Empörung wechselten und bet, um sich zu stützen, nach der Tischkante griff, war cniporgesprungen und mit einer energischen Bewegung sich zur Ruhe zwingend, sprach er: „Darüber könnte Fräulein Brandt allerdings ganz genaue Auskunft geben. Aber damit du cs endlich erfährst, und genau weißt, wohin du dich mit deinem Unmut zu wenden hast und ihn nicht an eine falsche Adresse richtest, will ich cs tun. Du hättest dir und uns dies Bekenntnis zwar ersparen können, aber ich halte es für meine Ehrenpflicht als Kavalier und für mein Recht als Mensch, die Wahrheit zu sagen, um eine Dame, die unserem Hause teuer ist, die wir mit Stolz als zu uns gehörig betrachten, die die Tochter eines Eltcrn- paares ist, das wir verehren und dem wir Dank schulden, vor ganz vagen Verdächtigungen und unmotiviertenSlugriffen zu schützen." Seine Stimme hatte sich, während er sprach, zu stärkerem Klange erhoben, und dann trat er einige Schritte vor, uni), in fast drohender Haltung sich zwischen Della und die Gräfin stellend, fügte cr hinzu: „Und hier unter dem Dache meiner Väter, unter dem Gastfreundschaft und edle Formen stets hochgehalten wurden, versuchst du, eine von uns allen verehrte Dame mit hämischen Anspielungen zu kränken, An- spielungen, die nicht zutresfen, denn unter diesem selben Lache erkläre ich dir in Gegenwart meiner Geschwister, daß ich Fräulein Della Brandt die Grafenkrone angeboten habe und daß sie sie ausschlug!" Mit einem leisen Aufschrei war die Fürstin Helene in ihren Sessel zurückgesunken. Durch das weitgeöffnete Fenster des Salons flutete die Mittagssonne hinein und flimmerte in Dcllas blonden Haaren. Sie hatte ihre Stellung nicht verändert und starrte angstvoll auf den Grafen, der, zwischen ihr und seiner Frau stehend, fortfuhr: „Und nun weißt du, daß es auch Künstlerinnen gibt, die nm eines Grafentitels willen nicht ihrer Kunst untreu werden, die keines anderen Adels bedürfen wie des selbst errungenen, den die Welt ihnen begeistert znerkennt. Solche gottbegnadete Künstlerinnen nehmen vielleicht eine Grafenkrone an, wenn sie ihren Träger lieben!" Ein schmerzhaftes Zucken ging über seine erregten Züge. „Fräulein Della Brandt hat sie abgelehnt." Eine fahle Blässe bedeckte das harte Gesicht der Gräfin, aber sie hielt sich aufrecht, den Kopf mit den tiefschwarzen, glattgescheitelten Haaren leicht zurückgeworfen. Das Auge des Grafen Karl Viktor flog zwischen den beiden Frauengestalten hin und her und blieb dann einen Moment auf seinem Bruder haften. Der sonst so kaltblütige, vornehme Man* schien wie zerstört. 1806 Yr. 129 Wol-tag den 3. S pfcmker - MW MWH MM W 11 v WM Der Stern. Roman bon Ulrich Frank. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Eine Schauspielerin!" sagte Gräfin Luise. „Sie kennen sie wohl, liebe Della?" fragte die Prinzessin. „Alfons schreibt cs wenigstens, daß sie Ihnen von Dresden her bekannt ist, daß sie aus gutem Hanse sei und denselben Lehrer hatte wie Sie, Wittelsbach!" Es berührte sie fatal, diesen Namen hier zu hören. Aber sie faßte sich und erwiderte: „Gewiß, ich habe Teresa Streitmann schon im Hause meiner Tante in Dresden gesehen." „Tas scheint ja ein sehr günstiger Boden für berühmte Künstlerinnen", bemerkte die Gräfin. „Ist sie berühmt?" fragte die Prinzessin. „Eine Schülerin von Wittclsbach ist immer berühmt", warf die Gräfin dazwischen. „Berühmt oder berüchtigt." Della lächelte. Vor Monaten noch hätte sie diese rohe