1 Miirvoch de» 3 Sünna«- 4e SB Jem Waßrer?, Edlen, Schönen. Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz. (Nachdruck verboten.) 1. ®e9eit Mittag hatte sich das große Speisezimmer in der Wohnung der verstorbenen Sängerin bereits so mit Menschen gefüllt, daß die Neuankommenden sich an den Wänden entlang .drängen mußten, um in die Nähe des Auktionators zu gelangen. (SS war ein fröhlicher Märztag, und es ging ein laues Frühlingswehen durch die Straßen der Weltstadt; aber hier drinnen blieben die Fenster sorgfältig geschlossen, und als eine rasche Hand es wagen wollte, einen Riegel zu öffnen, um einen Strom Lenzlnft in das Zimmer zu lassen, erhob sich sofort ein sehr fiitet Herr, der dicht am Tische des Auktionators rn entern hochlehnigen Kirchenstuhl mit wundervollem «chmtzwerk saß, und wehrte energisch ab — mit einer Stimme, bte wie das Weinen eines kleinen Kindes klang... . die „Bente" der armen Peretti nicht in einem der üblichen Auktionslokale, sondern in der ehemaligen Wohnung der Sängerin stattfand, hatte seinen guten Grund A,te Verkaufsleiter hatten sich von diesem Arrangement eine besondere Anziehungskraft versprochen und sich in ihrer Vermutung atich nicht getäuscht. Tie Rosalba Peretti war wie ent Meteor am Himmel der Kunst nnd der Lebewelt aufgegaugeu und wieder versprüht. ,, .Vor drei Jahren war sie zunt erstenmal in der Haupt- ftiidt an,getreten nicht in der Oper, sondern in einer großen Singspielhalle, wo man für jebe Sensation un- 061;eure eummen zu zahlen pflegte, und hatte durch den phänomenalen Umfang ihrer Stimme, die auch in erstann- licher Hohe noch ehre Reinheit und einen kristallenen Wohl- klang behtelt, die musikalische Welt in Entzücken versetzt. Sie, war in der Tat ein Wunder — auch ein Wunder an Schönheit. Man wußte nicht, woher sie kam. Sie gab f.tch für ente Brasilianerin aus, aber es wurde behauptet sie set eine galizische Jüdin. Sie trat in Phantasie- kostumen auf, die mit Brillanten übersäet waren. Haar-, Hals- und Fingerschmuck waren von märchenhafter Kost- barkett. Unter der Gewandung wurden infolge geschickter galtenrafsung stets die feinen, schmalen und in raffinierter >- gehaltenen nackten Füße sichtbar. Man sah sie auf . 2-uyue immer nur in Sandalen, und auch an den zierlichen Zehen blitzten Edelsteine. Ihre Kostüme waren in keiner Weise indezent; aber schon die Mär voll ihren naateit Fußen füllte die Logen mit Glatzköpfen und gierig ^.esbvnnten Gesichtern. Und dann kam der Klatsch und erzählte Aretiiio-Geschichten von dem Leben der Tiva. Und auf einmal kam der Tod — ein grauenhafter, schrecklicher und plötzlicher Tod, der ein üppig blühendes Dasein in einem Augenblicke auslöschte. An einem Lenzmittage trat ote Peretti aus einem Blumenladen in der Friedrichstraße und hatte drei Lilien in der Hand. Da löste sich über ihr am Hause ein Stuckgesims und schmetterte krachend herab. Man trug das .unglückliche Mädchen entseelt in ihren Wagen zurück, mit gräßlich zermalmtem Kopfe; aber in der rechten Hand hielt sie noch immer zwischen den zu- santmengekrampsten Fingern die drei weißen Lilien. Nur leuchteten auf den zurückgerollten weißen Perigonblättern der Blüten jetzt purpurne Tropfen. Tie Verauktionierung ihres Nachlasses brachte interessante Einzelheiten. Am ersten Tage sollten ihre Brillanten versteigert werden. Aber bei der Abschätzung stellte sich heraus, daß fast die sämtlichen Steine falsch waren. Dafür fand sich, daß die Peretti auf der Deutschen Bau! ein Depot von rund einer Million Mark besaß. Nun wurde der Klatsch abermals laut. Es hieß, die schöne Rosalba habe die Angewohnheit gehabt, die Brillanten, die ihre Verehrer ihr zu Füßen gelegt, stets sofort zu verkaufen und durch unechte Steine zu ersetzen. Es hieß auch: alles sei Lüge, was mau vou der großen rauschenden Orgie ihres Lebens zu erzählen wisse. Sie sei als starre Tugend durch eine glitzernde Scheinwelt gewandelt, und die Million auf der Deutschen Bank fei der rechtmäßige Erlös umfangreicher Gruben und Minen irgendwo drüben in Amerika, die ihr von ihrem Vater hinterlassen worden seien. . . . * Alles das, und mehr noch die romantischen Versionen, die über die Erben ihrer Glücksgüter kolportiert wurden — viel Unsinn und wenig Wahrheit — hatten eine große Menschenmenge zu der Auktion gelockt. Es war heute der dritte Tag, und es sollten die Nummern 315 bis 602 des Katalogs zur Versteigerung kommen: allerhand Bric-ä-brac und kostbare -Bibelots, eine Sammlung von Gürtelschnallen, Ssvres und Alt-Meißen, Kupferstiche und Bücher, sowie vereinzelte Möbelstücke von großer Schönheit ober mit historischem Nachweis — kurzum ein buntes Allerlei, das auch aus anberen Städten Liebhaber unb Händler herbeigeführt hatte. Tie meisten auf der Auktion kannten sich, fanden sich bei jeder Versteigerung immer wieder zusammen, nickten sich zu oder begrüßten sich als alte Freunde unb betrachteten sich beim och gegenseitig mit mißtrauischen Augen. Vorläufig beherrschte der Hofantiquar Samuel, der alte Herr, der dicht am Auktionstifche saß, noch immer die Situation. Er sah mit feinem glattrasierten Gesicht und dem kurz geschnittenen weißen Haar eher wie ein englischer Peer als wie der arme Hebräer aus, der vor fünfzig Jahren in der Nosenthaler Vorstadt mit altem Silber gehandelt hatte. Schon bei der üorbesichtigung schnüffelte seine große Nase überall umher, glitten seine elfenbeingelben Spinnenfinger prüfend über dies und jenes Möbelstück, blitzte fein lebhaftes Ange über altes Kristall und seltsam geformtes Porzellan und ging allen Dingen mit der reifen Erfahrung eines geriebenen Kenners auf den Grund. Nun saß er anscheinend still auf dem hochlehnigen Kirchen- 2 bienet schlepvte ein mächtiges, in j Eifenbeindeckei gebundenes Missaie herber, .*. , r Z- ...... ~ C X P WitÄVrf» frlTTt rtÄltll rr etwas erstanden?" fragte er. „Ich warte nur noch auf Nummer 482", antwortete Berndal. „Tas ist eine Lithographie von Seilefelder, eine der frühesten und fast unbetannt; soll die ^enny Lind darstellen, aber ich glaub' es nicht recht. Die Taten passen mir nicht. Ich habe sechs Porträts der Lind in meiner Sammlung und bin neugierig, ob die Lithographie eine Aelmlichkeit Lei.Lt." nnM der ihm als das wertvollste Objekt der heutigen | Versteigerung erschien und den er sich gewissermaßen schon | . eefiCe?Sc gerade eine Mappe mit Kupferstichen der- ‘ steigert, als Urban Hammer in das Zimmer trat Er ■ ftufete als er die Menschensülle sah, und schien Lust zu | vlrivürem sich wieder zurückzuziehen. Aber eim Hand legte sich auf seine Sck)ulter, und eine etwas heisere Stimme stosst Ihnen Platz, Herr Baumeister. Halten Sie sieb hinter mich: ich brauche meine Ellenbogen. ! Tas war der dicke Reporter Knappe, em Mann, der I überall dabei war, der leben Menschen kannte, der mit I derselben Sorgfalt einen gestürzten rrroscykengaul regi- | ftriertc wie das traurige Ende eines Liebespaares oder I einen Ball beim Kriegsminister oder den Vortrag eines ! Volarreisenden. Er fand immer seine Stosse und schrieb I unermeßlich viel, gleichzeitig für ein paar Tutzend Zeit- uiigen, die Zeile für fünf Pfennige Honorar, zuweilen auch ! billiger: er ließ mit sich handelm Aber aus den Pfennigen wurden Goldstücke, Banknoten, Pfandbriefe und schueßllch ein paar Häuser. Ter „Zeilen-Knappe" war mehrfacher Hausbesitzer und schrieb weiter und trug unentwegt emen I äußerst schäbigen Rock und Sommer wie Wmter einen offenstehenden erbsengelben, fettigen und