Ur- 9b 1906 w i,1 Mittellose Mädchen. Roman von H. Ehrhardt. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ruth strich sich mechanisch eine lose Haarsträhne ans der Stirn. „Er hat in keinem Fall allein gehandelt I" murmelte sie mehr für sich, „er war leichtsinnig •— der Verführung nicht gewachsen — aber er war nebenbei kein Mensch, der energisch zu handeln wußte." Sie wußte kaum, was sie sprach, so zitterte die ungeheure Erregung durch all ihre Nerven. Dem Manne, der in ehrlicher Empörung hierher geeilt war, mit der festen Absicht, einen Schuldigen wenn möglich der gcrechien Strafe zuzuführcn, ging ihre echte Verzweiflung cms Herz. Daß ihre rührende Schönheit ihren Teil dazu beitrug, gestand er sich selbst nicht ein. „Wir wollen hoffen, daß sein Komplize nicht mehr auf dem Kerbholz hat, sondern sich damit begnügte, ihr die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen — mit meinem Chef ließe sich vielleicht reden — noch wäre die Sache zu vertuschen — wenn gnädiges Fräulein vielleicht selbst —" „Sie meinen, sonst nimmt das Gericht die Sache in die Hand?" stöhnte Ruth auf. Er nickte stumm. „Oh, über diese Schmach, diese Schande!" murmelte das Mädchen, die schlanken Finger in das üppige Haar krallend, „warum mir das alles?" Einige Sekunden verharrte sie so, den starren Blick auf den Fußboden gerichtet, bis ein leichtes Räuspern des vor ihr stehenden Mannes sie daran gemahnte, daß keine Zeit war, sich von ihrem Schmerz und ihrer Scham überwältigen zu lassen, daß sie noch einen schweren Weg vor sich hatte, zu dem sie äußere Ruhe und Fassung braucht. „Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie, Herr Wilhelmi!" sagte sie, mit unsicherem Blick sein verlegen gerührtes Gesicht streifend, „vielleicht darf ich Sie bitten, ein paar Minuten zu warten — ich bin rasch zum Ausgchen bereit." Er verneigte sich linkisch. „Ich hätte Ihnen sicher meine Begleitung angeboten, Fräulein Mcridies. Wir müssen sehen, daß Sie möglichst unbemerkt zu dein Chef gelangen — ich führe Sie direkt in sein Privatkontor." Sie bat ihn darauf, einen Moment Platz zu nehmen und ließ ihn allein, Im Nebenziuuner kauerte Walter in der Sofaecke und schluchzte laut. Sie trat zu ihm und legte die Hand auf seinen auf dis verschränkten Arme gesenkten Kopf. „Wir armen Zwei!" sagte sie leise. Er richtete die tränenvollen Augen, die schon so viel Leid geschaut, zu ihrem schmerzensstarren Antlitz einpor. „Laß mich zu Hause bleiben!" stammelte er, „ich kann heute nicht in die Klasse gehen — mir ist so bange — was ist denn nun eigentlich mit Heinz?" Sie sagte ihm, was sie wußte, er war ja alt genug, die Wahrheit zu hören und zu verstehen. Er begriff voll und ganz, was ihnen drohte. Wie vernichtet blieb er in seiner Ecke sitzen, nachdem Ruth ihm gern die Erlaubnis zum Bleiben gegeben. Ihr graute selbst vor dem Alleinsein, wenn ihr Weg etwa resultatlos verlief. Die nächste Stunde durchlebte sie wie einen schweren Traum. Sie hatte sich willenlos der Führung des blonden Bankbeamten anvcrtraut, der sie vor der Tür in eine Droschke genötigt hatte und bemüht gewesen war, ihr während der kurzen Fahrt gutmütig Trost zuzusprechen. Mit seiner Hilfe konnte sie unauffällig das Zimmer des Chefs betreten. Es war wohl die schivcrste Stunde ihres Lebens, da sie als demütig Bittende vor dem weißhaarigen, sinsterblickenden Ge- schästsmanne stand. Er ivar sehr erbittert über den VcrtraucnSbruch dicsxs jungen Menschen, dem er stets wohlwollend und gütig begegnet war — nie hatte er in seiner langjährigen Geschäftszeit an einem seiner Angestellten eine derartige Erfahrung gemacht — er wollte anfänglich von