Mittwoch den 3. chkioLer •üffi 1906 — Ur. 145 I k . V Im Wanne des Geßeimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verbotet. ‘T (Fortsetzung.) „Ich kann tausendmal etwas verlangen", sagte er, „und bekomme es nie; was Werner haben will, hat er gleich." Die einzige Antwort seiner Mutter war ein Seufzer. Sie wußte sehr wohl, wie das war. An diesem ereignisreichen Morgen kamen beide Knaben aus der Schule nach Hanse und erklärten, sie müßten eine neue und ziemlich kostspielige Weltgeschichte haben. Werner ging zuerst zu seiner Mutter und sagte ihr, was er haben müsse. „Du sollst es gleich haben", versetzte sie. Dann kam Jack mit derselben Geschichte. „Ich will sehen, will sehen", erwiderte sie, und alsobald geriet Jack in wütenden Zorn. „Es ist immer dasselbe — Werner kriegt alles; ich nichts! Warte aber nur, bis ich ihn draußen habe; ich will's ihm eintränken! Ich will ihn . scherwenzeln und sich einschmeicheln lehren." Mrs. Jefferies blickte unruhig' auf. „Du wirst doch wohl nicht so böse sein und deinem Bruder weh tun wollen, Jack! Du bist so groß und stark, und er so schwächlich." „Ihm nicht weh tun wollen!" höhnte er. „Warte bloß, Mutter, daß ich ihn draußen kriege; er soll an seine neue Weltgeschichte denken — das heißt, wenn ich nicht auch meine kriege." „Du sollst deine heute haben, aber cs betrübt mich, dich so böse und zornige Reden führen zu hören." „Richt, daß ich auf Weltgeschichte etwas gäbe", fuhr Jack offenherzig fort, „ich hasse sic. Wenn's nach mir ginge, würde ich den Königen allen den Kopf abschlagen. Wozu sind sie nütze? Aber du weißt, daß ich Werner nicht über mir sitzen haben will; ich bin der Aelteste, und ich will mein Recht haben." „Ich wüßte nicht, daß der Aelteste überhaupt ein Recht hat", sagte Mrs. Jefferies. „O, wohl hat er das, gewiß! Die ältesten Söhne von all diesen alten Königen folgten auf deni Throne. Wenn du stürbest, so gehörte mir alles hier im Hause. Ich müßte von allem das Erste und Beste haben, statt dessen aber ist es immer Werner; man sollte glauben, Werner wäre ein Edelmann und ich sein Knecht!" „O Jack, wie unwahr, wie ungerecht", und das Mutterherz regte sich bei dieser Klage. „Du weißt, ich habe dich am liebsten!" „Das mußt du auch. Weißt du, Dr. Cloth sagte neulich selbst: Merkwürdig, Werner ist so ganz anders wie die anderen Jungens." „So, das sagte Dr. Cloth wirklich?" fragte Mrs. Jefferies, und ihr Gesicht wurde rot. „Ja, sicher, ober das sagte er leise zu einem andern Lehrer, Walk, weißt Du, in der Spielpause, ich sollte es nicht hören, aber ich hab' es doch wohl gehört, hä?" Und Jack lachte bei der Erinnerung an sein gelungenes Horchen und fuhr dann fort: „Ja, und die anderen nennen ihn „Gentleman Jefferies", weil er so vornehme Manieren hat. Warum bin ich nicht so wie er, Mutter?" „Ich weiß es nicht, Gott hat jeden anders erschaffen; eS wäre nicht gut, wenn alle einander gleich wären, Jack," „Neulich, als wir zur Kirche gingen", erzählte Jack weiter, „begegneten wir Squire Wyngard mit seiner Frau; er blieb stehen und sprach uns an. Du wirst mal ein tüchtiger Metzger, mein Kleiner, sagte er zu mir, und seine Frau lachte. Sie klopfte Werner auf den Kopf. „Dieser Kleine hier muß ein Dichter oder Maler sein", sagte sie leise zu ihm, „sich' ihn nur an!" Nun sich, Mutter, ich glaube nicht, daß cs recht ist, den einen Jungen Metzger und den andern Maler zu nennen. Warum sehe ich nicht auch wie ein Maler aus?" „Ich weiß cs nicht", versetzte die verwirrte Mutter. „Du fragst mich zu viel, Jack." „Nicht", fuhr der freimütige Jüngling in seinem Gedankengange fort, „daß ich von Dichtern und Malern auch nur etwas mehr halte, wie von Königen; ich würde ihnen allen zusammen die Köpfe abschlagcn." „Jack, Jack, du mußt nicht so sprechen; du machst mir sehr viel Verdruß!" Alsdann bcgab Meister