Acußerimg gekränkt, heut war sie darüber hinaus, hinaus über alles, was kleinlich und boshaft sich ihr gegenüberstellte. Die Gräfin tat ihr leid in ihrem heimlichen, törichten Haß gegen sic, und ganz gleichmütig sagte sie: „Ich weiß cs nicht, wie weit Fräulein Streitmann sich künstlerisch entwickelt hat. Reichste Gelegenheit dazu hätte sie als Schülerin Wittelsbachs jedenfalls gehabt. Ich weiß das ans eigener Erfahrung und bin dessen eingedenk in höchster Dankbarkeit. Aber ich habe sie nie gesehen, auch nicht viel von ihr gehört, sie war immer in Berlin, ich nur einmal." „Das ist ja nun auch ganz gleichgültig, da sie der Bühne entsagt, um Gräfin Giersdorf zu werden", rief Karl Viktor. „Das tun die Theaterdamen in diesem Falle sehr gern. Nicht wahr, Fräulein Brandt, um Gräfin zu werden, verläßt wohl jede die Bühne und läßt sich nicht lange bitten? Aus Koketterie vielleicht ein wenig, damit so ein aristokratischer ©imper, der ins Netz gegangen, sich noch Wunder wie glücklich fühlt." Eine peinliche Stille trat nach diesen Worten der Gräfin ein, die augenscheinlich bei Dellas Anblick jede Haltung verloren hatte und nur, von blinder Wut beherrscht, diesen Angriff wagte. Della hatte sich erhoben. Hoch aufgerichtet stand sie da, sehr bleich, aber völlig ruhig.' Karl Viktor war neben sie getreten, als wolle er sie schützen, und Prinzessin Helene sah in ratloser Verlegenheit vor sich hin. Da geschah etwas ganz Unerwartetes. Graf Guido, in dessen Antlitz, während seine Fran sprach, Entsetzen und 514 Was mochte er wohl gelitten haben in diesen Jahren? I Diese Lichtgestalt voll Liebreiz und Hoheit, und hier die triste, dunkle, kalte Frau mit ihrem unerträglichen Hochmut I Er bedauerte Guido aus tiefster Seele. Welches Leben von Einsamkeit, Kälte und Entsagung sah er plötzlich vor sich. Und das alles hatte sein Bruder getragen, stillschweigend, mit Würde und Verschwiegenheit. Niemals war ein klagendes Wort zum Verräter dieser unglücklichen Ehe geworden. Daß sie liebeleer nebeneinander hergingen, wäre wohl zu ertragen gewesen, und so dachten die Geschwister auch darüber. Aber daß die Gräfin herzeus- roh, boshaft und kleinlich selbst die Rücksichten vergaß, die ihr Stand ihr auferlegte, war arg. Er sah seine Schwester au, die wie gebrochen in ihrem Stuhl kauerte. Armer Guido! Es war kein Wunder, daß einmal das unendliche Leid seiner Seele emporrauschte, wehklagend, anklagcnd I Und nun stand er da, wie wenn er das Ungeheure nicht begriffe, daß er sich von seinem Zorn, von seiner Empörung so weit habe hinreißen lassen können. Karl Viktor hatte nur den einen Wunsch, der qualvollen Situation ein Ende zu machen. Er trat vor die Gräfin hin und reichte ihr seinen Arm, und, ohne daß ein Wort weiter gesprochen wurde, geleitete er sie aus dem Zimmer. Als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, griff Graf Guido wie geistesabwesend in die Luft und strich sich dann mit dec Hand über die Stirn, als suche er sich zu sammeln und Herr seiner wirren Gedanken zu werden. Dann, mit einer stummen Verneigung vor Della und einer fast apathischen Bewegung nach seiner Schwester hin verließ aueh cr den Salon. Die Fürstin Helene brach in leidenschaftliches Schluchzen aus, als Guido sie verlassen hatte. „Mein unglücklicher Bruder!" jammerte sie ein über das andere Mal. „Und bei mir hat er sie kennen gelernt; o Della, Della, warum haben Sie ihn nicht erhört?" Sie hatte die Hand der jungen Künstlerin ergriffen, die sie zu beschwichtigen versuchte. „Was für ein Höllenleben muß er neben dieser Frau geführt haben? Und nichts wußten und ahnten wir davon « . . und ich lebte froh und vergnügt in der heißen Sonne, während er hier erstarrte. Was soll daraus werden?" „Ein Mann wie Graf Guido findet sich wieder." Als die Fürstin sich beruhigt hatte, trat Della den Heimweg an. Der Himmel hatte sich bewölkt, die strahlende Mittagssonne war zwischen Wolkenschleiern verschwunden. Kalt und grau erschien die Natur ringsum, wie aufs neue erstarrt. Der Frühlingsboden hatte noch keine dauernde Kraft. Die Märzveilchen am Wege waren erfroren. Ein Schauer überschlich die langsam Hinabschreitende. Hebet die Kirchhofsmauer ragte ein dürres Zweiglein, das im Winde zitterte. Wann kommt der Frühling? * Graf Karl Viktor und Dr. Hans Hübner schritten die Chaussee entlang, die von Schloß Giersdorf nach Bernstadt führte. Der Graf hatte einen längeren Urlaub bekommen, um die fatale Angelegenheit in Ordnung zu bringen, die die Familie in Aufregung und Unruhe versetzte; Dr. Hübner war hergekommen, um die Osterfeiertage in der Heimat zu verleben. Stumm schritten die Jugendfreunde nebeneinander her. lber Graf sah etwas nervös aus und schien keinen Blick zu laben für die in junger Frühlingsherrlichkeit sich ausbreitende Landschaft, während sein Begleiter mit Entzücken sein Auge durch das Tal schweifen ließ, das der Lenz mit wahrer Schönheit übergoß. Helles,^ frisches Grün an Baum und Strauch, auf den Feldern, wie ein zarter Flaum die grau-grüne, sprießende Saat, hier und da schon ein erstes Blütengeheimnis an den Büschen, und in der Luft ein ahnungsvolles Sichregen neuen Lebens. Es war in den Vormittagsstunden. Hasis war gestern abend spät gekommen, hatte seinen alten Vater überrascht und wollte sonst noch überraschen, wer in Bernstadt an seinem Kommen Anteil nahm. Wer? Die Antwort darauf wollte er sich nicht selbst geben. Aber fein Herz war voll Frohmut und Frühlingshoffnung. Ein Atemzug hob seine Brust. „Wie ist das Tal lieblich und frisch!" wendete er sich zu seinem Jugendfreunde. Dieser war der einzige, der von seiner Ankunft hier etwas gewußt hatte. Sie hatten über die hochgradige Nervosität, die den Grafen Guido nach der Szene mit seiner Frau damals befallen hatte, korrespondiert, und Karl Viktor hatte den jungen Arzt gebeten, seinen ersten Besuch oben im Schlosse zu machen. (Fortsetzung folgt.) Ehestands-Skizze». > Von Georg Widder. Nachdruck verboten. 1. D i e Sommerwohnung. Herr Friedolin Schlapp ist soeben aus dem Bureau heim- gekehrt. Wegen verschiedener Einkäufe, die er im Auftrage seiner Gemahlin auf dem Heimwege besorgen mußte, hat er sich ein wenig verspätet und ist nun bemüht, die Versäumnis durch rasches Ablegen deS Ueberrockes und Hutes wettzumachen. So sehr er sich aber auch beeilt, kann er an der Tatsache, zu spät gekommen zu fein, ^nichts ändern, denn seine Frau sitzt bereits bei Tische; Herr Schlapp kann sich also auf einen sehr ungnädigen Empfang gefaßt machen. Um so freudiger überrascht blickt er auf, als auf sein verlegenes „Guten Tag mein Herz" ein ruhiges „Tag Friedel" erfolgt. Die ungewohnte Nachsichtigkeit seiner besseren Hülste macht ihn zwar stutzig, nachdem sie aber, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, im Essen unbeirrt fortfährt, drückt er sich an ihrem Sessel vorüber an seinen Platz, und langt nun auch seinerseits