1906 y';V !N Z8K riTi rt-vr Mittellose Mädchen. Roman von H. E h r Hard k. (Nachdruck verboten.) r- (Fortsetzung.) In ihrer Naivität kam ihr keinen Augenblick der Gedanke, daß gerade daran all ihre Glücksträume nur zu leicht scheitern konnten. Verworrene, glänzende, bunte Bilder drängten sich vor ihren träumerisch halb geschlossenen Augen, als sie dem Wunsch der Cousine folgend, in ihrem kleinen, aber ebenfalls mit gewisser Eleganz eingerichteten Stübchen aus dem bequemen Bette ein wenig ausruhte. Eine wohlige Stille umfing sie. Einmal nur klirrte der Schleppsäbel des zurückkehrenden Hauptmanns wie aus weiter Ferne in ihre Träume. Dann schlief sie fest und tief. Erst das diskrete Klopfen der Jungfer weckte sie. Fast verlegen ließ sie sich die Bedienung der kleinen, flinken Person gefallen, die dem „gnädigen Fräulein" mit geschickten Händen das Haar ordnete, die Falten der rosa und weiß gestreiften Flanellbluse zurechtzupste, daß die zierliche Taille noch einmal so gut zur Geltung kam und so den gewissen Chik in den für ihre Begriffe „recht pauvren" Anzug brachte. Als sie mit ihren vom Schlaf geröteten Wangen, die jan den zartrosigen Flaum eines Pfirsichs erinnern, im Eßzimmer erscheint, fieht Frau Meta sie förmlich frappiert an. Sie hatte wirklich schon vergessen, wie bildhübsch das Mädchen war. Es würde doch nötig sein, scharf aufzupassen, daß so ein junger, leichtsinniger Offizier dem armen Ding nicht etwa den Kopf verdrehte! Es gab nur einen einzigen wirklich reichen Offizier im Regiment, der sich den Luxus einer reinen Liebesheirat gestatten konnte, soweit sie die Verhältnisse bis jetzt hatte übersehen können. Aber das Zivil kam ja auch in Frage, da fand sich doch vielleicht eine sogenannte gute Partie, denn daß sie bei ihrer Einladung eine solche für die Cousine im Auge gehabt hatte, war nicht zu leugnen. Suse spricht unterdeß, ahnungslos in welcher Weise die blasse, kühle Frau sich mit ihr beschäftigt, den reichlich aufgetragenen Speisen zu. Sie ist noch kindlich genug, eine zitternde Freude darüber zu empfinden, daß sie mit ihrem herrlichen Appetit so viel von den guten Sachen vertilgen kann und das Ehepaar ihr noch dies und jenes ganz besonders aufdrängt. Wenn Heinz und Walter dabei sein könnten! Und ein leiser Wehmutsgedanke führt sie für kurze Momente an den spärlich besetzten heimatlichen Eßtisch. Die Unterhaltung schleppte sich nur träge dahiu. Ter Hauptmann erscheint Suse jetzt bei dem Hellen, unbarmherzigen Gasglühlicht wieder sehr hochmütig von Aussehen, und lvenn er sich im Gespräch an seine Frau wendet, klingt seine Stimme kalt. „Ob er sie wohl aus Liebe geheiratet hat?" fährt es. durch Suses blondes Köpfchen, während ihre Blicke verp stöhlen beobachtend von einem zum anderen fliegen. Nein, gewiß nicht! Wie häßlich sie ist! Tiefe farblosen, kurzsichtigen Augen, der fahle Teint zu dem grau- blonden, schlichten, spärlichen Haar, die dürftige, groß« Gestalt, deren Mängel selbst die tadelloseste Schneiderin) nicht völlig verbergen konnte, dazu ihre steife, unlieben^ würdige Art und Weise. Es geht wie ein frostiger Hauch von ihr aus, der Suses glühende Taseinsfreude ein wenig abkühlt. Erst als sie neben Brockhaus am offenen Fenster steht und mit fieberhafter Erwartung dem Zapfenstreich der Regimenter entgegenharrt, löst der eisige Reif sich von ihr ab. Aus dem großen Wilhelmsplatz, an dem die Wohnung der Verwandten liegt, drängen sich lachend und plaudernd neugierige Menschenmassen, Schulkinder ziehen in kleinen Trupps, „Heil Dir im Siegerlranz" singend, vorüber, bengalische Feuer flammen hier und da auf, Feuerwerkskörper knallen, lautes Kreischen und Schelten