Jack sich hinaus, um Werner aufzusuchen, der draußen.int Garlen saß und las, und um seinem bedrückten Gemüt durch eine Reihe wohlgczielter Püffe und Knüffe gegen den Jüngeren Luft zu machen. „Ich schlage mich nicht wieder mit dir", sagte Werner schließlich, auch in Hitze geratend, „weil ich Mutter versprochen habe, ich wollte es nicht wieder tun; aber wenn du mich jetzt nicht in Ruhe läßt, so gehe iey und verlange mein Versprechen zurück, und dann sollst du sehen —" Meister Jack, der vorlängst erst in einem brüderlichen Zweikampf üble Erfahrungen gemacht, hielt es für das Klügste, seine Tätlichkeiten einzustcllen. „Ich kriege auch eine neue Weltgeschichte, gerade so gut wie du, du Schwänzlcr. Du sollst jetzt nicht länger bei allem der Erste sein, Mutter hat's gesagt." - 578 Werner nahm sein Buch und ging schweigend fort. Es war nicht das erste Mal, daß ihm das Herz weh getan über irgend ein unbedachtes Wort der Mutter, das! ^ack ihm wrg- ältiq ivicder hinterbracht. Er inachte sich selbst spater Bor- würft darüber, sagte sich, daß seine Mutter immer freundlich und gut gegen ihn sei, und doch hatte er das sichere Gefühl, mit achtzehn. . Die Natur hat wunderliche Sannen. Diesem Knaben dessen Augen nie beim Anblick eines Mntterantlitzes freudig geleuchtet, dessen Locken nie von Mutterhand kosend gestreichelt morden, der, obwohl er es nicht ivußte, heimatlos, freundlos, namenlos war — hatte sie die reichste und köstlichste aller Gaben verliehen, eine Dichterseele. Werner Jefferies war dieses wunderbare Geschenk, Genilis genannt, geworden, das den, der cs besitzt, so gänzlich von der Welt scheidet, daß er nicht mehr dazu zu gehören scheint. Es gab kein Blatt, keine Blume, die nicht ihren besonderen Reiz und Zauber für ihn gehabt hätte. Der nächtliche Mond, die strahlende Sonne, die blinkenden Sterne, die murmelnden Bächlein, - der kühle, grüne Waldesschatten, der tauige Morgen, das herrliche Abendrot — alles rührte und ergriff ihn, wie cs Dichter ergreift und begeistert, erfüllte ihn mit Gedanken unb Ideen, die wie Feuer brannten und doch sein Herz kindlich zart und dankbar machten. (Fortsetzung folgt.) KuLa und die Kubaner. sechs Fahre hier." . ,, „„ „Er hat Recht," sagte Mrs. Jefferies ruhig. „Langer sind wir noch nicht hier." , , , „Wo haben wir denn gewohnt, ehe wir hierhin kamen? Sie wollte schoii antworten, als ihr plötzlich em Gedanke kam, der ihr das Wort auf den Lippen festbannte. „Du bist zu neugierig, Jack. Deine immerwahrende Fragerei gefüllt mir gar nicht." „Was schadet das denn? Alle Jungens wißen, wo ste gewohnt haben. Warum sollte ich's nichts Aber über diesen Punkt waren Kathe's Lippen verschlossen, und ihr Sohn hörte trotz vieler Fragen nichts, was feine Neugier darüber Hütte befriedigen können. Gewitzt er°hatte alles, was er verlangte; niemals wurde ihm etwas abgeschlagen; aber des abends hatte er gemerkt, daß wenn seine Mutter sie zu Bett gebracht und ste beide geküßt hatte, spüter noch oft zurückkehrte, -sich über ^zack beugte und ihn immer wieder küßte. Wenn Jack sich weh getan, wie zärtlich nahm ste ihn nicht in den Arm, legte seinen Kopf an ihre Brust und tröstete ihn. Wenn er, Werner, sich weh getan oder schmerzen hatte, so war sie gegen ihn so freundlich und gut wie nur- möglich; aber die Berührung war anders, der Kuß war andirv. Alles war eine ganz andere Sache. — . Mutter," sagte Jack eines Tages, „haben wir immer in Ferryhill gewohnt? Harry Smith sagt, wir waren letzt schönen und begabten Bruder ivohl so unähnlich sei. Was Werner sich hauptsüchlich nicht crklürcn konnte, war ein gewisses Gefühl des Nicht-aii-seinem-Platze-sems, ba, er in sich selbst mit Beziig auf fern Leben und seinc: Umgebung vorfand, ein merkwürdiges, lebhaftes Gefühl, al- oo er nicht dazu gehöre. Er besaß eine äußerst zarte und lebhafte