Montag den 1. Hktoöer D [ff IB1 EBB N Im Banne des Geheimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten1. (Fortsetzung.) „Was ist's — was hat sie erschreckt?" fragte Algernon Wayne, ihr zu Hilfe eilend. „Sie hat jemanden gesehen, den sie vor ihrer Heirat gekannt, und das hat sie.erschreckt," dachte die schnell kombi- nierende Isabel, und während die übrigen geschäftig Lady Wayne entfernten und sich bemühten, sic aus der todes- ähnlichen 'Ohnmacht wieder ins Bewußtsein zu rufen, blickte sic ruhig und neugierig forschend durch das ganze Haus. Es waren Hunderte von Herren anwesend, und viele von ihnen . hielten ihre Blicke auf die Loge gerichtet, denn der Zwischenfall war von allen bemerkt worden; aber sic fand niemanden, der ihr auch nur einigermaßen verdächtig erschienen wäre. Gleichwohl war ihr Verstand so scharf, ihr instinkmäßiges Gefühl so sicher nnb deutlich, daß sie sich überzeugt fühlte, Lady Wayne sei in Todesangst vor irgend einem Anwesenden gewesen. „Dilles zu seiner Zeit", murmelte sie vor sich hin. „Ich werde ihr Geheimnis "herausbekommen, Mylady, — denn ein Geheimnis haben sie, — oder ich will nicht Isabel Wayne heißen." Inzwischen hatten Lord Wayne und Miß West sich mit Evelyn heim begeben. Sie sah sehr schwach und krank aus. „Tu bist nicht stark genug für diese überfüllten Häuser", sprach er ihr beruhigend zu. „Ich muß besser acht auf dich geben, mein Liebling. Für alle Opern in England möchte ich eine solche Angst nicht noch einmal durchmachen! Ich dachte, du wärest tot, Evelyn! Wirklich, ich glaubte, du wärest tot!" „Was hattest du denn nur, Eve?" fragte auch Marian West besorgt; denn ein Blick auf die Züge ihrer Schwester hatte ihr einen Ausdruck gezeigt, den sie seit Jahren nicht mehr darin gesehen. „Was hattest du?" wiederholte sie ängstlich und gespannt. „Die Hitze machte mich unwohl und schwindelig. O, Mortimer, wir haben genug von London gehabt, laß uns nach Kenninghall zurückkehren; es gibt gar keinen schöneren Aufenthalt!" Er war entzückt über die Vorliebe seiner jungen Gattin für den alten Adelssitz seiner Vorfahren; nichts hätte ihm besser gefallen können. „Ein oder zwei gesellschaftliche Verpflichtungen müssen wir noch erfüllen, Liebling", versetzte er zärtlich, „dany wollen wir sofort heimkehren.' — Sie gingen bereits in der folgenden Woche; und ein« mal wieder auf Kenninghall, erlangte Lady Wayne bald ihre zarte, rosige Frische und. ihr strahlendes Aussehen wieder. Tic Glocken läuten hell und freudig von der kleinen Dorfkirche in Kenningsthorpe; die Augustsonne schien hell und glänzend ; nette Freude, neuer Segen tvaren über Kenning- Hall gekommen. Der junge Erbe tvar geboren, sodaß die stolzes alte Linie, aller Wahrscheinlichkeit nach, von Vater zu Sohn sich fortpflanzen konnte. Freude und Jubel herrschte int Schlosse; das Kind.war gesund und gedieh, obwohl die Mutier sehr krank tvar. „Fieber, nur Fieber und Nervosität", sagte der Arzt, „ctivas zum Delirium disponiert; bei guter Pflege und Sorgfalt wird sie jedoch in tvenigen Tagen wieder wohlauf feilt.* Natürlich waren Algernon und Isabel benachrichtigt und amvesend, und ebenso natürlich herrschte beständige stille Fehde zwischen Mrs. Wayne und Miß West. Marian wollte keinerlei Besucher in das Krankenzimmer lassen, und Isabel bestand auf ihrem Recht, am Krankenbett ihrer Verwandten zugegen zu sein. „Ich höre von der Wärterin, daß es Lady Wayne heute abend nicht so gut geht, daß sie fiebert und irre spricht", sagte sie eines Abends zu Miß West. „Es ist wahr; und um so nötiger ists, sie ganz ruhig und ungestört zu halten", war die ruhige Entgegnung. „Die Wärterin sagt auch, ihr einziger Schrei, ihre einzige Idee fei, ihr Kind sei tot", fuhr Mrs. Wayne fort und bohrte ihre Hellen scharfen Singen in Marians Gesicht. „Das ist doch eine merkwürdige Idee, nicht wahr?" Sibcr das ruhige, unbewegliche Gesicht verriet nichts. „Das ist mir die Folge ihres nervösen Fieberzustandes*, sagte sie; „sie ivird die Idee schon verlieren, wenn sie besser wird." „Es scheint doch merkwürdig, daß sie da liegt und über ein totes Kind klagt und jammert, wo sie doch den stärksten, gesundesten Jungen hat, den ich seit langem gesehen." „Nichts ist merkwürdig, wenn jemand deliriert", gab Marian zurück. „Ich habe von wilderen und gefährlicheren Einbildungen als diese, sogar bei anscheinend nicht durch Krankheit angegriffenen Leuten gehört. Meine Schwester scheint mir im übrigen heute besser; bald wird sie wieder wohlauf sein." Denselben Abend hatte Lord Wayne sich still ins Krankenzimmer geschlichen, um einen Blick auf feinen prächtigen Erstgeborenen zu tun. Marian saß am Bette ihrer Schwester. Lady Wayne war in einen leichten Schlummer gesunken, von dem man Besserung für sie erwartete. — 874 „Marian", sprach endlich eine schwache Siinune, »bin I ich sehr krank gewesen?" , Der Ton und die Frage riefen in Marians Geinute die I Erinnerung an das, was vor Jahren sich ereignet, mit solcher I Macht und Deutlichkeit wieder ivach, daß sie eine ganze I Weile lang nichts zu erwidern vermochte. | „Du bist sehr krank gewesen, ßicHimj," gab sie endlich | flüsternd zurück. Jäher Schrecken malte sich in den schönen Zugen. I „Ich bin krank gewesen," flüsterte sie angstvoll, „und rings um mich waren Fremde, nur Fremde! O Marian, | Marian, habe ich etwas verraten?" „ Eine Welt voll Angst sprach aus dem ivilden Blick. | Mariun beugte sich ruhig, aber tief über sie. I „Nein, nein," flüsterte sie. „Ich bin bei dir gewesen. Ich habe dich gewartet. Lord Wayne ist hier, und wenn I du ganz gut und geduldig und ruhig sein willst, sollst du I auch deinen Kleinen sehen; er ist so hübsch und lieb wie ein Rosenknöspchen." I Die einzige Erwiderung ivar ein lauter Weuikcampf; der j Schrecken war so groß, die Erleichterung aber noch größer | und schwerer zu ertragen gcivesen. Lord Wayne trat cm die 1 Seite seiner Gattin. I „Evelyn, Liebling," flüsterte er weich, „warum weinst du? „Weil ich so glücklich bin," flüsterte sie zurück, und Marian West wandte sich bei diesen Warten ab. Gott helfe | allen, die etwas zu verbergen haben! — | Maii brachte den Kleinen zu ihr und legte ihn ihr tn die Arme. Wer wußte, weshalb sie so leidenschaftlich meinte? — Im Geiste sah sie ein kleines,, grünes Grab, in weiter, weiter I Feme, das nie von Muttertränen betaut gewesen, — ein I kleines Grab, um das sich niemand kümmerte, das niemand kannte — ein kleines Kind, das nie in ihren Armen gelegen, dessen Gesichtchen ihre Lippen nie berührt — und ein scharfes Schwert des bittersten Schinerzes durchdrang ihr Herz. „Es tut nicht gut, Mylady, Tränen auf das Gesicht ! eines Neugeborenen fallen zu lassen," sagte die Wärterin endlich. „Es find keine Tränen," versetzte Lord Wayne voll Vaterstolz; „es sind Tropfen purer Freude. Den Erben aller Waynes, ivie sollen wir ihn nennen, Evelyn? Mach schnell, daß du gesund wirst, Liebling, daß wir uns darüber einigen." Und sie wurde schnell wieder wohl, und sie nannten den Kleinen Raymond, nach einem seiner Vorfahren, der im hl. Lande den Heldentod gestorben. Das nächste Jahr ward ihnen ein Töchterchen geboren, das Elsie genannt wurde; ein Jahr später ein zweiter Sohn, der den Namen Harry erhielt. Sie erhielten nicht mehr Kinder; — Raymond, Elsie und Harry bildeten eine prächtige Gruppe. So verfloß Jahr auf Jahr und brachte keine Wolke über Kenninghall. Marian West dachte oft, daß ihre schöne Schwester die Höhe menschlichen Glückes