Mitag den 3. August MÄ Mf 1906 — M. 112 MM 103 WWSM MM A3 iDMölQrrä Der Stern. Roman von Ulrich Frank. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Tie Gleichgiltigkeit, mit der er zu lesen begann, »Var einem gewissen Interesse gewichen, als Adele Brandts Erwähnung geschah. 9htr diese konnte mit „Dellas Auftreten" gemeint sein. „Wer ist diese Lucie?" Er steckte die inzwischen erloschene Zigarette aufs neue in Brand. „Lucie Handtke, eine Cousine der berühmten Della Brandt, des leuchtenden Sterns, der in diesen Tagen den Berlinern aüfgehen wird", antwortete sie spöttisch. „Und wie kommst du zu ihr?" „Gott, Mama und Frau Justizrat Handtke waren befreundet und ich und Lucie auch! Was man so nennt. Mädchenfreundschaften! Die Handtkes machten en sehr nettes Haus in Dresden, weißt du, alle Welt verkehrte dort und ebenso bei meinen Eltern; das nannte man Geselligkeit. Tödlich langweilig, aber fein bürgerlich. Man kann sich dem nicht entziehen, wenn man nach Rang und Geburt dazu gehört, aber ich revoltierte damals schon innerlich gegen diesen Zwang — und dann hinaus! Tie Kunst! Das zog mich an." Er sah sie an mit etwas zweifelnden Bücken. Sie hatte bisher nie von ihren Familienbeziehungen zu ihm gesprochen. Für ihn war sie Therese Streitmann. Erne hübsche, graziöse, amüsante Schauspielerin, die auf der Buhne immer sehr schick aussah und im Boudoir reizend plauderte, lieber ihr Talent hatte er sich noch nicht viel Gedanken gemacht, noch weniger über ihre Abkunft. Und nun kam das so unerwartet, daß sie davon sprach, und merkwürdrg gerade in einem gewissen Zusammenhang mit Adele Brandt. Sie »büßte am Ende, daß zwischen der Künstlerin und den Gier'sdorffs gewisse Beziehungen bestanden. Und es schien ihm klüger, davon zu sprechen, ehe sie davon anfing. „Wie eigentümlich! Tie Welt ist wirklich klein, viel kleiner, als man denkt! Alles ein bißchen Bernstadt! Mein Heimatsstädtchen! Giersdorf liegt eine halbe Stunde davon, und dort ist auch Adele Brandt geboren und so quasi im Schloß mit ausgewachsen. Und jetzt kennst du ihre Cousine, vielleicht sie selbst?" „Zu dienen, Herr Graf!" „Wirklich amüsant! Schließlich, kannst du mir von ihr mehr erzählen, als ich selbst weiß." „Das kommt darjaus an. Wenn's dich riesig interessiert, so ganz pyramidal, so phänomenal", sie kodierte den Ton, in dem er zu sprechen Pflegte, „und du mach schön darum bittest und mir endlich versprichst daß du Della nicht etwa die Cour machst..." Er schloß ihr den Münd mit heißen Küssen. ‘ „Ich ... ich ... ich bin überzeugt . . .", entzog sie sich atemlos seinen Zärtlichkeiten. „Ich bin überzeugt . . . und nun artig sein! Jü tadelloser Positur, mein Herr Leutnant ... Ich werde Ihnen etwas ans meiner Hermat er-, zählen, aus Dräsden . . . wenn"s beliebt... ei Herp Er lachte und sagte: „Bin wirklich neugierig!" „Also sieh mal! Frau Jüstizrat. Handtke hatte rhre Nichte bei sich, die in Dresden zur Sängerin ausgebildet wurde beim alten Ranzoni, dem berühmtesten Gesangs--, lehrer, ich glaube in Europa und den umliegenden Ort^ schäften. Meine Eltern, Papa Direktor eines Kons^cvato-, riums, Mama eine in der Dresdener Gesellschaft sehr beliebte Dame, hatten natürlich Verkehr mit allen künstlerischen, besonders musikalischen Kreisen der Residenz. Zu denen zählte auch die Justizrätin als Singetante eines heranziehenden Kunstereignisses. So wurde in dem Haust Della Brandt immer angesehen, behandelt, angepriesen. Meine Freundin Lucie, die Cousine des bevorstehenden Er-, eignisses, war wütend darüber. Wer die Jüstizrätin meinte, kein Opfer sei zu groß, um diese Della an sich zu fesseln- nicht nur durch Verwandtschaftsbände, sondern auch durch Dankbarkeit. ,Sie solle den Boden