Natur und Sinnesart; seine Mutter und sein Bruder lagen beständig damit in Widerstreit. Sw waren so. grimd- verschieden von ihm, daß das Kind sie nicht besser verstand, als eine Taube die Gepflogenheiten junger und alter Habichte verstehen würde. Was ihnen als großer Spaß und große Ergötzung erschien, war ihm unerträglich ordinär ; was ihnen gefiel, ging in der Regel ganz gegen seinen Geschmack. Er liebte Bücher, Musik, Bilder — alles was gut, glanzend und fein war; sie legten auf alles dies keinen sonderlichen Wert. Er hatte bereits große Fortschritte im Griechischen und Lateinischen gemacht. In allen Unterrichtsfächern, m den klastischen Studien, Geschichte, Geographie, Sprachen, er.larte LI. Cloth ihn für seinen tüchtigsten Schüler. , In semem dreizehnten Jahre wußte er mehr, als die meisten stmgen Leute ^"unaeadjtet dieser Ziffern, die von der Bedeutung und deni Werte der „Perle der Antillen" kein weniger glanzen- Äuonis ableaen als das Tagebuch des Kolumbus, W,t,e te Sa® in ater in IteteMito wie in politischer und allgemein kultureller Beziehung während "der l-'ht-n Jahrzehnte «ngtrnac» nte.a 8 Wie und man durfte sich seit geraumer Zeit mit Fug und Recht fragen, ob sie wohl ttt «gart einem der Erde eint traurigere sein könne. In Irland war si höchstens eine ähnlich traurige. ^mccbteren Der Ursachen, die diese Wendung zrun Schlechteren herbeigeführt haben, und die es zugleich auch> bewirrt haben? daß die Herrschaft über dm Jstsel vor unseren Äugel den Händen der Spanier entglitten ist, dieser Ursachen gav es mancherlei, und mit dem bloßen Hinweise aus spanische Mißregiment sind dieselben in jedem Falle nich erschöpft. Die schönste Insel, welche Menschenaugen geschaut haben — isla la mas Hermosa que ojos hayan visto nannte Christoph Kolumbus Kuba, als er, von den landschaftlich unbedeutenden Bahamas heransegelnd, baS Rocd- ostgestade der großen Antille in der Gegend des heutigen Puerto Nipe am 28. Oktober des Jahres 1492 zum erstenmal betrat, und bei. seinem lebhaften Natur; mne wird der berühmte Entdecker während des ferneren Berlaufts seiner ersten Amerikafahrt nicht müde, die Reize„der ^nsel in seinem Tagebuche wieder und wieder im einzelnen zu preisen: die prächtigen Buchten und tiefen Strome die hptr Kckliffer Jugang und Schutz gewahren, die sah aufstrebenden Küstenberge, die an die Berge ^izilienv Innern, die in frischem Grün prangenden werten Ebenen, dw störten Palmen, den Duft der Blüten und Gewürze, den Vogelgesang (den er für Nachtigallenschlag hielt), und das sanft geartete blaue Meer, welches das glücklich ge- fundene Wunderlaud ümslutet — ftempre ntanfa como et rio de Sevilla. Und eilte ähnlich hohe Bewunderung wie ihrer Schönheit zollt er dem Reichtume und den wirtschaft- * •* I W Siete Ä'SÄ E Ein geheimnisvoller Besuch. I weise für die Beurteilung dieser Blüte maßgebend inaren, Die Jahre gingen dahin, und die Knaben, noch immer so könnte man sogar geneigt sein zu glauben,„och sehr auf der Schule, wachsen schnell heran. Nichts konnte schein- auch m den u^^iger n ^^Die Zuckerproduktion bar einfacher, gewöhnlicher, prosaischer fein, wie ihr ruhig glanzenv °am, I {n» S(tl)re 1894 die vordem niemals dahin fließendes Leben, und doch barg es stir beide gewisser- Höhe von 1030 000 Tonnen sodaß sie em volles maßen romantische Gesichtspimkte. Was ^ac£ sich hauU- Wertteil von der Rohrzuckerproduktion der Wnzeri Welt au^ süchlich nicht erklären konnte, war, warum wohl seine Mutter unb daß Java, Mattritms usw. darin wert hinter nie von der Vergangenheit zu plaiideru geneigt schien, Euba zurückstanden. Die Tabakernte betrug bis IMviM I-.I,i°1hw ni-m-L etwas fiter den Oil wo sie I-äher E" Are « «**» W' I”?*'' "ü?