erreicht habe; sie wurde verehrt und vergöttert von ihrem Gatten, angebetet von ihren Kindern, geliebt von allen ihren Freunden, war eine Königin, was gesellschaftlichen Rang anbeiraf — kurz, ein Günstling des Glücks in jeder Beziehung. Ihre Prophezeiung hatte sich erfüllt — sie teilte den Thron der Herzogin von Chisledon; keine Wolke stand an ihrem Himmel. „Wie dankbar, wie glücklich bin ich," sprach Marian oft zu sich selbst, „daß ich jene unselige Vergangenheit von uns getrennt weiß! Seht auf Eve, geliebt, schön, glücklich, reich, ein geehrtes Weib, eine geehrte Mutter; wohingegen, wenn das bekannt geworden wäre, sie jetzt ihr Leben einsam vertrauerte. Wie freue ich mich, daß ich alles geheim gehalten habe!" Und es kam ihr kein Gedanke, daß eines Tages alle Geheimnisse bekannt werden müssen, gleichwie das Meer seine Toten wieder herausgibt. 8. Kapitel. Das Häuschen in Ferryhi-.^ „Ich habe ein neues Buch nötig." „Ich habe auch ein neues Buch nötig," unterbrach eine zweite Stimme. Mutter sagt, ich soll zuerst eins haben." "Ich bin der Aelteste, und ich habe ein Recht aus das Beste von allem." , . „Ich habe mein Buch aus, und du bist erst in der Mitte von deinem." . t , , „ , „ „ „Macht nichts, ich bin der Aelteste, und kriege zuerst eins." Die Stimmen wurden laut und zornig, der Streit wurde ernstlich und hatte höchstwahrscheinlich mit Püffen und Schlägen geendet, wäre nicht rechtzeitig eine dritte Person au; dem Schauplätze erschienen, eine nette, gutmütig aiissehende Frau in mittleren Jahren. . ... „ Die Zeit war Morgen, dec Schauplatz die niedliche, schmucke und saubere Küche eines ländlichen Häuschens, das zwischen den grünen Wallhccken lag, die das Dörfchen Ferry- hill rings umgaben. r . Ein Landhäuschen, wie sie nur in Alt-England zu finden sind, fast ideal in seiner malerischen Schönheit, lag cs unter den tief hernnterhängenden Zweigen großer Ulmen; üppig wuchernde Ranken und Schlingpflanzen beschatteten es vorder Sonne und hüllten es von der einen Seite ganz in Blüten. Rosen kletterten zum Dache empor, Jasmin mit seinen weißen Glocken rankte um die Tür. Ein großer, lan - licher Garten lag davor, ein Obstgarten dahinter; letzterer führte in eine Klecwiese, wo eine sanftäugige Kuh friedlich weidete. „ , o Im Garten stand eine viereckige Laube aus grün^ gestrichenen zierlichen Latten und nahe dabei ein altertümlicher Brunnen, wo das grüne Moos an den feuchten Steinen wuchs i und das Wasser selbst im Sommer klar und kühl war. Das „Wallhecken"-Häuschen wurde es von den ^eilten in Ferryhill genannt, und keiner, der Smn für malerische!, Stilleben besaß, sah es auch nur em Mal, ohne daß es ihm I in der Erinnerung geblieben und in Stunden ruhiger Trau- I nietet vor seinem Auge wieder aufgetaucht wäre. Zum Wallhecken-Häuscheu war vor sechs Zähren eine | Witwe mit zivei Kindern, beides Knaben, gekonunen. Der älteste hatte rohe Gesichtszüge, ein störrisches Wesen, war etivas plump gebaut, laut und lärmend, — kurz, trug ganz I und gar jenen plebejischen Stempel, bezüglich dcsien kein I Irrtum möglich ist. Er hieß Jack Jefferies —- 1Ü<1V " Knabe wohl gelitten von seinesgleichen, aber doch in der ganzen Nachbarschaft eher gefürchtet, wie beliebt. Mit großer I Vorliebe steinigte er Katzen, scheuchte friedliches Geflügel, plünderte die anliegenden Obstgärten itnd verleitete züngere Knaben I zu ähnlichen Üebeltaten. Manche Mutter pflegte, wenn sie I ihre Kleinen zum Spielen entließ, den sonstigen üblichen Vermahnungen zum Schluß noch mit erhobener Stunnie bei- I zufügen: „Und das sage ich euch, spielt nur mcyt nut Jack | Seine Spießgesellen hatten eine große Beschwerde wider ihn — er war über die Maßeii selbstsüchtig; er verlangte I stets von allem