lieben und segnen, aus dem sie sich entwickelte', sagte die kluge Rätin zu ihreiN etwas geistig armen Töchterchen. Diese erzählte mir das alles wieder. Ich hatte nämlich den höchst ehrenhaften Vor-, zug, ihre Vertraute zu sein..." Er hörte mit Spannung auf ihre Worte, nicht abe^ ohne seiner Verliebtheit zeitweilig durch einen Handkuß oder eine liebkosende Bewegung Ausdruck zu geben. „Aufgepaßt, Monsieur Alfons! Das Interessanteste kommt erst. Ich würde also durch Lucie in die Familien-! Verhältnisse ziemlich genau eingeweiht. Hörte enorm viel von Prinzen, Grafen, Komtessen, von Gardeleutnaüts e tutti qnanti sprechen. Zwischendurch etwas Idyll: von alten Kantorsleuten, einem Doktorssohn und sonstigen fenttmetm taten Requisiten. Das wirkte auf meine Phantasie so leb-, haft, daß ich beschloß, auch zur Bühne zu gehen. Ich bin also gewissermaßen so eine Art Ausstrahlung der Grers- dorf-Brandt-Bernstadt. . . und, ohne daß du es wußtest hattest du einen indirekten Einfluß auf die Gestaltung meines Lebens. Ich ahnte dich vorher!" Wieder umarmte er sie und küßte das übermütige Geplauder ihr von den sinnlich geschwellten Lippen. „Ja, und dann, Theresita?" , „Zur Sängerin freilich langte es bei mir nicht austrotz Papas Musikschule, und recht 'ran wollten die Eltern! überhaupt nicht, besonders Mama. Deren Jdealwares- daß ich einen Gymnasiallehrer heirate und die besten Sandtörtchen machen lerne, nach dem Rezept der Justiz-, rätin. Ich habe in dem Hause aber nach ganz anderes Rezepten mir des Lebeiis Süßigkeiten bereiten gelernt. Die Justizrätin sprach von gar nichts anderem als von deut Glaiiz, dem Reichtum, dem Ruhnk, den eine Künstlerin et* reichen könne. Von den goldenen Levensherrlichkeiten, die einer gefeierten Bühnenheldin winken, von dem reichen- 446 — freien Dasein, von dem süßen, berauschenden Trank des Triumphes — kurz, hinnulisch, sage ich Dir, und verlockend ! Mich hat dieser justizrätliche Sirenengesang verfuhrt, ^ch erklärte meinen Eltern, daß ich zur Bühne ginge. Mama War ganz fassungslos! Sie erinnerte-sich nicht, es jemals verabsäumt zu haben, mich hinauszuschicken, wenn rn Gesellschaft etwas Unpassendes gesprochen wurde, noch sonst an meiner Erziehung zur tugendsamen Jungfrau und künftigen Gymnasiallehrersgattin. Mir steckte was anderes un Blute - eh voilä! Jetzt hat sie sich darein gefunden, ^ch schicke ihr jede Woche ein Kistchen mit Kuchen und Torten von Kranzler . . „Und Della?" „ „ r ._ . . o MH so' Von der wollen Sie natürlich auch etwas hören, Graf Giersdorf! Also, Fräulein Brandt wußte nicht viel von deni, lvas um sie her vorging, und von den Hoffnungen und Wünschen ihrer Tante. Das bekam nur Lucre und ich zu hören. Sie studierte. Unermüdlich, mit rastlosem Fleiße! Durch all das kleinresidenzliche Leben, das sie umgab, durch die Beamtenkreise, zu denen die Tante gehörte, ging sie wie im Traume. Sie war ernst und in sich gekehrt, äußerst selten nahm sie teil an den Vergnügungen anderer junger Mädchen. Sie hat keine Zeit, hieß es immer. Sie müsse sich schonen, sie dürfe die Stimme nicht anstrengeu. Niemals bei einem Ball, bei einem Kränzchen, nicht auf der Eisbahn im Winter und im Sommer beim Tennis oder Rudern, wie wir anderen! Dort war's zu kalt, hier zu heiß oder staubig." „Arme Della! War früher eilt lustiger Käfer! Immer bei aÜem dabei, in Wind und Wetter. . ." „Da hatte sie noch keine Mission'! Ich glaube, die Taute lag ihr damit immer in den Ohren. Was daun alles in ihr erwacht sein mochte — chi lo sa? Jedenfalls stand sie ganz außerhalb dieses geselligen Treibens; brachte es der Zufall einmal mit, daß sie dabei sein mußte, dann war sie freundlich und sehr einfach; die Protzerei der Justizrätin