- " ÜÄ"9 Äff ateSÄrt WnÄmn (1389 & Will) itn& Aaaretten (1893 147 Millionen Pakete) m das Ausland erführt Die Einwohnerzahl der Insel war tm Jahre 1890 auf 1660198 gestiegen, die Zahl ihrer Zncwr- fabriken (Ingenios) auf 119, die Zahl ihrer >.abakp clanz- nnqen (Vegas) auf 8485, die Zahl ihrer Viehzuchtgehofte (Ltreros) auf 4214, die Zahl ihrer Rinder auf 2,5 Mill dte Zahl ihrer Pferde, Maultiere und tzyel auf 96o<900 und der Wert ihrer sämtlichen Landguter auf 1260 Mill. Wart In seinem Ausfuhrhandel aber überragte SuBa (1892 384 Millionen Mark) sowohl Algerien und Egypten als auch das Kaisertum Japan, und m dem Hasen von Havanna allein verkehrten 1890 2179 Schisse (mit 2,6 .u ill. ■iw — Die berührte starke Bevölkerungszunahme in dem letzten Mertel des achtzehnten und in der ersten Halste des neunzehnten Jahrhunderts war, da es sich bei Kuba selbst-, verständlich immerhin erster Linie um eine tropische Pflanz- unaskolonie handelte, in ganz hervorragender We^e durch die in jener Zeit sehr schwungrerch betriebene Negersklaveneinsuhr aus Afrika bedingt, und mehr und mehr gewann dabei das schwarze Element in dem kubanischen Volks- körver das entschiedene Uebergewicht. So waren nn Jahre 1774 nicht ganz 44 Prozent von der Bevölkerung Neger und Mulatten, 'im Jahre 1841 aber mehr als 62 Prozent, und erst als die Sklaveneiufuhr aushörte — die Schmuggeleinfuhr nicht früher als in den fünfziger Jahren — da trat in diesem Verhältnisse wieder eitt Umschwung zugunsten des weißen Elementes ein dergestalt, daß das letztere bei der Volkszählung 1887 62 Prozent, das Element der Neger und Mulatten aber nur 35 Prozent von der Gesamtbevölkerung ausmachte. Von einer so hochgradigen Verschwarzung und Afrr- kanisierung wie auf Haiti oder Jamaika war also ans Kuba zu keiner Zeit die Rede, immerhin schritt der Prozeß aber vorübergehend ebensoweit fort wie in den nordamerikan. Südstaaten Südkarolina, Georgia, Alabama, Mississippi und Luisiana, und gewisse schlimme Mißstände konnten auch hierbei nicht ausbleiben. Die Behandlung der Schwarzen durch die Weißen tvär unter der heißen Sonne Kubas im allgemeinen eine viel mildere und menschenwürdigere oder doch eine viel lässigere und weniger straffe als in Nordamerika, und im Zusammenhänge damit war die Zahl der Freigelassenen früh eine verhältnismäßig große (1811: 114000 und 1867: 249 000), sowie auch die soziale Scheidewand zwischen den beiden Elementen nirgends eine sehr strenge und schroffe war und vielfach .Vermischungen und Uebergänge zwischen ihnen Platz griffen. Dabei wurde die farbige Rasse nätürlich nicht zu einem unterwürfigen Sinne gegenüber der weißen erzogen, sondern viel eher zu Unabhängigkeitsgefühl und zu hochfahrendem und unbändigem Wesen. Zugleich gab es anch jederzeit eine beträchtliche Zahl Entlaufener — sogenannter Cimarronneger, weil die hellfarbigen Mulatten unter ihnen die Hauptrolle spielten — und diese scharten sich in den schwer zugänglichen Gebirgs- und Sumpfwildnissen allerwärts, namentlich aber in dem östlichen Teile der Insel, zu mehr oder minder starken Banden zusammen, teils nach afrikanischer Art ein harmloses und bedürfnisloses Naturmenschenleben fristend, teils aber auch Weg und Steg bedrohend, einsame Pflanzergehöfte überfallend, raubend, mordend und brennend und eine allgemeine Unsicherheit des Lebens und Eigentums schaffend. Wiederholt, vor allem in den Jahren 1812, 1829 und 1844, wurden in dieser freien Negerbevölkerung Kubas auch ähnliche politische Gelüste und Bestrebungen wach, wie seinerzeit auf Haiti, und mindestens ein Aponte ging mit seinem Aufstande (1812) zweifellos darauf aus, nach dem Vorbilde von Toussaint l'Ouverture und Dessalines eine Mulattenrepublik oder ein Mulattenkaiser- tum in 'Ostkuba zu errichten. Ein arbeitslustiges und aus eigenem Antriebe wirtschaftlich rühriges oder geistig vorwärts strebendes Bevölkerungselement ist das farbige auf Kuba so wenig gewesen wie anderweit, und