Schonung nichts wissen. Aber Ruth fand in ihrer Herzensangst um die Ehre ihres Namens so bewegliche Worte, sie schilderte dem alten Manne in so erschütternder Weise ihr vom Unglück verfolgtes Leben, daß er sich endlich zu dem Zugeständnis hinreißen ließ, die ganze Angelegenheit totzuschweigcn, wenn die unterschlagene Summe von 500 Mark bis abends ersetzt wäre. Ruth erklärte sich aufatmend dazu bereit. Blitzschnell überschlug sie in Gedanken die Summe, welche sie daheim in ihrem Schreibtisch aufbewahrte — es würde ungefähr reichen — im Notfall- mußte sie irgend einen Schmuckgegenstand verkaufen. Noch dachte sie nicht daran, von anderer Seite Hilfe zu erbitten. Wer sollte sie ihr auch geivähren? Nur Fran von Brockhaus konnte da in Frage kommen und gegen diesen Weg wehrte sich ihr ganzer Stolz. Sie dachte sich in die Seele der jungen Schwester hinein, die der Cousine ihr Lebensglück verdankte — wie beschämend und nicderdrückend für sie, wenn mit ihrer Person noch die Misere 382 ihrer Geschwister verschüttend in Metas Dasein greifen sollte! Nein, Suse gehörte nicht mehr zu ihnen, außer dem Schmerz um den Verlust des Bruders durfte keine Ahnung seiner Schande ihren Glückshinuncl trüben. Sie mußte auch diese Stunden allein durchkämpfen. Ja, wenn die Gehcimrätin nach lebte! Jetzt, ivo ihre Kraft sich wund gerieben an den, steten Kampfe mit allerlei Widerwärtigkeiten, hätte sie sich gern zu der gütigen, energischen alten Dame geflüchtet, vertrauensvoll Rat und Hilfe von ihr erbeten. Aber sie war tot, ihr ewig unerreichbar. Unter solchen Gedanken legte sie den Heimweg zu Fuß zurück. Ein förmlicher Widerwillen vor den Menschen, die sie in der Elektrischen neugierig und vielleicht mitleidig anstarren würden, hatte sic beivogen, die Strecke bis zu ihrem Hause zu gehen. Die Aprilsonne brannte heiß auf ihr schwarzes Kleid, blendete die schmerzenden Augen, ein häßlicher, warmer Wind trieb ihr Staub und Unrat ins Gesicht, der vergiftete Mein der Großstadt mnwehte sie. Schweißperlen netzten ihre Stirn und ihre Füße ivaren wie Blei so schwer, als sie endlich wieder in ihrem Zimnicr stand. Walter saß noch immer ganz matt vom vielen Weinen auf dem alten Fleck. „Ist Heinz denn wirklich fort? Und wird man ihn verfolgen, Ruth — ach, Ruth?" Sie nahm beruhigend seine heiße schlaffe Hand. „Ich hoffe, das Schlimmste bleibt uns erspart, mein Junge — raff' Dich jetzt auf — geh' in Dein Zimmer und wasch' Dir die Augen — man kann nie ivissen, ob Suse nicht mal kommt — sie soll nie etwas von der Unterschlagung erfahren — auch Karl nicht — es würde sie zu furchtbar treffen — wir beide tragens allein, Walter, ganz allein — nicht wahr?" Ihre Stimme brach. Sie wandte sich rasch und nahm den Hut ab — ein entsetzliches Gefühl trostloser Vereinsamung raubte ihr die mühsam bewahrte Fassung — sie stach mit so hastigen Fingern die Hutnadel in das grobe Strohgeflecht, daß die Spitze ihr tief in den Handteller drang. Der körperliche Schmerz tat ihr förmlich wohl. Wenn sie nur hätte weinen können! Walter, der müde aufgestanden war, preßte seinen Kopf einen Moment an ihre Schulter. „Wenn ich doch erst groß wäre, Ruth, und Dir helfen könnte — ich versprech Dirs auch, ich will mir alle Mühe geben, Dir nur Freude zu machen." Ruth liebkoste erschüttert seine blasse Wange. „Laß Dirs eine Lehre sein, mein Junge, wohin cs führt, wenn man nicht freudig arbeiten lernt, nicht ehrlich danach strebt, etwas tüchtiges im Leben zu leisten — aber nun laß mich allein." Gehorsam verschwand der Knabe in sein nebcnanliegendes Zimmer. Ruth aber nahm aus dem Körbchen auf ihrem Nähtisch ihren Schlüsselbund, und ins