zu. Ganz sicher fühlt er sich aber doch nicht; gerade ihr absolutes Schweigen beunruhigt ihn. Glücklicherweise diesmal ohne Grund, denn das „Du Friedel", mit dem Fran Mathilde nach beendeter Mahlzeit ihn anspricht, klingt (man könnte sagen) fast freundlich, so daß sein Gesicht sich nun völlig aufklärt und er mit freudigem Diensteifer fragt: „Was beim, mein Herz?" „Es ist Zeit, wegen einer. Sommerwohnung Umschau zu halten." „Sommerwohnung?" „Ja, Sommerwohnung. Du plagst Dich das ganze Jahr hindurch in dem staubigen Bureau, bedarfst also der Erholung in guter reiner Luft, die übrigens auch mir nicht schaden wird." „Gewiß, mein Herz. Leider habe ich aber. . ." gar nicht daran gedacht? Das weiß ich, auch wenn Du es mir nicht sagst. Zum Glück bin ich aber da, bin es übrigens ja auch schon gewohnt, alle Sorgen auf mich nehmen zu müssen, auch wenn es sich dabei gar nicht um mich, sondern ausschließlich nur um Dich handelt. Nachdem wir also beschlossen haben, die Sommerwohnung zu nehmen und ich mich, mit Rücksicht auf Dich, auf Deine Einkünfte — die zu erhöhen, Du Dich allerdings etwas mehr anstrengen könntest — mit vier Zimmern und Nebenräumlichkeiten, einer geschlossenen Veranda und einem Vorgarten zufrieden gebe. . ." „Aber, liebes Herz, das ist . . ." „. . . . groß genug, sage ich Dir. Ich, für meine Person begnüge mich mit einem Schlafzimmer, einem Boudoir und einem Salon vollständig und habe auch keine Einwendung dagegen, daß für Dich, falls Du nicht im Speisezimmer schlafen wolltest, in der Veranda ein Feldbett ausgestellt werden dürfe, obgleich die alltägliche Umherschlepperei des Bettzeuges (was Du hoffentlich auch einsiehst) nicht gerade zu den größten Annehmlichkeiten des Lebens gezählt werden kann. Du sollst aber sehen, daß ich Deinen Wünschen, .Deiner Bequemlichkeit, selbst wenn es mich Opfer kosten soll, gern Rechnuttg trage." „Ja, aber die Verhältnisse. . . ." sind alle in Betracht gezogen. Ich. denke. Du solltest doch schon wissen, daß Du Dich auf Deine Frau in allen Stücken vollkommen verlassen kannst. Mehr als fünfhundert Mark darf die Geschichte in keinem Falle kosten." „Um Gottes willen, liebes, Herz, bedenke, das ist doch . . ." „. . . . zu kleinlich? Du lieber Gott! Wir müssen uns eben nach der Decke strecken. Ja, wenn Du Dich etwas mehr anstrengen wolltest, daß man in Der Lage wäre, eine anständigere Sommerwohnung zu mieten. Leider ist uns das aber versagt, so daß ich mich wenigstens für dieses Jahr schon mit so einer be- scheiderien Sommerwohnung zufrieden geben muß," 515 „Du kannst aber doch Nicht verlangen, daß ich . . mit dein Dampser hin- nnd herfährst. Nein, hörst Du Friedel! Es ist fast unglanblich, wie wenig Du mich noch immer kennst. Ms ob ich nicht wüßte, wie unbequem d i e Fahrerei ist. Mit den schaukelnden, Wind, Wetter und Wellen preisgegebenen Dampfern soll ich Dich in der Sommerhitze täglich zweimal fahren lassen? Nein, mein Freund! Du wirst mit der Eisenbahn fahren! Das wird übrigens schon aus dem Grunde vorteilhaft sein, daß Du, mit mehreren Geschäftsleuten in einem CoupZ sitzend, Gelegenheit finden wirst, auch während des Hinaus- und Hereinfahrens Geschäfte machen zu können, ganz abgesehen davon, daß Du die mitznbringendcn Pakete stets auf das oberhalb Deines Sitzes befindliche Paketbord (welches vorher ordentlich abzustäuben Du gefälligst nicht vergessen wirst), hinlegen kannst, somit alles beisammen hast und