ein schweres Hemmnis der allgemeinen Kulturentwicklung der Insel hat darin immer gelegen, ganz ähnlich wie in den nordamerikanischen Südstaaten. Daß das Wirtschaftsleben Kubas ein so überaus einseitiges geblieben ist, und sich heute im wesentlichen nur auf zwei Stapelerzeugnisse erstreckt, ist vor allen Dingen hieraus zu begreifen. Der Rohrzuckerbau würde trotz der hohen Grinst des Klimas und der Bodenart schwerlich zu dem angegebenen großartigen Umfange gediehen fein, wenn die Pflanzer in den Zeiten, wo sie sich zu der schrittweisen Freigebung ihrer Sklaven verstehen mußten, nicht darauf bedacht gewesen wären, die schwarzen Arbeiter gutenteils durch eingeführte chinesische Kulis und durch gemietete weiße Arbeiter sowie durch Maschinen zu ersetzen; und die Tabakkultur erhielt sich auf der asten Höhe lediglich dadurch, daß sie jederzeit ganz vorwiegend in den Händen von weißen und halbindianischen Kleinbauern (Guajiros) gewesen ist. Zucker- und Tabakdistrikte sind auf Kuba im allgemeinen keine Negerdistrikte. Die bis zum Jahre 1840 auf das höchste blühende, von der Negerarbeit äher schwer unabhängig zu haltende Kaffeekultur geriet in argen Verfall und verrnochte in den letzten Jahrzehnten nicht mehr den Eigenbedarf der Jnselbevölkeriurg zu decken, und der Kakaobau, der Baumwollenbau, der Jndigobau sowie zahlreiche andere tropische Landwirtschaftszweige, die durch die Naturverhältnifse recht wohl möglich wären, gelangten über ein schwaches Anfangsstadium ihrer Entwicklung niemals hinaus. Dergleichen hielt sich auch der bereits bei der indianischen Urbevölkerung betriebene Maisbau ebenso wie der Reisbau und der Anbau anderer Nährfrüchte hauptsächlich der schwer entbehrlichen Negerarbeit halber in sehr bescheidenem, für die Versorgung der Bevölkerung unzureichendem Umfange, obgleich Mais, Reis, Bataten, Kartoffeln und dergleichen auf Kuba alljährlich zwei bis drei Ernten von demselben Boden gewähren. Daß Neger und Mulatten auf Kuba bei der ihnen eigenen Arbeitsscheu nur ausnahmsweise zu wirklichem Wohlstände kamen, und daß sie nach ihrer, mit gutem Grunde von der spanischen Regierung nur zögernd und schrittweise vollzogenen Befreiung ein besitzloses städtisches und ländliches Proletariat darstellen, kann hiernach nicht befremden. Ebenso ist es aber auch nicht zu verwundern, daß die farbige Bevölkerung allezeit ein ganz besonders williges und eifriges Jnstrnment jeder auf Unordnung und auf Umsturz der bestehenden Verhältnisse abzielenden Bewegung gewesen ist, und daß sie auch in den Revolutionskriegen der Jahre 1868—1878 und 1895—1898 sowohl eine verhältnismäßig große Zahl der Anführer — einen Antonio und Josö Maceo, einen Quintin Bandera, einen Clotilde Garcia, einen Billanueva, einen Castillo — als auch die entschiedene Mehrzahl der wirklichen Kämpfer und des Trosses in dem Jnsurgentenheere gestellt hat. Der große und erfolgreiche Brenn- und Sengzug durch die Zuckerrohr- und Tabakfelder, den die Insurgenten im Winter 1895 zu 1896 in der ganzen gewaltigen Längs- erstreckung der Insel ausführten — von der äußersten Ostspitze (Kap Maisi) bis zur Westspitze ■ (Kap Sw- Antnnio) ist es weiter als von der deutsch-russischen bis zu der deutsch-französischen Grenze (gegen 1200 Kilometer) — kommt beinahe ausschließlich aus die Rechnung der Mulatten und Neger. Die weiße Bevölkerung Kubas entströmte in bemerkenswertem Gegensätze zu derjenigen der Nordamerikanischen Union in deni "gegenwärtigen Jahrhunderte ebenso wie in allen voraufgegangenen in der Hauptsache einem einzigen europäischen Lande — Spanien — und soweit sich der Stammesgegensatz zwischen Castiliern, Catalonen, Basken, Andalusiern usw. von dem spanischen Boden auf den Boden der großen Antilleninsel verpflanzte, so schwand er daselbst immer sehr rasch. Es läßt sich demnach kaum