das beste, aber ohne die Mühe, sich an dem I Erwerb zu beteiligen. Er war eine Art junger Despot; ge- ! wöhnlich lag er im Grase, indes die anderen die reifsten | Brombeeren zufammensuchten; und wehe dem Knaben, der sich geweigert hätte, Tribut zu zahlen! Die Len e prophe- eiten von Jack Jefferies, daß er später als Erwachsener einer I von denen werden würde, die auf jede Art und Weise, nur | nicht von ehrlicher Arbeit leben. Der zweite Knabe, Werner, war ganz und gar anders. | Es war einer von denen, die von Haus aus einen Adelsbrief mitbekommen zu haben scheinen, zart gebaut, anmutig im Benehmen, mit feinen, schönen Zügen; er hatte eine an- | genehme Stimme, seine Ausdrücke waren gut gewählt. Man hatte ihn für einen jungen Prinzen ausgeben können, und I jeder hätte gesagt, daß er durchaus geeignet und befähigt Jet, | seinen Stand zu zieren. Er schien ein Jahr länger zu em | wie sein Bruder, war er doch weder so groß, noch so itarC I gebaut. Jack war hübsch in gewissem derben, verwegenen | Stil; Werner dagegen war fast bildschön mit seinen gold- I braunen Locken, die in üppiger Fülle um die breite, weiße — 875 — Stirn flogen, seinen dunkelblauen Augen und. den frischen, roten Lippen, deren sich manche Schönheit nicht hätte zu schämen brauchen. „Was für ein Unterschied doch zwischen euren beiden Kindern ist, Mrs. Jefferies," pflegten die Nachbarn zu sagen. »Werner gleicht weder euch, noch seinem Bruder." „Er gleicht auf seinen Vater," erwiderte sie dann gewöhnlich mit einem Seufzer, obwohl der selige William Jefferies, weiland Bahnwärter, untersetzt, stämmig und dunkel gewesen war. , Die kleine Familie hatte jetzt etiva sechs Jahre tm Wall- Hecken-Häuschen gewohnt. Jack und Werner besuchten die beste Schule in Ferryhitt, sehr zum Erstaunen der Nachbarn. Mrs. Jefferies hatte keine Beschäftigung, sie besorgte ihre gesamte Haus- und Gartenarbeit allein, machte den Jungen die Kleider, hielt sie nett und sauber und nahm nur zuweilen etwas Spitzen-Flickarbeit an, worin sie sehr geschickt war. Als sie einmal gefragt wurde, wie sie es fertig bringe, so eigentlich ohne Arbeit zu leben, erwiderte sie, sie Hütte eine kleine Pension, die ihr regelmäßig gezahlt werde. Was, oder wie viel es war, wußte niemand. Sie lebte nicht wie eine Frau mit reichlichen Mitteln — gerade behaglich — sehr- einfaches Essen, aber immer genug. Ihre eigene Kleidung war sehr einfach und bescheiden, doch schien sie keine Ausgabe für die Knaben zu sparen. Die Brüder harmonierten nicht recht miteinander. Jack war sehr herrisch, selbstsüchtig und nicht immer verträglich und gut gesinnt. Er war eifersüchtig auf Werner und be- schuldizte seine Mutter stets, daß sie für den Jüngsten Partei nehm- (Fortsetzung folgt.) Kaisertage in Hlomintett. Der Schrei des Brunsthirsches ist alljährlich das Signal, welches das Lieblingsrevier des Kaisers, Rominten, seine ureigenste Schöpfung, von weltabgeschiedener Einsamkeit erlöst. In jedem Herbst sucht und findet hier der Kaiser nach den Anstrengungen der Sommerreisen und des Manövers Erholung im Weidiverk. Wenn die Kaiserin ihrem Gemahl auch nicht überall hin folgt, so ist sie doch immer mit ihm in Rominten anwesend, denn auch ihr Herz hängt an dem eigenartig schönen Waldrevier. In diesem Jahre wird das Lieblingskind des Kaiserpaares, die jugendliche Prinzessin Viktoria Luise, bei den kaiserlichen Eltern in Rominten sein, wie schon in den letzten Jahren. Die Nominier Heide bildet noch ein Stück jener Wildnis, die zur Zeit der Ordensritter die Grenzscheide und eine Schutzwehr gegen die heidnischen Litauer war. Sie ist eine fast kreisförmig oder doch elliptisch gut geschlossene Waldfläche von etwa 240 Quadratkilometern. In raschem Laus durchströmt die Heide die in Liedern, vielgefeierte Ro- nnnte, die malerische, liebliche, zum Teil aber auch steile und wildromantische User formt. In der Zeit, da Preußen Ordensstaat war, jagten in der Nominier, Heide die Hochmeister der Deutschherren noch den Auerochsen und den Elch, den Bären, den Fuchs und den Wolf, wie den Rothirsch und Schwarzwild. In dem Waldrevier des am steilen Ufer der Rominte ganz herrlich gelegenen kurfürstlichen Jagdhauses „Jagdbude" toar Kurfürst Georg Wilhelm von Brandenburg, der Vater des Großen Kurfürsten, wit Vorliebe zur Jagd, und auch später noch, am Anfänge des 19. Jahrhunderts, lieferte die Nominier Heide Wild für die königliche Küche nach Königsberg und anderen Orien. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts würde die Nominier Heide von einew Raupenfraß heimgesucht, der den ganzen Bestand von Nadelbäumen vernichtete. Für die Neubepflanzung wurde vorzugsweise die Fichte gewählt, und so kommt es denn, daß weite Strecken des Reviers sich aus ziemlich gleichaltrigen Beständen zu- sammensetzen. Der Eindruck der Einförmigkeit wird aber dadurch vermieden, daß überall große Komplexe herrlicher Laubbäume eingepflanzt find. Unser Kaiser hat zum ersten Male iw Jahre 1890 in der Nominier Heide gejagt, und iw Jahre 1891 ließ er sein Jagdhaus Rominten errichten iw Stil der norwegischen Holzarchitektur — als Blockhaus', mit rotbraunew Oel- anstrkch im Oberbau, auf Granit und mit rotem Ziegel-- steinen im Unterbau. Dew Holzstil entsprechen geschnitzte Säulen und die phantastische Ornamentik von Drachenköpfen, allerhand Tieren der Fabel an den Giebeln. In der Mitte ist das Gebäude einstöckig, während die Seitenflügel zwei Etagen zeigen. Ueber der Küche liegt ein ziemlich geräumiger Speisefaal, daneben ein schmaler Anrichteraum, in den die Speisen mittels Aufzuges befördert werden; rechts und links vom Speifesaal befinden sich die Zimmer des Kaiserpaares. Die Gefolge des Kaifers und der Kaiserin bewohnen die Gemächer im zweiten Stock der Seitenflügel. In dem Arbeitszimmer des Kaifers find ganz besonders die Sinnsprüche bemerkenswert, die der Monarch so hat anbringen lassen, daß er sie von seinem Schreibtisch stets vor Augen hat. Sie lauten: „Stark sein im Schmerz, nicht wünschen, was unerreichbar oder wertlos, zufrieden mit dem Tag, wie er komnit, in Allem das Gute fuchen und Freude an der Natur und den Menschen haben, wie sie nun einmal sind. Für tausend bittere Stunden sich mit einer einzigen trösten, welche schön ist, und aus Herz und Können immer sein Bestes geben, auch wenn es keinen Dank erfährt, wer das lernt und kann, der ist ein Glücklicher, Freier und Stolzer, und immer schön wird sein Leben sein. Wer mißtrauisch ist, begeht ein Unrecht gegen andere und schädigt sich selbst. Wir haben die Pflicht, jeden Men-, scheu für gut zu halten, folange er uns nicht das Gegen-, teil beweist. Die Welt ist so groß und wir Menschen so klein, da kann sich doch nicht alles um uns allein drehen. Wenn uns was schadet, was wehe tut, wer kann wissen, ob das nicht notwendig ist zum Nutzen der ganzen Schöpfung? In jedem Ding der Welt, ob es tot ist oder atmet, lebt der große, weife Wille des allmächtigen und allwissenden Schöpfers, uns kleinen Menschen fehlt nur der Verstand, um ihn zu begreifen. Wie alles ist, so muß es sein in der Welt, und wie es auch sein mag, immer ist es gut im Sinne des Schöpfers." Diese Sprüche lassen einen Blick tun in die Denkweise des Kaisers. Die Trophäen, die der Kaiser in Rominten erbeutet hat, sind die schönsten und stärksten, die man überhaupt in Deutschland findet. Einzelne Stücke sind sogar berühmt geworden. So erlegte der Kaiser am 27. September 1898 den bekannten Vierundvierzig-Ender, — ein Weidmanns- glück, das in der Jagdchronik Deutschland seit Jahrhunderten unerreicht dasteht. Auch der am 1. Oktober 1904 erbeutete Achtundzwanzig-Ender war ein jagdliches Ereignis ersten Ranges. Was dies Geweih in der Bewertung so hochstellt, ist seine harmonische Entwicklung und seine Schwere. Es wog nicht weniger als 22 Pfund. Daß der Kaiser ein hervorragend sicherer Schütze ist, ist bekannt. Wenn in Rominten ein Hirsch gemeldet wird, dann fahren schon nach drei Minuten die Wagen vor. Der Kaiser nimmt neben dem Oberförster Platz, auf dem Rücksitz der erste Leibjäger und der Büchsenspanner. An Ort und Stelle angekommen, läßt sich der Kaiser von dem Förster, der den Hirsch bestätigt hat, zum Schirm oder zur Kanzel führen, und im entscheidenden Augenblick überreicht der Leibjäger die geladene und gespannte Büchse. Der Kaiser schießt nach kurzem Zielen und trifft immer. Die Nominier Tage gelten dem' Kaiser als Erholung, sie stehen vollständig im Zeichen des Weidwerks. Es sind Tage ungestörten Familienlebens, die das Kaiserpäar mit seinem Töchterchen in der ostpreußischen Heide verbringt. Tage, die durch kein Gepränge noch höfisches Zeremoniell beeinträchtigt werden. v. L. Vermachtes. * Bauernregeln für den Monat Oktober. Au? Sankt Gallen Tag (16.) muß jeder Apfel in den Sack. — Wenn's im Oktober friert und schneit, so bringt der Januar milde Zeck. — Halten die Krähen Konvivium, so sieh' nach Feuerholz dich um. — Trägts Häschen lang sein Sommerkleid, so ist der Mucker auch noch weit. — Oktobergewitter sagen beständig, der künftige Monat sei wetterwendig. — Wenn Simon und Judas (28.) mit Sturm einherwandeln, so wollen sie mit dem Winter verhandeln. — Oktoberdonner ist fürwahr noch besser als im FebruM. — Fällt der erste Schnee in den Schmutz, vor strengem Winter kündet er Schutz. — Hat der Oktober viel Regen gebracht, hat er auch gut die Wer bedacht. — Nichts kann mehr vor Raupen schlitzen, als wenn der Okwber erscheint mit Pfützen. — Mengt 576 der Oktober sich in den Winter, so ist dann dieser um so gelinder. — Fängt der Winter sriih an zu toben, wird inan ihn int Januar loben. — Je fetter die Vögel und Dachse sind, desto kälter erscheint das Christuskind. — Aus den Tag Sankt Gallus (16.) die Weide- kuh in den Stall mutz und der Apfel in den Korb mutz. — Wenn Simon und Judas (28.) vorbei, rttckt der Winter herbei. — Wenn im Moor viel Irrlicht' stehn, bleibt das Wetter lange schön. — Ist im Oktober daS Wetter hell, bringt es her den Winter schnell. — Ist im Oktober Frost und Wmd, wird Januar und Hornung gelind. — Oktober und Marz gleichen sieh allerwärts. — Nordlichtschein bringt Kälte, em. — Sitzt das Laub an den Bäumen fest, sich strenger Winter erwarten laßt — Wandert die Feldmans nach dem Haus, bleibt der Frost nicht lange aus. — Von Lucä (18.) bis St. Simonstage (28.) zerstört der Raupennester Plage. — Wie im Oktober die Regen hausen, werden im Dezember die Sturme brausen. — Oktober rauh, Januar flau. — Oitoberhimmel voller Sterne, hat warme Oefen aerne. — Oktobergewitter sind Leichenbitter. — Kriechen die Eichhörnchen bald zu Nest, wird der Winter hart und fest. — Sankt Gallen (16.) läßt den Schnee fallen. — Ist St. Gallen (16.) nah, ist's dem Wein kein Spatz. . * Die Bouillon des Kaisers. Wir lesen tit der „N. Fr. Pr.": „Auf einem Schlosse in Norddeutschland, das seit kurzem erst durch Heirat eine junge Herrin erhalten, hatte sich der deutsche Kaiser während eines seiner Jagdausflüge als Gast zum Frühstück angesagt. Als nun gleich zu Anfanst Bouillon in Tassen serviert wurde, verlangte der Kaiser, der nur die Tasse, nicht ihren Inhalt ins Auge gefaßt hatte, Sahne und Zucker zum vermeintlichen Tee. Die junge Schlotzsrau hatte in ihrer Verlegenheit nicht den Mut, Majestät über den Irrtum aufzuklären: der Lakai servierte Zucker und Sahne, und der Kaiser versenkte zwei Stückchen Zucker in die Fleischbrühe und goß etwas Sahne dazu. Beim ersten Schluck wurde er natürlich des Versehens inne, war aber aus Rücksicht für die Verlegenheit seiner blutjungen schönen Wirtin so artig, sich nichts merken zu lassen, sondern die Tasse bis auf den letzten Tropfen zu leeren. Es würde dem chevaleresken Benehmen des Kaisers sehr entgegengesetzt sein, wenn wir hier verraten wollten, wann und wo sich die Geschichte zugetragen; für ihre Tatsächlichkeit aber können wir einstehen." * Ein japanischer Prinz im französischen Heeresdienste. Ein naher Verwandter des Kaisers von Japan, der Prinz Morimasa aus dem Hause Naschimoto, wird, wie man aus Paris berichtet, demnächst bei einem französischen Linien- Jnsanterie-Regiment eingestellt werden, dort zuerst praktischen Dienst tun, und dann an dem Studiengange der „Ecole de Guerre", der französischen Kriegsakademie, teilnehmen. Prinz Morimasa ist 32 Jahre alt, führt als ein Vetter des Mikado den Titel „Hoheit" und hat den ostasiatischen Feldzug gegen Rußland im japanischen Generalstabe mitgemacht. Er wird voraussichtlich nach seiner Rückkehr aus Europa ein höheres militärisches Kommando erhalten. Diese Nachricht ist insofern interessant, als man in drn übrigen Armeen Europas, die des deutschen Reiches nicht ausgenommen, nicht ohne ein gewisses Bedauern an das Entgegenkommen zurückdenkt, das man srüher den japanischen Offizieren bezeigte. Ging es doch so weit, daß man sie sogar an den Generalstabsreisen teilnehinen und auf diesem Wege theoretische und praktische Kenntnisse erwerben ließ, von denen für die gastliche europäische Macht jedenfalls kein Nutzen zu erwarten war. * Das Mundspülglas bei Hofe. Es gibt kaum einen europäischen Hof, an dem sich nicht allerhand Bräuche und Sitten erhalten hätten, die auf eine lange und ehrwürdige Geschichte zurückblicken, in unserer heutigen praktischen und nüchternen Zeit jedoch fast humoristisch wirken. Am Hose der französischen Könige aus dem Hause der Bourbonen bestimmte ein sehr umständliches Zeremoniell, wie die königliche Majestät zn trinken habe, und es war da die Mitwirkung von so vielen Würdenträgern notwendig, daß eine geringe Zeit verging zwischen dem Augenblicke, da der König zu trinken verlangte, und dem, da er zu trinken bekam. Nicht weniger feierlich ward überall die Darbietung des Schüsselchens vollzogen, in welchem der Monarch sich nach beendeter Mahlzeit die serenissimen Fingerspitzen wusch, und des Glases oder Bechers, den er benutzte, nm sich den Mund zn reinigen. Am englischen Hofe hat das Mundspülglas lange geradezu eine wichtige Rolle gespielt. Als die Dynastie der Stuarts vertrieben und durch das Haus Dränten, beziehungsweise Hannover ersetzt worden war, da hatten die höfischen Anhänger des alten Königsstammes, die sogenannten „Jakvbiten" sich ein originelles Erkennungszeichen ausgedacht, das ihnen zugleich Gelegenheit bot, am Tische selbst des neuen Herrschers, der in ihren Mgen nur ein Usurpator war, ihre Treue zu dem Entthronten zum Ausdrucke zu bringen. Das geschah, indem sie ihr Mundspülglas über die Schalen zum Fingerwaschen hoben; dieser symbolisch: Akt sollte bedeuten, daß sie sich ihres eigentlichen königlichen Herrn erinnerten, — der durch das Wasser des Meeres von ihnen getrennt in der Verbannung lebte. Jetzt hat 'König Edward VII., der ja in jeder Beziehung ein moderner Mensch und nicht mit Unrecht der Ansicht ist, daß das Mundspülglas seinem Throne keine Gefahr mehr bringen kann, ihm die Hoffähig, fett wieder verliehen. Man wird es also künftighin nach den großen Staatsdiners und den kleinen intimen Mahlen von Windsor Castle, Buckingham Palace und Sandringham House wieder den Gästen kredenzt sehen. Unwillkürlich erinnert man sich dabei jener wohlverbürgten Anekdote, deren Schauplatz die königliche Residenz in München und bereit Held ein braver, tüchtiger Maler war, für den höfische Etikette ein Buch mit sieben Siegeln bedeutete. Prinzregent Luitpold hatte den Künstler zu Tisch, geladen, nachdem diesem die Ausstellung des Jahres eine Medaille gebracht hatte. Der Maler war ob dieser Ehre ebenso aufgeregt wie verlegen. Zunächst galt es, einen Frack zu leihen. Das gelang. Dann aber nahmen ihn gute Freunde bei Seite und erzählten dem Gläubigen, am Schlüsse des Diners werde in dunkelblauen Gläsern ein ganz besonderer älter Wein gereicht, und Pflicht des zum ersten Male Erschienenen sei es, mit diesem Weine das Wohl des hohen Hausherrn auszubringen. Und so kam es, daß der Malersmann tatsächlich am Schluß des Essens das Mundspülglas ergriff, es mit Begeisterung erhob, den Prinzregenten dreimal leben ließ und die lauwarme Flüssigkeit in einem Zuge hinabstürzte, — zur sprachlosen Verblüffung aller Anwesenden. * Der Ehefeind. „Du weißt also schon, daß ich verlobt bin?" — Hagestolz: „Ja. Wann ist die Verlobung eigentlich über Dich hereingebrochen?" Musik. — Ein musikalisches Weihnachtsalbum, enthaltend 39 Weihnachtslieder, legte uns der Musikverlag von Beruh. Tormann in Münster i. W. aus den Redaktionstisch. Die Ausstattung ift nobel, der Preis (1 Mk.) niedrig, die Einteilung wohlgeluugen. 7 Stücke sind für die allerersten Anfänger, 21 für mittlere und 5 für fortgeschrittene Spieler berechnet. So kann das Album ein steter Freund der ganzen Familie sein; zudem noch 6 vierhändige Lieder und 2 Festkompositionen das Werk vervollständigen. Liree^vrscyes. — Guy de Mau passant, Novellen. Umschlagzeichnnng von R. Wilke. Kleine Bibliothek Band 89. Preis drosch. 1 Mk. Verlag von Albert Laugen in München. Wie das bei Guy de Maupassant eigentlich selbstverständlich ist, findet sich unter den zehn Geschichten dieses Bandes nicht eine einzige, die einen gleichgültig ließe; jede einzelne ist ein kleines, vollendetes Kunstwerk. Und man erstaunt immer wieder über die Universalität dieses leider zu früh nmuachteten großen Geistes. Ob er uns die Tragödie eines armen Kutschers erzählt oder sich über bäurischen Aberglauben lustig macht, ob er das Problem der alten Jungfer behandelt oder den Liebestod eines Knaben, ob er uns die Nachtseiten der menschlichen Seele enthüllt und von Wahnsinn und Lebensverzweiflung spricht, ob er glühende oder tändelnde Liebe schildert, — immer erweist er sich als der große, tief greifende Seelenkünder, der etwas neues, überraschendes zu sagen weiß, was vor ihm noch keiner gesagt hat, es in einer künstlerisch seinen, vollendeten Form zu sagen weiß, die auch nach ihm noch keiner übertroffen hat. Der Bauer. Eh' das erste Morgenrot Durch den Nebeldämmer loht, Seine Seele, tagumwittert, Schon vor stolzer Kraft erzittert. Vor dem ersten Lerchenlon Jauchzet sie im Lichte schon, Hat sie Zwiefprach mit dem alten Weltenvater schon gehalten. Und im ersten Sonnenstrahl Blitzt des Pfluges blanker Stahl. Und auf feinem Acker rollen Duftend die geborst'nen Schollen. Reinhard Volker. Rätsel. Nachdruck verboten. " „Das schmeckt ja herrlich zu dem Brote I" Rust der Soldat mit Schmunzeln aus. Setz' statt des letzten Zeichens h und t, Sogleich erhältst du, was im Wald zu HauS. m. (Auflösung in nächster Nummer.! Auflösung des Citaienrätsels in voriger Nmnmerr Mir gab' es keine größre Pein, Wär''ich im Paradies allein. Redaktion: Ernst Hetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Bucki- und Steindruckerei, R. Langem 6ft6«i