mit ihrer ,Zukunft' wäre ihr sicherlich unangenehm gewesen." „Und wie ertrug sie diesen Zwang? Diese für ein junges Geschöpf wenig freudige Existenz? Ich habe sie während ihrer Studienzeit nur einmal flüchtig in Bernstadt imeder- aesehen. War während der Ferien im ersten Sommer, nachdem sie flügge geworden, damals gerade zn kurzem Urlaub dort." „Ich glaube, sie fühlte sich ganz befriedigt bei den Vorarbeiten für ihren Beruf. Jedenfalls war ihr Eifer Stadtgespräch. Jeder rühmte ihn! Ranzoni schwärmte für sie und versprach in geheimnisvollen Andeutungen, das Ungeheuerlichste. Er erlaubte nämlich nicht, daß sie jemals etwas vorsang, und wir anderen kannten die Stimme nicht..." „Hat also recht behalten! Soll ja in der Tat ganz kolossal sein, überwältigend! Was man über sie hört und liest. . ." „Ich bin auch sehr begierig! Ich habe sie nie gehört. Fast gleichzeitig, als sie in Mailand auftrat, ging auch ich zur Bühne, nahm dann ein Engagement hier an und bin seitdem aus dem tollen Nest noch nicht 'rausgekommen." „Sollst auch nicht! Bleibst gefangen, Goldkäferlein... Bist hier unentbehrlich . . . hier . . .mir", neckte er zärtlich. „Unb die Brandt kam nicht her! Ueberall hat sie schon gesimgen, nur nicht in Berlin. In Mailand soll sie ja damals mit einem Bombenerfolg gastiert haben . . . Ranzoni halte cs zur Bedingung gestellt, daß sie in seiner italienischen Heimat zuerst auftrete, in der Skala, wo seine berühmtesten Schülerinnen ihre großen Triumphe gefeiert haben. Es soll wirklich beispiellos gewesen sein, sie haben sie am ersten Abende zur Diva erhoben." „Ja! Erinnere mich. Meine Schwester, die Fürstin Testi, hat darüber berichtet." „So von allem irdischen Glanz umgeben, begann sie ihren Siegeszug! Von fürstlicher Gnadensonne bestrahlt, vom südlichen Enthusiasmus getragen, eine Schülerin Ran- zonis und in Wittelsbachs dramatischer Schule gebildet." „Wittelsbach?" „Das weißt du nicht? Er war ihr Lehrer, und dort traf ich sie manchmal. Denn auf mein inständiges Bitten hatte er sich herbeigelassen, auch mir einige Lektionen zu erteilen. Im Sprechen besonders. Natürlich, Chen, steckte ’ne Frau hinter dieser Herablassung und unerhörten Gunst. Fräulein Ady Elton, mit der er damals sehr liiert war, hatte sich für mich verwendet. Sie mar Pianistin, und Papa schrieb öfters Rezensionen . . . kurz, Wittelsbach gab nach und ließ mich einigemal wöchentlich kommen. Das hat dann bei meinem Engagement den Ausschlag gegeben. Bei Wittelsbach ausgebildet, das ist wie ein Diplom. Ec nimmt überhaupt gar keine Schüler an." „Und die Brandt?" , „Das war eine ganz romantische Geschichte. Lucre faselte 'mal was davon. Ich erinnere mich nicht mehr genau . . . weißt du, später hatte ich nur für den Roman meines Lebens Interesse, besonders seit er Gardedragoner- Uniform trug und schneidig wurde." Mit reizender Koketterie lachte sie ihn an. „Aber es schwebt mir so ein Märchen vor, als hätte Wittelsbach sie einmal ohnmächtig vor der Madonna in der Galerie gefunden und sie nach Hause gebracht . . . und dann ... ja, sie wurde, glaube ich, krank oder . . . vielleicht auch nicht. Jedenfalls hing diese Begegnung damit zusammen. Dann, als er später hörte, sie wolle zur Bühne, und sie ihm etwas vorgesungen hatte, bot er sich freiwillig ihr zum dramatischen Lehrer an. Auch das noch. Ranzoni — Wittelsbach — Giersdorf! Ich glaube, 'ne Krähe müßte unter solchen Zeichen auch singen." In diesem Augenblicke ertönte die Entreeglocke. „Wir werden sie ja hören." „Fräulein Lueie Handtke!" meldete die Zofe. Theresa war aufgesprungen und ihr an die Tür entgegengeeilt. „Soyez la bien venue, liebe Lueie." Sie umarmte sie herzlich. (Fortsehung folgt.) Der ßhtcKgoer Nachdruck