fleckigen Paletot, I an dem der unterste Knopf fehlte. , ... . „Erlauben Sie freundlichst", sagte er und puffte die Menschheit rechts und links mit den Ellenbogen. „Be^ 5 tretenJ der Presse. . . darf ich bitten . . . ich muß nach I Vorn . . Und so Mffte er sich weiter durch und schuf mit seiner massiven Körperlichkeit zugleich eine beqneme | Wandelbahn für Urban Hammer. , Auch der Baumeister fand mancherlei Bekannte. Aus einer Fensternische grüßte ihn das feiste Vitellins ges icht Von Fridolin Meyer (in Firma Bahlen Sohne), her hier j nach Vieux Saxe Ausschau halten mochte, und Nicht wert davon sah er den Konsul Werner mit dem Monocle rm Auge und aufgedrehtem Schnurrbart, einen passionierten Bibliophilen, dem es vielleicht die Ankündigung einer seltenen Moliere-Ausgabe angetan hatte. Tie Sammler von Berus und aus Liebhaberei trafen sich immer wieder. Uebrigens hatte der Baumeister gar nicht die Absicht, heute große Ankäufe zu machen. Tas Geld war ihm knapp geworden, was öfters vorkam bei feiner ziemlich regellosen Wirtschaftsführung. Es gelüstete ihn nur, einmal, die Nase tn den Auktionssaal zu stecken, gewissermaßen im Borubergehen, auf ein paar Minuten, lind da er die weinerliche Stimme des alten Hofantiguars hörte, be<, die Rostflecken auf den Moteauschen Kupfern bemäkelte, I)ätte_ er am liebsten sofort kehrt gemacht. Wo diese gewaltige Hakennase umherschnüffelte, lieh sich kein Preis machen; samuel gönnte auch der ungefährlichen Konkurrenz der Liebhaber nichts: er wollte alles für sich haben. Knappe hatte sich wahrhaftig bis tn die unmittelbare Nähe des Auktionators durchzudrängen verstanden. „Sehen Sie wohl, Herr Baumeister", sagte er schmunzelnd, „so muß Man es machen. Bei der Hochzeit des Prinzen Alfred har man mir beinahe die Kleider vom Leibe Mrifsen; aber ich bin doch durchgekommen und war der Einzige, der die Toilette der Prinzessin-Braut beschreiben konnte. Tann verneigte er sich nach rechts hinüber. „Guten Moraen, Herr Berndal" — und dann abermals mit einem Sxi£e die Ehre, Herr Kammerherr" . . . Ten Kümmerherrn Grafen Frehlinghaus, Hofmarschall der Prinzessin Luise, kannte Hammer nur dem Namen nach; aber mit dem kleinen Berndal war er öfters zusammen gekommen. Josef Berndal war Mitinhaber des großen Warenhauses Gebrüder Berndal, ein eleganter, noch junger Herr mit hübschem liebenswürdigem Gesicht. Tie Spezialität feiner Mußestunden war das Theater. Ta durfte er auf dieser Auktion selbstverständlich nicht fehlen. Ter Baumeister drängte sich an seine Seite, sodaß er die Wand im Rücken hatte, und reichte ihm die Hand, „schon Und wenn ja, dann wird das Bild gekauft "Aber versteht sich", entgegnete Berndal eifrig; „dann zahl ^ich^ jede$ ^nem Portefeuille. Hammer niuüte läckieln über diese Passion. Es war tn ©animter»1 Esten bekannt, daß Berndal eine ausgesucht schöne Theaterbibliothek und eine hervorragende Portratkollektion von Bühnenkünstlern besaß. Tas Theater w^ ^n Sieckenpferd. Er war ein tüchtiger Kaufmann, obwohl er ein vaar ^aljre Medistn studiert und sich in den Handel erst hatte Yntein- arbeiten müssett; aber jede seiner Mußestunden war bur Stiibne und was ihr zugehört gewidmet. Heute hatte er sich auf einige Stunden aus dem Geschäft frei gemacht, nur um die Lithographie der JennyLindbeauMnscheinigeli zu können, und wartete nun geduldig, bis die vcummer 4» bcS Tie°M?ppe"mit den^upftrstichen war dem Uiiersätt- lichen Hofantiquar zur Beute gefallen, und der Auktions- diener ‘ schleppte ein mächtiges, in wunderschön geschnitzte Elsenbeindeckel gebundenes Missale herbei, vas bei der Pe- i Jetfi als prunkhaftcs Ausstattungsstück auf einem altertümlichen Gebetstuhl gelegen hatte und wohl aus einein fränkischen Kloster des zwölfteti Jahrhunderts stammte. A-« wurden die gesamten anwesenden Antiquare wild und uni- hränaten den Tisch des Versteigerers und machten lauge Hälse^ "während der Auktionator langsam den wuchtigen I ^berdeckel des Missale zurückschlug und die erste yiinen | feite mit ihren roten Notenlinien, den gemalten Vignetten und den farbenstraylenden I U«ch Hammer, der für die Kleinkunst per alten -ouui illustration viel Interesse hatte, wollte naher treten als. | -r fühlte, daß ihn jemand am Rocke zog, 68 war ein | fnttLr cserr in einem zugeknöpften braunen Havelock, über I b-u am Halse ein feuerroter, elegant geschlungener Schlips fiel. Tie stark ausgeprägten Züge in dem^bartlosen Gesicht I Erinnerten an irgend einen großen Schauspieler, HMyofs selbst behauvtete, er sei das Ebenbild I lands. Aber Clau- d?ns Imhoff hatte nicht dem Schauspiel angehört, sondern I der Over. Meyerbeer hatte ihm dereinst gesagt, er sei b I geste Nelusko; doch mehr als eine immerhin braueppa e Kraft war er in Wahrheit nie gewesen. Nun lebte er I lissenkl'atfch kannte, Verbindungen ünknüpfte und lost ein gewandter Vermittler, der sich gelegentlich auch skrupel- ‘ 1 ff" S h°b° d-s Wnt« L Hehie Priestap '. Pscht — ich habe nichts Erbe ht? ^Pnchtap^^ Baumeister. Sa- niiiel scharrt zusammen, was er kriegen kann. Aber da. drinnen ^ist noch köstliches altes Mobiliar: ein schrank. Donnerwetter ein Schrank ans dem sechzehnten Hahr- bund-rt — das ist ein Wunderwerk! Und dann em Hun- melbett — lieber Baumeister, da wird Ihre seele lancyz >. Die arme Rosalba harte. Geschmack. Gott, d^ bedauernswerte Geschöpf,!.. . . Sie warÜbrigens den Dierz g uns sachte hinaus..." (Fortsetmng folgt.) Säuglingsfürsorge und Säug'ingsMtlHüuchrn. Von Dr. med. H. Koeppe. (Originalartikel der Gießener Familienblätter.) Wenn unser 20. Jahrhundert „das Jahrhundert des Kindes" genannt wird, so will das.besagen,daßman s) endlich klar bewußt wird, wie wenig man suh bisler um hie Kinder bekümmerte, und wie viel noch zu tun ist. wnr der ganzen Tatkraft, die unsere Zeit auszeichnet, hat man sich Öbem Studium des Kindes gewidmet: man sucht dem 8 Kinde nach allen Seiten gerecht zu werden, sucht m dre Seele des Kindes einzudrmgen, seine Regungen zu verstehen, seine Entwicklung zu verfolgen, die kindliche Kraft, die Kraft fürs Kind, kindliche Spiele, kindliche Sprache smd Gegenstände ernster Forschungen geistreicher Frauen und Männer. Gegenüber diesen das Seelenleben des Kindes betreffe- den Arbeiten, deren praktische Konsequenzen der Pädagogik zugute kommen, darf aber das leibliche Wohl des Kindes nicht vergessen werden — nur ein gesunder, kräftiger Körper vermag dauernde anstrengende geistige Arbeit zu leisten. Wenn in der Fürsorge für das leibliche Wohl des Kindes noch viel zu wenig geleistet wird, so hat das seinen guten Grund. Tas materielle Wohl verlangt materielle Mittel, mit diesen ist es für die Kinder recht herzlich schlecht bestellt. Tie Ruhmestat des vorigen Jahrhunderts, die soziale Fürsorge für die Armen und Krcuiken hat die Kinder vergessen, unser Jahrhundert hat angesangen es nachzuholen, schützt gesetzlich die Schulkinder vor Schädigung durch Erwerbsarbeit, sorgt durch Schulärzte für ihre Gesundheit, Milchspenden für ihre bessere Ernährung. Um das Kind vor der Schulzeit und gar das Kind vor dem ersten Lebensjahre, den Säugling, kümmert sich die soziale Fürsorge nicht im geringsten. Alle Sorge ist der Mutter überlassen. Sind denn da bei der Mutter die Säuglinge nicht aber am besten ausgehoben? Ter Mutterliebe zarte Sorgen bewachen seinen jungen Morgen. Jeder Zweifel daran klingt wie ein Verbrechen, — wohl, es besteht auch gar kein Zweifel darüber, daß für die Säuglinge die Mutter am besten sorgt, aber — und um dieses Aber kommt die ausopferndste, treueste Mutterliebe nicht herum — aber nur dann, wenn sie sorgen kann. Wenn dem Säugling die Mutter ganz oder auch nur zum Teil genommen wird, wenn die Mutter sich ihrem Kinde sich nicht widmen kann, nützt alle Mutterliebe nichts. Ja, um ihrem Kinde wenigstens das Leben zu erhalten, und sei es ein noch so kümmerliches, zwingt die Mutterliebe oft die Mutter, sich von ihrem Kinde zu trennen. Also heißt es dem Kinde die Mutter iviedergeben. Ist es denn nun wirklich so schlecht um die Säuglinge und kleinen Kinder bestellt? Entbehren denn wirklich so Viele die schützende, erhaltende Sorge der Mutter? Leider ja! Tas lehrt die hohe Säuglingssterblichkeit. Alljährlich werden die Säuglinge in einer Weise dezimiert, daß man es nicht für möglich halten würde, wenn eben nicht die Richtigkeit der Zahlen über jeden Zweifel erhaben wäre. Sterben doch in Deutschland jährlich weit über 420 000 Kinder, ehe sie das erste Lebensjahr vollendet haben, d. s. von 100 Geborenen über 25. Leider müssen wir noch gleich hinzufügen, daß Deutschland .in diesen ungünstigen Verhältnissen nur von Rußland und teilweise von Oesterreich übertroffen wird; alle anderen Länder haben eine geringere Säuglingsmortalität als Deutschland. Vor noch nicht 50 Jahren ist zum ersten Male die überaus hohe Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahre nach gewiesen worden, und seitdem ist das Kapitel der Säuglingssterblichkeit dauernd und intensiv von Kinderärzten, Hygienikern, Statistikern und Nationalökonomen bearbeitet worden. — Nach Feststellung der Tatsache, daß überall und zu allen Zeiten die Säuglingssterblichkeit eine enorm hohe ist, gegenüber der Sterblichkeit in anderen Lebensjahren, haben ausgedehnte Arbeiten die Ursache dieser hohen Sterblichkeit im ersten Lebensjahre zu erforschen gesucht, um Mittel und Wege zu ihrer Bekämpfung zu finden. Tas; die hohe Säuglingsmvrtalität schon vor ihrem statistischen Nachweis den A"rzten wie dem Volke bekannt war, daran ist nicht zu zweifeln, allein man war sich sicher nicht der erschreckende Höhe derselben klar, dann auch nahm man sie als etwas Selbstverständliches, Unabwendbares hin. „An Grec,an und Säuglinge^: ist nichts zu doktern". Dieser Spruch, den man heute noch häufig zu hören bekommt, illustriert deutlich die landläufige Auffassung. Bekannt ist ja, daß bei verschiedenen Völkern, um die vergebliche Mühe des Aufziehens zu sparen, schwächliche Neugeborene einfach ausgesetzt, dem sofortigen Tode übergeben werden. Einen gewiss-n Grad der Berechtigung kann man ja dieser barbarischen Maßregel nicht absprechen; manchmal mag es sogar humaner erscheinen,ein Neugeborenes sofort dem Tode zu überlassen, als es zu einem langsamen Sterben zu verurteilen, wenn angeborene schwere Bildungsfehler ein am Lebenbleiben unmöglich machen. Es liegt nahe, diese vom ersten Tage ad Verlorenen für die hohe Säuglingssterblichkeit veranUvortlich zu machen, und meines Erachtens erklärt die Hoffnungslosigkeit der Therapie bei diesen von vornherein zum Leben Unfähigen den Fatalismus gegenüber der Säuglingssterblichkeit im allgemeinen, denn geht ein Säugling ein, ohne daß ein grober Bildungsfehler zutage lag, nun so war es eben ein innerlicher, das Kind war zum Leben zu schwach. Allein es ließ sich bald nachweisen, daß diese von Geburt an Lebensunfähigen nur einen sehr geringen Anteil voll der Säuglingssterblichkeit ausmachen. Statistische Ermittelungen, lenkten bald die Auftnerk- samkeit auf einen anderen Faktor als Ursache der hohen Säuglingssterblichkeit, nämlich auf die Ernährung der Säuglinge. (Schluß folgt.) Die neue Foutane-Ausgabe. Von der Gesamtausgabe der Werke Theodor Fontanes, die die Verlagsbuchhandlung von F. Fontane u. Co. in Berlin- Grunewald veranstaltet, und deren wir bereits wiederholt Erwähnung getan haben, liegt die erste Serie geschlossen vor. sie umfaßt in zehn starken Bänden die Romane und Novellen Fontanes Man gewinnt hier ein Bild von der staunenswerten Schaffenskraft des märkischen Dichters. Für einen anderen Schrift- steller wurden zehn Bände gediegenen Inhalts ein anständiges und achtbares Lebenswerk bedeuten; Fontane begann seine Tätigkeit als Romanschriftsteller in einem Mter, das bei vielen anderen als der Eintritt des Lebensabends betrachtet ward. Er stand im 60. Lebensjahre, als er 1878 seinen ersten großen Roman schrieb, und er hat feine umfangreiche belletristische Tätigkeit erst beendigt, als der Tod dem Äceunundsiebzigjährigcn die nimmermüde Feder aus der Hand nahm. . . . Was Fontane vor seiner letzten Arbcitsperiode geschrieben hat, seine Bucher über England, seine Kriegsberichte von 1864, 66, 70/71, ferne Erlebnisse als Kriegsgefangener, aus den Tagen der Okkupation, seine Gedichte und Balladen, die Briefe und Kritiken, die Selbstbiographie, die klassischen Wanderungen durch die Mark, werden weitere Serien füllen und ein Bild geben von der gewaltigen Lebensarbeit, von seiner nimmermüden Erfindungs- und Gestaltungskraft, feinem gewissenhaften Fleiße. Wre allen Schriften Fontanes, sind diese Eigenschaften auch seinen Romanen und Novellen eigen, deren letzter, „DerStech- l i n" erst nach seinem Tode 1899 erschien. Sie alle legen Zeugnis ab von einer bewundernswerten Beobachtungsgabe der Natur wie der Menschen, von einer Fähigkeit, das Beobachtete mit realistischer Treue, die sich zuweilen bis zur Rücksichtslos igkeit steigert, wiederzugeben. Fontane, der in seinen Romanen den Ehebruch wiederholt als Konfliktstoff benutzt hat — cs sei nur an „L'Adultera" und „Effi Briest" erinnert — schreat nicht davor zurück, auch die gewagtesten Situationen dem Leser vorzuführen. Aber er bleibt dabei immer dezent; er wird niemals roh, Unästhetisches ist ihm zuwider. Darum vermeidet er sowohl das brutale Ausmalen verfänglicher Szenen wie daZ lüsterne Andeuten, ohne das viele „Moderne" nicht auskommen zu können glauben. Wieder seien hierfür die beiden oben angeführten Werke als Zeugen in Anspruch genommen. , Musterhaft löste Fontane die großen psychologischen Aulgaben, die er sich selbst stellte. Mit besonderer Liebe behandelt er zwei Typen: den Urberliner (Kommerzienrat v. d. Straten in „L'Adultera", Prof. Willibald Schmidt in „Frau Jenny Treibet") und den märkischen Junker, als dessen Normalbild mit allen dieser Menschenklasse eigenen CharakteristiciS er ^ins den alten Stechlin zeigt. Eine der schönsten psychologischen Studien ist „Stine", der Liebesroman des anständigen Aristokraten mit dem Mädchen aus dem Volke; auf derselben Höhe stehen „Irrungen, W i r r u n g e n", die das Problem von einem ganz anderen Standpunkte behandeln; endet „Stine" tragisch, so führen „Irrungen, Wirrungen" zu einer „gütlichen" Lösung. Eines der interessantesten Kavitel bei Fontane ist die nnterschled- liche Art, wie er Männer- und Frauencharaktere behandelt. Seme Männergestalten sind festgefügt, geben stets ein klares Bild; feine Frauen sind Rätselfigurcn. Es war für den Dichter stets besonders reizvoll, der J-rauenpsyche auf ihren verschlungenen Entwickelungspfaden nachzuspüren, sie gewissermaßen anatomisch zu zergliedern und unter das Mikroskop, zu nehmen. Man lese auf diesen Gesichtspunkt hin „Effi Briest". Gleich groß wie als Psychologe ist Fontane als „Milieu - schilderer. Hier sind es vor allem zwei Momente, das Berliner Leben und die märkische Landschaft, denen er immer wieder neue Seiten und neue Reize abgewinnt. Prächtig ist die Schilderung des sich zur Großstadt entwickelnden Berlin der siebziger Jahre in „L'Adultera" und in „Irrungen, Wirrungen". Wundervolle Bilder der märkischen Winterlandschaft werden in „Bor dem Sturm" entrollt: die nächtliche Fahrt durch den Barnim, die Schlittenpartie nach Lehnin sind ebensolche Kabinettstücke, wie 4 die Weihnachtsstimmuug in der Königstraße und die Tabagie auf dem Windmühlenberge in demselben Roman, oder die Wem- stube von Sala Tarone und die Fahrt nach Tempclhof in „Schach v. W u t h e n o w". Und endlich noch ein viertes Moment, das jedem Leser Fontane ganz besonders lieb und wert macht: das ist sein köstlicher, zuweilen herber, aber immer treffender, goldiger Humor und das tiefe, reiche Gemüt, das aus feinen Werken zu uns spricht. Für die Beliebtheit Fontanes als Romancier zeugen die hohen Auflagen, die viele seiner Romane und Novellen aufweisen: Errungen, Wirrungen" liegt in der achten, „Frau Jenny Treibel" in der siebenten, „Effi Briest" in der elften, „Ter Stechlin" in der zehnten Auflage vor. Theodor Fontane gehört zu den deutschen Schriftstellern, denen ein Platz in unserer Lausbibliothek gebührt. Tie Möglichkeit das; von der neuen Auflage jeder Band einzeln (zum Preise von 3 Mark ungebunden) erworben werden kann, macht es auch dem weniger Bemittelten leicht, sich in Fontanes Werken allmählich einen Hausschatz anzusamnieln, der ihm stets und immer wieder eine Quelle reinsten Genusses und edelster geistiger Erholung bietet. Bei feen hohen Fieischpreisen ch die Frage für die Hausfreuen besonders wichtig: Wie wird Fleisch a m B o r t e i l h a f t e st e n s ü r d e n b ü r g e r l i ch e n Tisch zu bereitet? Wie oft hört der Metzger in seinem Laden: Das Fleisch, das ich erhalten habe, hat meinem Manne nicht geschmeckt, es war hart, zähe, trocken! Vergeblich bemüht ffich die Meisterin, der Kundm klar zu machen, daß Uebelstände durch die Art und Wei,e der Zubereitung entstanden sind. _ Was wird nicht alles unser» Töchtern gelehrt! Aber ein Stuck Fleffch vorteilhaft unter Ausnutzung aller darin enthaltenen Bestandteile für den Familientisch zuzubereiten, darüber werden nur wenige Hausfrauen unterrichtet. . Das Metzger-Gewerbe befindet sich auf diesem Gebiet in einem fortwährenden Kampf mit seiner Kundschaft. Diesen Kampf im Interesse des Metzger-Gewerbes und des konsumierenden Publikums zu einem friedlichen Abschliiß zu bringen, soll die Aufgabe des folgenden Preisausschrei- benS sein welches die Allg. Fleischer-Ztg., Berlin SW. 19, für die b e st en Vor schriften der Fleis chzubereitung für den Familieiitisch erlaßt. a) Zubereitung von Rindfleisch für Suppen, als Beigabe zu Gemüsen, zum Braten. b) Zubereitung von Hammelfleisch — wie bei Rindfleisch. c) Zubereitung von Schweinefleisch unter Berücksichtig- uua m gesalzenem und geräuchertem Zustande, das Kochen der üblichen Wurstarten als Beilage zu Gemüsen. d' .«Übereilung von Kalbfleisch, vor allem auch für Krankenkost. » «darauf gelegt, daß dem Fleische die volle Nahrkraft erhalten, dasselbe schmackhaft, weich und leicht verdaulich durch die Zubereitung bleibt. i w^^^Ä^^den 1000 Mark ausgesetzt, und zwar als 1.. Preis 300 Mark, 2. Preis 200 Mark, 3. Preis 100 Mark mit je einem Ehren-Diplom. . Die durch das Preisrichter-Kollegium weiter für gut befundenen 20 Vorschriften sollen mit je 20 Mark und einem Ehren- Diplom ausgezeichnet werden. Die Einsendung muß bis zum 15. Februar 1906 erfolgen. * Wie großsGeister über das Rauchen urteilen. Die Verteidiger ber drohenden Tabaksteuer können sich nicht genug tim, die Zigarre als einen „Lupusartikel" hinzustellen. Die Widersacher des Tabakskrauts vergessen ganz, daß dem Manne , in der überwältigenden Majorität das Rauchen ein Bedürfnis, nicht ein Luxus ist. Berühmte Männer sympathisierten zum größten Teile mit diesem „Laster", sie gaben nicht nur durch die „Propaganda der Tat" ihre Zuneigung zum Ta- baksgenuffe zu verstehen, sie sangen auch das Loblied des „Glimmstengels" in allen Tonarten. Lessing stellte den Tabak über den Wein. „In vino veritas — aber im Tabak das Sinnen auf Wahrheit, das tiefe Nachdenken". Zola hat sein Urteil über das Rauchen dahin abgegeben, daß der Einfluß des Rauchens auf die literarische Schaffenskraft wichtig genug sei, um wissenschaftlich untersucht zu werden. Zola war selbst infolge ärztlichen Anratens Nichtraucher geworden, sein objektives Urteil ist darum um so höher zu veranschlagen. „Ich kannte große Schriftsteller', sagte einmal der berühmte französische Romanzier, „die dem Rauchen unbeschränkt ergeben waren, und habe nie bemerkt, daß ihr Verstand darum weniger scharf gewesen fei." ©erabeju köstlich ist eine Szene, die einst Thomas Huxleh gelegentlich einer Debatte über das Rauchen in einer großen Er Er Er Er Er Er Er Er O du verflixte ier-erei! Der Teufel hol' die Ziererei, Tie Sprachenruiniererei, Und Bildungsparadiererei! — Ach, Goethe, hättest du's erlebt, Wie man die Sprache jetzt verwässert, Mit welschen Brocken sie durchwebt, Du hättest deinen Faust verbessert: „Es iert der Mensch, so lang er strebt. impo-, dest-, depo-nierk, iso-, gratu-, defi-liert, da-, z>-, dik- und debii-tiert, do-, for-, inspi-, exer-ziert, igno-, inse-, inspi-riert, bombar-, degra-, cxplo-diert, bug-, zen-, fri- und amü-siert, della-, bla- und ani-miert! Es iert der Mensch. Die Münchener „Jugend" verspottete jüngst die deutsche Fremdworterei in folgenden Versen: Ein Uebel hat der deutsche Mann! Er wendet gern ein Fremdwort an. Und wenn man's deutsch auch sagen kann, Er wendet doch ein Fremdwort an. Humoristisches. ■ •- ULeutnant: „Kamerad, gehst Du mit ä(,,aiay*et(ee?.! — 2. Leutnant: „Jetzt absolut nicht ... . Doktor Schweinebraten, Chansonetten und Rauchen verboten!" D r ii ck i e h l e r., (Aus einem Volksroman.) Er vertrank seinen Kram (Grant) und ging nach Amerika. S i e Ui h lt es. Baue r, zu seiner Frau: „Schau Alte, wie traurig unsere Sau heule dreinschaut, als ob sie's wüßte, daß sie gepfändet ist?I" ' 1 ®ut gegeben. A. (zu B.): „Also das ist der Schriftsteller, der immer in Kompagnie Stücke schreibt? 1" — B.: „Tas hat er aufgegeben! Seit einem halben Jahre fällt er selbstständig durch I" Humor des Auslandes. ,* .3 u n g e F r'a u: „Henry, da ist ein verheirateter Mann mächtig verliebt in mich." — Eifersüchtiger Gatte« „Himmel! Wer ist das?" — „Wenn ich es Dir sage, willst Tu mir dann den neuen Mantel kaufen, den ich mir wüiiscli?"— das will ich." — „Run, Henry, Du brauchst Dich deswegen nicht auszuregen — Du bist eS selbst!" ' ; englischen Gelehrtenverfammlnng heraufbeschwor. Bor den zwek feindlichen Heeren, den Raiichfreunden und den Ranchgegnern. begann der berühmte Naturforscher seine Rede folgendermaßen! „Vierzig ^-ahre lang war der Tabak für mich ein tödliches Gift. (Vvbel bei den Ranchgegnern.) Ms Student versuchte ich, zu rauchen, aber bei jedem Versuch streckte mich der hinterlistige Feind zu Boden. (Erneuter Jubel.) Ich trat in die Marine ein und wiederholte die Proben mit abermaligen Niederlagen. Ich haßte den Tabak schließlich derart, daß jedes Gesetz, das die Raucher zum Tode verurteilt hätte, meiner Unterstützung sicher gerne)en Ware (Stürmischer Applaus.) Vor einigen Jahren nun toar ich mit Freunden auf einem größeren Ausfluge begriffen: m ein Wirtshaus, und sie rauchten. Sie sahen sehr glücklich aus, draußen war es trübe und regnerisch. Ich wollte wieder versuchen, eine Zigarre zu rauchen. (Murren.) Ich tat es. (Erwartung.) Ich rauchte — und fand es köstlich. (1J, n.)