtigen Nachbarn, erst Polen nnd Litauen, dann namentlich Rußland, bedroht, ohne beständigen Zuzug aus Deutschland sich nicht dauernd behaupten konnte, und wie sie tu der Stunde der Gefahr, als 1558 Zar Iwan der Schreckliche die Eroberung Livlands unternahm, von Kaiser und Reich vollständig preisgegeben, nicht anders konnte, als die anderen Nachbarn, Polen und Schweden, zu Hilfe zu rufen. Ein 63 jähriger Krieg war bte Folge, der i. I. 1621 damit endete, daß Gustav Adolf Esthland und Livland mit Schweden vereinigte, Kurland als Herzogtum unter" polnische Lehnshoheit bestehen ließ und die Russen vom Land ausschloß. Nicr 80 Jahre dauerte der Friede. Seit 1701 ist Livland wieder russi- schen Verwüstungen preisgegeben. Peter der Große führt gegen Schweden den sog. uordncten Krieg, den Krieg um die Ostsee. Ihm unterwarfen sich 1710, nach der Niederlage Schwedens, Livland und Esthland, nicht auf Gnade und Ungnade, sondern auf feste Bedingungen, in einer beschworenen Kapitulation, die in endgiltigem Frieden (1721) unter Garantie der europäischen Mächte erneuert wurde und die staatsrechtliche Grundlage für das Fortbestehen der deutschen Kolonie im ritff. Reiche bildete. Volle Selbst- vertoaltung, eigenes Recht und Gericht, deutsche Sprache und evangelischer Glaube wurden dem Laude für ewige Zeiten eidlich verbrieft. Dieselben Privilegien erhielt auch Kurland, als cs 1795, beim Untergange Polens, ebenfalls an Rußland kam. Man sieht hieraus, wie Livland am Deutschtum festgehalten hat, auch als es von Deutschland aufgegeben war, und wie das Land seit seiner Trennung vom deutschen Reiche beständig um sein Deutschtum mit übermächtigen Gegnern hat kämpfen müssen. Das blieb vollends so unter russischer Herrschaft; trotz Privilegien und völkerrechtlicher Garantie war man doch von der Gnade des Zaren abhängig. So mußte man suchen, durch loyale und treue Dienste sich den Dank des Kaisers zu erwerben, und sich zugleich sein Deutschtum zu bewahren. Die schwierige Aufgabe ist durch anderthalb Jahrhunderte erfolgreich gelöst worden. Was diese deutschen Provinzen für Rußland geleistet haben, weiß dort jedes Kind. Baltische Namen glänzen unter den Generälen, Staatsmännern, Diplomaten des Reiches. Der Gefahr, sich in der russischen Gesellschaft zu verlieren, ist man trotzdem nicht erlegen. Im Lande selbst blieb man, toas man war, es führte seins besonderes Dasein auf Grund seiner Privilegien. Diese aber waren eine unsichere Grundlage. Gegen die Launen des zarischen Absolutismus mußte man sich ost verteidigen. Die wahre Gefahr drohte vom Moskowitertum, dem russischen Chauvinismus. Er haßte die überlegene deutsche Kultur, die privilegierte Sonderstellung der deutschen Provinzen beleidigte die slawische Eitelkeit. Seit 1866 kam dazu die Furcht vor Deutschland, dem man die Msicht zuschrieb, das ehemals zu Deutschland gehörige, stets deutsch gebliebene Land wieder zurückzufortern. Man mußte also, um dem vorzubeugen, es rnssifizieren; man mußte in den Kohl spucken, damit ter Nachbar die Lust verlor, ihn zu essen. (Schluß folgt.) Musik rmd Gymnastik. DaS November-Heft der Darmstädter kunstpädagogischcn Zeitschrift „Kind und Kunst"*) widmet sich in seinem Haupttcil den Themen, die auch auf dem diesjährigen Kunsterziehmigstag in Hamburg zur Erörterung kamen: Der Gymnastik und Musik. Geheimrat von Sallwürk-Karlsruhe weist darauf hin, wie viel anmutiger und gewandter die Bewegungen der Tiere gegenüber denen der. Menschen sind, und wie wir diesen Nachteil nur durch eine systematische Leibeskunst wieder ausgleichen könnten. Er fordert, die Kinder mit ihrem leiblichen Organismus vertraut zu machen und ihnen Herrschaft zu geben über den Körper als Werkzeug nicht nur animalischer, sondern auch ästhetischer Tätigkeit. Er empfiehlt zu diesem Zweck das Turnen, aber in einer mehr künstlerischen Form als es bisher gebräuchlich war. Etwas ähnliches will auch E. Jagues-Dalcroze, der in den letzen Jahren durch seine Reigen-Aufsührnngeu so bekannt und beliebt gewordene Schweizer Komponist. Singen und Tanzen soll nach feinen Ideen stets in enger Wechselwirkung stehen. Er ging ans von der Lust des Kindes am Nachabmen und Verkleiden und von seinem Bedürfnis durch Gebärdenspiel und körperlichem Sich-Ausleben. Zugleich sah er in der Musik das beste Mittel, solche Bewegungen des Körpers auszulösen und bedeutungsvoll zu gestalten. Mas er mit seinen Anregungen bisher erreicht hat, zeigen — außer dem großartigen Erfolg seiner Reigcn-Anf- führungen in mehr als SCO Städten — auch die in „Kind und Kunst" vorgesührten Photographien. In der Tat, diese Reigen- nnd Gebärdenspiele erziehen vorzüglich zu harmonischen und ausdrucksvollen Bewegungen, und, daß fie den Kindern auch viel Vergnügen machen, ersieht man ans den freudestrahlenden Gesichtern. Zwei instruktive Proben von Dalcrozes Kompositionsweise sind dem Hefte beigegeben. Von dem übrigen Inhalt nennen wir noch als besonders bemerkenswert: Bei Rembrandt von Chr. Tränkner, ein hübsches Beispiel von Bilderläuterung; Herbstspaziergänge mit Kindern in städtischen Anlagen, gerade jetzt sehr beherzigenswert, zwei Märchen, eine größere Zahl von Gedichten,-von E. Liebermann nnd Bek- Gran reizend illustriert, interessante Kiiiderbeiträge, Skizzen aus dem Kinderleben usw. Das Heft macht in seiner Reichhaltigkeit nnd Vielseitigkeit einen sehr vornehmen und anregenden Eindruck. *) Reichillustrierte Monatsschrift zur Pflege der „Kunst im Lebe« des Kindes". Verlag Alexander Koch-Darmstadt. Jährlich 12 Hefte 14 Mk., Einzelpreis jeden Heftes mit ca. 50 großen Illustrationen 1.25 Bck. Gleichzeitig erschien der 1. Jahrgang von „Kind und Kunst" in Bandausgabe mit über 600 Illustrationen, Aussätzen, Berichten, Erzählungen, Märchen, Gedichten, Liedern, Reigen und Spielen Ilsw., elegant gebunden 14 Mk. Prosprekte gratis. Humoristisches. Seufzer. Witwe (in einer Sommerfrische): „Tas ist aber wirklich ein recht fades Nest, . .. nicht 'mal bischen verloben kann man sich hier!" A n i r i ch t i g. H e r r, zum Somitagsreiter: „Galoppiert denn dieses alte Pierd auch noch gut?" S o n n t a g s r e i t e r: „O ja! Aber da bin ich dann schon meist nicht mehr dabei!" G u t. Fremde r, zu einem Torspolizisten: „Warum ist denn dieser Weg da eigentlich verboten ?" Polizist: „Ja, das wissen wir selber nicht!" Charade. Nachdruck verboten. Das Erste ist ein munt'res Stier, Es nicht zu reizen rat' ich dir. Tas Zweite nimmst du mit Behagen, Wenn dich des Durstes Qualen plagen, Tas Ganze ist verwandt dem Zweiten, Manch' frohe Stunde kann dir's bereiten. m. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des magischen Quadrats in vor. Nr.k I R A N E A B E A B B T N E T T Redaktion: Ernst Heß, — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Unwersttäts-Buch- und Stemdruckeret, R. Lange, Bietzen,