Sawsiüg den 3. NovemLer /MS06 — W- 162 h>i Pnoto er-.a Zm Wanne des cheyLkmmsses. Noinan von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten1.. (Fortsetzung.) 30. Kapitel. Asa S Abendessen in der Vikt 0 rinstra ße Nr. 3. Es war das erstemal in seinem Leben, daß Jack etwas mit dem Bestellen eines Essens zn tun hatte, und sein Entzücken und seine Wichtigkeit tomtie.it keine Grenzen. "Er zog seine Hauswirtin ztr Rate, die Fisch, ein Kalbs- Kotelett, Huhn und Zitrouen-Pudding empfahl. Die Groß- grtigke.it dieses Menus setzte ihn etwas in Schrecken. „Wird es sehr diel kosten?" fragte er zweifelhaft. „O, natürlich ivird's was kosten, Herr; wenn aber der Geldpunkt in Frage kommt — das ist was anderes — nun, ich tonn ja ein Kotelett braten. Ich schloß ans Ihrem Auftreten, daß Ser Kostenpunkt gar keine Rolle spielte." Ein Kompliment, das Jack alles vergessen ließ; er verstieg sich sogar zu einer Flasche Portwein und einer Flasche Sherry. Als die Zeit des Essens näher rückte, überwachte er unermüdlich alle Vorbereitungen; und pünktlich Schlag sieben erschien der alte Gepäck-Expedient. „Lieber Gott, wie merkwürdig geht's doch in der Welt zu, muß ich immer wieder sagen! Sie sind William Jefferies' Sohn; und ich dachte, ich würde seinen Namen nicht mal wieder hören, und nun sitze ich hier bei Ihnen am Tische. Ja, wir waren sehr befreundet; aber ich habe seine Witwe ganz aus den Augen verloren — sie zog vor Jahren schon von hier weg." Seine Augen glänzten, als Jack ihm ein Glas Sherry einschänkte. Er hatte bessere Tage getonnt und verstand ein gutes Glas Wein noch jetzt sehr wohl zu würdigem Dann ließen sie. sich am Tische nieder, und Jack regalierte seinen Gast mit allen Delikatessen, die ihm zu Gebote standen. „Und Ihre Mutter, Herr Jefferies", sagte der Alte, als die schwerste Arbeit vorüber und das Meisterstück der Hausfrau, ber Zitrouen-Pudding, erschien — „wie geht es ihr?" „O, recht gut. Ich habe ihr von meiner Reise nichts 'gesagt. Die Sache ist nämlich die, sie empfindet den Tod meines Vaters noch immer so schmerzlich, daß nie bei uns darüber gesprochen wird." „Ach, die arme Frau, ich weiß mich des Tages noch zu erinnern — sie fiel dahin Ivie tot, als ich ihr sagte, was es gegeben hatte. Sie hat wohl nie wieder geheiratet, was?" Seine Blicke fragten so deutlich, wie die arme Witwe, die er als so jung, verlassen und hülflos gekannt, es fertig gebracht, ihren Sohn so gut vorwärts zu bringen, daß Jack seine Absicht unmöglich mißverstehen konnte. „Das nicht", erwiderte, er großartig, „aber meine Mutter ist zu einem netten kleinen Eigentum gekommen und lebt jetzt in ganz guten Verhältnissen." Herr Hoggs nahm die Mitteilung mit gebührender Hochachtung auf. . „Und dies kleine Eigentum wird vermutlich auf Sie übergehen, was? Ach, schön, schön; nehmen Sie's gut trt Acht. Ich war auch mal zweitausend Pfund wert, und es ist mir alle aus den Fingern gegangen, alle. Jetzt, wo ich alt bin, muß ich mich um ein paar kärgliche Groschen sauer quälen. Lassen Sie sich sagen, nehmen Sie's. gut in Acht." ,, , „Verlassen Sie sich darauf, daß ich dafür schon sorgen, iverde", sagte Jack mit bedeutungsvollem Augenblinzeln. „Ich verstehe meine Freunde gut zu behandeln, und ich verstehe mich auch zu amüsieren, aber etwas verstehe ich noch besser, und das ist, auf mein Eigentum Acyt zu geben. Aber ich möchte, daß Sie mir etwas von meinem seligen Vater erzählten, Herr Hoggs; wenn ich seinen Namen bei meiner Mutter nur erwähne, so wird sie schon blaß und fängt an zu weinen. Sie haben ihn recht gut gekannt, nicht wahr?" „Gewiß, ich pflegte ihn zuweilen abends zu besuchen und eine Pfeife mit ihm zu rauchen; er wohnte in einem! netten Häuschen in der Ripley-Straße, draußen so recht int Grünen vor der Stadt. Ich hielt ihn immer für einen der glücklichsten Menschen von der Welt. Ihre Mutter machte; ihm alles so nett und behaglich." „■0 gewiß, das versteht sie", erwiderte Jack und über-« legte dabei, wie er wohl, ohne direkt zu fragen, heraus- kriegen sollte, ob Werner der Sohn seiner Mutter sei oder nicht. ' „Wie lange, glauben Sie wohl, war mein Vater schon verheiratet, als er verunglückte?" „Das weiß ich nicht, wirklich, das kann ich nicht sagen,. Er war schon verheiratet, als er hierherkam." „Es war mir gut, daß meine Mutier nicht mehr Kinder hatte", sagte Jack philosophisch, und der Alte stimmte ihm bei, obwohl er nichts darüber sagte, wieviel Kinder es da« inals gewesen, Jack überlief ein ängstliches Gefühl. Dies ganze kostspielige Essen formte doch nicht für nichts und wieder nichts sein. Er mußte direkt vorgehen. „Ich frage meine Mutter ja nie über die frühere Zeit", warf er nachlässig hin, „aber ich glaube doch, ich bin ihr einziges Kind." Herr Hoggs sah ihn erstaunt an, und Jack bemerkte dies Erstaunen sehr wohl. „Nun ja, aus dem einen oder anderen Wort, das meine Mutter dann und wann mal hat fallen lassen", sagte er, „glaubte ich zu entnehmen, daß sie außer ihrem Manne auch ein Kind hier verloren hatte." „So? Nun, das muß jedenfalls vor der Zeit gewesen 648 — fein, reo sie mit Ihrem Vater hier nach Abbotsville gekommen ist; doch nein, auch das kann ivohl nicht sein, denn ich erinnere mich, daß, als Sie geboren wurden, Ihr Vater uns eine Kanne Bier spendierte, um den Bengel naß zu machen, wie er sich ausdrückte, und Sie waren knapp ein Vierteljahr alt, als er ftcirb." Der alte Mann bemerkte nicht, daß Jacks Gesicht sich merkwürdig rötete, auch nicht, daß er kurz und stoßiveise atmete und daß ihm die Hände zitterten. Das wars, was er so lange hatte wissen wollen. Er hatte also Recht mit seinem Argwohn — Werner war nicht der Sohn seiner Mutter. „Dann mutz ich mich wohl geirrt haben", sagte er # wieder mit scheinbarer Gleichgültigkeit; aber vielleicht hat sie ein anderes kleines Kind zur Wartung und Pflege äuge- nommen?" „Nicht, daß ich lvüßte. Ich habe immer nur ein Kind hei ihr gesehen, und das waren Sie." „Dann ists nur eine müßige Idee von mir gewesen", sagte er. „Uebrigens, wie hat denn die Eisenbahn-Gesellschaft meine Mutter behandelt? Eigentlich hätten sie ihr eine Pension auf Lebenszeit geben müssen, aber ich glaube, das haben sie nicht getan." „Das ist keine Mode bei reichen Gesellschaften", sagte der alte Mann bitter. „Sie haben die Beerdigungskosten bezahlt und der Witwe zehn oder zwanzig Pfund gegeben, aber keine Pension — das weiß ich sicher." „Ich bin also auf der rechten Spur", dachte Jack; „das E.ld, wovon sie lebt, ist das Geld, was von Werners Verwandten kommt, und sie müssen warm in der Wolle sitzen, daß sie so anständig bezahlen können. Das Nächste ist also jetzt, herauszubekommen, wer Werner ist". „Uebrigens freut's mich, Herr HoggS'si fuhr er dann laut fort, „daß meine Mutter Ihre Barmherzigkeit nicht nötig hat. — Ich glaube, Sie haben eine ganz nette Portion reiche Familien hier herum in der Gegend, was?" „Hm, so viele doch nicht; die Leute hier in Abbotsville herum sind meistens Bauern, wenns hoch kommt, kleine Gutsbesitzer." „Ich dachte nämlich gerade, ob die Geschichte, die ich auf der Herreise im Zuge hörte, wohl wahr sei", sagte Jack wie gedankenvoll. „Was war das, bitte? Ich kenne alle Abbotsviller Geschichten so gut wies Alphabet", sagte der Alte eifrig. „Die Namen konnte ich nicht verstehen, auch habe ich den ganzen Zusammenhang nicht recht verstanden, — ich hörte nämlich erst gar nicht darauf, — aber es handelte sich um eine Erbschaftsgeschichte, entweder in Abbotsville, oder doch in der Nähe, wobei ein Kind iin Wege stand, das bei Seite geschafft werden sollte und einer Frau hier in Pflege gegeben worden war. Wie gesagt, ich habe die Geschichte nicht ganz gehört". Jack ivar nicht wenig stolz auf diese Erfindung; er hielt dafür, daß er in geschicktester Weise auf den Gegenstand lossteuere. „Ich hätte eigentlich Advokat werden sollen", dachte er; „meine Talente sind wirklich ganz vergraben". Doch Herr Hoggs schüttelte ernst den Kopf. „Ich habe nie auch nur ein Wort von einer solchen Geschichte gehört", sagte er, „nie, auch nur ein Wort. Solche Geschichten kommen bei uns nicht oft vor. Unsere Abbotsviller Leute find durchweg brav und ordentlich, und was die besseren Familien angeht, so kann ich dafür garantieren, daß sich keiner derselben etwas Derartiges nachsagen läßt." „Vielleicht", lenkte Jack ein, „handelte es sich auch um etwas ganz anderes, was jedenfalls herausgekommen wäre, wenn ich die ganze Geschichte gehört hätte. — A propos, wo ist die Nipleystraße, Herr Hoggs?" „Gerade die erste Straße vor der Stobt, eine Viertelstunde vom Bahnhof, sie liegt nach der anderen Seite, wissen Sie — es stehen da jetzt mehrere nette Häuschen; Ihr Vater wohnte damals gleich in dem ersten". „Danke", versetzte Jack, und nun, nachdem er alles, was der alte Mann ihm mitteilen konnte, erfahren, sah et auf die Uhr, als feine Andeutung, daß das Interview vorüber. Herr Hoggs zögerte denn auch nicht, mit vielen Dankesworten für die Gastfreundschaft und vielen Wünschen auf ein baldiges Wiedersehen sich zu verabschieden. Soweit triumphierte Jack; er hatte wunderbaren Erfolg gehabt. Werner war nicht der Sohn seiner Mutter, und das (Selb, wovon sie lebte, kam nicht von bet Eisenbahn-Gesellschaft, das stand fest. Aber jetzt lag noch ein Teil seines Unternehmens, und vielleicht der schwierigste, ungelöst vor ihm. Er hatte ausfindig zu machen, wer Werner war, und bei diesem Punkte angelangt, wuchsen die Schwierigkeiten erst recht. Er stand des andern Morgens früh auf und machte sich auf den Weg zur Ripleystraße. Die hübschen, freundlichen Häuschen glanzten ihm im Morgensoimenschein entgegen; aber keine sentimentalen Gedanken beunruhigten Jack beim Anblick des Hauses, wo er das Licht der Welt erblickt hatte. Wer mochte jetzt wohl noch dort wohnen, der seine Mutter vor zwanzig Jahren gekannt hatte? Es war doch eine lange Zeit, und er hatte kaum eine schwache Hoffnung, alte Nachbarn als alte Bekannte wiederziisinden. Aber er versuchte sein Bestes. Er begann mit den Kindern zu spielen, und sich mit ihnen anzufreunden; und es dauerte nicht lange, so glückte ihm auch, was er wollte. Vor dem zweiten Häuschen saß eine nette junge Frau und strickte Strümpfe. Sie sah sich die Sache ein Weilchen an, daun redete sie Jack an: „Selb Ihr hier fremd?" „Nein", erwiderte Jack mit seinem freundlichsten Lächeln, „doch nicht ganz; ich bin hier in der Straße geboren unb bin weit hergekommen, um den alten Ort noch mal zu sehen." „Wo geboren, Kitty?" krächzte eine alte Frau aus dem Hausflur. „Hier in der Straße, Matter", gab die junge Frau prompt zurück. „Dann frag' doch mal, wie er heißt. Ich wohne hier bald vierzig Jahre und kenne alle Leute, die hier gelebt haben ober gestorben sinb." Bei den letzten Worten erschien bie Alte schon auf bet Schwelle, unb Jack, sein gewinnendstes Wesen annehmend, schritt schnell auf sie zu. „Dann müßt Ihr meine liebe Matter gekannt haben, Kate Jefferies, nicht wahr?" Ein Strahl lebhafter Neugier flackerte in den trüben Augen der Alten. „O, gewiß habe ich die gekannt. Ich bin ja zu ihr gegangen und hab' sie getröstet, als ihr Mann verunglückt wär. Kate Jefferies! Ja, das war die Frau, die mir ein Rätsel aufgegeben hat. Ich besuchte sie den einen Tag, da hatte sie ein Kind in der Wiege; ich kam den andern Tag, da hatte sie zwei." „Tas eine war mein Milchbruder, meine Mutter nahm ihn in Pflege an", sagte Jack. „Hat sie euch nie gesagt, wie er hieß?" „Nein; sie ging weg und sagte mir nicht mal Adieu, und wir waren doch so lange Nachbarn gewesen. Ader kommt herein; ich möchte wohl was von ihr hören, wenn sie mir auch kein Vertrauen schenken wollte." 