1906 » I K Ms WWW UAMF Zm Kanne des Geheimnisses. Roman von H, v. Raesfeld. Nachdruck Verbotes (Fortsetzung.) „Wir befinden uns augenblicklich in einer Art Sonnenfinsternis. Papa", sagte sie, „aber die Sonne, iveißt du, scheint nach der Finsternis ja heller, so wird's auch bei uns gehen. Wir können dem armen Mann das Leben nicht wiedergeben, aber wir können die arme Mutter ja reich machen und vor allen Sorgen schlitzen. Mama wird auch bald ganz wieder besser, und wir werden dann diese düsteren, ungemütlichen Tage bald vergessen I" „So Gott will, gewiß", versetzte Lord Wayne, „ich erinnere mich aber nicht, Kenninghall je zuvor unter einer sogenannten Sonnenfinsternis gesehen §n haben. Sonnenschein ist mir doch lieber, Elsie." Die Tür öffnete sich und der Diener meldete Lord Wayne, Mr. Sinclair warte in seinem Arbeitszimmer auf ihn. Mylord runzelte bei diesem Namen ungeduldig die Stirn. „Ich bin in zivei Minuten da", sagte er. Als der Diener das Zimmer verlassen, wandte er sich wieder an seine Tochter. „Ach, Elsie, mein Liebling, du glaichst nicht, wie sehnlich ich wünsche, diese unglückliche Geschichte wäre erst vorüber und zu Ende.. Kenninghall wird für mich nie wieder das fein, was es früher war, jetzt, wo dieser rote Fleck eines Mordes auf der Schwelle liegt." Cie schlang zärtlich die Arme um seinen Nacken und erhob das Gesicht zu ihm. „Es wird bald alles vorüber sein, Basra, und wir werden uns alsdann des Hellen Sonnenscheines wieder freuen!" „Warte hier ein Weilchen auf mich, Elsie", sagte Lord Wayne, sich erhebend, „du kannst mir nachher bet der Sichtung einiger Papiere behilflich sein." Die beiden Männer erhoben sich achtungsvoll von ihren Sitzen, als er hereintrat; das erste, was er bemerkte, war der sonderbare gezivungene Ausdruck in Sergeant Elliots Gesicht. „Guten Morgen", sagte er freundliche „Es ist hoffentlich nichts Unangenehmes, was meine Gegenwart erfordert?" „Wir haben einen Schlüssel zu dem Geheimnisse", sagte Herr Sinclair mit Nachdruck, „einen Schlüssel bezüglich der Person, die den Mord begangen." „Also doch Mord?" fragte Lord Wayne mißvergnügt. „Ich möchte von Herzen gern glauben, daß entweder ein Unglücksfall oder ein Irrtum vorliege." „Keins von beiden, Mylord", war die ernste Erwiderung. „Es ist, wie mein Kollege und ich von Anfang an vermutet haben, ein vorsätzlicher Mord!" „Und Sie haben also jetzt den Verbrecher entdeckt?" „Jawohl", erwiderte der Geheimpolizist, ihn sonderbar j ansehend, „wir haben jetzt entdeckt, iver es getan hat und warum es geschehen ist." „Es ist eine lange Geschichte, Mylord", sagte Sergeant Elliot, der jetzt den Mund zum ersten Male öffnete. „Ich bin ganz Ohr", versetzte Lord Wayne und ließ sich, dabei in seinen bequemen Arbeitsstuhl nieder. 60. Kapitel. Der Schlag fällt. „Also Sie haben den Schuldigen entdeckt, sagten Sie, nicht wahr?" begann Lord Wayne" wieder. „Ich bin überzeugt, daß Ihnen die ausgesetzte Prämie dann sicher ist." Er war durchaus nicht besonders neugierig, zu erfahren, wer es war; daß es irgend jemand sein könnte, an dem er ein tieferes Interesse nahm, schien ihm vollständig unwahrscheinlich. Jedenfalls war's irgend ein Wilddieb oder ein Waldhüter. „Ich bedauere ganz außerordentlich, Eurer Lordschaft mitteilen zu müssen, daß die schuldige Persönlichkeit ein Mitglied Ihres eigenen Hausstandes ist." Seine Aufmerksamkeit wurde mit einem Male rege. „Ich kann dem keinen Glauben schenken", erwiderte er erstaunt, „für die meisten meiner Diener ivollte ich mich wie für mich selbst verbürgen — einige von ihnen sind seit ihrer Kindheit hier in den Diensten meines Hauses, und selbst die Neugekommenen sind über allen Verdacht erhaben." Es entstand eine schwüle Pause. Lord Wayne blickte unbehaglich von einem zum andern. „Sie haben mir etwas Unangenehmes zu sagen", rief er. „Was ist's?" „Von Ihren Dienern steht niemand int Verdacht, Mylord; die schuldige Persönlichkeit ist Ihnen näher und teurer." „Nehmen Sie sich in Acht!" erwiderte er zornig. „Meine Geduld hat ihre Grenzen; Sie müssen Ihre freie Sprache zügeln!" „Ich muß meine Pflicht tun, Mylord, wie unangenehm, wie schmerzlich es auch sein mag. Sie sind nicht der einzige Herr eines großen Hauses, der in vollständiger Unkenntnis darüber lebt, was alles unter seinem Dache vor sich geht.* „Es gibt keine Geheimnisse auf Kenninghall!" „Erlauben Sie mir,* unterbrach Mr. Sinclair, „es gibt deren mehrere.* „Ich fordere Sie auf, eins namhaft zu machen!* rief Lord Wayne zornig. „Mylord, es gibt im Leben Miß Wests Punkte, von denen Sie absolut nichts wissen; und etwas Derartiges ist auch die Ursache, daß dieser junge Mann zu Tode gekommen ist.* Worte können das Erstaunen, den Zorn und den be- 706 leidigien Stolz in dem sonst so vornehmen ruhigen Antlitz des Edelmannes aufflammte, nicht schildern. «Ich verbiete Ihnen, die Namen der Damen meines Hauses auch nur zu nennen 1* rief ec empört. „Sie ver- gessen sich! Sie gehen über Ihre Befugnisse hinaus I Ich will nichts mehr hörend »Sie müssen es von mir hören, und leider wahr« scheinlich noch von anderen. Haben Sie doch Geduld, Lord Wayne, beruhigen Sie sich! Ist es vielleicht eine angenehme Aufgabe für mich, hier zu stehen und Ihnen Derartiges mitteilen zu müssen- Andere hätten sich ihrer unangenehmen Pflicht vielleicht in der halben Zeit entledigt. EZ wird Ihnen später vielleicht leid tun, wenn Sie sich erinnern, daß Sie bei mir die Geduld verloren haben; ich weiß Rücksicht auf Sie zu nehmen, Mylord/ „Dann sagen Sie schnell, was Sie zu sagen haben/ Ein furchtbare Angst begann sich seiner zu bemächtigen. Was konnte das bedeuten? Marian West und ein Geheimnis, und dies Geheimnis in der Gewalt dieser Leute? Barmherziger Himmel! Was stand Kenninghall bevor, wenn das wahr war? „Bor Jahren/ begann Herr Sinelair, „hatte Miß West — die vielleicht mancherlei Gründe hatte, ihre Ehe geheim zu halten — einen Sohn/ „Das ist eine Lüge/ schrie Lord Wayne, „eine gemeine, niederträchtige Lüge! Wenn Sie eine solche Lüge wiederholen, vergreife ich mich an Ihnen! Sie sprechen von der Schwester meiner Fran, von Lady Waynes Schwester; sehen Sie sich vor!' „Mylord, es ist wahr! Ich bringe keine Anklage gegen Miß West vor. Es ist möglich, daß sie verheiratet war, mag sie nun ein geliebtes und glückliches oder ein ungeliebtes und unglückliches Weib gewesen sein. Ich stelle hier einfach die Tatsache fest, daß sie vor einigen zwanzig Jahren einen Sohn hatte. Beruhigen Sie sich, hören Sie mich an. Wenn Sie sich weigern, mir zuznhören, muß ich meine Erzählung vor die höchsten Behörden des Landes bringen/ Mit äußerster Mühe nur bezwang sich Lord Wayne. „Diesen Sohn/ fuhr die erbarmungslose Stimme fort, hat sie jedoch nie anerkannt — ihre Gründe dafür sind mir unbekannt. Sie schickte, brachte oder gab ihn in Pflege bei einer guten, einfachen Frau vom Lande — Kate Jefferies tn Elton/ „Barmherziger Gott! Kate Jefferies in EltonI* „Jawohl; eine Frau, die bereits einen Sohn hatte — das war der junge Mann, der hier vor drei Tagen ermordet worden ist. Die Einzelheiten kann ich Ihnen nicht sagen, sie müsien später entdeckt werden. Ich kann Ihnen nur Mitteilen, daß der junge Mann, den Sie immer sür Werner Jefferies gehalten haben, in Wahrheit und Wirklichkeit der Sohn Marian Wests ist/ „Das glaube ich Ihnen nicht! Ich glaube Ihnen auch kein Wort von der ganzen Geschichte, die Sie mir da er» (flhlen. Und stände hier ein Engel vom Himmel und schwüre, ch würde es nicht glauben/ „Ich bin kein Engel, Mylord, aber ich bin ein ehrlicher Mann und sage die Wahrheit. Lasten Sie mich fortfahren. Rach allem, was ich aus einem Nebel von Ungeivißheiten ermittelt habe, erhielt der wirkliche Sohn dieser Frau — der Ermordete — irgendwie Wind von dem Geheimnis und kam hierher, augenscheinlich, um sein Schäfchen dabei zu scheren. Eure Lordschaft werden zugeben, daß meine Geschichte soweit gleichsam mit den Tatsachen stimmt/ Kein Wort kam über die weißen Lippen; das stolze, Vornehme Haupt war ungebeugt. „Jetzt kommt der Teil, der einige Schwierigkeit bietet. Der junge Mann, der wirkliche Sohn dieser Frau, der ,Ermordete, kommt also hierher, offenbar in der Absicht, das, was er entdeckt, bestens auszunutzen, aber anstatt daß rr zu Miß West geht, von der er doch natürlicherweise Geld zu bekommen hätte hoffen sollen, geht er — zu Lady Mayne." Das blasse Gesicht Lord Waynes wurde jählings dunkel- rot vor Wut. „Ich dulde nicht, daß dieser Name in eine solche schmutzige Geschichte hineingezerrt wird! Sie haben Lady Waynes Namen nicht mehr zu erwähnen!" „Ich bitte um Entschuldigung. Ich muß von ihr sprechen, Mylord; wollte Gott, rch könnte Ihnen gehorchen und.brauchte ihren Namen nicht p erwähnen. Der junge Mann kam hierher am Abend des 21. Mai, und Lady Wayne traf ihn und sprach mit ihm am kleinen Parktor, das zum Busch führt, am Ende der Lindenallee." „Alles Lüge!" schrie Lord Wayne wieder und griff sich wild an die Brust, als ob er ersticke. „Es ist die Wahrheit. Mylord, beruhigen Sie sich. Selbst wenn Sie mich töten sollten in Ihrem Zorne, so könnten Sie es doch nicht verhindern, daß die Sache öffentlich bekannt würde. Hören Sie also lieber zu und sehen Sie zu, ob und was sich tun läßt." Er sank hilflos, kraftlos in den Stuhl zurück, während Sinelair sortfuhr: „Lady Wayne und dieser junge Mann trafen sich dort also; wie lange die Unterredung dauerte, kann ich nicht sagen. Es ist möglich, daß er sie herausgefordert, gereizt hat, bis sie, wie Frauen nun einmal sind, alles vergaß, nur nicht Rache. Er mag auf das Haupt der Schwester, die Mylady liebt und verehrt, die unerhörtesten Schmähungen und Beschimpfungen gehäuft haben. Doch sei dem wie ihm wolle, mag die Herausforderung gewesen sein/ wie sie will — das eine steht fest, Mylord — ich. wollte/ ich könnte es ungesagt lassen — sie bat ihn dort getötet!"' Im nächsten Augenblicke saß ihm Lord Waynes Hand au der Kehle. Ein leiser Schrei, ein Keuchen, ein Ringen, — Herr Sinelair fiel zu Boden. Sergeant Elliot sprang entsetzt dazwischen. „Soll denn noch ein Mord begangen werden, Lord Wayne!" rief er, und bei diesem Worte fiel der unglückliche Edelmann wie gelähmt zurück. „Ich vergebe Ihnen", sagte Herr Sinelair, sich mühsam wieder auf die Beine helfend. „Was Sie zu hören haben, könnte jeden wahnsinnig machen. Aber, so sicher wie Sie und ich hier stehen und leben — sie hat ihn erschlagen! Ich kann Ihnen Beweise zeigen!" „Zeigen Sie her!" sagte er; die Snmme war so verändert, so rauh und heiser, daß sie [ie kaum wiedererkannten. j ‘> - 61. Kapitel. Die Beweise. Herr Sinclair zog langsam einen kleinen Gegenstand aus der weiten Tasche seines Ueberrocks, wickelte das Papier auf und legte den Inhalt Lord Wayne vor die Augen. „Dies Armband wurde am Tatorte gefunden", sagte er langsam, „am Morgen nachher, Sie können die Blutspuren daraus noch sehen." Ja, da waren sie — häßliche, schmutzige Flecken auf dem matten Golde, die ihn erschaudern ließen, als er hinsah. Er erinnerte sich, wie sie das Zimmer verlassen, mit dem funkelnden Armband auf ihrem Arme, und einen Augenblick verbarg er das Gesicht in die Hände und stöhnte laut. Doch nur einen Augenblick; der gräßliche Anblick der Blutflecken auf diesem Kleinod, das er ihr gegeben, hatte ihn so angegriffen; im nächsten Moment erhob sich ihr schönes Antlitz so stolz, hold und lieblich, in ganzer Glorie vor ihm, er ließ die Hände sinken und sah mit stolzer Verachtung auf. „Haben Sie nichts, als die8?" fragte er verächtlich. „Es ist wahr, Mylady trug es an dem Abende; ich selbst habe es ihr am Arme befestigt. Damit ist aber durchs aus nicht erwiesen, daß sie es dort verloren hat. Jede andere Erklärung ist wahrscheinlicher, wie Ihre abgeschmackte Geschichte. Haben Sie keinen andern Beweis, frage ich?" Langsam entrollte Herr Sinclair ein weiteres Paket- chen; das perlgraue Seidenkleid kam zum Vorschein. „Dieser Beweis", sagte er mit starker Betonung, „genügt, um halb England zu überzeugen. Am Abende deS Mordes trug Lady Wayne dieses Kleid." Er breitete es auseinander und hielt es so, daß die hellen Sonnenstrahlen aus die dunkelroten Flecken freien; Aermel, Taille, die ganze Vorderseite des Kleides w«ü davon bedeckt. r Lord Waynes Augen funkelten zornig, als er hinsah Und die Worte hörte. „Ihnen, die Sie sie nicht kennen, scheint das stark und überzeugend. Ich, der ich sie kenne, durch und durch kenne, lache darüber." Die tapfere, ritterliche Natur dieses Mannes zeigte stch jetzt. Seine Liebe, sein unerschütterlicher Glaube, seine aufrichtige Hochschätznng erhoben sich in dieser Stunde zu ihren Gunsten, tote nie zuvor. Tann zog der Geheimpolizist das Bruchstück des von Jack geschriebenen Konzepts zu seinem Briefe hervor: „ . , . Lady Wayne, wenn Sie nicht kommen, werden Sie es bereuen, so lauge wie . . ." Mit zitternden Fingern hielt Lord Wayne den Fetzen fest. Seine Augen nahmen einen sanften, zärtlichen Ausdruck an, als sie auf dem teuren Namen ruhten. „Selbst wenn sie ein Geheimnis haben sollte", sagte er nach einer Pause langsam, „so ist es sicherlich kein ichuldbares. Ebenso gut könnten Sie meinen Glauben an den Allmächtigen und seine Barmherzigkeit zu erschüttern suchen, wie an die Treue, die Wahrheit und Reinheit der edlen Frau, die ich mit Stolz die meine nenne. Wollen Sie mir den größten Gefallen tun, den Sie mir unter diesen Umständen augenblicklich erweisen können, — mich eine halbe Stunde allein lassen? Ich werde dann fragen, was Sie sich zu tun entschieden haben. Ich bin überrascht, verwirrt, — ich möchte meine Gedanken sich etwas klären lassen." Eie zogen sich schweigend in die anstoßende Bibliothek zurück. Lord Wayne hatte allein sein wollen, um nachdenken zu können — um die ersten Qualen im Stillen zu dulden, wo außer dem Auge des Allwissenden und Allbarmherzigen niemand sein Weh beobachten konnte. Er hatte ihre Ehre ritterlich vor diesen Männern verteidigt, er hätte für ihre Unschuld sein Leben gelassen — aber allein mit sich und seinen Gedanken fragte er sich: „Was hat das zu bedeuten?" Eins nach dem andern nahm er die Beweisstücke vor, das Armband zuerst. Sie hatte es beim Verlassen des Zimmers ganz bestimmt am Arm gehabt. Wie war es denn, mit Blut und Erde beschmutzt, in die Nähe — nein, an den Ort selbst, wo der Mord begangen war, gekommen? Er hatte die Vermutung geäußert, es sei vielleicht gestohlen worden; wäre das aber der Fall gewesen, so würde er es zweifellos erfahren haben; feine Gemahlin oder ihre Kammerzofe hätten es vermissen müssen und würden Lärm geschlagen haben. Angenommen selbst, es sei gestohlen worden — wer konnte es gerade an der Stelle, gerade zu der Zeit verloren oder haben fallen lassen? Wer konnte das Gemach feiner Frau betreten und das Armband fortgenommen haben, wo sie oder ihre Zofe doch hätten anwesend sein müssen? Er erinnerte sich!, wie er selbst darauf bestanden, daß an dem Abend früh zur Ruhe gegangen werden sollte, und tote seine Gemahlin lächelnd zugestimmt und als Erste das Gesellschaftszimmer verlassen hatte, während er noch zurückgeblieben war, um mit Vetter Algy eine Zigarre zu rauchen. War es möglich, daß sie lächelnd von ihm, von ihrem Gemahl gegangen sein sollte, dahin — an diese Stätte dunkler Geheimnisse und Schuld? Unmöglich; er wollte es nicht glauben. Dann fielen seine Blicke auf das perlgraue Seidenkleid. Jawohl, er erinnerte stch; sie hatte es angehabt. Er hatte noch gedacht, wie schön sie doch ausgesehen, schöner wie gewöhnlich — die Farbe und der Stoff der Toilette standen ihr so ausgezeichnet. Sie hatte das Gesellschaftszimmer an jenem Abend in dem Kleide verlassen, am Abend des Mordes. Was waren das für Flecken? — Blut? — Woher mochten sie kommen? Wie hatte dieser hinterlistige Mensch, dieser Sinclair, dessen bloße Gegenwart ihm schon verhaßt war, nur diese Toilette gefunden? Selbst wenn sie sie angehabt hatte, als sie zum Parktörchen gegangen war, — wie war sie nur diesem Poliztsten in die Hände gefallen? Je mehr er darüber nachdachte, desto rätselhafter wurde ihm die Sache. Es ließ sich nicht leugnen, es war ein starker Beweis. Kr liebte sie, vertraute auf sie, glaubte an ihre Unschuld nach wie vor — dennoch, es toter eilt furchtbarer Beweis. Da lag auch! das zerknitterte Stück Papier mit den Worten: „--Wenn Sie nicht kommen, werden Sie es bereuen ---" Was bereuen? Barg ihre Vergangenheit etwas, womit dieser Mann, dieser Ermordete, sie hatte schrecken können? Ihre Vergangenheit vor der Heirat vielleicht? Sie war noch so jung gewesen, als er sie in Brüssel zum erstenmal gesehen; er erinnerte sich jeder Einzelheit. Er war zu einem Hofball eingeladen gewesen und hatte dort Marian West und ihre Schwester, die liebliche Evelyn, getroffen, von deren Schönheit die ganze Stadt schwärmte. Er hatte sie für achtzehn gehalten, sie war aber zwanzig gewesen. Er hatte sich leidenschaftlich in sie verliebt und nicht gezögert,^ ihr einen Antrag zu machen. Sie hatte thn geliebt — des war er sicher — und ihre Liebe war von Tag zu Tag gewachsen. Er glaubte nicht, daß chre Gedanken sich auch nur einmal in all dieser Zeit von ihm entfernt hatten. Daß nach ihrer Vermählung irgend ein Geheimnis sich zwischen sie gedrängt haben sollte, das zu vermuten, war einfach abgeschmackt. Er erinnerte sich nicht, daß sie jemals länger wie vierundzwanzig Stunden von einander getrennt gewesen, und er war vollständig sicher, daß ihre Gedanken vollauf mit ihrer Liebe zu ihm, zu ihren Kindern und mit den Pflichten ihres Standes und Ranges beschäftigt gewesen waren. Ein Geheimnis — Unsinn! Welcher Mann würde glauben, daß das junge Mädchen, das er geliebt, die junge Gattin, die er gewonnen, vor ihm ein Geheimnis habe, das während all der Jahre ihres Ehelebens ihr am Herzen genagt und sie schließlich zum Mord gebracht habe? Konnte es vor der Heirat gewesen sein? Nein. Weg mit dem schmachvollen Gedanken! Sie war ein junges Mädchen, als er sie kennen gelernt, rein, hold, lieblich, hatte stets bei ihrer Schwester, die ihr Mutter und Schwester zugleich gewesen, gelebt. Wo war nur in ihrem Leben Raum für ein Geheimnis gewesen? Ter bloße Gedanke schon war ihm verhaßt. Konnte es sein, daß Marian irgend einen dunklen Punkt in ihrer Vergangenheit hatte? Vielleicht eine heimliche Ehe, die nachher bitter bereut und seitdem immer geheim gehalten worden? Oder war es alles nur Einbildung und Vermutung seitens dieses verhaßten Polizisten? Hatte feine Gattin um Marians Geheimnis gewußt und um' ihrer Schwester willen sich darein verwickelt? Das mußte er herausbringen. Wenn wirklich ein Geheimnis existierte, so betraf cs zweifellos Marian. War wirklich etwas nicht in Ordnung, so ging es sie an, und kein lebendes Wesen sollte seiner schönen, unvergleichlichen, makellosen Gemahlin etwas Nachteiliges anhängen können, (Fortsetzung folgt.) Weihnachts-Literatur. — Bon der Universalbibliothek für die Jugend liegen drei neue Bändchen vor, die die Nummern 417 bis 425 umfassen. (Stuttgart, Union. Jedes drei Nummern enthaltende Bändchen 1 Mark.) Das erste bringt eine Seeränbergeschichte, wie sie der englische Romanschriftsteller Fr. Marry at so fesselnd zu erzählen wußte, der es 1825 bis zum Flottenkapitän gebracht hat. Sein Pirat hat in der Bearbeitung für die Jugend, wie sie hier vorliegt, nichts von der Anschaulichkeit verloren, die das Original auszeichnet. Hier und da ist die Erzählung ziemlich aufregend und auf eine Handvoll Menschenleben kommt cs nicht an. Aber man merkt den trefflichen Kenner des Seelebeus überall heraus. Weniger rauh geht es in den beiden folgenden Bändchen zu, in welchen Rich. Noth Charakterbilder aus der deutschen Geschichte entrollt. Das erste beginnt mit dem Erlöschen des Karolingergeschlechtes und preist Heinrich L, den Besieger der Ungarn (933), als Retter des Vaterlandes. Otto I. und die letzten Ottonen, die Salier und die Zeit bis in die Hälfte des 13. Jahrhunderts werden in Einzelbildern geschildert. Das zweite Bändchen erzählt aus der Zeit des Interregnums bis zur Aussöhnung Friedrichs von Oesterreich mit Ludwig dem Bayern (1325). Ein Schlußkapitel ist Friedrich VI. von Hohenzollern, Burggraf von Nürnberg, gewidmet, der als Markgraf Friedrich!, von Brandenburg die QuitzowS besiegt. Der Verfasser erzählt zwar die Geschichte dieser Zeiträume im Zusammenhang, hebt jedoch einzelne Momente heraus! und behandelt sie eingehender. Die Form seiner Erzählung ist lebhaft und anregend. Alle Bändchen sind gut illustriert; die geschichtlichen bringen Nachbildungen von Porträts und Gv» 708 inälden ttt sehr guter Ausführung, '-j Derselbe Verlag schenkt unser» betriebsamen Buben zum Wciynachtsfcstc ein zierliches Bändchen, das mit „Arbeiten aus dem Zigarren- k a st e n" mit 170 Abbildungen der kleinen fleißigen Herren Aufmerksamkeit erregt. — Vor wenigen Monaten erst haben iuir unsere Leser auf das Neu-Erscheinen (11. Auflage) von „F. L. Rhodes praktischem Handbuch der Han delskorrespondenz" hingewiesen. Damals lag nur das erste Heft vor uns. Inzwischen sind 6 Hefte erschienen, und wir können nur bestätigen, daß diese Hefte vollauf halten, was der Prospekt versprach. Rhode's Handelskorrespondenz ist wohl daS gediegenste Werk dieser Art und sehr zu empfehlen alS preiswürdige und sehr praktische Weihnachts- aabe, die jedem jungen Kaufmann, der mit dem Ausland in Verbindung steht, willkommen sein wird. Das Werk erscheint in co. 21 halbmonatlichen Lieferungen ä 60 Pfg. K. H. — Charakterköpfe zur deutschen Geschichte. 32 Federzeichnungen von Karl Bauer. Blattgröße etwa 25x30 Zentimeter. 32 Blätter in Mappe 4.50 Mark. Einzelblätter: auf Karton —.60 Mark. Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. — Diese Sammlung von Bildnissen darf künstlerisches und historisches Interesse beanspruchen. Die Reihe der Bildnisse wird eröffnet durch die erste als Persönlichkeit in der deutschen Geschichte uns entgcgentretende Gestalt des Armimus. Ihm folgen Karl der Große, Barbarossa, Maximilian. Den Beginn der Neuzeit kündigen an Gutenberg, Dürer, Luther. Die Zeit des Dreißigjährigen Krieges verkörpern Gustav Adolf und Wallenstein. Dann folgen der Große Kurfürst, und Friedrich der Große. Ihm zur Seite steht als Vertreter seiner Generäle Seydlitz, und ihm gegenüber seine große Gegnerin, Maria Theresia, die schöne vornehme Habsburgerin, eine milde, hohe Erscheinung. Die Reihe der Großen im Reiche des Geistes aus der Jahrhundertwende eröffnet Lessing: ihm folgen die Dioskuren von Weimar, Schiller und Goethe, etwa aus „Faust" oder dem „Westöstlichen Divan" diktierend. Den Dichtern reihen sich an der Naturforscher Alexander von Humboldt, der Tonschöpfer Beethoven und der Pädagog Pestalozzi. Die Reihe aus der Zeit der Befreiungskriege eröffnet Napoleon. Ihm gegenüber steht die Königin Luise, deren Erscheinung den deutschen Idealismus um ein Schönheitsideal bereichert, mit ihren schönen, hellen, erst durch das Unglück melancholisch gewordenen Augen, Vornehmheit mit lebensfreudiger Ursprünglichkeit und gesunder Mütterlichkeit vereinigend. Ihr folgen zwei Helden auS den Freiheitskriegen, Blücher und der begeisterte Jüngling Theodor Körner. Aus der Zeit nach den Freiheitskriegen erscheinen der Turuoatcr Jahn und Uhland. Die neuere Kunst ist durch Richard Wagner und Adolf Menzel vertreten, die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands durch Alfred Krupp. Nun folgt aus dem neuen Reich und seiner Werdezeit Kaiser Wilhelm I. mit seinen Paladinen: Moltke und Bismarck. Die Gegenwart ist verkörpert in der Gestalt Kaiser Wilhelms II., dessen Willenskraft der Künstler zum Ausdruck gebracht hat. — Breviere ausländischerDenkerundDichter. Herausgegeben von Dr. Carl Hagemann und Dr, Edgar Alfred Regener. Band 4: WorteMultatulis. .Herausgegeben von Carl Hagemann. Geb. 2.50 Mark. I. C. C. Bruns' Verlag, Minden i. W. — Dieses Bändchen enthält eine Auswahl blitzender Gedanken, zündender, kernhaster Worte, geistlodernder Aphorismen, scharfgeprägter ethischer Sentenzen aus den Werken Multa- tulis in organischer Gliederung und systematischer Anordnung. Weihnachtö-Mnfik. — Ein n c u e S W e r k v o n H nm pe r d i u ck ist immer ein Ereignis. Das vorliegende „Bübchens Weihnachts- Iran m" dürfte umsomehr Aufsehen erregen, als sich mit dem beliebten Komponisten der geschätzte Lyriker Gustav Falke zu gemeinsamen Schaffen verbunden hat. Beide Autoren bieten für Schule und Haus ein Werk dar. Die Lieder sind zweistimmig gesetzt, hie und da tritt eine dritte, auch vierte Stimme ad libit. hinzu. Die Klavierbegleitung ist kaum mittelschwer. Für Aufführungen in Schule und Haus sei das Werk Falke-Humper- dincks, das, 32 Seiten stark, in hübscher Ausstattung vom Verlag der Musik-Welt (Robert Reibenstein), Groß-Lichterselde-West, zu 2 Mark in den Handel gebracht ist, empfohlen. Reue Kalender. — Alljährlich seit 1886 erscheiict ein neuer Jahrgang des von der Verlagsanstalt vorm. G. I. Manz, Buch- und Kunstdruckerei, Akt.-Ges., München-Regensburg heransgegebenen Münchener Kalenders, der sich in den 22 Jahren seines Bestehens Freunde in aller Welt erworben hat und nicht bloß eine Zierde für jedes Haus, sondern auch seit 1895 ein einzigartiges deutsches Wappen- iverk geworden ist. Bilden seit jenem Jahre doch nicht bloß 11 Wappen der deutschen Staaten, sondern auch 161 Stammwappen der deutschen Fürsten- und Grafengeschlechter seinen hervorragenden Inhalt. .Auch der Jahrgang 1907 enthält wieder, prachtvoll in ihren heraldischen Farben dargestellt, 12 solche Stammwappen der Geschlechter Abensperg-Traun, Bredow, Estern häzy, Gersdorff, Hardenberg, Herberstein, zur Mark, Nesselrode, Schack, Schenken von Limpurg, Weinberg, und an ihrer Spitze daS neue Staatswappen der Großherzöge von Hessen. — Kürschners Jahrbuch 1907. Kalender-, Merk- und Nachschlagebuch. 500 Seiten. 1 Mark. (Hermann Hillger, Berlin W. 90 — Der neue Jahrgang enthält wieder eine Fülle wertvollen Materials, aus dem nur die Abschnitte über Erdteil« und Staaten, Heer und Marine, Post und Telegraphie, Rechts- Wesen, Kunst, Literatur und Sport hervorgehoben seien. Das Jahrbuch verfügt über eine Reihe ausgezeichneter Mitarbeiter, von denen nur Generalmajor z. D. Bockrodt, Dr. Felix Erber, Dr. Max Osborn, Dr. Käthe Schirmachcr, Wilhelm v. Trotha und Tr. H. Leoster genannt seien. Orientierung über die Ereignisse des Bor-! jahres bilden die Monatsrückblicke. Die Samariterin am Brunnen. Spätsommermittag. Im Lichte schweigt die Schöpfung. Nur noch die Grille geigt das ewige Lied, dem nie Antwort wird, — gleich der Sehnsucht, die durch Jahrtaufende irrt. — Doch siehst Du nicht dort die Sehnsucht gehn als fragende Frau — und vor Einem stehn, der strahlt wie die Antwort, das Augenlicht noch strahlender als das Sonnenlicht? O Sehnsucht, Du Frau : in Dir stellt die Zeit die tieiste Frage der Ewigkeit — indes da droben ein Wölkchen geht und auch als Frage im Aecher steht, indes ans des Brunnens Tieie quillt ein Raunen und rings die Luit erfüllt die Grille, indes die Gräser wispern, und wom raschen Verblühen die Blumen flüstern —> indes wie ein Aeolsharfenakkord ein Wind herweht ein deutliches Wort. Tenn horch I Inmitten der Mittagsstille spricht zu dem Christus bte Sehnsucht, die Frau r „Prophet" — so sagt ste — „wie lautet Dein Wille k Wo sollen wir beteil? . . So iveit ich schau, steht überall eine andere Stätte! Ter Jude betet im Tempel an. Wir steigen out Garizims Bergeskette; wo find ich den Gott, dem ich glauben kann?' Ilnd der Mund der Gottheit schenkt der Frage das klare, wahre, ewige Wort: „Die Zeit ist da, daß ichs offen sage — und sie wälzt sich auf wachsenden Wogen fort — wo die Menschen nicht mehr am Orte kleben, so daß man nicht fragt: tvo bet ich? — nein: wirk Wo die Menschen weltweit die Hände heben gum Later und beugen im Geist das Stute und beten zu Dem, der Geist ist, in Wahrheit, zu dem Einen Galt in des Himmels Klarheit/ Tie Frage der Fran ward die einige Frage der Zeiten, die Sehnsucht auch unserer Zeit. Doch ward auch die Antwort — das; Jedem ichs sage! -■ dir Eine Antwort in Ewigkeit! BenSh e i m a. d. Bergstr. Karl Ern st Knodt. Diamanträtsel. Nachdruck © G Auflösung in verböte^ In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben acäeeee£hiiiilllm nooppy z z derart emzu- tragen, daß die wagerechten Reihen Folgenees bedeuten r 1. Einen Buchstaben. 2. Russischen Fluß. 8. Flüssiges Nahrungsmittel. 4. Eine Behörde. 5. Süddeutsche Stadt. 6. Sagenhaftes Wesen. 7. Einen Buchstaben. Die senkrechte und wagerecht» Mittelrethe ergeben das Gleiche. Nächster Nummer. Auflösung der Königspromenade in voriger Nummert Laß sie greinen, laß sie schelten, Ist das Ganze wohlgetan; — Endlich lassen sie's doch gelten, Preisen dich als wackern Mann. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Vertag der Brühl'schea Umversttäts-Buch- und Sleindruckeret, R. Lange, Ätefc»