verboten. Dem Buche Upton Sinklairs „The Jtmgle", das mit seinen Enthüllungen der Chicagoer Schlachthausgreuel jenseits und diesseits des Ozeans außerordentlichen Eindruck gemacht hat, und das jetzt in einer deutschen, ber Spou- holz in Hannover erschienenen Ausgabe vorliegt, entnehmen wir die folgende anschauliche Schilderung der Fleifchfabrrk Armours: , „Am Osteiugcmge des Riesenetablissements lauft der Schieuenstraug vorbei. Hier kommt ein Zug nach dem anderen an, rund 10 000 Rinder, 10000 Schweine, 20 000 Schafe werden täglich ausgeladen. Sie kommen stromgleich und scheinen selbst ihrem Schicksal entgegenzufluten, auf langen Rampen allmählich immer höher hinauf, bis die schwarzen Türen int obersten Stockwerk des Packhauses vor ihnen klaffen. Mit der gleichen Schnelligkeit, mit der auf den Postämtern Briefe gestempelt werden, verschwindet ein Schwein nach dem andern in der gähnenden Oeffnung, fühlt eine Kette um sein Bein geschlungen und baumelt schon an einem Riesenrade, das sich langsam aufwärts bewegt. Während der Fahrt erhält das Schwein — blitzschnell eines nach dem anderen, während es emporschwebt — den Halsschnitt. In zwei unabsehbaren, nie unterbrochenen Reihen schweben die Schweine an dem Abhänge entlang, das Blut rauscht hernieder, ein mörderisches, markerschütterndes Geschrei der Verendenden scheint die Mauern sprengen zu wollen. Schon verschwinden die ersten reihenweise in Riesenkesseln mit siedendem Wasser zum Abbrühen. IM nächsten Moment fischt sie eine Maschine mit langen Greifarmen heraus, sie schweben weiter zwischen den Arbeitern hindurch, der eine schabt zupackend die Außenseite des Beines ab, ein anderer die Innenseite, schon ist das nächste Schwein heran, schon sind zwölf, zwanzig, fünfzig vorbei, hundert, tausend. In hastigen Streichen säbelt einer der Arbeiter den vorbeirutschenden Schweinen die Köpfe ab, die durch eine Luke im Fußboden sofort in die Tiefe verschwinden: ein Stockwerk tiefer werden sie ausgefangen und in derselben Atemlosigkeit weiter verarbeitet. So haben die Schinken, die Füße auf der weiteren Wanderung ihre Luke. Ein Arbeiter sticht in den Bauch, einer schlitzt ihn vollends, einer spaltet den Brustknochen, einer löst die Eingeweide, einer 447 — reißt sie heraus, auch sie klatschen durch eine Luke. So geht die Reise durch den 90 Meter langen Saal, zwischen zweimal 80 Arbeitern hindurch, und solcher Reihen gibt es viele, und im ganzen Packhaus-Trust arbeiten 30 000 Mann. Nicht ein Mann in all den Gebäuden, der nicht fieberhaft arbeitet, als sei der Teufel hinter ihm drein. Kommen die Leute nach Schichtschluß heraus, so sehen sie aus, als stiegeu sie aus der Hölle. Die flinksten „Splitterer" und „Schlitzer", die auf Akkord arbeiten, stellt die Gesellschaft an den Beginn der Reihen, sie geben das wahnsinnige Tempo an, und die anderen Arbeiter müssen mit und koste es ihr Leben. Und doch — einer hat Zeit. Bevor die Schweine in den Gefrierraum kommen, passieren sie den „Herrn Inspektor", der sie aus Tuberkeln untersuchen soll. In seiner blauen Uniform mit blanken Knöpfen ist er ganz Würde und gibt dem Ganzen die amtliche Weihe. Er ist herablassend genug, mit uns eine kleine Unterhaltung anzuknüpsen. Dann wendet er sich wieder seiner Arbeit zu--inzwischen ist eine Anzahl von Schweinen schon vorübergeglitten.... Jedes Stockwerk hat seinen eigenen Betrieb. Je tiefer man steigt, desto unerträglicher wird der Geruch. Hier werden die Därme gewaschen, dort aus dem Abfall Schmalz und Seife gekocht, in einem Raum wird gepökelt, im anderen geräuchert, im dritten Speck in Pergamentpapier gepackt; am Ausgange stehen die Wagen, werden mit der fertigen Ware beladen und rollen unablässig die Geleise entlang. Ganz ähnlich ist es im RinderschlachthäuS, nur daß hier die Arbeiter an den 15 bis 20 Reihen der Tierleib eg entlang wandern, nicht umgekehrt; Arbeiter aller Kategorien, für jeden Handgriff eine, die „Knockers", die „Headsmen", die „Floorsmen" und wie sie alle heißen. Das hellrote Blut zischt und sprudelt aus Hunderten lebendiger Quellen, es wird ständig in die Abflüsse gefegt und steht doch ständig einen halben Zoll hoch auf dem Boden. Aktes wird gleich verarbeitet: die Haare zu Kissen, die Klauen zu Leim, die Hörner zu Kämmen und Knöpfen, die Felle zu Leder, die Knochen zu Dünger. Nichts geht verloren. Das Fleisch, das später in Büchsen kommen soll, wässert in einem mit allerlei Chemikalien versetzten Bade; wenn es dann her-ausgefischt wird, bleiben Fetzchen und Fäserchen zurück, aber auch die werden gerettet: man stülpt die Bottiche um, das Wasser läuft ab und die Fleischreste werden zusammengefegt, obwohl der Boden sehr unsauber ist, und nachträglich in die Konservenküche gebracht. . . . Während man sonst trächtige Kühe nicht schlachtet, ist in der Hetzjagd des Betriebes, der den Fleischbedarf für 30 Millionen Menschen in den verschiedensten Ländern liefert, eine solche Aussonderung nicht möglich. Das neugeborene Kalb wird mit den Eingewechen herausgenommen und im Ganzen zu Büchsenfleisch zerhackt. Auch die auf der Reise nach Chicago erkrankten oder verendeten Tiere gehen nicht verloren. Sie kommen in den Gefrierraum während der Frühstückspause des Herrn Inspektors. Jni Einmacheraum wird stark mit Chemikalien gearbeitet, die dem Fleisch die frische, gesunde Farbe verleihen und den üblen Geruch nehmen. Sie sind so scharf, daß sie den Arbeitern die Schuhe zerfressen und ihre Hände mit Wunden bedecken. Aber das ist nicht das Einzige. Iw Süden grenzt au die Höfe ein toter Arm des Chicagoflusses, der sogenannte Blasensumpf. Er hat nämlich keinen Abfluß, und doch entleert sich in ihm aller Abhub vom Packhause. Fett und Chemikalien machen hier für sich allerlei Prozesse durch und entwickeln aufsteigende Gase; an manchen Stellen hat sich der Schwutz so zu Kuchen zusammengebacken, daß Hühner darauf herumspazieren und ihr Futter suchen. Dieser Schmutz wird, auf daß nichts umkomme, gelegentlich abgeschäumt: und daraus wird noch Schmalz gekocht. Für Büchsenfleisch speziell reisen Agenten im Lande umher, um billiges Material einzukaufen: tuberkulöse Rinder, an Cholera gefallene Schweine. Es werden allein für diesen Geschäftszweig wöchentlich 4000 Dollar — Schweigegelder bezahlt. lieber und iiber mit Beulen bedeckte Rinder verschwinden in der großen Fleischfabrik. Selbst die abgehärtetsten Arbeiter würgt der Ekel, wenn sie sie abstechen ; das stinkende Zeug spritzt heraus und chnen in das Gesicht, und doch können sie sich nicht abwischen, denn auch die nackten Arme sind besudelt, und außerdem darf das Messer nicht still stehen, denn schon ist das nächste MeV ci.it der Reihe. Bon diesem Büchsenfleisch gab es Massen, die jahrelang in den Kellern standen. Während des spanisch-amerikanischen Krieges wurden sie der Intendantur verkauft, und dem Büchsenfleisch fielen mehr amerikanische Soldaten zum Opfer als den Geschossen der Feinde. Bei dem Surren der Maschinenmesser ist schon manchmal ein Finger, eine Hand eines Arbeiters mit zerfleischt worden, ja es ist vorgekommen, daß^ein Uebermüdeter in den siedenden Kessel stürzte, — aber die Arbeit rast weiter, wer weiß, wo seine letzten Fetzen schon hängen. Es gibt wahre Alchimisten im Trustbetriebe, deren höllische Latwergen alles „frisch machen". Eine raffinierte Maschine durchsticht die Schinken mit haarfeinen, hohlen Nadeln, aus denen Chemikalien spritzen. Verdorbene Ware, die durch nichts mehr frisiert, die auch nicht in natura ins Ausland verschifft werden kann, kommt mit Borax und Glyzerin ins Büchsenfleisch oder in die Wurstmaschine. In den Kellern tun sich Ratten an den Fleischhaufen gütlich. Sie genieren sich auch sonst nicht: ist doch auch für schwindsüchtige Arbeiter kein Spucknapf da. Gelegentlich wird ihnen, wenn die Plage überhand nimmt und man zu großen Fleischverlust fürchtet, vergiftetes Brot gestreut. Und Fleisch und Brot und Ratten kommen in die Wurstmaschine. . . . Aber ich will lieber abbrechen in der Schilderung. O Amerika, du Land der Freiheit und der glänzenden Träume! Hier ist ein Ausschnitt aus deinem Leben. Ein Leben wilder, nervenaufregender Jagd, über zusammenbrechende Arbeiter und vergiftete Fleischverbraucher hinweg. Und immer noch billiger soll produziert werden: die Packhäuser zahlen schon längst nicht mehr solche Löhne, daß der Angelsachse dort arbeiten könnte, auch der Deutsche ist aus den Räumen verschwunden, auch die Generation der Iren zeigt sich nicht mehr, nur noch Polen nnd Littauer säbeln in Todesverachtung täglich die 10 000 Rinder nieder, die 10 000 Schweine und was ihnen sonst vor das Messer kommt." Die Schilderungen Sinclairs sind durch amtliche Untersuchungskommissare als in allen Hauptpunkten wahr bestätigt worden. Das ist schon seit dem Monat April aller Welt bekannt, und seit Mai bereits kämpfte im amerikanischen Senat Roosevelt mit einer Gruppe Ehrlicher gegen die Majorität der Lumpe, die dort die Milliardärinteressen vertreten. Nur dem Zivilkabinett des deutschen Kaisers, dem ja wohl die Ausgabe obliegt, den Kaiser über die öffentlichen Vorgänge zu informieren, scheinen diese Dinge nicht bekannt geworden zu sein. Sonst wäre die Jacht Armours diesmal doch gewiß von der Kieler Woche ausgeschlossen worden und wäre diesem skrupellosen Geldmachern die Ehre, den deutschen Kaiser wieder bei sich als Gast zu sehen, nicht abermals widerfahren, wie es nach den jüngsten Zeitungsberichten leider geschehen ist. — Münch ener Alman ach. Ein Sammelbuch neuer deutscher Dichtung. Herausgegeben von Karl Schloß. München, R. Piper u. Co. 330 S. — Der vorliegende Almanach bringt weder Versuche literaturfreundlicher Studenten, noch wahllos zusammengestellte Arbeiten zufällig in München lehender Autoren, von denen man gerade die bekanntesten und markantesten, wie Paul Heyse, Max Halbe, den Grafen Heyserlingk, Ludwig Thoma, Thomas Mann, Korfiz Holm, Frank Wedekind, Gumppenberg, Steiger, Ostini, Karl Ettlinger usw. usw. vermißt. Er will auch nicht irgend einer „Richtung" auf den Damm helfen, sondern ist so etwas wie ein Protest gegen den Naturalismus. „Unter der Herrschaft des Naturalismus", schreibt der Herausgeber int Vorwort, „galt es fast für unanständig, einen Vers zu dichten oder einen ordentlichen, wohlgebauten Satz, ein reines, von Dialekt und Schnoddrigkeiten freies Deutsch zu schreiben." -Also Schloß und die Seinen wollen beweisen, daß es noch Dichter gibt, die die Harfe schlagen und von blauen Blumen träumen. Die Rückkehr zur Romantik vollzieht sich nicht nur in den Formen, sie bekundet sich noch viel mehr in jener bewußten Abkehr von den Wirklichkeiten und im Ersehnen des Ideals, das den feinsten unter den jungen deutschen Dichtern wieder einmal so eigentümlich ist. Jetzt nach hundert Jahren sehen wir wieder „fern von allem lärmenden Getriebe", wie Stefan George, der Bingetter, sagt, eine kleine Schar Nichtwirklichkeitsmenschen durch eine Zeit ungeheurer sozialer Kämpfe, wirt- - 448 — schaftllcher Umlväkzungeu und lvtssenschaftkicher Evolutionen ziehen, ohne sich umzusehen, dem Zauberwald zu. Das Geheimnis des Lebens liegt für sie im Suchen nach der Schönheit. Der Almanach von Karl Schloß, der übrigens,, wenn wir nicht irren, wie George ein geborener Rhcinhesse, ein Alzeyer ist, ist das ausgeprägte Gegenstück zu dem vor 15 Jahren erschienenen Münchener Musenalmanach Brcr- baums, und der Kreis der hier vereinigten Dichter gleicht ein wenig jenem Symposion von Dichtern, das König Maximilian II. von Bayern in seiner Residenz vereinigte, als da waren Geibel, Lingg, Julius Grosse, Bodenstedt, Wilhelm Hertz usw. usw. Was die besondere Art der Beiträge betrifft, so hat man das Gefühl, daß jeder Autor von seinem Besten zu geben versuchte. Vorherrschend ist die Lyrik, die u. a. Leo Greiner, Will), v. Scholz, E. v. Bod- mann, Karl Schloß, M v. Bernus vertreten. Leo Greiner, ein geb. Mähre, will Brücken schlagen zwischen der vergessenen Romantik und dem noch nicht verstandenen Nietzsche: „In dem Wechsel alles. Schwebens, was bereitet doch die Zeit? Alle Wandrer jetzt ans Erden müssen schauernd Zeuge werden ihrer tiefen Einsamkeit. In die Wanderschaft der Kreise blühst du aus mtS engem Schmerz: Du auch wirst ein Ring im Ringe alle goldne Saat der Dinge schließt sich reifend um dein Herz." Den Spuren goethischer Lyrik folgt Karl Schloß in einigen wunderbar abgeklärten und in edelster Form gebauten Gedichten. Die hier mitgeteilte Szene aus dem Puppenspiel „Der Rattenfänger von Hameln" zeigt einen etwas bizarren Humor, macht aber auf das ganze Stück gespannt. Wunderlich ist. auch die Prosaskizze „Weltuntergang", zeigt aber von tiefer Innerlichkeit und starker Einbildungskraft. In dem Schäferspiel „Die Verkündigung der Hirten" von Georg Fuchs, der bekanntlich aus Beerfelden stammt und lange in Darmstadt gewirkt hat, mischen sich seltsame deutsch-christliche und griechisch-heidnische Elemente, während doch das Ganze von einer farben- 'ollen Bildlichkeit und Plastik ist. Von den Prosaarbeiten sind neben vielen anderen — wir können hier nur wenige aus dem dicken Bande herausgreifen — zwei Essais sehr charakteristisch, einer von Wilhelm Worringer über Frank Wedekind, ein anderer von Hermann Eß wein über Knut Hamsun. Den 'Aufsatz über Wedekind wird man nicht ohne Verwunderung lesen. Mit derartig tollen Paradoxen ist wohl noch selten ein Autor von seinem Kritiker bombardiert worden. „Ms die Natur wissen wollte, wie sie ausschaue", heißt es da, da hat sie Goethe geschaffen. Als sie aber wissen wollte, ivie sie sich im Hirn eines Affen male, da gab sie einem solchen Sprache und Intellekt und machte ihn zum Künstler, da schuf sie Wedekind." Dieser , liebenswürdige Vergleich wird dann in aller Umständlichkeit weitergeführt und bildet sozusagen das Leitmotiv des Essais, bei dem es dem Verfasser mehr darauf ankam, zu verblüffen, als zu überzeugen. Somit ist sein Porträt Wedekinds nichts als eine Karikatur. Eine unbändige Kraft tobt sich auch in Eßweins Dithyramben auf das Werk Knut Hamsuns aus, die auch mehr dem Subjekt als dem Objekt zuliebe geschrieben sind. Der Aufsatz gleicht einem Feuerwerk: Raketen, Leuchtkugeln, Strahlengarben zischen auf, glühen und verpuffen. Ein Stil von großer Anschaulichkeit unb. Fülle ringt hier mit einer Reihe von Problemen, bie- nachdenklich machen. Die Art, wie Eßwein Hamsuns Schaffen analysiert, ist neu, kühn und voller Reiz. Man sieht, der Münchener Almanach gibt, so sagt Alfr. Donnegger sehr richtig im neuesten Heft des „Lit. Echo", mancherlei Anregungen, und das ist kein kleines Verdienst. Wenn auch der Messias unter den Freunden von Karl Schloß noch nicht ist, so kann, wer hören will, doch die Stimme manches Propheten hören. Volks- titib Heimatkunde. Kloster Eugeltal. Etwa 40 Minuten vom malerisch gelegenen Marktflecken Altenstadt erhebt sich auf sanft gewölbtem, waldumsäumtem Hügellande in stiller Weltabgeschiedenheit das ehemalige Kloster Engeltal, in früheren Zeiten „Romelingshausen" genannt. Nachdem das ehemalige Kloster „Rodenbach" bedeutungslos geworden war, stifteten dort die Herren von Carben im Jahre 1268 ein Kloster für Nonnen des Cisterzienserordens. Durch zahlreiche Stiftungen der Gründer und anderer Umwohner, sowie durch Ankäufe in seiner Umgebung gelangte das neue Kloster rasch zu erheblichem Wohlstand, so daß schon 1303 Albrecht I. ihm einen besonderen Schutzbrief ausstellte. Durch den Geländeerwcrb bei Aufteilung der Gemarkung Oppelshausen wurden die klösterlichen Besitzungen noch bedeutend vermehrt. Das Gebiet von Oppelshausen gehörte ursprünglich kirchlich und zivilrechtlich zu Florstadt, wurde ;e- doch wesentlich durch das Kloster Engeltal besiedelt. Um, die Mitte des 14. Jahrhunderts war Oppelshausen schon zum größten Teile dem neuen Kloster einverleibt. Nachdem die Burg Friedberg im Freigericht Kaichen festen Fiiß gefaßt hatte, beanspruchte sie auch über Engeltal Hoheitsrechte. Der erste Zusammenstoß zwischen Kloster und Brirg endete 1466 mit einem Vergleich. Im Jahre 1532 begab sich indessen das Kloster freiwillig in den Schutz der Burg. Dieser Friedberger Schutz erhielt dann 1544, 1566 und 1580 kaiserliche Bestätigung. Nach einem nn 17. Jahrhundert ausgebrochenen Streite schenkte Gustav Adolf 1632 den Nonnen das Kloster, das int 30 jährigen Kriege verwüstet wurde. Unter der 1702 verstorbenen Aebtissin Juliane Schmidt erholte sich das Kloster wieder etwas; 1692 wurde die zerstörte Kirche wieder hergerichtet und 1701 der prachtvolle Hochaltar erbaut. 1803 kam Engeltal an den Grafen, zu Set» ningen-Westerburg und dann an den Grafeii zu SolmK-Wildenfels, der es durch Ausgabe von Losen zu 10 und 20 Gulden verspielte. Es fiel in den Besitz des Kaufmanns Petsch zu Frankfurt a. M., von dem es an Kammerdirektor Klenze überging. Dieser gab es 1836 an den Grafen zu Solms-Laubach ab, der es heute noch besitzt und das Gut als Fideikommiß der Standes- herrschaft gegenwärtig durch den Pächter Güugerich bewirtschaften läßt. Im ereignisreichen Jahre 1806, also vor 100 Jahren, kam Engeltal unter Hefsen-Darmstädtifches Oberhoheltsrecht. Außer einem Oekonomiegebäude des Gutspächters umfaßt Ermeltal jetzt imr eine Kirche und ein gemeinsames Pfarr- und Schulhaus. Kirche und Schule dienen den in der Umgegeird zerstreut wohnenden Katholiken. Die Schule zählte int letzten Jahr nur 14 Kruder, gegen 20 in früheren Jahren. Lebertsregel. Bescheide dich. Ter Kindheit Spiel, Der Liebe Sehnsucht nach dem Ziel; Der heilge Bund, im Kamps zu zweit Getreu zu teilen Freud und Leid; Was ivert von dir des Lebeiis war, An Kinder, an die Enkelschar Vererbt zu sehn zu höherem Heil: Das ist dein Teil. Beglückender als Glanz uild Rang Ist das Bewußtsein, Liebe, Fleiß Dem eng iungreuzteii Pflichtenkreis Geweiht $n haben lebenslang. Das tröstet auch im Leide dich. Sei dankbar und bescheide dich. Wilhelm Jordan. Magisches Dreieck. Nachdruck verboten. — In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben beeeeeffhoorrrr der» -1 art einzutragen, daß dieeinanderentsprechenden wagerechlen und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes bedeuten: 1, Deutschen Volkshelden Oesterreichs. 2. Figur aus dem Kartenspiel. 's. Sagenhaftes Wesen. 4. Ein Fürwort. 5. Einen Buchstaben. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer: Hoffnung keimt, ein schwaches Hälmchen, Auch aus kahler Felsenwaud; Hoffnung leuchtet unter Tränen, Wie im Wasser der Demant. Gaudi). Rctatnon: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Uiiiversttals-Buck» und Steindruckerei. R. Lanae. Gießen.