31. Kapitel. Eine u n ü b e r st e i g l i ch e Mauer. „Setzt Euch", sagte die Alte; „Kitty, bring' mal einen Stuhl für den Herrn", und Jack ließ sich in gespanntester Erwartung nieder. „Also Ihr seid Kate Jefferies' Sohn! Habe ich's doch immer schon gesagt, daß ich noch mal was von ihr hören würde, ehe ich stürbe. Wißt Ihr auch, daß ich an die zwanzig Jahre hier in diesem Stuhl gesessen und mit den Kopf darüber zerbrochen habe, wo wohl das fremde Kind hergekommen ist, das sie damals zur Pflege kriegte?" 647 „Wißt Ihr denn auch sicher, daß es nicht ihr eigenes war?" fragte Jack lächelnd dagegen, obwohl ihm die Frage bitter ernst war. „Gewiß weiß ich das", gab die Alte eifrig zurück, „Ihr wäret erst drei Monate alt, und das fremde Kind, was ich in Eurer Wiege sah, war keine Woche alt. Ich weiß, was ich sehe." „Warum habt Ihr denn meine Mutter nicht gefragt?" fuhr Jack fort, der vorläufig noch nicht sagen wollte, daß er selbst ebenfalls gar nichts darüber mußte. „Ich habe sie ja manches liebe Mal danach gefragt?" aber sie konnte ein Geheimnis bewahren, ja, das konnte Kate Jefferies. Und sie hütete das. Sie hatte immer nur eine Antwort für mich, und das war: „Ach, der Kleine, Frau Smith, davon wollen wir lieber gar nicht sprechen." Und sie Halle so was an sich, daß einer sich nun hätte auf den Kopf stellen können, und hätte doch nichts herausgekriegt. Ja, sie hatte immer ihren Kopf, es war 'ne stolze Frau." „Und Ihr seht mir nicht danach aus, als ob Ihr auf den Kopf gefallen wärt", sagte Jack. „Habt Ihr denn nie herausgekriegt, wer das Kind mar, oder woher es kam?" „Nein, niemals", versetzte die Alte; „und da habt Ihr recht; ich laß' mich nicht gern abspeisen; bis auf den heutigen Tag bin ich neugierig und möchte das gerne wissen." „Ihr hättet Euch ja umhören können, so unter der Hand." „Das habe ich auch getan: aber kein Mensch wußte auch nur ein Sterbenswort davon. Natürlich ivar ein Haken i>abei l Wenn alles damit in Ordnung gewesen wäre, so wäre es nicht zu Kate Jefferies in Pflege gegeben worden." „Da habt Ihr Recht," sagte Jack. „Oder cs mar vielleicht das Kind einer vornehmen Familie, die einen bestimmten Zweck dabei verfolgte, es los zu werden?" Die Alte schüttelte den Kopf. „Daran hab' ich auch schon gedacht, aber cs war gar nicht wahrscheinlich. Wie sollten vornehme Familien von Kate Jefferies gehört haben? Sie hatte gar nicht so lange hier in der Gegend gelebt, außerdem — —" „Was außerdem?" fragte Jack, denn die Alte hielt inne. „Na, ich habe mir damals die Mühe gemacht, allerlei zu fragen und auszukundschaften. Sehen Sic, ich dachte, wenn ein Nachbar ctmas Gutes aus so einem Geheimnis Macht, so könnte für den andern auch ein bischen abfallen, ober, wie gesagt, ich konnte nichts herauskriegen. Das Kind muß aus den Wolken gefallen sein. Da sind die Corrs ■— Lord Carr auf Avebury, aber seine Frau hatte drei Söhne, alle schon groß —• da war kein Kind zu verbergen. Die Cliffords, von Elmswell, haben eine ganze Schar Jungens und Mädchen. Die Redferns haben keine Kinder, aber der Neffe erbt. Und so mit allen übrigen, — ich bin ganz sicher, es gehört nicht hier zu'unserer Nachbarschaft." Jack gab sich große Mühe, die Enttäuschung, die sein Gesicht