tönt zwischendurch. Suse beugt sich weit aus dem Fenster hinaus. Ihr freudestrahlendes Gesichtchen über der weißen Federboa, die Meta ihr vorsorglich umschlungen hat, ist rosig beleuchtet. Ein paar Offiziere, die unten vorüber schlendern, grüßen interessiert herauf. „Soll ich Ihnen ein paar von den Offizieren herbe-, fehlen, Fräulein Suse?" fragt der Hauptmann mit etwas fpöttischer Neckerei. Und ehe das verlegene Mädchen abwehren kann, klingts auch schon gedämpft und doch deutlich aus seinem Munde: „Bittner, Trautendorf, Kester, haben Sie Lust, uns hier oben Gesellschaft zu leisten?" Drei Augenpaare haften sekundenlang auf dein reizenden, rotüberflammten Mädchenkopse. „Zu liebenswürdig, Herr Hauptmann, wir fliegend tönts zurück. Bald darauf rasseln im Entree draußen drei Schleppsäbel, im Zimmer nebenan, wo Frau von Brockhaus mit zwei Regimentsdamen, die zum Zusehen gekommen sind, plaudert, klingen jugendlich fröhliche Stimmen, die sich bei der Hausfrau für den plötzlichen Ueberfall entschuldigen! und dann sieht Suse sich umringt von schlanken Offiziersgestalten, blitzende Männerangen durchforschen unbefangen ihr hübsches Gesicht, Fragen, Schmeicheleien stürmen auf sie ein, ein oberflächliches, lustiges Wortgeplänkel, wie nur junge, übermütige Leutnants es fertig kriegen. Snses Angen sprühten vor lachender Lebenslust. lieber das hochmütige Gesicht des Hauptmanns geht eilt förmlich triumphierendes Lächeln, als er hört, wie schlagfertig das junge Mädchell alle Angriffe pariert. Befolg digt nickt er vor sich hin. „Unterhalten Sie mir meine Adoptivtochter gut, meines Herren!" sagt er ein wenig nachlässig, dann geht er in! das Zimmer nebenan, um sich den. älteren Damen, zu widmen.. — 194 — Suse blickt ihm ängstlich nach. „Kanu ich beim hier allein bleiben?" fragt sie zaghaft. „Aber gnä's Fräulein, unter dreifacher militärischer Bedeckung. Und Garde nebenan", beruhigen die jungen Offiziere sichtlich amüsiert. Suse denkt unwillkürlich an Ruths strenge Ansichten und au das Entsetzen der Kleinstadt und sie lacht leise auf. „Worüber freuen Sie sich so, mein gnädiges Fräulein?" erkundigt sich Oberleutnant Trautendorf und setzt sich ihr gegenüber auf die Fensterbank. c ist ein hübscher Mensch mit einem braunen, etwas mageren Gesicht und gefährlichen dunklen Augen, die in unverhohlener Bewunderung an dem lachenden Mädcheu- muude hängen. „O, ich dachte an meine Freundinnen daheim und kvie sie mich beneiden würden, wenn sie wüßten, daß mir gleich am ersten Abend hier drei Leutnants Gesellschaft leisten", plaudert sie naiv, „wir haben nämlich kein Mili- tär in L. und da ist jeder Leutnant ein Ereignis für uns." Die Drei lächeln geschmeichelt, und Trautendorf meint, Mit einer bezeichnenden Handbewegung nach der Straße unten, wo es jetzt von grauen Offiziersmänteln wimmelt: „Ich glaube nicht, daß heute jemand glühender beneidet wird, als ivir drei." lind er winkt in scherzender Herablassung den verstohlen und sehnsüchtig heraufschauenden Kameraden zu. „Etsch, wer zuerst kommt, malt zuerst." Bon ferne klingt jetzt schmetternde Militärmusik, die näher und näher kommt, Pechfackeln lodern gegen den frostklaren Nachthimmel, das Bataillon stellt sich im Karree auf, das Musikkorps zur Seite. Suse starrt ioic verzaubert auf das militärische Schauspiel. „Wie schön, ach, ivie schön!" jubelt sie leise. Das ist bad’ Leben! Und als die Töne des Abendgebetes feierlich über die still gewordene Menschenmenge hinweg klingen, feuchten Tränen überfließender Freude ihre langen, dunklen Wimpern. Nur Trautendorf neben ihr bemerkt sie und in der Meinung, daß die ernsten Klänge ein plötzliches Heimweh in ihr geweckt hätten, neigt er sich zu dem blonden Köpfchen und fragt weich, fast zärtlich: „Es ist Ihnen schwer gefallen, von zu Hause wegzugehen, mein gnädiges Fräulein?" Ihr lebhaftes Gesichtchen wandte sich ihm zu. „Ach, nein", gestand sie ehrlich, mit der duftigen Boa rasch über die nassen Augen streichend, „ich habe mich sehr, ehr gefreut, mal herauszukommen. Denken Sie, ich war a noch nie verreist, höchstens bei einem Sonntagsausflug bin ich mit der Eisenbahn gefahren, und nun gleich so weit und in eine so große Stadt und zu Menschen, die so nett zu mir sind. Alles kommt mir wie in einem Märchen Vor und doch wieder scheint mir's, als sei ich schon Jahre von zu Hause fort. Tie vielen Menschen, die Musik, die Soldaten, das macht mich so vergnügt und glücklich — ja, da kamen mir förmlich. Tränen vor Glück." . Er sah sie überrascht und gerührt zugleich an. Welch törichtes, kleines Mädchen, dachte er, und doch, wie süß sie ist in ihrer Kindlichkeit. Irgend ein warmes Wort schwebte ihm auf den Lippen, aber in einer eigentümlichen Regung hielt er es zurück. „Aber Sie leben doch gewiß auch in L. gesellig sehr migenehm!" setzte er die Unterhaltung im oberflächlichsten „Puh!" Suse zog das feine Näschen kraus, „fragen Sie Mich lieber nicht, nieine Heimat kommt nicht gut bei mir fort. Ich glaube, es geht furchtbar spießig zu in unseren Gesellschaften. Aus Erfahrung kann ich nicht urteilen, da ich selbst noch keine mitgemacht habe. Ihr N.", sie bemühte sich, einen gewiß feierlichen Ton anzuschlagen, „soll der Ehre teilhaftig werden, mich in die Geheimnisse der Geselligkeit einzuweihen." „Schaun's, dös ist nett." Trautendorf sprach, wie oft, wenn er gut gelaunt war, ein Gemisch von Münchener und Wiener Dialekt und seine beiden Kameraden klatschten leicht in die Hände und meinten: „Ah, famos." „Nun, da wollen wir uns tüchtig ins Zeug legen, daß gnädiges Fräulein Ihre schönsten Erinnerungen von hier mitnehmcn sollen." (Fortsetzung folgt.) Asm Walirm, Gdkm, Schönen- Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Hammer hatte seine Bankangclegenheit erledigt und ging nach Hause. Unterwegs kam er an einem Auktionsgeschäfte vorüber, und da fiel ihm ein, daß er einen Teil seiner Sammlungen hierher gegeben hatte, um ihn versteigern zu lassen; er hatte sich leichten Herzens von dem und jenem getrennt. Er trat in den Auktionssaal, der ziemlich gefüllt war. Der erste, der ihn begrüßte, war der Zeilen-Knappe, in seinem erbscngelben Paletot mit dem fehlenden Knopf; er stand neben dem Tische des Auktionators und machte Notizen in seinem Durchschriftenheft, hatte Hammer aber sofort beim Eintritt gesehen und nickte ihm halb vertraulich zu. Neben ihm saß der alte Hosantiguar Samuel, die große Schnüffelnase in eine Porzellantasse versenkt und mit den gelben Spinnenfingern über die eingebrannte Malerei tastend. Auch er hatte Hammer bemerkt und bat ihn mit einer Handbcwegttng zu sich heran. „Heeren Se 'mal, Herr Hammer", sagte er, „'s is nischt dran an Ihre Porzellänsachen. Eenen Schäfer koof' ich mev, bet and're laß' ich loofen. Aber die jeschlifs'nen Gläser aus der böhmischen Biedermeierzeit, die man eenen an den Kopp schmeißm kann, ohne daß se entzwee jeh'n, die nehm' ich alle. Und denn en paar brillantierte englische Gläser, die so von 1830 'rum sein müssen; die jiebt's »ich mehr ville. Das an're is Schund, wat Sie uns hier aufhalsen woll'n.." „Lieber Herr Samuel", antwortete Hammer lachend, „glauben Sie vielleicht, ich würde Ihnen mein Bestes für einen Taler acht Groschen überlassen? Ich will nur nicht so viel Unnötiges mit nach Wien schleppen." „Wat woll'n Se denn in Wien?" sagte der Hofantiguar achselzuckend und schrie dann auf einmal los: „Halt! Sie! Noch nicht zuschlagen! Erst jeden Se wer 'mal den ollen Teller 'rüber — ich möcht' 'n mal 'n bisken näher be- kucken . . ." „Grüß' Gott, Baumeister"... es war der dicke Fridolin Meyer, der Hammer die Hand bot . . . „Also wahrhaftig nach Wien? — Hammer, das ist unrecht von Ihnen. Glauben Sie doch nicht, daß da etwas los ist. Bleiben Sie bei uns und beißen Sie die Zähne zusammen. Man muß das Unvermeidliche mit Würde tragen — es ist immer die alte Geschichte. Seh'n Sie 'mal, Hammer, als Bau bleibt das Theater ja stehen, ein Monument, das Sie sich selber errichtet haben, eine der schönsten Zierden Berlins; wie es innen wird — mein Gott . . . haben Sie übrigens schon gehört, daß der Aufsichtsrat ein Schreiben aus dem Kabinett des Prinzen Ferdinand erhalten hat, mit der Bitte, dem Theater in Rücksicht auf die in Aussicht stehende Veränderung des künstlerischen Genres einen neuen Namen geben zu wollen?" „Das kann ich dem Prinzen keinen Augenblick verdenken", erwiderte Hammer; „wenn es nach mir ginge, würdö ich auch die Inschrift fortnehmen lassen . . ." Der dicke Geheimerat strich sich das Kinn und würde ernster. „Ich kann Sic verstehen, lieber Baumeister", sagte er. „Eine Prostituierung Ihres schönen Hauses bleibt diese .Veränderung des künstlerischen Genres' jedenfalls. Aber schauen Sie sich doch einmal in unseren Theatern um! Das eine trägt Goethes Namen, dies Lessings, das wieder Schillers an der Stirn. Sie werden nicht behaupten können, daß ihre Lester ausschließlich den Kasscnerfolgen nachjagen; sie bemühen sich redlich, dem Publikmn künstlerische Genüsse zu bieten. Aber wenn das Publikum sie nun im Stich läßt? Müssen sie da nicht, um nicht untcrgehen zu wollen, auch dem Massengeschmack Konzessionen machen? Denn, mein Alterchen, der Geschmack der großen Masse ist der ver- dorbenere, der besser« und reinere aber der jenes kleineren Kreises, den Sie meinetwegen als die oberen Zehntausend — 195 — bezeichnen können, wenns auch nicht ganz klappt. Die Kunst ist immer aristokratisch gewesen. Und was soll denn das törichte Geschrei: hie Volks-, hie Luxustheater?! Auch die Luxuskunst kann durch mancherlei Feinheiten gcschmacks- läuternd wirken, auch sie hat ihre Berechtigung, geradeso wie das Kunsthandwerk. Zugestanden: von der Warte Ihrer Höhe herab muß eS Ihnen tief schmerzlich erscheinen, daß Ihr Theater nicht mehr der Kunst dienen kann, die Sie uls die einzig reine anerkennen, die große, die einsam auf ihrem Altäre thront. Doch können Sie es ändern? Und können wir es ändern? ... Ich weiß, Sie zürnen mir, Sie haben sich seit Monaten nicht mehr in meinem Hause sehen lassen. Das tut mir von Herzen leid, Baumeister, aber ich habe doch nur aus innerster Ueberzeugung dem Vorschläge Imhoffs zustimmen können. Ich bringe gerne Opfer, doch keine nutzlosen. Ueber allem steht mir der Zweck. Im übrigen: auch das neue Programm kann sich mach künstlerischer Seite hin entwickeln rmd ausgestalten. Die moderne Aesthetik macht nicht mehr schaudernd vor dein Tanze Halt und vorder bunten Farbenpracht, die von der Bühne herab wohlgefällig auf die Sinne wirkt, und selbst der Kleinkram der Spezialitätenvorführungen kann unter künstlerischer Schulung von tiefergehendem Einflüsse werden auf die Erziehung der .Menge. Also, Baumeister, nicht ungerecht sein. Geben Sie mir Ihre Hand in alter Freundschaft! . . ." Hammer tat e§. Aber er gab keine Antwort auf das, was der Geheimrat angeregt hatte und was ihm wie eine verblümte Entschuldigung klang. Er wandte sich an Josef Bcrndal, der sich durch die Menge zu ihm drängte, und fragte: „Sind denn eigentlich meine Stücke schon zur Versteigerung gelangt?" „Ich komme diesen Augenblick," entgegnete Herr Berndal, „aber so viel ich weiß, bildet Ihre Kollektion die letzten Nummern des Katalogs. Es ist da ein Teller verzeichnet, mit Talmas Porträt — den würde ich gern erstehen." In diesem Augenblick rief der Auktionator: „Nummer dreihundertsieben, meine Herren! Eine Krystallschale aus der Fabrik Val Saint Lambert: Brillantschliff in Orange auf Dunkelgrün. Ein Meisterwerk. Wer bietet?" „Ach," sagte Samuel weinerlich, „det Dreck! ... Na — zwanzig Märk! ..." Hammer schritt gerade an dem Auktionstische vorüber, sah die Schale und sie gefiel ihm. „Dreißig Mark," rief er. Ein gewisser Bernstein bot noch fünf Mark niehr. Für vierzig Mark erhielt Hammer die Schale zugeschlagen. „Nun mache ich aber, daß ich fortkomme," sagte er lachend, „sonst kaufe ich schließlich in der Wut der Liebhaberei meine eigene Kollektion zurück." Er winkte mit der Hand grüßend zu den Bekannten (jcr- über und ging. An der Tür hielt ihn der Zeilcn-Knappe noch einmal auf. „Verehrter Herr Baumeister," sagte der behende Reporter, „ich möchte Sie einmal interviewen. Ich möchte einmal Ihre Ansichten über die Programmänderung im Prinz- Ferdinand-Theater hören. Und vor allem Ihre Ansicht über die beiden neugewählten Direktoren Imhoff und Sven Trusen." „Das will ich Ihnen gleich fügen, Herr Knappe," entgegnete Hammer, „und zwar mit einem Ausspruch Goethes .." Er neigte sich zu dem kleinen Zeilenschreiber hinab und flüsterte ihm einige Worte in das Ohr. „I der Deibel," rief Knappe. „Das ist zwar kurz und gut und irgendwo bei Goethe soll es auch vorkommen. Aber es druckt es keine Zeitung, wenn ich auch schwöre, daß cs Ihre Ansicht sei." „Bedauerlich, Herr Knappe. Ich wurde mich nur interviewen lassen, nachdem ich diese meine unumstößliche Ansicht schwarz auf weiß gesehen hätte. Sonst nicht. Addio!" Er nahm auf der Straße eine Droschke, um nach Hause zu fahren. Agnes erwartete ihn bereits. „Schatz," sagte sie, „cs ist schrecklich, aber es geht nicht anders. Wir müssen irgendwo in einem Restaurant essen. Aus Versehen ist bereits ein Teil des Kochgeschirrs mit eingepackt worden. Nun sitzt Genoveva in der Küche und heult und sagt hundertmal 0 dio mio.“ »Welches Verhängnis!" rief Hammer und gab seiner Frau einen Kuß. „Immerhin, das tragische Geschehen wird sich bei gutem Appetit überbrücken lassen. Sind keine Briefe angckommen, Blauvcilchen?" „Doch, Lieb, ein ganzer Packen. Und der Junge hat schon wieder einen Zahn." „Ich gratuliere der Frau Mutter. Als Weihegeschenk bringe ich Dir einen Salatnapf mit, den ich soeben zu einem Spottgelde bei Lcpke ersteigert habe. Val Saint Lambert; das ist etwas Großes, das ist nicht bloß Wertheim oder Küchen-Cohn" . . . Und er packte seine Kristallschale aus. Agnes freute sich erst und dann räsonnierte die Hausfrau aus ihr. „O Urban, lieber Mann, du bist unverbesserlich, das sehe ich. Kristall und Porzellan haben wir in Massen verkauft, weil ich bei aller Schätzung des Schönen nicht mehr wußte, wohin damit, und nun bringst du inic wieder diese Val! Es ist die siebente Salatschüssel in unserm glasgcsegneten Haushalt." „Nimm sie zu Flammerie oder Hiinbeercreme", riet ihr Mann, und dann verfinsterte sich sein Gesicht. „Wir lachen, und doch sollt' ich ernst sein. Sonne und Schatten stehen dicht beieinander. Ich sagte dir heute früh, daß ich zu Priestap wollte. Ich fand ihn in der Auflösung, und als ich sein Haus verließ, war er tot." Agnes erschrak, aber sie faßte sich schnell. Sie sagte ein Wort dc§ Mitgefühls; sie hatte ihn persönlich kaum kennen gelernt. Ein interessierter Zug trat auf ihr Gesicht; sie hing sich an Urbans Arm und schaute ihn fragend an. „Nun und —?" „Kein und nrehr, Agnes. Es hätte anders kommen können; aber die Erben des armen Jungen denken materialistischer als er. Ich entsinne mich eines Wortes Arensteins, als wir einmal, die Herzen voll und die Stirnen heiß, uns um die Mitternacht im Tiergarten trafen. „Dem Wahren, Edlen, Schönen" — alles nur Phrase, und dahinter spielt man Komödie. Nicht einmal Komödie mehr — der Cancan beginnt . . . Strich d'ruuterl Gib mir die Briefe . ." Agnes holte sie. Es war ein umfangreiches Kuvert dabei, mit einem Anstrich, als komme es aus einer Kanzlei. „Es sieht geheimnisvoll aus", sagte die junge Frau. „Es kommt aus Wien", entgegnete Urban; „halte dich am Stuhle fest, Veilchenblaue, das ist die Entscheidung! — Er öffnete, stieß einen Jubelruf aus, fiel seiner Frau um den Hals und herzte sie ab. „Gratuliere!" rief Agnes mit strahlenden Augen; „ich weiß noch nichts, und ich weiß doch alles. Deine Pläne sind akzeptiert worden; dies Ungeheuer von Papier enthält deine Bestallung, das neue Volksthcater in Wien zu erbauen ! . . ." So war es. Es gab viel Jauchzen und bei Agnes auch ein heimliches Tränchen der Freude. Urban erzählte feinem Jungen das Geheimnis des Briefes. Der schien sich nicht viel daraus zu machen; aber als der Vater ihm das große Kuvert wie einen Hut auf den Kopf setzte, freute auch er sich. Nun meldete sich der Hunger, und inan wollte zu Tisch gehen. Agnes huschte rasch noch einmal in die Küche und rief: „Genoveva, laß' jetzt dein dio mio; wir essen auswärts, back' dir einen Eierkuchen oder sonst etwas, was noch zu ermöglichen ist, oder hol' dir ein Kottelett von nebenan. Aber jamm're nicht mehr. Ein großes Glück ist uns widerfahren! wir bauen ein neues Theater. . ." Und dann lief sie davon, um dem Erwiderungssturm Genovevas auszuweichen, und gesellte sich zu ihrem Mann, der in der Entree seinen Paletot anzog. „Du", sagte er, „ich gesteh' es, ich freue mich riesig. Tag und Nacht hab' ich von dem Bau geträumt. Es soll endlich einmal ein nationales Schauspielhaus werden; es wird in seiner architektonischen Anordnung lediglich den 196 Zwecken der Kunst dienen, jedes andere Interesse tritt in den Hintergrund. Maus, ich habe dir die Pläne absichtlich noch nicht gezeigt; wenn wir wieder nach Hause koinmen, erläutere ich sie dir. Ich setze keine Inschrift über das Portal. Ich verspreche nichts mehr. Aber hoffen will ich, daß das neue Haus mehr dem Wahren, Schönen und Edlen dienen wird als dies hier, das meine Liebe war und nun mein Schmerz geworden ist. Und cs ist gut, daß ich noch hoffen kann. Da wachsen mir immer wieder die Flügel. Evvtva uns're grüne Hoffnung!" K rzog Ocorg II. und Men von Kettburg. Zum 80. Geburtstage des Herzogs Georg am 2. April. Als der für Oesterreich und seine Verbündeten so unglückliche Ausgang des Krieges des Jahres 1866 den greisen Herzog Bernhard Erich Freund von Sachsen-Meiningen veranlaßte, enttäuscht und verbittert die Regierung zu Gunsten seines Sohnes, des Erbprinzen Georg, niederzulegen, da war dieser schon aus erster, nach kurzer Dauer durch den Tod gelöster Ehe Witwer der Prin- zessin Charlotte von Preußen, einer Schwester des jetzigen Regenten Albrecht von Braunschweig, und seit acht Jahren wiedervermählt mit der Prinzessin Feodora zu Hohenlohe-Langenburg. Diese, eine der edelsten Frauen auf deutschen Thronen, raubte ihm ebenfalls der Tod, als sie noch in der Blüte ihrer Jahre stand — am 10. Februar 1872. Unter dem Eindrücke dieses Schmerzes wandte der Herzog sich noch eifriger als früher in den Stunden, die sein hoher Beruf ihm freiliest, dem Theater zu, das ihm ja, wie allbekannt, nie eine Quelle müßiger Zerstreuung, sondern nur ernster künstlerischer Arbeit und Vertiefung war. Dem Meininger Hoftheater gehörte damals! seit sechs Jahren Fräulein Ellen Franz als jugendliche Liebhaberin an, die der Intendant Friedrich Badenstedt dorthin berufen hatte. Sie war am 20. Oktober 1866 als „Julia" zum ersten Male aufgetreten und hatte durch ihre bezaubernde Anmut und ihr voll- »endetes schauspielerisches Können die Verehrung und Anhänglich,- keit des Publikums gewonnen. Der Herzog war ein warmer Be- wunderer ihrer Kunst und eilt verständnisvoller Förderer ihres Talentes geworden. Hermine Helene Marie Auguste Franz, von den Eltern „Ellen" genannt, war 1839 in Naumburg als einzige Tochter des damaligen Lehrers an der Domschule, Dr. Hermann Franz (er starb 1870) geboren und hatte durch ihre Mutter, eine Engländerin, eine vortreffliche Erziehung erhalten. Dem dringenden Wunsche der Tochter, zur Bühne zu gehen, gab die Mutter endlich auf Zureden der ihr befreundeten Cosima von Bülow und Liszts nach. Die Etappen ihrer Bühnenlaufbahn tvaren Koburg, Stettin, Oldenburg, Mannheim — und Meiningen. Wie hier zwischen dem vereinsamten Fürsten und der feinsinnigen Künstlerin allmählich ein stärkeres Gefühl erwuchs, wie in ihn: allmählich der Entschluß reifte, sie zur Gattin zu gewinnen, das blieb selbst Denen verborgen, die Beiden am nächsten standen. Auch als Herzog Georg und Ellen Franz sich gegenseitig das Jawort gegeben hatten, hielten sie ihre Verlobung zunächst noch geheim. Aber um die Braut nicht müßigem Gerede in seiner Residenzstadt auszusetzen, bewog der Herzog sie, jetzt schon der Bühne zu entsagen und Meiningen zu verlassen. Dieser Schritt war cs, der seinen Vater sein Vorhaben erraten ließ. Der Unwille des. alten Herzogs Bernhard bekundete sich hierbei so stark, daß er laut erklärte, er würde sich, falls fein L>ohn wirklich an eine solche Heirat dächte, mit einer Proklamation an das Land wenden und cs zum Proteste dagegen auffordern. Die Aeußerung gelangte zu den Ohren des Herzogs Georg und nun beschloß er, kurzer Hand und ohne Aufschub seine Absicht zur Ausführung zu bringen. Ohne Begleitung begab er sich — am ■18. März 1873 — nach dem Schlosse Liebensteiu, dort traf wenige Stunden später Fräulein Franz ein, und noch an demselben Tage wurde beider Trauung in der Kirche zu Schweina durch Standesbeamten und Pfarrer vollzogen. Am gleichen Abend teilte der Herzog telegraphisch seinem Staatsminister v. Krosigk, sowie den obersten Beamten seines Hofes die Tatsache seiner Vermählung mit und beauftragte den Minister, sie öffentlich bekannt zu gelben und hinzuzufügen, daß er seiner Gemahlin den Titel einer „Freifrau von Heldburg" und den ersten Rang am Hose nach den Prinzessinnen verliehen habe. Herr v. Krosigk erwiderte damit, daß er sich krank meldete und zugleich seine Entlassung einreichte. Und so spaltete sich ganz Meiningen bald in zwei Lager, für und gegen Fran von Heldburg. Der Herzog sowohl wie sie setzten zunächst der oft bis die Grenze der guten Sitte und - der Wohlerzogenheit reichenden Opposition vornehme Gleichgiltigkeit entgegen. Ein einziges Mal griff der Herzog ein, da aber in energischer Weise. Der Kommandeur des in Meiningen garni- sonierenden 32. Infanterieregiments, Oberst von Zeuner, hatte nicht nur seinen Ofsizieren verboten, Frau von Heldburg einen Gruß zu erweisen, sondern als er eines Tages auf einem Spaziergang in der Walldorfer Chaussee mit seiner Frau dem Herzoge und der Baronin begegnete, versteckte das Zeuuersche Ehepaar sich hinter einem Baume, um uicht zum Grüßen gezwungen zu fein. Noch am selben Abend sandte Herzog Georg seinen Hof- marschall nach Berlin, um Beschwerde zu führen. Dieser fand Gelegenheit, sie nicht nur dem damaligen KriegSminister von Kameke, sondern auch dem Kaiser selbst und dem Kronprinzen vorzutragen. Das Ergebnis war die sofortige Mberufung des Obersten v. Zenner. Schwieriger noch gestalteten sich für Frau Von Heldburg bie; Verhältnisse am Hofe selbst, innerhalb der Familie ihres Gemahls. Dessen Kinder erster Ehe, der Erbprinz Bernhard und die Prinzessin Marie, verhielten sich ihr gegenüber zu Anbeginn schroff ablehnend. Es war das Verdienst der Mutter des Herzogs, der verwitweten Herzogin Marie, daß endlich 'eine Aussöhnung stattfand. Des Herzogs Söhne, die Prinzen Ernst und Friedrich/ die sich auf dem Gymnasium in Hildburghausen befanden, nahmen Dank der Einwirkung ihres vortrefflichen Erziehers, des jetzigen Weimarischen Geh. Staatsrates und Kürators der Universität Jena Dr. Eggeling, nie gegen den Vater Partei. Seit jenem Tage, an dem Georg II. und Ellen Franz in einer thüringer Do^fkirche den Bund fürs Leben schloffen, sind 33 Jahre vergangen, — Jahre, in denen die Künstlerin ihrem fürstlichen Gatten die liebevollste Gefährtin und verstünduisreichste Freundin wurde und durch "die Güte ihres Wesens und den Takt ihres Herzens ihre früheren Gegner entwaffnet und sich die Achtung und Anhänglichkeit eines ganzen Landes erobert hall Auch ihrer ziemt es' daher wohl, am Ehrentage des Herzogs Georg zu gebellten. v. W. Gesundheitspflege. — Mittel gegen Schnupfen. Ein Vertreiben des Schnupfens, wie es manche Mittel austrebcn, ist stets vom Ucbcl. Da die Erkrankung des Körpers dann nicht mehr durch die Nase entweichen kann, legt sich bei derartigen Versuchen der ungesunde Stoff ans einen anderen Teil; meistens entsteht daraus ein benommener Kopf, wenn nicht gar arge Schmerzen, ein aufgedunsenes Gesicht oder sonst irgend eine Unannehmlichkeit. Ist der Schnupfen einmal da, so muß er nii beschleunigt, nicht aber vertrieben werden. Häufig hilft eine Schwitzkur, die ja auch nur den Zweck verfolgt, die schädlichen Säfte zu entfernen. Das Liegenbleiben im Bett nnd Trinken von Fliedertee ruft bald den gewünschten Zustand der Hitze hervor. Aber cs ist nicht jedermanns Sache, so tatenlos in den Federn zu ruhen, nnd für solche Menschen gibt eS grade ein entgegengesetztes Heilmittel : fleißige Bewegung in frischer Luft. Man geht in scharfem Tempo 1 bis 2 Stunden spazieren; das Umwehen der reinen Winteratmosphäre wirkt namentlich ans die entzündeten Schleimhänte kräftigend, und bald merkt man, daß der Schnupfen nachläßt. Auch das Radfahren, Schlittschuhlaufen oder sonstige sportliche andauernde Bewegung, sogar das Tanzen, ist unfehlbar. Die Hauttätigkeit wird dadurch in erhöhtem Maße angeregt, so daß die schädlichen Stoffe auf diesem Wege entweichen können nnd nicht mehr unseren GesichtSerker dazu ausersehen brauchen. Alles Verzärteln nnd ängstliches Pflegen seines Schnupfens aber ruft mir eine gesteigerte Empfänglichkeit für neue Erkältungen hervor. ' Körtigspromenade. Nachdruck verboten. Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weise mit einander verbinden, daß man — wie der König ans dem Schachbrett — stets von einem Feld au? ans ein benachbartes übergeht. Auflösung in nächster Nummer. du's ver ges tief 1 wie träum bald so hast ost sen im sein im 1 er sen ist leb gründ glück es te mes UN tes te er das beb als glück scheint träum » dir herz Auflösung des Gitterrätsels in voriger Nummer: 8 s V S c h m o 1 1 i s h n e m n r So n n a b e n d 1 b h 1 e e V i e r n heim 8 d m Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwerstläts-Vuch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen,