Yr. 161 1906 t Isrcttag den 8. Uovemöer > J tz ? l i Z- i $ $' Z W^M MWMZ ssÄSwwm UW WWUK Iää’S-« Im Manne des Geljeirumsses. Noman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Er spazierte zur Farm hinunter, um die Wirkung seiner neuesten Errungenschaft an Betsy zu erproben imb fand zu seinem Entzücken, daß sie ihren Eindruck auf Betsy nicht verfehlte, obwohl diese für gewöhnlich für Derartiges nicht sehr empfänglich war, Tas flößte Jack Vertrauen ein. „Sehr bald jetzt, Betsy", sagte er, werde ich dir etwas niittcilcn können, was du gern hörst". Betsy lächelte, hielt ihm die rote Wange zum Kusse hin, und Jack nahm in bester Laune Abschied, um seinen Plan auszuführen. — Es war ihm eine ganz großartige Idee gekommen. Ganze Tage und Nächte hatte er damit zugcbracht, einen Gedanken zu sassen, onf welche Art und Weise er den Namen des Ortes erfahren könne, wo sein Vater gelebt hatte und verunglückt war. Wenn er das ausfindig machen konnte, so war sein Glück gcnracht. Er brauchte dann nur dorthin zu gehen und Nachforschungen anzustcllcn, alles über seine Mutter auszukundschaften, und dann ■— um mit Geheimpolizisten voin Fach zu reden — auf die erhaltene Auskunft hin handeln. Aber wie dies ausfindig machen? Seine Mutter war nicht zum Sprechen zu bewegen; ebenso gut hätte er ihr zu- muten können, sie solle fliegen. Aus ihr konnte er kein einziges Wort herausbringcn; aber die großartige Idee, die ihm kam, war folgende: Sicher war doch jeder Unglücksfall in den Zeitungen berichtet. Das Verunglücken eines Bahnwärters war damals noch kein so gewöhnliches und alltägliches Vorkommnis wie heutzutage — es wurde etwas mehr Aufhebens davon ge- macht; vielleicht stand ein Menschenleben damals noch höher und die Menschen entsetzten sich mehr darüber, wenn einer der ihrigen ein schreckliches Ende fand. Wenn er nach London gehen und dort irgendwo eine Sammlung älterer Jahrgänge von Zeitungen durchsetzen könnte, so wäre cs möglicherweise herauszubekommen. Er hatte gehört, daß in irgend einem Casä — war's Pccle's Garraway's oder welches? — die ,Timesh vom allerersten Jahrgange an gesammelt, vorhanden war. Er brauchte nur das Jahr ausfindig zu machen, worin das Unglück vorge- kommen, und dann den betreffenden Jahrgang genau durch- zusehcn. Wäre Kate Jefferies eine klügere oder argwöhncrischere Fran gewesen, so hätte sie in seinem beständigen Plaudern von einem Vater Anlaß zu Befürchtungen gesehen. Er stellte endlose Fragen über ihn, die alle ganz arglos von der Frau, die den Verunglückten so treu geliebt, beantwortet wurden. „Es kommt einem, wie mir, wirklich hart vor, daß man gar nie auch nur etwas von seinem Vater gewußt hat. Wenn er am Leben geblieben wäre, so wäre er wohl recht stolz auf mich gewesen, was?" „Ja, das wäre er, Jack." Und die Thräncn standen Kate Jefferies in den Augen bei diesen Wortrn. „Hat er mich denn überhaupt noch gesehen", fuhr er arglistig fort. „Gewiß. Du warst — laß mich sehen — wie alt, als er starb? O, Jack, ich komme nicht mehr darauf. Du solltest mich nicht immer mit Fragen darüber quälen. Du weißt doch, wenn ich an diese Sachen und das schreckliche Unglück denke, werde ich jedesmal ganz verwirrt im Kopf." Kate hatte ganz unabsichtlich im Begriffe gestanden, die Wahrheit zu sagen, sic hatte sagen wollen: „Tu warst erst zwei Monate alt als er starb", als iHv plötzlich eingefallen war, daß Werner für seinen jüngeren Bruder galt. Er sah ihr Stocken, ihre Verwirrung und ihren Schrecken und verfehlte nächt, seine Position sofort auszunutzen. „Ich bin zwciundzwanzig Jahre alt, nicht wahr?" sagte er. „Ja, aber Jack", klagte sie, „was quälst du mich so? Warum fragst du mich immer nach diesen Sachen?" Aber Jack wußte jetzt genug für seinen Zweck. „Ich will Metten", sagte er bei sich, „ich war ein Wickelkind, als er starb, und von Master Werner hat er überhaupt nichts gewußt. Bor einundzwanzig Jahren a£fo, wollen wir sagen; das ergibt das Jahr 18—. Jetzt will ich den Rest bald heraushaben." Jack schrieb abermals an seinen Bruder — und zwar diesmal um zehn Pfund, nicht um drei, und Werner, der noch immer auf Kenninghall weilte, begann zu erwägen^ mit welchen Gründen er sich gegen weitere brüderliche Anzapfungen verteidigen solle. Er schickte ihm gleichwohl noch die zehn Pfund, teilte ihm aber mit, daß er vorläufig nicht mit weiteren Forderungen kommen müsse. „Ich bin augenblicklich auf Ken- uinghall", schrieb er, „und >vie Du weißt, Jack, kann man an 'einem derartigen Platze nicht ohne Geld sein. Ich habe letzt kaum genug, um noch auszukommen." Worauf Jack erwiderte: „Daß niemand, der eine Fee zur Patin habe, eigentlich an etwas Mangel leiden dürfe." „Wo ist dies Kenninghall? "dachte Jack. „Wenn ich etwas entdecke, so könnte es sein, daß ich Werner besuchen müßte." 642 Nach vielem Forschen fand er heraus, daß Kenning- Hall der Familiensitz von Lord Wayne sei, und sein Gesicht drückte bei dieser Kunde eine gehörige Portion Erstaunen aus. „Der junge Mann scheint seinen Weg unter große Leute zu machen", sagte er sich. „Ich möchte wohl wissen, wie lange ich die Waynes von Kenninghall kennen könnte, ehe sie daran dächten, mich zu sich einzuladen. Es ist eine sehr ungerechte Welt." Doch diese Gedanken hielten nicht lange an; Jack hätte sein Geld, und alles schien auf ihn zu lächeln. „Ich will nach London, Mutter", sagte er eines Morgens; „ich habe gehört, es gäbe dort Arbeit, die gerade so etwas für mich wäre, und ich will es einmal damit ^pTobicrcn." Kate Jefferies' Gesicht klärte sich auf. „Wenn das wahr wäre", dachte sie, „so wäre es ein sehr gutes Zeichen — ein besseres könnte es ja gar nicht geben. Wenn Jack einmal Arbeit hätte, die ihm gefiele, so würde er die Quälerei und das Gefrage über Werner und seinen Vater aufgeben." Sie ließ sich tatsächlich beschwatzen, ihni noch ein paar Pfund mehr zu geben — von Werners Geschenk wußte sie natürlich nichts —, und Jack brach hochbefriedigt auf nach London. — Er war doch einigermaßen verblüfft über die gewaltige Ausdehnung dieser Stadt, über ihre wundervollen Straßen und Gebäude, über die Myriaden menschlicher Wesen, die sie erfüllen. „An so einem Platz, da sollte ich wohnen", dachte er, „in Elton ist für mich kein Spielraum." „Und Jack, in seinem neuen Ueberzieher, wandelte durch die Straßen Londons mit einer gewissen leutseligen, großartigen Unabhängigkeit und Nonchalance, die für jeden, der ihn kannte, höchst belustigend zu beobachten gewesen wäre. Am Tag nach seiner Ankunft fand er das Cafö, wonach er suchte, und ging hinein. Er war nicht leicht erregbar, aber als er sich endlich vor den großen Stößen Zeitungen niederließ, von denen einer den Schlüssel zu dem gesuchten Geheimnis enthielt, klopfte ihm das Herz doch hörbar vor Aufregung. Es überkam ihn ein unbestimmtes Gefühl, daß er Lesser daran täte, es ruhen zu lassen, daß es besser sei, wenn das so sorgfältig gehütete Geheimnis auch ferner Geheimnis bleibe. Es war seine bessere Natur, die ihm dies einflüsterte, aber Jack hörte Jetten auf Einflüsterungen dieser Art. Ein Leben ohne Arbeit, Geld genug, und nichts dafür tun brauchen; Unabhängigkeit, Luxus, Betsy als seine Frau; er selbst der Gegenstand des Neides und der Bewunderung eines jeden jungen Mannes in Elton — alle diese Gedanken erhoben sich mit eineinmal gegen die gute Einflüsterung — alles andere war wie nichts; Selbstsucht und Gier behaupteten das Feld. Jack öffnete die Bände; die Zeitungen von jedem Jahr waren nach dem Datum geordnet; vom ersten Januar bis zum Dezember; sie ivaren vollständig; keine Nummer fehlte. Er sah Januar sorgfältig durch. Es war eine mühsame Arbeit, denn Jack las nicht gern; die kleine, enge Schrift war ihm ganz ungewohnt. Januar und Februar nahmen ihn viele Stunden lang in Anspruch. Er war so begierig, die Wahrheit zu erfahren, daß er keine Zeile überschlug. Jede Nachricht, jeder Absatz mit der Ueberschrift oder fettgedruckten Zeile: „Un- glücksfall" oder „Schrecklicher Unglücksfall" hatte eine un- widersteihliche Anziehungskraft für ihn; aber des Namens, den sein Vater trug, geschah in keinem Erwähnung. Jack fühlte, daß ihm bte Sache bereits etwas leid wurde. Und sie war ihm so leicht vorgekommcn; er hatte geglaubt, daß weiter nichts zu tun wäre, als bloß die langen Spalten von oben nach unten durchzusehen, um die Wahrheit heraKszubekommen. Aber Stoß auf Stoß, und kein Resultat — damit hatte er nicht gerechnet. Jack begann müde zu werden. „Ich werde es aufgeben", sagte er, „wenn ich Stunde auf Stunde hier sitzen und über diesem Augenpulver brüten Jack war die Arbeit in allen ihren Zweigen verhaßt, wenn er aber eine mehr verabscheute, wie die andere, so war es Lesen und Schreiben. Nach vier Stunden ihm endlos scheinender Arbeit ging er somit davon zum Mittagessen. Alsdann wurde er mit sich einig, daß ihm die Augen ordentlich vor Ermüdung und Angegriffenheit schmerzten, und daß er sie notwendig schonen und etwas ablenken müsse. Somit studierte er fleißig die großen Anschlagzettel, besonders verschiedene gelbe Plakate, die ein großes sensationelles Theaterstück ankündigten. Er beschloß, hinzugehen und es sich anzusehen. Gedacht, getan, — und von dem Abend an datierte Jack eine neue Epoche in seinem Leben. Er war nie vorher im Theater gewesen, und seine Ekstase kannte fast keine Grenzen. „Das werde ich jeden Abend machen, wenn ich erst Geld habe", das war sein fester Entschluß. Das ruhige Leben in Elton ist nichts mehr für mich. Ich hab' gar nicht gewußt, daß es so was Schönes auf der Welt gibt!" Und seine Leidenschaft fürs Theater stachelte ihn neuerdings zu frischen Anstrengungen an; er beschloß, als er abends den Tag Revue passieren ließ, gleich am nächsten Morgen früh seine Sache wieder zu beginnen und sich den ganzen Tag daran zu halten. 29, Kapitel. Jacks Erfolg. Einen Stoß nach dem anderen durchackerte Jack den nächsten Morgen wieder, ohne Ergebnis. Er kam nunmehr an April 18— und sah ' mit erneutem Eifer die Spalten durch. Konnte er seinen Augen trauen? Träumte er nicht? Spielten ihm die Buchstaben einen Streich, oder hielt er wirklich den Schlüssel zu diesem Geheimnis endlich in Händen? Hier war eine Nachricht! Rote Lichter schienen ihm vor den Augen zu tanzen, das Gehirn schien ihm im Kopfe zn schwimmen; es rauschte und brauste ihm wie Wasser in den Ohren, feine Hände zitterten. Es war ihm, als wenn alles in ihm aus den Fugen ginge. „Schrecklicher Unglücksfall. Ein schrecklicher Unglücksfall, wie sie sich von Zeit zu Zeit auf den Eisenbahnen ereignen, hält augenblicklich das freundliche Städtchen Abbots- ville in Lancashire in Aufregung und Schrecken. Ein Bahn- * wärter, der schon seit einigen Jahren bei der Eisenbahn- Gesellschaft beschäftigt, namens William Jefferies, wurde überfahren, als er gerade die Geleise überschreiten wollte, um an feiner Weiche etwas in Ordnung zu bringen. Eine Maschine, die er weder gesehen, noch gehört hatte, kam hinter ihm her, erfaßte ihn, warf ihn zu Boden und tötete ihn auf der Stelle. Der Körper war fürchterlich verstümmelt. Die junge Witwe findet allgemeinste Teilnahme." Er las es und las es wieder und wieder — er, der Sohn des Mannes, dessen Tod hier so kurz mitgeteilt wurde. Es war sein eigener Vater, wovon diese Nachricht da sprach, sein eigener Vater, der einen so schrecklich qualvollen jähen Tod gefunden, aber kein Gedanke des Mitleids, der Wehmut kam ihm. Wenn die Nachricht von einem ganz Fremden gehandelt hätte, so hätte er sie nicht mit größerer Kälte und Gefühllosigkeit lesen können. Kein Gedanke an das so jäh abgeschnittene kräftige junge Leben, kein Gedanke an den Kummer der jungen Witwe — nichts dergleichen kam ihm. Hastig schlug er das Buch zu und erhob sich von dem Tische. Die Luft des Zimmers schien ihn zu ersticken — er mußte hinaus ins Freie und Zeit haben, seine wirr durcheinander jagenden Gedanken zu sammeln und zu ordnen. Er stürzte hinaus aus dem Cafö lind schlug eine der ruhigsten Straßen ein, die er finden konnte. Er hatte endlich den Schlüssel gefunden, — mit knapper Not bezwang er sich soweit, daß er nicht laut aufjauchzte; er hatte ihn gefunden, er war sein! Schon schien es ihm, als ob er die Taschen mit Gold gespickt hätte, — als ob er in einem prächtigen großartigen Hause mit Betsy wohne, jeden Abend ins Theater gehe und sich nach bester Kräften amüsiere. Hurra! alles das konnte er sich jetzt leisten, — jetzt, wo er den Schlüssel hatte. Abbotsvtlle! Er lachte laut, als er daran dachte, wenn er jetzt plötzlich zurückkehrte und seiner Mutter dies Wort ins Ohr flüsterte! Wie sie vor Schreck zusammensahren würde, was für ein Weines Gesicht sie kriegen und wie unruhig und ängstlich sie werden wurde Der Gedanke erschien ihm so unwiderstehlich komisch, daß er au^> vollem Halse lachte — dann sammelte er sich. Sein Geld würde nicht ewig vorhalten, das war zunächst zu bedenken. Es war also das Beste, jetzt gleich nach .Abbotsville zu gehen, solange er noch Geld hatte Er ging stracks zum Bahuyof und ermittelte, daß vor zwei Uhr nachmittags kein Zug in der Richtung fuhr Dm Reise bot keinerlei Schwierigkeit; der Zug fuhr durch bis Abbotsville. o Jack stärkte sich mit einem ausgezeichneten Mnllag- essen, versah sich mit einer Flasche Sherry, einer Anzahl belegter Brötchen und war pünktlich zur Stelle. Vielleicht wunderten sich die Mitreisenden in seinem Coups, warum der junge Mann so beständig vor sich hinlächelte, warum er so erregt, so entzückt und vergnügt schien. „Abbotsville!" rief der Schaffner; „umsteigen in der Richtung nach Hatton Junction!" Und Jack verließ das Coups. Willst du glauben, lieber Leser, daß er auch mit keinem Gedanken daran dachte, daß hier sein leiblicher Vater getötet worden war? Ein anderer wäre vielleicht mit Schaudern über die Schienen geschritten, die vom Blute seines Vaters gerötet worden waren. Nicht so Jack; keine solche Erinnerung überkam ihn. Er war in Abbotsville, und Abbotsville barg das Geheimnis, das zu enthüllen er sich geschworen. Er ging in das Städtchen, durch die altmodischen, fast ländlich stillen Straßen. Er sah umher; vielleicht hatte er gedacht, das Geheimnis an den Wänden und Mauern geschrieben zu finden — doch es stand nichts daran. Er mietete sich in einem kleinen, netten Hause in einer ganz ruhigen, abgelegenen Straße ein — es war ein Wohu- uud ein Schlafzimmer. Als seine Hauswirtin ihn fragte, wie lange er bleiben werde, erwiderte er: „Das loeiß ich noch nicht; ich bin in Geschäften hier und muß bleiben, bis sie erledigt sind." Mit wunderbarer Vorsicht ging er zu Werke; er überzählte sein Geld und legte das für die Rückreise nach Elton nötige beiseite. Dann teilte er den Rest irr viele knappe Portionen; jede mußte ihm so und so lange reichen, und er beschloß, klug und vorsichtig damit umzugehen. „Adieu Bier und Zigarren, bis ich die Mittel habe, mir soviel zu kaufen, wie ich will", seufzte Jack, als er seine Bilanz aufgestellt hatte. Aber mit der verlockenden Aussicht auf einen solchen Preis konnte es nicht schwer sein, sich seiner liebsten Genüsse auf eine kurze Weile zu enthalten. Er ioar also in Abbotsville. So weit war die erste Hälfte seines Planes geglückt; aber jetzt, wo er so weit war, was war jetzt sein nächster Schritt? — Ruhe und Nachdenken zeigten ihm alsbald den weiteren Weg. Er mußte zur Eisenbahnstation gehen und versuchen, sich dort anzusreunden. Dies eine Mal dachte er an seinen Vater; möglicherweise war noch jemand da im Dienst, der ihn gekannt hatte. Somit erfreuten sich die Bahnhofs- beamten etwa gegen neun Uhr morgens des imposanten Anblicks Jacks in seinem neuen Ueberzieher. Er spazierte den Perron auf und ab, nach Kräften bemüht, würdevoll und gleichgültig zu erscheinen. Dann näherte er sich einem grauhaarigen Mann, der eifrig damit beschäftigt war, einen Wagen zn reinigen. „Seid Ihr schon lange auf dieser Station?" fragte er. „Jo 'ne sechs Jahre, Herr", erwiderte der Mann und faßte an die Mütze, bereute aber sofort die Höflichkeit, als seine geübten Augen die Art der Persönlichkeit, die ihn angeredet, feststellten. „Sechs Jahre", wiederholte Jack; „wie lange ist denn der Stationsvorsteher hier?" „Kein Jahr. Ich habe in dieser kurzen Zeit drei neue Vorsteher gesehen." „Wißt Ihr vielleicht, ob einer der Beamten oder sonstigen Angestellten lange aus dieser Station ist?" fragte Jack. »Ich kanns nicht sagen; keiner, daß ich wüßte." „Ich habe nämlich einen besonderen Grund zu dieser Frage. Mein Vater war Bahnwärter und ist hier vor so ungefähr zwanzig Jahren verunglückt." „Sehr nahe scheint Ihnen das nicht zu gehen," sagte der grauhaarige Arbeiter, der genau wußte, wen er da vor sich hatte. „Wenn ich hier mal verunglücke, so werden meine Jungens hoffentlich anders von mir sprechen." „Na, seht — Ihr müßt wissen, ich war erst ein Kind von zwei Monaten, als das passierte, — wirklich, da irrt Ihr Euch aber — es tut mir sehr leid; und gerade der Wunsch, etwas über meinen armen Vater zu hören, hat mich hierher geführt." „Ich möchte nämlich gern jemanden treffen, der ihn gekannt hat und der mir etwas vor: ihm erzählen könnte. Ich weiß, er liegt hier auf dem alten Kirchhof begraben, und ich möchte ihm gern einen Grabstein fetzen lassen, bloß um den Leuten hier zu zeigen, daß ich sein Andenken in Ehren halte." Und Jack schnitt dabei das wehmütigste Gesicht, das er nur machen konnte. Eine freie Erfindung natürlich, um die Jack in den seltensten Fällen verlegen war; aber der Gedanke schien dem alten Eisenbahnarbeiter höchlich zu gefallen. Er stand ein paar Minuten still und dachte nach. „Vor zwanzig Jahren", sagte er endlich; „das ist eine lange Zeit. Ich glaube, die meisten unserer Leute hier sind unterdessen neu gekommen; halt, laßt sehen — da ist der alte Herr Hoggs, der ist in der Gepäckannahme, und — sollt ich glauben — bald fünfundzwanzig Jahre da. Wie hieß denn eigentlich Ihr Vater?" „William Jefferies." „Na, gut; gehen Sie nur mal zum alten Herrn Hoggs; wenn noch jemand überhaupt etwas von der Sache weiß, so ist das der Mann dafür." Mit dem Versprechen, ihn noch einmal zu sehen, spazierte Jack das Stationsgebäude entlang und sah auch alsbald das' Schild „Gepäck-Annahme". Er ging hinein und fand drinnen einen alten Mann emsig bei der Arbeit, den er in seiner besten Manier anredete. „Herr Hoggs, darf ich Sie ersuchen, mir ein paar Augenblicke Ihre Aufmerksamkeit zu schenken?" Der Alte sah auf, verwundert über die höfliche Anrede. „Hoffentlich", fuhr Jack mit einer neuen tzöflichkeits- salve fort, „dränge ich mich Ihnen nicht auf, aber man hat mich an Sie, als einen der erfahrensten Beamten der hiesigen Station, verwiesen." Das Komvliment war sehr gut gewählt. Des Alten Gesicht klärte sich auf, und er hörte Jacks weiterer Rede gespannt zu. „Mein Vater, William Jefferies, war Bahnwärter und ist vor zwanzig Jahren Hierselbst auf dieser Station verunglückt. Ich bin sein Sohn und weit hergekommen, um etwas über ihn zu hören." „Ja", sagte der alte Manu langsam, „ich erinnere mich ganz gut au William Jefferies. Ich stand dabei,als er überfahren wurde, der arme Kerl! Und ich war auch öubei als wir zu seiner armen Witwe gingen und ihr das Unglück mitteilten." Es war eine Studie, dies Gesicht Jacks, zwischen seinem Bestreben, bekümmert und wehmütig dreinzusehen, und seiner Freude, daß er endlich jemanden gefunden, der ihm jede Frage beantworten konnte. „Ich will meinem armen Vater einen Grabstein setzen lassen", sagte er seufzend, und Herr Hoggs blickte fehr teilnehmend drein. Doch weitere Unterhaltung war unmöglich; es klopfte energisch an das Schalterfenster; eine ganze Reihe von Leuten, die ihr Gepäck abgefertigt zu haben wünschten, heischten seine Aufmerksamkeit. „Ich sehe, Sie sind sehr beschäftigt", sagte Jack; „ich logiere Viktoriastraße 3; wenn ich bitten darf, kommen Sie heute abend zum Essen zu mir — sagen wir, um Sieben — dann können wir über diese Sache weiter plaudern." Herr Hoggs sagte gern zu, uud Jack ging davon, in bester Laune über den Erfolg dieses Morgens. (Fortsetzung folgt.) AL sielen. Bon Richard Staben. Nachdruck verboten. Dicke Nebelwolken ballten sich um und vor den Telephon- dräbten zusamnien, ein seidenstrühniger Sprühregen fiel vom Himmel, selbst die dicksten Ueberröcke und Mantel durchnässend. Die Bürgersteige der Straßen waren mit jener schmierigen Kruste überzogen, welche das Vorwärtsschreiten so entsetzlich behindert. — 644 Ein Pärchen fit Trauerkleidung, mit Kränzen ausgerüstet, strebte hinaus nach dem Wiener Favoritenkirchhof. „Dr. Franzl", sagte die junge Fran zu ihrem Gatten, „wemr's nicht sein mühte, ..... glaubst du nicht, das; ich schon jetzt müde bin?" Frauzl war schlechter Laune, er hatte die Nacht mrt dein Hausmeister einen K'rach über die Höhe des Sperrsechscrls gehabt. „Na ja", brumnite er ärgerlich, „was t>n zu Ehren deiner Schiviegermutter tun sollst, war dir von jeher zu viel/ , . „Red litt so, Frauzl", schmollte die Frau, „hab ich fte nicht verpflegt bis an ihr Lebeuseud? Wer hat denn all die Plag gehabt während der lange» Krankheit?" „Na, ja", stimmte Frauzl etwas beruhigter bei, „'s war ja eine schlimme Sache mit der Krankheit. Aber das; dich das so angestrengt hat, dast du immer gleich todmüde bist, wenn du zehn Schritte gegangen bist . Die junge Frau wurde blutrot tm Gesicht, senkte das Köpfchen und schwieg. _ „ ....... .— — Auf dem Friedhof schob sich eine dichtgedrängte Menschenmenge durch die Gänge. Fast kein Grabhügel war ohne Schmuck gebliebeii und als die Dämmerung hereinbrach, flammte zuerst hier, daun dort ein Lichtlein auf, bis schlicszlich der Friedhof in einem Meer von Licht erstrahlte. Während die junge Frau das Grab ihrer Schiviegermutter schmückte, trat Franzt bei Seite imd verrichtete ein stilles Gebet. „'s tvar eine brave Frau, meine Mutter, Gott hab sie selig", meinte Franzl, „die hat was z'samm geschafft in ihrem Leben. Und an Kummer und Sorgen hat's ihr wahrlich nicht gefehlt. Aber sie hat alleweil in dec Arbeit Trost gesucht und gefunden. Da war ihr ein ruhiger Lebensabend recht zu gönnen." „Ich hab' sic gepflegt nach Kräften",- meinte die junge Frau, „und sie ist auch sanft und schmerzlos hinübergeschlummert." „Ja", stimmte Franzl zu, „'s war ein ruhiger Tod . . . Schade, duß ich ihr nicht noch die letzte Freude bereiten konnte--" Die junge Frau errötete von neuem, ergriff den Arm ihres Mannes und beide traten den Heimweg an. Als sie das Friedhofstor hinter sich hatten, blieb die Frau plötzlich stehen, neigte ihren Mund au ihres Mannes Ohr und flüsterte ihm etwas zu. „Potztausend", rief er freudig erregt aus, „wenn das die Selige noch hätte erleben können! Also daher deine fortwährende Müdigkeit. . ." Die junge Frau nickte, während ein Freudenstrahl ihr Gesicht verschonte, — ein glückliches Paar mehr auf der Welt! Vermischtes. * Der Deutsche als Mustergatte. In der eng- kischcn Wochenschrift „Answers" finden wir folgende Bemerkung, die den deutschen Ehemann in englischer, für ihn sehr günstigen Beleuchtung zeigt; „Frau B. zufolge gibt cs keinen Ehemann auf der Welt, der mit dem deutschen Ehemann verglichen werden könne; und da unsere Gewährsmännin eine Engländerin ist, sollte ihre Meinung Gewicht haben. „Dem Deutschen", sagt sie, „geht die eigene Frau über die ganze übrige weibliche Welt. Er behandelt sie mit unwandelbarer Herzlichkeit und Verehrung und bezeigt ihr alle jene kleinen Aufmerksamkeiten, die die Frauen lieoen; er macht sie zu seiner Vertrauten und Gefährtin, teilt seine Freuden mit ihr und befragt sie in Geschäftsangelegenheiten. Er hat fast nichts in seinem Leben, das ihr fremd bleibt, und ist gewöhnlich meiner Meinung nach und der von tausenden anderen deutschen Ehefrauen jenes wunderseltene Wesen: der Jdealehe- mann." — Na also! * Französischer „Königsw ei u". Selbst die Behörden der dritten französischen Republik können nicht immer jede offizielle Erinnerung au die monarchische Vergangenheit ihres Landes vermeiden. In ganz Frankreich ist ein Wein berühmt, der, in nur geringer Menge, an einer rlmauer des Schlosses von Fontainebleau wächst und den Namen „Wein des Königs" trägt. Wollte man ihm diese Bezeichnung nehmen, so würde er sicherlich von seinem Ruhme schnell einen bedeutenden Teil eingebüßt haben. Und da der Wein dem Staate gehört, der Erlös in die Kassen des Finanzministers fließt, so läßt man ihm lieber seine so gänzlich undemokratische Etikette, als ihn int Werte herab- zusetzen. Die Versteigerung des Königsweins lockt jedesmal nicht nur Händler und Freunde eines guten Tropfens, sondern auch Liebhaber der Geschichte nach Fontainebleau hinaus und, diese bestaunen ehrfürchtig die Mauer, an der sich der Wein hinaufrankt, der seine Anlage, der Ueberlieserüng zufolge, Heinrich IV., dem galantesten Könige von Frankreich, verdankt. Als Therese Humbert, die geniale Millionenschwindlerin, noch im Besitze ihrer ergaunerten Reichtümer war, erwarb sie jahrelang den größten Teil des Königsweins von Fontainebleau, um ihre Gäste mit dieser Delikatesse des Weinbaus zu regalieren. Damals brachte die Jahresauktion bedeutend höhere Summen als letzt, denn der großen Therese kam es nicht darauf an, die Preise tüchtig in die Höhe zu schrauben, — es ging ja schließlich auch nicht um ihr Geld. Seitdem sie vom Schicksal ereilt worden ist, vollzieht sich der öffentliche Verkauf des vielgepriesenen Königslveiues wieder in normalen Bahnen. Die jetzige Versteigerung, die vor einigen Tagen vor sich ging, brachte nicht viel mehr als zweitausend Mark. * Wie hoch ist die Temperatur der sonne? Zu dieser von Astronomen und Physikern viel umstrittenen Frage liefert der Pariser Professor M o i s s a n in einem Vortrage vor der „Acadömie des Sciences" einen neuen Beitrag. Der Prometheus schreibt darüber folgendes: Schon 1892 war es Moissan gelungen, eine große Anzahl von Metallen int elektrischen Ofen zur Verdampfung, zu bringen. Die neuerdings fortgesetzten Versuche haben gezeigt, daß all Metalle und sehr viele andere Stoffs bei Temperaturen bis zu 3500 Grad Celsius in den gasförmigen Zustand übergehen. Insbesondere die Verdampfung des Titans bei etwa 3500 Grad Celsius glaubt Moissan als Anhalt, zur Bestimmung der Sonnentemperatur benutzen zu können, da dieses Element im Sonnenspektrum besonders stark vertreten ist. Ob nun aber damit mehr oder weniger als sicher bewiesen gelten kann, daß die Temperatur der Sonne in der Nähe von 3500 Grad Celsius liegt, ist noch eine offene Frage. Einmal besitzen wir "bisher kein Instrument, das exakte Temperaturmessungen bis 3500 Grad Celsius gestattet (die Angaben der optischen Pyrometer von Wanner, Föry u. a. sind für solch hohe Temperaturen nur Näherungswerte), so daß die Bergasuugstemperatur des Titans nur sehr ungenau bekannt ist, dann aber ist auch in Betracht zu ziehen, daß der Druck auf der Sonneiwberfläche von dem atmosphärischen Druck auf der Erde ganz außerordentlich abweicht, so daß die Temperatur,, bei welcher ein Metall, also etwa das! Titan, auf der Sonne in Gasform Vorkommen kann, von der auf der Erbe in Betracht kommenden Temperatur ganz erheblich verschieden sein kann. * Das Leben in der Natur. Wenn beim Eintritte des Winters die Blätter von Bäumen -und Sträußern dem Tode anheimfallen, so sind die Stoffe, aus denen sie ausgebaut wor- dcn sind, nicht der völligen Vernichtung preisgegeben. Die Verwesung zerlegt das Zellengerüst der Blätter und die in ihnen noch restierenden Krystalle, Salze und sonstige Ucberreste, die die Pflanze bei der herbstlichen Verfärbung und bei der Rüstung für den Winter nicht in sich zurückgezogen hat, in ihre Grundstosse, in Kohlensäure, Wasser, Kali- und Amuwniaksalze, alles sehr wichtige Nahrungsstoffe für die Pflanzen. Diese ruhen dann int Boden ober schwingen sich auf ins Luftmeer, bis die Frühlingswärme sie wieder dem jungen, keimenden Leben auf der Erde zuführt. Aus diesen Stossen schöpfen die Pflanzen neue Kraft und neues Leben. Durch tausend Wurzelfasern dringen dieselben, int Wasser aufgelöst, in die Pflanzen ein, und wenn die Reserve- stosfe die Blattkiwspen zur Entfaltung gebracht haben, dann nehmen auch die jungen Blättchen die Kohlensäure aus der sie umgebenden Luft mit Begierde auf, um daraus unter der Einwirkung des Sonnenlichtes die unentbehrliche Stärke zu bilden. So werden alle Blattüberreste wieder verbraucht, indem sie zu notwendigen Faktoren beim Aufbau neuer Formen werden. Es gibt demnach, in der Natur keinen ewigen Tod. , Aus den Trümmern und dem Moder des Vergangeneu hebt sich immer wieder das Leben der kommenden Geschöpfe und Geschlechter; alles,, was schon da war, lebt wieder auf, nur in neuer Gestalt., Auserwählte. Die Einzelnen unsres Volkes sterben nicht, Die unsichtbare Kronen tragen, In bereit Herz ein Morgenrot wird tagen, Tas immer 'nen Erlöser führt ins Licht. Wie au! der weiten grauen Wasserbahn Aus all den ruhigen) unruhigen Wogen Urplötzlich Eine schießt in höherem Bogen Und wirst ihr Kronen.silber himmelan: So heben sich auch ans dem Menscheustrom Gekrönte Häupter aui zum hellen. Äelher, Der als ein Held in Waffen, der ein Beter, Und hie und da ragt Einer wie ein Tont. Bensheim a. d. Bergstr. Karl Ernst Knodt. Nachdruck verboten. Ich bin ein Osfizier, ein lockrer Schmetterling Und schließlich gar — ist's kalt dir in dein Magen — Erscheine ich als wärmendes Getränk. Du schlürfft mich dann mit sichtlichem Behagen. ni. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Städtcrätsels in voriger Nummer: Lissabon, Berlin, Brkeg, Meppen, Maiim, Liegnltz, Bamberg; Leipzig. Redaktion: wrnst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Sleindruckeret. N. Lange. Gießen.