Nebenzimmer tretend, ging sie bis zu dem kleinen Schreibtisch in der Fensterecke und öffnete eine Schublade seines zierlichen Aufsatzes. Mehrere kleine Pappkästchcn waren darin enthalten, in denen Ruth peinlich genau das Geld für Miete, den Haushalt, Bekleidung und sonstige Ausgaben einzuteilen pflegte -- eins barg ihre persönlichen Ersparnisse, das Resultat halbjährigen, aufreibenden Fleißes. Sie nahm es zuerst in die Hand — es war so merkwürdig leicht darin — eine unbestimmte Angst überfiel sie lähmend — sie hob den Deckel ab — sie stierte hinein mit Augen, die sich vor Entsetzen weiteten — das Kästchen war leer. Sie lächelte fast blöde vor sich hin. Sie hatte die Goldstücke neulich wohl aus Versehen in eine andere Kasse getan. Ihre zitternde Hand tastete weiter, entfernte die Deckel der übrigen Schächtelchen — überall die gleiche grauenhafte Leere, die sie höhnisch anzugrinsen schien. Und da — ein weißer Zettel: „Verzeih mir, ich gehe nach Amerika, ich will frei sein." (Schluß folgt.) 157 Hage korsischer Raubmörder. Erinnerungen an Korsika. Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i c m a n n. (Flachdruck erivünscht.) (Fortsetzung.) Pastor Costa brachte mir später eine vollständige französische Bibel mit Diese gab ich einem Mitgefangenen Botti. Als Katholik las er aber fast nur das Alte Testa? ment, das mir sehr unsympathisch ist. Ich hoffte auf ihn bessernd einzuwirken; als ich aber sah-, daß er das gut in Leder eingebundene Buch meistens als Kopfkissen benutzte, wenn er auf den Steinfliesen lang ausgestreckt in der Sonne schlief, stellte ich meine Bemühungen nur ihn ein. Botti war Heizer und erzählte mir, daß er eingesteckt worden wäre, weil er von einem Kohlenschiff desertierte. Einen Tag später wäre der betreffende Dampfer untergegangen. Es wäre doch ungerecht, daß ihn der Untersuchungsrichter verurteilt, nachdem ihn Gott wie durch ein Wunder vor dem Tode bewahrt hätte. Botti war ein guter Geschäftsmann und versprach mir, für eine größere Summe nach seiner Freilassung de» jungen Faggianelli aussuchen und bestimmen zu wollen, daß er seine falschen Aussagen zurücknähme. Ich erwiderte ihm darauf, daß ich gern auch ihm gegenüber für die von meinen Brüdern ausgesetzte Belohnung von 1000 Fr. anfkäme, wenn er zur Auffindung des wahren Raubmörders hälfe. Ich hatte gehofft, daß solche Leute „aus der Bekanntschaft" leichter zum Ziele kämen, als die Polizeibehörden, die wahrscheinlich anßer- dem noch unlustig waren, wegen eines Wlsländers die Rache der betroffenen Familie ans sich zn laden. Bottis Vater war nach Angabe des Sohnes, nachdem er vier Personen erschossen hatte, zu lebenslänglichem Kerker verurteilt worden, aber ausgebrochen und befände sich jetzt in Argentinien. In seinem Heimatsdorfe ginge man mit geladenem Gewehr über der Schulter und geladenem Revolver und Stiletts int Gürtel in die Kirche, da man ewig wegen der Blutrache auf der Hut sein müßte. Er wagte sich gar nicht in sein Hcimatsdorf zurück. Viele von meinen Mitgefangenen waren eingesetzt, weil sic beim Kartenspiel oder einer anderen passenden Gelegenheit sich gezankt hatten. Solch ein Zank endet gewöhnlich mit einem Revolverfchnß, denn jeder Korse trügt von Jugend an seine. Waffe bei sich. Im übrigen ist mau in 'Ajaccio sehr Gemütsmensch. Gegen Ende meiner Internierung im Gefängnis in Ajaccio nahm dort ein Hirt vorübergehend unfreiwilligen Mfenthalt; eine schneidige Gestalt mit tief- schivarzem Bollbart, in schwarzer Sammetpekesche, wie sie unsere Studenten tragen, mit Tierkopfknöpfen ans Metall, kurzen Sammethoseu und langen Stiefeln, die kurze Pfeife int Mund, den Beutel noch mit reichem Tabakvorrat, von dem er freigiebig austeilte. Bei einem wütenden Wahlstreit hatte er seinem Gegner einige Revolverschüsse beigebracht. Er sollte dafür einige Wochen absitzen. Da aber dies zu jener Jahreszeit mit seinem Beruf nicht zit vereinbaren ivar, oder weil die Jahreszeit angenehmer in der Freiheit zu verbringen wär, sollte er seine Strafe erst int Herbst abbüßen. Furchtbar aufgeregt hat mich der Samstag vor Ostern. Ich war gerade beim Mittagessen, als eine große Schießerei losging. Dazwischen klangen Glockenklänge, wie von einem Ärmensüuderglöckchen. Da Mitte Februar schon eine Schwurgerichtssitzung abgehalten worden war, dachte ich zuerst an Massenexekutionen Verurteilter, etwa aus den Januar- Unruhen, und betete in einer Aufregung, daß mir beinahe die Nerven rissen, ein Vaterunser über das andere. Ein Wärter teilte mir schließlich mit, daß der „bon dien" mittag um 12 Uhr auferstanden wäre, und daß matt dies allenthalben mit Freudenschüssen begrüße. Aehnlich ging es mir in Bastia in der Nacht vor Pfingsten, nur glattbte ich dort, daß ein Gefecht zwischen Schmugglern und Steuerbeamten stattfände. Solche Stimmungen und Deutungen mögen unverständlich erscheinen aber ich kann versichern, daß ich- oft in r— 383 — einer Stimmung war, daß ich glaubte, in der nächsten Minute wahnwitzig zu werden, und daß es mir jetzt noch rätselhaft ist, wie ich, der ich in jeder Beziehung überempfindlich, leicht verletzbar und zimperlich wie ein junges Mädchen bin, dies alles überstanden habe. Die Verfolgungen des in blinder Wut ohne Sinn und Verstand auf mich loshackenden Polizeikommissars, der sich noch obendrein etwas ailf seine Parole d'honneur einbildete, bei der er mir versprach, mein an meine Brüder adressiertes Telegramm sofort dem Procureur de la Republique vor- legeu zu ivollen, die ewigen, sichtbarlichst durchgeführten Verfolgungen von feiten aller nur möglichen Personen, hatten von vornherein bewirkt, daß ich an Verfolgungswahnsinn litt und die ganze Sache als einen Racheakt gegen den verhaßten Preußen ansah, weil er die Pläne der korsischen Behörden, die Ankunft der Angehörigen zu verzögern und die ganze Sache als Selbstmord gelten zu lassen, durchkreuzt hatte. Ob diese, fast möchte ich sagen, instinktiven Gefühle nicht richtig waren, läßt sich erst ent- scheiden, ivenn ich den Leuten ins Herz sehen könnte. Meine Freilassung hätte bestimmt schon Mitte Februar erfolgen müssen, da die Nachrichten über mich in jeder Beziehung befriedigend waren. Getröstet hat mich bei diesen furchtbaren Gedanken oft der Chef des Gefängnisses, wenn et mir sagte, daß die Bastianer Geschivorenen vernünftige Leute wären, denen es nicht einfallen werde, ohne Beweis jemanden zu richten. Der 'Aufenthalt im Gefängnis wäre nichts Schlimmes, denn auch französische Minister hätten oft genug im Gefängnis gesessen. Mich der Wärter Pompeji, den wir allgemein für dumm hielten, hatte mit seinem Tröste recht, wenn ich mich gar nicht in Geduld in die endlose Gefangenschaft fügen wollte: „Es kann Ihnen doch nur lieb sein, ivenn die Geschworenen trotz aller Wut und Mifein- dung der Behörden entscheiden. Sie sind nicht schuldig, £7?. wenn Sie jetzt schon niaugels Beweisen mit angesengten Flügeln loskommen." Doch zurück zu heiteren Bildern! (Fortsetzung folgt.) Wor 40 Jayren. Von H. Elle. Nachdruck verboten. . Ich tag im Grase, und da ich annahm, daß ein zwölfjähriger Junge, selbst wenn er nicht zu den sog. Musterknaben gehört, auch noch wert sei, daß ihn die Sonne bescheint, so machte ich von den von ihr gespendeten Strahlen den ausgiebigsten Gebrauch, d. y. ich drehte mich um, Ivenn meinem „Teint" Gefahr drohte, und zeigte dann der lieben Sonne den Teil meines werten Jchs, den je nach Bedarf der Herr Papa oder der in dieser Hinsicht mit Bollprokura ausgestattete Herr Lehrer zu° bearbeiten pflegte. Auch die dann emporgestreckten Fußsohlen hinderten weder Schuhe noch Strümpfe, so und so viele Sonnenstrahlen (Röntgenstrahlen gab es damals noch nicht) an sich zu ziehen. Derselben Beschäftigung lag mein steter Begleiter, Freund und ungefährer Altersgenosse ob, nämlich ein großer zottiger Hund, ein Scheusal in Gestalt und Farbe. Mer es war das treueste Hnndevieh, dessen Bekanntschaft ich mich je rühmen konnte. So lange er in meiner Zähe war, konnte ich sicher sein, daß ich etwa von anderen Buben oder Apfelbäume besitzenden Bauern mir zngedachte Hiebe nicht zu spüren bekam. Unsere eigentliche Arbeit bestand in der Beaufsichtigung einer sechszehnköpfigen Kuhherde und einer Ziege; letztere leistete übrigens mir und dein Hunde, der den Namen Wotan führte, lieber Gesellschaft als den größeren dickköpfigen Wiederkäuern; ihrer Vorliebe für salzige Sachen, besonders Häringsschwänze, trug ich nach Möglichkeit Rech- nung, das heißt so oft ich bei gelegentlicher Zugabe dieses Fisches zur gutsbäuerlichen Kartoffelkost in Besitz dieser Ziegendelikatesse gelangen konnte. Unser Vesperbrot hing in einem Säckchen am linken, anscheinend von der Natur zu diesem Zweck besonders kruniw gebogenen Horii der Leitkuh, der alten schwarzen „Mutsche". Es inuß damals eine Fleiichnot geherrscht haben, gegen die die so oft be- tlagle jetzige ein Kinderspiel zu sein scheint, denn in unseren Bespersack hatte sich nie etwas verirrt, das nur den Ge- onntei1 an Fleisch aufkommen ließ. Der „Belag" unseres rrPt ^geu das, nebenbei bemerkt, der heutige Kommiß- schinken der reine Kuchen ist, bestand meist aus Weichkäse (Quark war der landläufige Ausdruck), trockenem Käse oder Sirup;im .Herbst wurde diese kostbare Zugabe abgelöst durch Obst, das entweder ans der „Hof"küche geliefert oder im Garten des ersten besten Nachbars requiriert, resp gestohlen wurde. Meine Ziege war immer mit von der Partie, wem, es „Ebbe!" gab, sie schmatzte vernehmlich, wenn ,ch ihr die in Scheiben geschnittenen Früchte in das Manl schob. Wotan biß auch mit in den Apfel, ivenn auch mit etwas hochgehobenen Zähnen und mit einem Ausdruck, der sich an einem Hundegesicht ungefähr abliest wie: „Ein Stück Fleisch oder Wurst wäre mir lieber." Die Befriedigung unseres, besonders bei Wotan trefflich entwickelten Durstes erfolgte auf einfache Weise. Wer in Gesellschaft voii sechszehn wohlgenährten Kühen und einer dickeuterigen Ziege „allein ans weiter Flur" weilt, braucht nicht zu verschmachten. Die schwarze „Mutsche" war daraus dressiert, sich nach Bedarf und trotz gntsbäuerlichen Verbots einen Teil ihres Ueberflnsses an kostbarer Milch abzapfen z>, lassen; ein kunstgerechter Druck an die Zitze ihres gewaltigen Milchreservoirs und der weiße Strahl fand seinen Weg nach der Oeffnung zwischen Nase und Kinn, die ein vorlauter Junge gewöhnlich haltet, soll. Die Liebhaberei Wotans für kuhwarme Milch zu befriedigen, war weniger einfach, denn er konnte weder melken noch den Milchstrahl in „menschenwürdiger" Weise anfnehinen. Ich erfand ein ohne Zweifel gebrauchsmusterschutzfähiges Verfahren: meine Mütze wurde mit Krautblüttern ausgelegt, d. Y. wasser- bezw. milchdicht gemacht, dieser Patentbehälter vollgemolken und den, Wotan serviert, der nach beendigter Mahlzeit befriedigt feinen Schnurrbart leckte. So verbrachten wir im Schweiße unseres Angesichts die Tage in ländlicher Einsamkeit, bis auch diese einmal belebter wurde'. Es rückten nämlich Soldaten an, und zwar von der Sorte, die wir vorher noch nie geschaut hatten: Preußen, leibhaftige Preußen; in langen Zügen bewegten sie sich auf der Landstraße daher, an die das „Feld" meiner und des alten Hundes Tätigkeit stieß. Zum Schluß kam Artillerie; sie nahm mit ihren Kanon ei, unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, sodaß wir nicht merkten, wie unsere Schutzbefohlenen, die sechszehn Kühe samt der Ziege, in das benachbarte Kohlrübenfeld einbrachen und dort eine Tätigkeit entfalteten, die mir ein schweres Donnerwetter emtrug. Mein „Pferdeverstand' fand, daß die Artillerie- Pferde lange nicht so dick waren, wie „unsere", aber sie „trappelten" schneller; auch die Reiter saßen schöner, wie unser Großknecht, wenn er nach der Dorfschmiede ritt. Die letzte Abteilung schwenkte plötzlich links ab, mitten ans eine kurz vorher abgeerulete Wiese neben dem Gutshof; in letzterem bezogen, die Mannschaften und Pferde Quartier, während die Geschütze uni) Wagen unter Bewachung zweier Kanoniere stehen blieben. Wotai, schien wenig Gefallen an der Einquartierung zu haben; wahrscheinlich war er des Preußischen soweit mächtig, daß er die von den Soldaten ob seiner „Stattlichkeit" gemachten Bemerkungen und Kosenamen, wie „Köter" usw. verstand. Zu Realinjurien ließen es die braven Preußen wohl deshalb nicht kommen, weil Wotans stattliche Eckzähne unfehlbar da eiilsetzteu, wo menschliche Gehwerkzeuge nicht an Fleischnot zu leiden pflegeii. — Obwohl der mit allen Fasern seines Herzens an seinem engeren Vaterlande hängende Herr Lehrer uns Schuljungens täglich und gründlich Preußenhaß predigte, brachte ,ch es doch über mich, in Wotans Begleitung, ocr es meiner Ueberzengimg nach mit einem ganzen Armeekorps dieser verhaßten Landsleute aufnahm, mich ins feindliche Lager, d. h. an die in geraden Linien ausgestellten Geschütze heranznmachen und den Posten mit aller mir zu Gebote stehenden „Heeflichkeit" zu ersuchen, doch einmal mit so einer preußischen Kanone zu schießen. „Js „ich, darf ick „ich", war die ÄUtwort, der als Anhängsel ein Laut folgte, der ganz genau wie „Döskopp" klang. Trotz dieser meiner Meinung nach nur einen, Urprcutzen eigenen Grobheit konnte ich dem Käuoiiier nicht zürnen, denn er sah gar nicht so aus, als ob er einen Menschen, und wenn es auch nur ein Kuhjunge war, mit Haut und Haaren fressen könnte. Wn anderen Tage, es war Sonntag, zeigte ich ihm mit Stolz meine schwarze Leiblich, erzählte hm auch von den Vorzügen meines Wotan, die er allerdings ohne Worte, nur mit bezeichnender Miene anzuzweifeln sich erlaubte. Mir erzählte er, daß sein Vater in Westfalen auch ein Gut besitze, aber größer als das unserige. Jetzt war die Reihe an mir, an dieser Mitteilung 884 zu zweifeln, denn ein „größeres Gnt" mit mehr als 16 Kühen, einer Ziege, vier Pferden, so und so viel Schweinen, Gänsen, Hühnern und einem so vortrefflichen Hund konnte ich mir nicht vorstellen, auch nicht, daß der Sohn eines „vierspännigen Bauern" Soldat werden mußte, eilt solcher hätte es Bei uns nicht nötig gehabt. Der Kanonier erzählte weiter von Riesenvorräten an „Skinken" und Speck, vor- züglichein „Simps", der in seiner Heimat gebrannt wurde, ferner, daß er Brüder, darunter einen so großen, tote ich, auch eine „Stoester" habe, daß er schwimmen könne, gern kegle (deshalb war er meiner Ansicht nach zur „Artollerie" gekommen), eine „so" lange Tabakpfeife besitze, und schon manchen „Keerl", der ihn zu ärgern sich uiiterstand, „eklich vertowackt" habe. Wenn er wieder heim komme, werde er mir eine „so" lange (er hielt die Hände etwa eine Elle weit auseinander) Mettwurst schicken und ein gehöriges Stück Pumpernickel dazu. Der in so verständlicher Form in Aussicht gestellte Genuß bewirkte bei mir nicht nur eine rasche Konzentration alles verfügbaren Mundwassers, sondern auch eine aufrichtige Zuneigung zu dem Kanonier; wenn alle Preußen so sind, sagte ich mir, dann hat dein Lehrer entschieden Unrecht, wenn er sie dir als schlechte Kerle schildert. Auch in Wotans Hundeseele schienen den Preußen günstigere Gefühle eingezogen zu sein, beim er schmiegte sich "vertraulich an die Seite des Kanoniers, wahrscheinlich in der festen Zuversicht, an der Mettwurst- Mahlzeit te.ilnehmen zu dürfen. Aim Montag morgen um 6 Uhr rückte die Batterie ab; vom Sattel herunter reichte mir der Kanonier noch einmal die Hand, und ich erinnerte ihn noch einmal an die versprochene Wurst und den Pumpernickel. So lange der ausgewirbelte Staub hinter den Geschützen und Pferden es zuließ, sah ich den Abmarschiereu- den nach, dann gingen „wir", ich und der Hund, an unser „Tagewerk". Ich habe seitdem viel preußische Artilleristen gesehen, aber der, der mir die Mettwurst versprochen, kam mir ebensowenig wieder vor die Augen, wie die Wurst selbst. Wahrscheinlich hat der Brave seine Mettwurst- und pumpernickelgesegneten Gefilde im fernen Westfalen auch nicht wieder gesehen, denn acht Tage nach dem Äusmarsch aus „meinem" Gute standen die Kanonen, und mit ihnen mein Kanonier, der mir nichts vorschießen durfte — im Kampfgewühl vou Königgrätz. Für Mütter. —■ „M ein K i n d". Ein Erziehuugsbuch von Theodor Panl Voigt. (Verlag von Theod. Thomas in Leipzig.) Preis brosch. 3.50 Mk. Das Buch will den Eltern eilte im stocken Pianderton gehaltene Anweisung zum verständigen Erziehen ihrer Kinder geben. Der Verfasser bekennt sich an verschiedenen Stellen seines Werkes zu den Pestalozzischen Grundsätzen: er will die natürlichen Kräfte des jungen Menschen individuell in freier Weise entwickeln und er hält alle schulmeisterliche Pedanterie, jede einseitige konfessionelle Tendenz in der Erziehung zurück. Das Buch begleitet die Entwicklung des Kindes vou der Geburt bis zur Mündigkeit. Die seelischen Probleme werden in gemeinverständlicher Form dargelegt, die Tempenunente eingehend gewürdigt. Die gesundheitliche Pflege, das Spiel und die, Jugendbeschäftigungen werden in ihrer Bedeutung für die Aufzucht des jungen Menschen geschildert. Die Bedeutung und die Art der Jugendlektüre werden eingehend gewürdigt; jede Einseitigkeit wird dabei abgewiesen. Das Kapitel über die religiöse Erziehung ist so gehalten, daß Glieder aller Konfessionen davon profitieren können. Großer Wert wird auf eine deutsche, aber nicht engherzige Gesinnung gelegt. Von besonderer Wichtigkeit erscheint uns das Kapitel über: „Das Kind und die sexuellen Fragen": mit der hergebrachten Heimlichtuerei will der Verfasser aus sittlichen Gründen gebrochen und wahrhafte, dezente Antworten auf die sexuellen Fragen des Kindes gegeben sehen. In den letzten Kapiteln: „Knabe und Mädchen", „Berufswahl der Kinder" tritt der Autor für Gleichberechtigung der beiden Geschlechter im Berufs- und sozialen Leben ein. Nicht „Musterknaben", sondern umsichtige, tüchtige und in den sozialen Gemeinschaften brauchbare „Menschen" sollen erzogen werden, Menschen, die sich ohne Krücken in allen Lebenslagen zurecht- finden. Lrre^riffeycs. — Zell, D r. T h., Strei! züge d u r ch die T i e r >v e l t. In färb. Umschlag. 96 S. 8° Mk. 1.—. Stuttgart, Verlag des Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde (Geschäftsstelle: Franckhsche Verlagshandlung). — Dieses Buch ist der Erforsch: ng des TiereS, namentlich seiner seelischen Eigentümlichkeiten, gewidmet. Ein Blick in das reichhaltige Inhaltsverzeichnis zeigt, welch hochinteressante Fragen behandelt werden. Es sind meist Fragen, über die bisher so gut wie gar keine Hypothesen ausgestellt worden sind und bereit Lösungsversuche deshalb jedermann interessieren werden; wir nennen nur folgende Kapitelüberschriften: Warum haßt bet Hund bie Katze? — Die Bedeutung der Schnurrhaare l — Die Widersprüche über bie Gefährlichkeit mancher Bestien. — Wie trinkt bee Wolf? — Warum schreien angegriffene Tiere? Um Ibsens Schatte«. Nachruf von Rich arb Dehmel.*) Als du, gewaltiger Schatten, noch des Körpers waltetest, bet siebzigjährig beim Geburtstagsfestbankett uns jungen Männern unerschütterlich Bescheib tat, wars ich auf bich vom trotzig hochgeschwungnen Becherrand den trunknen Spruch: Skaal, Ibsen, Skaal, btt Feind der Halbheit, SD!elfter des Doppelsinns! ■ ich schleudre dir ein Wort zu, das dich ganz beleuchtet: Skaal, du vom heiligen Geist Beschatteter! — Nun sitzen wir beim Todessestbankett, trotzig auch heut, doch nicht von flüchtiger Trunkenheit, jeder im Rücken seinen Schatten fühlend, ein Kranz von Schatten um den leeren Platz, Gewaltiger, der du im Lichtkreis über nns'rer Tafel geisterhaft, noch unersehütterlicher als dein Körper einst, lastest. Warum entschwebst du nicht? willst du uns prüfen? O! mit noch höher geschwungnem Becherrand will ich dir dann Bescheid tun, schweigsamer Gast: sieh, wie mein Schatten auffährt! und rings um mich an allen Wänden, allen Ecken des Saales empor heben sich Schattenarme, nrttschwingende, heben dich, dich, du Unerschütterlicher, auch empor, durchs düstre Flackerlicht des Trauerraums, durchs, rauchgeschwärzte Schnitzwerk, Decke und Dach, empor durchs Steruenbildergewölb bet Frühlingsnacht, bis bahnt, wo kein irbisches Zwielicht mehr uns täuscht — nun schwebst du hoch genug für unsre Andacht. Da sehr wir dich im Strahlenfchoß der Allmacht ruhn: tiesschwarz von Lichtquell zu Lichtquell dich behnenb schwebst du un Spiegel unsrer begeisterten Augen, schwebst, lebst und waltest. Und so, mit unfern begeisterten Augen, siehst du, wie Männer konnnen: einsam, einzelne nur, doch von Jahrhundert zu Jahrhundert kühnere, wortkarg wie du, sinnstark wie du: bie kämpfen ihre Zweifel vor bir aus. linb Frauen siehst du kommen: mehr unb mehr, und von Jahrtausend zu Jahrtausend stolzere, wortscheu wie du, werktreu wie du: bie richten ihren Glauben an bir au!. Dann wirb wohl Eine — o! ich seh ihr Gesicht, braun ists von Sonne, so hart wie Erz kanns scheinen unb kann wie Honigwabenhaut so zart sein — wirb bir in einer heilig strahlenden Nacht wie heut einst zulächeln: Dank, Ibsen, Dank, bu Freunb bes Grabsinns, Sehet bes Wibersinns! ich bringe bir einen Blick bar, bet dich voll beglänzt: Dank, du vom ewigen Licht bestärkter, gewaltiger, unerschütterlicher Schattengeist! *) Aus bet „Neuen Rundschau" (Verlag von S. Fischer, Berlin). _______ Citatenrätsel. Nachdruck verboten. Aus jedem der folgenden Citate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Citat ergiebt: 1. Was nützt mich bet Mantel, wenn er nicht gerollt ist! 2. Nicht um Gnade will ich betteln, ich verlange nur mein Recht. 3. Und bonim Räuber und Mörder! 4. Vergelten will ich's Euch, wenn Ihr mein Leben schont. 5. Schwer büßen soll bet Frevler ber bie Tat verübt. 6. Unb bie Treue, sie ist boch kein leerer Wahn. 7. Man hat Exempel, baß man ben Mord liebt, unb be» Mörder straft. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Kirsche (Hirsch ohne Kopf — „irsch", ein paar Stückchen Kreide — „K" unb „e"). Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen»