1906 M | fffl ITTpiti Mittellose Mädchen. Roman von H. E h r Hard t. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Willy Hainmer betrachtete erst beim Abschied ausmerksamer das schöngcschnittenc Knabengesicht mit dem leidvollcn Zug um die Mundwinkel. Er las alle Sorgen Ruths ans diesen blassen Zügen und sein Herz quoll über vor zärtlichem Mitleid und dem Wunsch, zn helfen. „Wir sehen uns noch, bevor ich reise", sagte er warm, „auf morgen, Fräulein Ruth!" So schieden sie. Auf dein Treppenfenster des ersten Stockwerks hockte Suse, die absichtlich davongelaufcn war, um die Beiden ungestörter Abschied nehmen zu lassen, und betrachtete etwas kläglich einen abgerissenen Rocksaum, der das Resultat ihres hastigen Treppenlaufens ivar. Abgerissene Säume waren chronische Leiden bei Suse Meridies, deshalb verlor Ruth auch kein Wort darüber, sondern sagte nur ivirklich ärgerlich: „Wie hast Du Dich wieder benommen, Sus? Ich hab' rnich heut wirklich Deiner geschämt. Was muß denn Herr Hammer von Dir denken?" Suse sprang vom Fensterbrett herunter. „Ach, der! Gar nichts denkt der über mich, der hat anderes zu denken." Rach diesem rätselhaften Ausspruch stürmte sie die Treppen hinauf, ihren dunkelblauen Rock an dem zerrissenen Sanni so hoch hebend, daß sie sich fast völlig im einfachen, leinenen Unterrock präsentierte, der nur so um ihre derb beschuhten Füßchen flatterte. „Tie Frau Oberrcgierungsratl" durchfuhr es Ruth unwillkürlich und diese Vorstellung entlockte ihr ein Lächeln. Als die Schwestern oben in ihrem Zimmer allein waren, tanzte Snse, die sofort ihren Rock abgestrcift hatte, im Untcr- rock ivie ein Kobold im Zimmer umher und jubelte: „Ruth, harmloses Menschenkind, der Meister ist ja in Dich verknallt bis über beide übrigens sehr hübsche Ohren. Und da grämst Du Dich wegen Tietzheim? Wo Du solche Chancen hast! Und natürlich bist Du. ihm doch auch gut. Leugne nicht, Du tust ihm gut. Ach, . nzige, goldene Ruth!" Sie stürzte auf die heiß Errötete zu und umschlang sie stür- misch, „wie freu ich mich! Nicht wahr, da brauch' ich auch den Oberregierungsrat nicht zu heiraten, wenn ich so einen famosen reichen Schwager krieg?" „Du hast ihn doch noch nicht, Kindl" murmelte Ruth abwehrend, „solche Männer wie Willy Hamnier denken nicht immer gleich ans Heiraten." Suse hielt die Schwester mit beiden Armen von sich ab- Die strahlenden Blauaugen durchforschten unbarmherzig Ruths Gesicht. „Du Heuchlerin, Du!" sagte sie dann, „das glaubst Du doch selbst nicht. Wenn Du das von ihn: glaubtest, so einen Mann würde unsere stolze Ruth nicht lieben." „Du hast recht!" sagte die Schwester einfach, „aber nun bitte, laß das Thema ruhen. Wir wollen essen." Aus dem Nebenzimmer trat Heinz. „Was ist denn das mit dem Maler?" fragte er lauernd, „Walter ist ja rein vom Bändel los vor Begeisterung. Wenn er wenigstens eine von Euch Mädels heiratete." Ruth zuckte zusammen wie unter einer rohen Berührung. „Bezähme Deine vorlaute Zunge etwas, lieber Heinz — vorläufig sind wir Schwestern Dir noch nicht zur Last gefallen." „Na, ich hoffe, daß cs umgekehrt auch nicht mehr lange der Fall sein wird, ich habe das Hundeleben bei uns hier satt!" meinte er giftig. Ruth würdigte ihn keiner Antwort, aber es legte sich wie Mehltau auf die Glücksblüten ihres Innern. Für sie gab es wohl keine ungetrübte Stunde im Leben. Auf ihr lastete auch alles. Suse machte sich keinen Augenblick Sorge um des Bruders Rüpelhaftigkeit. Glückstrahlend, in ihrem weißen Baitistkleidchen duftig und frisch wie eine junge Maienrose, flatterte sie gegen drei Uhr davon. Als sie am späten Abend zurückkam, war ihr Kleid zerdrückt und schmutzig, aber ihr Gesichtchen strahlte in derselben rosigen Frische, wie am Nachmittag. Trotzdem behauptete sie, totmüde zu sein und es mochte wohl auch der Wahrheit entsprechen, denn ihr Bericht über den Nachmittag war ein ivenig verworren und ungenau, von der Erdbeerbowle, die sie getrunken, wie sie zu ihrer Entschuldigung anführte. Sie hörte auch etwas verträumt zu, als Ruth ihr erzählte, daß sie sich mit Tietzheim geeinigt habe und morgen gleich neue Arbeit erhalten werde, daß e8 bei Tante Hertzberg wieder sehr gemütlich gewesen und sie, Suse, ihnen sehr gefehlt habe. Erst als sie eine Einladung der Verwandten für den morgigen Abend in das Krollsche Theater erwähnte, erwachte Suse aus ihrer Schläfrigkeit. Sie fragte genauer und beschloß im stillen, gleich am nächsten Morgen einen Rohrpostbrief an Trautendorf zu schreiben. Der mußte sich dann „zufällig" auch dort einfinden. Wie schön war der Nachmittag doch gewesen. DaS 818 Kaffeestündchen in der grünumrankten Laube des ländlichen Wirtsgartens, die Siesta im hohen Waldgrase, von Gebüsch sicher umgeben, der Weg durch den dämmernden Wald, Seite an Seite geschmiegt, das frugale Abendbrot beim unsicheren Schein des flackernden Windlichtes, das der Geliebte schließlich ausgelöscht. Er hatte sie geküßt, unsinnig, unersättlich, die törichtesten Schmeichelnamen flüsternd. Und sie hatte weder den Mut noch die Kraft gehabt, von einem Abschied zu sprechen. Jetzt im Dunkel der Nacht schlich sich ein unsägliches Bangen an sie heran. Wie ein kaltes, grausames Erkennen kam über sie der Gedanke, daß ein Tag heraufsteigen würde, der ihrer Liebe letzter sein mußte, daß Tage sich zu Monaten, Monate sich zu Jahren reihen würden, an denen sie beide am Leben sein und sich doch nie mehr begegnen würden, da ihre Liebe ihm eine längst versunkene Episode, ihr eine schmerzlich süße Erinnerung sein würde — weiter nichts. Sie fühlte, daß ihre Augen sich feuchteten. Aber dann lächelte sie doch in die Dunkelheit hinein, ein seliges Lächeln. „Mag kommen, was da will!" dachte sie, „wer einmal so viel Sonne geschaut, wie ich, dem bleibt ein Strahl davon auch in tiefster Dunkelheit. Mit so schönen Erinnerungen kann man gar nicht unglücklich werden." Mit dieser beschwichtigenden Logik ihres jungen Herzens verscheuchte sie alle bangen Geister und entschlummerte bald sanft. Ruth dagegen lag noch lange wach, nicht in dem Körper und Geist aufreibenden Wachen der Kummervollen, sondern in dem süßen ermattenden Halbschlaf der Glückshoffenden. DaS dumpfe Bangen war von ihr gewichen. Zum erstenmal in ihrem Leben lauschte sie begierig und zuversichtlich auf das sonnige Märchen vom Glück. IX. Sie mißtraute den heimlichen verheißungsvollen Stimmen in ihrer Brust auch nicht, als der nächste Vormittag verstrich, ohne daß Willy Hammer sich im Atelier sehen ließ. Aus der Charakterfestigkeit ihrer eigenen Natur heraus vertraute sie felsenfest auf den Mann, der ihr seit Wochen in jedem gleich- giltigen Wort, mit jedem Blick seine Liebe gestanden hatte. Der Aufschub der Entscheidung erschien ihr wie eine Würze ihrer Leiden. Es war ja Wonne, noch von diesem Augenblick, da er sie in seine Arme schließen würde, vorahnend träumen zu können. Sie kombinierte sehr richtig, daß er irgend eine dringende Abhaltung gehabt hatte und daß er morgen bestimmt kommen würde. Der Tag verging ihr wie im Fluge. Alles in ihr sang und klang: „morgen". Jeder Nerv an ihr vibrierte dem Glück entgegen. Und sie fühlte eine Kraft der Leidenschaft, vor der sie selbst staunte. Der Abend in der Oper war ein wirklicher Genuß. Die Gefühle einer „Carmen", über die sie früher von der Höhe ihrer stolzen kühlen Anschauung scharf geurteilt hatte, wurden ihr heut verständlich. Etwas von der dämonischen Macht einer Liebe, die weder Recht noch Gesetz- kennt, streifte erschauernd ihre keusche Mädchenseele. Sie erwachte wie aus einer anderen Welt, als der Vorhang sich zum letzten Male senkte. „Hat eS Dir gefallen, Ruth?" fragte Max von Brock- haus hinter ihr, ein wenig betroffen von dem starken Eindruck, den die Vorstellung ersichtlich auf die Cousine gemacht hatte, die er bis jetzt nie hatte aus einer melancholisch ruhigen Reserve heraustreten sehen. Nun wandte sie ihm ein erregtes Gesicht mit seltsam flimmernden Augen zu. „Oh, sehr!" erwiderte sie aufatmend und gleich darauf schoß ihr daS Blut ins Gesicht. Der Major lächelte. „Offen gestanden, ich hätte Deinen Geschmack anders taxiert — aber ich freue mich, daß ich mich getäuscht habe." „Du denkst immer, in allen Menschen steckt so ein Eisblock wie in Dir!" mischte seine Frau sich ein, „nicht wahr, Ruth, die Jugend hat schon noch immer das nötige Feuer?" „Nun wirft sie mich erbarmungslos zum alten Eisen", klagte der stattliche Offizier gutgelaunt, „und spricht dem Alter zu alledem noch jedes Feuer ab — elende Verleumdung!" Er zog seinen Waffenrock in der Taille glatt und richtete sich straff empor, als wolle er seine noch durchaus jugendlich schlanke Gestalt besonders zur Geltung bringen. Sein gebräuntes energisches Gesicht widersprach durchaus nicht der Jugendlichkeit seiner Figur und Meta musterte ihn mit einem stolz-zärtlichen Blick, indem sie ihre Behauptung von vorhin widerrief, während Suse, die nur seine letzten Worte gehört hatte, trocken einwarf: „Alte Scheunen brennen am hellsten." „Richtig!" pflichtete der Gefoppte bei, in das Lachen der Uebrigen einstimmend. Sehr heiter trat die kleine Gesellschaft aus der Logentür. Es dauerte ein Weilchen, ehe die Damen ihre Garderobe durch Mäntel und Hüte vervollständigt hatten. „Wir gehen noch zu Dreffel!" schlug der Major vor, als sie endlich die Treppe hinabstiegen, „es ist noch so früh am Abend." „Und so jung kommen wir nicht wieder zusammen", fiel die vorlaute Suse ein, während ihre Augen mit einem glückseligen Ausdruck den anderen voraus bis an den Fuß der Treppe eilten. Dort stand lachend und männlich hübsch Fritz Trautendorf. Genau wie vor Jahr und Tag an der Kasinotreppe in N. Nur, daß er diesmal in Zivil war, im smoking, der seine große schlanke Gestalt ebenso vorzüglich kleidete, wie die Uniform. Heut ivurde er auch nicht mit solch eisiger Höflichkeit behandelt, wie an jenem verhängnisvollen Morgen. Im Gegenteil, der Major winkte dem jüngeren Kameraden schon von iveitem einen Gruß zu und als er sich über die Hand von Frau von Brockhaus neigte, sagte diese liebenswürdig: „Wo saßen Sie denn, Herr Oberleutnant? Ich habe Sie vorher nirgends entdeckt." „Ich kam erst im letzten Akt!" log der junge Offizier, der in Wirklichkeit Suses Brief zu spät bekommen hatte und knapp zum Schluß der Vorstellimg das Theatergebäude erreicht hatte, „ich habe einen Bekannten zur Bahn gebracht, wußte nichts rechtes mit dem Abend anzusangen und ging hierher." Jiii Sprechen hatte er Ruth begrüßt und Suse sehr innig mit dem Freimaurerdruck der Verliebten die Hand gedrückt. Ein strahlender Blick der schönen Blauaugen dankte ihm für sein Kommen. „Sie begleiten uns doch zu Dressel, Trautendorf? Wir soupieren dort noch mal anständig alle zusammen. Sie sind ebenfalls mein Gast, Trautendorf — keine Widerrede. Weiß man's, ob's nicht eine Abschiedfeier ist? In den nächsten Tagen werden die zur zweiten Chinaexpedition bestimmten Offiziere einberufen — gemeldet haben wir uns ja beide — wir können beide mitkomnien." Ein junges Angenpaar starrte in tätlichem Erschrecken zu dem Sprecher empor. Dann hing Suse sich unwillkürlich in Metas Arm. „Ach, Meta, würdest Du denn nicht sterben vor Angst, wenn Max in den Krieg, noch dazir übers Meer ginge?" flüsterte sie. Sie selbst war ja schon unglücklich in dem Gedanken, daß Trautendorf, der Ende des Monats einem Artillerie- Regiment in Spandau überwiesen war, mit diesem drei Wochen ins Manöver ausrücken würde. Hebet Metas unschönes Gefleht glitt ein träumerisches Lächeln. „Nein, mein Kind, das würde ich nicht tun. Erstens wäre meinem Manne damit gar nicht gedient, wenn er, wie 819 — ich hoffe, wohlbehalten zurückkehrt und keine Frau mehr vorfände und zweitens muß jede Soldatenfrau sich an den Gedanken einer solchen Trennung gewöhnen. Mir ergeht es dieses Mal seltsamI" fuhr sie leiser fort, obgleich das laute Straßentreiben ihre Worte für die Nachfolgenden ohnehin unverständlich machte, „es erscheint mir jetzt leichter, mich von meinem Manne zu trennen, als vor zwei Jahren, obgleich ich jetzt so unendlich glücklich bin — aber das ver- stehst Du wohl noch nicht, Du Irrwisch!" „Oh, doch!" sagte Suse ernst, „das kann ich schon verstehen — die Trennung von einem geliebten Manne trägt sich leichter, sobald man seiner Gegenliebe sicher ist." Meta nickte schalkhaft lächelnd der jungen Sprecherin zu. „Sieh da, wie bewandert die kleine Maus in den Gefühlen eines Frauenherzens ist." „Ich bin doch schon neunzehn, Meta —" „Nun, deshalb ist doch die Weisheit nicht nötig. Aber Du brauchst nicht so rot zu werden, Sus. Frauenherzen lernen solch Empsinden ganz von selbst verstehen." Sie sprach so unbefangen, daß Suse sich ein Herz faßte zu der Frage, die ihr seit langem auf den plauderhaften Lippen brannte. (Fortsetzung folgt.) H'fingst-Zauöer. Eine lustige Geschichte von W. v. Wegern. (Nachdruck verboten.) Rrrrrrr . . .! Krach! Der Wecker flog vom Tischchen. „Niederträchtige Klapper! Richt einmal ruhig ausschlafen kann man!" Ein spärlich gelockter, alternder Jüngling brummt es mürrisch und dürft sich mit Wucht auf die andere Seite, daß die Bettstelle kracht. Morgensonne — Schnarchen — der Wecker tickt weiter. Vochpochpoch! „Herr Grünspecht! Es ist Fünfe durch! Sie wollten doch aufstehen? Oder möchten Sie nicht mit uns gehen?" „Uuuaah! Zum Kückuck, jadochi Schon gut! Achsv, äh, Pardon! (Es war nicht die Alte, sondern der kleinen Wirtstochter Stimme.) Natürlich gehe ich mit, Fräulein Hellmuth, mit Vergnügen!" Balduin Grünspecht hat sich erhoben. Mrt Sorgfalt und mit vielen Kunstgriffen Macht er sich so schneidig, wie das eben bei seiner ausgedörrten Schlotterfigur möglich ist. Er ist von seinen Wirtsleuten zum Früh^- konzert im Waldpark eingeladen worden. Zwar wandelt er seit langen Jahren ganz andere Wege, als die Familie des redlichen Drechslermeisters. Aber heute geht er mit. Und das hat seine guten Gründe. „Klärchen Hellmuth i st eigentlich ein ganz nettes Mädel. Spießbürgerlich und grundsolide, die richtige Hausunke. Na, schadet nischt. Heute muß ich um sie anhalten, denn der Alte hat plötzlich Geld. Soll 65 000 Mk. von uralter Tante geerbt haben. Kleine ist also glänzende Partie. Liebe? Mumpitz! Bei diesen Schulden! Einfach selbstredend! Natürlich liebt man so eine Braut! Schnell die Bartbinde runter, da kommt oie Kleine ja schon herbei." Klärchen bringt den Morgenkaffee und einen Hollunderstrauß mit Birkenzweigen. „Hier, Herr Grünspecht, ein kleiner Festgruß! Ich wünsche Ihnen recht fröhliche Pfingsten!" „?lh, mein Fräulein, diese Aufmerksamkeit? Das ist aber riesig nett! Hollunder und grüne Maien, das Sinnbild der jungen Liebe!" Klärchen errötete tief: „Wie? Sie wissen es schon?" „Aber natürlich, liebes Kind! Sowas merkt doch ein Pferd! Bin ja selber ganz glücklich!" „Wirklich? Ach, Sie guter Mensch, ich danke!" Sie drückt ihm stürmisch die Hand .„Dann verderben Sie uns die Freude nicht, die Verlobung soll erst heute mittag gefeiert werden!" „Oh, Klara!" seufzt Herr Balduin mit schmachtendem Ausdruck und will ihr um den Hals fallen. „Aber Herr Grünspecht?! Was fällt Ihnen denn ein? Wenn ich mich verlobe, so gibt das dochJhnen noch lange kein Recht zu dergleichen Zudringlichkeiten!" Und husch, entflieht sie mit gekränkter Miene. „Was? Ich habe kein Recht, meine Braut zu umarmen?! Ja, wer denn sonst? Da sieht man wieder die verbohrte Erziehung. Gleichviel! Gut muß ich sie wieder kriegen, dies Pfingsten muß mein Berlobungstag werden, da kann es kosten, was es will! Nanu! Ein rosa Briefchen hier im Blumenstrauß? Davon hat die kleine Hexe kein Wort gesagt." Er durchfliegt die Zeilen und wirft den Brief ärgerlich aus das Kaffeebrett. „Einladung bei dem Fräulein von Hasenbein? Quatsch! Die alte Schraube hat ein Auge auf mich! HaM früher manchmal einen Freund besucht, der dort wohnte. Was kümmert mich diese Hasenbeinen? Die tvird kaltlächelnd versetzt." Wieder klopfte es. Diesmal ist es Papa Hellmuth mit einem unbekannten jungen Mann von einnehmendem Aeußeren. „Sie erlauben, daß ich Ihnen den Herrn hier vorstelle. „Unser Logisherr, Herr Grünspecht — das ist hier der Felix Beyer, der ist nämlich.. . hm, ja. . . der! wird heute mit uns gehen." „Angenehm!" Balduin verneigt sich mit geknicktem Brustkasten und verrenktem Genick. Solche Kavaliere sehen dann immer aus, wie ein abgenagter Kvtelettknochen. — Fröhlich schwatzend, verläßt die kleine Gesellschaft das Haus. Balduin bietet Klärchen den Arm. „Danke sehr, ich gehe natürlich mit Herrn Beyer." „Aha! Immer noch unter der Kriegsflagge!" Balduin zuckte die Achseln. „Na, dann warten wir! Was sie nur mit dem Beyer hat? Muß irgend so ein Vetter oder sowas sein, schwadroniert unaufhörlich auf das Mädel ein, ich komme gar nicht zu Worte. Unangenehmer Mensch, dieser Herr Beyer!" Das Frühkonzert verlief sehr animiert. Die Eltern waren ungewöhnlich heiter, aber mit Klärchen war kein Wort zu reden. Nur für Herrn Beyer hätte sie Augen. Auch auf der romantischen Landpartie kam Balduin sich sozusagen überflüssig vor, ein fünftes Rad am Wagen. Nur einmall nahm ihn Klärchen schelmisch beiseite: „Also, Herr Grünspecht! Mein .Vater will, daß unsere Verlobung erst heute bekannt gemacht wird." „Aber Klärchen! So lange mag ich nicht warten!" „Muß ick nicht auch warten, ist denn das für mich nicht viel qualvoller?!" Grünspecht schüttelte den Kopf: „Das Mädel ist bis über die Ohren in mich verliebt! Da bunrmelt dieser Beyer eigentlich recht zwecklos mit neben her! Unsympathischer Mensch das!" Man schritt ans hohem Bergespfade an einem steilen Abhang entlang. Jetzt mußte Balduin endlich den Galanten spielen. „Mein Fräulein! Sehen Sie hier gleich unten diese wilde Rose? Ich ivill Sie Ihnen pflücken als Zeichen . . ." „Sie wollen sich wohl den Hals brechen?" mahnte Beyer besorgt. „Herr, was kümmert "Sie denn mein Hals?" erwiderte Balduin giftig. Und schon war er mit seinen langen, dürren Beinen zu der Rose hingestakert. Da gab das lockere Erdreich nach, die Wurzel löste sich und Balduin behielt den Dornenstrauch in Händen. Wie ein Schlitten sauste er in die Tiefe. Oben erscholl ein Schrei des Entsetzens, die Bergfahrt aber war nicht so gefährlich. Balduin kam unversehrt an der Landstraße an. Zum Glück nahm ihn sofort eine verschlossene Kutsche auf, sodaß er sein unbeschreiblich verschandeltes Festgewand der Welt verbergen konnte. Familie Hellmuth war mithin beruhigt und zog ihres Weges zur lieblichen Talmühle. Hier fanden sie bereits ein seltsames Paar im stillen Hinterzimmer. Herr Grünspecht hätte Glück im Unglück. Die gastfreundliche Dame in der Kutsche war keine andere als Fräulein von Hasenbein. Sie pries den sehnlich erwar- teten Augenblick des Wiederfindens und hatte kein Auge ür Balduins zerschundene Garderobe. Den Rosenstock hielt ie sogar für eine zarte Huldigung und meinte, Herr Grün- pecht sei ihr mit diesem Blumengruß von der Höhe ent» gegengekommen. Der Schwergeprüfte war zu verwirrt und betäubt, um all dein zu widerstehen. Nur soviel Kraft besaß er, um von dem Talmühlenwirt Kleider zu borgen. Sie paßten nicht besonders gut, denn der Wirt war unglaublich dick. Aber zur Not ging es doch! In heiterster Laune stürmte plötzlich Familie Helltuuth herein. „Ach, Herr Grünspecht, da sind Sie ja! Wir hatten solche Angst, aber es ist ja noch gut abgegangen! Unsere herzlichste Gratulation!" Erst wollte Balduin sich hinter dem Sommerfahr- plan verstecken, der war aber festgenagelt. „Alle Wetter! Jetzt kommt ja die Verlobung ! Und ich in dem Aufzuge? Unmöglich!" Da trat Papa Hellmuth feierlich vor: „Hier stelle ich Ihnen Herrn Drechsler Felix Beyer als Bräutigam meiner Tochter und als Meinen Nachfolger im Geschäfte vor!" — —i Die Weinpokäle klangen, und allgemeine Rührung überwältigte die Versammlung. Herr Grünspecht — 320 — war „paff". Also dieser Beyer war der AüserwäMte? Oh weh! 65 000 perdü! „Wa—Wa—w—was??" stammelte Grünspecht, „in der Tat, ich bin überrascht!" — „Sich, Sie haben uns auch überrascht, da Sie uns endlich auch Ihr Fräulein Braut vorstellen. Zwei Verlobungen in einer Stunde!" — Balduin brach erschöpft zusammen. Das war zuviel für ihn. Würdevoll nahm Fräulein von tzasenbeiu das Wort und bekannte, daß sie mit diesem achtbaren Herrn allerdings ein Bündnis fürs Leben zu schließen gedenke, der an ihrem treuen Herzen ein rettendes Asyl üt den Stürmen des Lebens finden werde. Balduin richtete sich auf, gleichsam zur Rechtfertigung. „Ja, sie hat nämlich hunderttausend Mark — äh, „Mal" wollte ich sagen, hunderttausend Mal liebend an mich gedacht, und so reiche ich dem Fräulein von Hasenbein, meine biedere Rechte. Diese Stunde entscheidet mein Leben!" „Balduin!" hauchte eine tränenerstickte Stimme, und tief ergriffen lag man sich allerseits paarweise in den Armen. Das pfingstliche Verlobungsfest verlief in schönster Harmonie. Den wilden Rosenstock will Fräulein Hasenbein in ihren Garten Pflanze» und veredeln lassen. Ob er wohl Knospen tragen ivird . . . Wer weiß? Vermischtes. * Neber die Zukunft der Alpen stellt ein Geologe folgende Betrachtungen an: Die Aare führt alljährlich 13..-000 Kubikmeter Geröll zur Erde, in den Brienzer See hinab, dessen Lage sich infolgedessen fortdauernd verschiebt. Man hat berechnet, daß ein Zeitraunr von 14000 bis 15 000 Jahren nötig war, nm das Seeufer von der Felsenschwelle des Kirche! bei Meiringen, an die der See ernst heranreichte, bis zu seiner jetzigen Lage zu verschieben, und daß noch 35 000 bis 40 000 Jahre nötig sein werden, um das 5,17 Kubikkilometer messende Becken des Brienzer Sees durch die Geröllmassen der Aare auszufüllen. Das Geröll, das die Aare dort mit sich führt, hat sie natürlich von den Berg- hiihcn, von denen sie herabkornmt, losgertssen. Vorr jedem Quadratkilometer im ganzen Quellgebiet der Aare oberhalb Meiringen werden jährlich 250 Kubikmeter Gestein weggenommen und zu Tal geführt. Damit werden die Berge des Reußgebietes in 3333 Jahren um einen Meter erniedrigt. Da die Quelle der Aare 2260 Meter hoch liegt, so würden die Aare-Gletscher in 7 532 580 Jahren abgetragen und der Ebene gleichgemächt sein. Der letzte Fels- block der Alpen würde, diesen Maßstab zugrunde gelegt, in 16 Millionen Jahren zu Sand zermalmt im Meer verschwinden. — Der Alpinismus braucht also für seine Existenz vorläufig noch nicht besorgt zu sein. * Die erste Erwähnung der Zigarre findet sich in der „Geschichte von Nicaragua" des spanischen Historikers Goncolo Fernandez de Oviedo y Valdez, das ! 1555 vollendet wurde. Bei den festlichen Zusammenkünften I her Indianer, so erzählt der Geschichtsschreiber, berauschen sich dieselben gern in Chicha, entern aus Mais bereiteten Wein, und dazu nehmen sie ein Päckchen Krautblätter, etwa sechs Zoll lang uird so dick wie ein Finger. Diese Blätter, die zusammengewickelt sind, werdeit cm einem Ende abge- zupst. Das andere Ende stecken die Indianer in beit Mund, ziehen den Rauch ein, behalten ihn eine zeitlang bei sich und stoßen ihn dann aus dem Munde oder aus bett Nasenlöchern von sich. * Die Dame int Knabenanzug. Bei einem I Mozeß, der jüngst in einem kleinen Ort der englischen I Grafschaft Kent geführt wurde, erschien eine junge Dame ! in einem Knabenanzug. Der Richter, der um eilte Erklärung ersuchte, bekam zur Antwort, daß diese junge Dame schon seit mehreren Jahren auf einer dortigen Farm arbeite und immer einen Knabenanzug trage, weil sie diesen für bequemer und gesünder halte. Sie trug einen Ueberzieher, lange Hosen mit Gamaschen und einen harten Hut. Sie ist ffst dem ganzen Distrikt wohlbekannt, und die Leute habeu sieh so au ihren Anzug gewöhnt, daß eigentlich niemand mehr Notiz von ihr nimmt. Die Leute auf der Farm, welche sie bewirtschaftet, nennen sie kurzweg „Jack". ' * Raucherabteile für Damen. Ter Tabak hatte aus seinem Eroberungszuge dieser Tage in England einen nencn Sieg zu verzeichnen, indem in einem Schnellzuge von ^.ondon nach Liverpool ein „Raucherabteil für Damen erster Klasse" reserviert wurde. Es waren drei Damen, die die Reise machten und die ihr Abteil ausdrücklich in dieser Form bestellt hatten, und die Gesellschaft hatte die Bestellung angenommen. Man kann in England, besonders in London, eilte stetig zunehmende Vorliebe der Damen in der Oefsentlichkeit zu rauchen, beobachten. In den vornehmen Restaurants und 'den entlegenen Cafes achtet heute niemand mehr darauf, wenn eine Dame raucht, während es noch vor zehn Jahren großes Aufsehen erregt hätte, wenn eine Dame in vornehmer Gesellschaft nach Tisch in einem solchen Restaurant 'eine Zigarette angezündet hätte. Die Damen rauchen gewöhnlich Zigaretten von teurem egyw tischem, türkischem ivder russischem Tabak. Aber die neue Leidenschaft der Frauen beschränkt sich nicht nur auf die Kreise der vornehmen Gesellschaft, sondern alle Beobachter stimmen darin überein, daß in allen Klassen des englischen Kolkes die Frauen immer mehr Geschmack an Tabak finden. * JstTrunkenheit ein mildernderUmstand? Zu dieser viel erörterten Frage äußert sich Universitäts- Professor Dr. von Grützner-Tübingen wie folgt: „Es ist hier der Ort, noch auf einen Punkt aufmerksam zu machen, über den, wie ich glaube, häufig, ja inan kann sagen ziemlich ausnahmslos, nicht zutreffende Ansichten herrsche», das ist die Zurechnungsfähigkeit derer, die alkoholische Getränke genossen haben. Der Jurist fragt stets: War der Betreffende, der die oder jene strafbare Handlung begangen hat, betrunken? War er seiner Sinne nicht'mehr mächtig ? Ist dies sichergestellt, so kann auf ein geringes Strafmaß erkannt werden, was ich gegenüber der ab- weichcnden Handhabung beim Militär durchaus gerecht finde. Ich würde allerdings das Betrinken selbst an und für sieh mit einer nicht zu niedrigen Strafe belegen, so daß derjenige, der int Trunk eine strafbare Handlung begangen hätte, erstens wegen der strafbaren Handlung, da allerdings milder, und zweitens wegen des übermäßigen Trunkes zu bestrafen wäre." * Sie BcmüHungen der Aerzte, durch volkstümliche medizinische Schriften Anleitungen zu ersten Hilfeleistungen und zum Schutz vor Kurpfuschern zu geben, sind schon sehr all. Als Beispiel führt Dr. Wedel-Krefeld die am 20. März 1533 zu Frankfurt a. M. erschienene Bearbeitung des „Hortus sanitatis“ (Gesundheitsgarten) des Meisters Johann Dronnecke aus Kaub am Rhein (Johannes Caba) durch Eucharias Rößlin an. In dem Vorwort sagt Rößlin, Lieentiat der Artzeney, Stadtnrzt zu Franckfort am Mahn: „Bin doch ungezweiffelt, ditz Buch hab vil nutz in Deutsch laude geschafft / dieweil ich die gemeyn Balbirer und Haußknnstlin / so das gemeyn volek täglich zu etlichen kranckeyteu hat / das die loch ter von der mutter zulernen pflegt / hierum eigentlich beschrieben finde. Hat mich auch also der tust getriben / sovil diser kurtzen zeit hat sein mögen / dem gemeynen man / so etivan den Artzten und Apoiheclen emsessen (die gelerten wissens anderslivo znsuchen I denen ich auch hiermit nit gnug ihan will haben). Ein Hauß- apotheck vnd Arztneibuch znznrichten." Ab getrumpft. A n w a l t: „Bei Ihrem Alter, liebe Fran Schulze, sollten Sie doch von der Klage ani Ehescheidung absehen . . ." — Fran Schulze: „In meinem Alter . . . ? Na, hören Sie mal . . . fo'iieit Mann, wie Sie, gelraue ich mir noch alle Tage zu kriegen!" Preisrätsel.*) Nachdruck verboten. Magd Eschs Sichel Bier- Rege» Leber DieAnsangSbuchstabennebenstehenderWörter Dst sind mit anderen Buchstaben derart zu ver- Keller tauschen, daß man ebensoviele neue Wörter Zopf erhält, deren Anfangsbuchstaben den Namen eines Erfinders ergeben. "') Lösungen sind mit Aufschrift „Preisrätsel-Lösung" versehen, innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „ G i e tz e n e r F a m i li e n b l ä t t e r" einzusenden. Auflösung des Magischen Dreiecks in voriger Nummer: CHINA HAHN IHR N N A Redaktion: E rn st Lest. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckeret, R. Lange, Dteßea.