nicht zu befürchten brauchst, daß Dir ein oder das andere Paket ins Wasser fällt. Auch gibst Du wohl zu, daß das täglich zweimalige Fahren auf der Eisenbahn den Appetit sehr anregt, so daß ich Dir wahrscheinlich eine Semmel mehr werde mitgeben müssen. Mlerdings wirst Du — mit Rücksicht auf mein Küchenbudget — auf die Butter verzichten müssen; freilich, wenn Du Dich etwas mehr anstrengeu wolltest. . ." „Aber liebes Herz, wo in aller Welt soll ich denn . . ." die Wohnung aufnehmen? Ja, wenn ich auf Dich warten sollte! Aber beruhige Dich. Du sollst sehen, daß ich es gar nicht darauf ankommcn lasse. Du brauchst Dich denn auch gar nicht zu bemühen, denn ich habe die Wohnung schon vorgestern in Kaiser-Ebersdorf ausgenommen, und zwar billig; sie kostet bloß vierhundert Mark, so daß von den restlichen hundert Mark die sonstigen Ausgaben, wie Möbeltransport, Dein Eisenbahnabonnement und so weiter, sehr gut bestritten werden können. Wohl hätte ich den Ponhwagen, den ich gleichzeitig für jeden Mittwoch nachmittag mietete, sehr gern für alle Tage bestellt; leider kann ich aber an mich selbst nur in letzter Reihe denken und muß vorlieb nehmen mit dem, was übrig bleibt, nachdem für die Bedürfnisse und Bequemlichkeit Deiner Person (um deren Erholung es sich ja vor allem handelt) bereits gesorgt ist. Freilich möchte ab und zu mal auch ich eine Annehmlichkeit, eine Zerstreuung haben, könnte sie auch haben, wenn Du Dich etwas mehr anstrengen wolltest, um mehr zu verdienen. Hoffentlich wirst. Du aber jetzt, nachdem Du siehst, wie sehr ich mich bemühe, ja mir sogar Entbehrungen auferlege, nur um für Dich, für Dein Wohlbefinden sorgen zu können, nuch Deinerseits trachten. Gleiches mit Gleichem zu vergelten." „Aber liebes Herz, so lasse mich doch . . . ." . den Möbelwagen besorgen? Auch verspätet, wie gewöhnlich. Den habe ich gestern schon bestellt und — da kommt er gerade." ----- 2. D i e U e b e r s i e d e l u n g. „Also Friedel", sprach Frau Mathilde, nachdem der Möbelwagen vor dem Hause angelangt war, „jetzt schau zu, daß Du meine Aufträge rasch und anständig besorgst. Inzwischen lasse ich die Möbel verladen und fahre dann mit dem Dienstmädchen nach Kaiser-Ebersdorf, wo der Möbelwagen spätestens um 6 Uhr abends eintreffen wird. Selbstverständlich mußt Du bis dahin auch schon draußen sein, um die Betten und die sonstigen zerlegten Möbel zusammenzustellen und gleich auf den Platz zu rücken. Im Vorübergehen kannst Du gleich auch die Wäscherin für Mittwoch hinausbestellen. Was Du der Schneiderin zu sagen hast, weißt Du hoffentlich noch: Rüsche und gezogener Volant aus fraisfarbiger Seide und unbedingt Sonntag vormittag abliefern, sonst kann sie das Kleid behalten. Ja, und daß Du mir die Tennisschuhe und den Panamahut und überhaupt nichts vergißt und daß, Du rechtzeitig hinauskommst!" Froh, endlich entlassen zu sein, empfiehlt sich Herr Schlapp und macht sich, mit dem Notizbuch in der Hand, auf den Weg, während Frau Mathilde in die Zimmer zurücksegelt, um bezüglich des Ausräumens und Verladens der Möbel Anordnungen zu treffen. Zu ihrer sehr unangenehinen Ueberraschung erfährt sie aber nach kaum einer halben Stunde, daß der Möbelwagen schon ganz voll sei und das inzwischen in Kisten verpackte Küchengeschirr, Service usw. nicht mehr aufgeladen werden könne. Resolut, wie sie ist, hilft sich Frau Schlapp schnell. Sie geht ans Telephon und bestellt sofort einen Rollwagen, der auch in kürzester Zeit eintrifft. Auf den wird das Küchenmobiliar — um die Zeitversäumnis einzuholen — rasch, und wohl aus diesem Grunde, mit etwas weniger Sorgfalt verladen und — man los! .„Pünktlich, wie ihm anbefohlen, trifft Herr Schlapp um 6 Uhr abends in Kaiser-Ebersdorf ein. Er muß eine sehr angenehme Reise. gemacht haben, denn derjenige Teil seines Gesichtes, den die in seinen Händen aufgetürmten Pakete und Schachteln frei lassen, strahlt vor Heiterkeit, ganz im Gegenteil zu Frau Mathilde, die sich sehr ungnädig zeigt, weil die Möbel wider Erwarten noch immer nicht angekommen sind. Um ihren Mißmut zu vertreiben, unternimmt es Herr Schlapp, den Grund seiner Heiterkeit ju. erklären. passierten wir eine Ueberfahrtsstelle", beginnt Herr Schlapp, „als plötzlich einer der Mitreisenden, der zum Waggon- Wch.br hinausblickte, mit einem lauten „Hallo!" in helles Gelächter ausbrach. Nicht ohne Grund. Kurz vorher war ein Möbelwagen und knapp hinter demselben ein Rollwagen über das Gleise gefahren. Durch das Pfauchen der Lokomotive erschreckt, scheuten die Pferde des Rollwagens, sprangen zur Seite iind — „Pardautz!", da lag die ganze Ladung auch schon im Chausseegrabeu. Ein ganzes Chaos von Tellern, Schüsseln, Töpfen, Gläsern und Pfannen rollte und purzelte klirrend und berstend wild durcheinander; speziell ein großer Blechtopf, der auf einen Stein aufgefallen sein muß und wie ein Gummiball in die Höhe schnellte,, nm dann mit wahrem Theaterdonner mitten zwischen das Glasgeschirr hineinzufahren, erregte wahre Lachsalven." Unter der Nachwirkung der soeben geschilderten Tragikomödie kann Herr Schlapp nicht umhin, noch einmal herzlichst aufzulachen. Der komische Unfall wirkt so erheiternd auf ihn, daß er (ohne Ahnung, daß seine Frau nachträglich auch einen Rollwagen bestellte) gar nicht bemerkt, !vie die Züge seiner Gemahlin sich immer mehr verfinstern. Eben will er mit der Schilderung der effektvollen Wirkung des Blechtopf-Saltomortales beginnen, da ertönt von der Straße herauf das Gedröhne eines Lastfuhrwerkes. Der Möbelwagen ist angekommen! Wie von einer Tarantel gestochen fliegt Frau Mathilde ans offene Fenster und führt den soeben vom Bocke steigenden Kutscher mit der gellenden Frage an: „Und der andere?" Mit verschmitzt schelmischen Lächeln ruft der Biedere in ruhiger Gelassenheit: „Der kummt a bissel spader, bis er's G'schirr aus'm Graben z'sammklaubt hat." „Und dazu hast Du gelacht?" wendet sich Frau Mathilde mit blitzenden Augen zu ihrem tote versteinert dastehenden Gatten, in dessen Kopfe der Zusammenhang zu dämmern beginnt. O Schlapp, Schlapp! Wie wird das enden?--- 3. Der Affe. Behaglich zurückgelehnt sitzt Herr Fridolin Schlapp in einem Abteil dritter Klasse. In sröhlichster Stimmung führt er nach Ebersdorf hinaus; hat er doch nicht nur sämtliche Aufträge seiner Frau Gemahlin gewissenhaft besorgt, sondern auch die Zusicherung des Geschirrhändlers erhalten, daß der Ersatz alt der Gläser, Töpfe, Teller nsw., die anläßlich des unglücklichen Uebersicdelns in Brüche nnd Scherben gingen, schon am Nachmittage abgeliefert wurden. Er ist also auf einen sehr liebenswürdigen Empfang gefaßt, ä conto dessen er mit einem lauten „Guteu Abend, Schatz" in den Salon eintritt. Wider alles Erwarten wird aber sein freundlicher Gruß von Frau Mathilde nicht erwidert. Im Gegenteil; sie bleibt wortlos sitzen, ja, sie legt sogar den Zeigefinger auf den Mund, zum Zeichen dessen, daß sie nicht nur selbst nicht sprechen will, sondern sogar wünscht, daß auch Herr Schlapp sich ruhig Verhalten möge. Verdutzt bleibt Herr Schlapp bei der Tür stehen, dann tritt er behutsam zu seiner Frau hin nnd fragt im Flüstertöne: „Was hast Du denn?" „Leise!" antwortet Frau Mathilde, kaum hörbar. „Ist ein Kranker int Hause?" „Nein." „Nicht? Weshalb daun das Mispeln?" „Siehst Du denn nicht?" „Was denn?" „Dort in der Ecke!" „In der Ecke!" „Ja." „Was ist denn dort in der Ecke?" „Der Affe!" „Der A—affe ? Welcher Asse?" „Na der Affe, den ich heute gekauft habe." „Einen Affen hast Du gekauft?" „Du hörst ja doch." „So? Und was ist's denn mit dem Affen?" „Siehst Du denn nicht, daß er schläft?" „Schläft?" „Ja doch!" „Na und......?" „Sprich nicht so viel, Du weckst ihn noch aus dem Schlafe." „Ich den Affen?" „Freilich." „Aber liebes Herz. . ." „Da hat ntan's. Jetzt hat er das Tierchen wirklich aus dent Schlafe gestört. Schäme Dich! So einer Lieblosigkeit bist nur Du fähig. Du schonst nicht einmal so ein armes, unschuldiges Tierchen. Natürlich, weil es mir gehört, weil ich es gekauft habe, weil ich mich seiner freue. Was kümmert Dich meine Freude. Wenn nur Du die Deiuige hast. Du rennst den ganzen Tag in der Stadt herum, von einem Vergnügen zum andern und wenn Du Dich schließlich am Abend zu mir herausbemühst, verdirbst Du mir die einzige unschuldige Freude durch Dein rohes, ungeschliffenes Wesen, das Du Dir im Kreise Deiner lüderlichen Gesellschaft in den Frühstückslokalen und sonstigen Bierstuben angeeignet hast. Dafür hast Du natürlich immer Geld; für mich? . . . Was geht Dich mein Vergnügen an . . ." „Aber lie. . ." „So, so. Sprich nur noch lauter. Schreie doch, geniere Dich doch nicht. Ms ob ich nicht wüßte, daß Du mit der Absicht nach Hause gekommen bist, das arme Tierchen zu töten. — öi6 Reisen. reisender, wird das Buch mit Nutzen verwenden können. ihm den. Io spricht gieb nicht der wer noch von daß nur Freunde deinem ehrlich Freunde alle chlecht und so ihm Freunde Him- giebt er werth Recht Freunde! ,nel glaub' miß- mand Welt stand Welt de schlecht seine Freun- scheint wenn ist hast spricht trau' Je- von der liebt deinem und Redaktion: Ernst Heß. Rösselsprung. Nachdruck verboten. A, J1‘. freilich, wer Dw) Horen tvurde, mochte glauben, Du seiest die Zartlichkert selbst. Du und Zärtlichkeit!? Ja freilich! Herzlos bist Du!" „Ich?" Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilder-Rätsels in voriger Nummer: Fensterproinenade. r i "?Ur ®u- D"be ich nicht gleich im Vorherein ge- sagt, daß die Wohnung zu klein ist? Wenn Du nicht so herzlos wärest, |o hattest Dn eine Wohnung mit mindestens fünf Z'Minern genommen, so daß ich nicht genötigt wäre, das liebe herzige Tiercyen im Salon zu halten, sondern es Hütte sein eigenes Zimmer und dort die Ruhe, deren es bedarf, um aus- so verläßt die Brut die Ucberreste; die Mutter läßt sie gewahren, ohne ihnen die geringste Aufmerksamkeit zu schenken Nach einigen vergeblichen Versuchen, das Nest instand zu seche'^ lleibt sie, ohne sich zu rühren, auf der Ruine sitzen, bis sie stirbt' Ro.aiionrdruck und Verlag der V r ü h l'schen Universitäts-Buch- und Stemdruckeret, R. Lange, Gietze«, o nt e f ü § I e 6 c n bet Spinnen Söefdie samen Formen der MutterinstinlL bei ben ennen annimmt bat einer Aba/t ÄS- fur Psychologie" zu entnehmen ist, mit SZLZM5LKLM t Abständig geworden ist und das Nest verläßt. Der (&> w ' nun I^ststellen, ob die Spinnen zu ihrer Brut eine ^e^Mu"ttertierO"un^^b^e^^"'^r^bov.'' deshalb entfernte er „."florlernere und bohrte kleine Locher in die Gespinste Wurde Be ^un?'beaann' d e° gesetzt, so er^rflf 7s ort da7on gewissermaßen^ d - r Schaden zu reparieren, es adoptierte also r'^-w/vmaßen die fremde Brut, doch war sein Verhältnis »» SS Mter kümmerie^sie^si^ &U e,nem Zeitraum von drei Tagen, gesühle der Adovtwsvw,-!"^ wehr um sie, während die Mutterdaß sie das Sin Srnito h Ä 8ett derart erstarkten, Eigentümlich ift üe schlafen zu können."' Wäre es' nach"'m ein em Lpfe" gegangen""^ I änn? der Franzosen mit deutscher Neber- Hatten wir die Hartesche Villa dort drüben gemietet."8 ' t"7grammatischen Asthange und einem phouo "Ader Kind, wo denkst Du hin? Für das Geld könnte man I ” ^orterverzeichnlsse von Paul Martin und Tr. Oskar ia eine Reise nach Venedig.. ., ." nmn Thrergem 223 S. Oktav. Mit 6 Kartenbeilaqen. Breis . . //Bravo Friedel! Das ist eine Idee! Sllso Sonntag fahren I ^eb. o Mk. Vertag von E. Haberkand in Leipzig-R Eilen- Ä? M« m ZMFMMMM „Na, so sei's denn, in Gottes Namen. Mer Dein Liebling p I r«LFan ^uni)e gelegt: Ein Züricher reist mit Was geschieht mit Deinem Liebling, wenn wir verweisen8' I l6™6® Paris, um die Hauptstadt Frankreichs, „Liebling? Was für'» Liebling?" Stern des gesamten politischen, literarischen „Na, der Affe!" künstlerischen und industriellen Lebens unseres Nacbbai-' „Der? Wirf doch das Biest hinaus!" Volkes kennen zu lernen. Sie überschreiten die'Grenze v^ich^ ä*L verziehen? . Merkwürdigerweise kann man diese I , Be“v 4: Die Umgebung von Paris. Die Form ist vor- 'inÄ/i-^iÄs^tuna am häufigsten im Damencoups erster und I lferrfchend die der aus dem Leben gegriffenen Konversation »we ter Klasse machen, un Gegensatz zu dem Frauen-Coups dritter f° wie wir sie auf der Reise im fremden Lande braicb7n ' ein" w'eöt ffVnn™!UtrlidV mitteilsam und hilfsbereit zu doch geben die Berichte, weichst dieRessendennachÄ ppe p,isnsanisib7rin^nAi^b""^w^ Znchen der Vornehmheit, I senden, Gelegenheit zu Briefen, die alle neueren Wenb wäWSSfls?assr„*®*r w».60»äS V'lichtet —, so gibt es bocf/ einige gnmbfä^^I8^^e§^eqe^ntfbte'’r X ltn<£joM^n Reise begegnen kann, von der Fahrt in gemeinen und Reisehöflichkeit, deren Beachtung man wohl von b-? Droschke wie tm Mito mobil, auf der Bahn, im Om- em'fnrip 9„e$(e,!bcte" Menschen verlangen kann. Dazu gehöstt "^'Us, dem Absteigen in einem Hotel wie in der Fremden- Peute mit h« Dber eme Verbeugung beim Einsteigen gegen die Euston, den Einkäufen jeder W, den Zeitungsannoncen eilten' aanien btc nächsten Stunden, wenn nicht gar n”t llrett Abkurzungen, Erkrankung, ärztliche Konsultation des a'llen st, ^erbringeil muß Zu den Elementarbegriffen I nsw. bis zu künstlerischen Genüssen in den Pariser Salons iUrgeSden Maß In °"ch ledenfalls rechnen, den Vor- Museen und Theatern, altes wird uns in affeTbYotnaSS nicht gar zu sehr auszudehnen,' nicht zu' sprechen^oder"un^iüiges GalliAsmen s?"thaltendem Französisch vorgeführt. Den 6-erau,w zu machen, wenn müde Menschen in der Nacht m schlafen ®?ll'Zrsmen sind Germanismen gegenübergestellt. Zur Auf- Ganz gewiß ist es auch weder, ladhlike nochgentwman- ßA”9 r, Regeln ist ein knapper M- rfNbr!Ngeu, bie Unhöflichkeit, die sich darin äußert daß sich wCrrreßt' E schwerfälligen oder schwerbepackten Damen hübsch "silid8"" 8U 'Ae-chteru, falls sie nicht zufällig fling lnd