eine vollkommenere Einheitlichkeit in Sprache, Sitte und Lebensart, sowie zugleich im Religionsbekenntnisse denken, als er unter den kubanischen Weißen herrscht, und ebensowenig auch eine vollkommenere ethnologische Ueberein- stimmung zwischen der Kolonie und ihrem Mutterlande. Wie bei solcher Uebereinstimmung und Einheitlichkeit eine tiefe Kluft mitten durch die weiße Bevölkerung Kubas hindurchgehen kann, mag auf den ersten Blick unbegreiflich erscheinen. Die Tatsache läßt sich aber nicht leugnen und auch die andere Tatsache nicht, daß die Kluft sich niemals hat überbrücken lassen und daß sie noch erheblich mehr als die geschilderte Eigenart der farbigen Rasse dazu beigetragen hat, die materielle und geistige Kulturentwicklung Kubas zum Stillstand und die spanische Herrschaft über die Insel zum Zusammenbruche zu bringen. Auch in anderen Kolonialländern, und nicht zum mindesten auch in der Nordamerikanischen Union — bte in beträchtlichem Umfange bis aus den heutigen Tag ein Kolonialland geblieben ist — bildet sich verhältnismäßig rasch ein Gegensatz zwischen den älteren und neueren Ankömmlingen, bezugsweise zwischen den im Lande Geborenen und den Einwanderern, und die letzteren werden von den ersteren vielfach als „Grüne" oder „Gringos" mit mißgünstigen Augen betrachtet, weil sie den wirtschaftlichen „Kämpf'ums Dasein" zu einem härteren und schwie- rigeren machen. In Kuba, wo sich dieser Gegensatz bereits in den Zeiten der Belasquez und Cortez deutlich genug bemerkbar machte, ist er durch verschiedene Umstände aber zu viel größerer Schärfe und Schroffheit gediehen als anderweit. Daß sich Kreolen und Spanier auf Kuba seit geraumer Zeit wie zwei feindliche Lager gegenübergestanden haben und gegeneinander von bitterem Haffe erfüllt gewesen sind, 680 — und daß sich der Sprach „Bürt ist dicker als Wasser" an ihnen schlecht genug bewährt hat, darf nach diesen Aus- fiihrunqen nicht wunder nehmen, und die, Emhertlrchkert und Geschlossenheit der beiden Elemente in sich mußte eher dazu beitragen, die Schroffheit des Gegensatzes zu stergern, als sie zu mildern. Mindestens wurde es der spanischen Regierung dadurch schwer gemacht, den Kreolen gegenüber den alten Herrschergrundsatz des ,,Diwde et rmpera m Anwendung zu bringen, und zweifellos wurden sich Nativ istcn und Einwanderer in der Nordamerrkamschen Union auch in viel bedenklicherer Weise gcgenüberstchen, wenn äe statt aus einer bunten Vielheit von Nationalitäten ans einer einzigen beständen. Dr. E. Deckert, Das Wachstum des Haupthaares. Unsere Haare, io einfach konstruiert sie sind, bieien doch in mcher Hinsicht eigenartige und komplizierte Eiichemiingeii dar. sie gehören zu unserem Körper, bilden einen nie fehlenden Bestandteil von Ulin, und können doch verletzt und insultiert werden, ohne daß wir eine Empfindung davon haben- Das Haupthaar ist da zum Schutze des Körpers "gegen die Einflüsse der Temperatur, und doch wird sein Verlust im astgemeinen ertragen, ohne daß diese Temperatureinflüsse sich ivesentlich stärker äußern als wenn üppiger Haarwuchs den Kopf bedeckt. Nicht die geringste Merkwürdigkeit bildet auch das Wachsen des Haupthaares. Wir wissen alle, daß cs, geschnitten, immer wieder nachwächst; man konnte also meinen, daß die Haare ein unbegrenzies Wachstum zeigen, Aber deni ist nicht sodas Haar erreicht vielmehr eine maximale Lange, und wenn cs an dieser Grenze angekommen ist, jo, wachst cs nunter. Unter den heutigen Aiännern ivird, ivcnigstcns m Kriltur- völkern, eS allerdings nur selten einen Simson geben, der sein Haar so lange wachsen läßt, ivie cs null. Aber das weibliche Geschlecht hat nicht die Gewohnheit, das Haupthaar lurzen zu lassen, rind doch gelangt es über eine, bei den verschiedenen Individuen freilich recht verschieden bemessene, aber ganz bestimmte Länge nicht hinaus. Das scheint in der Tat sehr sonderbar. Der Vergleich mit Böiimen, die ja auch, wenn sie eme gewisse Hohe erreicht haben, nicht weiter nach oben wachsen, paßt doch nicht. Denn der Baum ivächst an seinem oberen Ende; wenn die Hohe des Baumes einen bestimmten Betrag erreicht hat, hoben die Wurzeln nicht mehr die Kraft, den Zellsaft in solchen Mengen m die Spitze zu befördern, datz er zu einer Vergrößerung des Baumes ausrcichcn könnte, und damit ist das Ende des ^aumwachstums erklärt. Aber das Haar wächst nicht an seinem oberen Ende, sondern an feinen unteren; aus der Haarwurzel scheidet sich stets neue Haarsubstanz ab, die das bischen schon dagewescne Haar eine zu große Last für die Wurzel bildet, so datz diese es nicht weiter hinnuischieben kann. Ucbrigens glaubten noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts die Naturforscher, das Haar wachst in seinem oberen Ende durch Knospung fort - eme inzwischen Widerlegte Annahme. Weit verbreitet ist auch die Ansicht, das Haar wachse nwniitelbar, nachvnr. rZ vbgrfchwtim worden, am schnellsten. ' Sorgfältige Messungen haben ergebe,,, daß das nicht ziitrifst, sondern daß das Haar, wenn es gekürzt ist, eine Zeitlang langsamer wächst als vorher, rind daß es sich erst, ivenn e» eme gewisse Länge erreicht hat, mit seiner normalen Geschwindigkeit verlängert. Die normale Wachstiimsgcschwuidigkcit i]t iibrigeils nicht übereil i>nd uiimer die gleiche. Zunächst kann man durch einfache Beobachtung an niehrercu Aienschen desselben V^ten- leicht seststellcn, daß beim Einen das Haar schneller wachst „als beim Andern. Aber auch bei einem und demselben Menschen ändert sich während seines Lebens die Geschivmdigkcit seines Haarwuchses. Hierüber haben die Untersuchimgen von Acrzten, die sich nut den Verhältnissen der Haare eingehend beschäftigten, Klarheit gebracht. Beim Beginn der zwanziger Lebensjahre ninunt die Lange ces Haupthaares im Monat diirchschnilllich um 15 Wli(luneter ju, barm verringert sich die Geschwindigkeit in dem Verhältnis» baß bie Haare im Monat nur nur 11 Millimeter wachsen. Die Anthropologen teilen die Menschen in neuerer Zeit in zwei große Kategorien: In vlietzhaarige und in schlichthaarige. Vließhaarig sind Menschen, bei denen die Haare so aiigeordnct sind, daß immer eine größere Anzahl von ihnen einander dichter benachbart sind, wahrend bie einzelnen Gruppen in größerer Entfermmg voneinander stehen; ein bekanntes Beispiel für Vließhaarigkeit bieten die Neger. Schlichthaarig sind dagegen Menschen, bei denen die Haare Nicht Ni Gruppen angeordnet sind, sondern einzeln unb ziemlich gleichmäßig von einander sichen. Wir Europäer sind schlichthaarig. Aber eme gewisse Gruppcnbildung der Haare besteht doch auch bet uns und zeigt sich gerade beim Wachsen. Zwei bis vier Haare stehen nainlzch in einer Art von engerer Beziehung zu einander, so daß eine zeillang eins von ihnen schneller wächst, als die übrigen Gruppengenossen; nach einiger Zeit fängt ein zweites von ihnen an, schneller zu wachsen, bis es das erste an Größe erreicht hat, dann wiederholt sich der Vorgang beim dritten, und so wechselt das Spiel in einer Haargruppe dauernd ab. Wahrscheinlich werden alle Haare, die zu einer solchen Gruppe gehören, von einem einzigen Blutgefäß ernährt, und dies führt den Haarwitrzeln die our Haarbildung nötigen Substanzen nur in solcher Menge zu, datz sie mcht ausreicht alle Haare, die weitest entfernten, wie die nächsten, m gleichem Maße zu versorgen, sondern nur ein gerade durch seine Lage begünstigtes am meisten; wenn dies aber eine gewisse Länge erreicht hat, sind seine Druckverhältnisse nickt mehr so günstig, rote vorher, und es wird von einem anderen übertroffen. Diese Gruppen- teilunq der Haare bringt aber noch einen wichtigen Vorteil. Wenn ein Haar einer Gruppe ausgefallen ist, braucyc 6«S kleine Blutgefäß weniger Haare zu ernähren, aus jedes der übrig gebliebenen entfällt also mehr Nahrting als vorher; die gebliebenen werden demnach kräftiger werden und nicht so leicht ausiallen. Auf diese Weise verliert jede Gruppe nur ein Haar und cs wird bet tm allgemeinen schwachen Haargruppen vermieden, daß kahle Stellen entstehen. Das gilt natürlich nur von gesunden Haaren. Wird das Haar von einer Krankheit befallen, so tritt häufig, ganz besonders wenn die Krankheit durch Parasiten herbeigesührt ist, der Haarausfall so stark auf, daß dort, wo die Parasiten sich nm meisten entwickelt haben, ganze Gruppen vernichtet werden und dann die bekaiinten kahlen Stellen erscheinen. Gesrmdheitspflege. Fern et über den Kaffee. Der große französische Gelehrte führt in dem letzten Heft der „Semaine msdicale" folgendes aus: „Der Gebrauch oder, besser gesagt, der Mißbrauch des Kaffees ist alt. In unseren Tagen hat er aber besorgniserregend zugeiivmmen. Die Gewohnbeits-Kaffeetrinker leiden vornehmlich an Magenstörungen, Herzklopfen, nervöser Ueberreiztheit unb Schlaflosigkeit. Sonst nicht reizbare Leute, die Kaffee mcht gewöhnt sind, lverden schon nach Einnahme geringer Mengen erregt, überempfindlich; es tritt Muskelzittcrn, Herzklopfen nsw. ein. Das sind die Symptome der akuten Kasfeevergiftung. Regelmäßiger Genuß von drei bis vier kleinen Tassen genügt, unt die chronische Kaffeevergistimg herbeizuführen. Von dieser werden hauptsächlich Verdauungsapparat und Nerven ergriffen; der Appetit verliert sich, der Kranke empfindet Ekel vor der einfachen normalen Kost, namentlich vor Fleisch. Auf die Nachkommenschaft hat der Kaffee den ungünstigsten Einfluß. Es werden elende, kränkliche, überreizte Kinder erzeugt, tue oft mit Entwickelnngsfehlern behaftet sind. Kurz und gut: der chronische Koffeinismus führt zum allgemeinen Korperversalst zum „Kaffeesiechtum". Das Gesicht ist bleich, grau, erdfahl, oft runzelig und greisenhaft vor der Zeit, nur die Augen bleiben glänzend und lebhaft. Der Körper ist außerordentlich ab gemagert, oft bis zum Skelett. In diesem Zustande von Körperverfall sind die Kranken eine leichte Beute aller anderen, hauptsächlich Mach der Infektionskrankheiten". — „Die Schulratsjungen" betitelt sich ein von Wal- t e r I o h n - M a r l i t t verfaßtes Erzählungsbuch für Erwachsene, welches im Verlag von Mickisch n. Co. in Berlm innerhalb weniger Monate bereits bie dritte Auflage erlebt hat. Preis, 419 Text- feiten Okt., reich illustriert, 3 Mark. Das Buch bereitet al en Freunden harmlosen Humors, Freuiiden unseres Eckstein, Busch, Reuter usw. Freude und bietet eine willkommene Abwechslung. Ja, es wirkt sogar mit all' seinen Max- und Moritzstretchen der Schulratsjungen, den hoffnungsvollen Zöglingen be§ vertrauensvollen Schulrats Winter zwerchfellerschütternd. Der Verfasser hat es verstanden, bas Treiben schalkhafter Jugend mit ihrem unerschöpflichen Mutterwitz glücklich wieberzugeben. Der Inhalt wird durch bie bem Text eingefügten Illustrationen unterstützt und bringt nicht nur alten, bie jung flick, sondern auch allen, die „jung gewesen sind", eine erfrischende Unterhaltung. © in Auflösung ii r s w w w derart einzutragen, daß die wagcrechten Reihen Folgendes bedeuten: 1. Einen Buchstaben. 2. Figur eines mittelalterlichen Heldengedichts. 3. Russische Stadt. 4. Männlichen Vornamen. 5. Mathematische Figur. 6. Vogel aus der Drbnung der Taucher. 7. Einen Buchstaben. Die senkrechte unb wagerechte Mittelreihe ergeben das Gleiche, nächster Nummer. Diamarrirätsel. In die Felder nebenstehender Figiir sind die Biichstabcn a a o d'e e hiiiikkllllmm © Auflösung des Rätsels in voriger Nununerr Speck, Specht. Redaktion: Emst Hetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitcits-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange,