M. 95 1906 18 BBS frhOl-i pW M Mittellose Mädchen. Roman von H. E h r Hard t. (Nachdrück verboten.) (Fortsetzung.) In ihrem Zimmer angelangt, entzündete sie ein Lampe, stellte sie auf den primitiven Toilettentisch, über den, ein länglicher Spiegel an der Wand hing und betrachtete sie auf- merksam. Sie seufzte leicht auf. Wie schmal sie geworden war! Ob sie ihm noch gefallen möchte, wenn er sie Wiedersehen würde? lind wo würde sie ihn Wiedersehen? Ihn Wiedersehen? Sein fesselndes Gesicht, das gar nicht schön, ihr doch das schönste schien auf der Welt — seine leidenschaftlich fordernden Augen. Sie senkte die Lider in einem unbeschreiblichen, süssen Wonnegefühl — all das, was sie heut erfahren, vereinte sich zu einem überwältigenden, alles Weh hinwegschwemmenden Strome glühendster Hoffnungsfreudigkeit — ein Erschauern ging durch ihre Glieder, ihre Lippen lächelten traumhaft sehnsüchtig. So verklärt sah sie ihr Gesicht, als sie langsam den Blick wieder hob — sic staunte — sic war sehr schön in dem Augenblick. Ein befreites Aufatmen kam aus ihrer Brust. Sie wusste, ihre Blütezeit würde erst kommen mit dem Glück. Noch konnte fie’ä nicht fassen, daß die strahlende lichte Göttin auch ihr aus dem Blütcnreichtum ihres Füllhorns einen Kranz winden und um ihre Stirn flechten sollte, aber je mehr sie nachdachte, je genauer sic Bittners Worte über den Freund und sein Benehmen zergliederte, je klarer wurde ihr auch, daß sie nicht unberechtigt diese wahnsinnigen Glückshoffnungen in sich halte wachsen lassen. Ihn ihretwillen war der geliebte Mann ein anderer geworden, sie ivar es, die er nicht vergessen konnte, daß er ihr Bild aus dem Gedächtnis schuf — sie, um derentwillen keine andere Frau mehr für ihn existierte — da war keine Täusch« ung möglich. Lange lag sie schlaflos, die Hände auf das stürmisch pochende Herz gepreßt, des geliebten Mannes Namen flüsternd, nm dem Jubel in der Brust etwas Luft machen zu können — cingehüllt in einen Rausch von Liebesglück, gleich den Menschen, die lange gedurstet, an dem ersten Glase Wein sich schon süße Betäubung trinken. Unterdes schlich eine graue, gebückte Gestalt in Nacht und Dunkel bis vor ihre Tür und hockte sich auf der Schwelle nieder. Es war die.Sorge. 5. Ruth Mcridies erwachte am nächsten Morgen durch eine zaghafte Berührung ihres Annes. Sie war sonst immer die erste am Platze, aber der Schlaf Halle sich in dieser Nacht sehr spät bei ihr eingestellt, um sic dann so lief und traumlos zu umfangen, daß sic ihn erst gleich einem Bann von sich abschüttcln mußte. Energisch richtete sie sich auf und öffnete die Augen. Blinzelnd schaute sie um sich, denn das Zimmer war von Hellem Sonnenschein erfüllt, das grell durch das eine vom Vorhang bereits befreite Fenster siel. Dann weitete ihr Blick sich in schreckhaftem Staunen. Neben ihrem Bett stand Walter, nur notdürftig bekleidet, hilflose Verstörtheit in dem blassen Gesicht, an allen Gliedern zitternd. Im Moment war Ruth ganz munter, entsetzlich wach. „Um Gotteswillen, Junge, was gibts? Ist denn irgend ein Unglück passiert?" „Ich weiß nicht!" stotterte der Knabe, mit wirrem Blick an der Schwester vorbeisehend, „Heinz ist nicht da — er ist gestern abend — auch in der Nacht nicht nach Hause gekommen — und draußen ist einer von der Bank, der fragt nach ihm und der hat die Schäfern so grob angefahren, sagt sie, weil Heinz doch nicht da ist, und jetzt verlangt er Dich zu sprechen." Ruth deckte einen Moment die Hand über die Augen. Ein furchtbares Uuglüek reckte sich drohend vor ihr empor. Beinahe hätte sie laut und angstvoll aufgeschrieen. „Hier ist seine Karte!" flüsterte Walter neben ihr. Ihre kalten Finger krampften sich um das steife, kleine Blatt — daun las sic mechanisch den Namen darauf: Ernst Wilhelmi, Bankprokurist. Sic besann sich. „Geh!" befahl sie heiser, „führe den Herrn ins Zimmer nebenan — zieh Dir vorher wenigstens Deinen Paletot über, sag', ich werde gleich kommen." In wirrer Hast fuhr sic in ihre Kleider. Sie dachte so gut wie nichts dabei. Es war zu viel, der Sturz aus der Höhe herab zu jäh — sic lag am Boden wie "gelähmt, ohne klares Besinnen. Wie eine Statue erschien sie dem ernsten, blondbärtigen Manne, der ihr ungeduldig entgegensah. Unter dem rasch und lose aufgesteckten schwarzen Haar leuchte ihr schönes Gesicht wie weißer Marmor. Unwillkürlich änderte er ihrer Erscheinung gegenüber seine Haltung. „Ich bedauere aufrichtig, der Ueberbringer einer Unglücksbotschaft zu sein, Fräulein Meridies!" sagte er nach einer stummen Verneigung, mit einer peinlichen Stimmung kämpfend, „aber Ihr Herr Bruder hat sich seit gestern mittag nicht mehr bei uns blicken lassen — und da sich", er zögerte leicht, setzte sich den goldenen Kneifer fester auf die Nase, ehe er fortfnhr, „da sich bei sofortiger Durchsicht der ihm seit kurzeui erst überlassenen Bücher einige Unregelmäßigkeiten fanden ■— die er jedoch möglicherweise aufzuklären vermag — so bin ich von meinem Chef hergesandt, mich nach seinem Fortbleiben zu erkundigen." Ruths Hand tastete, Halt suchend, nach einer Stuhllehne — vor ihren Augen begann sich das ganze Zimmer zn drehen. Die Wolke, die so lange unklar und dräuend über ihrem Haupte geschwebt hatte, senkte sich herab, finster und schwer, das eben erst. aufgeflammte Glückshoffen erdrückend. Blitzgleich flog die Erinnerung an jene Stunde, da der junge Bruder das erste Mal als Dieb vor ihr gestanden hatte, durch ihr fieberndes Hirn. Immer wieder, wenn sie in sein mürrisches, trotziges Gesicht gesehen, den scheuen Blick seiner Augen, die niemals voll und ganz ihrem forschenden standhalten gekonnt, bemerkt hatte, war die alte heimliche Angst über sie gekommen, das nicht zu überwindende Mißtrauen — nur täuschend eingelullt durch die Zufriedenheit seines Chefs, bei dem er über zwei Jahre lang gearbeitet. Sie hatte manchmal im Stillen gual- volle Bedenken verkämpft, ob sie Recht daran getan, den Vormund um seine Vermittelung zu Heinzens Anstellung gerade in einem Bankgeschäft zu bitten. Mußte sie nicht gewarnt sein? Hieß es nicht das Schicksal hcrausfordern, wenn man einen haltlosen Charakter vor eine tägliche Versuchung stellte? Sie hatte es gut gemeint. Sie hatte alles getan, ihm durch eisernen Fleiß und treueste Pflichterfüllung, in Entbehrung und Stolz ein leuchtendes Beispiel zu geben. Umsonst die Mühe, umsonst ihr treues Aushalten auf ihrem Posten. Alles umsonst! Ein würgender Knäuel stieg in ihrer Kehle auf — vergebens rang sie nach Worten. Erst als der Mann vor ihr eine Bewegung machte, als ob er sie stützen wolle, raffte sie den letzten Rest ihrer Kraft zusammen, und indem sie mit der Rechten leicht seine Hilfe abwehrte, sagte sie tonlos: „Danke, es ist schon vorüber — ich bin bereit, Ihnen jede gewünschte Auskunft zu geben." Er murmelte ein paar unverständliche Worte und drehte nervös seinen schwarzen runden Filzhut in den Händen herum. „Mein Bruder ist gestern mittag wie stets gegen zwei Uhr von Hause fortgegangen," fuhr sie automatenhaft fort, „ich selbst machte ihm den Vorschlag, den Abend auswärts zu verbringen, da ich einen Besuch jti machen hatte und unser jüngerer Bruder zu der Geburtstagsfeier eines Freundes geladen war. Ich kam so frühzeitig nach Hause, daß es mir durchaus nicht auffallen konnte, meinen Bruder noch nicht hier zu finden — ich bin leidrr an fein spätes Nachhause- kommen gewöhnt." „Er war in schlechte Gesellschaft geraten?" warf der Bankbeamte ein. Es klang halb wie eine Frage, halb wie eine bestimmte Voraussetzung. (Fortsetzung folgt.) 157 Hage korsischer Aauömörder. Erinnerungen an Korsika. Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf Tiemann. (Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.) Als mein neuer Lieferant die erste Monatsrechnnng brachte, bemerkte er, daß eines Tages von dem Eßbesteck — in Ajaccio durfte ich mich noch dessen bedienen — die Gabel gefehlt hätte. Es wäre ein silbernes Besteck ge- wesen uird hätte 12 Frs. gekostet. Ich müßte ihm daher 6 Frs. ersetzen. Als Goldschmiedssohn hatte ich ant Fabrikstempel längst festgestellt, daß es sich um „Christofle" handelte. Gelegentlich hatte ich auch gehört, daß es sich nicht verlohnte, eine abgebrauchte Mfenid-Gabel iien zu versilbern, da die Uebersilbernng ungleichmäßig aussikle und die Kosten dafür sich nicht viel niedriger stellten, als neue, die etwa 2,50 bis 2,75 Frs. kostete. Ich bat deshalb den Chef, mir bei dem Restaurateur eine Muster gabel/ besorgen zn lassen, die ich meinen Brüdern zur Beschaffung des Ersatzes einsenden wollte. Man brachte mir eine fnukcl- nagelnene direkt ans einem Goldschmiedladen. Da ich es für unhöflich hielt, diese nach Hause zu schicken und, nachdem eine gleiche bestellt wär, dem Ajaccioer Goldschmiedezurückzugeben, bat ich den Chef durch einen Wärter, sich in der Stadt nach einer solchen Gabel umznsehen. Und man erstand den Ersatz für 2,75 Frs. Wir mußten stets um 6 Uhr ins Bett. Wenn dann alles im Gefängnis still ivar imb man die Wärter im Wachtzimmer beim Kartenspiel fluchen hörte, tonte oben aus dem gemeinsamen Schlaf- raum ein mehrstimmiger Gesang herunter, der jedem einzelnen, Chef und drei Wärtern, eine treffend kritisierende Strophe widmete nnd mit dein Refrain „oh pauvrcs pri- sonniers" schloß. Dem Chef wurde vorgehalten, daß er einen Gefangenen, der sich über das unausgebackene Schwarzbrot beschwert halte, „im mauvais snjet" genannt nnd in die Dunkelkammer (Cachot) gesperrt hatte. Monsieur Pompeji würde jeden Tag wilder nnd verrückter, Mon- sieur Ricola, wenn ich mich nicht irre, wäre eine Schönheit und schwärmte für schöne Frauen, und Monsieur Pnlticini erklärte immer, wir wären alle Christen. Als ich, mittels einer einen Meter langen Kette mit einem Schmuggler zusammengekettet, nebst zwei Einbrechern unter der Eskorte von fünf Gendarmen von Ajaccio nach Bastia eskortiert wnrde, mußte jenes Trio auf Verlangen des Brigadiers Frechinos diesen Kantns zum allgemeinen Gan- dium steigen lassen. Leider konnte ich mir weder Text noch Noten notieren. War es draußen dunkel geworden, imb zeigte das ununterbrochene Pfeifen der Ratten an, daß diese wieder uneingeschränkten Besitz von den Gefängnishöfen genommen hatten, prasselte bisweilen ein Felsstein über die Gefängnis-' mauer. Nach diesen Zeichen hörte ich, wie über mir das Zellenfenster geöffnet wurde und das gemütlichste Zwiegespräch, ungestörter als an dem Dvppelgitter bei amtlich nachgesuchten Unterredungen, unbelauscht von Wärtern, sich entspann. Da Korsisch, ein italienischer Dialekt, gesprochen wurde,. konnte ich leider nichts verstehen. Bisweilen wurde meinem „Ueberkopfer" ein mehrstimmiges Ständchen gebracht, dessen Refrain demjenigen im Liede: „Wer ein Liebchen hat gefunden" ans Mozarts „Entführung aus dem Serail" ähnelte. Gegen 7 Uhr schlief ich gewöhnlich ein, wenn mich nicht die Uhr des Palais de Jnstice noch länger wach hielt, die jede Viertelstunde zwei- mal verkündigte. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde, dem Unglücklichen im Ajaccioer Gefängnis jede Viertelstunde doppelt. Um Mitternacht weckte mich fast regelmäßig der erste Hahnschrei. Da ein Hahn die vielen anderen der Nachbarschaft wachrief nnd ein verschlafenes Maultier sich gemüßigt sah, mit seinem asthmatischen Gebrüll eiuzustim- men,'war selten an ein Wiedereinschlafen zn denken. Wie' oft habe ich wachend gelegen nnd geglaubt, über mir zu hören, wie Eisen aus Eisen feilte, war doch früher, wie ich hörte, ans meiner Zelle einmal ein Fluchtversuch gemacht worden. Bald begann jenseits der Mauern heftiges Zanken und Streiten. Emsige Wäscherinnen hätten in frühester Morgenstunde an der Quellenleitung ihr Tagewerk begonnen. In den Zank nnd Streit mischte sich das. derbe Klatschen nnd Schlagen der bearbeiteten Wäsche. Gegen fünf Uhr wurde auf den Forts geweckt, nnd nut sechs Uhr hörte man die Wärter gähnend hervorkriechen. Spaß machte es mir, wenn der Wärter, der unten du jour hatte, uns beschleichen wollte, während der Wärter auf der ersten Holzgalerie laut stampfend seine Aüknnft anzeigte. War ich schlechter Laune, so stellte ich mich schlafend, sodaß er wecken mußte. Meistens rief ich ihm meinen guten Morgen schon zu, wenn sein Blendlicht dnrch das geöffnete Schautürchen fiel. Dann wusch ich mich, und meine tägliche Morgenandacht, die mich in der sehr schweren nnd trüben Zeit über Wasser gehalten hat, begann. Wie müde, hoffnungslos nnd erschöpft ich oft ivar, dafür diene, daß es mir bisweilen trotz der größten Anstrengungen nicht möglich war, die Melodien der von den ersten zehn Jahren au auf dem Kloster Unserer lieben Frauen, Magdeburg, tausendmal gesungenen ganz bekannten Choräle zn finden. War ich ganz trotzlos, so sang mir häufig eine Grasmücke, die auf der Geiä'ngnismaucr saß, neuen Mut 379 — zu. Ich ermaß damals das Gefühl, das die kleinen gefiederten Naturgeschöpfe beseelen mochte, von denen wir zu Lebzeiten meiner Mutter immer gegen 10 Stück, Zeisige, Stieglitze, Buchfinken, 'Amsel, Hänflinge, Gimpel usw. in einzelnen Käfigen gehalten hatten, und gelobte mir, davon nie wieder eins, das außer seiner goldenen Freiheit nichts weiter hat, wieder eiuzusperreu. (Fortsetzung folgt.) Arankfurts Wedergang als Kunststadt. Von Joses M. I u r i n e k - Franksurt a. M. Nachdruck verboten. Junifesttage feierte in diesen Wochen die stolze Handels- inetropolc am Main. Junifesttage! So nannten wenigstens die Veranstalter (der Frankfurter Verkehrsverein) die diversen künstlerischen und sportlichen Ereignisse. Man hatte, das Rezept ist bequem und billig, einfach programmatisch zusannuen- gcstellt, was im Juni Frankfurt a. M. bietet. Oper und Schauspiel nannten einige ihrer Abende Festspielvorstellungen, dazu gesellte sich, ein internationales Laivn-Tenuis-Turnier, gesellten sich olympische und Rasenspiele, kamen die Rennen in Niederrad und Polospiele im Goldsteincr Walde. Die Ge- schmacklosigkcit trieb man jedoch auf die Spitze, indem man in dem Junifestprogramm vermerkte: Mittwoch, den.13. Juni, Totenfeier für Ibsen. Wo aber blieb bei all. den Veranstaltungen das wahrhaft Künstlerische, wo jene Gaben, die auch Fernstehende nach der Mainstadt gelockt hätten? Hätte die Herkoinerfahrt nicht in Frankfurt a. M. ihren Ausgangspunkt genommen, ich glaube, nicht einmal die Frankfurter selbst hätten um die Junifesttage sich bekümmert. Mehr denn je wurde man daher in diesen Wochen an die Worte erinnert: „Franksurt als Kunststadt! Wie oft gehört! Wie vier zitiert! Um das künstlerische Frankfurt ist es zurzeit übel bestellt. Sorgen wir, daß das, was geblieben, uns erhalten bleibe I" Von neuem waren die Blicke der Kunstwelt in den letzten Wochen und Monaten nach der Handelsmetropole am Main gerichtet. Man erfuhr, daß Sigmund voll Hausegger die Leitung der Museums-Gesellschafts-Konzerte nach kaum dreijähriger Tätigkeit niedergelegt, daß einer der alten, aber beivähr- ten T o n m e i st e r, Beruh. Scholz, öffentlich gegen die ihm ividerfahrene Sperrung des Konzertsaales Protest eingelegt hatte. Dann kam der Wonnemonat Mai und mit ihm eine Reihe neuer Enttäuschungen, neuer Verluste für das Frankfurter Kunstleben. Das iveltbekannte Frankfurter MuseumLquartett stand vor seiner Auflösung, da seine Stützen und Leuchten, Professor Hugo Becker und Professor Heermann, von Frankfurt ziehen. Ein literarisches Fiasko erlebte die G a st spiel ton rnee I a ffe e - N eh c r - Bi on d i im Residenz-Theater, wie man es sich kläglicher nicht denken kann. Von 31 Vorstellungen waren 8 Novitäten, darunter Sven Lange (Verbrecher), Ang. Strindberg (Fräulein Julie) und Joh. Schlaf (Der Bann). Es kümmerte sich fast niemand in Frankfurt um diese literarische Feinkost, mit einem baren Verlust vo>r 11 0 0 0 Mark hatte die Tournee ihr Frankfurter Gastspiel zu büßen. Es drängte sich einem in der Tat die Frage auf: Wie kam cS nur, daß man heute in Wahrheit von einem Niedergänge Frankfurts als Kunststadt sprechen muß? Ililwillkürlich fallen mir die Namen Joachim Raff, Clara Schumann, Eugen d'Albcrt, Prof. Heermann, Professor Stockhausen und nicht in letzter Linie Felix Weingartner ein. Es ist seltsam still um Frankfurts Musikleben geworden. Das Hochsche Konservatorium, das unter Joachim Nass eines der blühendsten und bedeutendsten Musikinstitute in deutschen Landen gewesen, es bröckelte nach und nach ab, eine Größe nach der anderen zog von dannen, der vollwertige Ersatz blieb aus. Clara Schumann, die gefeierte Pianistin und gesuchte Klavierlehrerin, die zu ihrer Kunst noch von dem Nimbus ihres unsterblichen Gemahls umgeben war, sie ist in das Schattenreich eingegangen ! Kein geringerer als Engen d'Nlbert wurde ihr Nachfolger. Aber wie lange nur blieb d'Albert in Frankfurt a. M.? Ihn, der heute mit der bedeutendste deutsche Klavierinterpret ist, der auch in den Reihen der erfolgreichen modernen Opernkoinponisten figuriert, ja, der ein Star im Konzertsaal geworden, ihn vermochte man nicht dauernd an Frankfurt zu fesseln. Professor Friedberg war nicht zu halten. Der Geigenvirtuose Professor Heermann sagte infolge „Unstimmigkeiten" dem Hochschen Konservatorium Valet, Professor Stockhausen, der bekannte Sangesmeister, dessen Schüler Koryphäen der deutschen und ausländischen Opernbühnen geivordcn sind, schied aus dem Kollegium des Hochschen Konservatoriums wegen Kompetenz- Fragen aus. Vor wenigen Monden ist Professor Hermann, der als Schauspieler und Lehrer der Mimik gleich hervorragend war, einen, langwierigen Leiden erlegen. Nun geht auch Professor Becker, der bedeutendste Cellist der Gegenwart, von Frankfurt fort, ist ach Chicago hat man in diesen Wochen den Violinvirtuosen Professor Hugo Heermann auf 5 Jahre gerufen, der bisher m Frankfurt a. M. gewirkt hat. Also wieder ein Verlust von zwei der gediegensten Musikpädagogen, die unsere an Genies gewiß nicht reiche Zeit auf- zuweisen hat. Ist für die bisher Genannten einigermaßen Ersatz geschaffen worden, Ersatz überhaupt zu schaffen? Man sagt nur zu leichtfertig die Worte: Jeder Mensch ist zu ersetzen; Das mag im Alltagsleben, in der Politik, der Diplomatie, int Handwerk seine Berechtigung haben, in der Kunst können diese Worte nie und nimmer gelten! Da ist cs die Individualität, die jetveilige Persönlichkeit, die unersetzlich ist! Die Welt hat nur einen Michel Angelo gehabt, nur einmal ist die packende Laokoon-Gruppe geschaffen worden, nur einen Rembrandt hat die Welt gezeugt. Und mögen Hunderte eines Wagner, Liszt, Bach oder Beethoven Schüler und Jünger sich nennen, sie bleiben Schüler ihr Leben lang, einmal nur lebte und schaffte tiitb ivirkte der Meister! Was aber sagt man, tuenn man hört, daß ein Felix Weingartner, heute der genialste der lebenbeit Meister des Taktstockes, sich in Frankfurt a. M. nicht einmal als dritter Kapellmeister halten konnte? In der Verkennung von Genies hat die Mainstadt gerade in den letzten zwei Dezennieit arg gesündigt.') Spricht allein der Fall Weingärtner nicht Bände? (Sitten Kogel, der den Klassikern den Konzertsaal in Frankfurt geöffnet, der Wagner int Konzertsaal heimisch gemacht, der vor allem auch nebelt der klassischen Musik den Neutönern eilt Publikum erzogen, tat man nach 13jähriger Tätigkeit als schon zu alt (54 Jahre damals), ab, Dr. Kuhmvald fiel Angriffen zum Opfer. Nun, da auch Hausegger gegangen ist, er, dem zuliebe Kogel man fallen gelassen, steht man in der Museumsgesellschaft ratlos da! Wer wird der kommende Mann sein? Und wenn man ein Genie (man spricht von Wilhelm Kienzl, dem Komponisten des „Evangclimann") wieder zu fesseln vermag, kann man ihm die Garantie freien, ungebundenen Schaffens unbedingt bieten? Wer wagt hier ein offenes Ja als Antwort zu geben? ') Wir erinnern auch an Wilhelm Jordan, den Nibelunge- dichter. Hätte dieser gewaltige Geist nicht Franksurt sich zunr Wohnsitz auserkoren gehabt, sondern etwa Berlin oder München, er wäre geseiert ivorden und aller Welt bekannt geblieben rote nur irgend einer der Großen unseres deutschen Parnasses. Tie Be- wohnerschait der Stadt Franksurt aber bat den aller vordrängerischen Reklame abholden Poeten kaum beachtet, ja zum großen Teil nicht einmal dem Namen nach gekaitnt. Das ist noch typischer Mr die Großstadt am Main als alle die angekührlen Fälle dieses Anpatzes, den ivir den „Leipz. N. Nachr." enlnehmen. — Soeben übrigens hat der bekannle Mainzer Gymnasialprosessor Dr. Nover tu enter kleinen Broschüre ausgetnhrt, daß nach seiner Neberzengung Jordans „Nibelunge", von denen die Sigsridsage iii einer von Oberlehrer Dr. Prigge bearbeiteten Schulausgabe vorliegt, die Emsuhrung tn den Lehrplan der deutschen Schulen verdienen; er stützt stcy bauet ans Aussprüche namhafter Pädagogen. Er betont im Eingang tut allgemeinen den hohen Bildungswert unserer germanischen Sagen- schätze; hieraus hebt er die Vorzüge der von Prigge mit feinem Takt gekürzten Schulausgabe, sowie die ästhetischen Schönheiten und den großen ethischen Bildungsgehalt der Jordaiüschen Dichtung hervor. Die Nover'sche Broschüre dürste vor allein in Lehrerkretsen Interesse erwecken, sie wird aber auch Ellern einen wertvollen Fingerzeig geben, roenn sie ihren Kindern ein gutes, erziehlich wirkendes Buch in die Hand legen wollen. D. R. 380 Betrübend steht es auch um Frankfurts Niedergang als Kunststadt, zieht man die bildende Kunst in Betracht. Ich nenne Namen wie Trlibner und Thoma, und inan wird mir Recht geben, wenn ich behaupte, daß seltene Kraft, eigenartige Originalität man nicht zu schätzen wußte. Hub das in Goethes Vaterstadt! Einen Moritz von Schwind verstand man nur vier Jahre, Altmeister Rethel nur 11 Jahre zu halten! Und Andreas Achenbach, der unlängst in Düssel- darf gefeiert und mnjubelt seinen neunzigsten Geburtstag feierte," lobte man sörmlich von Frankfurt weg, Thoma lebte wohl 22 Jahre fast unbeachtet hier, hatte in Frankfurt seine zweite Heimatstadt gesucht! Wie aber begegnete man ihm? Man kannte ihn kaum, ivürdigte ihn ivenig oder gar nicht! Nun, da sein Scheitel licht geworden, die Haare bleich, Herz uub Hand aber jung geblieben, rief Thoma ein kunstverständiger ^Fürst in seine Nähe! Bemühte man sich nur einigcr- ,naßen um Trübner, der bis 1903 in Frankfurt gelebt, der die deutsche Kunstwelt in Atem zu halten verstanden, als dieser Künstler nach Karlsruhe überzusiedeln sich anschickte? Sch olderer verkannte man hier völlig, erst in Paris mußte er sich durchringen, auch der Bildhauer Klinisch kehrte mißgestimmt dem Main den Rücken. Wer von Frankfurts Niedergang als Kunststadt spricht und nach Beweisen sucht, der ivird nicht des Städelschen Kunstinstitutes vergessen dürfen. Wie groß ist doch der Verbrauch dieses Institutes an Direktoren! Ein Thode gab Professor Weißacker die Tür in die Hand, Weißackcr wieder sah man gar bald nach Stuttgart ziehen, dessen Nachfolger Justi hielt es nur zwei Tage in Frankftirt auS, Berlin rief ihn an seine Königliche Akademie der Künste l Wird der neue Mann, der blutjunge Dr. Swarzenski, das hier finden, was er sucht? Auch das Btthnenlebeu der Mainsiadt habe ich noch kurz zu streifen. Eine Theatergeschichte für sich könnte man schreiben, wenn man das Frankfurter Thcaterleben von der berühmten Maria Janauschek angefangen, bis heute, bis zur Leuchte am Bühuenhimmel, Irene Triesch, verfolgt. Tonangebend war einst die Frankfurter Bühne! Und heute? Unlängst sprach man es öffentlich im Stadtparlament aus, daß Provinzbühnen uns zum Teil überholen! Wenn immer bcifallumrauscht Irene Triesch in Frankfurt als Gast erscheint, wer, der es ernst mit dem Kunstleben einer Stadt nimmt, dem die Kunst eine heilige Sache, ein weihevolles Gebet ist, wer frägt sich da nicht jedesmal: Warum ließ man Irene Triesch ziehen? Vor kurzem sprach man auch davon, daß die stimmgewaltige Greeff -A nd rießeri, um die Frankfurt manche Hofoper beneidet, sang» und klanglos verabschiedet werden "solle. Ta erhob sich ein Sturm im Frankfurter Publikum. Tas Eine nur sei an dieser Stelle den leitenden Herren gesagt: Man spiele nicht mit der hundertköpfigen Hydra, Publikum geheißen, sie kann, aufgerüttelt, Systeme Zum Stürzen bringen. Mit dem 16. Juni ist die Frankfurter Oper in die Ferien gegangen. Sie hat in der Saison 1905/06, die doch das 25. Jubeljahr der Oper war, eine einzige Uraufführung gebracht. Ist das für Frankfurt a. M. genug? Wohl hatten ivir manche gute Neueinstudierungen, hatten recht annehmbare Premieren, hatten vor allem ivicderholt einen Mozart- und Wagner-Zyklus, aber wo sind jene Zeiten, da die Frankfurter Oper den deutschen Opern-Bühncu den Rang ablicf? Als die Straußsche „Salome" in Dresden ihre Uraufführung erlebte, da posaunte man es in alle Himmelsrichtungen hinaus: Auf Dresden ivird sofort Frankfurt o. M. folgen! Der Winter ist ins Land gegangen, der Frühling verwelkt, der Sommer bereits gekommen, aber die „Salome" blieb von Frankfurt fern, kleinere Bühnen haben uns überholt. Dabei verschlingt Frankfurts Oper nahezu 300 000 Mk. alljährlich. Auch im Schauspielhause fehlt so manchesmal der frische, belebende Hauch . . . Neuerdings muß man doch eingesehen haben, daß das Frankfurter Bühnenleben einer Reorganisation, einer Auf. frischung bedarf. So hat Intendant Emil Claar als rechte Hand sich den Oberregisseur von Hamburg, Dr. Carl Heine, den Gatten der bekannten Märchendichterin Anselm» Heine, für längere Zeit verpflichtet, für die Oper hat Intendant Jensen als Kapellmeister neben Dr. Rottenberg den stürmischen Dränger Hofkapellmeister Reich en berger auf weitere 3 Jahre gewonnen! Oper und Schauspielhaus müssen, das fordert unsere schnell, zu schnell lebende Zeit unbedingt, nicht nur dem guten Alten Liebe und Aufmerksamkeit schenken, nein, auch die neuen und neueren aufstrebenden Geister haben ein Recht, daß sie in Frankfurt a. M. gehört werden, in demselben Frankfurt, das sozialpolitisch an der Spitze der deutschen Städte steht. Jetzt oder nie gilt von jedem, der die Frankfurter Verhältnisse, der seine ruhmreiche Vergangenheit auch auf künstlerischem Gebiete kennt, das Wort: Länger schweigen wär' Verrat!- Es muß einmal mit allem Nachdruck betont werden: „Die Zeit des künsterischen Niederganges ift gekommen!" Man denkt daran: Frankfurt a. M., die Stadt der Millionäre der Krösusse in Deutschland, jene Stadt, die zu den schönsten, gesündesten und vornehmsten im Kranz der deutschen Städte gehört, von der Kaiser Wilhelm II. einmal gesagt, er möchte sie in seiner Krone nicht missen, könnte das stolze Frankfurt nicht auch Deutschlands Kunstmetropole sein? Tie Ansätze waren da, die Genies und Talente fehlten nicht! Aber das Wichtigste, das jegliche Kunst zu ihrer Förderung und gedeihlichen Entwickelung unbedingt braucht, eS war in Frankfurt a. M. nicht immer vorhanden, nämlich: Interesse, Anteilnahme am Schaffen der einzelnen Künstler. Man ließ sie in der Stille leben, anstatt sie aufs Postament zu heben, ihnen die Wege zu ebnen. Der Zeiten Lauf hat es mit sich gebracht, daß von Frankfurt a. M. man heute wohl in allen Zungen und allen Ländern spricht, aber nur von..... Frankfurt als Handelsstadt. Frankfurts Tage großer Kunst scheinen für immer hinabgerutscht zu sein. Den breiten Mainstrom entlang. Leider, leider muß man die ergreifenden Worte Goethes inbezug auf Frankfurt a. M. als Kunststadt anwenden und klagend auSrufen: lieber allen Wipfeln Ist Ruh, In allen Gipfeln Spürest du Kaum einen Hauch! Weisen. Nach Mailand zum Besuch der Weltausstellung werden von Luzern in den Monaten Juli, August und September über das Netz der Gotthardbahn regelmäßige Sonderfahrten zu ermäßigten Preisen veranstaltet. Als Rückfahrt kann auch die Route durch den Simplon gewählt werden. Dieselben sollen den Reisenden Gelegenheit geben, diese etwas entfernter liegenden Ziele auf angenehme und billige Art in Form eines Ausfluges kennen zu lernen. Ebenso ist Vorkehrung getroffen, daß gleichfalls zu ermäßigtem Preise, die oberitalienischen Seen ab Lugano, sowie ab Mailand über das Netz der italienischen Bahn, Venedig besucht werden kann. Näheres ist gegen Einsendung von 20 Pfg. zu erfahren durch die Zentral-Auskunftsstelle für den internationalen Verkehr in Basel (Schweiz). Rätsel. Nachdruck verboten. Fange ein Tier aus dein Walde, enthaupte es, füg' ein paar Stückchen Rreibe dazu, eins vorne, dagegen das andre an's Ende: Saftig und süß wird es schüieckeu, ein Labsal bei drückender Hitze. Kein Vegetarier konnte die „fleischige" Sveise verschmähen, ui. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des magischen Quadrats in voriger Nummer: E D A D A R M D R A U A M U R Redaktion; Ernst Heß. — Rotationsdruck und Berlaa der Brübl'schen Untverütäts-Buch- und Stetndrnckerei. R. Lange, Gießen.