bewölkte, zu verbergen. „Habt Ihr denn nie gesehen, daß Fremde nach den: Hause kamen?" fragte er. „Nein; wir standen Tag und Nacht auf der Lauer __ wenigstens ich tat das; aber nie ist jemand in die Nähe gekommen. In meinem ganzen Leben ist mir so was Rätselhaftes nicht vorgekommen, wie das Kind." „Und man hat nichts wieder gehört seitdem?" „Nein, wir standen eines Morgens auf, und das Halis Eurer Mutter war leer. Sie war weg, fort, ohne uns auch nur ein Wort zu sagen, nicht mal Adieu, und ich habe seitdem nichts wieder von ihr gehört. Es geht ihr gut, sollt' ich meinen, nach Eurem Aussehen zu schließen." Nun schwankte Jack, ob er der alten Frau sein volles Vertrauen schenken solle, oder nicht. Ob er ihr sagen sollte, daß er absichtlich hergekommen, um über diese selbe Sache Erkundigungen einzuziehen, oder ob er sie im Glauben mssen solle, er wisse genau nm alle Angelegenheiten seiner Mutter. Augenscheinlich war hier nichts weiter zu erfahren. Vielleicht war's besser, mit sich selbst allein zu Nate zu gehen. Demnach fuhr Jack, obwohl ungemein enttäuscht, fort, mit einer gewissen großartigen Ueberlegenheit zu lächeln, da er bemerkte, daß dies der Frau Smith imponierte. „Es hat wohl niemand sonst meine Mutter gekannt? Die anderen Leute sind hier nachdem zugezogcn, nicht ivahr?" „Nur ich und Frau Thorne haben sie gekannt, aber di« ist vor zwei Jahren gestorben." „So — hm," sagte Jack, „es freut mich, daß ich Euch getroffen und gesprochen habe, und ich werbe meiner Mutter erzählen, wie gut und gesund Ihr noch ausscht. Jetzt muß ich aber gehen, ich habe noch manches an der Hand." , Ein Ausdruck großer Enttäuschung kam über das hagere Gesicht feines Gegenübers. „Was, nun geht Ihr und sagt mir nicht, was ich ja gerade wissen wollte? — wo dies Kind her war?" „Ich kam: doch die Privatangelegenheiten meiner Mutter nicht erzählen," gab er mit einem leichten Auflachen zurück. „Na, ich iverde Euch wieder besuchen, und dann können lvir's ja noch immer ins Reine bringen." Mit diesen Worten entfernte sich Jack schnell, eine Portion Neugier und Geschwätz hinter sich lassend. Niedergedrückt und übelgclauilt kehrte er zu seiner Wohnung zurück. „Ich bin auf eine Mauer losgegangen," brummte er, „ganz genau auf eine Mauer. Ich kann meinen Weg keinen Schritt weiter sehen. Wenn all dies Geld aber in den Dreck geschmissen ist, werde ich aber fälscht" Aber er begann bei scharfem Nachdenken wirklich zu fürchten, es sei so. Ec hatte mehrere Entdeckungen gemacht, doch sie beliefen sich alles in allem genommen auf nichts. Werner war nicht der Sohn seiner Mutter, das stand fest; zweitens stand fest, daß sic überhaupt niemals eine Pension von der Eisenbahn bekommen hatte; sie mußte also aus einer anderen Quelle Geld bekommen, und diese Quelle konnte keine andere fein, als Wcrncr's Verwandten. (Fortsetzung folgt.) Die Pilze. Verschiedene Tageblätter brachten in der letzten Zeit Notizen über das m diesem Jahr spärliche Auftreten der Speisepilze. Seme der mir vorliegenden Notizen konnte eine genaue Erklärung für dieser Erscheinung geben. Als langjähriger Pilze- sammler glaube ich mit einigen Zeilen darüber Andeutungen machen zu können. Wie wenig bekannt ist cs, daß die aus dem Boden sprießenden Puze lediglich die Fruchtkörper einer Pflanze sind, die unter der Erdoberfläche gedeiht und nur durch zarte Fäden mit dem Fruchtkörper, oder richtiger gesagt, mit dem Dauerlager, verbunden rst. Das Dauerlager liegt unmittelbar unter der Erdoberfläche und besteht aus einer großen ZM knollig verdickter Korpercyen, aus deren einzelnen, die im Verhältnis zu ihrer Große mächtigen Früchte, die wir Pilze nennen, treiben. Zum Reisen dieser Frucht ist vor allen Dingen Feuchtigkeit und die durch, dre^e bedingte Fäulnis im Erdboden erforderlich. Da wo eine Zersetzung durch Fäulnis nicht vor sich gehen kann, ist ein Gedeihen der Pilze unmöglich, da ihnen die Nahrung mangelt, ^m Walde ist cs der Humusboden, auf Wiese und Heide sind cs faulende Pflanzen und Exkremente von Tieren, kurzum es sind immer organische Stoffe, die bei ihrer chemischen Zersetzung den Pilzen als Nahrung dienen. Zn einem derartigen Vorgang ist vor allen Dingen Feuchtigkeit nötig. Man sollte nun glauben, an Feuchtigkeit habe es dieses Jahr nicht gefehlt, um, beit Lebensbedingungen solcher anspruchsloser Pflanzen zu genügen. Und doch konnte ich mit Gewißheit feststelleii, daß der Boden seit Wochen trockner ist als sonst um diese Jahreszeit. (Umfragen bei Vertretern der Landwirtschaft bestätigen ebenfalls, daß trotz des vielen Regens im Sommer das Ackerland zur Zeit vielerorts so trocken ist, daß man nur mit viel Mühe das Umpflügen vornehmen kann.) Die mir bekannten Stellen in Feld und Wald, wo ich Pilze zu sammeln pflege, entbehren letzt jede Feuchtigkeit, was im Herbst eine große Seltenheit sein dürfte. Vor einigen Wochen konnte ich die Wahrnehmung machen, daß daselbst Champignons und auch Steinpilze nach einem starken Regenwetter am Boden sichtbar wurden. Bei einer Größe des Hutes von 5—10 Millimeter waren alle Pilze nach 2 Tagen schon vertrocknet. Die Trockenheit des Heidelands, wo Champignons wuchsen, ließ sich durch die reichliche Staubbildung feststellen. , An einer besonders feuchten Stelle des Waldes fand ich einige junge Exemplare des Steinpilzes, die von einer Unmenge — 648 kleiner Waldschnecken henngesucht ivaren. Daß dieser Sommer für die Entwicklung der Schnecken besonders günstig war, dürfte hinreichend bekannt sein. Diese Feinde des Steinpilzes konnte ich noch häufiger überall da finden, >vo nur «puren sich entwickelnder Pilze zeigten. Für die Steinpilze dürste cs' diesen Herbst nicht günstig aussehen, da diese fast überall von Schnecken heimgesucht werden. Wohl aber sind die Aussichten auf Pilze ttn großen Ganzen für den Sammler noch nicht ungünstig. Em anhaltender Hcrbstrcgcn von acht Dagen diirfte genügend Ersatz für di- diesen Herbst fehlende Steinpilze bringen. — Es durfte hier angebracht sein, auf die ganz vorzüglichen, aus Unkenntnis und Furcht vor Vergiftung, häufig iinbeachtete Speisepilze hier aufmerksam zu machen. Es würde zu weit führen, von der Unmenge dieser, einzelne ausführlich zu beschreiben Zil erwähnen sind der Birkenpilz, Pfifferling, Parasol- und Maronenpilz, oie sich bei feuchter Witterung besonders in den Wäldern m Unmengen vorsinben. Zur genauen Kenntnis der einzelnen Pilze bediene man sich der in jeder Buchhandlung wohlfeil zu erhallenden illustrierten Kilzbücher. H e y d. VermLschLss. * Graf gesucht! In Berliner Mattern war dieser Tage folgende Anzeige zu lesen: „Graf wird zur Namenshetrat gesucht. Nur direkte Offerten finde» unter Chiffre L V an die Expedition Berücksichtigung." — Namensh-Kat, — ein neuer, wohlklingender Narnc für eine im Grunde recht häßliche und alte Sache, die allmählich zu einer feststehenden Einrichtung zu werden scheint. Mit Abscheu verzeichnen, die deutschen Geschichtsschreiber die Tatsache, daß der Graf du Barrl, seinen eigenen Bruder dazu bewog, Aäarie Jcanne Vaubemicr, eilt Mädchen von unzweideutigster Vergangenheit, zur Frau zu nehmen, um sie auf diese Weise an den Hof zu bringen, und die Aufmerkfani- keit des Königs auf sie zu lenken. Und man erklärt diesen schmutzigen Handel mit der tiefen Verworfenheit, die im Zeitalter des Rokoko unter den französischen Vornehmen herrschte. Daß jetzt im 20. Jahrhundert Namensheiraten, um bei dem anmutig umschreibenden Aus-drucke zu bleiben, auch im morali- schen Deutschland Vorkommen, und zwar recht häufig Vorkommen, ist sicherlich nicht das Zeichen einer gesunden Entwicklung unserer Zustände. Es ließen sich aus den letzten Jahren ein paar ganz besonders krasse Fälle ansührcn, in denen herab- gekominene Träger vornehmer Namen sich für Verhältnismäßig recht bescheidene Summen dazu hergaben, vor dein Standes amte Namensheiraten mit Damen zu schließen, die durch die Freigebigkeit eines Freundes in die Lage gesetzt waren, sich diesen kleinen Scherz zu leisten. Natürlich hat der Namens'ehemann nach vollbrachtem Traunngsakte schleunigst das Lokal zu rämnen, ohne Flitterwochen oder Hochzeitsreise. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Höchstens wird feine schriftliche Mitwirkung später noch einmal erbeten, wenn cs sich darum handelt- den Bund wieder zu lösen, wobei er selbstverständlich die Schuld auf sich nehmen muß, damit ihr Name und Titel üctf bleiben, — oder wenn es' gilt, ihn außer zum Gatten auch noch zum Vater in partibns zu befördern. Sagt man doch, daß in Berlin schon eine Vermittelungsanstalt für Heiraten dieser Art besteht. Es kostet nut ein paar Tausendmarkscheine, — und schnell ist Fräulein Mieze Schulze, die vor kurzem noch im Chor sprang und fang, oder Fräulein Grete Müller, dritte Besetzung des Salondamensaches, zur Baronin oder Gräfin geworden. „Namensheirat", man sollte nach einer juristischen Handhabe suchen, dem Scheingeschäste, daS sich hinter dem Worte verbirgt, die rechtliche Wirkung zu nehmen. * D a s H e i m e i n e r e n t t h r o u t e it H e r r s ch e r i n. Nur selten ist es einem Fremden vergönnt, den stillen Landsitz zu betreten, den die. greife Exkaiserin Eu 0 c u t e von Frankreich vor den Toren Londons bewohnt. Er trügt den Namen Farnborough Hill, nach dem nahen Städtchen Farnborough, einem Vorort von London, und bildet eine Welt für sich mit all den Erinnerungen einer verschollenen Kaiserherrlichkeit, die er enthält. Er ist nicht weit von der St. Michaels-Kirche, wo die sterblichen Ueberreste Napoleons III. und des kaiserlichen Prinzen Louis seit 1880 ihre letzte Ruhe gefunden haben, und über dem Portale erblickt man noch den Namenszug eines reichen Kaufherrn der City, der das Hans sich einst erbaute und dem die Kaiserin es abkaufte. Namentlich seitdem die Kaiserin vor wenigen Monaten ihr schweizerisches Schloß Arenenberg verschenkt hat, ist Farnborough Hill zu einem wahren napoleonischen Museum geworden. .Von den Wänden sehen die Bilder des großen Korsen, der den Ruhm der Bonaparte begründete, seiner Brüder und seiner Schlvcstern auf den Besucher herab, und auch jenes berühmte, nach heutigem Geschmacke ein wenig glatte und süßliche Gemälde von der Hand Winterhalters, das die Kaiserin in vollem Glanze der Jugendschönheit, umgeben von den Frauen ihres Hofes darstellt. Zahlreich sind die Andenken an den Sohn der Kaiserin, die seinen tragischen Tod noch immer nicht verwunden hat. Man findet einen Kinderwagen, den der Prinzgemahl Albert nach eigner Zeichnung anfertigen ließ und den Eltern des „Kindes von Frankreich" schenkte, man findet seine Spielsachen und seine Bücher in einem Zimnier vereinigt, in dem sich auch eine Statue von ihm befindet, geschmückt mit Gräsern und anderen Pflanzen, die seine Mutter in Afrika an der Stätte pflückte, wo er sein junges Leben unter den Händen der Zulukaffern ließ. In einem besonderen Gemache, das verschlossen bleibt, bewahrt die Kaiserin auf, was von den Uniformstücken ihres Sohnes gefunden wurde. Hier liegt auch der Säbel, den er trug und mit dem er sich vergebens' der feindlichen Uebermacht zu erwehren versuchte. Dieser Säbel hat seine Geschichte für sich, —■ er gehörte dem Kaiser Napoleon I, und sah die Schlachten von Areale, von Austerlitz und von Waterloo; er brachte dem Prinzen Louis kein Glück. — Die Kaiserin Eugenie hält sich gegenwärtig in Farnborough Hill auf, wo sie wie stets! die Besuche der Mitglieder der englischen Königsfamilie erhält. Aber bald wird die ruhelose, entthronte Herrscherin England wieder verlassen, um in ihrer Jacht auf dein Meere zu kreuzen und später ihr zweites Heim, ihre Billa am Kap Martin, aufzusuchen. _________ Für rmserie Lieblinge. — „Deutschlands Inge n d". Jllustrierie Wochen- schriit für Knaben und Mädchen. Herausgeber und Schriitleitev Georg Gellern Preis vierteljährlich 1,25 Mark. Berlin SW. 13, Verlag von Max Negenhardt. — Die erste Nummer deS 3. Jahrgangs liegt uns mit einem an wertvollem Tert und guten Bildern reichen. Inhalt vor. Eine Erzählung in Jules Vernescher Art „Der König der Unnahbaren Berge" von W. Mader macht mit der Flora, Fauna und Geologie des fi'mitcn Weltteils bekannt. Die historische Erzäbltuig „Heldengrosze" von Kart B l ei b t reu entrollt mit erschütternder Gewalt ein Gemälde ans der Zeit von Jena. Die ,,Farben der Natur" behandelt Wilhelm Bö liebe, E. von Liebert, der ehemalige Gouverneur von Deutsch-Ostairika, beleuchtet die Zeit von „Jena und Auerstädt" von der historisch- militärischen Seile, Knnhardt stihrt in einem illustrierten Artikel durch „Das Rom der Hindu", mährend der Kunstmaler Adolf Hering in einer illustrierten Abhandlung über „Raffael und seine Werke", Verständnis und Liebe für die bildende Kunst zu erwecken sucht. Victor B l ü t h g e n erzählt ein reizvolle? Märchen und Peter Rosegger ist mit einem humoristischen Beitrag vertreten. Poetisch kommen uns Felix Dahn und Ludwig Fulda, eine Plauderei über Wildenbruchs „Die Qnitzows" wird dem Theater gerecht. Besonders mannigfach sind die wifsenschaitlichen Beiträge, Eine illustrierte sportliche Abhandlung des Gymnasialdirektors Professor Weiekamp über „Das Müllern", ein Musikbeitrag von O. Körte, cm Artikel über Gesundheitslehre, Handarbeiten für. Knaben und Mädchen, chemische und physikalische Experimente, ein Preisrätsel mit 100 Preisen, eine „Lustige Ecke" vou Lothar Meggendorier illustriert, Svicle, Fragen, Brieskasten und „Neueste Nachrichten" vervollständigen den reichen Inhalt. Aussprüche über die deutsche Sprache. Alles muß der Mensch lernen, der an? Bildung Anspruch macht; nur seine Sprache will der Deulsche nicht lernen; die soll ihm von selbst kommen. E. M. Arndt. In seiner Muttersprache ehrt sich jedes Volk; in der Sprache Schatz ist die Urkunde seiner Bildung niedergelegt. Fr. Ludw. Jahn. Die deutsche Zukunft wird davon abhängen, wieviel Menschen dereinst auf der Erde deutsch reden. Heinrich v. Treitschke. Deutsche geliebte Landleute, welches Reichs, welches Glaubens ihr seiet, tretet ein m die euch allen anigetane Halle euer augc- stammlen, uralten Sprache, lernet und heiliget sie und haltet an ihr, eure Volkskraft und Dauer hängt in ihr! Jakob Grimm. Gitterrätsel. Nachdruck verboten. — — — In die Felder neben- ________stehender Figur sind die 1 j Buchstaben n a a a a a, b ____!___1___b, c, d d d d d, e e e e 0 e e e, f f, g g, h h, i i i i, -— — — m m, n n, r r r r r, b, 11 derart einzutragen, daß die ---i---j--~ senkrechten und wagerechten ____1_____Reihen gleichlautend Folgendes ergeben: — — — 1. Berg in Westfalen. _______ 2. Fraucngestalt aus I Homers Ilias. ---—------ 8. Männlichen Vor- namen. ’' > Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Homonyms in voriger Nummer: Admiral. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck uud Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch-- und Sleindruckeret. R, Lange, Gieße»-